Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 78. Dienstag, den 24. April. 1906 (Nachdruck verboten.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman von Myriam Harry. SSI Autorisierte Ucbersetzung aus dem Französischen von Alfred Heuler Von Gold und Juwelen schimmernd, kamen die Aufzüge nacheinander vorüber. Bischofsstäbe, Mitren, Tiaren stießen zwischen den Bajonetten der Soldaten und den Standarten der Pilger aneinander. Es sah eher wie ein Barbareneinfall, als wie eine kirchliche Prozession aus, und die auf die Dächer geflüchteten Einwohner betrachteten sich von dort aus das Schauspiel, nachdem sie vorher Fenster und Türen, wie zur Zeit eines Gemetzels, verrammelt hatten. Da niemand vor dem bescheidenen Leichenzug ohne Prunk und ohne Waffen Platz machte, und die weiße Bahre in Ge- fahr war, zwischen den drängenden Pilgerzügcn umgeworfen zu werden, fingen die Träger an zu rufen: Platz! Platz für den Tod!" „Der Tod? Wer spricht vom Tod in dieser glückseligen Geburtsimcht?" Und die Züge halten: hoch in der Luft neigen sich, ehrfurchtsvoll grüßend, die Kreuze, stumm drücken sich die Pilger gegen die Mauern. „Platz für den Tod!" Und die Bahre zieht vorüber. Viele Mönche haben den Abtrünnigen erkannt: aber Ach- tung vor dem Tode bannt das Anathema auf ihren Lippen und besänftigt den Haß in ihren Blicken. Dann ordnen sich die Prozessionen wieder, die Litaneien beginnen aufs neue, die Rauchfässer dampfen: und der kleine Leichenzug zieht dahin unter dein Rauch der Kerzen, Fackeln und Myrrhe, gefolgt von magierähnlichen abessinischen Popen, galiläischcn, madonnenhaften Weibern und weißbärtigen, den Königen aus dem Morgenlande gleichenden Greisen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erben!" schmetterten die Vorsänger. Und die Chorknaben wiederholten inbrünstig: „Friede auf Erden! Friede auf Erden!" Friede senkt sich auch auf Elias herab, ein sanfter, duf- tiger, strahlender Friede, wie aus Sternenflimmer gewebt und auch in seinem Herzen jubeln Engelstimmen: „Friede auf Erden! Friede auf Erden!" Man hatte die Stadt verlassen. Um einen Umweg zu vermeiden, bog die Bahre von der Landstraße ab und durch- querte die Weideplätze, auf denen, wie einst, Hirten ihre Herden hüteten. Elias schritt über die weiche, rote Erde, wo er mit jedem Schritte Asphodelen und Bethlehemsterne zertrat. In der Ferne hörte man noch immer das Kyrie eleison und Halleluja der Pilger, und über der schwarzen Menschen- flut sah man durch den bläulichen Weihrauchschleier die sil- kernen Hellebarden, die goldenen Mitren und die kostbaren Steine der Kreuze aufblitzen. Dann tauchte man ganz und gar in das schweigende Feld hinab. Von dieser lauen, balsamischen Nacht berauscht vergaßen die arabischen Träger ganz, daß sie eine Tote trugen, und trällerten, die Bahre leise schaukelnd: „Lasict ruhen die Schöne. Irr wirklich, meine Sckzwestern, Lastet ruhen, die da schlafen will." Da schien es Elias, als' wäre Cäcilie nicht tot, sondern nur von einem Zauberschlaf befallen, in dem sie von allem Irdischen allein die Erinnerung an die Stunden der Freude und Liebe bewahrte. Und von demselben Zauber umfangen, träumte er, daß nun ihre Seelen, in höchster Eintracht um- schlungen, noch einmal die Etappen ihres gemeinsamen Glückes durcheilten. � Er sah sie wieder in der Laube des Spitals: Sonnenschein lag auf ihren Händen und der Himmel in ihren Augen: sie flocht Dornenzweige und er nagelte Kreuze, während zwischen ihren Köpfen eine Passionsblnmenrankc zitterte und die kleine Beduinenflöte in ihren Herzen ein rätselhaftes Sehnen her- vorrief.-■, Dann dachte er an das galiläischc Land. Sie ritten zwischen Gräsern und Blumen dahin. Die Nüstern der Pferde dampften; ihr gelbseidenes Reitkleid fegte über das Getreide, und ihr blauer Schleier wallte wie ein leichtes Rauchwölkchen über der Flur. Deutlich sah er sie vor sich, wie sie am See Tiberias stand, und ein überirdischer Glanz sich auf ihrem erstaunten, süßen Antlitz ausbreitete: dann, wie sie sich in Baalbeck furchtsam und zitternd auf seinen Arm stützte, wie sie im Libanon gleich einer syrischen Prinzessin ritt; wie sie in Byblos ganz in Blumen vergraben lag und ihre langen, goldenen Flechten in die heilige Quelle tauchten. Er sah sie wieder, wie sie am Tage von ZionaS Taufe auf dem Hügel unter der hundertjährigen Zeder saß„ deren Nadeln auf ihren blonden Scheitel und ihr malvenfarbiges Kleid fielen. An der Tür des armenischen Klosters brannte eine Lampe vor einem abgezehrten Christusbilde und ein kleiner Mönch, dessen blutrote Lippen vor Sehnsucht nach dem Leben lechzten und dessen Augen wie Liebesfackeln glühten, verschlang sie mit den Blicken. Dann... nichts mehr. „Lasset ruhen die Schöne.. begannen wieder die Träger. Der Zauber war gebrochen. Cäcilie machte sich von ihm los und fiel in den Sarg zurück...- „Ja," dachte Elias,„lasset sie ruhen, denn sie ist wirklich tot..." Doch seine Gedanken setzten den Weg der Erinnerungen fort. Aber nein, es ging nicht mehr: die Begeisterung seiner Sinne war erloschen, der Schwung seines Herzens geknickt, und seine in heidnischem Lande erblühte Liebe siechte im Schatten des Kreuzes dahin und erstarrte in der Nähe des Grabes. Den verliebten Ruf seiner begeisterten Seele hätte sie später nur mit einem überlegenen Wort oder einer zurecht- weisenden Gebärde beantwortet. Konnte er ihr deshalb aber zürnen? Trug er nicht selbst die ganze Schuld daran? Warum war er nicht fortgezogen, da er doch die Gefährlichkeit ihrer Uingebung erkannt hatte? Warum hatte er sie gezwungen, in dieser verwüsteten und doch erhabenen Stadt zu bleiben, die in ihr die zärtlichen Re- gungen erstickte, in ihm dagegen das Sehnen des Geistes er- höhte, die Lust am Leben entwickelte. Warum war er nicht. so lange es noch Zeit war, nach dem Libanon oder nach Frank- reich zurückgekehrt? Geschah es nicht nur deshalb, weil er selbst von einer seltsamen Neigung, einer heidnischen Be- hexung ergriffen war? Astaroth lind Moab hatten ihn be- zaubert, oder war es nicht vielmehr ganz einfach Jstar ge- wesen? Hätte er nicht doch seinen Gelehrtcnruhm(der acht so eitel ist) und seine Abenteuerlust dem Frieden seines Herdes opfern sollen? Vielleicht hdtte er sich auch nicht tief genug zu ihr herab- geneigt. Wer weiß! Auch sie hatte Wohl geweint, ebenso wie er: vielleicht auch sie unter Einsamkeit und Liebesschnsucht und Enttäuschungen gelitten und die Hände nach einer anderen Liebe ausgestreckt. Konnte er ihr als Verbrechen anrechnen, daß sie anders fühlte, glaubte imd liebte als er? Ihr hätte er Mangel an Verständnis und Wärme vorgeworfen. Aber wie oft hatte er selbst sie durch seine sinnlichen Begierden abge- stoßen, wie oft sie in ihren Ueberzeugungen, ihren Gefühlen, ihren Gewohnheiten, ihrem Glauben, kurzum in all dem ver- letzt, worin sie nach einer anderen Rasse artete, die sich, acht so instinktiv feindselig gegen die seinige verhielt. So hatten sie beide gleichmäßig gelitten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, die Bürde ihres Lebens einander tragen zu helfen. „Verzeihe mir, Cäcilie, verzeihe mir und möge dre Erde Dir leicht sein!" sagte Elias. � �. Auf das weiße Bahrtuch warf er Hände voll Krokus und. Bethlehemsterne.. �, ,,... Ueber ihnen erglänzte Jerusalem in der hellen Damme- rung wie eine Zauberstadt des Friedens und der Barm- Herzigkeit. � Am Tage nach dem Begräbnis auf dem protestantischen Kirchhof, der dies Mal mit Anemonen und Asphodelen übersät war, holte Elias seine Tochter nach Hause zurück� Für sie beide begann nun ein neues Leben in dem alten sarazenischen Hause und der toten Oberstadt. Von Cäcilie blieb nichts mehr übrig. Die Strickzeuge, die Bibeln, die Evangelienverse verschloß Elias in den unteren Gemächern und in dem Zimmer der Verstorbenen; für sich und Ziona behielt er nur die Terrassen, wo sie die Abende verträumten, und die Muscharabizimmer, wo sie die Tage verschliefen. Die Wohnung des Agha hatte schnell wieder ihr altes Aussehen angenommen. Geranium, Königskraut und Ros- marin blühten in den Hängegärten. Am Jasmin und den Pimpernellen der Treppengeländer balsamierte man sich die Hände ein, und auf dem großen Hof, den niemand mehr betrat, rankten sich Winden um die Gelenke der Spann- ketten, Dsop lockerte die Fliesen und Gipskraut zernagte den Mörtel der Mauern. Noch nie war der Frühling so frühzeitig und so üppig gewesen. Selbst das graue Zion schien davon ganz ver- jüngt zu sein, und auch Elias verwandelte die Verjüngung dermaßen, daß er sich mit schwermütiger Rührung fragte, wie ein Wesen, das doch einst einen so großen Platz in seinem Leben einnahm, in so kurzer Zeit ganz aus seinem Herzen hatte verschwinden können. Es war, als habe die Tote alle Bitterkeiten und Leiden mit sich fortgenommen. Der Friede der heiligen Nacht fuhr fort, ihn mit seinem wohltuenden Segen zu erfüllen, er fühlte sich freier im Gemüt, Geist und Körper wurden wieder frischer und unter seinen schneeweißen Haaren strahlte sein Antlitz von der Heiterkeit, mit der man vergangener Leiden gedenkt. Dazu kam noch, daß jemand ihn liebte, daß jemand ihn verstand, daß jemand der Spiegel seiner Gedanken, die klingende Harfe seiner Gefühle war. Seine ganze, seit so langer Zeit zurückgedrängte Zärtlichkeit, all sein in den gc- heimsten Falten des Herzens aufgespeichertes Mitteilungs- bedürfnis und alle getäuschten Hoffnungen übertrug er jetzt auf seine zwölfjährige Tochter, und zwar in um so innigerer, wenn auch gemilderterer Weise, als er