Anterhaltnngsblatt des Horivürts Nr. 93. Mlttlvoch. den 16. Mai. 1906 (Nachdruck verboten.) in Siner JVIutter Sohn» Roman von ClaraViebig. Und doch, wenn Schlieben zu Tisch nach Hause kam, an jenen köstlichen Nachmittagen, in denen die Kiefern um sein. Haus dufteten und die reine Luft den nach angespannter Arbeit erwachten Appetit noch verstärkte, wenn ihm dann der Junge mit Geschrei entgegentappclte, seinen kleinen Bauch klopfend: „Papa— essen— gut mecken," und Käte sich lachend am Fenster zeigte, dann konnte er sich nicht enthalten, den hungrigen Schreier hoch in die Luft zu schwingen und ihn erst nach einem freundschaftlichen Klaps wieder auf die Füße zu stellen. Er war doch ein famoser Kerl! Und immer bei Appetit. Nun, Gott sei Dank, satt zu essen würde er ja auch immer haben! Eine gewisse Behäbigkeit kam dabei über den Mann. Was er früher nie so gefühlt hatte: daß ein eignes Heim ein Glück bedeutet— das fühlte er jetzt. Und er empfand die Wohltat des gesicherten Besitzes, der es gestattet, sich das Leben mit allen möglichen Annehmlichkeiten auszugestalten. Hübsch war das Haus! Aber wenn er es demnächst kaufte, baute er doch noch an, und das Grundstück daneben kaufte er auch noch zu. Es wäre doch höchst fatal, wenn sich da etwa einer einem dicht auf die Nase setzte! Es war Schlichen seinerzeit schwer geworden, hier draußen Wohnung zu nehmen, nachdem er, so lange er denken konnte, in einer Berliner Stadtwohnung gelebt hatte. Nun aber pries er den Gedanken seiner Frau, hier herauszuziehen, als sehr glücklich. Nicht nur des Kindes wegen! Man hatte selber hier draußen ja einen ganz anderen Genuß seines Heims: man kam viel mehr zum Bewußtsein eines solchen. Und wie viel gesünder war's— wahrhaftig, der Appetit war kolossal! Man wurde noch der reine Materialist! Und von feinem knurrenden Magen getrieben, folgte Schlieben dem eßlustigen Jungen ins Haus.-- Wolfgang Solheid, genannt �Schlichen, bekam die ersten Hosen. Es war ein Fest fürs ganze Haus. Käte ließ ihn heimlich photographieren, denn hübscher hatte nie ein Junge in ersten Hosen ausgesehen. Und sie stellte ihrem Manne das Bild des noch nicht Dreijährigen � weiße Hosen, weißer Faltenkittel, Pferdchen im Arm, Peitsche in der Hand— von einem Rosenkranz umgeben, in die Mitte seines Geburtstags- tisches. Das war ja unter all den vielen Geschenken das beste, was sie ihm geben konnte. Wie kräftig Wölfchen war. Hier auf dem Bilde sah man's erst: so groß wie ein Vierjähriger! Und trotzig sah er aus, unternehmend wie ein Fünfjähriger, der schon an Streit mit anderen Buben denkt. Glückselig wies die Frau dem Manne das Bild, und ein solches Leuchten war dabei in ihren Augen, daß er sich innig freute. Er dankte ihr, sie küssend, viele Male für diese Ueberraschung: ja, dieses Bild sollte neben dem ihren auf seinem Schreibtisch stehen! Und dann schäkerten sie beide mit dem Knaben, der sich in seinen ersten Hosen, die ihm noch unbequem waren, ungebärdig über den Teppich wälzte. Schlieben konnte sich nicht entsinnen, je seinen Geburts- tag so angenehm verlebt zu haben wie dieses Mal. Es war so viel Heiterkeit um ihn, so viel Freude. Und wenn auch Wolf schon am Mittag die ersten Hosen zerriflen hatte— wie und wo war der bestürzten Wärterin ganz unbegreif- lich—, so störte das den Festtag nicht, im Gegenteil, das Lachen wurde noch heller.„Zerreiße Hosen, mein Junge, zerreiße," flüsterte die Mutter lächelnd in sich ktznein, als ihr der Schaden gezeigt wurde,„sei Du nur froh und stark!" Am Abend war Gesellschaft. Die Fenster der hübschen Villa waren hell erleuchtet, und im Garten war italienische Nacht. Lau war die Luft: unbeweglich breiteten die Kiefern ihre Aeste unterm Sternenhimmel, und großen Glühwürmern gleich schimmerten bunte Lampions in Büschxn und Laub- gängen. Im Oberstock der Villa, im einzigen nicht hell beleuchteten, nur von einer Milchglasampel matt beschienen, durch dichte Vorhänge und Jalousien still gehaltenen Gemach, lag Wölf- chen und schlief. Aber unten ließ man ihn leben. An der Festtafel war der Hausherr schon betoastet worden und dann seine liebenswürdige Gattin— mit was konnte man den Gefeierten nun noch mehr feiern, als daß man den Jungen leben ließ, seinen Jungen? Der Geheime Sanitätsrat Hofmann, der erprobte Arzt und langjährige Freund des Hauses, bat sich das Vorrecht aus, diese paar Worte sprechen zu dürfen. Er als Arzt, als Berater in mancher Stunde, er wußte ja am besten zu sagen, woran es hier noch gemangelt hatte. Alles war dagewesen: Liebe und innigstes Verstehen und auch das äußere Glück, aber— hier machte er eine kleine Pause und nickte der ihm gegenübersitzenden Frau des Hauses freundlich-verständnis- innig zu— das Kinderlachen hatte gefehlt! Und nun war auch das da! „Kinderlachen— o du Erlösung!" rief er und zwinkerte. und eine Rührung kam dabei in seine Stimme, denn er ge- dachte auch seiner eigenen drei, die freilich