Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 84. Donnerstag, den 3. Mal 1906 (Nachdruck verboten.) 2[ Slncr JVIutter Sobn. Noman von ClaraViebig« Erstes Buch. „Nur noch zehn— acht— sechs Tage! Auch das nicht mal?!" Sie sagte es schmerzlich enttäuscht, er hatte verneinend den Kopf geschüttelt. Ihre Arme schlangen sich um seineil Hals:„Ich bitte Dich, nur noch fünf— vier— drei Tage! Warum denn nicht? Ich bitte Dich, die paar Tage— nur drei Tage noch!" Sie feilschte förmlich um jeden Tag.„Ach. dann wenigstens zwei Tage noch!" Sie schluchzte auf, ihre Arme lösten sich von seinem Halse — zwei Tage mußte er doch zugeben! Ihre Stimme schnitt ihm.durchs Herz: so hatte er sie noch nie bitten hören, aber er stemmte sich gegen die Nach- giebigkeit, die ihn beschleichen wollte: nur keine Sentimen- talität! Es war besser, hier rasch aufzubrechen, viel besser für sie! „Wir reisen morgen!" Und als sie ihn ansah mit weitgeöffneten, schreckensstarren Augen, tief erbleicht, da entfuhr es ihm, ohne daß er es sagen wollte, herausgelockt von einer Bitterkeit, deren er nicht mehr Meister wurde:„Sie sind ja doch nicht Dein!" 2. Und sie reisten ab. Aber es war, als sei mit der smaragdgrünen Älpenmatte, auf der sie die lieblichen Kinder gemalt hatte, der Frau auch jede Freudigkeit entschwunden. Da war wieder ganz der alte nervöse Zug in ihrem Gesicht, die Mundwinkel senkten sich ein wenig abwärts, und sie war leicht geneigt, zu weinen. Mit einer förmlichen Angst be- obachtete Schlieben seine Frau: ach, war denn nun wirklich alles umsonst gewesen, das Aufgeben seiner Tätigkeit, dieses ganze lange, abspannende, Planlose Herumreisen?! Hatte die alte, trübe Stimmung sie wieder gepackt?! Wenn er sie so lässig dasihen sah, die Hände unbeschäftigt im Schoß, überkam es ihn wie Wut: warum tat sie nichts, warum malte sie denn nicht? Es brauchte doch nicht gerade auf jener verwünschten Alpenwiese zu sein! War es denn nicht auch hier schön?! Sie hatten sich im Schwarzwald niedergelassen: aber von Tag zu Tag hoftte er vergebens, daß eines der grünen, stillen Waldtälcr sie reizen würde, ihre Malsachen hervorzusuchen, oder eins der bräunlichen Schwarzwaldmädcheir mit dem Kirschenhut und dem riesigen, roten Regenschirm, wie Bautier sie gemalt hat. Sie hatte keine Lust, ordentlich eine Art Scheu, den Pinsel wieder anzufassen. Er machte sich im geheimen bittere Vorwürfe: wäre es nicht besser gewesen, ihr die Freude zu lassen, nicht dazwischen zu fahren?! Und doch— einmal hätte die Sache doch ein Ende nehmen müssen, und je länger sie angedauert hätte, desto schwerer wäre die Trennung gewesen! Das stand nun fest, mit dem Spätherbst wollten sie wieder nach Berlin heim- kehren. Er hielt es beim besten Willen nicht länger so mehr aus; des Umherziehens von Hotel zu Hotel, des Bummelns durch die Welt, das keine andere Frucht zeitigte, als ab und zu mal ein kleines Feuilleton, eine Reiseplauderei über ein noch weniger bekanntes Stückchen Erde, war er herzlich müde. Er sehnte sich wieder nach einer eigenen Häuslichkeit, der- langte brennend nach der geschäftlichen Tätigkeit, die, solange er darinnen war, ihm oft als eine Fessel und so nüchtern gedeucht hatte. Aber Käte----- 1 Wenn er daran dachte, daß sie nun wieder viele Stunden einsam zu Hause verbringen würde, sich ganz auf sich und Lektüre beschränkend, denn, übersensitiv, wie sie war, fand sie wenig Gefallen am Umgang mit anderen Frauen, dann überkam ihn Hoffnungs- losigkeit. Da würden wieder dieselben trüben Augen sein, dieses gleiche, melancholische Lächeln, die alten gereizten Stim- mungen, unter denen das Haus litt, sie selber am meisten. Und er betrachtete sich selber wie anklagend: er ging sein ganzes Leben zurück: hatte er etwas verbrochen, daß ihm kein Sohn beschieden war, keine Tochter?! Ja, wenn Käte ein Kind hätte, dann wäre alles gut, sie wäre vollauf beschäftigt, ausgefüllt dlirch dieses Wesen, um das sich Elternliebe, hoff- nungsvoll und hoffnungsberechtigt, in ewig erneutem Kreise dreht! Beide Eheleute quälten sich, denn der Frau Gedanken- Wanderungen endeten erst recht immer an diesem einen Punkte. Jetzt, nachdem sie von jenen lieben Kindern ge- schieden worden war, von diesem, ach, viel zu kurzen Sommer- glück, schien es ihr erst ganz klar geworden zu sein, was sie entbehrte— hatte es nicht vorher nur wie eine schmerzliche Ahnung auf ihr gelastet?! Aber jetzt, jetzt war die grausam deutliche Gewißheit da, alles, was man sonst in der Welt „Glück" nennt, ist nichts gegen den Kuß eines Kindes, gegen sein Lächeln, sein Schmiegen in der Mutter Schoß! Sie hatte die Kinder auf der Matte beim Kommen und Gehen immer zärtlich gekiißt, nun sehnte sie sich nach diesen Küssen. Ihres Mannes Kuß ersetzte ihr diese nicht: sie war nun bald fünfzehn Jahre verheiratet, der Kuß war