Nnterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 97. Dienstag, den 22. Mai. 1906 (Nachdruck verboten) 15] Einer Mutter Sohn. Roman von Clara Viebig. «Nein—?I Warum denn nicht?" Schlieben sah sie sehr er- staunt an.„Habe ich ihm denn nicht gesagt: sofort an die Arbeit?!" „Das hast Du gesagt. Aber ich habe ihm gesagt: lauf! — Paul, sei nicht böse!" Sie sah, daß er auffahren wollte und legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm.„Wenn Du mich lieb hast, laß ihn! Ach, Paul, glaube mir, glaube mir doch: er kann ja nicht dafür, er muß sich ausrennen, aus- toben, draußen sein— er muß!" „Du hast immer Entschuldigungen! Denke doch nur an die Geschichte mit dem Tornister, aus seiner ersten Schulzeit — oben in die Kiefer hatte der Bengel den geworfen. Hätte nicht zufällig ein Arbeiter den Ranzen entdeckt und zu uns gebracht, weil er den Namen auf der Fibel las, hätten wir lange suchen können. Du hast es entschuldigt— nun, das war auch weiter nichts Schlimmes— ein Uebermut— jetzt entschuldigst Du aber ganz anderes! Und alles!" Der seiner Frau sonst so nachgiebige Mann erzürnte sich in seiner ernst- lichen Besorgnis.„Ich bitte Dich, Käte, sei nicht so unglaublich schwach niit dem Jungen! Wo soll das hin niit ihm?" „Dahin!" Ernst zeigte sie auf ihn und sich. Und dann, mit einem Ausdmck tief-innerster Empfindung legte sie die Hand auf ihr Herz. „Wieso? Ich verstehe Dich nicht! Bitte, habe die Güte, Dich etwas deutlicher auszudrücken, zum Rätselraten bin ich nicht gelaunt!" „Wenn Du's nicht errätst, wirst Du's auch nicht vcr- stehen, wenn ich Dir es deutlicher sage!" Sie senkte den Kopf, und dann nahm sie wieder ihren früheren Platz ein: aber sie sann nicht mehr vor sich hin, sondern es schien ihm, als lausche sie mit geneigtem Ohr dem gellenden Triumphgeschrei, das hinterm Haus von dem wüsten Feld her bis übers Dach stieg. „Du wirst nie mit dem Jungen fertig werden!" „O, ich werde schon!" „Natürlich, wenn Du ihm allen Willen läßt!"' Mit eiligem Schritt ging Schlieben aus dem Zimmer: der Unwille wollte ihn übermannen. Vielleicht zum erstenmal in seiner Ehe war Schlieben ernstlich böse auf seine Frau. Wie konnte Käte so unver- nünftig sein?! Seinen Befehl so wenig beachten, als wäre der gar nicht gegeben— ja, sich in direkten Gegensatz zu ihm stellen?! O, der Bengel war schlau genug, der zog schon seine Schlüsse daraus! Und tat er's noch nicht, so fühlte er doch instinktiv, welchen Rückhalt er an der Mutter hatte. Es war geradezu unglaublich, wie schwach Käte war! Die weiche, sensitive Art, die den Mann zuerst an seiner Frau entzückt hatte, die den gleichen Zauber für ihn behalten hatte alle die Jahre hindurch, dünkte ihn jetzt auf einmal übertrieben— kindisch. Ja, kindisch war diese Aengstlich- tuerei, diese ewige Angst vor dem, was vorbei und vergessen war! Von der Mutter hatten sie doch nie mehr etwas gehört, warum deren Schatten denn bei jeder Gelegenheit wieder her- ausbcschwören?. Geburtsschein und Taufattest des Jungen hatte man doch sicher in Händen, und das Venn war weit— er würde es nie sehen— warum denn nur immer dies zitternde Bangen? Es lag gar kein Grund dazu vor. Sie lebten in so angenehmer Umgebung, Wolf wuchs in so geordneten Verhältnissen auf, besaß alles, was ein Kindergemllt ausfüllt und beglückt, daß es eine wahre Manie von Käte war, bei ihm eine Art von Heimatsehnsucht vorauszusetzen. Wie sollte er überhaupt dazu kommen? Er hatte ja gar keine Ahnung, daß hier eigentlich nicht seine Heimat war. Es war traurig mit Kätes Uebersensibilität— wahrhaftig, die Frau konnte einen mit nervös machen! Und Schlieben fuhr sich über die Stirn, wie um unlieb- same Gedanken mit einer Handbewegung fortzuscheuchen. Er zündete sich eine Zigarre an: heute eine extra feine, die er sonst seinen Gästen überließ, er hatte das Gefühl, sich über eine unangenehme Stunde forthelfen zu sollen. Denn un- angenehm und schwierig blieb die Sache doch, wenn er auch hoffte, schon auf die richtige Lösung der Frage zu kommen: wie erzieht man solch ein Kind? Jedenfalls nicht so, wie Käte es tat! Das war ihm schon jetzt klar. Blaue Rauchkringel in die Luft blasend, saß Schlieben in der Sofaccke seines Arbeitszimmers. Seine Stirn blieb gerunzelt. Da war er heute recht abgespannt aus dem Kontor gekommen, hatte allerlei Verwicklungen gehabt— Aerger genug—, hatte eilige Briefe diktieren müssen, sich keine Pause gegönnt, und hatte nun zu Hause ein angenehmes Ausruhen erhofft~ vergebens! Merkwürdig, wie ein einziges 5kind den ganzen Haushalt, das ganze Leben verändert! Wenn der Junge nicht da wäre—---?! Ja, dann hätte er jetzt eine friedliche kleine Mittagsruhe— ausgestreckt auf dem Diwan, die Zeitung vorm