AnterhaltungsMatt des Horivärts Nr. 82. Sonnabend, den 23. April. 1906 (Nachdruck verbalen.) Die Eroberung von Jerusalem. Roman Von Mhriam Harry. 43] Autorisierte Uebersetzung aus dem Französische» von Alfred ipenker� l Schluß.) Ermattet und erschöpft fingen einige an zu wanken. fielen auf die Knie, erhoben sich wieder, schöpften dann, auf die an die Mauer gelehnten Kreuze gestützt, einen Augenblick Atem und bildeten so eine Hecke Von lebenden Kruzifixen. Manchmal hefteten sich ihre Blicke auf Elias, wie er- staunt darüber, an diesem Trauertage und auf dieser Straße des Todeskampfes einen Menschen anzutreffen, der kein Kreuz trug. In diesem traurigen Aufzuge gab es so Viele gebrechliche Greise und schmerzgebeugte alte Weiblcin, so Viele, denen man das Weh über getäuschte Hoffnungen ansah, so Viele, durch deren sanfte Güte bitteres Herzeleid schimmerte, so Viele, deren Erhabenheit den inneren Jammer nur schlecht Verbarg, daß Elias sein eigenes Unglück Vergaß, und sein Herz über fremdes in Mitleid erbebte. Plötzlich brach dicht Vor seinen Augen eine Frau zu- sammen. Er fing sie in den Armen auf, setzte sie auf einen Stein am Rande der Straße, wischte ihr mit seinem Damas- ccner Schleier den Schweiß Vom Gesicht und setzte dann seinen Weg weiter fort. Die Straße Verödete wieder. Die Büßerprozession war zum Golgathahügel emporgestiegen.- Eine unüberwindliche Mattigkeit überfiel ihn. Nie war ihm ein Weg so lang Vorgekommen. Einen Augenblick setzte er sich auf eine wacklige Treppe. Den Kopf an die Wand lehnend, sah er wirr und kraus Er- innernngcn aus der Jugend an seinem geistigen Auge Vor- überziehen: Das kleine Haus, seine Mutter, seinen Onkel, das Waisenhaus, die alte Bibel und die Religuien aus Jeru- salem, und in seinen Ohren hörte er wieder die rätselhaften, bezaubernden Worte: „O Jungfrau, Tochter Zions, glücklich der Sterbliche, der im Schatten Deiner Mauern ruht." „Ja," wiederholte er laut,„glücklich der Sterbliche, der da ruhet!" Er erhob sich. Aber nun schien es ihm. als ob sein Kopf unter Dornen blute und ein Biißerkreuz seine Schultern drücke. Seine Augen zum„Ecce-Homo-Bogen"' einporrichten.d, sagte er: „Ach, Cäcilie, Cäcilie! Mit Deinen sonnenbeschienenen Fingern hast Du die Krone gewunden, die jetzt meine Stirn zerfleischt und ich selbst habe mir, als ich neben Dir in der Passionsblumenlaube saß, mein Kreuz gezimmert." So war er allmählich an dem Stefanstore angelangt, wo die Vom Pilgerzuge angelockten,„außerhalb des Lebens Stehenden" wie ein Häuflein Unglück hockten. Von der Last des eigenen Leides niedergedrückt, vermied Elias, sie anzusehen, und schritt ungerührt zwischen ihnen hin- durch. Plötzlich aber fühlte er, daß sein Mantel festgehalten wurde und wandte sich um. Es war die Aussatzige, die den Saum seines Mantels gefaßt hatte und an ihre wunden Lippen drückte. An dieser Bewegung erkannte er sie wieder, denn seit kurzer Zeit hatte die Krankheit sie so furchtbar entstellt, daß sogar ihre Augen sich in eine glasige Masse verwandelt hatten, in der man nur noch ganz undeutlich einen letzten Schimmer vcrzweiflungsvoller Zärtlichkeit zu erkennen vermochte. � Er blieb stehen und betrachtete lange niit einein unsäglich wehen, sanften Gefühl die Häßlichkeit dieses Antlitzes. „Sie allein hat mich wirklich geliebt." Und er suchte etwas, das er ihr zum letzten Andenken geben könnte. Doch seine Taschen waren leer, und schon entfernte er sich betrübt, als er plötzlich seinen Trauring