Hlnterhalwngsblatt des Hsrwärts Nr. 81. Freitag. t>ea 27. April 1906 sNnchdnlll verboten.) Vie Sroberung von Jerusalem. Nonian Von Myriani Harry. 42] Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen Von Alfred ch> e u k e r. 8. �„Sidi, ich muß fort, gib mir Deinen Segelt," flehte Assir, Vor dem Tivan kauernd, auf dem feit langen Tagen sein Herr in unbegreiflichem Stumpfsinn ausgestreckt lag. „Fort? Wohin willst Du denn?" Assir verbeugte sich nach der Richtung von Sonnen- aufgang. „Nach Mekka? Warum denn?". „Weil ich muß, Sidi. Jin Traum erschien mir der Prophet und befahl mir, Dich zu verlassen." „Mich verlassen?... Auch Du, Du willst mich der- lassen?" Und Elias richtete sich in den Kissen auf. „Erinnerst Du Dich denn nicht mehr des Tages, da ich Dich hier fand, den Tod Deines Herrn beweinend? Wie ein Hund folgtest Du mir und ich nahin Dich wie ein Kind an. Und nun sprichst Du davon, mich zu verlassen? Nun, da ich im Elend und von allen verlassen bin!" „Sidi, verzeihe mir: nicht ich bin es, der da will, daß ich Dich verlasse." Und er bedeckte seines Herrn Hände mit Küssen und Tränen. „Wer sonst?" „Allah will es, der Prophet ist's, der mich dazu treibt." „Wieder... die Religion! Aber höre, Assir, sie befiehlt Dir docb nicht, mich sofort zu verlassen. Warte noch ein wenig. Wer weiß, vielleicht bettest Du auch mich bald, wie den Agha, hier auf dieser Terrasse, damit ich zun? letzten Male die Stadt sehe, sie, die mir so viel Leid zugefügt hat. Dann umgib mich mit Blumen, Wohlgeruch und Stille: nur keine Klagetveiber, die will ich nicht. Nimm dann meine Kleider und Waffen und ziehe hin in Frieden, wohin Allah Dich leitet. Höre mich, ich bitte Dich, ich. Dein Herr, flehe Dich an, wart' noch ein wenig, laß mich jetzt nicht ganz allein!" Und beide Hände dem früheren Sklaven auf die Schultern legend, bat er ihn von neuein: „Bleibe! Bleibe! Du sollst mein Bruder fein!" Doch das vermeintliche Gebot Gottes verhärtete Asfirs Herz, und während seine Augen vor Fanatismus funkelten, machte er sich aus Elias Umarmung mit den Worten los: „Sidi, es ist die heilige Karawane: die Fakire erwarten mich: ich muß augenblicklich fort von hier: es ist mein Kismet." Dann stieg er hinab, auf jeder Stufe das mohammedanische „Credo" wiederholend: hinter ihm schlug die kleine niedrige Poterne mit lautein Knall zu. Noch einige Augenblicke zitterte der schwere Türklopfer nach: dann versank alles wieder in Stille. Auf seinen Divan zurückfallend, seufzte Elias vernichtet: „Ich wußte es wohl, daß ein Tag kommen wird, an dem ich in Zion auch nicht eine einzige, mitleidige Seele finden würde." Bon diesem Augenblicke an verfielen Elias Kräfte sehr rasch: in immer kürzeren Zwischenräumen stellten sich die An- fälle des arabischen Fiebers ein: er fühlte auf seinem Schädel den Druck der Goldbarren, deren blendendes Flimmern er stets vor Augen hatte, gleichviel ob diese offen oder ge- schlössen waren. Auch verfolgten ihn jetzt oft Wabngebilde. Sobald er sich in seinem Obergemach an die Arbeit setzte oder auf der Terrasse ausstreckte, tauchten vor seinen Augen seltsame Erscheinungen auf, bei denen seine Idole und deren Symbole sich mit biblischen Bildern vermischten und ihm zeit- weise Höllenangst einjagten. Die Texte auf Cäciliens Stick- arbeiten fielen ihm ein und Stellen aus den Psalmen: die Verwünschungen des Jesaias dröhnten ihm �in den Obren und unbewußt stammelte er die Namen SalomonS und Jerobeams, Ahabs und Jczabels und aller Könige und Königinnen, die durch ihren Götzendienst den„Ewigen" er- zürnt hatten. Doch eine Erscheinung verfolgte und quälte ihn ganz besonders: die einer unbekannten, riesenhaften, schroffen, unempfindlichen Göttin, die bald blond war wie Cäcilie, bald grau und düster wie das erträumte Basaltidol. Sie um- schlang ihn mit ihren Steinarmen, durchkältete ihn mit dem. Kuß ihres Steinmundes, drückte ihn an ihr Steinherz: dann stieß sie ihn von sich und warf ihn über die Mauern hinweg den wilden Tieren zu, die im Todestal umherstreiften. Und in einer Nacht stand er, von Fieber geschüttelt und von Wahnvorstellungen gepeinigt, auf, verließ die Terrasse und verbrannte in einer silbernen Räucherpfanne, aus der einst die wohlriechenden Dämpfe der Wüstenkräuter sich empor- gekräuselt hatten, sein Mamsikript von der„Auferstehung des Heidentums" und das Bild Jstars mit den Ammonhörnern. Ein dicker, schwarzer Rauch zog sich über die Stadt hin. Um diesen quälenden Wahnvorstellungen zu entgehen, ließ Elias sein Haus allmählich immer mehr im Stich: er flüchtete sich am hellen Tage und irrte zu Fuß durch die öden Felder oder durch die verfallenen Straßen. Und oft schlief er, von Müdigkeit übermannt, in der Hütte eines Hirten oder an einem Meilenstein aus offener Landstraße ein. Manchmal setzte er sich auch hinter der grauen Davids- bürg auf die dem armenischen Kloster gegenüberstehende, von der hohen Cedcr beschattete Bank. Der Traum von Zions Ewigkeit vermischte sich mit dem seinigcn, und in der andächtigen Stimmung dieser tausendjährigen Stätte schmolz seine ganze Bitterkeit in sanfter, schwermütiger Entsagung dahin. Außerdem schienen Orte der Trauer, des Leides und der Verödung eine besondere Anziehungskraft auf ihn auszu- üben: mit Vorliebe folgte er Leichenzügen, besuchte Friedhöfe, mischte sich unter Bllßerprozessioncn und hielt sich oft bei dem blinden Kamel auf: aber lieber hätte er dreimal die Runde um die ganze Stadt gemacht, als daß er an der Grabeskirche vorbei oder durch das Fälschergäßchen gegangen wäre. Fast jeden Freitag begab er sich zur Klagemaucr der Juden. Er sah alle die von den Jahren gekrümmten Rücken, die voin Röcheln eingesunkenen Brüste, die von Tränen ge- röteten Augen, die vom Küssen der Steine verblaßten Lippen und die vom vergeblichen Gebet zitternden Hände: er sah dieses ganze menschliche Leid, dieses ganze menschliche Elend in Lumpen, in Schtveißtüchcrn und in Sammetkastans, sah, wie es auf die Trümmer eines Tempels losstürzte und mit gleicher 5klage, gleicher Verzweiflung und gleichein Vertrauen flehte: „Eile, eile, Netter Israels! Eile, uns zu befreien, Zions Erlöser!" Und er beneidete sie fast und hätte am liebsten selbst, zerknirscht aber gläubig, mit der Stirn an die Mauer ge» stoßen und gebetet: „Ja, eile, Herr, mich zu erlösen!" Der alte Rabbi, der einst seine Hülfe mit der Er- klärung zurückwies:„Wir sind nicht hergekommen um zu leben, wir kamen her um zu sterben," beobachtete ihn unter seiner Pelzmütze hervor, noch hinfälliger, schmutziger, fanati- scher als je, während seine rotuntcrlaufeiren Augen und seine zitternden Stirnlöckchen zu höhnen schienen: „Du hast Dich in Jerucholaim belustigen wollen: nun wohl, jetzt bedecke Deine Seele mit Schmach, und streue Asche auf Dein Haupt!" Als Elias eines Tages auf dem Kirchhofe, der sich an der östlichen Stadtseite befindet, im Schatten eines Grabmals in Gedanken versunken dasaß, sah er den Grafen Bohemnnd die Umwallung entlang reiten. Vom Helm bis zu den Sporen vollständig gerüstet und bewaffnet, schien er sich in hochgradiger Erregung zu befinden. Augenscheinlich suchte er etwas unter den Umwallnngsquadern, an die er von Zeit zu Zeit mit dem Lanzenschaft klopfte. Elias winkte ihm. Er hielt sein Pferd an. „Heil, teurer Freund, seid mir gegrüßt! Wie freue ich mich, Euch wieder einmal zu sehen. Schon lange währt es, daß Ihr uns fliehet. Und gerade jetzt könntet Ihr, als Archäologe, mir einen großen Dienst erweisen." „Mit Vergnügen! Welchen denn?" „Sehen Sie: es ist von großer Wichtigkeit, daß ich die Bresche finde." „Welche Bresche?" „Die Presche in der Umwallung. damit ich in Jerusalem eindringen und es überrumpeln kann." An des Grafen Redeweise gewöhnt, glaubte Elias, jener Wolle sich bildlich ausdrücken. Der andere aber fuhr, mit der Lanze an die Steine klopfend, fort: „Sie muß sich ganz bestimmt hier in der Nähe befinden. Tankred machte sich die von Zion zu nutze: aber Hugues de Vermandois berichtet von einer, die in der Nähe des„Gol- denen Tores" liegen soll. Mein Freund, diese Bresche müssen wir finden! Alles ist bereit, alles, meine Bombarden, Stunnböcke, Widder und Angriffstürme wohl ausgerüstet. denn wir müssen uns beeilen. Nicht wahr, Sie wissen doch, daß jene Jndustrie-Tempelritter ihre Eisenbahn über Abugosch Abu Schusche legen. Schon ist der Grund nivelliert und der Schienenstrang gelegt; in drei Monaten werden sie in Bethlehem sein. Aber sie haben die Rechnung ohne mich ge- macht. Nach Jerusalem sollen sie nicht kommen: das werde ich vor ihrer Ankunft in meinen Besitz gebracht haben. Ver- stehen Sie, mein Freund? Aber Sie müssen mir jetzt helfen, die Bresche zu finden." Durch seine Rüstung beengt, kletterte er mühsam aus dem Sattel, setzte sich neben Elias und breitete auf dem Leichensteine ein Pergament mit verzwickten Zeichnungen aus. Elias hörte ihm gefällig zu. Als der Graf aber endlich wieder weitergaloppierte und sein großer, schwarzer Mantel sich hinter ihm wie eine Trauerfahne blähte, dachte Elias voller Trauer: «Armer Ritter! Hier siehst Du. grausames Zion, was Du aus Deinen Verehrern machst." 