HlnterhaltimgMntt des Horwärts Nr. 95. Freitag, den 18. Mai. 1906 (Naihdml! vervoten.) ist Gimr JVIutter Sobn» Roman von C l a r a V i e b i g. .7. Das waren Tage reinsten Glückes in der Villa Schlieben. Man hatte sie nun gekauft, noch ausbauen lassen und auch zum Garten noch ein Stück Land als Spielplatz dazu er- worden. Es war nicht zu denken, daß der Junge nicht Platz genug haben sollte, sich auszutummcln. Sand wurde ge- fahren, ein Berg, so hoch wie eine Düne, darin er buddeln konnte. Und als er anfing, zum Turnen groß genug zu sein. wurden eine Schaukel angeschafft, ein Reck und ein Barren. Aber dies alles war doch noch nicht ausreichend. Er stieg über sämtliche Zäune der Nachbarvillen, über alle die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrten Mauern. „Herrlicher Junge," sagte Geheimrat Hofmann, wenn er von Wolfgang sprach. Sprach er mit ihm, so sagte er freilich:„Du bist ein ganzes Rauhbein! Warte nur, wenn Du in die Schule kommst, da werden sie Dich das Stillesitzen lehren!" Wolf war wild—„etwas zu wild" fand die Mutter. Schlieben machte der Uebcrmut des Fungen Spaß, es steckte eben so viel überschüssige Kraft in ihm. Aber Käte fühlte sich ein wenig befremdet durch so viel Wildheit. Nein, be- fremdet war sie eigentlich nicht, wußte sie doch nur zu gut, woher diese Wildheit stammte; bange machte ihr die. Sie schalt nicht über zerrissene Hosen— o. die konnten ja wieder ersetzt werden!— aber als er heimkam mit dem ersten Loch im Kopf, da wurde sie ganz unglaublich erregt. Sie schalt heftig, sie wurde ungerecht. Es war ihr nicht möglich, ihm das Blut zu stillen— huh, wie es rann!— wie einen Krampf begann sie's am Herzen zu fühlen, mühselig schleppte sie sich in ihr Zimmer und blieb da stumm in einem Winkel sitzen, die Blicke starr ins Leere gerichtet. Als ihr Mann ihr, solcher Uebertreibung wegen, einige Vorwürfe inachte, sagte sie kein Wort dawider. Er tröstete sie dann: sie konnte ja nun ganz ruhig sein, die Sache war weiter nicht von Belang, das Loch genäht und der Junge seelenvergnügt, als sei nie etwas gewesen! Aber sie fröstelte in einem nervösen Schauer und blieb blaß. Ach, wenn Paul wüßte, an was sie dachte, immerfort denken mußte! Daß sich ihm nicht die gleiche Erinnerung aufdrängte?!--- O, Michel Solheid hatte blutend auf dem Venn gelegen— Blut war zur Erde getropft heute wie damals!� Der kleine Knabe hatte sich nicht beklagt, ebenso- wenig wie sein— sie sträubte sich selbst in Gedanken gegen dieses Wort— wie sein Vater, wie Michel Solheid geklagt hatte! Und doch war das rote Blut hervorgespritzt wie ein Springquell; wieviel natürlicher wäre dabei ein Weinen ge- wesen! Empfand Wolf denn anders, wie andere Kinder empfanden?! Käte ging die Reihe ihrer Bekannten durch: da war kein einziges Kind, das bei solcher Verwundung nicht geweint hätte, und es brauchte deshalb noch lange kein Feigling zu sein. Es war gewiß. Wölfchen war weniger feinfühlig. Nicht nur stumpfer gegen körperlichen Schmerz, nein— utid das hatte sie schon mehrmals zu bemerken geglaubt— auch stumpfer in den Regungen der Seele. Selbst bei Freuden. Zeigten nicht andere Kinder ihr Beglücktsein, indem sie jubelnd in die Hände klatschten? Den begehrten Gegenstand: das Spielzeug, die Puppe, den Kuchen mit Rufen des Eni- zückens umhüpften? Er hatte nur ein stummes Danach- greifen; nahm's an sich, eben weil es ihm geboten ward, ohne all die kindliche Geschwätzigkeit, ohne dies anmutig-jauchzeirde Erfreutsein, das es so unendlich dankbar macht, Kinder zu beschenken. „Wie ein Bauer," pflegte Schlieben zu sagen. Das gab ihr jedesmal einen Stich durchs Herz. War Wölfchen wirk- lich aus so anderem Holz?! Nein,„Bauer" durfte Paul nicht sagen! Wölfchen war doch nicht stupide, nur vielleicht ein wenig langsam im Denken, aber doch schlau genug! Und er war eben kein Großstadtkind; man lebte ja hier ganz wie auf dem Lande. „Du Bauer!" Bei der nächsten Gelegenheit, als der Vater es wieder sagte— es war diesmal zum Lobe gesagt und nicht zum Tadel, aus Freude darüber, daß der Knabe sein Gärtchen so gut imstande hielt— brauste die Mutter auf. Worum?! Schlieben begriff den Grund nicht. Warum sollte er sich nicht freuen? Hatte der Junge seinen kleinen Garten denn nicht allerliebst eingefriedigt? Aus Haselstöcken hatte er sich ein Staket errichtet, das zur Verdichtung mit biegsamen Weidenruten durchflochten und mit Kiefernzweigen belegt war. Und Bohnen und Erbsen hatte er gesteckt, die er sich von der Köchin erbettelt hatte; und nun würde er auch noch Kartoffeln legen. Hatte ihn's jemand so tun geheißen? Nein, niemand! Die perfekte Köchin und das Hausmädchen waren Großstadtkinder, was wußten die von Erbsenstecken und Kartoffcllegen?! „Der geborene Landwirt," sagte lachend der Vater. Wie im Schmerz aber wandte sich die Ädatter ab; viel, viel lieber hätte sie gesehen, ihres Sohnes