Gesicht— hinter sich und ginge nun zu Käte hinüber, um bei ihr in höchst gemütlichem Töte-ü-TSte den Kaffee zu trinken, den sie mit so viel Anmut in der sum- inenden Wiener Maschine selber bereitete. Er hatte immer so gern still zugesehen, wie ihre schlanken, gepflegten Hände sich geräuschlos dabei bewegten. Schade! Er seufzte. Aber dann bezwang er sich: nein, einer augenblicklichen Verdrießlichkeit wegen durfte man ihn nicht wegwünschen! Wie viel frohe Stunden hatte ihnen das kleine Wölfchen doch bereitet! Es war reizend gewesen, seine ersten Schritte zu beobachten, seine ersten zusammenhängenden Worte zu belauschen. Und war nicht Käte in seinem Besitz so glücklich— oho, wer sagte da: glücklich gewesen?!— sie war es ja noch! Es ging ihr nichts über den Jungen. Und daß der Stunden des ungetrübten Beglücktseins durch ihn jetzt nicht mehr ganz so viele waren als vormals, das war ja nur natürlich. Er war eben nicht mehr das Bübchen, das dort, dort drüben aus jener Ecke, bis hierher zum Sofa den ersten kühnen Lauf gewagt und, jauchzend über den eigenen Wagemut, des Vaters Bein umklammert hatte. Er fing jetzt an, ein selbständiger Mensch zu werden, einer mit eigenen Wünschen, nicht mehr mit solchen, die in ihn hineingetragen worden waren: ureigene Willensäußerungen gaben sich kund. Jetzt wollte er dies und wollte jenes und nicht nur mehr das, was die Erzieher wollten. War das aber nicht natürlich? Ueberhaupt, wenn ein Kind erst in die Schule geht, was stellt sich da nicht alles ein?! Man mußte Nachsicht haben, wenn man sich nicht auch gleich die ganze Lebensführung beein- flussen lassen wollte— erst die Eltern, dann das Kind! Schlichen fühlte, wie er sich nach und nach beruhigte. Ein Junge— welche Unsumme von Wildheit, Rüpligkeit, Un- gebundenheit, ja Ungebärdigkeit ist nicht in d e m Wort mit einbegriffen! Und alle, alle, die jetzt Männer waren, waren einst doch auch Jungen! Die Zigarre ging ihm aus: er hatte vergessen, daran zu ziehen. Mit einem eigentümlich milden Gefühl, das nicht frei von einer leisen Sehnsucht war, gedachte Schlieben der eigenen Lmabeiizeit. Nur ehrlich: hatte er nicht auch getobt und gelärmt, sich beschmutzt, erhitzt und Hosen zerrissen und dunime Streiche gemacht, mehr als genug?! Wunderbar, wie genau er sich jetzt ans einnml einzelner Strafpredigten erinnerte und der Tränen, die er der Mutter ausgepreßt hatte: auch noch sehr deutlich der Tracht Prügel. die er einmal für eine Lüge erhalten hatte. Sein Vater hatte dazumal gesagt— plötzlich war's ihm, als hörte er die Stimme, die sonst gar nicht sonderlich feierlich, fondern recht alltäglich geklungen hatte, jetzt aber durch den Ernst geadelt wurde, hier in der Stube widerhallen„Junge, alles kann ich Dir verzeihen, nur das Lügen nicht!" Ah, es war damals recht uncrgnicklich gewesen in dem engen Kontor, wo der Vater am hölzernen Stehpult lehnte und den Stock auf dem Rücken hielt. Das Käppchen, das er seiner Glatze wegen trug, hatte er in der Erregung schief geschoben, seine blauen freund« lichen Augen blickten scharffpähcnd und zugleich betrübt. „Alles kann man verzeihen, nur das Lügen nicht"— ei, hatte der Junge, der Wolfgang, denn gelogen?!' Bewahre! Einfach ungezogen war er gewesen, wie es auch die besten Kinder einmal sind! Schlichen fühlte eine Beschämung: und er, er wollte dem Jungen diese einfache Ungezogenheit so übel nehmen?! Er stand vom Sofa auf, stieß den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher und ging hinaus, um sich nach Wolfgang umzusehen. Cr traf die vier im vollen Glück des Spiels. Sie hatten pch ein Feuerchen angezündet auf dein unbebauten Land dicht hinterni Gartengitter, so daß die überhängenden Büsche des Gartens sie wie ein Dach beschützten. Eng hockten sie zusammen: sie waren jetzt im Lager. Frida hielt Kartoffeln in der Schürze, die in der Asche ge- braten werden sollten; aber das Feucrchen wollte nicht brennen, das Reisig schwelte nur. Wolfgang lag bäuchlings auf der Erde und blies, auf die Ellenbogen gestützt, mit aller Kraft seiner Lungen. Aber die reichte doch nicht aus, das Feuer wollte und wollte nicht brennen. Leise war Schlieben herangekommen, in ihrem Eifer hatten die Kinder ihn gar nicht bemerkt.