Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 77. Sonnabend, den 21. April 1906 (SRndjbnuf verboten.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. 331 Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Peuker. Bohemund trat ans Fenster. „Hören Sie. hören Sie." rief er empört.„Pilger, die sich zur Krippe von Bethlehem fahren lassen! Ist das nicht eine Schande? Zu meiner Zeit schleppte man sich auf den Knien dorthin. Jetzt hat sich eine neue Gesellschaf gebildet, welche die Beförderung der Touristen besorgt: selbstverständlich be- steht sie aus Deutschen! Sehen Sie, gerade jene Kolonie, die sich meinem Schloß dicht vor der Nase eingerichtet hat, jenen samosen Tempelrittern. Sie wissen doch, die Bohnen und Kohl bauen, verdanken wir die Einführung dieser Omnibusse. Bald werden sie einen Dampfer zu Spazierfahrten auf dem Toten Meer bauen und vielleicht sogar eine elektrische Bahn, welche die Via Dolorosa entlang fährt und nach Wunsch an allen Kreuzstationen hält. Dann haben wir ein Jerusalem, das dem Handel, dem Fortschritt und den reformierten Kulten, der Religion des Positivismus und des gesunden Menschen- Verstandes ausgeliefert ist. Wir bauten Kirchen, Klöster, Spitaler. jene errichteten Schulen, Posten, Bahnhöfe. Fabriken. Wäre da die Herrschaft der Mohammedaner oder der Einfall einer Barbarenhorde nicht noch vorzuziehen? Die würden nur Euren Leib töten und Eure Altäre besudeln, aber Euren Wahn würden sie achten und die Schönheit des Landes unangetastet lassen. Der schlimmste Vandalismus ist der, welcher die Phantasie ertötet, die Fliigel des Geistes verstüin- melt, die Triebe des Herzens erstickt, die Harmonie der Dinge zerstört und die Heiligkeit der Erinnerung mit Fiißen tritt. Und doch fühle ich es, Palästina wird den Reformierten ge- hören, denn das Reich der Häßlichkeit ist nahe. Doch was tut es, wenn sie es an sich reißen: denn besäßen sie auch die ganze Welt: es gibt ein Jerusalem, das sie nie betreten, ein Kanaan, das sie nie erobern werden. Das ist jenes Jerusalem, welches wir in luis tragen, das Zion unserer Phantasie, das Land unserer Hoffnungen. Das wird diesen Baronen des Moder- neu, diesen Jndustrierittern, diesen Kreuzfahrern des Handels für immer verschlossen bleiben!" „Ja," sagte Elias,„anck mir steigt oft der Gedanke auf, daß die Zukunft den Protestanten gehört, weil sie derer ist, die praktischen Sinnes sind. Unsere Niederlage rührt daher, daß wir den Boden unseres Jahrhunderts verlassen und uns in die Vergangenheit und in den Traum geflüchtet haben." „Der Traum! Ach, auch der ist eitel, auch den kann man nicht mehr nach Belieben herbeirufen. Zehn Pfeifen rauche ich nun schon, ohne meinen alten Traum wieder zurückrufen zu können. Oh! Jammer! Jammer! Wo soll man Vergessen- hcit finden, wenn schon der Rauch uns im Stich läßt?" Und angewidert stellte der Doktor seine Pfeife weg. Draußen war alles in Schweigen versunken: der herbe Weihranchgeruch hatte sich verzogen, nun stieg wieder der süße und niilde Duft der Krokus und Asphodelen von den Weide- Plätzen Ephratas zu den Sternen empor. Plötzlich pochten rasche Schläge an das Tor der Ring- mauer. „Wer ist da?" rief der Graf, auf den Balkon hinaus- tretend. „Hakim, Hakim�)!" „Wohin soll er kommen?" „Nach Bethlehem zum Pfarrer." Mit einem Satz war Elias an Bohemunds Seite. „Wer ist dort krank?" fragte er, von einer unbestimmten Ahnung geängstigt. „Die Frau des Herrn Jamain." „Mein Weib? Schnell, d'Amenjeu, schnell!" Und schon stürzte er nach scineni Pferde. Cäcilie krank, vielleicht im Sterben! Vielleicht gar schon tot! Sein ganzer Groll war verschwunden, all sein Leid der- gessen: nur noch der gemeinsamen Stunden des Glücks gedachte er. *) Hakim— Arzt. „Mein Liebling, mern Liebling!" Mit cinemmal traten ihin alle die alten, zärtlichen Kose- namen wieder auf die Lippen. Bei Herrn Fischer erwartete man ihn nicht: man hatte nach dem nächsten Arzt geschickt, jedoch verabsäumt, den Gatten zu benachrichtigen. „Mein Weib, mein Weib!" Alles über den Haufen rennend, stürzte er vor einem der beiden Betten im ehelichen Schlafgemach der Fischers nieder. Bei der allgemeinen Kopflosigkeit hatte man sie dort in aller Eile gebettet. Ihre Kleider lagen auf der Erde umher, ihr Mieder hing über dem eisernen Bettrahmen und ein Strumpf, der noch die zarte runde Form des Beines beibehalten hatte, war an der Türklinke hängen geblieben. „Was fehlt Dir, mein Lieb, was fehlt