jetzt schon selbständig draußen im Leben ihren Weg gingen: aber ihr Lachen, das klang ihm noch immer in Herz und Ohr. „Kein Kind— kein Glück! Aber ein Kind— ein Glück, ein großes Glück! Und hier zumal! Denn meine Doktoraugen haben sich noch kaum je an einem prächtigeren Brustkasten, an einem famoser entwickelten Schädel, an strammeren Beinen und blankeren Augen geweidet. Alle Sinne sind scharf: der Junge hört wie ein Luchs, sieht wie ein Falke, wittert wie ein Hirsch, fühlt— nun, ich habe mir sagen lassen, daß er schon auf die leiseste Berührung seiner Kehr» seite lebhaft reagiert. Nur der Geschmack ist bis jetzt nicht in gleichem Grade fein entwickelt— der Junge ißt alles! Aber dies wiederum ist mir ein neuer Beweis seiner besonderen körperlichen Bevorzugung, denn, verehrte Anwesende—" hier kniff der Doktor scherzweise blinzelnd das eine Auge zu--- „wer von Ihnen spräche nicht mit mir: ein guter Magen, der alles verträgt, ist die größte Lebensmitgabe einer gütigen Vor- schung! Derjgunge ist ein Glückskind. Ein Glückskind im doppelten Sinne des Wortes, denn nicht nur ist er selber alles Glückes voll, nein, das Glück ist auch bei denen, die um ihn sind, durch ihn eingekehrt. Hier, unsere liebe Frau, haben wir sie je früher so gesehen? So jung mit den Jungen, so froh mit den Frohen! lind hier, unser verehrter Freund—'s ist wahrhaftig nicht, als hätte der heute die Mitte der Vierzig erklomnien— der steckt ja voll von Tatkraft, von Plänen und Unternehmungen wie einer mit zwanzig! Und hat dabei die schöne Ruhe, die behagliche Gesättigtkeit des glücklichen Haus- Vaters. Und das macht alles, alles der Glücksiunge! Darum, Dank sei der Stunde, die ihn bescherte, dem Winde, der ihn hcrgetragen hat! Woher—?!" Der Doktor, der eine kleine, boshafte Ader hatte, maäite jetzt geflissentlich eine kleine Pause, räusperte sich und zupfte an seiner Weste, sah er doch so manches neugierige Auge erwartungsvoll auf sich gerichtet. Aber er sah auch den rch-ben, betroffenen Blick, den das Ehepaar miteinander tauschte, sah, daß Käte erblaßt war und ängstlich, fast flehend an seinen Lippen hing, und so fuhr er geschwind mit einem gutmütig einlenkenden Lachen fort:„Woher, meine Damen— nur Geduld! Das will ich Ihnen schon sagen: vom Himmel ist er gefallen! Wie die Sternschnuppe fällt in der Sommernacht.- Und unsere liebe Frau, die just spazieren ging, hat ihre Schürze aufgehalten und hat ihn sich heimgetragen in ihr Haus. So ist er denn der Stern dieses Hauses geworden, und wir alle und ich ganz besonders— wenn ich nun auch als Arzt hier überflüssig geworden bin— freuen uns seiner, ohne zu fragen, woher er uns ward. Alle gute Gabe kommt von oben, das haben wir schon in der Jugend gelernt— darum: auf das Wohl dessen, der unseren Freunden vom Himmel ge- fallen ist!" Der Doktor war ernst geworden, es war eine gewisse Feierlichkeit darin, wie er jetzt seinen Champagnerkelch hob und ihn austrank bis zur Neige:„Prosit Rest! Auf das Wohl des Kindes, des Sohnes dieses Hauscsi Der Glücks- junge, er wachse, blühe und gedeihe!" �» Die schon geschliffenen Glaser klangen melodisch hell aneinander. Es war ein Schwirren, ein Lachen, ein �och- rufen an der Festtafel, daß der kleine Junge oben in seinem Bettchen sich unruhig hin und her zu wälzen begann. Er murrte unzufrieden im Schlaf, warf die Lippen auf und zog die Stirn kraus zwischen den kleinen Brauen. Unten rückten die Stühle. Man war aufgestanden, ging zu den Eltern hin und drückte ihnen, gleichsam gratulierend, die Hand. Das hatte Hofmann wirklich hübsch gemacht, wirklich riesig nettl Der kleine Kerl war aber auch aller- liebst! Alle anwesenden Frauen waren sich darin einig, selten ein so hübsches Kind gesehen zu haben. Kätes Herz, das bei dem Toast anfänglich ein wenig bang geklopft hatte— der gute Doktor würde doch angeregt durch ein gutes Glas Wein und ein gutes Diner, nichts aus- plaudern von dem, was man nur ihm und dem Anwalt an- vertraut hatte?!— klopfte jetzt in einer lebhaften Empfin- dung von Glück. Ihre Augen suchten ihren Mann und sandten ihm heimlich zärtliche, dankerfüllte Blicke. Und dann ging sie zu dem alten Freund hin und dankte ihm„für all die guten, lieben Worte"-«Auch in Wölfchens Namen," sagte sie herzlich weich. „Also Hab' ich's doch recht gemacht? Na, das freut mich!" Der Freund zog ihren Arm in den seinen und ging ein wenig abseits von den übrigen mit ihr auf und ab.