Garten wäre ein Unkrautfeld gewesen, als daß er so emsig pflanzte, jätete und begoß. Sie hatte ihm Blumen geschenkt; aber für die hatte er weniger Interesse, sie gediehen ihm auch nicht so. Nur eine große Sonnenblume wuchs und wuchs; sie war bald so hoch wie der Knabe, bald noch höher, und er stand oft davor, da? kindliche Gesicht ernst erhoben, und sah lange in ihr goldenes Rund. Als der Sonnenblume goldene Blätter verschrumpftcn, dafür aber ihr Same reif ward— jeden Dag wurde der prüfend betrachtet und dann endlich eingeerntet—, kam Wolfgang zur Schule. Er ging schon ins siebente Jahr und war groß und stark; warum sollte er jetzt nicht mit anderen Kindern lernen? Die Mutter hatte es sich zwar wundervoll gedacht, ihm selber die Anfangsgründe beizubringen, hatte sie doch als junges Mädchen, das zu Hause nichts zu tun fand und sich gern weiterbilden wollte, das Seminar besucht und das Lehrerinnenexamen sogar mit Auszeichnung bestanden; aber — es war wohl schon zu lange her— hier versagte ihre Kraft. Besonders die Geduld. Das ging so langsam voran, so un- säglich langsam! War der Junge unbegabt? Nein, aber schwerfällig, von einer zu großen Schwerfälligkeit. Und ihr war oft, als redete sie an wie gegen eine Mauer. „Du bist viel zu lebhaft," sagte ihr Mann. Aber Gott im Himmel, wie sollte sie's ihm denn klarmachen, daß das ein„A" war und das ein„O", und wie sollte sie's ihm erklären, daß, legt man zu eins noch eins, es zwei sind, wenn sie nicht lebhaft dabei wurde?! Sie ereiferte sich, sie nahm die Rechenmaschine lind zählte dem Knaben die blauen und roten Kugeln vor, die wie runde Perlen an einer Schnur saßen; sie wurde heiß und rot dabei, fast heiser, und hätte zuletzt vor Ungeduld und Verzagtheit weinen mögen. wenn Wölfchen dasaß und sie mit seinen großen, dunklen Augen so interesselos ansah und nach Stunden der Arbeit doch nicht wußte, daß eine Perle und noch eine Perle zwei Perlen sind. Mit Schmerz sah sie's ein, sie mußte den Unterricht auf- geben.«Beim Lehrer wird eS schon besser gehen," tröstete Schlieben. Und es ging besser, wenn man auch nicht gerade „gut" sagen konnte. Wolfgang war nicht faul. Aber seine Gedanken wanderten. Das Lernen interessierte ihn nicht. Er hatte anderes zu denken: ob die letzten Blätter im Garten wohl ge- fallen sein würden, wenn er am Mittag aus der Schule nach Hause kam?! Und ob im nächsten Frühjahr der Star, dem er das Kästchen hoch oben in die Kiefer genagelt hatte, sich wohl wieder einfinden würde? Alle schwarzen Beeren hatte der abgepickt vom Holunderbaum und war dann fortgezogen mit Geschrei: wenn der nun keine Holunderbeeren mehr fand, was fraß er dann?! Und bange Sorge schüttelte des Knaben Herz— hätte er ihm doch noch ein Säckchen voll Beeren mit- gegeben!— Jetzt lag der Schnee auf den Kiefern des Grunewaldes. Als Wolfgang heute morgen zur Schule gegangen war, das. Ranzel auf Sem Rücken, das Hausmädchen als Begleitung neben sich, hatte die weiße Decke unter seinen Stiefelchen ge- knirscht und geknackt. Es war sehr kalt. Und da hatte er einen Schrei gehört, einen hungrigen, krächzenden Schrei. Das Hausmädchen meinte, es sei eine Eule gewesen— pah, was die wußte! Ein Nabe war's, der hungrige Bettelmann im kohlschwarzen Röcklein, wie in der Fibel stand! Und an den dachte jetzt der Knabe, als er in der Schul- Hank saß und mit großen Augen auf die Wandtafel starrte, an die der Lehrer Wörter schrieb, die man ergründen sollte. Wie angenehm mußte es jetzt unter den Kiefern sein! Da flog der Rabe und streifte mit seinen schwarzen Flügeln den Schnee von den Aesten, daß der stäubte. Wohin er dann fliegen mochte?! Wie dem Star, so eilten dem Raben die Ge- danken nach, weit, weit fort! Des Knaben Blick erglänzte, seine Brust hob sich unter einem tiefen Atemzug— da rief ihn dör Lehrer an. „Wolfgang schläfst Du mit offenen Augen? Wie heißt das hier?!" Der Knabe fuhr zusammen, wurde rot, dann blaß und wußte nichts. Die anderen Jungen wollten sich totlachen—„schläfst Du mit offenen Augen?"— das war zu drollig gewesen! Der Lehrer strafte nicht, aber Wolfgang schlich doch nach Hause, als hätte er Strafe bekommen. Vor dem Haus- Mädchen, das ihn immer abholen kam, hatte er sich versteckt— nein, mit der ging er heute nicht! Auch den Kameraden war er davongelaufen— mochten sie sich heute mal ohne ihn balgert, morgen würde er ihnen desto mehr Schneebällen auf- brummen! Er ging ganz allein, bog von der Straße ab und wan- derte planlos zwischen die Kiefern hinein. Er suchte den Raben, aber der war weit fort, und so begann auch er zu rennen, zu rennen, so rasch er nur konnte, riß den Tornister vom Rücken und schleuderte ihn mit einem lauten Schrei weit von sich in die breiten Aeste einer Kiefer hinein, daß er da hängen blieb, und nur Schnee in ganzen Stücken lautlos her- untcrklexte. Das machte ihm Spaß. Er raffte beide Hände voll Schnee, drehte feste Bälle und begann nun die Kiefer, die seinen Tornister gefangen hielt, regelrecht zu bonibardieren. Aber sie gab den Tornister nicht her, und als er heiß und rot und müde war, aber sehr erheitert, mußte er ohne Ränzel nach Hause gehen. Das Hausmädchen war längst da, als er ankam: mit rotem Kopf— so war sie nach ihm umhergerannt— und mit bösem Blick öffnete sie ihm die Tür.