glänzen sah. Eilig zog er ihn von seinem abgemagerten Finger, ging denselben Weg zurück und warf der Aussätzigen den Ring in die kleine Bettelschale. „Das sind meine wahren Bräute; ich vermähle mich mit der Lepra und dem Tode." Im vollen Laufe floh er der Kidronbrücke zu, um auf der anderen Seite den Abhang des Oelberges empor zu klimmen. Im Gethsemane der Franziskaner sangen die Pilger das „Lamento", während sich bläuliche Weihrauchwölkchen empor- kräuselten. Doch Elias beschleunigte seinen Schritt und stieg noch höher hinauf zu einem anderen Gethsemane, dem der Armen, das nur von Oelbäumen eingeschlossen, ohne Kapelle, ohne Weihrauchfässer war. Er setzte sich unter einen der vielhundertjährigen Bäume, wo einst„des Menschen Sohn" in seiner Todesangst gerungen haben soll. Ihm gegenüber dehnten sich am Bergeshang die Fried'- Höfe wie weiße Leichentücher aus, und die harte eckige Linie der Zinnen über ihnen glich einem auf diese gigantischen Leichentücher gesetzten Knochcn-Diadem. Einige Pilger schleppten sich in übermäßiger Frömmig. keit noch immer am Fuße der Stadt mühsam dahin, und man hörte den„Letzten Propheten" schreien: „Wehe Dir, Du Geschlecht von Hoffärtigen und Be- trügern! Jerusalem ist wie Moloch; es nähret sich von Tränen und Verzweiflung." „Ja," wiederholte Elias,„es ist wie Moloch!" Und er wandte seine Blicke von der Stadt ab. Unten schmückten sich die Hänge des Scopus und die von Silva mit dem bunten Schmelz des judäischen Frühlings. Frauen kehrten mit der Amphore auf dem Kopfe und wehenden Aermeln von einer Quelle heim. Auf dem nach Bethanien führenden Wege kam eine mit Palmen zum Osterfeste beladene Kamelkarawane herbei; es sah aus, als ob die langen biegsamen Zweige, die sich bei jedem Schritte langsam hoben und senkten, mit ihren sanften, friedlichen Bewegungen den Segen erteilten. Heiter ging der Tag zur Rüste. Ein lauer Hauch strich durch die Wipfel der Oelbäume. Vielleicht waren es die- selben, die einst bei dem erhabenen Schwächeanfall Christi ge- zittert hatten. Rings um Elias sproßten kleine Blumen mit roten und gelben Blüten— Bluts- und Schweißtropfen— die der Sage nach aus diesen Anzeichen Seiner Todesangst gekeimt fein sollen. Und die Schönheit jenes Todeskampfes erfüllte chn mit Neid, als er dachte: „Er wußte, daß Er in die Glorie Seines Vaters ein- gehen werde und daß die, welch- er verließ, nicht von Seinem Fleisch und Blut waren. Doch ich. ich weiß nicht, wohin ich gehe, und ich hinterlasse ein angebetetes, schwächliches Kind, das dann ganz allein in der Welt dastehen wird." Das Gesicht in den Schleier vergrabend, weinte er bittere Tränen. Von neuem erzitterten bei einem Windstöße die frieden- spendenden Zweige der vielhundertjährigen Bäume und strciiten kleine Silberblättchen auf den weißen Mantel und das Damascener Schwcißtuch. Von der um ihn herrschenden Ruhe gestärkt, erhob Elias sich. Ihm eilte es, ein Ende zu machen; rasch schritt er den mit Kaktus umsäumten Fußpfad hinan, der zu � dem mohammedanischen Dörfchen und dem dort erbauten Mmaret führte. Von hier aus hatte er einst Jerusalem zum ersten Male geschaut. Hinter der Stadt versank die Sonne, und nun flammten ihre Umrisse im Abendrot auf. wie sie einst im Morgenlicht strahlend hervorgetreten waren. � Ihre Zinnen, Brüstungen, Türme, Dome, Kuppeln. Spitzen, Kreuze, Halbmonde und Triangeln glitzerten in goldigem Schein, gingen dann in dunkles Karfunkelrot über, wurden bläulich wie Amethyste und„strahlend