sich heimlich Gewissens- bisse machte, so spät erst gewürdigt zu haben, was er in ihr besaß. Sie verließen einander nicht mehr. Von der übrigen Welt wollten sie nichts wissen. Sie ging weder zur Schule noch in die Kirche. Ihr Vater lehrte sie das Leben durch die Betrachtung des Vergänglicheir und Frömmigkeit durch die Berührung mit dem Elend. Er weckte auch ihr Verständnis für das innerste Wesen der Tinge, für den Zauber des Schweigens, die Symphonie der Farben, den Stolz der Ge° bürde, die Poesie des Duftes und die Armut des Traumes. Oft gingen sie morgens Hand in Hand aus, sie in ihrem Trauerkleide, er mit einer wehenden Florschleife an seinem weißen Mantel, um am Jaffatore den einziehenden Frühling zu beobachten. Seine duftenden Kinder kamen von den Weideplätzen Bethlehems, von den Gärten Salomos, aus dem Terebintentale von St. Johann in der Wüste, von Hebron, von Emmaus, von Colonia, von Bethel, von Rama; sie kamen von Ephraim und Judäa, auf den Köpfen der Frauen und Mädchen thronend und auf dem Rücken geduldiger Eselinnen ausgebreitet. Vom Morgentau glitzernd und vom Morgenrot über- haucht,- erwarteten diese Frühlingsboten auf dem Platze außerhalb der Mauern das Oeffnen der Stadt. Endlich öffneten die türkischen Soldaten die eisen- beschlagenen Torflügel; und unter der Last ihrer Blumen lächelnd, zogen die Frauen mit gekrümmtem Rücken und ge- beugtem Nacken ein. Als Zoll warfen sie im Vorbeigehen den wachhabenden Soldaten em duftendes Sträußchen zu. Von den Wällen bis in die hintersten, Läden in den engen Straßen der Davidsstadt und des Christenviertels war alles nur ein Meer von Blumen, ein einziger, beweglicher und schillernder Garten, der nach den taktmäßigen Bewegungen ber schönen Trägerinnen wogte. Dann senkten sich die Beete. Längs der Mauern kauernd. breiteten die Araber den Inhalt ihrer duftigen Körbe aus, und Jerusalem eilte herbei, um einen Anteil an Frühling und Blumen einzuhandeln. Und immer noch Blumen rmd wieder Blumen. Jetzt kommen die Eselfüllen an die Reihe. Diese hier verschwinden unter einem grünen Maismantel niit seidenen Büscheln, jene dort sind'so mit Rosen beladen, daß sie beim Kopfwenden davon fressen könnten: hier sieht man bie Schmetterlingsflügel der blauen Lilien, die rosigen Fächer ier KtOkus, die schwarzen Szepter der Anemonen; dort stehen Tulpen, stolz wie goldene Lampen, Oleander, heiter IBfe Frcndenglöckchen,..Agonietropfen" rot wie göttliches Blut, Ranunkeln mit Tauben füßchen, weiß und strahlend der„Stern der Magier", und gelblich, wie aus Wachs gegossen, die großen „Königskerzen". Und Elias und Ziona nahmen Arme voll mit, um ihre Terrasse zu schmücken. Oder sie gingen noch weiter hinaus nach dem Moghrebin- tore, dem verfallensten und niedrigsten aller Tore. Dort ging nicht einmal das Vieh hindurch; nur die Frauen von Beth- phage und Silva, die in Schläuchen ihr Quellwasser oder in Amphoren ihre Ziegenmilch zur Stadt brachten, benutzten es. Aber am besten gefiel es Ziona in der dunklen, ge- heimnisvollen Beleuchtung der Bazare, die ihre orientalische Phantasie mit Märchen bevölkerte. Auf dem fest gestanipften Lehmfußboden klangen ihre Schritte so gedämpft, als ob sie auf Tierfellen gingen. Zur Linken wie zur Rechten reihten sich Läden an Läden, Höhlen, die mit blauen Schatten und schwarzen Ungeheuern angefiillt waren. Im Sük der Färber kochten blutbesudelte Menschenfresser allerlei Dinge, die bald schlaff, bald auf- gebläht wie Kinderleiber aussahen. Weiter unten hockten auf einer Matte unheimliche Gestalten, die ein grausiges Glucksm ausstießen, bei dem schlangenähnliche Gebilde zu tanzen an- fingen, während kleine Teufelchen mit blendend weißen Zähnen Getränke von höllischer Schwärze einschänkten und in der flachen Hand glühende Kohlen trugen. Noch etwas weiter schmiedeten Vulkane mit einem leuchtenden Auge auf der Stirn Lampen, Dolche und Arm- spangen, und im Gewürz- und Essenzen-Sük verkauften Männer mit Wachsmasken vor dem Gesicht dicht verschleierten Frauen seltsame Licbestränke und Liebesgifte. Voller Furcht und Entzücken schmiegte sich Ziona schmeichelnd an ihren Vater, der ebenfalls an solchen phantasti- scheu Bildern eine kindliche Freude hatte. Fast immer gingen sie durch die unteren Gäßchen bis zur Ccifenmühle, wo in dem finsteren Loch das alte, blinde Kamel das Göpelkreuz drehte. Ziona bebte vor Mitleid mit dem armen Tier, Elias aber dachte, während er mit nach- deutlichen Blicken das Tier verfolgte: „DaS Kreuz, welches ich getragen habe, scheuert mir die Schulter nicht mehr wund." Durch ruhige Straßen und steile Gäßchen, die in den Himmel zu klettern schienen, kehrten sie heim. Schon hatten die Frauen mit ihren Blumen den Markt verlassen, aber noch trat der Fuß auf Blütenblätter, und