„Na," sagte sie ärger- lich,„wohl nachsitzen müssen?" Er stieß sie zur Seite:„Halt Deinen Mund!" Sie war ihm unleidlich in diesem Augenblick, da er von draußen her- cinkam, wo es so still, so frei gewesen war. Die Eltern saßen schon bei Tisch. Ter Vater betrachtete ihn mit Stirnrunzeln, die Mutter fragte mit sanftem Vor- Wurf, der nicht frei von Besorgnis war:„Wo bist Du so lange gewesen? Lisbcth hat Dich überall gesucht!" „Nun?" Schliebens Stimme klang streng. Der Knabe hatte keine Antwort gegeben, es war ihm auf einmal, als sei ihm die Zunge gelähmt. Was sollte er denen hier drinnen denn von draußen erzählen?! «Er hat sicher in der Schule nachsitzen müssen, gnäd'ge Frau," flüsterte das Hausmädchen bciin Präsentieren der Bratenschiisfel.„Ich werde es morgen schon von den anderen Jungens'rauskriegen und gnäd'ge Frau dann Bescheid sagen!" „O Du!" Der Knabe war aufgefahren: so leise sie das gelispelt hatte, er hatte es doch gehört. Der Stuhl polterte hinter ihm zu Boden, mit geballter Faust stürzte er auf das Mädchen los, packte es so gewaltig an, daß es gellend auf- schrie und die Schüssel aus der Hand fallen ließ. „Tu Gans, Du Gans!" Er heulte es laut heraus und wollte sie schlagen: nur mit Mühe zerrte ihn der Vater zurück. „Wölfchen I" Käte war die Gabel klirrend aus der Hand gefallen, mit weiten Augen, ganz starr, sah sie auf ihren Jungen. Das Mädchen beklagte sich bitter: so war er immer, es war nicht auszuhalten, vorhin hatte er erst gesagt:„Halt Dein Maul!" Nein, das konnte sie sich nicht gefallen lassen, lieber zog sie! Und weinend lief sie aus dem Zimmer. lgortsetzung folgt.)! Romanlektlirc. Draußen blaut der sonnige Frühlingstag. Man fitzt mit dem Buch in der Hand. Ist's ein so groß Wunder, wenn einem das Buch etwas schuldig bleibt? Es hat die Konkurrenz des schönen Maitags, und da wird's ihm nicht leicht. Es ist einmal die Bemerkung gemacht worden, wie sich die Kunst an der Natur prüfen könne. Wir gehen draußen, wo eS still und einsam ist, es wird ein Bild der Kunst in uns lebendig. Im Rauschen des Waldes klingen Verse auf, bei der Wanderung über die Höh springt ein Lied von den Lippen. Und Bild und Vers und Lied, sie stehen in einer besonderen Beziehung zu der Natur, die uns umgibt, sie sind hervorgerufen durch sie. sie wollen uns ihren Genuß verdeutlichen, sie wollen ihre eigene Stärke dartun. Es geschieht dieses feine Ueberspringen vom Geschauten, Gehörten, Gelesenen zum Wirklichen, es geschieht dies noch feinere Zurück- springen vom Wirklichen zum Geschauten, Gehörten, Gelesenen. Es ist nicht eine theoretische Freude, die ich jetzt habe, wenn ich das ausführe; ich habe eine Freude, darauf hinzuweisen. Ich will darauf hinweisen, wie man Kunst aufnehmen, in sich verlebendigen soll, wie man sie in sich dauernd machen soll. Ich will darauf hin- weisen, wie man Natur, wie man das Leben genießen soll, und das mit einem Wort: nicht getrennt genießen, nicht getrennt besitzen, sondern als ein Eins, ein Ganzes in sich tragen. Das ist das Wertvolle dann, dieses Ganze. Denn dieses Ganze sind wir selbst, und sind wir's nur in einem, können wir's auch im anderen werden. Wir haben den Nutzen, denn es werden uns neue Auf- schlösse daraus, es wird uns Neues flüssig, es wird uns Ver- stecktes offenbar. Natur und Kunst, sie tun sich tiefer auf, sie geben uns ihre besten Werte. Und dem Menschen gegenüber ists nicht anders. In Bild und Gedicht und Lied tritt uns hauptsächlich die Natur gegenüber; in Roman und Drama besonders der Mensch. Und hier rede ich nicht nur von den sogenannten Typen, die die Romandichtung ge- schaffen, in denen eine ganze Art auf ein Menschenexemplar kon- zentriert ist, ich rede auch von all den Einzelheiten, den Erleb- nissen und Erfahrungen des menschlichen Daseins im allgemeinen, einzelner Stände im besonderen. Die Kunst muß es vertiefen, muß ihm Bedeutung verleihen, so daß es eindrucksvoller wird in der Wirklichkeit, wenn wir ihm hier begegnen. Wir müssen das spüren, worum sich die Schulmeister und Wortepräger und Silben- stecher so heiß herumgcftritten hckben, ohne zum eigentlichen Sinn zu gelangen, wir müssen die Wahrheit der Kunst so finden und dann erkennen, daß sie mehr ist als eine Abschrift der Wirklichkeit, mehr als eine bloße äußere Richtung, sondern daß sie ein Zwang ist. Dieser schöpferische Zwang, der uns den Sinn und die Sinne des Schaffenden gibt, seine Gedanken und die Beziehungen seiner Gedanken, seine Augen und seine