„Ich sah es, liebe Frau, Sie waren ängstlich, als ich von des j Jungen Herkunft anfing. Was denken Sie denn von mir?! Aber es geschah mit Absicht, längst habe ich auf die Gelegen- fjeit gebrannt. Glauben Sie mir, wenn ich jedesmal einen Taler kriegte, so oft ich nach des Jungen Herkunft sei's offen oder hintenherum— ausgefragt werden soll, ich wäre jetzt schon ein vermögender Mann. Uebcr manche Frage habe ich mich geärgert: das heut war die Antwort darauf Hoffentlich haben sie sie verstanden! Sie sollen künftig ihre Ver- Mutungen für sich behalten!" „Vermutungen—?!" Käte zog die Augenbrauen zu- sammen und drückte des Arztes Arm. Was verniutcten die Leute— wußten sie schon etwas, ahnten sie das Venn? Eine plötzliche Angst fiel sie an. � Mit Blitzesschnelle tauchten Bilder vor ihr auf— hier mitten im festlich hellen Raum— dunkle Bilder, von denen sie nichts mehr wissen wollte. „Um Gottes willen," sagte sie leise, und ein Zittern war -ln ihrer Stimme. Wenn die Leute erst etwas wußten, o dann — sie sprach es nicht aus, die plötzliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen—, dann wurde man die Vergangenheit nicht los! Dann kam die und verlangte ihr Recht und war nicht mehr abzuschütteln!„Glauben Sie," flüsterte sie stockend, „glauben Sie— daß man— das Richtige— vermutet?" „J wo, keine Spur!" Hofmann lachte, wurde aber dann gleich ernsthaft.„Lassen wir doch die Leute und ihre Ver- mutungen, liebe Frau!" O weh, da hatte er sich auf ein heikles Thema eingelassen— ihm wurde ganz heiß— wenn sie wüßte, daß man ihrem Paul, dem treuesten aller Ehe- männer, eine ganz besondere Verpflichtung gegen das Kind zuschrieb?! „Vermutungen— ach, was vermutet man denn?" Sie brängte ihn, ihre Augen forschten angstvoll. „Unsinn," sagte er kurz.„Was wollen Sie sich darum lümmern?! Aber das habe ich Ihnen und Ihrem Gatten ja gleich gesagt: wenn Sie ein solches Geheimnis aus des Knaben Herkunft machen, wird viel daran herumgedeutelt werden. Nun, Sie haben es ja nicht anders gewollt!" „Nein!" Und die Augen schließend, schauerte Käte leicht zusammen.«Er ist unser Kind— nur unser Kind—" sagte sie mit einer seltenen Härte im Ton.„Und etwas anderes existiert nicht!" Kopftchüttelnd und fragend sah er sie an, betroffen über ihren Ton. Da stieß sie hervor:„Ich habe Angst!" Er fühlte, wie die Hand, die aus seinem Arm lag, leise bebte.— Mitten in der Heiterkeit des Abends war es auf Kätes Freude wie eine Lähmung gefallen. Sie wurde fiel nach dem kleinen Wolf gefragt— das war so natürlich, man zeigte ihr durch diese Fragen freundschaftliches Interesse— und man beobachtete sie dabei im stillen: ganz großartig, wie sie sich benahm! Man hätte der zarten Frau kaum solchen Herois- mus zugetraut. Wie sehr mußte sie ihren Mann lieben, daß sie sein Kind— denn der Knabe mußte ja sein Kind sein, die Ächnlichkeit war zu augenfällig, ganz genau derselbe Gesichts- lchnitt, das gleiche dunkle Haar— dieses Kind seiner schwachen Stunde an ihr Herz nahm,'ohne Groll, ohne Eifersucht. Sie, die Kinderlose, das Kind einer anderen! Das war großartig! Das begriff man denn doch nicht ganz. Und Käte empfand instinktiv, daß in den Fragen, die man an sie richtete, etwas versteckt lag— war es Bewunde» rung oder Mitleid, Zustimmung oder Mißbilligung?— etwas, das man nicht fassen, nicht einmal nennen konnte, nur arg- wöhnen. Und das machte sie befangen. So gab sie auf freundliche Fragen nach Wölfchcn nur zurückhaltende Ant- Worten, war knapp in der Erzählung, kühl im Ton und konnte doch ein heimliches Vibrieren ihrer Stimme nicht hindern. Das waren die zärtliche Freude, der Mutterstolz, die sich nicht unterdrücken ließen, die Wärme ihres Gesühls, die ihrer Stimme den verborgenen Unterton der Erregung liehen. Andere nahmens für eine ganz andere Erregung- (Fortsetzung folgt.)s (Nachdruck verbolen). pfeiferkömgmcke. Bei den germanischen Volksstäminen des frühesten Mittelalters stand der Spielmann und der Sänger zwar auch schon in der Haupt- fache außerhalb des geltenden Stammes- und Klaffenrechtes, daS sich ja auf Waffenpflicht und Grundbesitz aufbaute, war damit aber noch keineswegs rechtlos. Der Spielmann als solcher genoß sogar noch einen besonderen Frieden. Aber schon zur Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels hatte sich die soziale Stellung der Spielleute derart verschlechtert, daß deren Mehrzahl um ihres Gewerbes willen überhaupt außerhalb jeder Rechtsordnung und jeden Rechts- schutzeS standen.„Lotterpfaffen mit langem har ond spilliit hau lehnen frid" heißt es im Rcgcnsburger Land- frieden von 1281. Im Sachsenspiegel ist die Rechts- losigkeit der Spielleute eine derartig vollkommene, daß ihnen bei Verletzung von Leib und Leben niemals eine wirkliche, sondern nur eine scheinbare Buße zugebilligt wird.