und geschmückt wie in ihren Jugendtagen" lächelte die Stadt, wie eine könig« liche Braut, die ihren Gatten erwartet. Elias sah sich, wie er vor fünfzehn Jahren gewesen Kar. von Dünkel erfüllt, im Glauben stark, mit herrischer. Gebärde Las Josaphattal kn Besitz nchmenö und durch seine feurige Megeisterung die Stadt selbst an sich reißend... Unten im Dörfchen graste eine Ziege auf einem Dache... Rosmarin und Asop sproßten in den Mauerlücken... irgendwo lockten sich Turteltauben. Die Natur um ihn war unverändert geblieben. „Der Mensch allein verändert sich, entartet und ver- geht... Warum legen wir also der menschlichen Kreatur und dem unfehlbaren Geschick des Todes so großes Gewicht bei? Ob man bis zuin Ende ausharrt oder sich schon früher ent- fernt, ändert nichts an der Harmonie der Welten. Warum sollte ich mich noch länger quälen?" Und fest entschlossen umschritt er wie einst die Brüstung. Die Luft war wunderbar klar und durchsichtig. Zur Linken wärmten sich die wie mit gelben gestreiften Burnussen bekleideten, im Halbkreise hockenden Kuppen von Ephraim an den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Zur Rechten glitzerten noch die dunklen, vulkanischen Ketten von Saba vor Hitze: hinter Galaads Balsambäumen ruhte Jericho: wie ein Zinnschild lag das Meer von Sodom im Sande vergraben: im zarten Abendrot gingen Moabs blaue Berge auf und etwas näher.reckte der silberweiße Gipfel des Nebo sein grämliches, verdrießliches Greisen- Profil zum Himmel empor. „Ach," seufzte Elias,„wie Moses durfte ich das Land Kanaan sehen, aber wie er, so bin auch ich nicht hinein- gelangt." Dann stand er wieder der Stadt gegenüber. Sie war erloschen. Schatten wogten über den ab- schüssigen Friedhöfen, über Hakeldama, dem mit Judas Silberlingen angekauften Blutacker, und über dem Berge des Acrgernisses, wo Salamon, Jehovas uneingedenk, den Götzen feiner fremden Weiber geopfert hatte. lieber dem Todestal breitete sich ein dicker Nebel aus. Bon Jerusalems Brüstungen erscholl der Ruf des„Letzten Propheten": „Bereuet! Bereuet!" Da schwang Elias sich über das Geländer und stürzte sich in die Tiefe. 10 Als die Aussätzige sich'von ihrer Verblüffung beim An- blick des in ihrer Bettlerschale liegenden, goldenen Ringes erholt hatte, sagte sie sich: „Ohne Zweifel will der Rabbi, daß ich ihm folge." Nachdem sie den Trauring in einen Zipfel ihres Schleiers geknüpft hatte— über ihre Fingerstümpfe konnte sie ihn nicht mehr streifen— stand sie auf und stieg, auf ihren Stock gestützt, die Fußstümpfe mit Lumpen umwickelt, humpelnd und hinkend den Hügel hinab, um die Kidron- brücke zu überschreiten und ihren Meister einzuholen, der hinter dem Gethsemane-Garten verschwunden war. Als sie aber unten angelangt und gerade im Begriff war, die andere Seite wieder mühsam emporzuklettern, sah sie plötzlich ein paar große, weiße Flügel die Luft durch- schneiden und hörte etwas nnt dumpfem Laut auf die Leichen- steine aufschlagen. Ohne eigentlich zu wissen, warum, lenkte sie ihre Schritte dorthin, indem sie sich auf die Stelen stützte, an den Dornen- ranken hielt und auf Knien und Händen weiterschleppte. So gelangte sie endlich in das Tal Josaphat, wo sie in einer un- förmigen, blutigen, an einem Grabmal zerschellten Masse den wiedererkannte, den sie in dem hoffenden Herzen einer Aus- sätzigen noch immer den„Messias" nannte. Sie hockte sich hin und wickelte ihn in die Falten ihres Mantels, dann schleppte sie sich unter furchtbaren Qualen