Dir?" Ein Acchzen war ihre ganze Antwort, während sie die zum Gebet gefalteten Hände rang und sich krampfhaft hin und her warf, daß das Bett zitterte. „Mein Gott! Cäcilie!" Und mit Entsetzen sah er, daß ihre entstellten Züge zu- schends blau wurden, und der Schweiß, der ihr unaufhörlich aus den Poren drang, ihre blonden Haare an der Wurzel schwarz färbte. „Sie hat sich vergiftet: sie hat sich meinetwegen um- bringen wollen!" Und wahnsinnig vor Schmerz und Gewissensbissen wälzte er seinen Kopf auf der Bettkante hin und her. „Nein doch! Nicht sie hat sich vergiftet, sondern jener Unglücksmensch hat ihr Arsenik statt Chinin gegeben," sagte der Doktor, der soeben eingetreten war.„Treten Sie zur Seite, damit ich sie untersuchen kann." Elias erhob sich und erblickte Herrn Fiscker, der ganz vernicktet wie ein Häufchen Unglück auf einem Stuhl saß und unaufhörlich ächzte: „Herr, Du mein Gott! Habe Mitleid, habe Mitleid, lieber Gott!" Neben ihm kniete Amalie, die ihn wie ein kleines Kind in den Arm genommen hatte und ihm mit der anderen Hand die Tränen abwischte. „Ach! Mein armer Alter, mein armer Alter, weine nicht! Jesus wird uns helfen. Jesus wird sie retten. Ach, hättest Du doch bloß die Brille aufgesetzt!" Nun begriff Elias alles: der Missionar hatte sich wieder geirrt. Er erinnerte sich ihres ersten Besuches in Bethlehem nach ihrer Hochzeitsreise, als er seine Exkommunikation er- fuhr, und in diesem selben Hause sein Glück zu verblühen begann. Und mit steckendem Schmerz dachte er: „Ach, warum bin ich damals nicht gestorben, warum habe ich nicht das Gift verschluckt? Damals liebte Cäcilie mich noch und hätte mich sicherlich beweint." D'Amenjeu klopfte ihm auf die Schulter:„Man hat Mich zu spät geholt.... Nichts mehr zu machen... Ich gehe." „Nein, Doktor, nein, daS ist nicht möglich. Ich lasse sie nicht fort, retten Sie sie, retten Sie sie. Ich habe ihr noch so viel zu sagen... so viel..." Und er klammerte sich an den Arzt. „Ddnn beeilen Sie sich." „Lassen Sie alle hinausgehen, ich bitte darum. �. sie ist ja doch mein Weib." Von neuem sank er an dem Bett nieder, während d'Amcn- jeu den anderen ein Zeichen gab. sich zu entfernen. Sie lag jetzt so ruhig da, als ob sie schliefe, fast sah sie schon wie tot aus. Sterben! Cäcilie sollte sterben, unversöhnt sterben? Als Feinde sollten sie sich für die Ewigkeit trennen? „Cäcilie, mein teures Weib, mein Liebling, hörst Du mich? Sage mir noch einmal, daß Du mich geliebt, daß Du die Stunden unserer Liebe nicht vergessen hast! Denke an Ziona, denke an meinen Schmerz..." Und er bedeckte die gefalteten Hände Cäciliens mit Küssen und Tränen. Ein Schauer überlief sie, doch ihr Antlitz blieb starr und ihre Augen geschlossen. Da verschloß sich auch etwas in Elias Herzen: seine Tränen versiegten und er wußte nicht mehr was er ihr sagen sollte. Er blickte um sich. Diese getiinchten Wände, die ver- gitterten Fenster, die beiden eisernen Bettgestelle mit ihren Spitalsdeckbetten, diese ganze Häßlichkeit dämpfte seine Er- regung. Er sah noch den Strumpf, der jetzt schlaff herabhing, und las mechanisch den über der Tür stehenden Bibelspruch: „Sie werden sein, wie zwei Tauben in der Hütte des Herrn." Mit geheimem Spott sah er wieder das lächerliche und triviale Fischersche Ehepaar vor sich: aber diese teilten wenig- stens ihren Schmerz und verließen sich im Unglück nicht. Er beneidete fie. „Das Gebet... der Pastor... der Weihnachtsbaum," murmelte Eäcilie. Elias öffnete die Tür. Der Pastor trat im Talar ein. Er war bleich und die Bibel zitterte in seiner Hand. Man trug den Tisch mit der Weihnachtszeder, deren Kerzen bereits angezündet waren, herein. Da man die Gold- papierkette schlecht zusammengeklebt hatte, war sie von neuem gerissen und die beiden Enden schleppten auf der Erde nach. Em Geruch nach Honig, Orangen und Harz verbreitete sich im Zimnier. Die in Tränen aufgelösten Fischers und die erschrockenen Waisen gruppierten sich rings um den Baum. Ueber die Sterbende gebeugt, betete der Pastor, die Hand segnend er- hoben, den Psalm: „Der Herr ist mein Hirte. mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele: er führt mich auf rechter Straße, um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück: denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten niich. Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde. Du salbest mein Haupt mit Oel und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Lebenlang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar." Dann sangen alle Anwesenden, die Augen auf den Weih- nachtsbaum gerichtet, Geburts- und Auferstehungslieder. In die Kissen zurückgelehnt, betrachtete Eäcilie starr den Engel, dessen ausgebreiteto Flügel die niedrige Decke streiften. Kerzen und Goldkctten spiegelten sich in ihren glasigen Augen: sonst schien sie, angesichts einer überirdischen Glück- seligkeit, die sie bei den kindlichen Worten des Psalnis und der einfachen Melodie des Gesanges durchströmte, bereits alles vergessen zu haben, ihren Gatten, ihre Tochter, den Pastor, alles, woran das Herz hängt, und alles, was vergänglich ist. Dann senkten sich allmählich ihre Lider, langsam und zuckend: ihr Körper streckte sich unter der Decke und sie ver- schied, während die anderen ihren Gesang fortsetzten. Elias betrachtete diese Frau Fischer, die ihm einst so gewöhnlich vorgekommen war und nun plötzlich zu einer Mater Esperanza veredelt erschien und diesen armen Maklermissionar, dessen irdische Angst ans die Gewißheit der himmlischen Per- gebung baute, und endlich diesen Pastor, der seinen Mannes- schmerz meisterte, um Jubelgesänge zu Ehren des göttlichen Kindes anzustimmen. Und er fragte sich: „Worin liegt denn das Geheimnis ihrer Kraft? Beruht sie auf der Nüchternheit ihrer Seelen oder auf der Ueber- zeugung ihrer Rechtschaffenheit? Sie brauchen weder Tempel noch prunkende priesierliche Gewänder, weder Weihrauch noch Orgelschall. Statt ihre Knie zu beugen, erhebeil sie ihre Herzen und vielleicht beten sie auch wirklich, wie Jesus es zu der Samariterin gesagt hatte, im Geist und in der Wahr- heit an." Bon neuer Herzensnot ergriffen, lag Elias schluchzend Vor der sterblichen Hülle seines Weibes. �„O Eäcilie, hättest Du mich lieben können, so würde auch ich im Geiste und in der Wahrheit angebetet haben und wäre kein Freinder an der Schwelle Deines Todes gewesen." » m.» Er wollte sie nicht dort lassen. Sofort wollte er sie mit- nehnicn. Allein mit ihr wollte er sein. Daher legte man sie ans eine Bahre, und bedeckte W mit weißen Tüchern. Araber trugen sie, und ihr Gatte folgte zu Fuß. .. Die Mitternachtsmesse war zu Ende. Zu Tausenden strömten die Gläubigen aus der Krippe, um nach Jerusalem zurückzukehren. Aus dem Vorplatz und den Straßen war das Gewühl so groß, daß die Truppen einschreiten mußten� Der Mond leuchtete, als sei es Heller Tag, trotzdem hatten die Laternenträger ihre Fackeln angezündet, die auf diese ganze gemischte Menge phantastische Lichter warfen. Platz- mangels wegen konnten die Janitscharen ihre Hellebarden nicht klirrend auf das Pflaster stoßen. Sie schwenkten sie nun verzweifelt in der Luft und schrien: „Platz! Platz! für den Patriarchen von Jerusalem." „Platz für den französischen Konsul I" „Platz für den Bischof von Cypern!" „Platz für den koptischen Archimandritenl" lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen). fever, bitte! Von Paul Desclaux. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. Auf der Anklagebank sitzt ein Herr unbestimmten Alters in einem schwarzen Gehrock und mit feierlicher weißer Krawatte. Er hat seine blaue Brille auf die kahle Stirn geschoben und blättert an- gelegentlichst in einem Haufen Papiere. Der Präsident:„Angeklagter, stehen Sie aus l" Der Angeklagte(sich erhebend):„Ja, Herr Präsident I" Der Präsident:„Antworten Sie auf meine Fragen Der Angeklagte:„Ja, Herr Präsident." Der Präsident:„Und vor allen Dingen, unterbrechen Sie mich nicht!" Der Angeklagte:„Nein, Herr Präsident." Der Präsident:„Aber Sie unterbrechen mich ja fort- während I.... Hören Sie jetzt meine Fragen und antworten Sie darauf!" Der Angeklagte:„Ja, Herr Präsident." Der Präsident:„Schon wieder!... Sie heißen Cugne?" Der Angeklagte: Ja, Herr Präsident, Isidor Timoleon Barnabas Cugne.(Die Hand aufs Herz legend und in pathetischem Ton von einem Blatt Papier ablesend) Wenn der Staatsbürger vor der Justiz seines Vaterlandes erscheint, hat er dann nicht die Pflicht, ihr alles.. Der Präsident(unterbrechend):„Danach habe ich Sie gar nicht gefragt.„Sie sind Apotheker?" „Cugne:„Ja, Herr Präsident, zu dienen.