9. Es war am Nachmittage- des Karfreitages. In seinen weißen Burnus gehüllt und den Kopf mit einem Damascener Schleier bedeckt, stieg Elias Stufe für Stufe seine steile Treppe hinab. Lange und zärtlich umfaßte sein Blick das alte sarazenische Gebäude mit seinem Hofe aus roten Marmorfliesen, seinen kunstvollen Säulen, seinen schattigen Arkaden und geheimnisvollen Mouscharabis. Dann zog er hinter sich die schwere, kleine Pforte zu. überschritt den von wildwachsenden Blumen strotzenden Vorhof, ging durch das kleine düstere Gäßchen und ließ sich, auf dem großen, grell beleuchteten, öden Davidsplatz angelangt, müde auf einen Eckstein sinken. Er sah außerordentlich blaß aus: bei jedem Herzschlage empfand er einen stechenden Schmerz. Rings umher breitete sich der Frühling aus, jener flüchtige, schmucklose, ernste Frühling der abgestorbenen Oberstadt. Zwischen den blanken Steinen waren Klatschmohn und Gänseblümchen hervorgesproßt, in den Schießscharten Wucher- ten Gerstenhalme, und im Schatten der Feigenbäume machte sich Hahnenfuß breit. Er erinnerte sich des einen Ostermorgens, der diesem Karfreitagsnachmittage ähnelte, und an dem er seine Seele mit diesem Hügel, sowie sein Töchterchen mit einem zwischen dem Pflaster emporgesproßten Maßliebchen verglichen hatte. Ein schmerzliches Bedauern, all dieses verlassen zu sollen, durchzuckte ihn. Doch schnell bestärkte er sich wieder in seinem Ent- schlusse, stand auf und sättigte seinen Blick noch einmal mit allem, was ihm hier so lieb gewesen war: dieser Stille und Klarheit, diesen Ruinen, der ganzen Größe des Verfalles. Dann entfernte er sich mit langsanien, aber festen Schritten. In der Christenstraße waren alle Läden geschlossen: die Einwohner und Pilger befanden sich in der Kirche. Ohne weiteren Aufenthalt gelangte er bis zum dunkeln Gäßchen der Maler, wohin er seit Jahren nicht mehr gekommen war. Infolge eines neuen Schwächeanfalles blieb er einen Augenblick stehen. Aber sogleich raffte er sich wieder auf und schritt nun ruhig weiter, mit gesenkten Lidern und einem Zuge bitterer Enttäuschung um den Mund, doch mit solch einem Ausdruck von Hoheit auf der Stirn, daß sein weißer Schleier und der lange Mantel bis zu dem im Staube schleppenden Saume um ein Abglanz jener strahlenden Hoheit zu sein schienen. Hinter dem Kerzenvorhang seiner Höhle hockend, beobachtete Slamin mit dessen Herrlichkeit es schon längst wieder vorbei war— das Gäßchen von einem bis zum anderen Ende, blickte nach rechts, schaute nach links, spähte nach einem Kunden aus, lauerte auf eine Beute. Plötzlich wurden seine unablässig umherirrenden Augen starr. Sein Gesicht färbte sich dunkelgelb und er fuhr so heftig zusammen, daß die um ihn hängenden Kerzen wie von einem Windstoß bewegt, hin und herschaukelten. Am liebsten wäre er ganz in den Hintergrund, mit dem Gesicht an die Wand, gekrochen, doch vermochte er seine Augen nicht von jener leuchtenden und doch so traurigen Gestalt ab- zuwenden, die sich ihm in der Dämmerung des Gewölbes näherte. Schon war sie im Begriff, ruhig an ihm vorüberzugehen, als Slamin mit verzweifelter Anstrengung den Kerzenvorhang beiseite schob, von seinem Sitz herabsprang und sich ihr vor die Füße warf. „Sidi, habe Mitleid! Verzeihe mir!" Unwillkürlich wich Elias zurück und suchte seinen Weg fortzusetzen. Doch Slamin klammerte sich an ihn und bedeckte seine Hände mit Küssen. „Sidi, verzeihe mir! Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin, würdest Du Mitleid mit mir haben." Dabei hob er sein alt gewordenes, abgemagertes, von geheimer Schande durchfurchtes und von Tränen über- schwemmtes Geficht zu seinem früheren Herrn empor. Ihre Blicke trafen sich. Aus Elias Augen strömte ein Strahl unendlicher Güte hervor. „Schon lange habe ich Dir vergeben," sagte er mild, „ziehe hin in Frieden." Tann stieg er die Stufen zum Heiligen Grabe hinab und schlug den Weg nach der Via dolorosa ein. Und eine„Via dolorosa" war sie zu dieser Stunde wirklick. Büßerprozessionen kamen ihm entgegen, die einen auf der Rückkehr von Gethsemane, die anderen von den Um- Wallungsmauern, die sie, je nach dem Grade ihres Sühne- deliriums, fünf- oder siebenmal umschritten hatten. Alle waren mit Dornen gekrönt und trugen auf der Schulter Kreuze, oft von solcher Größe, daß sie manchmal am Boden nachschleiften. Die Einen waren mit