Jenisalem hielt seine Mittagsruhe in dem schwülen Duft der absterbenden Frühlingsboten. lgortsetzung folgt.) kleines feuilleton. olc. Das Kissen. Sie hatten imnier in bescheidenen Verhält- nisscn gelebt, nie anders, als in Hinterhäusern eine kleine Wohnung gehabt. Das war auch gar nicht anders möglich gewesen. Eine sechsköpfige Familie durchznbringen, ist keine Kleinigkeit, wenn man Klotz kleiner Kontorist ist. Und weiter hatte es der Mann nicht bringen können, trotz aller Bemühungen. Darüber waren die Jahre hingegangen. Die JungenS, na die halfen sich schon allein durch. Die einzige Tochter blieb der Mutter zur Hand. Sie war ihre treue Stütze im Haushalt, griff an, wo was anzugreifen war und scheute sich vor keiner noch so„groben" Arbeit. Eigentlich aber steckte in ihr waS Besseres. Sie hätte sich gern mit künstlerischen Dingen beschäftigt, aber hierzu hatte eS immer an den, nötigen„Kleingeld" gefehlt. Doch wo solch ein Sinn vor- banden ist, pflegt er sich trotz aller Hemmnisse hervorzudrängen. Und so war es auch bei Elsa. Endlich hatte sie ihr„Talent" ent- deckt. Sie warf sich auf die Stickerei. WaS in der elterlichen Be- Häufung an solchen Sächelchen vorhanden war. hatte sie in ihren freien Stunden angefertigt. Das putzte jetzt die Wohnstube mit ihrem alten gebrechlich gewordenen Möbelkram. Jeder, der zu Besuch kam, mutzte die Arbeiten bewundern. Elsas Mutter besonders tat cö allen zuvor..Nicht wahr, großartig! Elsa ist eine Künstlerin. Was sie macht, kann keine." sagte sie ein über das andere Mal. Es schmeichelte ihr, wenn ihre Worte allerseits Be- kräftigung fanden. Natürlich wollten nun sämtliche Tanten ähnliche Sachen haben und Elsa hatte bald alle Hände voll zu tun. Gewinn aus ihrer Beschäftigung zu schlagen ging doch aber nicht an. WaS hätten dann die Verwandten gesagt I Und wenn man auch vom magern WirtschastSgclde das oft kostspielige Material mit gröhter Müh' und Not bestreiten mußte, niemals dursten die Beschenkten eS merken. Für eigene Arbeiten fiel dabei wenig Zeit und noch weniger Geld ab. Dennoch war Elsas geheimer Ehrgeiz darauf gerichtet, ein neues Erzeugnis ihrer kunstgeübten Finger zu vollbringen, das nur ihr allein gehören und zugleich alles bisher geleistete verdunkeln sollte. Die Mutter durfte davon wissen, denn sie mußte ja Rat schaffen, wie und auf welche Art daS für diese Stickerei wirklich sehr kostbare Rohmaterial herbeikäme. Der Vater hatte schon manchnial über die Zumutungen, die an fem Portemonnaie gestellt wurden, besorgte Aenßerungen getan; allein die Mutter wußte ihm mit dem Hinweis auf Elsas Talent, dem man nicht wehren dürfe, zu be- gegnen. Er seufzte und zahlte wieder. Endlich war der letzte Nadelstich getan. Elsa empfand un- bändigen Stolz über die gelungene Arbeit. Es war ein Sofakissen von wundervoller Schönheit. Zwei Goldfasanen, ausgeführt mit einer die Natur täuschenden Vollendung, ergingen sich in einem exotischen Blumengelände. Wer das Kissen in Augenschein nahm, war einfach entzückt. Niemals hätten sie dergleichen gesehen, riefen die Tanten. DaS Wunderwerk müsse in einer kunstgewerblichen Ausstellung dem Urteil des Publikums zugängig gemacht werden, die Kunstkritik werde davon Notiz nehmen, Elsas Zukunft sei dann gesichert usw. Richtig wanderte das Kissen in das Schaufenster eines Bildcrrahmen» und Antiquitätenhändlers, wo es während einiger Tage die Aufmerksamkeit aller Passanten fesselte. Damit schien es steilich sein Bewenden haben zu sollen. Aber was wäre ein solches Prachtstück nütze, wenn es wo in einem Schranke unbeachtet herumlägc! Allein auf einem Sofa inr modernen Jugendstil würde es zu voller Geltung gelangen I Doch woher dies Möbelstück nehmen— denn das alte Sofa war wirklich zu schäbig. Man hielt Familienrat. Alle Tanten waren darüber einig, daß zn dem Kissen ein neues Sofa höchst notwendig sei. Elsas Mutter befand ähnlich. Der Vater wollte aber nicht den Wünschen gefügig sein. ES koste Geld, und daS hätte er nicht. Schließlich legte sich Elsa bei ihm aufs Schmeicheln und Bitten. Da konnte er denn nicht länger widerstreben, ging zu einem Möbel- Händler und bestellte das Sofa in Ausführung nach vorgelegter Zeichnung auf Pump. Bald zierte es an Stelle des altmodischen UnivcrsalsofaS, das nunnichr in die Küche gebracht worden war. die Stube. Und obendrauf prangte im Farbenschmelz der Goldfäden und Bruffaseiden das Fasonennssen. Es war ein Prachtstaat? Nie- mand wagte sich auf das Sofa zu setzen, so kostbar erschien es allen. Das Faniilienhaupt, wenn es müde vom Bureaudienste heimkam, hatte sonst auf dem alten lieben Dinge seinen Ehrenplatz gehabt. Jetzt drückte er sich seufzend in einem harten Rohrstuhl und dachte init stiller Sorge an den näher und näher rückenden Termin, an