(Seine Vor- lesung wieder beginnend) Wenn der Staatsbürger vor der Justiz.. Der Präsident:„Aber so schweigen Sie doch! Danach frage ich Sie ja nicht I... Sie wohnen Rne Montmartre?" Cugne:„Ja, Herr Präsident, Rue Montmartre Böä, Apotheke „Zur silbernen Lanze", französische und englische Spezialitäten. (Seine Vorlesung fortsetzend)... vor der Justiz seines Landes er- scheint, hat er dann nicht die Pflicht, ihr alles... Der Präside itt:„Genug! Genug!... Die Anklage wirft Ihnen vor, in der Nacht vom 4. zum S. Juli den Kläger Sargcl in einer das Leben und die Gesundheit gefährdenden Art und Weise mißhandelt zu haben. Was können Sie zu Ihrer Ber- teidigung sagen?" Cugne:„Folgendes, Herr Präsident,(Lesend): Wenn der Staatsbürger vor der Justiz seines Vaterlandes erscheint, hat er dann nicht die Pflicht, ihr alles, seine geheimsten Gedanken zu ent- hüllen, den Gerichtshof bis aus den Grund seiner Seele blicken zu lassen?" Der Präsident:„Was soll das? Wollen Sie endlich auf meine Fragen antworten oder nicht?" Cugne:„Aber ich antivorte ja darauf, Herr Präsident I(Fort- fahrend).... deir Gerichtshof bis auf den Grund seiner Seele blicken zu lassen? Die Wahrheitsliebe...." Der Präsident:„Na, nun ist'S wirklich genug I Legen Sie das Papier fort und antworten Siel" Cugne:„Aber... ich antworte ja. Herr Präsident l Das ist doch meine Verteidigung I Ich befitze kein besonderes Redner- talent und deshalb....(fortfahrend). Wenn der Staats- bürger vor... Der Präsident:„Genug l Genug I Sie können fich setzen ... Wir wollen zunächst einmal den Beamten hören, der den Tat- b.stand aufgenommen hat.(Zu dem an den Zeugentisch tretenden Schutzmann) Sie heißen?" Der Schutzmann:„Arsine Napoleon Musilard, Herr Präfident." Der Präsident: Erzählen Sie, was Sie Ivisien." Der Schutzmann:„In der Nacht vom 4. zum 5. Juli patrouillierte ich in der Rue Montniartre, als ich plötzlich lautes Schreien vernahm, das aus dem Geschäft des Angeklagten kam. Ich ILf hin. stürzte in den Laden und konstatierte folgendes: Auf der Erde lag der Kläger inmitten der Scherben eines Glasgesätzes, das allem Anschein nach zur Aufbewahrung von Blutegeln gedient hatte. Ich schließe daS aus dem Umstand, daß sich zwischen den Glas- scherben eine Menge Blutegel bewegte. Auf dem Kläger lag der Angeklagte und schlug aus Leibeskräften auf ersteren ein. Ich trennte die beiden und setzte ein Protokoll auf." Der Präsident:«Ist das alles, was Sie wissen?" Der Schutzmann: ,Ja, Herr Präsident." Eugne ssich erhebend und lesend):.Wenn der Staatsbürger vor der Justiz seines Baterlandes.. Der Präsident:.Sie find langweilig. Eugne. Setzen Sie fich 1" Eugne:„Aber, Herr Präsident.. Der Präsident:.Genug l(Zum Gerichtsdiener) Lassen Sie den Kläger eintreten!" S a r g e l(hereinstürzend):„Hier, Herr Präsident, hier I Aber Kläger bin ich nicht. Die Geschichte habe ich ja längst vergessen, und ich bin ihm nicht mehr böse, dem Pillendreher. Er hat mir die Visage verhauen, und ich habe ihm dasür seine Blutegel zerquetscht: wir sind also quitt I" Der Präsident:„Erzählen Sie, was Ihnen passiert ist, aber drücken Sie fich etwas weniger drastisch auS l" Sargel:„Wie... Ach so! Bitte sehr um Verzeihung! Ge- schah nicht mit Absicht, Herr Präsident. Ich weiß nämlich manchmal gar nicht, was ich rede.... Also los! In der Nacht vom 4. zum S. Juli, wissen Sie, hatte ich mit ein paar Kollegen am Nordbahnhof feste gesoffen.. Der Präsident:„WaS ist das schon wieder für ein Aus- druck!" S a r g e l:„Pardon. Herr Präsident I Ich wollte sagen: ich hatte mir ein wenig zu stark die Kehle ausgespült, wenn Sie diesen Ausdruck vorziehen, und ich hatte einen kleinen Schwips. Wir können sogar dreist sagen, einen großen Schwips, Herr Präsident! Immer der Wahrheit die Ehre! Na, und übrigens, wer hat nicht mal einen Schwips, nicht wahr, Herr Präsident?... Also ich ging vom Nordbahuhos nach den Hallen, wo ich meinen Stand habe. Sie müssen nämlich wissen, Herr Präsident, ich bin von Berns Träger, und es ist vielleicht schon mal passiert, daß ich Getreide getragen habe, das später die Ehre gehabt hat, von Ihnen und Ihrer achtungswürdigen Familie in Gestalt von Brot j verspeist zu werden." Der Präsident:„sfiir Sache I Zur Sache l" Sargel:„Aber ich bin ja schon immer dabei!... Ich gehe also ganz gemütlich durch die Nue Dtontmartre, als ich plötzlich Lust bekomme, zu ranchcn. Ich stecke mir eine» Glimmstengel in die Visage, greife in die Tasche nach Feuerzeug... Himmeldonner- Wetter! Keine Streichhölzer! Nicht ein einziges!... Na dann nicht! denke ich und gehe wester. Aber je weiter ich gehe, um so größere Lust bekomme ich zu rauchen I Einen Moment denke ich schon daran, auf eine Laterne zu klettern und mir dort Feuer zu holen, als ich plötzlich ein Schild