Toten- Hemden, andere mit Bußsäcken bekleidet, alle aber waren hager, blaß, abgezehrt, von Anstrengung und Ermüdung er- schöpft, mit Staub und Schweiß bedeckt, mit nackten Füßen. blutender Stirn, schwieligen Händen und zitternden Lippen. Die Seele vom Körper gelöst, den Körper mit ihrer Bürde beladen, so schritten sie wie in schlafwandelndem Zustande hinter einander her, ohne etwas zu hören, ohne etwas zu sehen, oder ohne das Gesehene auch wirklich wahrzunehmen. Fast alle sahen häßlich, gewöhnlich und ärmlich aus: aber ihr irdisch unschönes Aussehen verklärte die himmlische Schön- heit der Verzückung und um die Dornen an ihren Schläfen wand sich bereits der goldene Heiligenschein des Martyriums. (Schluß folgt.) (Rachdruck vrrbotro.) Oer SatileKof. Bon E. Preczang. l Schluß.) Witwe Trielewitsch schluchzte:„Ich geb' ihn nicht her. Herr. Für alles Geld in der Welt nicht. Sein Geist kriegt ja keine Ruhe." „Da kennen Sie ihn schlecht. Der gute Bonifaziusl Er hat's mir einmal im Vertrauen gestanden"— hier log Moser—„daß es nur an Ihnen liege. Er selber— verzeihen Sie dem Toten, Frau Katharina— wollte lieber heute als morgen seinen sämtlichen Gänsen den Hals umdrehen, wenn er nur aus diesem Stall hier herauskäme. Sagte er! Und Sie? Sie find noch nicht alt, Frau Trielewitsch—' „Eben über die Vierzig." Jetzt log sie. „Na also. Wollen Sie sich hier begraben?" In diesem Augenblicke kehrte der Hirt mit den Gänsen heim. Der Hund sprang ihnen entgegen; sie erhoben ein fürchterliches Geschrei. „Hören Sie?" Frau Katharina war blaß geworden.„Das ist eine Stimme. Ich soll nicht. Nein!" Sie hob die Augen zur Decke.„Fürchte nichts. Bonifazius. Ich hab's Dir in die Hand ge- schworen." Dabei blieb sie. Moser ging und schlug wütend die Haustür zu. Ein Stück Kalk fiel ihm auf den Hut. Er sah nach oben. Ein Riß ging durch die SBcnit. Wie ein Blitz durchfuhr CS ihn:„Baufällig!" Er bejah sich den Giebel. Ter neigte fich ein wenig auf eine«eile. Moser bc- gann zu pfeifen.»Hallohl Greifen wir es einmal aus dem Punkt anl"— Schon am folgenden Tag ging eine Denunziation an die Be» Hörde ab: der baufällige Gänsehof bedrohe Leben und Gesundheit der Passanten. Tie angesehensten Bürger bezeugten es durch ihre Unterschrist. Bald dava»f erschien eine Sachverständigenkommission, darunter ein Regierungsbaumeister, der beim Anblicke Mosers erstaunt sagte: „Ah, S i e?- Eine gelinde Blässe schoß dem Angeredeten ins Gesicht:„Ich habe nicht die Ehre—* »Doch, doch. Wissen Sie nicht— in Berlin?� »Mian kommt mit so vielen zusammen." „Freilich, freilich." Ein Lächeln.„Wenn man baut." Dann mußte Moser den Führer spielen. Frau Trielewitsch er. schrak, als der Besuch kam. Aber sie hatte sich bald genugsam gefaßt, um die Kommission von den langjährigen Zwistigkeiten zu unterrichten. Tie Denunziation sei ein ganz gemeiner Racheakt. Moser protestierte und zeigte ein faustgroßes Stück Kalk, das ihm, wie er sagte, fast die Schädeldecke durchgeschlagen. „Untersuchen wir." Der Baumeister stieg die Leiter hinauf. „Der Riß geht nur durch den Pich. Der Giebel allerdings— hm. Eine Kleinigkeit. Kann noch hundert Jahre so stehen." Die Kommission kroch durch das ganze Haus, in sämtliche Keller- und Bodenecken. Endlich fand man sich wieder in der Stube zusammen. Frau Trielewitsch servierte Obstwein.»Er hat ihn so gern getrunken, mein Seliger." Der Baumeister ließ sich eine Bürste geben:„Es hängt allerlei in Ihrem Haus, das besser draußen wäre. Diese Spinneweben zum Beispiel, lleberhaupt würde es nicht schaden, wenn einmal gründlich ausgefegt würde. Aber das geht uns nichts an. Einige Repara- turen sind notwendig, Frau Trielewitsch. Es wird Ihnen darüber noch ein Bescheid zugehen. Aber baufällig ist Ihr Haus nicht. Ich glaube, eS überlebt unsere Kinder, wenn Sie es nicht abtragen lassen. Ich wünschte, Herr Moser, Sie hätten in Ihren Berliner Kästen so gutes Material verarbeitet und sie auf so feste Beine ge- stellt wie das hier geschehen ist!" »Es tut mir leid. Herr, daß Sie mit Ihrer Anzeige kein Glück gehabt haben," sagte Frau Trielewitsch voller Teilnahme. Moser war schon draußen.