dem der Möbelhändler sein Geld wollte. Nein, ihm bereitete das neue Sofa, so vornehm eö sich mit dem goldflimmernden Kissen ausnahm, keine Freude. Dennoch schien es Glück ins HauS zn bringen. Ja ivahrhafttg, so schien es. Damals in der Ausstellung hatte das Kissen auch einen enthlisiastischen Lobredner gefunden. Es war, so sagte man, ein reicher Baron, der aus lauter Langweile in verschiedenen Kunstdingen dilcttierte. Er malte, sang und spielte Klavier. Der Mann gab sich sehr vornehm, kein Zweifel, er mußte vermögend sein. Man war daher rein weg vor Glück, als er sich Elsa als Belvunderer näherte. Von da bis zum Anbeter war nun nicht weit. Bald schmeichelte sich die Mutter mit der Hoffnung, daß Elsa und der Baron ein Paar würden. Und die Tanten tuschelten ähnliches. Elsa war glücklich in diesem Gedanken. Wenn aber der Baron an das Mädchen gefesselt werden sollte, so mußte man auch tun, als ob man etwa? übrig hätte. Da war nun klar, daß das neue Sofa allein nicht genüge. Es stäche wirklich zu auffällig gegen das andere„Gerümpel" ab. Es ginge nun nicht mehr anders: auch dieses müßte nun stilvollen Stücken, als da sind: Büfett, Polsterstühle. Schränke, Tische, Nippsachen aller Art über kurz oder lang Pl?tz machen. Ein Pianino gehörte selbst- verständlich dazu; der Baron hatte gewünscht, daß Elsa sich in Spiel und Gesang vervollkommne. Und man durfte sich nun nicht blamieren. Die Sympathie solch vornehmer Herren hängt meistens an einem seidenen Fädchen; man müsse also Vorsorgen, daß es nicht reiße. Dahin regele sich nun aber auch die Toilettenfrage. Unmöglich könne sich Elsa mit dem Baron in ihrer bisherigen Garderobe öffentlich sehen lassen. Eine Komplettierung, die den Ansprüchen der modcruslcii Pariser oder Wiener Mode Rechnung trage, sei unbedingt in Erwägung zu ziehen. Ueber all dieses waren sich die Tanten mit Elsas Mutter einig. Es galt jetzt den Gatten und Vater dafür zu erwärmen. Er sträubte sich dagegen mit aller Macht moralischer und wirt- schastlicher Einwände. Schon durch daS Sofa wäre er in unnötige Schulden geraten. Nun auch noch die Möbel und die Toiletten für Elsa. Woher sollte er die Mittel nehmen? Es kam zu Szenen zwischen den Eltern.»Elsas Talent ist unser Unglück; das Sofa- kisien ist unser Ruin I" rief der Mann ein über das andere Mal in schmerzlicher Empörung.„Meine Stellung, mein ehrlicher Name steht auf dem Spiel. Eines Tages wird alles offenbar und ein schmähliches Ende sein?" Elsas Mutter ließ aber nicht locker; auch die Tanten wurden ins Gefecht geschickt: die Sache mit dem Baron sei so sicher wie daS Amen in der Kirche, und wenn Elsa erst einmal seine Frau wäre, so würde der reiche, vornehme Mann und Schwiegersohn die Eltern gewiß nicht in Sorge zurücklassen. Dieser Ansturm verfehlte seine Wirkung nicht. Elsa war ja doch die einzige Tochter, es galt ihr Glück zu befestigen, und so willigte der Vater in alles. Stück um Stück kamen die Möbel herbei. Bald erscholl die Sttlbe von Elsas Gesang und Spiel; und schließlich,»venu sie der Vater heinilich betrachtete, sie war doch ein schönes Mädchen. Und der moderne Schnitt ihrer Kleider hob ihre zierliche feine Gestalt. Ja. Elsa war eine Dame, sie paßte nicht für die„grobe" Hauswerkelei", sollte sie auch nichl mehr verrichten, so wollte es die Mutter, und nichts lag ihren» bräullicheu Glücke im Wege. Dies alles täuschte sich der Vater vor, so oft ihn die Sorgen drückten. Ach, und welche schweren Sorgen I Er hatte fich in furcht- bare Schulden gestürzt. Die Gläubiger mahnten, wurden dringend und dringender. Er wußte nicht, wie ihrer Herr bleiben. Stopfte er mit mühsam erborgtem Gelde ein Loch zu, so riß er zwei andere auf. Längst hatte er den Wendschoppen im Kreise seiner Kollegen sisttert. Dafür plagte er sich in seinen Freistunden bis spät in die Nacht hinein niit Privatarbciten, die er auf sich genommen hatte. um noch ein Weniges zu seinem spärlichen Einkommen hinzuzufügen. Nur nicht müde, nur nicht grämlich werden, sagte er sich, wenn ihn ein lauernder Blick der Frau oder gar ein besorgtes Wort der Tochter berührte. Aber tiefer und tiefer fraß die Kümmernis an seiner Seele. Wenn er, so hieß es Mal für Mal, bis zum nächsten Fälligkeitstermin nicht zahle, so stehe ihm Klage und Pfändung bevor. Nein, nur daS nicht! Aber wie denn anders seine Vcrpflichwngen erfüllen? Seine Bekannten, die ihm früher bereitwillig ausgeholfen hatten, ließen ihn nun mit achselzuckendem Bedauern stehen, keiner»lochte ihm mehr beispringen. Wozu hätte er sich auch so unsinnig in Schulden hineingeritten? Mit dem Baron, das sei doch auch bloß so so. und wie würde das Ende sein? Doch was konnten ihm noch solche Zweifel frommen! Wohl sagte er sich, daß seine Liebe zu weit gegangen, ja daß er