lese:„Zur silbernen Wanze".,. (Eugne(unterbrechend):„Lanze I Lanze!" Sargel:„Herr Gott! Lanze oder Wanze, daS ist doch schließlich ganz egal! Deshalb brauchen Sie mich doch wahrhaftig nicht zu stören!... Also:.Zur silbernen Lanze", und weiter unten neben der Tür steht:.Nachtglocke"... Hurra I juble ich im stillen. Gerettet! Ich will die silberne Wanze aufwecken I (Lachen im Publikum.) Was ist darüber zu lachen? Warum macht er eine Nachtglocke an, wenn er nicht gestört zu werden wünscht?... Ich drucke nlio ans den Knopf. Der Herr öffnet das Fensterchen in der Nolljalousie und fragt, was ich wünsche. Ich erkläre ihm, die Sache sei sehr dringend und er möchte doch sofort aufmachen. Er läßt sich denn auch nicht lange bitten und schließt mir die Türe. ans.„Wo haben Sie Ihr Rezept?" fragt er mich.„Rezept?" sage ich.„Ein Rezept habe ich nicht. Aber eine Zigarre habe ich und lein Feuer habe ich auch und das möchte ich von Ihnen haben." Damit nähere ich mich ihm, um meinen Glimmstengel an seinem Licht anzustecken... Aber da, Herr Präsident, appliziert er mir eine Knallschote..." Der Präsident:„Eine Knallschote I?" S a r g e l:„Na ja, ich meine, er hat mir ein bißchen Gesichts- massage verabfolgt, aber nicht zu knapp I" Der Präsident:„Sie wollen wohl sagen, der Angeklagte habe Sie ins Gesicht geschlagen, nicht wahr?" S a r g e l:„Jawohl, Herr Präsident. Und ich versichere Ihnen, er schlug feste! Ich fiel hin, so lang wie ich war. wobei ich den Topf mit den Blutegeln zerbrach. Der Kerl ivarf sich auf mich und setzte die Behandlung fort. Kurz und gut. mir ging's jämmerlich schlecht, Herr Präsident! Die Blutegel spazierten in meine Hosen hinein und«rächten Anstalten, ihre blutsnugerische Tätigkeit an meinen Beinen auszuüben, und der Giftmischer drosch ans mich los, als wenn er dafür bezahlt bekäme und schrie immerfort:„Schurke I Halunke I"... Na, schließlich kam dann der Schutzmann, und das übrige wissen sie ja, Herr Präsident.... Aber ich bin dem Apotheker nicht böse, durchaus nicht böse! Ich verzeihe ihm von ganzem Herzen und bitte den Gerichtshof um Nachsicht für ihn!" Der Präsident:„Angeklagter, Sie haben gehört, was der Kläger ausgesagt hat. WaS haben Sie darauf zu erwidern?" Cugne:„Nichts, Herr Präsident. Das stimmt alles ganz genau, aber...(lesend): Wenn der Staatsbürger vor der Justiz seines Vaterlandes erscheint, hat er dann nicht...?" Der Präsident:„Schon gut I Schon gut!.,, Der Gerichtshof zieht fich zur Beratung zurück." Cugne wird zu 50 Frank Geldbuhe verurteilt. Er dankt mit einer tiefen Verbeugung für dieses milde Urteil und verläßt den Gerichtssaal Arm in Arm mit Sargel, dem er seine Vcrlc.digungs- rede vorzulesen beginnt.— Kleines feiulleton. th. Tos Höchste. Wunderherrlich in seiner jungen Frühlings. Pracht dehnte sich der Wald vor ihnen aus. Durch die dünnen Zweige, über denen das neue Grün nur erst wie ein feiner, zitternder Schleier lag. sah man tief hinein in stille Gründe und wieder an sanft geschwungenen Hügellehnen empor. Ab und zu öffnete sich ein Blick in dos Land, weite Wiesen dehnten sich da unten zu dunklen Bergen und einsamen Heidedörsern hin. Ganz in der Ferne ragte die Stadt mit ihren Kuppeln und Türmen. Verwehter Glockenklang kam mit dem Wind herüber und mischte fich mit dem Gesang der Vögel. Die Finken waren die lautesten, von allen Ecken und Enden tönte ihr heller Schlag, unterbrochen von dem Gewisper der Meisen und dem schrillen Schnarren des Zeisigs. „Ist das nun nicht wundervoll?" Frau Annie war den anderen voraus gelaufen und hatte zuerst die Höhe erreicht. Da stand sie nun zwischen weißleuchtenden Birkenstämmen mit ihrem rosigen Gesicht und dem flatternden Blondhaar. Ihre Augen strahlten. Ihr Mann kani ihr zuerst nach. Mit einem tiefen Auf- atmen blieb er nebe» ihr stehen und legte den Arm um ihre Taille. Sie sprachen nicht, aber ihre Augen tauchten ineinander, und in dem eine» Blick lag mehr, als Worte sagen können. Hand in Hand schauten sie hinab auf das Wäldermeer, das sich vor ihren Füßen dehnte, auf diese Symphonie leuchtender Frühlingsfarben, darin sich alle Töne durcheinander mischten. Fritz war es, der zuerst das Schweigen löste:„Aber wo bleibt denn Onkel und die Tante?" Ja, wo blieben die? Annie lachte.