keine Sensation mehr, er war zu einer Gewohnheit geworden. Aber der Kuß von Kinderlippen, die so frisch, so unberührt, so scheu und doch so zutraulich sind, der war ihr etwas ganz Neues� gewesen, etwas unendlich Süßes. Ein Glllcksgesühl hatte ihre Seele dabei durchrieselt, zugleich mit dem ganz physischen Behagen, ihren Mund in diese duftigweichen und doch so prallen Wangen versenken zu können, die von Gesund- heit und Jugend flaumig behaucht waren wie die Bäckchen eines Pfirsichs. Immer wieder irrte ihre Sehnsucht zu der Alpenmatte zurück: und diese ihre ungestillte Sehnsucht der- größerte das Erlebnis, umgab die Gestalten, die so flüchtig in ihrem Leben aufgetaucht waren, mit dem ganzen Glorien- schein zärtlicher Erinnerung. Ihre unbeschäftigten Gedanken spannen lange Fäden. Wie sie sich nach den Kleinen sehnte, so würden die sich auch nach ihr sehnen, weinend würden sie über die Matte irren, und das reiche Geldgeschenk, das sie fiir jedes von ihnen beim Wirt des Hotels hinterlassen � hatte sie doch fortgemußt, ohne ihnen. Adieu zu sagen—, würde sie nicht trösten: vor der Tür würden sie stehen und nach den Fenstern hinaufäugen, aus denen ihre Freundin ihnen so oft gewinkt hatte. Nein, das konnte sie Paul nicht verzeihen, daß er so wenig Verständnis gezeigt hatte für ihr Empfinden. Der Aufenthalt im Schwarzwald, dessen sametige Wiesen- hänge zu sehr an die Matten der Schweiz erinnerten,, von dessen Aussichtspunkten man an hellen Tagen zur Alpenkette hinüberblicken konnte, wurde beiden Schliebens zur Qual. Es trieb sie fort: die dunklen Tannen, dieser grüne, tiefe Wald wurde ihnen zu eintönig. Sollten sie cS nicht einmal' mit einem Seebad versuchen? Das Meer ist alle Tage neu. Und die Saison für die See war auch da: schon wehte der Wind über Stoppelfelder, als sie in die Ebene hinabfuhren. Sie wählten ein belgisches Seebad, eines, in dem man Toilette macht und ein ganz internationales Publikum täglich etwas Neues zu sehen bietet. Sie empfanden es beide: viel zu lange waren sie in stillen Gebirgscinsamkeiten gewesenl An den ersten Tagen machte ihnen das bunte Treiben Spaß, aber dann waren sie, zwischen die sich in letzter Zeit etwas wie eine trennende Wand hatte schieben wollen, beide plötzlich ganz einig: hier dieses Auf und Ab von Männern, die Gecken glichen, von Frauen, die, wenn sie der Demimonde nicht angehörten, dieselbe doch mit Erfolg kopierten, war nichts sür siel Nur fort! Schlieben machte den Vorschlag, jetzt endgültig die Reise .-.nfzuqebcn und schon etwas früher nach Berlin zurückzu- kehren, aber davon wollte Käte doch nichts wissen. In ihr war eine geheime Angst vor Berlin— ach, wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren?! Sie hatte sich bis jetzt gar nicht gefragt, was sie eigentlich von dieser langen Reisezeit er- hofst hatte: aber sie hatte etwa erhofft— ja! Was—?! Ach, nun würde sie wieder ganz allein sein und nichts, nichts war da, was sie ganz erfüllte! Nein, sie war noch nicht imstande, nach Berlin zurückzukehren! Sie sagte ihrem Manne, daß sie sich noch er- holuugsbedürftig fühle— gewiß war sie bleichsüchtig, blut- arm! Längst hätte sie Schwalbach, Franzensbad. irgend ein Stahlbad besuchen sollen— wer weiß, vielleicht wäre dann manches anders!. Er war nicht ungeduldig, wenigstens zeigte er es ihr mcht — denn ein tiefes Mitleid mit ihr begann in ihm zu wachsen« Natürlich sollte sie in ein Stahlbad; man hätte das längst versuchen sollen, versuchen müssen! Der belgische Arzt schickte sie nach dem berühmten Spaa. Hoffnungsvoll kamen sie dort an. Bei ihr war die Hoffnung ganz echt.„Du sollst sehen," sagte sie heiterer zu ihrem Mann,„hier wird mirs gut tun. Ich habe so ein un- bestimmtes Gefühl— nein, eigentlich das ganz bestimmte Gefühl, daß uns hier etwas Gutes widerfährt!" Auch er hoffte: er zwang sich dazu, zu hoffen, ihr zuliebe. O, und es wäre ja schon genug, der Erfüllung genug, wenn die Eigenart der Landschaft ihr so viel Interesse abgewänne, daß sie die gänzlich vernachlässigte Malerei wieder aufnähme! Wie froh würde er schon darüber sein! Wenn sich der frühere Eifer zur Kunst wieder einstellte, fo war das tausendmal heil- bringender, als die stärkste Eisenquelle Spaas. Die Heide blühte, all die weiten Flächen des Hochlandes waren rot, in Purpur versank die purpurne Sonne. (Fortsetzung folgt. 1 (Nachdruck verboten.) 