Ohren, seine Nase und seine Zunge, so daß wir gar nicht mehr anders können, als gewissen Dingen gegenüber so zu fühlen und zu erkennen wie er, sie so zu sehen und sie in den von ihm geschaffenen Beziehungen so zu empfinden und in uns durch alle Sinne wirken zu lassen. Und das will ich gesagt haben, um zu zeigen, wie man lesen soll. Denn nur so wie wir aufnehmen, können wir weitergeben, und nur so wie wir uns geübt haben aufzufassen, können wir in die Dinge ein» dringen. Das ist keine leere und müßige Theorie, oas soll eine praktische Anwendung und Fruchtbarkeit sein. Es soll dazu sein, daß wir uns daran prüfen, aber auch dazu, daß wir das Dar- gebotene daran prüfen. Wir sollen darin als Aufnehmende schöpferisch werden, so wie es Ibsen einmal gemeint hat, als er den Frauen sagte, sie hätten in seinem Werke mitgcdichtct durch die Art, wie sie es aufgenommen hätten. Und es soll ein wenig sein, wie er es vom Dichten sagte, daß es„Gerichtstag halten sei über sich selbst". Auch die Lektüre soll nichts anderes sein, als dieses Gerichtstag halten über sich selbst, besonders aber den Werken der Menschendarstellung gegenüber- Und sie soll darin der beste Kritiker sein, der sicherste, für das, was wir behalten wollen als einen dauernden Besitz, für das, was wir uns wählen wollen, daß es uns Besitz werde. Cäsar Fleischlen sagt in seinem Roman„Jost Seyfricd", daß die Kunst müsse gelebt werden können, sonst sei sie entweder Handwerk oder Schwindel. Damit ist ein Maßstab gegeben: man prüfe daraufhin einmal, wie viel nicht nur Hand- werk oder Schwindel ist, sondern wie viel Handwerk und Schwin- del ist. Und so komm ich auf den Eingang zurück: ist's wirklich so richtig, daß der blauende Frühlingstag draußen der Konkurrent des Buches ist? Liegt es nicht am Buche, wenn er es ist? Und könnte er nicht erst recht sein Gehülfe sein? Und hängt das nicht vom Buch ab, daß er es auch sei? Das sind alles gar keine Fragen, es sind nur Antworten. Wenn ich sie einer Kritik vorausstelle, so ist eigentlich die Kritik schon geübt. Und dennoch I Kritisieren ist ein so undankbares,«in so unfruchtbares Geschäft. Es wird meistes nur aufgefaßt, als sei es dazu da, mit den Fingern an den Zeilen die Fehler der Werke aufzusuchen, um schließlich das Urteil auf ein Gut oder Schlecht bringen zu können, damit der„geneigte Leser" das hübsch auch einsehe und nichts mehr denke und sich das Urteil eines anderen blindlings aneigne. Nein, die Kritik soll weniger die Richterin, als vielmehr die Vermittlerin spielen, sie soll aufschließen, anregen, klären und belehren. Sie soll helfen, den lebendigen Sinn des Lesers zu wecken und zu fördern, zu erziehen direkt, und sie soll helfen, den lebendigen Sinn des Kunstwerkes auf- zuschließen. Nun habe ich Kritik zu üben. Sie ist mir als solche nicht mehr wichtig. Was ich über die Kritik gesagt habe, ist mir wichtiger als sie selbst. Draußen blaute der Mai, und ich saß und las zwei neue Romane. Einen, der mit allen möglichen guten Ab- sichten herumvagiert. aber keine Gestaltung aufweist und keine Spur von Dichtung in sich hat:„Zum G e s u n d g a r t e n" von Karl Albrecht Bernoulli, verlegt bei Eugen Diederichs in Jena. Der andere, der nur ein Stück Leben geben will, ein Stück Heimat und ein Stück Fremde, ein Verirren und ein Heimfinden, und der das ohne eigentliche Poesie, aber auch nicht gerade mit Pose, sondern mit guter Beobachtung und Richtigkeit und Ironie tut:„Thomas Kerk Hoven" von Korfiz Holm, verlegt bei Albert Langen in München. Der„Gesundgarten" ist aus lauter Theorien und Theoristereien zusammengesetzt. Keine lebendige Gestalt ist in ihm geschaffen. Das Beste ist in Natur- schilderungen geleistet, obgleich auch hier der Wissenschaftler oder die Wissenschaft störend dreinfahren. Alles ist aufs Exempel ge- stellt. Diese Auseinandersetzungen zwischen medizinischen Spezia- listentum und Naturheilkunde, darein sich sogar die Politik mischen muß, ich glaube, die Sozialdemokratie soll so was wie die Natur- Heilkunde in Pacht nehmen zur allgemeinen Völkerbcglückung, wären vielleicht in einer Broschüre wirksam gewesen, im Kunstwerk, das sie erzeugen sollten, müssen sie versagen. Es kreisen hier die Berge, aber sie gebären nur eine Maus. Man kann verstehen, daß der Weltanschauungsverleger Eugen Diederichs das Buch verlegen konnte, aber man kann nicht verstehen, daß der Verleger so künst- lerischer und dichterischer Bücher wie er sie im Verlag hat, zwar in der Belletristik spärlich, am schönsten in den Büchern seiner Frau, Helene Voigt-Diederichs, daß er es gerade sein mußte, der sich zu diesem Buche verstand. Dagegen paßt der„Thomas Kerk- Hoven" ausgezeichnet in den Verlag von Albert Langen. Er ist drastisch, deutlich, spöttisch, frei und auch wieder gefühlvoll genug dazu. Es ist eine Weltmännischkcitsnote darin, eine ausgesprochene Münchener