„Da kommen sie ja an- gekraxelt! Uijehl Onkel zieht. Tante und Du tust ja gerade, als ob das'n Berg wäret" „Na hör mal, ich danke, dos ist ja auch'n netter Marsch, den ihr uns machen latztl" Die Tante nahm ihr Tuch und wischte sich das Gesicht. � � »Aber es lohnt sich, Onkel, was?" Fritz schlug dem älteren Herrn auf die Schulter. „Erst muß ich mich verpusten." Der Onkel nahm den Hut ab und fuhr durch das Haar.„So nun laß sehen." Er nickte.„Ja. das lohnt sich!" Und wieder standen alle vier, gefangen von dem Zauber des Bildes. Erst nach einer ganzen Weile rissen sie fich davon los und schritten weiter. Ein alier einsamer Hochwald nahm sie auf, dunkel und tief. Durch die grünen Kicfcrnnadeln fiel das Sonnenlicht und malte zitternde Lichter ans den Boden. Tic Vögel wurden stiller. „?lber köstlich ist cS hier, wirklich köstlich", rief die Tante. „und dieser Frieden/, diese Einsamkeit! Gar nicht, als ob heut Sonntag wäre. Kein Mensch da, das ist prachtvoll!" „Na das haben wir Euch ja gleich gesagt." Annie lachte schon wieder.„Wenn man natürlich m den Grunewald fährt und sich da in eine Kneipe setzt, kommt man mitten in das Sonntagsgcdränge hinein. Man muß sich nur Stellen aussuchen, die etwas vom Weg abliegen. Da hat man noch Natur." ..Ja, ja, Natur!" Die Tante blickte schwärmerisch zum Himmel. „Natur ist das Schönste! Natur ohne Menschen. Und nirgends wo liegen hier Stullenpapiere." Ter Onkel sah mit befriedigtem Blick umher.„Und leine Radautute, kein Bumbinn und Trara aus solchen ekelhaften Sommer- kneipen. Ter Wald in seiner ganzen uncntweihten Schönheit l Mir wird ordentlich das Herz weit. Findet Ihr nicht, daß es ein bißchen- reichlich warm ist?" «Ja. die Sonne meint's gut heut!" sagte Fritz gleichmütig. „Wir gehen auch schon eine ganze Wcilc." Die Tante stöhnte etwas.„Bald eine Stunde. Aber es ist zu schön I Solche Wege muß man aber immer machen, man mutz nicht dahin gehen, wo der Pöbel hingeht, dann kann man auch Sonntags Partien machen.... Sind Ivir übrigens bald da?" „Am Waldsee?" fragte Annie.„Ja, wir haben höchstens noch eine halbe Stunde." „Eine halbe Stunde?" rief der Onkel.„Na Du, ich danke!" „Aber Onkelchen I" Annies Lachen klang hell durch den stillen Wald.„Das ist doch noch gar nichts! Ich denke. Du bist voriges Jahr in den Bergen Deine drei, vier Stunden umher gekraxelt?" „Na ja. aber doch mit Unterbrechungen." Der Onkel blieb empört stehen.„Man hat sich denn doch auch mal inzwischen aus- geruht." „Nun. daS wollen wir ja am Waldsce auch tun", sagte xxritz. „Da unten schimmert er schon durch die Bäume." „Gott sei Tank!" rief die Tante.„Ich komme nämlich vor Hunger um." „Und mir klebt die Zunge am Gaumen!" Der Onkel nahm schon Ivieder den Hut ab. „Also lagern wir uns hier" rief Fritz und warf sich lang hin.„Hier haben wir das Tal und den See in ihrer ganzen Schön- heit vor uns. Annie, und Tu packst das Frühstück aus! Na Tante, setz Dich dock?."..* Aber die Tante trat zurück.„Hier! Ach neml Kinder doch man nicht hier, denn warte ich schon, bis wir cm den Waldsce kommen." „Ja, das finde ich auch!" stimmte ihr Mann ihr bei.„Ich sage Euch doch, ich Hab unbändigen Durst." „Eben darum", sagte Fritz.„Darum wollen wir rmskren kalicn Kaffee schon hier trinken." Er nahm eine Flasche aus der Sßfctibtolfe. Allein der Onkel schrie:„Mach doch keine faulen Witzel Kalten Kaffee? Ich tverd' kalten Kaffee zum Frühstück trinken! üi Topp Bier wollen wir haben! Berstehste?" „Ja eben", sagte die Tante entrüstet:„Und'ne Tasse Bouillon mit GT" „Und die wollt Ihr am Waldsee trinken? Ja, wo soll sie denn da herkommen?" Annie sah etwas terduht drein. „Wo sie,..? Dem Onkel versagte die Stimme:„Na hör mal, willste damit etiva sagen daß da nich mal'ne Kneipe war?" „Nee Onkel, die ist da nicht!" Fritz lachte hell aus.„Ich Hab Euch ja doch gleich gesagt, wir kommen in ganz einsame Gegenden und..." „Wenn hier Kneipen wären, wär's ja eben so voll, wie im Grunewald", sagte Annie.„Darum lmbcn wir ja eben den schönen stillen Wald, tvcil hier noch keine Wirtshäuser sind. Seht mal..." Allein der Onkel ließ sie nicht ausreden; er stemmte die Arme in die Seiten und sah seine Frau an:„Na, das ist ja gut! Hafte Worte? In solche Gegend führen sie einen, in solche Botokuden- gcgend, wo's nicht mal'n Wirtshaus und ein Glas Bier gibt." „Aber Onkel!" „Nein, gar nicht, aber Onkel! Ihr seid rücksichtslos. Und da sagt Ihr einem, wir frühstücken am Waldsee und schleppt einen in solche Räubcrgcgcnd, wo man nichts zu trinken kriegt." „Nicht mal'ne Tasse Bouillon mit Ei", stöhnte die Tante. „Aber Tante, die Natur", fiel Annie ein.