2, Isartal Solch. Erzählung von Nikolaus Krauß. Er bog um den Schuppen und steuerte nach dem anderen Vrennofen. Um ihn herum standen Haufen frischgebrannter Ziegel. Da und dort. Damit die Wagen leichter heran und um- kehren konnten, ehe sie beladen wurden. Der Ziegelstaub flog durch die Lust, der Boden, auf dem eine tiefe Räderspur über die andere lief, war rot von ihm. Abtrager und Auflader, Wagen und Pferde waren mit ihm überstäubt. Die Fuhrleute schrien, die Wagen krachten beim kurzen Wenden, Ziegelhaufen an die eine Deichsel stieß, fielen polternd ein, an den Kummeten der bäumenden Pferde klirrten die Messingscheiben. Als Solch herantrat, kam von einem Wagen her. der noch nicht beladen wurde, ein junger Mensch. Blondes Gelock quoll ihm unter dem ganz verschwitzten Hütlein bis tief in die Stirn herab, über dem vollen Gesicht lag ein sanftes Lächeln. Er ging nicht so steif und eckig wie die anderen. »Ah, der Lenzl" sagte der Bauer steundlich und klopfte dem Jungen, der so groß war wie er, auf die Schulter.„Na, Dein Schnurrer wächst aber!" Als er die Verlegenheit des anderen sah, meinte er be- gütigend:»Ach, gehl Bist ja in den Jahren! Und die Mädel heutzutag haben es gern, wenn einer etwas unter der Nase ihat.... Ja so! Mit fünf Gespannen fahrt Ihr?... Schon den ganzen Tag?" tz»Ja!... Mit den Rappen ist der Vater ftüh in die Stadt." Im Gesicht des Bauern zuckte es. Di« Lippen preßten sich zusammen, daß der Mund wie mit dem Messer geschnitten erschien. Aber er sagte nichts. »Der Vater läßt sagen, Ihr sollt heute ins Wirtshaus kommen. zur Kropitzer Marie." „Wann?" „Er ist schon dort." Der Wagen des Jungen war an der Reihe. Er ging zurück Und half beim Aufladen. Solch sah ihm nach. „Ackerbauschüler, und jetzt Pferdeknecht!... Und e r kutschiert in der Welt herum und lebt wie ein Herr!"——— An der Straße standen einige weißgetünchte Häuschen. Die hatte der Bauer nach und nach, wenn ihm einmal Ziegel übrig geblieben waren, von einem Torfmaurer zusammenbauen lassen und Herbingsleute hineingenommen. So hatte er, wenn es notig war, immer billige Aushülfe, auf den Feldern, in den Ziegel- Hütten. Das letzte Haus nach dem Torfe zu war etwas stattlicher, mit einem Erker nach der Straße. In allen Fenstern standen Blumen, über den Zaun hingen in einer Reihe die golden flammenden Scheiben der Sonnenblume, die Zaunstecken ver- schwanden schier unter der bunten Last der kletternden Winde und Kresse. Auf dem Dache, im Garten klapperten kleine Wind- wühlen. Spielereien zum Teil: zwei Männer sägten ewig an einem Blocke, eine Tänzerin drehte sich im Kreise, so lange der Wind ging. Andere waren durch kleine Heaewerke mit dem Brunnen verbunden und leisteten nutzbringende Arbeit. Neben dem Anbau, hinter dem Hause, hing auf hoher Stangenzimmerung das große Rad eines Windmotors. In dem Hause wohnte der„Mechani". Der alternde Schmied- geselle hatte keine rechte Arbeit mehr gefunden. Er bastelte zu viel. Ließ über'm Sinieren die Pflugscharen, die geschärft werden sollten, im Feuer verbrennen, saß nach Feierabend über Zeich- nungen und Büchern, versuchte jede neue landwirtschaftliche Maschine, die aufkam, nachzumachen. Die Meister wurden miß- trauisch und jeder ließ ihn bald wieder gehen. Sölch war auf ihn aufmerksam geworden, damals, als er die große Dampfdreschmaschine gekauft hatte und sie für Lohn bei den anderen Bauern� herumschickte. Einen Heizer hatte er bald ge- sunden. Aber mit den Reparaturen haperte es. Da mußte jedes- mal einer aus der Stadt kommen; darüber vergingen Tage, die Bauern schimpften und einige redeten davon, es würde das Ge- scheidteste sein, wenn sie selber eine Maschine kauften. Da versuchte es Solch mit dem„Mechani". Der machte eS spielend. Sofort nahm ihn der Bauer in das Haus, richtete ihm eine Werkstatt ein und verpflichtete ihn. Der Schmied hatte gleich darauf geheiratet. Jetzt hatte er die Stube voll Kinder, baute den Bauern der Niederung Windmotoren für die Wiesenbewässerung, erfand neue Heuwender und Kartoftelausheber, war oft die ganze Woche draußen auf Arbeit. Und schon hatte er dem Bauer wissen lassen, wenn es ihm recht sei, würde er Haus und Garten lieber heut als morgen für einen„anständigen" Preis kaufen. Sölch ging über die Straße. «Mechani l" Der glatzköpfige Mann, der au? einem Mohrrübenbeet Un- kraut riß, richtete sich auf, trat an den Zaun und zwängte fein rotes Gesicht, das ein fahler, verfilzter Bart noch röter erscheinen ließ zwischen zwei Sonnenblumen hindurch. '.Grüß Gott! Grüß Gott!" „Auch so viel!... Ja.... Die Maschin hat schon wieder ihre Mucken.... An der Speisung fehlt's, haben fie heut' sagen lassen..... In Mühlarün steht fie, beim Auschl. Wennst morgen früh zeitig dort sein könntest... „Kann ich!.... Warum denn nicht?" „Ich verlass' mich also... „Aber selbstverständlich!" Der Bauer nickte und tippte an die Mütze. Wo der Weg nach dem Torfe abzweigte, bei den beiden halb eingesunkenen, ver- mosten Steinkreuzen, blieb er stehen und wandte sich. Der bayerische Wetterwinkel war rein, lleber dem lang- gestreckten Hochwald bei Liebenstein stand die volle Sonne am klaren Himmel, die Strahlenbündel kamen von ihr her wie an einem Sommerabend. In dem Bauer schoß ein Glücksgefühk auf, das Blut drang ihm ins Gesicht. Aber er preßte den Mund zusammen, nur die Augen glänzten. Da, vor ihm, sprang hochstämmiger Föhrenwald bis einige hundert Schritte an die Straße heran. Noch gehörte er dem Stingel. Wenn der ihn beizeiten niedergeschlagen hätte, der Esel... dann. Aber jetzt erlaubte er es ihm nicht mehr. und er mußte gehorchen..... Zur Rechten bog der Wald in weitgeschwungenem Halbkreis nach hinten bis zum Hange aus, bot Raum für die Felder der beiden Höfe. Eben wie ein Tisch lagen sie da. Wenn erst ein Wille fie bestellen hieß.... Lange stand der Bauer und sog das Bild in sich hinein. Tann schloß er mit einem Ruck die Augen und ging nach dem Dorfe. 