— • Der Preetz, den die Witwe des Gänsemästers gegen den Millionär weiterführte, fiel zuungunsten des letzteren aus. Er mußte zahlen, vor allem: er hatte Unrecht bekommen! Das schürte seinen Haß gegen den„Gänsestall" mächtig. Wo zwei oder drei Bürger zusammen waren, hetzte er. Besonders die, die an der Gänse- Passage wohnten, wurden von ihm so lange aufgestachelt, bis eine allgemeine Empörung und Nervosität Platz griff. Das Geschnatter mache sie krank, behaupteten einige. Andere sprachen von der ver- pesteten Luft, die bald eine Epidemie erzeugen werde. Und die dritten fragten, ob d a s da auf der Straße etwa schön sei und in eine vornehme Villenkolonie passe— zu einer Zeit, wo man selbst die Pferde abzuschaffen bemüht sei. Der Automobilbesitzer war Mitaktionär bei der Terraingesell- schaft. Er ging den Berliner Hintermännern Mosers zu Leibe und schwor, daß der unfähige Kerl, der Moser, ihnen schon Hundert- tausende„versaut" habe, weil er es nicht einmal fertig brachte, einen lumpigen Gänseftall vom Erdboden zu tilgen. Sollte denn noch ein anständiger Mensch nach Waldfrieden ziehen? Die Berliner ließen den Angegriffenen kommen und trommelten nicht schlecht auf ihm herum. Er wehrte sich, so gut es ging. Aber der„Schandfleck" blieb— und die Tatsache, daß er die Bodenwerte ungünstig beeinflusse, ebenfalls. Also! Für nichts und wieder nichts kriege er weder Gehalt noch Tantieme— mithin: wenn er keinen Regierungswechsel in der Kolonie wünsche--! Moser wußte genug. Sentimentale Rücksichten kannten die nicht. So wenig wie er selber. Seine Stellung war erschüttert. Ter Regierungsbaumcister mußte auch irgendwo geplaudert haben. Ein paar alte Gläubiger meldeten sich plötzlich Moser zahlte natürlich nicht. Eine Einladung zum Offenbarungseid war die Folge. Das rührte ihn weniger. Dann war eben das halbe Dutzend voll. Rur, daß es diesmal wieder einer„mit Schiebungen" wurde, — um die„Ersparnisse" zu retten. Aber das Ganze griff ihn an. Ter Ehrgeiz kam auch ins Spiel. Er kriegte trübe„Gesichter". Sein„Amulett" mußte her. Er bc- trachtete es öfter und öfter, erfüllt mit bangen Ahnungen von der Vergänglichkeit aller irdischen Herrlichkeit und Größe. Sollte eS ihn doch noch mit einem Ast in Verbindung bringen? Tie„Er- sparniffe" waren nicht groß; wenn Moser viel verdiente, ver- schleuderte er nicht wenig. Es mußte also etwas geschehen. Etwas Bedeutendes, das allen Verlegenheiten ein glänzendes Ende be- leitete. Um es kurz zu sagen: ein„echter, rechter Moser", daß die andren Mund und Nase aussperrten. Was? Er ließ sein„Amulett" wie einen Pendel vor sich hin- und herschwingen. Von da mußte die Inspiration kommen. Und sie kam. Schon nach einer Viertelstunde. Da reckte sich Moser, sah mit glänzenden Augen vor sich hin und sagte:„Donnerwetter! Don— ner— wet— tcr!" Eine halbe Stunde später trat er bei Frau Trielewitsch ein. Sie empfing ihn voller Milde und stillem Verzeihen:„Sie haben mir lange nicht die Freude gemacht, Herr." „Arbeit, Frau Trielewitsch, Arbeit. Viel A erger obendrein, Darf man sich nach Ihrem Befinden erkundigen?" „Tante für gütige Nachfrage. So lange mein Haus steht— und ich hoffe, mich wird es aushalten—. so lange bin ich zufrieden. Und Ihnen? Es ist Ihnen doch hoffentlich nichts auf den Kopf gc» fallen, Herr? Als Sie hereinkamen. Herr?" »Lassen wir die alten Geschichten, Frau Katharina." „Es würde mir aufrichtig leid getan haben, Herr." „Versöhnen wir uns!" »Ich bin nicht nachtragend, Herr." „Darf ich mich setzen und wollen wir eine Flasche Fruchtwein miteinander trinken?" »Ich ziehe Ihnen den Stuhl nicht fort, und die Flaschen ver- stauben im Keller, seit mein Bonifazius dahingegangen ist, von wo keiner wiederkommt. Aber ich glaube nicht, daß die Grundstücks- preise auf die Hälfte herabgegangen sind, Herr. Ich verstehe wenig davon. Sie müssen es mir nicht übelnehmen. Sehen Sie, da habe ich doch noch eine volle Flasche." � Sie schenkte ein:„Glauben Sie an Geister, Herr?" Er dachte an den Strick:„Mitunter." „Letzte Rächt war Bonifazius hier. An meinem Bett. Lachen Sie nicht. Herr. Fünf Finger hielt er hoch. So." Sie spreizte die Hand.„Ich meine nur: er wollte sagen: geh nicht ab davon! Sie wissen schon. Wenn ich es doch täte, er käme jede Nacht, das ist sicher. Ich hielt's nicht ans. So allein wie ich bin." „Sie bedürfen einer männlichen Stütze, Frau Katharina. Wollen Sie meine Frau werden?" ---„Herr!"--- »Es ist ein ernster Antrag!" ---„Herr!"--— »Oder sind Sie mir böse?" »Nicht böse, was man so eigentlich böse nennt. Aber Sie sollten keinen Spaß mit meinem Herzen treiben. Ich bin man eben über die Vierzig, Herr—" »Es ist kein Spaß! Und Sie geben noch eine hübsche junge Frau ab." »Darf ich mir Bedenkzeit bis morgen ausbitten. Herr?" Ihre Stimme zitterte und ihr Geficht rötete sich vor Freude. Er ging:„Werfen Sie Ihr Glück nicht von sich, Frau Triele- witsch!"