„Und, Onkel, Du hast doch eben noch gesagt, der Wald in seiner unentweihten Schön- heit..." „Ach wxrs, Natur!" Der Onkel schrie sie an.„Gewiß, Raturl Aber'ne Kneipe muß am Ende stehen, das ist Wohl einfach selbst- verständlich! Was nützt'n mir die ganze Natur und der Wald in seiner Schönheit, wenn mckn nicht mal n Glas Bier drin trinken kann!"— c. Der erste Aufstieg zum Krater des Vesuvs. Als erster nach der furchtbaren Katastrophe hat es der bekannte Neapeler Journalist Antonio Soarfoglio gewagt, über das Observatorium hinaus zum Krater des Vesuvs cmporzudriugcu; er entwirft jetzt von diesem gefahrvollen Aufstieg im„Mattino" eine lebendige Schilderung. Vom Obserbatorium aus gelangte er nach etwa einer Stunde an den Fuß des 5tegels.„Der Kegel", so erzählte er,„ist i.a» von Asche. In seiner ganzen Höhe, die etwa 150 Meter be- trägt, ist er von tiefen Nissen und Spalten durcf>jogcn, die sich tief in den Fels eingegraben haben. Der breite Gipfel hüllt sich immer von neuem in Rauchwolken. Noch wenige Schritte und wir sind an der Basis deS Kraters. Die Asche ist so hoch, daß man allmählich immer tiefer einsinkt, ohne es zu bemerken. Der Abhang, der zu dem Feucrmund des Kraters führt, ist kaum merklich geneigt und sehr kurz. Der Mund öffnet sich in einem Umkreis von etwa Lt!l>t) Metern. Er verläuft nicht horizontal auf dem Gipfel des Berges, sondern ist stark nack Ottajano geneigt, so daß die Seite des Kegels, die nach dem Tal von Roda und Nocera gewendet ist, viel tiefer ist als die, die nach dem Meere und Neapel hinsieht. Ein gurgelnder Üaut von Rauchwölkchcn, die sich öffnen, die anschwellen, sich aus- breiten, zerteilen und wieder vereinen, die zu dem reinen Himmel emporsteigen und hastig in glühenden Tropfen niederfallen, die uns i"? Gesicht sprühen, dringt aus dem Feuermunde des Vesuvs. � sallartigc Massen stürzen an der dicken Aschcnschicht herab, die -■ Oberfläche des Kegels bedeckt, andere wieder fallen mit großem «-etöse mir zu Füßen wieder Mit großer Mühe dringt man weiter. Die Äsche zerbröckelt beständig unter den Füßen. Mit dumpfem Geräusch, das die Asche dänipft, fallen die Steine zu beiden Seiten. In dem Boden, aus dem Staupmassen empordringcn, die den Ab- hang zur Ebene hinab getrieben werden, bilden sich immer neue Nisse bei jedem Schritt. Eine Oeffnung entsteht gerade unter uremen Füßen. Je weiter man kommt, desto dichter wird der Aschenregen, desto dicker die Luft. An den rauhen Hängen des Kegels wirbeln leichte Windhosen den Sand empor. Die ganze Oberfläche des Kegels krümmt sich gleich wie ein leidender Riese in beständigen Konvulsionen. Wir sind an der Station der Zahnrad- bahn. Nur ein einziges Mauerstück ist stehen geblieben, auf dem sich von dem Schild der Restauration nur noch die ersten Buchstaben „Restan" erhalten haben, alles übrige liegt in Trümmern. In der Asche fallen große Eiseitstückc auf. Das sind die Trümmer der mit Eisen beschlagenen Tür des Haupteinganges und die Uebcrreste des einen der beiden Dampfkessel, der unter dem glühenden Stcinrcgen zerplatzte. Ein Stück ist selbst bis zum Ausweichgleis der clcktrischeu Bahn getrieben worden und lastet dort schwer ans den Schienen. Von der Zahnradbahn ist so gut wie nichts geblieben. Die Spitzen von drei einsamen Pfählen der elektrischen Leitung sehen noch aus den Sand- und Aschenhaufcn hervor. Tic obere Station ist von dein 5irater verschlungen worden, als er sich um 200 Meter senkte. Höher hinauf lag das Führerhaus, ein kleines hölzernes, mit Zink ansgeschlagenes Häuschen, das der Fenerregen wie einen leichten Strohhalm mit sich fortgerissen hat. Der Führer, der mich be- gleitete, wies auf die großen Steine hin, die umher lagen, unter denen daS kleine Haus wohl begraben sein konnte. Er erzählte mir, unter welchen Gefahren die Führer sich nach Pompeji in Sicherheit bringen konnten. Inzwischen fing unsere Situation an, sehr ge- fährlick' zu werden. Große dunkle Massen drangen in die Sand- schicht und wirbelten um uns herum. Die Asche stürzte an den Berantivortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Seiten deS Kegels hinab. Unzählige kleine Rauchspiralen taNzten über der Oberfläche. Kaum 120 Meter noch trennten mich von dem Munde des Kraters. Um uns ein donnerähnliches Krachen und ein starker, beißender Geruch wie von Karbolsäure, der Uebclkeit der- ursachte. Die Rauchwolken, die aus dem Krater aufsteigen, waren ganz nahe, mir schien, daß ich die Spiralen fast schon mit Händen greifen könnte. Ick