2. „Recht lang machen sie's, recht lang! Scheint ja eine sehr wich- tige Sach' zu sein!" sagte der Alte, kraute mit der Rechte� in semer weißen Bartkrause und zwinkerte sein Gegenüber an. „WeS meinst, Flaucher?" Der. ein hagerer Ding mit einer feuerroten Narbe über dem linken Auge, legte die Linke auf den Wirtshanstisch, nahm die Holz. pfeife aus dem Mund« und hielt die Pfeifenspitze knapp vor die Zähne. „Na jal"... er sog cinigemale...„ich werd' Euch was sagen... Ich hab's vom Lehrer, und der hat's aus den Kirchen- büchern'rausgelesen... Di« zwei Höf' vor'm Wald haben ein- mal zusanrmeng'hört. Ein Hof war's und Herr war das Wald- sassencr Kloster. Das ist schon lang« her, natürlich, und Wald- fassen war damals ein Männerkloster. So war's, sagt der Lehrer." Er griff nach dem BierglaS, schnellte den Deckel mit dein Daumen zurück, hielt das Glas einen Augenblick gegen das Licht und trank. „Na. was denn?" „Die G'schicht ist doch net schon aus?" „Er muß immer seine Dummheiten machen, der Flaucher!"� „Nur langsam!... Regnet's auf uus?... Könntest Dein Maul zumachen, Viertel! Ein Schweinernes fliegt Dir net hinein." Der Viertelbauer klappte unter dem, Gelächter der anderen seinen Brotladen zu. In den Hosentaschen machte er Fäuste. Sagen aber tat er nichts. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). Der Garten des Laubenkoloniften. Mai. ES war am letzten Sonntag. Eine unbezähmbare Sehnsucht nach ftischer, freier Luft, nach Frühlingsgrün, schneeiger Baumblüte und goldener Freiheit hatte mich erfaßt, es zog� mich mit Gewalt hinaus in die neu erwachte Natur. Die Baumblüte in Werder war das Ziel meiner Wünsche. Ich putzt« mein Rad, um ihm entgegen» zusteuern, da traf mich das Geschick wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel in Gestalt einer Rohrpostkarte, die mir der Postbote unter verschmitztem Lächeln überreichte. Sie war von zarter Hand, von der Hand der Frau Prietzke. Sie schrieb:„Lieber Herr H., wir er- warten Sie heute unbedingt in unserer Laube. Kommen Sie sofort! Für Kaffee und Kuchen ist gesorgt. Ihre Rosine Prietzke." Ta stand es also schwarz auf weiß und guier Rat war teuer.«Lebe wohl, mein schönes Werder," dachte ich, denn hier war eine Ab- sage ausgeschlossen, ein Wunsch der Frau Prietzke ist Befehl, die schönste Ausrede würde sie mir nicht glauben, ja nicht einmal die reine Wahrheit. So gab ich dem gefügigen Rade eine Richtung von Westen nach dem Norden und radelte hinaus nach dem»nassen Dreieck". Wenn auch die Straßen in den Laubenstädten noch keine Namen, die Lauben noch keine Nummern haben, ich wußte sicher, daß ich Prietzkes Laube finden würde. Hatte er mir doch gesagt. daß er auf langer Stange einen Starkasten befestigt habe, der mir als Wahrzeichen dienen sollte, und war er doch mein Gartenschüler, der seine Parzelle nach meinen Angaben bepflanzt und eingerichtet hatte, so daß ich glaubte, sie unter tausend anderen herausfinden zu können. Und ich fand sie heraus. Oben auf der Höhe des »nassen Dreiecks" lag sie, es sproßte dort und grünte, während die anderen, tiefer gelegenen Laubengärten noch im Wasser steckten, dessen Verschwinden die unglücklichen Kolonisten tatenlos abwarten mußten. Prietzke wäre aber auch leicht zu erfragen gewesen; er ist, wie er mir sagte, durch meine Berichte in der ganzen Kolonie bekannt geworden„wie ein bunter Hund"; jeder grüßt ihn. jeder staunt seine Parzelle an, und er findet sich mit Würde in diese Rolle. Uebrigens hat mir Prietzke ausdrücklich gestattet, alles, was ich mit ihm über Gärtnerei rede, an dieser Stelle auszu- plaudern, nur mit dem, was seine Frau sagt, soll ich vorsichtig sein; sie spricht viel, wenn der Tag lang ist, meinte er, und die Tage sangen nun tatsächlich an, recht lang zu werden. Prietzves standen am Gartenzaun, als ich angeradelt tau., er. seine Frau und die sechs Töchter, immer eine schöner und blühender als die andere. Kaum war ich abgesprungen, so begrüßten sie mich mit solch stürmischer Gewalt, daß ich mich mit beiden Händen am Zaun festhalten mußte und beinahe mit diesem zugleich um- gefallen wäre. Die Töchter waren vor der Hand die einzigen Blumen PrietzkeS und ich wollöe