Note, eine„Simplizissiinus"-Note. Unterhaltsam, ge- lcgentlich stimmungsvoll, forsch und ein wenig— oder auch ein wenig viel, wie es gerade notwendig ist, lasziv. Ein paar Gestalten sind tüchtig anrüchig, aber man kann doch nicht gerade behaupten, daß eine Spekulation damit getrieben sei. Obschon... Freilich gewisse Kreise von Jsar-Athen sind tüchtig getroffen. Die Familie des Thomas Kerkhoven selbst in ihrem Standesanschensfanatismus, ihrer Rückständigkeit, ihrer spekulativen Konzessionsmacherei ist auch nicht übel mitgenommen. Und dann ist's mit Thomas Kerkhoven selbst und seiner Base aus Heimatboden gut zum Ganzen ge- rundet. Menschen, die sich selbst und einander verloren hatten, finden sich zu sich selbst und finden sich zu einander. Und Kerkhoven findet sich zu seiner Kunst. Aber darin ist etwas billig geworden in unserem heutigen Schrifttum, es kommt mir vor, als wären damit ein paar Bucherfolgc gemacht worden in jüngster Zeit, wie? Nachwirkungen der Heimatkunst. Aber wir wollen das Leben er- obern, indem wir ins Leben hineinziehen, nicht indem wir uns in einem Winkel vor ihm verbergen! Können wir nicht auch anders zu uns selbst kommen? Ist Heimat nicht ein Besitz, der auch in der Fremde nachhält, in dem wir zu uns selbst erwachen, auch wenn unser Leben in tätige Bahnen geleitet ist, in die Aktivität, statt in die Passivität? Und nsm noch einmal das Wort des„Jost Sehfried", daß Kunst gelebt werden müssei Geht hin und prüfet so— und tuet danach.— Wilhelm Holzamer. Kleines f euiUetom st. Pythklgoras und die Bohne».— Unter vielem, was über den Philosophen PythagoraS(zirka 500 Jahre vor Christi), den Autor des berühmten Lehrsatzes der Geometrie, gefabelt wurde, gehört sein Verbot, Bohnen zu essen. Als Grund wird von manchen die schwere Verdaulichkeit der Bohnen angegeben. Andere meinen, weil der Ge- nuß die Erotik reizt, weshalb auch unfruchtbare Römerfrauen im Tempel der Inno Luciua(die Gcbnrtsgöttin) ein Gericht Bohnen verzehrten. Wieder andere begründen es mit dem Glauben an die Seelenwanderung in Tiere und Pflanzen, weshalb schon Horaz in der 0. Satire des 2. Buches die Bohne spöttisch„Base des Pytha- goras" nennt. Wegen der Seclenwanderung soll der Philosoph auch Ent- haltsamkeit vom Flcischgenuß gefordert haben, was Shakespeare in „Was ihr wollt" als lustiges Motiv verwertet. Indessen haben schon alte Schriftsteller, darunter Aristoteles, das Verbot der Fleisch- speisen in seiner Allgemeinheit bestritten. Aber auch das Bohnen- verbot wird von neueren Forschern auf ein drolliges Mißverständnis zurückgeführt. Die Athener bedienten sich bei ihren Abstimmnngcn in der Volksversammlung der Bohnen. Wenn PythagoraS, der Feind der demokratischen Verfassung, der lebhaft mit der Dorischen Aristokratie sympathisierte, seinen Schülern empfahl:„Enthaltet euch der Bohnen!" so meinte er, sie sollten der demokratischen Volks- Versammlung und Politik fernbleiben.— Im. Kakteen als Heilpflanzen. Die Alkaloide, Pflanzenstoffe aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und meist auch aus Sauerstoff bestehend, haben in.der Heilkunde nutzbringende Verwendung ge- ftmden. Diese Pflanzenstoffe treten in manchen Pflanzenfamilien in größerem Umfange, in anderen hingegen so gut wie garuichr auf. Bei den Kakteen sind diese Stoffe in mannigfacher Form anzutreffen, doch wurde ihnen bis vor kurzem keine allgemeine Beachtung zu teil. Daß manche Kakteen eine berauschende Wirkung ausüben, war bekannt, desgleichen, daß andere giftige Eigenschaften besitzen. Es wurden nun Versuche angestellt, wobei festgelegt werden konnte, daß die bekannte„Königin der Nacht" in ihrem Saft ein vorziiglich wirkendes Herzmittel birgt. Bei einem anderen Kaktus, der der Lilooerous-Gattung angehört, konnte ein Alkaloid nachgewiesen werden, das' warmblütige Tiere unter den Erscheinungen plötzlichen Herzstill- standeS zu töten vermag. Auch bei einer Versus-Art konnte ein Gift nachgewiesen werden. Die Mexikaner benutzen diese Pflanze als Fisch- gift, indem sie die zerdrückten Pflanzenkörper ins Wasser werfen. Die Fische werden alsbald betäubt und können dann von der Ober- fläche des WasserS leicht abgefischt werden. AuS dieser Pflanze wird die Cereinsäure gewonnen, deren giftige Eigenschaft experimental nachgewiesen wurde; sie löst die roten Blutkörperchen auf. Ein dieser Pflanze nahe verwandter Kaktus, der ebenfalls in Mexiko heimisch ist, birgt ein Alkaloid, dem eine berauschende Wirkung innewohnt. Aeußerst stark giftig wirkende Alkaloide sind in verschiedenen Anhalonium-Arten zu finden. Diese Kakteen kommen unter dem Namen„Msscal buttons" in den Handel. Von Eingeborenen wird dieser Artikel schon seit langer Zeit in verschiedenen Formen als be- rauschendes Gewürzmittel gebraucht, über dessen Wirkungen Dr. H. Becker folgende Mitteilungen machte: Die hervorragendste Er- scheinung des Anhaloniumtraumes besteht in kaleidoskopartig wechselnden Farbenbildern von wunderbarer Pracht und nicht zu beschreibendem Glänze, bei denen Grün und Rot vorherrschend sind. Die Visionen zeigen sich sofort, wenn man die Augen schließt und verschwinden, sobald diese geöffnet werden. Während de? Anhalouiumrausches macht sich subjektiv ein Gefühl erhöhter Leistungsfähigkeit geltend, die körper- lichen und seelischen Funktionen find nicht beeinträchtigt, die ge- sehenen Traumbilder bleiben längere Zeit in der Erinnerung hasten und können genau beschrieben werden. Die visionäre Erregung kann stundenlang andauern; nach ihrem Verschwinden macht sich vielfach Benommenheit und Schlaflosigkeit fühlbar.