„Will's nicht brennen?" fragte er. In einem heftigen Emporschnellen war Wolfgang sofort auf den Füßen. Er war rot und frisch gewesen, nun wurde er blaß, sein offener Blick senkte sich scheu, ein trübseliger Ausdruck verlängerte sein rundes Kindergesicht und ließ ihn älter erscheinen. „Muß ich'reinkommen?"' Es klang kläglich. Schlieben überhörte die Frage mit Absicht; er hatte ihn eigentlich hereinholen wollen, aber nun zögerte er plötzlich zu sagen: ja. Es war doch hart für den Jungen, nun fort- zumüssen, ehe das Feuerchcn brannte, ehe die Kartoffeln gebraten waren! So sagte er nichts, sondern bückte sich, und als er doch noch nicht tief genug herabkam, kniete er nieder und blies mit dem vollen Odem seiner breiten Brust in das schwach-knisternde Gezweig. Sofort sprühten Funken, und ein aufzüngelndcs Flämmchen wurde rasch zur Flamme. Ein Jauchzen stieg auf. Frida hüpfte im Kreis, ihre Zöpfe flogen:„Et brennt, et brennt?" In ihren Jubel stimmten Artur und Hans niit ein; auch sie hüpften von einem Fuß auf den andern, klatschten in die beschmutzten Hände und schrien gellend:«Et brennt, et brennt!" lFortsetzung folgt. lNmhbriick verböte».) ]VIaitac{ in der Saebfifeben Schweiz. So schön Dresden ist, die Maisonne lockt hinaus. Aus der Stadt, aus den engen Gassen hinaus. Der Goldregen schüttet seinen Segen strahlend herab. Und der Rotdorn prangt in der Sonne, als sei er über und über mit roten Edelsteinen besetzt. Ein paar Minuten nur, da sind wir im Freien. An Gärteil fahre» wir vorbei. Schon breiten sich die Ebenen grün und fruchtbar. Ii» weiter Ferne Höhenzüge. Schnell führt uns die Bahn dorthin. DaS Tal verengert sich. Dicht an der Elbe fahren wir entlang. Drüben, am anderen Ufer, leuchten helle Sandsteinbrüche, deren Wände jäh abfallen. Grünes Gestrüpp unlkränzt den Rand des Gesteins. Der Zug hält. Wir stehen am User. Die Dampffähre führt uns hinüber. Zurückblickend gewahren wir den leichtgeschwungcnen Lauf der Elbe, die sich durch das Gestein einen breite» Weg bahnte, den menschliche Kunst benutzte, um an den Stellen, wo Seitenflüsse zuströmen, Ansiedelungen und Dörfer hinzusetzen, die dann die Bahn miteinander verbindet! Wehlen, ein frelindliches Dorf, daS sich unter einen, FelSvor- sprung aufbaut. Zwischen den kleinen Häusern führen die Gassen in Winkeln kreuz und quer aufwärts. Auf halber Höhe der Markt, von alten Hänsern umstanden. Am Bach entlang eine Treppe hinauf. Drüben eine Volksschule. Die Kinder spielen im Freien, und ihr Lachen erstillt den Raum und hallt wieder. Da laufen die Jungen, da spielen die Mädchen. Und am Zann stehen noch kleinere Zuschaner und sehen gespannt zu, ohne Rücksicht auf ihre kleine Nasen, die sie eng an daS Holz drücken, besten Stäbe sie fest umklamincrn. Die Mädchen stehen manchmal schon wie Er- wachsene beieinander und erzählen sich mit ernsthaften Gesichtern wichtige Neuigkeiten. Einen Augenblick Rast, ein kurzes Besinnen. ES klingt wie ein Märchen. Da, wo heute der Meigch wandelt, war einst ein Meer, ein tiefes, unabsehbares Meer, daS alle Erhebungen gleichmäßig be- deckte. Sand setzte sich nieder, allerlei Zusätze, die ein Zusammen- haften bewirkten, kamen hinzu, und unter dem Druck des Wassers bildeten sich kon, Pakte Massen. Das Meer ging zurück. Run kamen vulkanische Ausbrüche, die Vasaltlava tief hinein in das losere Sandgestein preßten, das sich gleichsam einfraß in die Lücken. Als der Gletscher, der diese Gebiete bedeckte, zurückging. Kossen die Ströme schneller die Ebene hinab. Sie fraßen sich hin- durch, durch die Ebene, und vertieften ihr Flußbett, so daß zu den Seiten sich Anhöhen bildeten. Durch die Lagerung ans dem Meeresboden hatten sich Schichten abgesetzt. Diese arbeitet jetzt die Verwitterung, die Lust, das Wasser, der einsinkend« Sand, die wurzelschlagenden Pflanzen heraus. So bilden sich Ablösungsflächen: zu hohen Türmen scheinen die Quadern geschichtet. Während das Meer kompakte Masten gleichmäßig absetzte, fraßen die zer- störenden Kräfte der Verwitterung an der Lust Klüfte, Hänge, Schluchten in das Gestein. Der Basalt widersteht der Verwitterung energischer als der Sandstein. So ragen aus dem hellen Sandstein die stehenbleibenden Basaltblöcke wie wuchtige Türme heraus, dunkler gefärbt. Auf verhältnismäßig kleinem Raum liegt das alles schön zusammen. Die Wirklichkeit, mit offenen empfänglichen Augen be- trachtet, ist reich genug an Ueberraschungen, die keine Phantasie überbietet. Abwechselnngsvoll ist der Anblick. Von Schritt zu schritt wechselt das Bild. Malerische Schönheit und interessante Bildung fügen sich auf kleinem Raum einheitlich zusammen. Zum Beispiel daS kleine Dörfchen, das wir jetzt hinter unS gc- lasten. Wüßten wir nicht, daß wir in Sachsen sino, man würde an Italien denken können. Eine üppige Vegetation. Breit auseinander gelegte Besitzungen. Ansehnliche Häuser, keinen kleinen Bauernhüttcn. Dabei macht doch alles den Eindruck bäuerlicher Eigenkultur. In das tiefe, schöne Grün, das reich sich entfaltet, schmiegen sich die Häuser mit ihren grauen Farben hinein, ein heiteres Bild voll schöner, leichter Ruhe. Wir sind allein. Stille umgibt uns plötzlich. Ein kühler Grund, ein Weg zwischen