schon darüber nachdenken, wie sich etwa Frau Rosina Prietzke als meine Schwiegermutter ausnehmen würde, da schob sie mich auch schon mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Parzelle. Jetzt konnte ich sc n, daß hier unbedingte Ordnung und Sauberkeit herrschte, bis in das kleinste war alles so ausgeführt, wie ich eS Herrn Prietzke erklärt hatte. Die Laube stand in der Mitte der Parzelle, ein kerzengerader Weg, in je 2 Meter Abstand markiert durch den Boden 5 Zentimeter hoch überragende Holzpflöcke führte zu ihr. Vor der Laube teilte sich der Weg gabelförmig, um diese herumführend und hinter ihr wieder m einem Weg zusammenlaufend, der die zweite Hälfte der Parzelle zerlegte. So waren zwei Quartiere vor und zwei Quartiere hinter der Laube gebildet worden. Eines der vor der Laube belegenen Quartiere, das Prietzke stark mit Stratzenschlick gedüngt hatte, war noch leer, es sollte mit Kohl und Salat be- pflanzt sowie mit Gurken und Kürbissen besät werden. Das hatte mir Freund Prietzke anvertraut und ich suchte sein Vertrauen zu rechtfertigen, indem ich aus meinem Ueberfluß die notwendigen Setzlinge und Samen mitgebracht hatte. Auf dem nur wenig gedüngten zweiten Quartier vor der Laube hatte Prietzke Aus- saaten von Karotten. Radieschen, Mairettigeit, Peterfilienwurzeln, sowie Küchenkräutern gemacht und noch Raum für Bohnen ge- lassen, die ich mit ihm legen wollte. Die Erbsen, obwohl 10 Zenti- meter tief in den Boden gelegt, waren bereits ebenso hoch über denselben emporgewachsen, die Radieschen muhten in acht Tagen gut sein, alles übrige keimte, mit Ausnahme der Karotten. Ich sagte Prietzke, daß diese bei mir auch noch nicht keimen, daß es aber bald losgehe und daß seine Frau bereits gegen den zwanzigsten Mai da, wo die Saat zu dicht aufgegangen, die ersten Wurzeln ausziehen und trotz ihrer gelben Farbe als„Suppengrün" ver- wenden könne. Von den beiden Quartieren hinter der Laube war eins zur größeren Hälfte mit der schönen Frühkartoffel Perle von Erfurt belegt. Der Rest sollte noch mit Erbsen bestellt werden. Frau Prietzke will während des ganzen Sommers stets grüne Erbsen haben, weil sie viel besser als die Konservenerbsen schmecken. Ich mußte ihr natürlich, wie immer, recht geben und meinstc, daß ihr Wunsch erfüllt werde, wenn sie bis zum Juli alle vierzehn Tage zwei Reihen einer frühen Sorte, der„Buxbaum",„frühesten Mai" oder„Wunder von Amerika" lege. Diese frühesten Sorten entwickeln sich sehr schnell, bleibcu niedrig und brauchen deshalb nicht gestengelt zu werden; letzter.-? ist sehr angenehm, da es in der Laubenkolonie an Birkenreisccu zum Stengeln fehlt. Das vierte und letzte Quartier hatte Prietzke geteilt; auf dem hinteren Teil fand ich den überflüssigen, mit etwas Kalk durchmischten Straßenschlick zu kegelförmigem Haufen aufgeschichtet und daneben den Anfang eineg aus den Gartenabfällen gebildeten Kompost- Haufens, auf dem vorderen Teil die Anpflanzung der mehrjährigen staudenartigen Küchengewächse. Ich sah, daß noch Rhabarber fehlt und meinte, der müsse im Herbst gepflanzt werben. Dagegen sträubten sich aber Prietzkes allesamt. Frau Prietzke hatte einmal Rhabarberpillen schlucken müssen und davon ein furchtbares Kollern im Leib bekommen, daher die Abneigung. Ich erklärte Prietzkes, daß die Pillen aus den Wurzeln des Rhabarbers gemacht weichen, daß aber der Genuß der Blattstiele, die jetzt ein feines, an Stachelbeeren erinnerndes Kompott liefern, keine ungewünschte Nebenwirkung zur Folge habe. Herr Prietzke hatte aber auch für die Wurzel Verständnis, als ich ihm sagte, daß ein drei Zenti- meter lange? Stück derselben, in reinen Kornbranntwein gelegt, demselben ein eigenarSigeS Aroma gebe und ihn magenstärkend mache.„Das will ich mir aber merken", sagte er. Da hinten bei den letzten Quartieren lag auch die wunde Stelle des Prictzkeschen Laubenlandes. Tort hinten grenzt es an Oedland. auf welchem alles Unkraut wuchert. Ter Wind trägt einen Teil der llnkrautsämereien zu ihm hinüber, sie fühlen sich bei ihm, namcnt- lich auf seinem Kompostplatz wohl und keimen. Brennesseln wuchern da, über welche sich ein anderer gefreut hätte. Bei den Versuchen, sie zu vertilgen, haben sich Prietzkes alle miteinander die Hände tücfstig verbrannt, und sie waren darum nicht wenig erstaunt, als ich mit fester Hand in das Gezücht hineingrifs.„Herr Prietzke," ägt« ich.