--- Sie tat's nicht. Der lebendige Moser überwand den seligen Bonifazius. Frau Katharina kam nicht mit leeren Händen. Er hatte es schon von einem Auskunftsbureau. Die Berliner bewunderten ihn. Die Waldfriedencr feierten seinen Opfermut. Denn nun fiel der Gänsehof. Anlagen sollen sich an seiner Stelle erheben mit dem Teich als Mittelpunkt. Die Gänseweide wird Laivn Tennisplatz. Tie Ouadratrute hat einen menschenwürdigen Preis.—» Kleines feirilleton. Theater. Deutsches Theater.„Der Tartüfs." Lustspiel in S Akten von M o l i e r e. Uebcrsetzt von Ludwig Fulda. „Die Mitschuldigen." Lustspiel in drei Aufzügen von Goethe. Frank Wedekind, der Vielseitige, der in dem Münchener Kabaret der elf Scharsrichter seine Gedichte zur Laute vortrug und in dieser Saison, bei den vom Kleinen Theater veranstalteten Aufführungen seiner Dramen als Doktor Hetmann sehr erfolgreich debütierte, dann freilich in der Rolle des Marquis Keilh dcu Mangel darstellerischer Schulung um so deutlicher ver» riet, ist von Direktor Reinhardt wohl in der Hoffnung, daß der Name auch weiterhin zugkräftig auf das Publikum wirken werde, engagiert worden. Reinhardts unruhige, immer nach Neuem aus- schauende Erperimcntierlnst, eine Eigenschaft, die gewiß oft auch sehr glücklich gewirkt, und ihn zu manchem glänzend gelungenen Wagnis mit angetrieben haben mag. scheint hier das künstlerische Urteil arg getrübt zu haben. Tie erste Probe im„Tartüfs" fiel, wie kaum anders zu erwarten war, ungünstig aus. Wenn Wedekind als Tarsteller des wunderlich verrückten«chönheitsfanatikers in seiner„Hidalla" gespannt und gefesselt hatte, so lag das daran. daß die trockene, ihm eigene Art zu der Figur dieses Doktrinärs vorzüglich paßte, und daß sein Spiel hier als persönliches Be- kenntnis empfunden wurde, wodurch das in sich selbst vollkommen unklare und zerfahrene Stück in der Aufführung etwas vom Werte eines psychologischen Dokuments erhielt. Man war frappiert, als man bei Wedekinds Verkörperung des Helden sah, wie ernst er die im Grunde so burlesken Phantasten nahm. Sein Marquis Keith, bei dem diese speziellen das Interesse erregenden Umstände fort- sielen, bot deshalb einen viel zuverlässigeren MaMab der Abschätzung. Ter Eindruck, den Wedekind in diesem zweiten Stück machte, ist wesentlich durch seinen Tartüfs bestätigt worden. Wohl war die Maske, in der er den Moliereschcn Heuchler gab, geschickt gewählt, aber dem Spiel gebrach es an der Fülle der Nuancen; er hielt sich in dem Umkreis einiger weniger Töne und fügte dem stereotypen Bilde nichts Neues, Packendes aus eigener Phantasie hinzu. Mimik und Sprache hatten etwas Eintöniges. Bei der Oi lüsternen Werbung um Elmire, der effekttiollsten Szenen deZ Lust- spiclcs, verhallten die Worte größtenteils ganz unverständlich, so leis und bastig wurden sie hervorgestoßen. Das wenig klangvolle Organ erschreckte hin und wieder durch häßlich breite Töne von dialektischer Färbung. Eine stärkere, ja starke Wirkung erzielte er allein in dem Momente, in der der Kriecher seine Hülle fallen läßt, und in gepreßter Wut, ein zum äußersten entschlossener Ver- brccher, Orgon Rache androht. Auch im übrigen blieb die„Tartüff"- Vorstellung trotz mancher brillanten Einzcllcistungcn, so Tilba D u r i e u x' Elmire und Hedwig Wangels Madame Per- nellc, als Ganzes genommen, hinter dem Niveau der früheren Rcinhardtschen Klassikcraufführungen beträchtlich zurück. Es fehlte der einheitliche Zusammenklang. Georg Engels wandte den Orgon völlig ins Possenhafte und Else Heims wußte mit der Zofe Dorine wenig anzufangen, sie war vorlaut nach Vorschrift und hübsch, doch ohne rechte Dro'leric und Anmut. lim so besser klappte alles in der altmodischen Alexandriner- Verskomödie aus Goethes Leipziger Studentensemestern. In- szenierung und Spiel ließen das Zeitkolorit behaglich, anschaulich hervortreten, und die naiven Ungelenkigkeiten in der Szenenführung erhöhten noch die Vergnüglichkeit. Man sieht da recht bedenkliche Sachen. Der junge Ehemann Sophies, ein Säufer und Spieler, der faulenzend seinem Schwiegervater, dem alten Wirt, auf der Tasche liegt, schleicht auf das Zimmer eines Gastes, der mit Sophie schön tut, plündert die Schatulle und wird zum unfrei- willigen Zeugen davon, wie man ihm Hörner aufsetzt. Auch der neugierige Herr Schwiegervater, der heimlich in den Briefen des Fremden stöbern wollte, kommt angeschlichen. Als der Diebstahl bekannt wird, glaubt die Tochter, daß der Vater, der Vater, daß