bis zum nächsten Quell, aus dem sie mit ihrer Bettlerschale Wasser schöpfte. Auf der Erde neben Elias sitzend, bettete sie sein Haupt auf ihren Knien, und mit unendlicher A.rtheit und Vorsicht wusch sie sein Gesicht. Dann fing sie an, ihn mit ihren armen, liderlosen Augen zu betrachten, mit ihrem lippenlosen Munde zu küssen, mit ihren fingerlosen Händen zu liebkosen, mit allen Namen, die ihre unvergängliche, strahlende Zärtlichkeit .ihr eingab, zu schmücken. Sie war glücklich, unsagbar glücklich, und segnete den Himmel, der dieses Wunder gefügt hatte, daß sie, die Aus- fätzige, ihren Herrn so in ihren Armen liebkosen durfte, ohne Furcht, seine Schönheit zu zerstören. Denn nun war er sicherlich noch verstümmelter und fast noch unkenntlicher als sie. „Er hat sich erinnert, daß ich ihn mein ganzes Leben lang geliebt habe, und mich zu seiner Todesgefährtin cr° koren." Bald aber sank die Nacht in das Tal, und da sie ihn nun nicht mehr betrachten konnte, schlief sie, ihr Haupt an das seinige gelehnt, ein. Vom Leichcngeruch angelockt, krochen Schakale und Hyänen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Schnaubend und schnüffelnd umkreisten sie dieses seltsame Paar und singen schließlich au, den Toten an den Beinen zu zerren. Auf- schreckend erwachte sie, denn ihr hatte geträumt, man habe ihr den geliebten Herrn geraubt. Mit Bestürzung bemerkte sie, daß er ihr wirklich vom Schöße geglitten war. Die ganze Nacht hindurch verteidigte sie ihn gegen die wilden Tiere. Zuerst warf sie mit Steinen nach ihnen oder jagte sie mit Stockschlägen fort. Als sie später jedoch, kühner werdend, sich trotzdem immer mehr näherten, legte sie sich über ihn, um ihn mit ihren? Leibe zu decken. Da zogen selbst diese unreinen Tiere sich einen Augenblick angeekelt zurück: bald aber setzten sie ihre Angriffe fort und wagten sich nun sogar an sie, die Aussätzige. Jetzt ergriff sie einen Steil?, trommelte damit auf ihre Bettlerschale, sang?nit ihrer von der Krankheit vernichteten Stimme ei?? so gräßliches Lied und tanzte auf ihren Bein- stürnpfen eine?? so schauerlichen Totentanz dazu, daß sich den Bestien das Fell sträubte ui?d diese Gräbergäste entsetzt in ihre Höhle krochen, wo sie bis zum Tagesailbruch heulte??. Als das Morgenrot die Stadt von neuen? mit seinen? Glänze überstrahlte, zogen an jener Stelle auf ihrem Wege nach Jerusalem Kameltreiber vorbei, die zum christliche?? Osterfeste Friedenspalmen vom Jordan herbrachte??. Einer von ihnen stieg aus Neugierde in je??es Tal hinab, und als er an Elias Kleidern sah. daß der Tote ein Mann von vor??ehmem Stande war, rief er einen Freund herber, lud mit dessen Hülfe die Leiche auf ein Kamel lind bettete sie dort unter Pal?nen. So langten die Kameltreiber a?n St. Stephanstore a??, ivo sie, vor Schreck noch ganz bestürzt, der Wache mitteilten, sie hätte?? dort rillte?? noch eine andere Leiche, die einer Aus- sätzigen, gefunden, welche mit dieser errg rrmschlungen ge>vesen »väre. Sicherlich hatte sie Allahs Hand in deinselben Augen- blicke getroffen, da sie de?? Verstorbenen auszrlplünderi? ver- suchte: denn in einer Harrd hätte sie einen goldenen Ring krampfhaft festgehalten. So starb in? Alter von vierundvierzig Jahren Elias Jamain. � � Als Slamin all dieses erfuhr, schilitt er den voi? der Decke seines Gelnölbes herabhängenden Strick ab u??d ging aus der Stadt nach Hakeldama, dem Blutacker zu; und ai? den? Baume, der bis auf den heutigen Tag„Jschariotsgalge??" heißt, erhängte �r sich.