Tannen. Wir wandern still darunter hin. Der Wehlener Grund. Das Licht scheint hell durch die Zweige. Air den dunklen Ztveigen vom helle Spitzen, die jungeir Triebe, deren zartes Grün in der Sonne lacht. Ein Blmkem und Blitzen über und vor uns, eine zauberhafte Frühlingspracht. Braun»md kühl führt der Weg zwischen den Stämmen hindurch. Steine liegen in mächtiger Größe hier und da verstreut, MooS wächst auf ihnen. So wuchtig wie ihre Masten, so stumm lagert die Stille. Die um so einsamer wird, als nur ein leichter Wind ab und zu Kühlung fächelt, ein Vogel droben in den Zweigen zwitschert. Rechts und links vom Wege zuweilen ein Rascheln im Unter- holz. Frauen, die Holz sammeln. Andere konmicn uns entgegen, mit voller Kiepe, und grüßen im Vorbeigehen. Steinklopfer sitzen am Wege. Wie vergeht ihnen der Tag in dieser Einsamkeit? Sitzen tagaus, tagein unter den Bäumen im Walde und hören nur das Klopfen ihrer Hämmer. Von fern hört man einen Wagen knarren, die Bremse zieht an. DaS sind die eintönigen Geräusche deS Waldes, überall gleich und doch immer wieder voll tiefer Poesie, daß nian klopfenden Herzens still steht und horcht. Der Weg verengert sich. Felsen ragen hoch hinauf und drängen an den Weg heran. Dunkler wird das Licht. Glatt sind die Steine, feucht, und Moos wächst bis oben hinauf. Schroffe Gebilde, die die eigentümlichen Formationen deutlich zeigen. Das Wasser hat tiefe Löcher und gerundete Furchen in ihnen ausgewaschen. Dazwischen stehen die Kiefern schlank und aufrecht. Sie streben auffällig aus dem Dunklen ins Licht. Oben erst setzen sie Zweige au. Ohne jede Krümmung ist ihr hoher Wuchs. Dazwischen die Buchen mit ihrem lachenden, funkelnden Grün, silbernes Licht verstreuend über den dunklen Grund, den Zscharrngrund, der düsterer, wilder ist als der Wehlener Grund. Eine Felsengasse führt an einer überhängenden Wand vorbei, die glatt abgewaschen ist, wie eine Schiefertafel. Plötzlich verändert sich daS Bild. Die Felsen hören auf. Wir treten auf ein Plateau hinaus. Mählich steigt der Weg durch eine kleine Anpflanzung hinauf. Wenn wir zurückblicken, sehen wir lieblich das Tal zwischen den Wipfeln der Bäume erscheinen, in hellem Grün, sonnenbeschienen. Leise grollt ein Gewitter, das im Anziehen begriffen ist, hinter den Bäumen. Schon unten standen am Himmel dunkelblaue Wolken. Aber die Sonne behauptet sich sieghaft. Flucht duften der Boden und die Stämme. Bon Zeit zu Zeit wieder dumpfes Grollen hinter den Stämmen. Und wenn wir nach der anderen Seite zurückblicken, lacht dennoch blauer Himmel über dem Tal, und man glaubt nicht, daß wirklich Donner und Blitz die Ruhe stören wird. Nun, auf der Höhe, führt der Weg eben hin. Kaum meint man, sich auf dem Kamm zu befinden. Doch plötzlich gähnt links der Abgrund tief hinab. Die Schlucht zeigt uns die Höhe, die wir erklommen. Gegenüber die Bergwand, fast kahl, grau und monoton. In hohen Säulen türmt der Fels sich auf. Tief sieht man hinunter, wo kein Weg. kein Steg geht und nicht einmal ein Bach sich schlängelt. Roch ein paar Schritte, und wir stehen vor der Bastei. Wie angenehm die Rast auf der Veranda. Der Blick über die Ebene ist wie ein abgeschlossenes Bild, das sich fest einprägt. Es ist eingefaßt von den beiden hohen Stämmen, die hoch neben dem Stein aufwachsen, auf den jeder Ankommende, der die Aussicht genießen will, tritt. Ucber den Stein ragt von unten, sich scharf abhebend, die Krone einer knorrig gewachsenen Kiefer in die Luft. Bewaldete Berge im Hintergrund. Ein Schloß, das rings den Gipfel des als breites Viereck wie ein großer Tisch aus der Ebene ragenden Berges mit Mauern umschließt, die Festung Königstein. Grau im Grünen liegen die Mauern. Die Wipfel der Bäume stehen dicht belaubt, wie runde Strubclköpfc, von der Sonne be- strahlt, sich hell von dem dunklen Nadelwald absondernd. Eine andere Erhöhung in der Ferne zeigt die spitzkegelige Form eines Kraters. Die Ebene ist hellgrün, zuweilen, wenn eine Wolke sie überschattet, dunkel getönt. Fern sieht man die Elbe, ein braun» gelbes Land zwischen Gängen. Leicht wellen sich die Hügelzüge, grau übergehend am Horizont in das matte Grau der Wolken. Ein Vogel wiegt sich sacht und langsam in dem hohen Raum, der die Ebene überwölbt. Reden und Geräusche verklingen. Die Kellner stehen gclanglveilt herum. Und selbst die Schar der dicken Studenten, die schon bejahrt aussehen wie im Dienst ergraute Familienväter, wirken nur wie ein Witz, der in dieser Natur um so grotesker erscheint. Grau steht die Wetterwand am Himmel, mit dem Horizont zu feinem Grau sich vereinend. In dieses gleichmäßige Licht ist nach und nach die ganze Aussicht getaucht, graue Schleier, die Ebene, Berg und Himmel überziehen. Tritt