„der bekannte Spruch:»Greif niemals in ein Wespennest", öllte lauten:„Greif niemals in ein Nesselnest, doch wenn du greifst, ö greife fest." Von einem Wespennest lasse auch ich die Finger, >as vernichte ich am Abend mit einem auf eine Stange aufgepflanz» ten und angezündeten Strohbüschel, den ich darunter halte, aber in die Nesseln greife ich fest mit beiden Händen. Bevor wir sie aber herausschmeißen, schneiden wir erst mit der Schere die feinen Spitzen, Ihre Frau hackt sie auf einem Brett und dann werden sie mit Essig, Oel, Pfeffer und Salz zu einem delikaten Salat bereitet, an welchem sich keiner von uns den Mund verbrennt." Frau Prietzke führte mich nun in ihre eigentliche Domäne, die Laube. Hier war alles, wie man zu sagen pflegt, geschniegelt und gebügelt, die Wände mit hübschen Bildern beklebt, Tisch, Bänke und Fußboden spiegelblank und das kleine Fensterchen mit einer weißen Gardine verhängt. Nur der luftige Vorbau der Laube machte Frau Prietzke Sorge, er war noch kahl. Ich gab den Rat, an jeden Pfosten drei Feuerbohnen oder einige Windensamen zu legen, im Juni sei dann alles mit Blättern und Blüten überzogen.„Bis Ende Juni dauert es aber, Frau Prietzke, denn so schnell wie zu Zeiten des unglückseligen Propheten Jonas, der am Morgen einen Kürbiskern legte und am Mittag schon im Schatten der fertigen Kürbisstaude schlummerte, gehts heute nicht mehr." Das sah Frau Prietzke ein und sie erklärte mir beschämt, sie habe sich schon eine sogenannte Blitzsamenmischung bei einer mit amerikanischer Reklame arbeiten- den Erfurter Firma, die all« Preise auf genau 19, 23, 47 oder 99 Pfennig abrundet, bestellen wollen. Herr Pritzk« hat für sein« Frau einmal von dort eine Zimmertanne für 93 Pf. bezogen, die schließlich mit Verpackung, Porto, Nachnahmegebühr und Bestellgeld auf 31/j Mark zu stehen kam und dabei, wie die Beschenkte meinte, wemgev wie eine Tanne, sondern mehr wie eine gerupfte Henne ausgesehen habe. Wir hatten uns kaum auf die Bank gesetzt, so kam Besuch, Herv Meier aus Rixdorf, der beim Bau der Laube geholfen hatte, und die vornehme alte Tante Röschen aus Französisch- Buchholz bei Panlow, sie hatte gehört, daß ich als junger Gärtner lange im Ausland war und wollte in ihrer französischen Muttersprache mit mir reden. Da aber Frau Prietzke mit Mißtrauen unsere Unterhaltung beobachtete, und da die Tante ein Französisch quasselte, das gar nicht zu über- setzen war, so konnte der kleine Zwischenfall rasch als überwunden betrachtet werden. Inzwischen war der Kaffee fertig geworden, die Töchter hatten ihn draußen auf einem von Mauersteinen umstellten offenen Feuer gebraut, er duftete verführerisch, und Frau Prietzke gab ihre in Schmalz braungcbratenen Pfannkuchen dazu, welchen wir, Meier allen voran, tüchtig zusprachen. Die Unterhaltung kam dabei ins Stocken, zumal auch die ausgeschlüpften Stare oben im Kasten derart herumrumorten, daß man sogar innen in der Laube sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Ich meinte, daß sie nun bald herausgeholt und aufgepäppelt werden müßten, und Meie« schlug Frau Prietzke vor, mit ihnen in der Jnvalidenstraße einen Vogelladen aufzumachen, wovon sie aber nichts wissen wollte, weil es dort schon genug Vogelläden gibt. Es war vier Uhr geworden, als man die Kaffeetafel aufhob; und nun wollte Herr Prietzke Taten von mir sehen. Meinen mit Hun» derten von Obstbäumen bepflanzten Garten hatte er ja gesehen, ich sollte ihm nun noch durch praktische Arbeit beweisen, daß ich kein Akademiker bin, denn gegen diese hatte er, der Gelbgießer, eine gewisse Abneigung. Na, ich lieferte ihm den Beweis. Harke. Pflanz- schnür und Pflanzholz wurden hervorgeholt, ich teilte aus dem noch leeren gutgedünkten Quartier 139 Zentimeter breite Beete ab, Meier, der auf sehr„großem Fuße" lebt, mußte mit seinen Latschen die Trennungswege abtreten, dann überharkte ich die Beete und maß auf jedem Beete drei Reihen ab, die wir markierten, indem sich Prietzke mit dem einen Ende der Schnur in der Hand an die eine Schmalseite des Beetes setzte, ich mit dem anderen Ende an die andere Schmalseite und nun zogen wir so lange mit der Schnur stramm hin und her über das Beet, bis die Pflanzreihen sichtbar m dasselbe eingeschnitten waren. Jetzt holte ich die mitgebrachten Pflänzlinge und pffanzte den Kohl in 75 Zentimeter Abstand. Zwischen je zwei Kohlpflanzen kamen zwei Kohlrabipflänzlinge als Iwischcnkultur, die schon abgeertet sind, bevor die Hauptpflanzen den Raum beanspruchen. Durch die Mitte der Gurken- und Kürbis- beete wurde eine 6 Zentimeter tiefe Rinne gezogen, da hinein legte ich die Gurkenkerne auf je 25 Zentimeter Abstand, die Kürbiskerne auf je 59 Zentimeter Abstand und zwar immer zwei Kerne zu- sammen, der Sicherheit halber, wie ich Prietzke sagte, denn wo all« zwei zusammen aufgehen, wird später das schwächste Pflänzchcn ent- fernt. Den übrigen Raum der Beete bepflanzte ich mit Kopfsalat» der auch abgeerntet ist, bevor Gurken und Kürbisse den Raum bean- spruchen. So nutzt man auf kleinem Raum den Boden aus, er- läuterte ich Prietzke, und zieht im Sommer alles Gemüse selbst, auch wenn man sechs Töchter hat. Die Töchter hatten inzwischen! ab- wechselnd fleißig gepumpt, und so konnte ich nun daZ Gepflanzte, in jeder Hand eine IS Liter Wasser fassende Kanne haltend, gründlich ongießeiu Als dies getan war, legte ich die Buschbohnen, aber nicht in"Büscheln, wie es sonst geschieht, denn das ist unsachgemäß, sondern einzeln in Reihen, jede Bohne 8 Zentimeter tief und IS Zentimeter von der anderen entfernt. Run war die Arbeit getan, ich konnte gehen. Der Abschied lvar rührend, man schüttelte mir die Hände, daß sie blau und rot wurden. Ich lud Prietzke mit allen Töchtern, Meier und Tante Röschen für Ende Mai zu einer Erdbcerbowle nach meinem Garten ein. Das war ihnen allen recht, und die Töchter wünschten sich schönes Wetter, weil sie ihre weißen Blusen anziehen wollen.