— Der Suezkanal. Man muß bis in die Morgendämmerung der geschichtlichen Ueberlieferungen zurückgreifen, um die ersten Spuren des Suezkaualprojekts aufzufinden, das durch mehr als drei Jahr- taufende in der Geschichte unmer wieder aufgetaucht ist. Schon die schiffahrtskundigen Phönizier trugen sich mit dieser Idee, die in der Neuzeit glücklich ausgeführt wurde, und größere Bedeutung erlangte, als ihre Urheber es wollten und ahnten. Die erste nachweisbare Kannlanlage fällt in die Regierungszeit der beiden ägyptischen Könige, Sethos l. und Ramses II., d. h. in die Jahre 1443—1320 v. Chr. Nachdem der Kanal Sethos I. wieder zugrunde gegangen, legte Necho eine neue Wasserstraße an, welche Darins Histaspis(521— 486 v. Chr.) vollendete; sie geriet jedoch auch wieder in Verfall. Dann wurde unter Ptolemäus II.(280— 247 v. Chr.) der Kanal derart solide wieder hergestellt, daß er bis in die Römerzeit dem Verkehr diente. und auch in der Kalifenzeit sowohl als Transportweg für Fracht- güter, als auch von Mekkapilgern noch benutzt wurde, bis man ihn ,m Jahre 707 n. Chr. aus strategischen Rücksichten zuschüttete. Es vergingen dann beinahe zehn Jahrhunderte, ohne daß irgend ein praktischer Versuch zur Erneuerung des KanaleS gemacht wurde. Sämtliche Kanalpläue des Altertums erstrebten nur eine Verbindung zwischen den, Mittelmeer und Roten Meer durch den Nil; zn einem direkten Durchstich kam es nicht. Von dem Zeitpunkte ab, als Vasco de Gama den Weg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung entdeckt hatte, traten die Projekte bezüglich einer Durchstechung des Isthmus wieder auf, ohne daß ihre Durchführung praktisch versucht wäre. Lcibniz wies Ludwig XIV. von Frankreich auf die Vorteile eines Kanales über den Isthmus hin, fand aber bei diesem kein Gehör. Napoleon I. würdigte eben- falls die Vorteile einer Snezstraße und ließ 1703 durch den Chef- ingenieur Lcpere die zu einem beide Meere verbindenden Kanal erforderlichen Vermessungen vornehmen. In den folgenden Jahr- zehnten des 10. Jahrhunderts wurde die Frage eines Kanales über die Suez-Landenge von den verschiedensten Seiten erörtert. Der Schöpfer des Hauptprojektes, welches zur Durchführung kam, ist F. de Lcsseps. Nachdem der Durchstich des Kanals unter einem enormen Aufwand von Arbeitskräften«nd Kosten sowie unter sonstigen gewaltigen Schwierigkeiten vollendet war, erfolgte am 10. November 180!) die feierliche Eröffnung des Kanals, der neuen großen Völkcrstraße zwischen Orient und Okzident. Die Größe des von Lesseps ge- schaffenen Werkes geht aus einer Darstellung der Baukosten, der Deckung derselben und der bis in die Neuzeit erzielten Einnahme» hervor. Die Herstellungskosten betrugen 001 103 000 Fr., der Wert des Vermögens der Suez-Kanal-Gcsellschaft belief sich auf 15033100 Frank, zusammen 617 042165 Fr. Die Ausgabe ist gedeckt durch ein Aktienkapital von 200 Millionen Frank, durch Darlehen ,n Höhe von 204 100 000 Frank, durch eine Entschädigung der ägypti- schen Regierung von 34 Millionen Frank, sodann durch verschiedene von der ägyptiichen Regierung gewährleistete Zessionen in Höhe von 30 Millionen Frank; der Rest wird gedeckt durch die hergestellten Bauten und Konstruktionen. Die Gesamt-Bruttoeinnahmc betrug bis zum Jahre 1800 1 583 084 010 Frank. Der neu eröffnete Kanal war noch in mancher Beziehung sehr verbesserungsbedürftig, ms- — 380— besondere ergab sich als Hauptübelstand die verhältnismäßig lange Durchfahrtszeit für die Dampfer. Diese Mängel wurden in der Folge- zeit nach Möglichkeit beseitigt. So wurde das Bett des Kanals wesentlich verbreitert und vertieft. Im Jahre 1386 wurde mit dem auf rund 203 Millionen Fr. Kosten veranschlagten Umbau des Kanals begonnen und seine ursprünglichen Matze auf 9 Meter Tiefe. 60—70 Meter Sohlend reite und 101—129 Meter Wasserspiegelbreite der- grvtzert. In den letzten Jahren wurde der Kanal mit Rücksicht auf die immer mehr zunehmende Grötze der Danipfer auf eine Tiefe von fast durchweg 9,S Meter gebracht. Es ist jetzt möglich, selbst die größten Postdampfer und Panzerschiffe in 13—18 Stunden durch den Kanal zu befördern.— Theater. Kleines Theater. Ein idealer Gatte. Schau- spiel in 4 Akten von O s c a r Wilde.