man auf den Basteifclsen, der senkrecht zur Ebene ab- stürzt, so erblickt man drunten die Elbe in großer Windung, dicht dabei ein Torf mit Wiesen; das alles hebt sich haarscharf heraus, gleich einer Perspektiven Zeichnung, da das Auge fast senkrecht hinab- sehen kann. Ein stiller Weg und Wald. Links Tannen, der Boden mit braunen Nadeln bedeckt. Rechts Laubwald, helleres Licht; zu Füßen der Stämme wächst Heidelbcerkraut. Die Felsen türmen sich wieder grotesk auf, der Weg verengert sich und führt in abgeschlossenen Windungen abwärts. So wild und düster ist die Gegend, daß man ihr wohl glaubt, daß während des dreißigjährigen 5lrieges die Umwohner sich in diese Schluchten flüchteten. Schwcdcnlöcher heißen sie daher. Es sind wirklich Bcrstcckc, in denen niemand Menschen vermuten konnte. Immer enger treten die Schluchten zusammen. Moosbewachsene Felsen versperren den Weg. Man kriecht unter dem Felsdach hindurch. Hoch oben das Licht. Das gelbe Moos, das dort oben die Felsen bedeckt, leuchtet in der Sonne wie Edclpatina. Wie Kulissen schieben sich die Felswände eng zusammen. Bäume liegen, übercinandcrgestürzt. von Fels zu Fels. Stufen führen hinab. So eng ist der Durchgang, daß immer nur eine Person hindurchkommt. Kühle Luft weht uns an. Wie auf einer Bühne sieht es aus, alle Augenblicke verändert sich das Bild, schließt hinten ab und öffnet sich vorn zu neuen Ausblicken. Dicht am Weg das Bett eines ausgetrockneten Baches. Ganz still. Still und kalt. Und immer tiefer führt der steile Weg hinab, der sich zwischen den Felsen hindurchzwängt. Tief im kühlen Felsenloch ein Wirtshaus; der Amselfall. Vögel flattern scheu über dem Gestein. Eine Höhle, darüberhin spritzt das Wasser, das von hier aus wie ein Schleier aussteht. Diese romantische Szenerie soll dem Verfasser des„Freischütz", Joh. Fr. Kind, für die Wolfsschlucht vorgeschwebt haben. Und der findige Wirt benutzte diese Anregung und verkündet aus einer Tafel an einem Felsvorsprung: Hier goß der Freischutz seine Kugeln. Er ist sich offenbar über Ursache und Folge nicht recht klar. Er liebt offenbar das Bangcmachen. Eine andere Tafel warnt vor dem Betreten einer Höhle, die man nur auf eigene Gefahr besuche, Eltern seien verantwortlich für ihre Kinder. Sommerfrischlcrromantik. Man gibt dann das Trinkgeld lieber und entschuldigt die hohen Preise. Nach fünf Minuten hört der Wasserfall auf, plätschert nur noch, bis wieder neue Besucher kommen, dann wird er wieder aufgezogen. Aber dennoch sitzt sichs hier nett, ganz zwischen Felsen eingenistet, die uns kühl an- wehen. Run ist der Weg ins Dorf nicht mehr weit. Er schlängelt sich sacht in die Ebene, vorläufig»och an hohen Abhängen vorbei, deren Enge sich mählich erweitert. Waldwicsen verbreiten Duft. An der Felswand entlang, die sich in breiten Schichten hoch auftürmt, führt der Weg hinab. Der Abend kommt. In sanftem Rot leuchten matt die kahlen jhtppcn des Gesteins. Dieses sanfte Glühen ist der Abschied deS Lichts. Und gut stimmt dazu das Plätschern eines Baches, der zur Seite des Weges dahinkullert. Es stört auch nicht, daß die An- sichtspostkartcnverkäufcrin, an deren geschmückter Holzbude wir vorübcrkommcn. ein schmachtendes Lied singt. Abend. Tie Mühle klappert am Weg. Ter Bach rauscht stärker. Blütenbäume umstehen die Mühle im Grunde. Ab und zu kommen uns Leute entgegen, mit einer Holzkiepe auf dem Rücken. Man sieht sie von weitem herankommen auf der grauen Chaussee, gebückt, still vor sich hinsehend, und der Gruß kommt ein- fach von ihren Lippen. Zusammengedrängt liegen die Häuschen von Rathen an den Hängen. Ucbcr die kleinen Holzzäune der Gärten sehen die Büsche herüber, über und über mit roten Blüten behangen, tränende Herzen. Darüber Fliedcrbäumchen, dicht in Büscheln blühend. Die Elbe fließt grau und rosig im Abendschein dahin. Langsam gleiten die Flöße abwärts. Die Gestalten der Arbeiter heben sich einfach und schwarz ab. Noch wartet die Fähre, die uns hinübertragen soll. Ueber- fahrt über den abendlichen Fluß. Wie ein Bild von Schwind oder Richter. Vom Wasser aus sieht man die grauen Felswände sich stumm emporrccken. Und während wir auf dem Bahnhof des kleinen OertchcnS warten, bis der Zug hcranbraust, der sich Bahn bricht durch die Felsen, wie früher Wasser sich hindurchfraß durch das Gestein, steigen drüben, vor der Felswand, vom Wasser Nebel sacht auf, und alles versinkt hinter matten Schleiern in einen schönen Traum, der allgemach in die Nacht hinübcrschwindet. Dann singt der Nachtwind dunkle Lieder in der stillen Gegend, sieht die träumenden Dörfer am Wasser liegen, an die Hänge sich schmiegen, und nur die Lichter hinter dem kleinen Fenster zeigen ihm an. daß hier noch Menschen wohnen und wachen.