leicht- sinnig gehandelt hatte. Er fühlte sich nicht frei von jeglicher Selbst- Verschuldung. Komme nun, was kommen mag, aber den Ruin des lieben äußerlichen Scheines wegen um jeden Preis aufzuhalten: daS erschien ihm nunmehr als die wichtigste Aufgabe ferner ferneren Lebenslage, Um jeden Preis! Wenige Monate später laS jeder, der lesen mochte, in den Zeitungen die Kunde von der Verhaftung des Buchhalters Grünberg im Kontor der Firma Hartig u. Co. wegen unredlicher Buchführung und Unterschlagung geschäftlicher Gelder. Zwar war es nur ein lächerlich kleiner Betrag in Ansehung der Riescnsummen, die Grün- berg täglich z» verbuchen gehabt hatte, trotz seiner unauskömmlichen Besoldung. Aber er war den Chefs längst im Wege, weil er über die Jahre höchster Leistungsfähigkeit hinaus ivar. Ihnen kam dies geringfügige Vergehen gerade recht, um dem gealterten Manne die Tür ihres Geschäfts zu weisen und dafür die Pforte des Gesang- nisses zu öffnen.— ch. Auf der Flucht. Unter den Schilderungen der Augen- zeugen, die jetzt von dem Unglück in San Francisco bekannt werden, ist wohl eine der ergreifendsten der Bericht, den die Schrift» stellerin Helen Darc von Stockton aus dem„New Uork Ameri- can" telegraphierte.„Niemand, der es nicht gesehen hat, kann sich den Schrecken und die mitleiderregende Hülflosigkeit menschlicher Schwäche den zerstörenden Naturgewalten gegenüber vorstellen. Wir schrien einander zu, so angstvoll, wie wenn der Untergang der Welt herangekommen wäre. Die Schwankungen der Erde pflanzten sich nacheinander von Norden nach Süden fort und verstärkten die Stöße zu einer verwirrenden und rrankmachcndeu Bewegung. Als ich aus dem Schlafe auffuhr, war ich mir nur eines furchtbaren Angstgefühls bewußt, ohne zu wissen warum. Dann empfand ich ein schreckliches und andauerndes Hin- und Herschwanken des Bettes, des BodenS und der Wände, die Möbel waren durcheinandergerüttelt, und ich hörte das Getöse von krachenden Schornsteinen, fallenden Mauern, zerbrechendem Glas und die gellenden Schreie von Frauen und Kindern. Wie durch einen plötzlichen Schlag fühlte ich das Bett, von Norden her durch einen schweren Stoß erschüttert, gewaltsam in die Höhe gehoben. Ich sprang hinaus auf den ebenfalls emporfliegenden Fußboden und versuchte dort festzustehen; aber die gegenüberliegende Wand schien vor mir zurückzuweichen, der Boden schwankte wie ein leichtes Boot im Sturme hin und her; es deuchte mir, als ob es kein Ende nähme, und doch hörte ich nachher ,daß es nur zwei Minuten gedauert hätte. Mein kleiner Junge kam in mein Zimmer gelaufen. Wir umfaßten einander mit den Armen und standen dann in dem Hausflur, ohne zu wissen, was mit uns geschehen würde und was wir tun sollten. Mit einem immer schwächer werdenden Zittern gleich einem ersterbenden Seufzer sank die emporgeschnellte Erde wieder in Ruhe zurück. Wir zogen uns an und tasteten uns durch zerbrochene Möbel und Glasscherben hindurch in der Dunkelheit müh» sam hinaus auf die Straße. Da wimmelte es von unbekleideten Menschen, die in hülfloser Panik hin- und hcrranten. Ich sah eine junge Mutter, nur in ihr Nachtgewand gehüllt, die mit dem leichten Leinen ihr schlafendes Kind umhüllt hatte, das sie in ihren Armen trug, ganz vergessend, daß sie sich selbst entblößte. Irre Menschen- schwärme kletterten die Hügel hinan, da sie eine neue Erderschütte- rnng fürchteten. Die Bai erglänzte im hellen Morgenlicht, und die großen Gasbehälter am Wasser standen in lodernden Flammen. Viele Leute, die von der Größe des Unglücks noch keine Ahnung hatten, meinten, eine Gasexplosion habe die Zerstörung verursacht. Ich wanderte weiter und fand in jedem neuen Viertel immer furcht- barere Szenen und grauenvollere Bilder. Ueberall starrte Per» Wüstung. Chaos und Grauen um uns. als wir uns in der Mitte der — 312— Strafe zwischen den Massen mühsam einen Weg suchten. Wagen und Automobile rasten wie wahnsinnig durch die Straßen, aber sie kamen nicht weit, sondern zerschellten an den Trümmern cdcr stürzten in die Spalten in den Strassen oder mußten anhalten, und die In- fassen, bleiche, halbangczogenc Frauen, kletterten heraus und suchten zitternd einen anderen Weg der Rettung. Niemals sind wohl furchtbarere Autoniobilfahrtcn unternommen worden als diese Flucht- versuche der Millionäre, die g'spcnsnsch daherjagten in dem blassen Morgcnlicht, das von der dunklen Flut des sich ausbreitenden Feuers überstrahlt wurde. Ich sah eine Dame, ihr Kind auf dem Arn, wie sie barfuß, ein Kimono über das Nachtgewand geworfen, von dem marmornen Portal ihres Hauses herabstieg, vor dem ein Automobil auf sie wartete. Von Leavcnworth konnte man auf die Stadt herab- sehen, ein wilder, schrecklicher Anblick. Große Rauchwolken stiegen überall empor, und aus dem