— Das Schauspiel stammt aus der Zeit, da Oscar Wilde noch ein bewunderter Liebling der Londoner Aristokratie war, die großen Blätter die pikanten Para- doxien seiner Komödien als„Oscarismen" kolportierten, und der später so Vcrfehmte, wenn ihn der Prcmierenbeifall vor die Rampe rief, mit der Zigarette in der Hand ironisch plaudernd sein Pub- likum apostrophiertem Wildes Gcsellschaftsstücke sind selbst nur eine ausgcsponnene und szenisch arrangierte Plauderei, und wenn ihre kaustisch-originelle 5tonvcrsationskunst einen so vortrefflichen Jnter- Preten findet, wie Herrn Harry Waiden, spürt man heute noch etwas von dem eigenartigen Reiz, den sie damals in dem Milieu, für das und aus dem heraus sie geschrieben waren, ausüben mutzten. Handlung im Sinne einer irgendwie interessierenden EntWickelung oder eine auch nur etwas tiefer grabende Charakteristik darf man da nicht erwarten. Und für das Manko an allem Substantiellen kann heutzutage kein„Geist" entschädigen, nachdem durch den modernen Bühnenrcalisnms der Geschmack an den Finten des fran- zösischen Jntrigenstückcs, durch die auch Wilde den Schein einer Bewegung vorzutäuschen sucht, so gründlich zerstört worden. Nur aus Verlegenheit, weil es ihm an Erfindungsgabe des echten Lust- spieldichters gebrach, hat er wohl das Thema von dem„idealen Gatten", der an peinlicher Vergötterung durch die eigene Frau leidet, ins Ernsthafte gewendet. Das Komisch-Satirische, das in der Idee liegt und einen Spötter wie Wilde doch gewiß hätte anziehen inüssen, ist nicht einmal gestreift. Andererseits fehlt jeder Zug intimerer Psychologie, der eine seelische Anteilnahme an den Röten, Verfehlungen und Bekehrungen des offiziellen Mustergemahls er- möglichen würde. Mann und Frau sind Puppen, die ihr Sprüchlein hersagen müssen, und der Autor stellt sich nur, als nehme er sie für mehr. In dem Salon des großen Politikers Chiltern, der ein bißchen inkorrekt, nämlich durch Verrat geheimer Ministerialbeschlüsse an einen Millionär, den Grundstein zu seinem Reichtum und damit seiner Macht gelegt, taucht Mrs. Cheveley, eine vom Geschlechte der Theater- und Romanschlangen, auf; sie präsentiert Herrn Chiltern einen Brief, der seine Schuld beweist, und droht das Schriftstück zu veröffentlichen, wenn er nicht ein argentinisches Schwindelunter- nehmen, an dem sie engagiert ist, durch seine Autorität im Parla- mente decke. Der Ehrenmann, dem der Dichter am Schlüsse sehr liebenswürdig Absolution erteilt, sagt auch nach einigem Schwanken n, besinnt sich aber unter dem Hochdruck seiner besseren Ehehälfte, ne von den Drohungen Wind bekommen hat und felsenfest an seine Makellosigkeit glaubt, dann wieder anders. Ein Freund, dem er sich vertraut, entlarvt die Fremde als Diebin und zwingt sie, nun ebenfalls mit einem Skandal drohend, zur Herausgabe des Doku- «nentcs— ein Renkontre, das die Dame zugleich sinnig benutzt, um emen scheinbar kompromittierenden Brief, den die verhaßte Lady Chiltern dem jungen Mann geschrieben, zu stehlen. Der ideale Gatte hält eine heroisch-unabhängige Rede im Parlament, und die tugendstolze Gemahlin, die, wie sie die Wahrheit erfuhr, empört mit ihm brechen wollte, nun aber, da sie von der Entwendung ihres eigenen Briefes Hort, recht bedenkliche Symptome der Lügenbereit- jschaft an sich selber konstatieren mußte, schließt ihn verzeihend in die Arme, sie erlaubt ihm sogar auf Zureden des Freundes den angebotenen Ministcrposten anzunehmen. Im Grunde hat all das bunte Durcheinander nur den Zweck. dem Freunde des Hauses Gelegenheit zu geben, seine Bemerkungen zu machen. Und er macht sie in wirklich amüsanter Weise. Diese von Harry W a l d e n mit einer brillanten Lordschaftlichen Trockenheit gespielte Rolle, in der er die herauSfordernsten Para- doxien in unerschütterlicher Ruhe, wie über jeden Widerspruch er- Halene Selbstverständlichkeiten ausstreut, trägt und hält das Stück; sie kann den fehlenden Gehalt nicht ersetzen, aber verscheucht trotz aller Inhaltsleere doch immer das Gefühl der Langeweile. Höchst humoristisch war auch Herr Abel, als phlegmatisch kummervoller Vater dieses hoffnungsvollen, aller Pietätsgefühle so total entblößten Sproßen. Von den übrigen ist M a r i e t t a O l l y, die die Aben- �euerin mit glänzender Verve mimte, zu nennen. Der Beifall war, trenn auch viel gelacht wurde, nicht von besonderer Stärke, dt Techmsches. ie. Gekühlte E i sen bahnzüg e. ES wäre nicht übel, wenn während der heißen Jahreszeit die Eisenbahnzüge nicht nur ventiliert, sondern auch gekühlt werden könnten, weil der Aufent- »altin den Wagen, auf die gewöhnlich vom frühen Morgen an die I' di Sonne niederbrennt, nicht zu den sogenannten Vergnügungen zu rechnen ist. Man beschäftigt sich jetzt mit der Aufgabe der Kühlung ganzer Eisenbahnzüge, leider aber noch nicht zugunsten des