— — er. KkimQ fcirilleton* st. Ein zun. Narre» gehaltener Serenissimus. Unter den fünf« zehn Herzögen, die das Württemberger„Ländle", bevor es von Napoleons Gnaden Königreich ward, mehr oder weniger despotisierten, war Friedrich I.(1593—1603) der schlimmsten einer. Seine absolutistische Willkür und Gewalttätigkeit wurde nur von seiner Geldgier übertroffen, die seine von Verschwendungssucht— byzantinische Geschichtsschreiber nennen sie Prachtliebe— stets genährt wurde. Die infame Verschacherung von Landeskindern zu Soldaten, womit einer seiner Nachfolger, der berüchtigte Karl Eugen, seine ewig hungrigen Kassen füllte, und die von Schiller in„Kabale und Liebe" an den Pranger gestellt ward, wurde damals noch nicht praktiziert; dagegen stand der alchymistische Schwindel der'G o l d m a ch e r k u n st in höchster Blüte. Was Wunder, daß SereniffimuS trotz seines sonst leidlichen Verstandes daraus hineinfiel und förmlich Jagd auf Goldmacher machte, indem er solche aus aller Herrn Ländern durch ein Ausschreiben an seinen Hof einlud. Er richtete ein prächtiges Laboratorium ein. worin er selber häufig hantierte, ,n Schurzfell. Lcderhosen, mit aufgestülpten Llermeln, wie ein ge- wöhnlicher Schmied. Auf Empfehlung des bayerischen Tausendkünstlers und Gold- apostcls Bürkheimer berief Friedrich einen HanS Hasenbühl e r aus Regensburg, des römischen Königs Ho falchy misten. Dieser fand sich zunächst in der Bezirksstadt Göppingen ein, ließ sich jedoch schwer krank melden. Flugs eilte Friedrich per Wagen dahin, um dem Sterbenden sein Geheimnis zu entreißen. Er saß bei des Herzogs Ankunft kerngesund wie ein Fisch im Wasser im warmen Bade. Der Herzog trat ein, ohne sich vorzustellen. Der Schwindler, wohl wissend, wen er vor sich hatte, grüßte ihn mit matter Stimme;„Ihr seid Herzog triedrich der Weise von Württeniberg, das sagt mir mein innerer piegcl". Er fuhr mit ihm nach Stuttgart und betrat nach längerer Pflege die Goldküche, und siehe da, schon die erste Probe gelang; im Schmelztiegel fand sich wirkliches Gold im Wert von zwei Dukaten. Täglich wurden allerejMetalle geschmolzen, dieEndschmelzung aber immer nur beim Erscheinen des Vollmonds vorgenommen, wobei sich jedesmal etwas Gold vorfand. Die beiden Galgenstricke. Hasenbühler und Bürkheimer, hatten nämlich zuvor Dukaten abgefeilt und das so ge- wonncne Pulver heimlich in den Tiegel gleiten lassen. Nach etwa sechs Monaten verlangte endlich der Herzog eine tüchtige Ausbeute. zumal die Zeche der flottlebenden Fremden wöchentlich 200 Gulden verschlang. Der große Tag war gekommen, und in freudigster Spannung begab sich der Herzog in aller Frühe zum Laboratorium. Die Tür war verschloffen. Ein Bote ward in das Quartier der Goldmacher geschickt, um die.Schlafbauben" zu holen. Der Bote kehrte mit der Meldung zurück, Hasenbühler mit seinen zwei Gesellen hätte sich in der Nacht auf und davon gemacht. Als man in die Werkstätte drang, war sogar das Silber in den Tiegeln verschwunden. Nun gingen dem Herzog die Augen auf. Rasend vor Wnt schlug er'mit geballten Fäusten den herbeigeschleppten Bllrkheinier ins Gesicht, weil er nicht verraten konnte, wohin sein Spießgeselle geflohen. Dieser hatte ihn nämlich am Abend zuvor betrunken ge- macht. Mit knapper Not entging Bürkheimer dem Galgen, wurde an den Pranger gestellt, nnt Ruten gestrichen und über die Grenze gejagt. An 19 Ovo Gulden kostete die Geschichte dem Herzog, der aber von seinem alchymistischen Aberglauben keineswegs kuriert war.— f. Neuentdeckte antike Literaturschatzk. Ueber die wichtigen Funde literarisch wertvoller Papyri auf der Trümmerstätte von Oxyrhynchos machen die beiden Entdecker, Dr. B. P. Grenfell und Dr. A. S. Hunt, in den„Times" nähere Mitteilungen: Es ist nicht ungewöhnlich, daß man auf einer so reichen Fundstätte wie Qxyrhynchos große Mengen von Papyri findet, aber diese Funde bestehen hauptsächlich nur aus Briefen, Berichten und Kontrakten. die sich auf die Verhältnisse von Privatpersonen beziehen, oder aus den mannigfaltigsten offiziellen Dokumenten, während literarische Fragment« bis jetzt sich kaum gefunden haben. Niemals bis ins letzte Jahr hat ein Forscher das Glück gehabt, einen Fund von solcher Bedeutung zu machen, bei dem die Papyri eine» hohen literarischen Wert haben. Zum erstenmal stießen wir auf so wichtige Papyri am 28. Januar, als wir einen der wenigen übrig gebliebenen römischen Schutthügcl aufgruben. Kurz vor Sonnenuntergang stießen wir etwa sechs Fuß unter der Oberfläche auf eine Stelle. an der im dritten Jahrhundert ein ganzer Korb von zerbrochenen literarischen Papyrusrollen auf den Schutt geworfen sein mutz. Läßt man die kleinen Fragmente beiseite, so sind