— _ Max Hesdörffer. Kleines feuületon. Theater. Kleines Theater. Tragödie der Liebe. 4 Akte. Von Gunnar Heiberg. Deutsch von G u st a v Morgen- st e r n.— Die seltsame Dichtung dieses auf deutschen Bühnen kaum je gespielten norwegischen Dramatikers wurde im Kleinen Theater mit einer Art respektvollen Staunens aufgenommen. Man hatte den Eindruck, daß eine ausgeprägte Individualität hier eigene Wege suche, und hatte guten Willen, ihr zu folgen, aber die Pfade verloren sich im Nebel. Die Auflösung der dramati- schen Form in eine Reihe aphoristischer Szenenkomplexc— nicht einmal von„Akten" kann man eigentlich sprechen— erwies sich nicht als Beseitigung von Schranken, die für die schöpferische Fülle der poetischen Idee zu enge gewesen wären, sondern als adäquater Ausdruck einer Phantasie, der die konkrete, die einzelnen Im- Pressionen zur Einheit eines Ganzen zusammenfassende Ge- staltungskraft versagt ist.„Tragödie der Liebe" nennt Heiberg sein Werk; also hat er, sollte man glauben, den Ablauf eines Lebcnsschicksales, in dem ein typisches, ein allgemeines Verhängnis der Licbesleidenschaft sich offenbart, vorführen wollen. Jedoch das Typische bleibt abstrakt schemenhaft im ersten Teile und vcr- schwindet in den Schemen des zweiten. Nicht die„Liebe", die eigensinnige Monomanie eines entarteten, und in dieser Ent- artung zufälligen Triebes ist es, an der Karen zugrunde geht. Die Hymnen, die der vagicrcnde Dichter Hartwig Hadcln, der Mittels- mann und Räsoneur des Autors, an ihrem Leichnam anstimmt, als ob in ihr ein mit wunderbarer Tiefe des Gefühls begabtes, aus Tausenden äuscrwähltes ÄZesen vernichtet sei, treiben die Verwirrung des Verworrenen auf die Spitze. In der Sennhütte, in der der Forstmann Erling Kruse und Karen ihre Vermählung feiern, ist Hadeln, ein in der Nacht vcr- irrter Wanderer, dem jungen Paar zuerst entgegengetreten. Das Glück der beiden reizte den Neid des Einsamen. Wie eine böse Fee ihr Angebinde in die Wiege eines Neugeborenen legt, gibt er der neuen Ehe seine trübe Lebensweisheit mit auf den Weg; die Liebe sei ein Kampf um die Oberherrschaft; je mehr der eine liebe, um so mehr schwinde die Liebe des anderen, nie stehe die Wage der Neigung gleich, und stets verliere, wer am wärmsten fühle. Karen, die erst so kalte und überlegene, dann zu verzehrender Leidenschaft erwachende, erlebt aber im Grunde bei Heiberg gar nicht die Tragik dieses Loses, sie glaubt nur, daß sie sie erlebe. Ihre Schmerzen, für die wir Anteilnahme empfinden sollen, fließen aus den Nerven, nicht der Seele. Die Einsamkeit, die sie vcklagt, ist eingebildet, und Erling behält vor dem Zuschauer durchaus Recht, wenn er von seiner Liebe behauptet, sie habe nur die Form gewechselt, aus dem Rausche sei ein Höheres, ein un- auflöslich fest und sicher bindendes Gefühl in ihm erwachsen. Ilnd je weniger diese seine Beteuerungen im Stück nach bloßer Phrase klingen, um so wurzelloser, untragischer erscheinen die Leiden Karens. Kein wahrhaft notwendiger 5ronflikt, nur ihre fixe Idee, das Unmögliche möglich, den weit- und mcnschenvergesscndcn Sinnentaumel zum permanenten Zustande zu machen, steht da- hinter. Der zweite Akt, ein Momentbild aus der Hochzeitsreise, malt das Aufsteigen der ersten schwarzen Wolken am Traum- Himmel der jungen Frau. Im dritten Bilde, zwei Jahre später, gewinnt die Schwärmerin die Züge einer Strindbcrgschcn Mänadc. Daß er ihre wilden Gluten nicht mehr teilen könne, daß er Ge- danken denke, die etwas anderes, als sie allein zum Gegenstände haben, lvirft sie dem Gatten vor. Sie sagt Pas Acußerste; schon manchmal habe sie in dunkler Nacht die Fmger gekrümmt, um ihn, den sie sich doch entweichen fühle, zu erwürgen. Keine Wallung des Zornes kocht in Erling auf. Jedes Wort bezeugt, wie herzlich gut er's meint, wie er der Kranken helfen möchte, doch sie ist blind und taub dafür. Helene Feh dm er und ihr Partner Lettinger waren hier ganz ausgezeichnet; wenn er auch nicht naturalistisch überzeugte, ging doch von diesem Auftritt, so wie sie ihn spielten, eine unmittelbare, starke Wirkung aus. Der Ausgang aber— Karen benutzt den enthusiastisch in sie ver- liebten Dichter, um Erling Wunden der Eifersucht zu schlagen, er- sticht sich, und der Poet ruft in Ekstase,„ist es nicht schöner, daß die Liebe tötet, als daß sie stirbt!"