„Spillüten ond allen denen, du gut fuer ere ncmcnt, den git man ainz mannes schatten vor der sonnen". Das hieß, der verletzte oder geschädigte Spiel- mann durste sich an einem Peiniger oder Feinde nur derart rächen, daß er den Schatten, den sein Gegner an eine sonnenbeschienene Wand warf,„an den hals slahn" durfte. Das gotländische Recht gestattete dem Erben eines erschlagenen Spielmanns nur dann eine volle Buße, wemi er es vermochte, eine junge ungezähnite Kuh. die einen Hügel hinabgepeitscht wird, mit fettigem Handschuhe am Schweife zuriilkznhalten. Selbst die Kirche,"die sich sonst im 12./13. Jahrhundert gern tolerant zeigte, stellte sich feindlich gegen die Spielleute und ver- weigerte ihnen Kirchenbesuch und Abendmahl. So, vollständig außerhalb von Recht und Gesetz stehend, zwangen die Verhältnisse ganz von selbst die Spiellente zu engerem Zu- sammenfchluffe und zur Organisation, wollten sie nur einigermaßen dem Drucke und den, Unrechte, mit dem man sie belastete, ein Gegen- gewicht bieten. In den einzelnen Landesteilen des nnttelalterlichcn Deutschlands mochten daher derartige Organisationen, die später den Namen der Pfeiscrkönigreiche erhielten, lange Jahrzehnte hindurch nn Geheimen existiert haben, ehe die Geschichte von ihrem Dasein Kenntnis nahin, und der mittelalterliche Staat gezwungen war, sich in irgend einer Weise mit dem Bestehenden abzufinden. Dies geschah erstmalig unter Kaiser Karl IV. Dieser gab den„vareuden lllten" 1355 zu Mainz ein neues Wappen und sanktionierte ihre Organisaston. indem er einen„König der Spielleute" ernannte. Dieser erste der Pfeiferkönige, der Reichspfeiferkönig mit dem stolzen Titel„Rex ornmum histrionrun" war Johannes der Fiedler. Mit dieser neugebackenen Würde waren für den König manche Vorrechte verbunden. Alle seinem Gewerbe Angehörigen sollten ihm gc- horchen, ihn, eine kleine Abgabe zahlen, und er selbst erhielt daS Recht, alle Gaben, die er empfangen, was es auch sei, Pferde, Kleider, Schmuck usw., überall im Reiche frei verkaufen zu bfttferf. Von dem Kaiser als erstem Schutzherrn kam später der Schutz der Spielleute als Pfeiscrkönigreiche durch Lehen oder sonstwie in die Hände einzelner Landesfürsten oder Territorialherren. So arm- selig auch die wirtschaftliche Lage dieser Spielleute immer sein mochte, die mittelalterliche Gerichts- und Steuermaschinerie verstand selbst von diesenLeuten noch soviel hcrauszupreffen, daß ein solches Lehen sich lohnen mochte. Und so finden sich denn besonders im Süden Deutschlands, wo die Spiellente an sich zahlreich fein mochten, mehrere derartige Pfeiferkönigreiche. Im Jahre 1385 errichtete Adolf, Erzbischof von Mainz, für sein ganzes Erzbistum ein solche« Königreich und er» nannte zum ersten„Könige" desselben seinen Pfeifer Brachte. Auch in den freien Städten bildeten sich Pfeiferkölligreiche resp. Bruder- sch ästen, z. B. in Straßburg. In der Schweiz bestand ein Pfeifer- konigreich zu Kyburg, zu Zürich gehörig, ein anderes in Luzen, und ein drittes zu Uznach im Toggenburgischen. Am bekanntesten ist wohl dasjenige im Elsaß, das die Herren von Rappoltstein zu Rappoltsweiler zu Lehen trugen und das im Jahre 1400 zum ersten» mal erivähnt wird. In diesem Jahre übertrug Schmaßmann von Rappoltstein das Ambacht seines Königreiches fahrender Leute seüiem Pfeifer Henselin, nachdem Heintzmann Gerwer, der Pfeifer, das Amt krankheitshalber niedergelegt hatte. Mit der Ancrkcnnniig ihrer Organisation verband sich für die SpieUeute gar bald eine merkliche Besserung ihrer sozialen und rechtlichen Stellung. Sie hatten doch jetzt wenigstens jemand, der fich bei gar zu groben Uebergriffen ihrer annehmen und sie schützen mußte, cS gab doch wieder Ortschaften im großen Reiche, wo sie heimats- und rechtsberechtigt waren. Natürlich strömten in diesen Pfeiferkönigreichen, um eben dieser Heimats- und Schutzberechtigung willen, die Spielleute von nah und fern zusammen. Das König- reich von Rappoltstein z. B. schwoll bald derartig an, daß sich die Bruderschaft in drei Kreise teilen mußte, weil ein Ort die Zahl der Angehörigen nicht zu fassen vermochte. Bei einer 1743 vor- genommenen Zählung befanden sich dort in der oberen Bruderschaft 161, in der mittleren 190, in der unteren aber 400 Mitglieder. 731 Spiel- keute auf einen Bezirk, der zwar vom Hauenstein an bis zum Hagenauer Forste uud von der Höhe des Wasgaues bis zum Rheine reichte, wäre auch unter heutigen Verhältnissen noch eine außer- ordentlich große Zahl. Die Schutzherren scheinen fich ihrer Schutzbefohlenen in Wirklich- keit auch angenommen zu haben. Wie diese ihre Stellung auffaßten. zeigt uns Zürich. 1430 verlieh dieses das Pfeiferkönigreich zu Khburg in ihren Gebieten und Gerichten dem Ulman Meyer von Bremgarten. In dem Verleihungsbriefe heißt es da: „besietten ihn daran als einen rechten Künig der Pfiffer und varenden Lütt, also daß er und sin Marschalk das Künig Reich hinfür als bisher mit allen Wirden und Eren, allen Freyheiten, Rcchtungen und guten gcwohnheiten, als das von alters herkommen ist, inhalten und haben soll, von aller Mänglichem ungesumpt und ungehindert". Der neue Pfeiferkönig mußle dabei dem Bürgermeister von Zürich geloben, bei seiner Treu an Eidesstatt, einem jeglichen Bürgermeister und Rat der Stadt gehorsam, getreu, gewärtig und des Königreiches verbunden zu sein. Dafür wird dem neuen Pfeiferkönig ein Schutzbrief ausgestellt, in dem alle Fürsten, Grafen, Herren, Freie, Ritter, Knechte, Vögte, Bürgermeister und Räte, denen der Brief gezeigt wird, gebeten werden, den König Ulman Meyer und seinen Marschalt gütlich zu empfangen, ihn schützen, schirmen und fördern zu wollen. Auch die Kirche stellte sich wieder freundlicher zu den Spiel- lenten. Das Pfeiferkönigreich zu Uznach wurde 1407 schon als geistliche Brüderschaft der„farend Lüt, Gigcr und Pfifer" gestiftet. Im Stiftungsbriefe, vom Grafen von Toggenburg besiegelt, wurde die Kirche zum heiligen Kreuz als Versammlungsort bestimmt, wo alljährlich die Brüder einmal emireffen und für ihre gestorbenen Mitbrüder eine Jahreszeit begehen sollten. Jedes Mitglied trug als Zeichen ein kleines silbernes Kreuz, welches nach seinem Tode der Bruderschaft in der Kirche wieder übergeben Iverdcn mußte. 