— (Nachdruck vcrbole».) Der Sou phlUpp Hugufts- Von Paul D e s c l a u x. Autorisierte Uebersctzung aus dem Frai?zösischen. Ms ich meine unschätzbaren Dienste noch dem Staat tvidmete und die Stunden von 9 bis S Uhr damit verbrachte, sehnsüchtig auf den Bureauschluß zu warten, speiste ich in einem Restaurant in der Rue Gay-Luffac. Eines Tages trat ein älterer, würdiger Herr, den ich schon etlichemal im Lokal gesehen hatte, an meinen Tisch und hielt mir folgende kleine Rede: „Mein Herr, Sie sind mir vom ersten Augenblick ungemein siliilpathisch gelvcsen. Würden Sie wohl gestatten, daß ich in Ihrer Gesellschaft speise?" „Aber mit Vergnügen, mein Herr II erwiderte ich.„Sehr an- genehm!" Der alte Herr legte eine dickbäuchige Aktenmappe aus braunen? Leder auf den Tisch und stellte mit dein Kellner sein Diner zusamincn. Dann lvandte er sich lviedcr zu mir und sagte: „Erlauben Sie zunächst, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Martinier. Ich bin Privatdozent der Archäologie an der Sarbonne." Ich verbeugte mich und nannte gleichfalls meinen Namen. „Sehen Sie, mein Herr", fuhr der Greis fort,„meine Frau und meine Tochter sind in Trouville, inich aber hält eine doppelte Aufgabe in Paris zurück. Erste??» vollende ich gerade eine Arbeit über die Kahlköpfigkeit in den verschiedenen Zeitaltern und zweitens befinde ich mich auf der Suche nach einem Sou aus der Zeit Philipp Augusts, einem Sou, der uns aus den Chroniken jener Epoche wohlbekannt, jedoch nur in einen? einzige?? Exemplar auf unsere Zeit gekommen ist. Das, mein Herr, ist der Grund, warum ich momentan im Restaurant speise, und diesem Umstand' verdanke ich da° Vergnügen Ihrer Bekanntschaft." Ich drückte seine Hand, die er mir über den Tisch reichte, und der Greis fuhr fort: „Sie werden es bielleicht nicht glauben, mein junger Freund, daß es drei Arten von Kahlköpfigkeit gibt?" Und nun verbreitete er sich zwei geschlagene Stunden über dieses Thema. Von da an speisten wir jeden Tag zusanimen. Abgesehen von seinen beiden Schrullen, der Kahlköpfigkeit und dem Sou Philipp Augusts, war Herr Martinier ein äußerst angenehmer Mensch, in dessen Gesellschaft ich mich vortrefflich unterhielt. Eines Sonnabends schlug er mir vor: „Wollen wir morgen einen kleinen Ausflug nach Trouville machen? Sie sind dort mein Gast, ich stelle Sie meinen Damen vor. und Montag früh kehren wir wieder zu unserer Arbeit zurück. Sagen Sie nicht„nein", bitte!" Und ich sagte in der Tat nicht„nein". Ich war neugierig, die Familie dieses Originals kennen zu lernen. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Trouville. Die Gattin des alten Archäologen war eine prächtige Matrone; seine Tochter Amalie war einfach entzückend, und ich verliebte mich auf der Stelle in sie. Am nächsten Tage begann unser Restaurantleben wieder. Aber da sich mein ganzes Sein und Denken um Fräulein Amalie drehte, war ich ein schlechter Gesellschafter für meinen Tischgenoffen, dem meine Einsilbigkeit und Zerstreutheit bald auffiel. „Was haben Sie, junger Freund?" erkundigte er sich.