— konnte, unklar und gekünstelt in Idee und Aufbau, nicht anders als verstimmen. Sehr fein in Maske, Haltung und Organ gab Abel den zer- lumpten Dichterphantasten. Der Beifall, kein allzu starker freilich, rief den Autor mehrmals vor die Rampe.— dt. Musik. In unserer Zeit läuft, namentlich auf literarischem und künst- lerischem Gebiete, mehr der Produzent dem Konsumenten, als der Konsument dem Produzenten nach. Dadurch wird es immer schwerer möglich, irgendwelche Arten künstlerischer Werke recht charaktervoll typisch herauszuarbeiten. Was man heute Operette nennt, wird immer mehr eine gedrängte Uebersicht über alle die Arten von Kunst und Geschäft, die sich auf einer Bühne entfalten lasten. In der unten zu besprechenden Operette gibt es am Ende des zweiten Aktes einen Tanz zweier Personen, besten Musik, unterstützt durch eine interessante Mimik, zuerst einen ganz netten Eindruck macht. Dann nimmt die Zwischenaktmusik vor dem dritten Akt dieselbe Weise wieder auf. Soweit kann das Stückchen immer noch gefallen. Das Publikum johlt und trampelt so lange, bis der Zwischenakt wiederholt wird. Schon ist die Musik verblaßt. Wiederum Getrampel und Gejohle, und nochmalige Wiederholung! Nun ist auch für den, dem die Weise anfangs gut gefiel, das Ende seiner Tragfähigkeit gekommen. Das war unser Haupteindruck von der Operette„Die l u st i g e W i t w e", die vorgestern(Dienstag) für Berlin zum erstenmal aufgeführt wurde. Das Textbuch ist von zwei bekannten Kom- pagnie-Arbeitern, die Musik von Franz Lehar. Wir kennen diesen Komponisten von ähnlichen Stücken her; es waren dies: „Die Juxheirat",„Der Klavierstimmer"(Wiener Frauen) und „Der Rastclbinder". Diesmal macht es der Produzent noch kon- sumentiger, als wir es sonst gewöhnt sind. Mit einer sogenannten affenartigen Behendigkeit klettert er hinauf in irgendwelche Höhen der seriösen Oper(„Vilja-Lied" zu Beginn des zweiten?lktcs) und springt dann urdrollig hinab in die Postenpfützen, daß es nur so nach allen Seiten quatscht und spritzt(„Marchseptctt" usw.). Dabei gibt es natürlich sehr viel Geschicklichkeit, z. B. in der Ver- einigung von Sologesängen mit Chören und in verschiedentlichen Tanzformen. Ein Hauptefsekt ist„montenegrinisches" Milieu. In der Pariser Gesandtschaft des Königreiches Pontevedro taucht eine junge Witwe mit 20 Millionen auf und soll sich nicht außer Landes verheiraten, da sonst der Staatsbankrott droht. Zum Glück liebt sie ohnehin denjenigen Gesandtschaftssekretär, der ihr im Namen des Vaterlandes aufgehetzt wird. Vorgeführt wurde uns die anderswo anscheinend� bereits sehr erfolgreiche Novität durch das Gesamt-Ga st spiel des Neuen Operetten-Theaters aus Hamburg(Direktor Max Monti), das also vom l. Mai an für Berlin eine „Sommer-Operctte" bedeutet. Das uns bisher unbekannte Personal machte im ganzen einen sehr guten Eindruck, zumal durch beachtenswerte Gcsangskräfte. Vor allem fielen zwei Tenore auf, einer von mehr heller Färbung, dessen Spiel allerdings nicht sehr reichhaltig ist: Albert Kutzner, und einer von mehr dunkler Stimmfärbung, der auch noch sehr markig spielt: Gustav Matzner. Unter den Sängerinnen zeichnete sich die Trägerin der Titelrolle, Marie Ott mann, besonders aus; andere nicht viel weniger. Lokal; Berliner Theater.— sz. HumoristischeK. — Anzüglich. Junger Mctzgergc hülfe:„Mit mir sind in der letzten Zeit auch manche Veränderungen vor sich gegangen." Bekannter:„Ja, ja, vor nicht allzulanger; Zeit warst Du noch solch ein unschuldiger Jüngling, heute machst Du schon Wurst."— Poesie und Prosa. Dame(seufzend):«Ach Gott, nur einmal blüht im Jahr der Mai!" Herr Wamperl:„Aber dafür gibt es das ganze Jahr- Märzenbier."— („Mcggcndorfcr-Blätter".) Notizen. — Im vergangenen Jahre sind in Deutschland 28 880 Bücher usw. erschienen.— — Der Schriftsteller Willy Rath wurde für das Düsse!- dorser Schauspielhaus als Beirat verpflichtet.— — Der Münchcncr Schrsftstellcr P. Braun will im kom- inenden Winter in Berlin„moderne Puppenspiele" auf- führen.— — Dem Berliner Bildhauer August Kraus wurden auf der diesjährigen römischen Kunstausstellung die Zinsen(10S00 Mark) der Müllcr-Stiftung für die Bronze„B o c c i a- S p i c l e r" zugesprochen. Das Kunstwerk fällt der Berliner Nätionalgalerie zu.— — Die österreichische Regierung beabsichtigt die Herausgabe eines Mappenwerkes von Künstler- Originalradie- r u n g e n aus Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina.— wina.— — In dem Ostseeküstenstädtchen Neustadt in Holstein ist Mitte April Vesnvasche niedergegangen. Die Entfernung beträgt 1S00 Kilometer.— Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer L-Ca, Berlin SW.