1438 erlangten dann auch die Pauker mrd Musikanten des Bistums Straßburg und Konstanz die Wiederbenutznng des Wendmahls und gründeten zu Stuttgart eine Bruderschaft. Doch mußten sie sich verpflichten, vor und nach dem Gemiffe des Wendmahls fich je fünf Tage ihres Gewerbes zu enthalten. 1480 setzten- dann auch nach 19jährigen Bemühungen die Rappoltsteiner die Aufhebung des kirchliche» Bannes für ihr Königreich durch, und die Pfeifer bildeten nunmehr die Bruderschaft der inater dolorosa zn Dusenbach. Wie die Toggenburger trugen auch die Rappoltsteiner ihre Schutzpatronin an einer silbernen Denkmünze, und jedes Mitglied mußte an deren Jahresmesse unbedingt teilnehmen. Als die Religionsspaltungen eingetreten, die Rappoltsteiner selbst protestantisch geworden waren, wurde inmier noch mit der gleichen Strenge und Hartnäckigkeit an dieser Vorschrift festgehalten. So wurden 1751 die reformierten Mitglieder des PfeiferköuigreichS unter Bedrohung der körperlichen Züchtigung gezwungen, der Meffe am Pfeifertage beizuwohnen und sich bei der Erhebung der Hostie auf die Knie niederzulassen. Die wirtschaftlichen Zwecke eines solchen Pfeiferkönigreichs deckten sich durchaus mit den damals in allen sonstigen Gelverben üblichen und hatten den ausschließlichen Ztveck, den Mitgliedern eines Königreichs innerhalb deffen Ausdehnungsbezirkes das Monopol der Ausübung der Musik zu sichern. Jeder Spielmann, der nicht Mit- Slied des Königreiches war, wurde als Bönhase verfolgt, seines chstrumentes beraubt und obendrein mit einer Strafe belegt. Die Straßburger Bruderschaft der Spielleute.Zur Kronen", deren König- reich fich vier Meilen rings um Strnßburg erstreckte, bedrohten neben der Konfiskation des Instruments i den Bönhasen zun» erstenmal mit einer Strafe von V«, zum zwei..mal mit einer solchen von Va und zuletzt mit 1 Pfund Wachs. Auch die übrigen Einrichtungen lehnten sich ganz an die damals üblichen Zunftgebräuche an. Bei den Rappoltsteiuern mußte bei dem Eintritt in die Bruderschaft Eintrittsgeld gezahlt und eine Lehrzeit, für das Land 1, für die Stadt 2 Jahre nachgewiesen werden. Die Mitglieder sollten einander weder Kunden noch Lehrlinge abwendig machen, zu Festen und Hochzeiten, zu denen sie nicht ausdrücklich geladen, nicht erscheinen. Auch sollte keiner an die Stelle eines früher bestellten Mitbruders treten, ehe demselben der bedungene Lohn ausgezahlt worden. Wollte aber ein Jude die Dienste der Spielleute gebrauchen, so sollte diesem der unverschämte Preis von 1 Goldgulden abgenommen werden pro Person. Gleich den übrigen Handwerken zeigen auch die Pfeiferkönigreiche den gleichen Hang zur Abschlicßung und Verknöcherung. Verlangten doch 1606 die Rappoltsteiner für die Aufnahme in die Bruderschaft die fleckenlose, eheliche Geburt. Die Pfciferkönige wurden wohl überall von den jeweiligen Schutzherren direkt eniannt, die Marschälle und sonstigen Beamten aber von den Mitgliedern gewählt. Zu Rappolts weiler standen neben dem Könige vier Meister, darunter der Fähndrich, zu denen die auch bei den übrigen Gewerben üblichen Zwölfer mit dem Weibel traten. Der Rappoltsteiner Pfeiferkönig mit seinen Beigeordneten führte nicht nur die Gewerbeaussicht..in i einem Königreiche, sondern war auch Richter in allen zwischen den Pfeiferbrüdern schwebenden Streitigkeiten. Alle Geldstrafen, mrd bei der Menge der Pfeifer und Spielleute mochten diese einen ganz anständigen Betrag im Jahre ausmachen, fielen an den Schutzherrn, der später, um den Born der Strafgelder recht reichlich am Fließen zu erhalten, dem König jährlich 100 Livres zahlte. Von dem Pfeifergericht ging bis 1669 eine Appellation nur an das herrschaftliche Gericht zu Rappoltsweiler. von da an, nachdem das Elsaß französisch ge- worden, bei Appellationen über 10 Livres an die königlichen Gerichte, Auch für den Pfeiferkönig selbst fiel manch blanker Batzen aus seinem Königreiche ab. Bis 1434 mußte jedes Mitglied der Rappolt- steiner Bruderschaft dem König am St. Jakobstag„jerlich dienen ond geben ongeverlich ein hun ond ein sester habern". Von da ab stieg die Abgabe bis auf 3/4 Hafer, der 1460 in Geld, und zwar 2 Basler Plapparte umgewandelt wurde. Zu dem kam außer den 100 Livres vom Schutzherrn