Per, sonenvcrkehrs, sondern für Transportzwecke. Ueber diese Neuheit, mit der vorläufig nur in den Vereinigten Staaten Versuche gemacht worden sind, veröffentlicht der Ingenieur Stetefeld im„Gesund- Heits-Jngenieur" eine wichtige Mitteilung. Es handelt sich zunächst um die Verfrachtung von Obst auf Eisenbahnen, die auf längere Strecken bisher selbst unter Anwendung von Eis nur mit teilweisem Erfolg möglich gewesen ist, da namentlich die leichter verderblichen Fruchtsorten feuchte Luft auch von kühlerer Temperatur auf längere Zeit nicht vertragen. In Amerika litt besonders die Verwertung der als Nahrungsmittel wichtigen Bananen sehr unter diesem Mangel. In den Vereinigten Staaten werden jetzt jährlich 26 bis 30 Millionen Trauben dieser Frucht versandt, die in manchen Ge- bieten der Union geradezu ein Volksnahrungsmittel geworden ist. Eine große Gesellschaft in Boston, die sich mit dem Versand von Obst befaßt, hat nun ein neues Verfahren zur Kühlung ganzer „Bcmanenzüge" erprobt. Die erste Anlage dieser Art ist in Spring- field(Staat Missouri) errichtet worden. Die Eisenbahnzüge werden in einen Raum gefahren, der zusammen auf vier Gleisen 40 Eisen- bahnwagen aufnehmen kann, und zunächst vorgekühlt worden ist. Dann werden die einzelnen Waggons mit den Bananen unmittel- bar einer Abkühlung ausgesetzt, wozu eine Kühlmaschine von 930 000 Wärmeeinheiten in der Stundenleistung dient, die von einer Dampfmaschine getrieben wird. Die kalt« Luft wird in der Halle durch ein Kanalsystem verteilt und wieder abgesogen, der dazu außerdem nötige Ventilator durch eine Dampfmaschine von 20 Pferdestärken in Betrieb gesetzt. Die Bananen vertragen auf die Dauer keine höhere Temperatur als 27 Grad und werden inner- halb des Gebäudes in 12 Stunden auf 13 Grad abgekühlt. Die Eisenbahnwagen sind nach außen so sorgfältig isoliert, daß sie eine Reise von zwei bis drei Tagen zurücklegen können, ehe die Tempe- ratur im Innern wieder die bedenkliche Höhe von 27 Grad erreicht. Die Früchte kommen übrigens bereits in gekühlten Dampfern nach New Orleans und von dort in Eilzügen nach Springfield, um hier der Kühlung unterworfen zu werden. Die wichtige Neuheit deS Verfahrens besteht darin, daß die Früchte gar nicht ausgeladen zu werden brauchen, sondern in den Eisenbahnwagen selbst abgekühlt werden. An den Decken der Eisenbahnwagen sind verschließbare Oeffnungen angebracht, durch die kalte Luft eingeleitet und die warmgewordene Luft wieder abgesaugt wird. Von diesen Oeff- nungen führen Leinwandschläuche nach der Decke des Gebäudes. Stetefeld halt es für wahrscheinlich, daß solche gekühlte Eisenbahn- züge mit Erfolg bald auch in Europa zur Einführung gelangen werden.— Humoristisches. — Lebensregel. Gigerl:„Was'n anständiger Mensch iS, mutz täglich sein Hemd wechseln und alle zwei Jahre seine Ucbcr- zeugung!"— — Berufungen.„Was führt Exzellenz zu mir?"— „Ich komme in Sachen meines Schwiegersohnes, Herr Professor; Sie wissen doch, er ist Privatdozent, adlig, und liest z. Z. eine Sache über den 70er Krieg... Hätten Sie denn für ihn nicht'n Lehr- stuhl für bessere Welthistorie frei?"—(„Jugend.") Notizen. — Heute erscheinen gleichzeitig in den meisten Kultursprachen die Memoiren Leo Tolstojs in Verbindung mit einer groß angelegten Biographie. Herausgeber ist Paul Birukof. Die deutsche Ausgabe kommt bei Moritz Perles. Wien, heraus.— — Ein bedeutende Fusion ist, wie das„Leipz. Tgbl." berichtet, im deutschen Buchhandel vorgenommen worden. Die Inhaber der Leipziger Firma L. Staackmann treten als Teilhaber bei den Firmen F. Volckmar, Leipzig und Berlin. C. F. Amelungs Verlag in Leipzig und Albert Koch u. Co. in Stuttgart ein, wo- gegen die Inhaber der drei letztgenannten Firmen Teilhaber der Firma L. Staackmann werden.— — A u b e r S dreiaktige Oper„Des Teufels Anteil" geht im Laufe des Sommers im Neuen kgl. Operntheater neu ein- studiert in Szene.— — Die Akademie der Künste hat den Maler Bruno LiljeforS, die Bildhauer JuleS L a g a e- Brüssel undAuguste R o d i n. den Graphiker Ferdinand Schmutzer in Wien zu ordentlichen Mitgliedern erwählt.— — Vom Schimmel. Aus Milspe in Westfalen wird dem «H. C." folgendes Geschichtchen berichtet: Nach sechzehnjährigem Bestehen erhielt die dortige Wassergenossenschaft schriftlich die amt- liche Mitteilung, daß sie mit 0,02 M. gleich 2 Pf. und demzufolge mit dem kommunalen Zuschlag von 210 Proz. zu jährlich 0,04 M. gleich 4 Pf. zur Grundsteuer veranlagt sei. Ueber den Empfang des Schreibens hatte der Bevollmächttgte der Genossenschaft Quittung zu erteilen. Dann traf einige Tage später der Steucrzettel ein, auf dem als Total-Endsumme der Bettag von 4 Pf. verzeichnet war, zahlbar in Vierteljahresraten. Also Benachrichtigung, Ouittimg und Steuerzettel um vier Pfennige.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».VerlagSanstaltPaul Singer LeCo..Berlin Z Vk.