schwelenden Dampf, der dunkel empor- quoll, schössen die roten Feuerzungen. Ich konnte das Dröhnen und Krachen des Feuers hören und fühlte selbst in dieser Entfernung die Hitze auf meiner Wange. Glühende Kohlenstücke und heiße Asche fielen um mich nieder. Da faßte mein kleiner Junge meine Hand und sagte ruhig:„Wir wollen nach Hause gehen. Mama. Ich möchte mein Frühstück." Und ich wußte nicht, wo ich Sicherheit suchen sollte! Dicht geballte Menschcnknäueln drängten aus der Stadt heraus ins Freie, Ströme armer Leutelkamcn die Straßen herab, kleine Bündel mit ihren Habseligkeiten tragend. Ich sah Wagen, von Menschen gezogen, beladen mit Frauen. Kindern und Wetten. Das dumpfe Dröhnen von Dynamitcxplosionen drang ab und zu an mein Ohr." Kunst. Die diesjährige Ausstellung der Berliner Sezession, die vom Dienstag ab für das Publikum geöffnet ist. war am Montag zum erstenmal der Presse zugänglich. Im all- gemeinen ist der Charakter der Ausstellung der gleiche wie in den Vorjahren, besondere Ueberraschungen werden nicht geboten. ES begegnen immer wieder dieselben Namen; auS der Berliner Gruppe Corinth, Liebermann, Hofmmm, Leistikow, Slevogt, Balnschek, aus der Münchener vornehmlich Habermann, Stuck. So kommt man bei- nahezu der Ueberzeugung. daß hinter dieser schon seßhaft gewordenen Generation, deren Charakter fest ausgeprägt ist, eine neue jüngere im Emporkommen begriffen sein muß, die hier nicht zu Wort kommt. So, wie die Ausstellung ist, könnte sie ohne viel Aenderung in den Rahmen der Großen Ausstellung am Lehrter Bahnhof eingefügt werden. Um das Gesmntbild ein wenig aufzufrischen, hat man sich jüngere Maler aus Paris verschrieben, deren künstlicher Primitivismus, deren technische Klügelei nicht sonderlich erfreulich wirkt. Sie bieten nichts Ueberraschcndes. Sogar öffentliche und private Sammlungen mußten herhalten, die Lücken durch Herleihen von Gemälden zu füllen. Ein schneller Rundgang zeigt Folgendes: Im Saal I, Land- schaftcn und Porträts dcS Norwegers Münch, um ihres dekorativen Wertes interessant; Münch ist ein Künstler, der eine eigene Sache redet und selbst da, wo er sich allzusehr ins Extravagante verirrt, bleibt er beachtenswert, weil er aufrichtig ist. Zudem hat er, was vielen fehlt, urwüchsiges Temperament. Saal II zeigt einige fein- gestimmte Landschaften von Kalchreuth. �Jm nächsten Saal überwiegt T r ü b n e r mit einer Auswahl älterer und neuerer Arbeiten, Landschaften und Porträts, die aber keine neue Seite des Künstlers zeigen. Saal IV ist Henri I. E. E v e n e p o e l st ge- widmet. Bilder von momentaner TreWcherheit der Auffassung; die Absichten der modernen pariserischcn Zeichnung, der Karikatur, für das Bild verwertet. Daneben im Ton sehr schöne, ruhige Bildnisse. Landschaften von prickelndem Reiz. Der anstoßende Saal gehört der jüngeren französischen Malerschule, mit großen, dekorativen Entwürfen. Saal VI gibt Liebermann Gelegenheit, einige feine Porträts zu zeigen. Besonderes Interesse wird das Bild„Leo Xlil. segnet die fremden Pilger" in Anspruch nehmen. Reben Liebcrmann sehen wir Lud. von Hofmann mit phantasti- schen Entwürfen in der von ihm bekannten farbigen Art. Die franzöfi- scheu Nco-Jmprcssionisten. denen sich der in gleicher pointillistischer Mauier arbeitende C. Herrmann zugesellt, füllen den folgenden Saal. Durch die pruickartig hingesetzten Farben ist der GesanNeindruck ein bunter, aber im einzelnen kommen die Künstler nicht über eine ge- wisse Kleinlichkeit hinaus. Saal VIH gehört den Münchencrn, vor- iwhmlich Stuck und Habermann, von dem gute, alte Porträts zu sehen sind. In dem großen Mittelsaal fallen Bilder, nmuentlich Landschaften, de? Stuttgarters Paulo k auf. An Plasttken sieht man gute Bildnisse.—„«• s. Physikalisches en. Curie und seine Nachfolger. Der Entdecker des Radiums ist tot und hat im Kreise der Naturforscher ersten Ranges eine Lücke zurückgelassen, die zunächst nicht ausgefüllt werden wird. Ein Mann von außerordentlichem Können und einer schier beispiel- losen Bescheidenheit und Uneigeunützigkcit ist mit Professor Curie dahingegangen. Dieser Mann, der mit seiner Frau zusamnien unter den schwierigsten Uniständen und mit den primitivsten Mitteln eme Entdeckung von umwälzender Tragweite gemacht hat, gab die vielen Taufende des Nobel-Prcises fast bis auf die letzte Krone für seine weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen auS. Curie hinter- läßt seinen Fachgenossen im Arbeitsfeld der Phhfik und Chemie eine umfangreiche, aber schwierige Erbschaft. Seit der Entdeckung der Körperstrahlen wanken die Grund- vesten der Naturanschauung. Schon aber sind ansehnliche Blöcke zur Schaffung eines neuen Fundaments herzugetragen worden. Denncch ist nicht zu verkennen, daß die Radiumforschung