die Tochter den Coup verübte, und der alte ist erbärmlich genug, seinen Verdacht dem Fremden mitzuteilen. Schließlich gelangt, da sich der Ehemann und Täter verplappert, die Wahrheit an den Tag. Das Soll und Haben gleicht sich aus allen Seiten aus. Die Mitschuldigen, die sich nun wechsclweis nichts vorzu'.oerfen haben, sind, scheint es, ganz zufrieden miteinander. Das Puppenhafte der Figuren in ihrem Hin und Her rückt sie in einen solchen Abstand von dem Zuschauer, daß, was die Empfindungen sonst ver- letzen müßte, weit hinter das Possierliche zurücktritt— wenigstens wenn ein so froh gelauntes Spiel dem Komödiantischen zu Hülfe kommt. Engels als ängstlich neugieriger Wirt schwamm hier recht im Elemente seiner Komik. Paul Biensfeldt gab dem lumpigen Söller eine höchst humoristische Mischung von Seelen- frieden, durchtriebener Pfiffigkeit und alkoholischer Verblödung. Winter st ein war ein stattlicher Alcest, L u c i Höflich eine reizend muntere und unternehmungslustige Sophie. Der Beifall, spärlich beim„Tartüff", klang hier voll und laut.— dt. Kunst. e. s. Bilder französischer Meister bereinigt der Kunstsalon C a s s i r e r zu einer interessanten und gcwäbltcn Ansstellling. Viel neue Sachen sind nicht dabei, doch»mn sieht gute Arbeiten immer gern wieder und prüft dabei die Nachhaltigkeit des Eindrucks. So konstatiert Zman, daß die Schönheit der M o n e t scheu Bilder, ein paar Stücke aus der Serie„Waterloo-Bridge", die im vorigen Jahr entzückte, in gleicher Stärke durch das nochmalige Sehen bestätigt wird. Ein Feuerwerk von Farben in der„Souneiibeleuchtuiig", eine verschleierte Harmonie voller Duft bei.trübe»» Wetter". Das Objekt, das Gesehene, verflüchtigt� sich beinah ins Unwesentliche und es bleibt unter den Händen des Malers nur die schimmernde Oberfläche, die fast unwirklich erscheint. Die Wasserfläche ist ein ruheloses Meer von Tönen, cS blitzt und flirrt darin. Wie eine phantastische Erscheinung bauen sich hinter luftig- grauen Nebeln die Massen der Brücke, die sich in Bogen über das Wasser spannen, auf. Das Geivimmel der Spaziergänger wirkt wie ein prickelndes Konzert von Farben und man denkt an die feinen Holzschnitte der Japaner, die oft mit Geschick dieses Motiv der über eine Brücke strömenden Mcirge ver- wenden. Auch der Ausschnitt ist ein ähnliches, die Wasserfläche vorn, schräghin die Brücke, von links naiü rechts laufend. Da der JnrpressioniSinus in Paris unter dem Einfluß der japanischen Kunst entstand, so ist ziemlich mit Sicherheit anzunehmen, daß Monct dieS Motiv der japanischen Kunst entnahm. Auch das stimmt damit, daß Monet darauf kam, ganze Serien des Motivs zu malen in ver- schiedener Beleuchtung. Auch die Japaner machen es so. Sie malen „hundert Ansichten" einer und derselben Landschaft zu iinmer wieder wechselnder Zeit. Gleichwertig neben Monet steht Pissarro mit zwei schönon Landschaften. Das eine ein Parkbild„Stadtgartcn" betitelt, in locker silbernen Tönen. Auch hier entzückt die subtile Art, init der das Figürliche de>n Ganzen eingefügt ist. Namentlich die Damen, die vorn unter dem Schatten eines Baumes sitzen, sind leicht und doch sicher hingesetzt. Da lebt jeder Strich und dennoch fügt sich alles zum festen Gesamteindruck zusammen. Eine besondere Vor- nehmheit erhält das Bild durch die silbern grüne Farbenstimmung. die über dem Ganzen liegt. Wie lebhaft sind die Kinder gesehen, die im Sande spielen, die dicke Frau, in Grau gekleidet, die auf den Beschauer znkoinnit. Natürliches Leben, nnbcobachtct erlauscht, in vollendeter Farbenschönheit. So leise ist da alle? gc- gebe» und klingt nie ganz aus. Man kann solch' ein Bild lange betrachten. Immer wieder findet inni» neue Reize. Im Gegensatz dazu breitet sich über da? andere Bild, ein Stück Ackerland, ein goldiger Schimmer, der ruhig über dem Ganzen liegt. Auch hier ist alles, der Weg über Land, die Bäume, das Gras am Boden, in zarteste»» Nuancen gegeben. Der Maler scheut das Allzu-Grobe, Sinnfällige. Aehnlich. aber noch subtiler in den Einzelheiten, noch schwingender in» Atmosphärischen,»nalt S i s l e y einen Sonunertag im Grüne». Ein Motiv ohne Inhalt. Kaum eine Landschaft. Ein anspruchsloses Stück Wiesenlaud, arif dem ein Baum steht. Aber der Himmel darüber hat ein so leuchtend rosiges Grau, das Grün ist so leicht und fein, daß die ganze Schönheit eines Sominertages in diesen» Bilde mit»nianffälliger Betoirring erzählt ist. Das Weiche, Graue in der Luft solch eines heißen Tages ist vorzüglich