zehn größere Manuskripte, aus einem oder mehreren längeren Stücken bc» stehend, aufgefunden worden, die alle dem zweiten oder dritten Jahrhundert angehören. Zwei von ihnen enthalten poetische Er- zeugnisse, beide noch nicht aufgefundene Gedichte und von Dichtern höchsten Ranges,- P i n d a r und E u r i p i d e S. Der Pindarische Papyrus enthält vornehmlich Päane, das sind Oden, die Verehrung. Bittflehen und Danksagung an einen Gott ausdrücken, und die Autorschaft des großen Hymnendichters wird erwiesen durch die Uebereinstimmung mit einem schon bekannten Pindarischen Frag- ment. Ter Text ist von einer sorgfältig ausgearbeiteten Scholie begleitet. Soweit wir sie bisher zusammengestellt haben, ergeben sich neun ganz vollständige Kolumnen von etwa fünfzehn Zeilen, üftb es ist noch ein gut Teil anderer übrig. Da die bereits bor» handenen Fragmente der Päane ein Dutzend Zeilen nicht über- schreiten, so führt dieser Papyrus uns zum erstenmal wirklich in diese Gattung Pindarischer Gedichte ein. Die zweite Serie poetischer Fragmente rührt von einer Rolle her, die eine Tragödie über das Hypsipyle-Thema enthält und der Kraft der Charakterisierung und der Eleganz deS Stiles nach nur mit dem bisher verlorenen Hypsiphle-Drama des Euripides identifiziert werden kann. DaS wertvollste Prosastück ist der Teil einer neuen Geschichte von Griechenland. Das längste Fragment davon ist noch nicht ge- lesen; aber eines der anderen Stücke handelt von Beziehungen zwischen Korinth und Argos und Sparta in der Zeit, die der Schlacht bei Nemea im Jahre 394 v. Chr. folgten, und berichtet im Zusamenhang mit den Schicksalen des korinthischen Feldherrn Timolaus über zwei anderweitig nicht berichtete Vorgänge des pcloponnesischen Krieges. Aus dem Stil dieses Fragmentes geht klar hervor, daß es zu einem historischen Werk von hoher Wichtigkeit gehört, möglicherweise von Ephorus oder Theopompus verfaßt. Der andere neue Prosatcxt ist ein Kommentar zu dem zweiten Buche Thucydides, ganz verschieden von der vorhandenen Scholie und, da die Ansichten des Dionysius von Halicarnatz kritisiert werden, wahr- scheinlich ein Werk des ersten Jahrhunderts. Wenige Tage nach diesem Fund literarisch wertvoller Texte entdeckten wir die Ueber» reste einer zweiten klassischen Bibliothek in einem anderen Schutt- Hügel. Es fand sich ein vollständigeK Gedicht von Hexametern in 22 Zeilen zum Lobe deS Hermes, und dann waren noch einige Stücke da, die mehr als eine Kolumne Schrift enthielten; jedoch ist es zweifelhaft, ob zusammenhängende Blätter von größerer Länge aus den unzähligen Fragmenten werden zusammengestellt werde» können, die in ihrer Größe ganz verschieden, bald ein paar Zeilen, bald nur ein paar Buchstaben enthalten. Das ist um so bedauer- licher, als der Eigentümer dieser Bibliothek eine große Sammlung lyrischer Dichter besessen haben muß. Wie wir aus den Ueber- schriften der Rollen sehen, gehörten zu seiner Sammlung zwei oder drei Manuskripte, die Werke der Sappho enthalten haben müssen, ein großer Verlust, da wir von dieser Dichterin nur sehr wenig erhalten haben, dann Dithyramben des erst vor wenigen Jahren entdeckten BakchhlideS und ein Manuskript mit Meliamben des Cercidas. Ein einziges Fragment des letzterwähnten Werkes ent- hält über 70 Zeilen und, da die vorhandenen Ueberreste von Poesien des Cercidas nur vierzehn Zeilen umfassen, wird es jetzt erst möglich sein, ein festeres Urteil über diesen Dichter-Philosophen von McgalopoliS aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. zu ge- Winnen. Die anderen Manuskripte dieses zweiten Fundes konnten bis jetzt nach ihren Dichtern noch nicht bestimmt werden. Einer der byzantinischen Schutthügel enthielt Seiten aus Papyrus- und Pcrgamentbüchern des vierten bis sechsten Jahrhunderts in bei- spieUoser Anzahl. Unter diesen Stücken klassischer und theologischer Werke sei vorläufig nur eine Seite aus einem lateinischen Papyrus- Manuskript erwähnt, das Sallusts„Catilina" enthält, und das 4b Zeilen umfassende Pergamentblatt, das von Jesus handelt.