„Sind Sie krank? VerWagen Sie die Meerluft nicht?... Wollen Sie cS mir glauben, mein Lieber," fügte er hinzu, wieder zu seinem Lieblingsthema übergehend,„daß das Meerwasser ein ausgezeichnetes Vorbeugungsmittel gegen die Kahlköpfigkeit ist?" Eine Stunde sprach er von der Heilkraft des Meerwassers bei der Kahlköpfigkeit, und als er dieses Thema endlich verließ, begann er vom Sou Philipp Augusts zu dozieren, der sich absolut nicht finden lassen wollte. Ein zweiter Ausflug nach Trouville brachte nur die Gewißheit, daß ich Fräulein Amalie nicht gleichgültig sei, und auf der Rück- fahrt, während der alte Archäologe von Plilipp August sprach, über- legte ich die Ausdrücke, in denen ich ihn um die Hand meiner Aus- erkorenen bitten wollte. Er hatte mir seine Sympathie des öfteren so unverhohlen aus- gedrückt, daß ich ohne sonderliche Angst am nächsten Tage zwischen Käse und Obst zur Tat schritt. „Was denken Sie von mir, Herr Martinier?" fragte ich. „Nun, mein lieber Freund, ich denke, daß Sie ein prächtiger junger Mann find." „Glauben Sie. daß ich heiraten darf?" „Aber natürlich! Ich glaube sogar, daß Sie einen ausgezeichneten Ehemann abgeben werden! „Besten Dank! Also: ich will mich in der Tat verheiraten und zwar möglichst bald. Ich habe eine reizende junge Dame kennen gelernt. Ich bete sie an, ich habe Grund zu glauben, daß ich ihr nicht gleichgültig bin, und ich stehe im Begriff, ihren Vater um ihre Hand zu bitten." „Bravo, junger Mann I Meinen herzlichsten Glückwunsch l— Kellner, eine Flasche Champagner!" Als der Pftopfen gegen die Decke geknallt lvar, füllte Herr Martinier die beiden Gläser und trank auf mein Wohl. „Und jetzt— wer ist es?" fragte er, seinen Kelch auf den Tisch zurückstellend.„Kenne ich die Dame?" „Sehr genau sogar!" antwortete ich lächelnd.„Die Dame heißt Fräulein Amalie Martinierl" „Wie sagen Sie?" Mit einem Schlage war das Gesicht des alten Gelehrten tief- ernst geworden. „Jawohl, Fräulein Amalie!" wiederholte ich. „Oh! junger Mann, das tut mir sehr leid, um Ihretwillen sehr leid! Ich schätze Sie überaus hoch, das ist richtig, aber meine Tochter wird nur einen Archäologen heiraten! Daran ist nichts zu ändern, und ich bedaure unendlich, daß Sie sich... Welch sonder- barer Einfall von Ihnen l Ich... Wissen Sie was! Ich werde Sie meinem Freund Duranfart vorstellen, dem Abteilungschef im Kultusministerium. Sie werden seine Tochter heiraten. Die Dame hat zwar ein künstliches Bein, aber abgesehen davon ist sie ent- zückend. Sie sind reich, sie hat 300 000 Frank Mitgift, Sie werden sehr glücklich werden.... Das gefällt Ihnen nicht? Na, wir werden schon etwas anderes finden, aber, bitte, sprechen wir nicht mehr von meiner Tochter.... Wissen Sie schon, daß man jüngst in Athen ein Manuskript des Anaxagoras über die Kahlköpfigkeit entdeckt hat?" Und während ich traurig an mein verlorenes Glück dachte, ver- breitete er sich ausführlich über dieses Manuskript. Am Tage nach dieser denkwürdigen Szene schützte ich eine Familienangelegenheit vor und fuhr nach Trouville. Ich besuchte die Damen Martinier, die gerade ihre Koffer packten, um nach Paris zurückzukehren, und erzählte ihnen mein Mißgeschick. Die Damen suchten mich nach Kräften zu trösten. „Werden Sie Archäologe!" riet die Mutter. „Finden Sic den Sou Philipp Augusts l" schlug die Tochter vor, Den Sou Philipp Augusts finden? wiederholte ich mir im Waggon auf der Heimfahrt. Das ist leicht gesagt, aber ich sehe nicht recht, wie ich das beginnen soll? In Paris angelangt, kletterte ich auf das Verdeck des Omnibus St. Lazare— St. Michel, um nach Hause zu fahren. Der Schaffner kam mit dem Fahrschein. Ich griff in die Tasche und reichte ihm drei Sou. „Na, hören Sie inal, mein Herr, der hier gilt ja nicht mehr I" Damit gab er mir— wie mochte er nur in meine Tasche ge- kommen sein?