und ihre Geschwister sich noch in einem ziemlich verwor' enen Zustand befinden und auch noch keine Aussicht haben, sich bald daraus zu befreien. Man braucht nur die physikalischen Zeitschriften zu ver- folgen, um sich von dieser Tatsache zu überzeugen. Zum Beweis soll im folgenden eine Probe gegeben werden: Neben dem Radium unterscheidet man bekanntlich noch eine Reihe anderer strahlender Elemente. Damit die Sache aber erst recht verwickelt werde, sendet jedes dieser Elemente noch verschiedene Arten von Strahlen aus. Der erste strahlende Körper, den Frau Curie, die treue Mitarbeiterin ihres Gatten, entdeckte, war da- Polonium, ein bisher unbekannt gewesener Stoff, der seinen Namen nach der polnischen Abstammung von Frau Curie erhielt. Dies Element ist bis auf den heutigen Tag höchst rätselhaft geblieben, obgleich gerade die letzte Zeit seine Ge- Heimnisse etwas mehr aufgehellt hat. Frau Curie selbst hat eine wichtige Arbeit über die Beziehung des Polonium zu dem von Pro- sessor Marckwald aus strahlenden Wismutsalzen gewonnenen Radio- tcllurium veröffentlicht und darin festgestellt, daß der Zerfall beider Körper in gleicher Weise vor sich geht. Bei beiden vermindert sich die Strahlungsfähigkeit in etwa 140 Tagen auf die Hälfte ihrer Stärke. Danach ist anzunehmen, daß beide Stoffe identisch sind. Professor Giesel, einer der hervorragendsten deutschen Vertreter der Radiumforschung, hat nun aber mittlerweile ein Beta-Poloniuip unterschieden, das eine andere Strahlengattung als das ältere Polo- nium oder Radiotcllurium aussendet, nämlich statt Alphastrahlen die sogenannten Betastrahlen. Außerdem verliert es schon in wenig mehr als 6 Tagen die Hälfte seiner strahlenden Energie. Die Arbeiten der Wiener Forscher Meyer und v. Schweidler haben dazu bei- getragen, die Mannigfaltigkeit der Radiumforschung noch bedeutend zu vergrößern, indem sie ein strahlendes Wismut erhalten haben, das sie als eine Mischung von Radium v, Radium E und Radium F auffassen. Frau Curie hat gemeint, daß das Polonium möglicher- weise mit Radium F identisch sein könnte. Vorläufig hätte man also bereit- sechs verschiedene Sorten von Radium zu trennen. Daß man einstweilen kaum irgend eine Gesetzmäßigkeit bei den strahlenden Körpern feststellen kann, lehren weitere Veröffentlichungen über Actinium, strahlendes Thorium und Emanium. Giesel hat bei dem von ihm gefundenen Emanium beobachtet, daß seine strahlende Tätig- keit nicht abnimmt, sondern wenigsten? im Lauf eines Halden JahrcS dauernd wächst. Eine ähnliche Eigenschaft ist auch beim Actinium ermittelt worden.— Humoristisches. — Ein notwendiges Uebel.„Warum laden Sie denn immer diese alte Unke ein?" „Ja— sehen Sie... Sie wissen doch, wir baven einen Literatursalon, bei uns verkehren die modernsten Dichter I Na. und die alte Dame ist die einzige bei uns. die von jedem Dichter etwas gelesen hat."— — Aus einem Gendarmeriebericht.„Was das Be- dürfnis des Branntweinschankes anbelangt, so wird dieser Schank von hier befindlichen sieben Mrten nur in einem fast nicht der rede- wert stehenden Maße ausgeübt, da die Branntiveinttinker infolge der mitmenschlichen Verachtung rapid abgenommen haben. Speziell aber das vom Bittsteller innehabende Gasthaus ist an der Hanichener Straße gelegen, wo viele Touristen verkehren und gilt es als all- gememe Tatsache, daß die in Schweiß gelaufenen Touristen zur Labung immer erst einen Stamper bessern Brannttoein zu sich nehmen, ehe sie etwas anderes genießen."— („Jugend") Notizen. — Die Deutsche Bibliographische Gesellschaft hält Donnerstag, den 26. April, im Restaurant„Großer Kurfürst" (Berlin W., Potsdamerbrücke) ihre Jahresversammlung ab. Pro- fcflor Sauer aus Prag spricht über„Die Zeitschristen Oesterreichs im 19. Jahrhundert".— —„Sie Freie Bühne" hat die von ihr geplante Auf- führung des Euleubergschen Dramas„Blaubart" auf den Herbst verschoben.— —„Unlösbar", ein neues Schauspiel von Anton Ohorn hatte bei der Aufführung im Deutschen VolkS-Theater zu Wien lärmenden Erfolg.— c. Das„Pavilion-Theater" in London ist in ein „jiddisches" Theater umgewandelt worden. Das erste, unter außerordeutlichem Beisall aufgeführte Stück hieß„Hanuetc, die Schneiderin" mrd war von S. Feinmann. Es ist die rührende Ge- schichte von der geheimen Ehe eines reichen BankierSsohneS mit der Tochter eines armen jüdischen Händlers und an tragischen und auf- regenden Szenen reich. Mit viel Sorgfäll wurden das seltsame Milieu und die sonderbaren Gewohnheiten des altjüdischcn Ritus dargestellt.— — In Rhcinhessen, in der Rheinpfalz und im Westerwald sind Hunderte von Rehen an der Lungenseuche(Lungenwurm) eingegangen.— Verantwortl, Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagScmstaltPaul Singer LcCo..Berlin ZW.