wollte weiter, aber der Führer weigerte sich energisch. Nur durch viele Bitten und Versprechungen überredete ick ihn, noch zu bleiben, bis ich einige Aufnahmen gemacht hatte. Wir stiegen zum Monte Somma hinab. Ein heiteres Bild des Frühlings tat sich plötzlich nach den düsteren Eindrücken, die wir eben in uns aufgenommen, vor uns auf. Am Kamm des Berges nach der Seite des Vesuv hin blühten die.Kastanienbäume und grünten die Weinberge. Nirgends trübte die Asche des Vesuvs hier den Eindruck des blühenden Lebens, das, umgeben von grauen Ruinen, in aller Zerstörung emporwuchs, kein Laut störte die reine Stille der Luft... Aus der Pflanzenwelt. tz. Eine eigenartige Pflanze wird seit einigen Jahren im Botanischen Garten kultiviert und genau beobachtet. Es ist eine Verwandte des bei uns heimischen AronsstabeS und der bekannten Calla. Der Name lautet Amorphophallus Rivion, auch Hyckrosme Ri vieri. Die Heimat ist Cochinckina. Von dieser Pflanze sieht man entweder nur Blätrer oder nur Blumen, nie aber beides zu gleicher Zeit. Blatt tvie Blume entstehen nur aus einer Knolle. Letztere wird im November in ein Warmhans gebracht, sie be- ginnt dann im Dezember zu treiben, erst langsam. dann aber so schnell, daß der Blütenschaft sjede Knolle bringt nur eine Blume hervor) in 12 Tagen die Größe eine? erwachsenen Mannes erreicht hat. Als längster Zuwachs wurden innerhalb 24 Stunden 17 Zentimeter festgestellt, wovon der größte Teil auf die Nacht ent- siel. Erst wenn die Blume verblüht ist, wird die Knolle in Erde gesetzt, bis dahin mußte die Knolle die Blume au? sich selbst und aus der feuchten Lusl des Gewächshauses ernähren. Jetzt treibt auch das einzige Blatt hervor, das auf hohem Stiel ein schirmförmiges Blattgebilde trägt, welches einige Aehnlichkeit mit einem einen Meter im Durchmesser haltenden.Kastanienblatte haben würde. Dies Blatt bleibt etwa vier Wochen an der Pflanze, wird dann welk und fällt endlich ab. Während seiner Vegetationszeit ha! das Blatt für den VolnmenzuwachS der Knolle gesorgt. Wie groß dieser Zuwachs ist, mag daraus ersehen werden, daß eine Knolle im Bertiner Botanischen Garten innerhalb drei Jahren ihr Gewicht von. 770 Gramm auf 41CZ Gramm steigerte. Ans dem Heimatlande dieser eigenartigen Pflanze wurden sogar Knollen im Gewichte von 23 Kilogramm nach Europa eingeführt. Eigenartig ist hei dieser Pflanze auch der Umstand, daß Knollen, welche über Winter kühl aufbewahrt werden, und erst im Frühsahr zur EntWickelung kommen kömkeii, jetzt keine Blumen mehr hervorbringen, sondern gleich Blätter treiben. Ein Zurückhalten der Blume gibt es bei dieser Pflanze mithin nickt: ist die natürliche Blütezeit übergangen, so bleibt die Blumenknospe, die in der Knolle angelegt ist, unentwickelt. Erwähnt möge noch sein, daß die Blume nur im Warmhause, nicht aber bei kälterer Temperatur, nach Aas „duftet".— Humoristisches. — Schnelle Abhülfe. Wirtin(zur Köchin, die eben ein Stück Fleisch klopft):„Will der Fremde ei» ganzes oder ein halbes Beefsteak?" Köchin:„Ein ganzes!" Wirtin:„Dann müssen Sie's noch etwas breiter klopfen."— — Gefährliche Probe.„... Ein Rezept haben Sie nicht mitgebracht?... Ja was sollen denn das für Pillen sein, die Ihre Frau haben will?" „Dees weiß i' aa' net... Sie könna mir ja verschied'»« zur Auswahl mitgeb'n—(„Fliegende Blätter.") » Notizen. — D i e Gesellschaft für Theaterge schichte, die gegenwärtig gegen 500 Mitglieder zählt, hält ihre diesjährige Generalversammlung am Sonntag im Schanspielhause ab. August Sauer(Prag) spricht über„Grillparzer als Mensch".— — Einige deutsche Großstädte wenden für Theater, Orchester und sonstige musikalische Zwecke bedeutende Summen auf. Im Jahre 1903 zahlten: Frankfurt a. M. 475 705 M., Mannheim 471670 M., Wiesbaden 239 31« M.. Köln 228 171 M.. Straßbnrg i. E. 187 649 M., Düsseldorf 157 996 M., Mainz 141284 Mark. Berlin hatte nicht einen Pfennig übrig.— — Die Eröffnung derAnsstellUng d e r S e z e s s i o u ist auf Dienstag, den 24. April, nachmittags'l-ß Uhr verschoben worden.— — Der Konflikt in der Darmstädter Künstler- k o l o n i e soll, nach dem„Darmst. Tagebl." beigelegt sein. � — Mit Rücksicht auf die Fremden, die in diesem Sommer ge- legentlich der Landesausstellung Nürnberg besuchen lvcrden, hat die Direktion d e S Germanischen MuscumS außer an den Sonntagen auch für die Mittwoche freien Eintritt ins Museum gewährt.— VorwärtSBuchdruckerei u.BerlagsanstaltPaul Singer 5:Co..BerlinL1V„