gegeben, ebenso die Ruhe, das Schweigen in der Fülle, das Warten. Ganz anders»nalt M a n e t solch einen Naturansschnitt. Er ist derber, robuster, zugleich eleganter, bewußter. Was bei Sislel» unentschieden, in seiner Zartheit der Nuancen une»»dlich silbtil ist, das treibt Manet bis zum äußerste» in der Schärfe des Vortrages. Was bei Pissarro leise sich»neldete, da? Hiirbrängen zum Stil, bei Manet ist es zum Drrrchbruch gekominen. Das Motiv: eine Garten- hecke, alle» in vollstem Grün prangend. Mit Entschiedenheit ist diese Fülle des Grünen betont. Strich an Strich voller Verve und Bewußtheit. Bei ui»s hat Trübner von Manet gelernt. Auch er bevorzugt in seinen Landschaften dieses kühle, breite Grün, das zugleich den Ton der Luft so fein wieder gibt. Bei Monet flinnnert alles, ist in kleinste Teilchen zerlegt, aus diesen baut sich der Eindruck auf. Bei Manet ist alles Klarheit, Deutlich- keit, Stil. Manet führt das Vielfältige arif das Wenige zurück. Darrm» diese mouunientale Ruhe selbst in seinen Landfchastei». Bei Renoir muß man zwei Perioden unterscheiden. In der einen malt er in braunen, schwarzen Tönen sehr vornehin»»nd locker Ausschnitte aus dem Leben,»neist Damen in der Loge im Theater. Das gelbliche, dämmerige Licht ist dem Milieu günstig. Un- willkürlich ist die Erscheinung in einedem Alelierlichtähnlichc Beleuchtung gerückt. Da beobachtet Renoir sehr fein und ist, wenn auch äußerlich ui»modern, so doch von äußerster Lebhaftigkeit»»»d Schönheit. Es liegt eine alte, schone Reife über semer Kunst. Dann huldigt er dem Freilicht. Und es ist, als wollte er resolut übertreiben. ES ist, als hätte er noch nicht die Fähigkeit, wirklich getreu zu sehen. Dieses Blau, das er gibt, dieses Rot, sie haben so etwas Ver- blasenes. die Gesichter so ctlvas Süßliches, der Ausdruck etivas Starres. Nur das eine»nerkt man: Hier ist schon der Anfang der modernen französischen Karikatur und Zeichnung zu spüre»». Das sind Farben, die»rebe»» den Arbeiten von modernen Zeichnern Frankreichs n»it Ehren bestehen können. Auch hier lebt schon ein karikaturistischer Stil, geboren aus einer m»- voreiiigenommcnen, temperamentvollen Betrachtung des Lebe»»?. Aber künstlerisch feiner erscheinen die alten, brauntoirigen Bilder, ein Bild, das diese Betrachtung abschließt, das eme Loge zeigt, in der eiire Dame sitzt, während ein Kind im Profil sichtbar ist, steht als Beiveis dafür, daß Renoir in dieser Art eine Ruhe der küustlerischen Sammlung, eine Reife und Schönheit in der Pracht der Farben erreicht hat, die seine andersartigen, helleren Bilder nicht haben. Zlim Schluß muß noch ein Bild von M e u n i c r erlvähnt werden, das auf der großen Ausstellung nicht zu sehen»var, das aber eines der besten Bilder von Meunier ist. Es stellt einen Zug Arbeiter dar. Die Typen sind fest herausgearbeitet. Es ist Be- lvegung i»l den» Zug. Die Farben sind düster. Das Ganze ist zeichnerisch angelegt. Prachtvoll arbeiten sich die lvenigen Farben aus dem düsteren Hintergrund heraus. Es ist Strenge und Stil in dem Bilde.— Notizen. — Ein Preisausschreiben für»nehraktige drainatische Dichtungen erläßt die Zeitschrift„Deutscher Kampf"(Leipzig, Kronprinzenstr. 70). Der erste Preis beträgt 1000 M. der zweite 500 M.— — Rudolf Rittner hat ein»icticS, bieraktigcs Schauspiel vollendet:„Narren glänz".— — Im Wiener Bürgertheater fand ein neues Volks- stück,„Wurmstichig", lebhaften Beifall. Verfasser ist ein Wiener Landesgerichtsrat.— — 200 000 Mark wird die soeben beschlossene Neu- b e a r b e i t ii n g des Verzeichnisses der Kunst-Denkmäler in der Provinz Brandenburg erfordern. Die Ver- ösfentlichnng wird zun» Teil mit farbigen Abbild»mgcn a»lögestattct »verde»».— t. Der kleinste Elektromotor der Welt befindet sich nach Angabe des„American Machinist" im Besitz eines Elektro- techi»ikerö und Uhrmacher? in Texas. Der winzige Apparat»vicgt knapp 2 Gramin und»vird durch den Strom einer kleinen Chlor- silbcrbattcrie betrieben. Die Magneten sind aus zwei sehr feinen Stückchen Eisenblech hergestellt, die sorgfältig abgeschabt und poliert sind. Als Leiter wird nicht Kupfer, sonder»» Gold benutzt. Die Magneten»»'erden durch goldene Schrauben zusammengehaltei», sind niit sehr feinen seidcbesponnencm Gvlddraht unilvunden, und die Stäbe des Umschalters bcstcheu gleichfalls aus Gold.— ?e,'"itwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck»».. lag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VcrlagsaiistaltPaulSi>»geräiCo.,Berli>tS�V.