noch der Anteil des Königs an den Erbgefällen der verstorbenen Brüder. Denn bei jedem Todessall fiel die silberne Denkmünze und das beste Instrument des Verstorbenen zur Hälfte an die Bruderschaft, zur Hälfte an den König. Bei den alljährlich stattfindenden Pfeifertagen, die mit großem Pomp ge- feiert wurden, und bei welchen der König eine kleine vergoldete Krone auf dem Hute trug, war der König beim anschließenden Mahle zechfrei, durfte auch zwei Gäste mitbringen, während die vier Meister nur halbe Zeche zahlten. An den Kompetenzen des Rappoltsteiner Pfeiferkönigreiches änderte auch der Uebergang des Elsaffes an Frankreich nichts. Im Gegenteil, Frankreich wachte mit großer Eifersucht über die Ein- Haltung der alten Gebräuche und bedrohte jede Verletzung der alten Privilegien mit Geldstrafen. 1669 befahl Ludwig XIV. bei 300 Livres den Amtleuten und Beamten, die Spielleute zur strengen Beobachtung der Pseiferstatuten anzuhalten und alle vom Pseifergericht aus- gesprochenen Urteile umgehend zu vollstrecken. Ja, 1747 wurde jedes Bergehen außer den von der Bruderschaft selbst festgesetzten Strafen von Staats wegen mit 10 Livres Buße für jeden Ucbertretungsfall bedroht. Deswegen blieb auch das Pfeiferkönigreich zu Rappoltstein bis 1789 bestehen, während alle anderen längst aus der Geschichte ver- schwunden waren. Das letzte Mitglied jenes Königreiches starb 1838 zu Straßburg.— A. Ado. Kleines f eirilletom — Die„Husholte" von Emden. Der»Franks. Ztg." wird ge. schrieben: In den«ammlungcn der Emder»Kunst" befindet sich> eine eigenartige Reliquie in Verwahrung: zwei lange, schwarze Bretter mit nichts als Zahlen, und diese Zahlen geben von 1663 bis 1863, also beinah drei Jahrhunderte lang, an, wieviel Särge in Emden Jahr um Jahr gebaut wurden. Es handelte sich dabei um ein eigenartiges, wahrscheinlich noch in die Klosterzeit(vor: 1361) zurückgehendes Privileg, wonach in Emden Särge nur von -dem sogenannten Gasrhause des Klosters geliefert werden durften, bis dem die Einführung der Gewerbefreiheit ein Ende machte. Ta� man über den Ursprung dieses seltfamen Monopols nichts loeiß, liegt daran, daß die letzten Mönche des betreffenden 1317 von Franziskanern gegründeten, später der Reihe nach auch noch von Minderbrüdern, Gaudenten und Observantcn bewohnten KlosterS bei dessen Auflosung(1361) alle ihre Bücher mit fortnahmen: aus- genommen waren allein die Schissszimmerlcute, die gar manches- mal weit draußen auf See eine„Dodekistc" zusaminenschlagen und einen»int holt legen� mutzten, und die Juden. Den Anlaß zn jener merkwürdigen Statistik gab das große Sterben im Jahre 1663, in dem allein 3318 Särge(oder, wie es ftüher hieß»HuS» holte") gebraucht wurden; die wenigste»(180) wurden 1851 be- nötigt. Ter Name„Husholt", für den heutzutage in Ostsriesland ineist Todektste oder Totenlade gesagt wird, geht darauf zurück, daß cs hierzulande üblich war, und hier und da jetzt noch ist, daß Bauern und Bürger auf ihren Böden eine Anzahl sür einen Sarg zurecht geschnittene Eichenbretter liegen hatten: Rauholt(Ruhcholz)j oder Notholt, um rasch einen Sarg zusammen zu zimmern, wenn es damit„Not" oder Eile hatte.„Husholt" bedeutet also das Holz, das jeder bei sich zu Hause bereit hat. Da? Holz hieß auch Todeholt und heute noch sagt nmn für einsargen: einen„int holt" oder„in de Kiste" legen. Wi. Tie modernen Apachen. Was ist aus den Apachen ge- worden, jenem Jndianerstamm, von dessen unersättlicher Kampf- lust und Grausamkeit wir alle bei Cooper gelesen haben? Noch heute leben etwa 2000 Apachen in dem von der amerikanischen Regierung ihnen zugewiesenen Reservatgcbiet; aber die Zeiten des„Kriegs- pfades" find längst vorüber, und wenn auch noch etwas von dem alten Geist der Väter in ihnen lebt, fie haben sich der Ordnung der Zivilisation fügen, sie haben Ackerbau und andere friedliche Beschäftigung lernen müssen, und sie machen sogar recht schnelle Fortschritte in der Gewöhnung an die neue Lebensform. Ein interessantes Völkchen sind sie jedoch immer noch geblieben, und ihr Charakterbild, das E. S. Curtis im Maihcft von„Scribners Magazine" entwirft, enthält manchen eigenartigen Zug. Jahr- hunderte lang, von 1MV bis 1858, hatten die Spanier und Mexikaner einen grausamen und doch wenig erfolgreichen Krieg gegen diese „Apachen"— d. h.