— einen noch ziemlich gut erhaltenen Sou aus der Zeit des Bürgerkönigs Louis Philippe zurück. Ich gab dem Schaffner einen andern Sou, steckte den ungültigen in die Tasche und dachte seufzend: Wenn Du noch wenigstens aus der Zeit Philipp Augusts stammtest l Plötzlich blitzte ein Gedanke in meinem Hirn auf. Ich holte den Sou Louis Philippe wieder aus der Tasche, bettachtete ihn von neuem und hätte beinahe wie Archimedes gerufen:„Heureka I" Gerade langte der Omnibus an der Place St. Michel an. Ich stürzte Hals über Kopf die steile Treppe vom Verdeck herunter und eilte zum nächstbesten Drogisten. Eine Viertelstunde später in meinem Zimmer lag der alte Sou, den ich an bestimmten Stellen mit einer Wachsschicht uberzogen hatte, in einem Bade von konzentrierter Salpetersäure. Als ich ihn heraus- nahm, sah er ganz dünn, klein und wie angenagt aus. Der Kopf Louis Philipps war fast gar nicht mehr zu erkennen, und von der Inschrift ließen sich nur mit Mühe die Buchstaben Philip... Fran... entziffern. Mein Sou glänzte, als sei er aus purem Golde. Ich mußte ihn jetzt„altern". Zu dein Zwecke steckte ich ihn in einen Blumen- topf, dessen Erde ich reichlich mit Dung versetzt hatte. Als mein Sou acht Tage später wieder das Tageslicht erblickte, hatte er die schönste Patina angesetzt und machte den Eindruck einer etliche Jahr- hunderte alten Münze. Es handelte sich jetzt nur noch darum, ihn dem alten Archäologen zu präsentieren. Seit der Rückkehr seiner Familie speiste er nicht mehr im Restaurant, und ich traf ihn nur selten. Er war immer noch freundlich und liebenswürdig zu mir, aber er sprach nie von seinen Danien und glitt eilig darüber hinweg, wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundigen wollte. Eines Abends gewahrte ich ihn auf dem Boulevard des Italiens, sin Begriffe nach Hause zu gehen. Ich folgte ihm und erreichte ihn, als er gerade seine Wohnung betteten wollte. „Ich hoffe, Sie wollen nicht wieder von meiner Tochter sprechen?" ftagte der gute Mann, sichtlich verlegen. Ich verneinte und erklärte ihm. daß ich gekommen sei, um ihm eine Münze zu zeigen, die mein Vater, ebenfalls ein leidenschaft- licher NumiSmatiker, unlängst bei einem Freunde entdeckt hätte. Wieder beruhigt, führte Herr Martinier mich in sein Arbeits« zimmer. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, den Ueberzieher abzu« legen. „Ruit lassen Sie einmal sehen l" drängte er. Ich reichte ihm die Münze. Er setzte seine Brille auf und be- ttachtete sorgfältig jeden einzelnen Punkt. Dann rief er, feuerr»» vor Freude: „Mein Philipp August l Er ist's I" „Nicht möglich?" „Er ist's, sage ich Ihnen, junger Mann! Betrachten Sie diese? kaum erkennbare Bild! ES sind die Züge Philipp. Augusts. Be- trachten Sie diese halbverwischten Schriftzügc Philip... und Fran...! Das bedeutet Philippus und Frankorum.... Es ist der langgesuchte Sou Philipp Augusts!... Wieviel wollen Si» dafür?" „Verzeihung, Herr Martinier. er gehört nicht mir, und ich..." „Junger Mann, ich zahle dafür, was Sie wollen! Denken Kte nur: ein einziges Exemplar!" „Es tut mir leid, aber mein Vater..." „Ich werde ihm schreiben!" unterbrach mich der Greis, ganz aufgeregt. „Das wird Ihnen ivenig helfen. Die Münze ist nicht zu v«« kaufen." Ich steckte den Sou wieder in die Tasche und machte Miene, mich zu entferitcn. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. „Herr Martinier, ich wüßte wohl cm Mittel, die Sache zu arrangieren. Bewilligen Sie mir die Hand von Fräulein Amalie. und ich mache mich anheischig, Ihnen dieses seltene Stück zu ver- schaffen." „Aber junger Mann..." „Sagen Sie selbst: indem ich diese Lücke, diese überaus große Lücke in Ihrer Sammlung ausfülle, leiste ich damit nicht mehr als mancher ergraute Numismatikcr je geleistet hat? Verdiene ich damit nicht auch diesen Titel?" Herr Martinier dachte einige Minuten nach. „Kommen Sie morgen abend wieder l" sagte er schließlich.„Wir sprechen dann weiter über diese Sache. Aber bitte, verlieren Sie das unschätzbare Kleinod nicht!" Am nächsten Abend bewilligte Herr Martinier mir die Hand seiner Tochter. Der heißbegehrte Sou ging definitiv in seinen Besitz über und wurde der Gegenstand einer gelehrten Abhandlung: „Ueber die Scheidemünze unier Philipp August vor und nach der Schlacht bei Bouvines", eine Abhandlung, welche ihm sechs Monate später die akademischen Palmen cinttug.' Schon lange vorher hatte ich Amalie geheiratet und quittierte d«N Staatsdienst, um der Sekretär meine? Schwiegervaters zu werden. Der gute Mann hat nie an der Echtheit seine« Philipp August gezweifelt, hat nie erfahren, welch' raffiniertem Schwindel ich mein LebenSglück verdanke.—_ Kleines feuilleton. st. Schwäbische Redensarten.— Einem früheren Tübinger Professor wird nackgesagt, er habe eine Vorlesung über Aesthetik ge- wohnlich mit dem Satz begonnen':„Das Gröschte, Schönschte und Erhabenschte in der Aeschthetik und der Kunscht der Plaschtik ischt der Bruschtkaschte der meditscheiscken Venus." Tatsächlich find„ischt" ..bischt" usiv. in den obersten Schichten eingebürgert. Auch sonstige Eigentümlichkeiten des Dialekts und volkstümliche Redensarten werden auch von den Gebildeten häufig gebraucht, so der schwäbische Superlativ„saumäfiig", zum Beispiel„das Kleid ist saumützig schön". Ein anderer Superlativ ist die Voranstellung des Wortes„Vtvat"; ein Erzlump heifit„Vivatslump" oder„Vivatssez", ein recht linkischer Mensch„Vivatsdaclel". Ein„Ranschcbausche" bedeutet einen aufgeregten Draufgänger. Ein Kleinkinderwagen heifit„Ehestands- lokomotiv".„Maurerskotelett" bedeutet ordinären Backsteiukäs. „Dachhasenbraten" und..Deichselhirschfleisch" meint Katzenbraten und Pferdefleisch. Jagd auf„Weibcrhascn" Flohfang. Ein Frauen-� zimmer, die nur aus der Ferne schön erscheint,„Femelet".„Hinter- schehür" bedeutet, etwas verkehrt anfaflen. Von einem Trinker sagt man, er legt sein Geld auf der Wirtsbanl an. Von jemand, der sein- Sachen übermäfiig herausstreicht, heifit es, seine Eier haben alle zwei Dotter. Protzcnhochmut verspottet die Redensart:„ein- gebildet wie ein polierter Nachtstuhl." Zu dem Spruch:„Alte Liebe rostet nicht" wird oft hinzugefügt:„aber schimmlig wird sie". Die vulgäre Aesthetik des Häfilichen behauptet:„Recht wüst ist auch schön." Von sensationellen Ereignissen heifit es öfters humoristisch: .ES ist auch schon mancher Nachtwächter bei Tag gestorben."— Theater. Schillertheater O.„W e h dem, der lügtl" Lust- spiel in fünf Aufzügen von Franz Grillparze r.— Dafi dieses Grillparzerdrama bei seiner ersten Aufführung im Wiener Burgthcater eine Ablehung erfuhr, ist nicht unverständlich. Der Titel mufite die Erwartungen auf falsche Spuren lenken. Er ließ am ehesten so etwas wie ein modernes Jntriguenspicl, in dessen Maschen ein Lügenvirtuos, der das Gewebe angezettelt, sich schliefilich selbst verfängt und humoristisch abgestraft wird, vermuten, während der Dichter uns in die Wälder des alten heidnischen Germaniens führt und mit behaglich phantasievoller Laune di