„Jedermanns Feind"— geführt, als die Vcr- einigten Staaten ihr Gebiet übernahmen, und General Crook mit der Lösung der„Apachenfrage" betrauten. Dieser ließ die Häupt- lingc in sein Lager entbieten und erklärte ihnen:„Ich bin hierher- gekommen, dem Kampfe ein Ende zu machen. Wer den Frieden will, der komme in das Land, das euch vorbehalten ist; ich will euch helfen, Farmen zu begründen, und die Regierung wird Korn und Heu von euch kaufen und eure Arbeit bezahlen. Wer aber weiter kämpfen und stehlen will, der kehre in seine Berge zurück; er wisse jedoch, daß ich 5irieg gegen ihn führen werde, bis er sich ergibt, oder bis der Letzte gefallen ist. Ich werde durchführen, was ich gesagt habe, darauf könnt ihr euch verlassen." Den Häuptlingen wurde es klar, daß hier ein neuer Mann zu ihnen sprach, und es iraten so viele kräftige junge Leute zu ihm über, daß er die Apachen mit ihren eigenen Landsleuten bekämpfen konnte. In kaum zwei Jahren waren sie besiegt, das Land wurde angebaut, Gräben zur Bewässerung wurden gezogen und neue Heimstätten errichtet. Brach auch im Jahre 1882 noch einmal ein Aufstand aus, so war die Apachenfrage doch iw wesentlichen gelöst. Heute sind die ettoa 2000 Indianer dieses Stammes auf ein Reservatgebiet von 2 Millionen Acres verteilt, und sie verfügen über 2000 Acres Ackerbauland, das an den Flüssen White River, Cibicou, Carrizo, Wonito und Türkey Creek liegt und zum größeren Teile bereits angebaut ist. Dort haben sie ihre Heimstätten,„Congueh" genannt, die aus Fachwerk von Pfählen errichtet und mit Gras gedeckt sind. Durch die lose aufgelegte Decke steigt der Rauch der Lagerfeuer un- behindert auf; Sber ebenso dringen Regen und Schnee leicht ein. Roch immer rührt sich in dem Apachen das alte Nomadcnblut, und die Familie hat viele Heimstätten, überall dort, wo sie gerade eine braucht. Nichts ist dem Apachen lieber als das Herumziehen. „Warum soll man die ganze Zeit an einer Stelle wohnen, da es doch so viele schöne Plätze zum leben gibt?" meint er. Freilich ist das Gebiet, über das sich seine Wanderungen erstrecken, nicht entfernt mehr so groß als in früheren Zeiten, wo es die Berge des ganzen südöstlichen Arizona umfaßte. Der Charakter dieser Romadensöhne ist eine merkwürdige Mischung von Wildheit, Mut, Verschlagenheit und Sanftmut und Zärtlichkeit gegen die Familie, besonders gegen die Kindel. Furcht kennt er nicht, und der Tod hat für ihn keine Schrecken. Stirbt ihm ein Freund, so ist seine Trauer so tief, daß ofh ein Apache, den dieser Verlust betroffen, Selbstmord begeht, weil er seinem„Bruder" in die ewigen Gefilde folgen will. General Crook, der die Apachen kannte wie kaum ein anderer Weißer, sagte von ihnen, sie verbänden die Instinkt- sicherheit des Tieres, die Wildheit und Verschlagenheit des Tigers mit der Einsicht und Logik des zivilisierten Menschen. Obwohl »loch heute, wenn ein Mann in ihrem Gebiet getötet wurde, die omerikanischen Zeitungen unweigerlich berichten:„Er verlor seinen Skalp", so ist doch gerade von den Apachen zu sagen, daß sie die Opfer, die in ihre Hände fielen, nie skalpiert und nur höchst selten gefoltert und verbrannt haben. Sie berührten niemals eine Leiche und warfen die Waffen des Getöteten fort, wenn sie nur eine Spur von Blut darauf sahen. Die heutigen Apachen legen auch niemals Hand mit an, wenn es gilt, ihre eigenen Toten zu begraben, {andern überlassen diese Arbeit stets den Frauen. Die Apachen- rau ist ein höchst bescheidenes Wesen, dessen sittenreincs Leben sprichwörtlich ist. Es ist geradezu wunderbar, wie sie es verstehen, mit ihrer spärlichen Bekleidung ihren Körper- zu verbergen. Wie viele andere nordamerikanische Jndianerstämme sind die Apachen Sonnenanbeter. Die Sonne ist die allmächtige Gottheit, an die sie olle ihre Gebete richten. Wenn sie früher in den Kampf zogen, wenn sie heute Getreide säen, immer rufen sie die Sonne an. Daß sie an ein zukünftiges Leben glauben, beweist auch die Tatsache, daß beim Tode eines Mannes auch sein Pferd getötet und begraben wird und daß ihm Kleidung und Jagdgeräte für ein künftiges Leben mitgegeben werden. Mit den Geistern der Vorfahren stehen sie durch die Medizinmänner in Verbindung, die bei ihnen den stärksten Einfluß ausüben. Daß der Häuptling nur von seinem Volke erwählt ist, dessen sind sie sich sehr wohl bewußt; aber der Medizinmann hat Einsicht in übernatürliche Dinge und erhält seine Macht von Gott. An der Medizinkette trägt er stets einen Sack niit Amuletten aus Holz von solchen Bäumen, die der Blitz gc- troffen hat, seltsame Schmuckstücke aus Stein, Muscheln oder Metall, die nie von profanen Händen berührt werden dürfen. Ucberhaupt spielen Vorbedeutungen, Talismane und Amulette noch iheute� bei den Apachen eine große Rolle. Die Entfaltung eines gewissen�Schönheitssinncs zeigt sich am besten in den Korbarbeitcn dieser Indianer. Sie haben nur einen geringen Vorrat von primitiven Formen; aber Form und Material sind dem Zwecke des Korbes gut angepaßt, und die Linien sind schön und symmetrisch. Oft ist der Lastkorb, ohne den eine Apachenfrau nie zu sehen ist, ein kleines Kunstwerk aus grobem Flechtwerk, das mit Diagonalen schön verziert ist. Der Boden ist mit Wildleder bedeckt, und Streifen von demselben Stoff verlaufen nach oben, während Franzen und senkrechte Streifen von dem flachen oberen Rand herabhängen. Diese Körbe werden von den Frauen an einem Lcdcrriemen, der über die Stirn gelegt wird, auf dem Rücken getragen, oder sie werden an den Sattelknopf gehängt und nehmen alles mögliche auf, vom jüngsten Kinde bis zu den Lagergeräten. Ihre Handfertigkeit beweisen die Apachen auch an der Wasserflasche, einem dicht geflochtenen Korb, der innen und außen mit Gummi bekleidet ist und die Form einer Vase hat, an flachen schalen- artigen Körben für trockene oder flüssige Nahrungsmittel, die mit Pflanzenstoffcn schön gefärbt sind. Die Frauen verfertigen sich auch Pcrlflechtarbeiten; die Perlen werden auf Schnüre gezogen und um Hals und Handgelenke geschlungen, bis sie mehr wie zoll- dick aufliegen. Die EntWickelung der letzten Jahrzehnte hat die Apachen, Männer wie Frauen, zu guten Arbeitern gemacht. Sie müssen alle selbst für ihren Unterhalt sorgen; die Regierung hält nur möglichst reichliche Arbeit für sie bereit; namentlich beim Wegebau und bei der Anlegung großer Bewässerungsgräben finden sie vielfach Beschäftigung. Das wichtigste bleiben für die Apachen aber die Farmen, auf denen Mais, Korn, Bohnen und Gemüse wachsen. Gute Ernten sind allerdings nur infolge der guten Be- Wässerung durch meilenweit sich erstreckende Gräben möglich. Aus dem Pflauzenlebe». st. Altersschwäche bei Pflanzensorten. Bei verschiedenen Züchtern ist das Gerede von einer Altersschwäche be- stimmter Pflanzensorten in letzter Zeit recht modern geworden. Man sah, wie irgend welche beliebten und infolgedessen viel angebauten Blumen- oder Gemüsesorten nach und nach in dem Ernteerträgnis. zurückgingen. Die Ursache zu dieser Erscheinung soll in der Altersschwäche liegen, die man so erklärt: die hier in Betracht kommenden Pflanzensorten werden aus Stecklingen herangezogen, somit stellt jedes Individuum gewissermaßen eine Fortsetzung der Mutterpflanze dar, und eine ganze Serie durch Stecklinge dieser Art herangezogene Generationen sind eigentlich gar keine neuen Pflanzen, sondern lediglich Fortsetzungen der ersten Mutterpflanze oder Teile derselben. Da nun jedem Lebewesen eine bestimmte Lebensgrenze gesetzt ist, so müssen alle diese Teile einer Mutter- pflanze nach einer gewissen Reihe von Jahren zugrunde gehen. Ebenso wie die durch Stecklinge vermehrten Pflanzen nur als direkte Fortsetzungen der Mutter gelten, so werden auch die durch Knollen, Zwiebeln, Teilung, Veredlung oder auf sonstigem vegeta- tiven Wege vermehrten Pflanzen nicht als neugebildete Genera- tioncn, als tatsächliche Nachkommen, sondern auch nur als weiter- lebende Teile angesehen. Dies gilt z. B. von allen Magnum- bonum-Kartoffeln, allen Noble-Erdbeeren, allen La France-Rosen, von den verschiedenen Apfel- und Birncnsorten und von anderen Pflanzensorten mehr. Sollten die Züchter, die auf diese Weise daS Eingehen mancher Pflanzen erklären, recht behalten, so müßten logischerweise alle Pflanzensorten, die nicht durch Aussaat, sondern nur auf vegeta- tivem Wege vermehrt werden, über kurz oder lang aussterben bezw. bereits ausgestorben sein; denn wir kennen Pflanzensorten, die schon jahrhundertelang nur durch vegetative Vermehrung erhalten werden, so z. B. die Pfefferminze und die Pyramidenpappel. Auch der Umstand gibt zu bedenken, daß die vermehrten Pflanzen in den aufeinanderfolgenden Jahrgängen meist ein solches Alter erreicht baben, das ein einzelnes Exemplar selbst unter den allergünstigsten Lebensverhältnissen auch nie annähernd erreichen würde. Und end- lich läßt sich diese Behauptung von der Altersschwäche auch auf keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen oder Beobachtungen stützen. Daher hat sich denn gegen die Behauptung der Ruf erhoben: Eine Altersschwäche der Pflanzensorten gibt es nicht I Dies scheint in der Tat das Richtige zu sein. Da, wo einzelne Sorten zugrunde gehen, wird man ein« andere Ursache als die vorgeschobene suchen müssen. Die Züchter tragen meistens selbst Schuld an dem Eingehen der Pflanzensorten, indem sie durch ein naturwidriges Forcieren der Kulturen die einzelnen Pflanzen schwächen und von solchen ge« schlvächten Pflanzen nun auch noch den Nachwuchs heranziehen. So werden die Pflanzen von Generation zu Generation schwächer, und da ist es doch am Ende gar kein Wunder, wenn derartig miß- handelte Pflanzen kränkeln und zugrunde gehen. Da, wo man durch ein zweckmäßiges Kulturverfahren für die Anzucht des Nach- Wuchses nur gesunde und unentkräftete Mutterpflanzen benutzt, ist von einer Altersschwäche der Pflanzensorten auch nichts zu ver- spüren.— HmiioristifcheS. — Fachmännisch.„Sie heiraten doch zum erstenmal?" Kapellmeister:„Rein, da capol"— — Der Nörgler. Wirt(zum Kellner, der eben das Mittagessen für einen Gast holt):„Schmeißen Sie dem Registrator einige tote Fliegen in die Suppe, damit er was zu räsonieren hat, sonst schmeckts ihm ja doch nicht?"— — Sein Fall. Sie:„Rot ist die Liebe, grün die Hoffnung, blau die Treue, gelb der Neid, schwarz die Trauer, weiß die Un- schuld— was ist braun, Männchen?" Er:.Das Bier I"— („Meggendorfer-Blätter.") Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LW.