— n. Moderne Forschiingen über Scylla und Charybbis. Wie wohl alle Sagengcstalten des Homer, sind auch die Scylla und Charhbdis, diese Meeresungehcuer, die dem Odysseus sechs seiner Gefährten kosteten, auf tatsächliche Naturerscheinungen zurückzu- führen. Da für diesen Teil der Odyssee auch bestimmte geographische Unterlagen gegeben sind, indem der Schauplatz dieses Ereignisses� jedenfalls in die Nähe von der Insel Sizilien verlegt werden muß, hat man es längst herausgefunden, daß mit den räuberischen Ungetümen der Scylla und Charhbdis nur die ge- fährlichen Strudel gemeint sein können, die sich in der Meerenge von Messina zwischen Sizilien und dem Festlande finden. Ohne Zweifel haben diese starken Meeresströmungen im Altertum vielen der damals noch kleinen gebrechlichen Schiffe und ihren Insassen das Leben gekostet, und es lag für die Volksphantasie nahe, diese Gewalten mit einem vielköpfigen oder vielarmigen Ungeheuer zu vergleichen, das den arglosen Schiffer packt und aus seinem Kahn heraus an sich reißt und verschlingt. Jetzt sind über die Strömungsl- Verhältnisse in der Straße von Messina, wo übrigens der Name Scylla an einem Vorgebirge mit einem Ort auf der calabrischen Seite haftet, neue Forschungen durch Professor Platania vom Nautischen Institut in Catania vorgenommen und an die Pelori- tanischc Akademie in Messina berichtet worden. Es hat sich die merkwürdige Tatsache ergeben, daß die untermcerischcn Strömungen in der Straße von Messina so stark sind, daß sie vermocht haben, die zwischen Sizilien und dem Festlandc verlegten Kabel zu unterbrechen. Die Nachforschungen durch Professor Platania erstrecken sich im ganzen auf die letzten 40 Jahre zurück, und während dieser Zeit sind nicht weniger als 26 Kabcluntcrbrechungcn zu verzeichnen gewesen, von denen weitaus die Mehrzahl, näm- lich 19, in der Jahreszeit zwischen November und April eintraten. Die starken Meeresströmungen verursachen eine fortwährende Reibung durch Sand und kleine Steine. Die auf dem Meeres- boden befindlichen Felsen werden vom Schlamm und Sand rein- gefegt, und ihre so hervortretenden rauhen Oberflächen haben die Kabel allmählich durchgescheuert. In einem besonderen Fall scheint ein Kabel dadurch zu Schaden gekommen zu sein, daß sich in der Nähe eine unterirdische Schwefelquelle befand, die das Kabel langsam durchätzte. Die Meeresströmungen in der Straße von Messina haben an der Oberfläche die beträchtliche Geschwindigkeit von 8 Kilometern in der Stunde. Sie sind stets eine Gefahr füt die Schiffahrt gewesen, und die Wracks von zwei großen Fahr- zeugen, die noch im letzten Sommer an der sizilianischen Küste zu sehen waren, haben bewiesen, daß die alten Schreckgeister der Scylla und Charybdis ihre gefährliche Macht noch immer nicht verloren haben. Das Vorhandensein einer entsprechend starken Ticfwasser» strömung muß noch genauer untersucht werden. Die Biologen sind seit langem nach Messina gepilgert, weil sie dort auf eine besonders reichliche und interessante Ernte an Tiefseetieren rechnen können, die von Zeit zu Zeit durch Strudel im Meereswasser in die Höhe gebracht werden. In einer Tiefe von 29 Faden, also ungefähr 49 Metern, ist in der Tat eine Strömung des Meeres- Wassers festgestellt worden, die der an der Oberfläche gerade ent- gegengesetzt fließt, so daß sich dort zwei gegeneinander gerichtete Strömungen übereinander befinden. Außerdem werden die Ver- Hältnisse der Straße von Messina noch dadurch merkwürdig und für die Schiffahrt bedenklich, daß die Gezeiten, wie es in engen Meeresteilen gewöhnlich der Fall ist, hier eine besondere Höhe annehmen.— Meteorologisches. t. Witterungserscheinungen auf Berggipfeln. Die Wetterwarten auf hohen Berggipfeln haben für den Fort- schritt der Witterungskundc außerordentlich viel geleistet. Lange Zeit waren sie überhaupt das- einzige Mittel, die Zustände und Veränderungen in den oberen Luftschichten fortlaufend zu beob- achten, und auch heute noch ist, wie die New Uorker Wochenschrift „Science" rühmend hervorhebt, das Preußische Aeronautische Observatorium bei Berlin die einzige Anstalt, die von der Ebene aus tagtäglich schon seit Jahren mit Hülfe von Flugdrachen und Ballons die Verhältnisse des Luftmeeres in großen Höhen studiert. Abgesehen davon also erfahren wir nur durch die Bcrgwarten von den jährlichen und jahreszeitlichen Wandlungen im oberen Luft- mcer in verschiedenen Höhen. Allerdings lassen sich die Beob- achtungen auf den Bergwetterwarten mit denen durch Flugdrachcn oder Ballons in freier Luft nicht ganz vergleichen, weil bei erstcren die Gebirgsmassen selbst einen bestimmten Einfluß auf Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt, Bewegung usw. der benachbarten Luftschichten ausüben. Aus diesem Grunde ergeben die Messungen auf Berg- gipfeln nicht dieselben Temperaturverhältnisse mit zunehmender Höhe über der Erdoberfläche wie die Beobachtungen, die ein Luft- schiffer im Ballon anstellt oder ein Flugdrache mit seinen selbst- aufzeichnenden Instrumenten hcrniederbringt. Es ist daher be- sonders wichtig gewesen, die Feststellung auf Berggipfeln mit den auf letztere Art gewonnenen zu vergleichen. Das wesentlichste Er- gebnis ist, daß die Temperatur auf Berggipfeln im Durchschnitt niedriger ist, als sie in der freien Luft bei gleicher Erhebung über dem Meeresspiegel sein würde. Ueber die Unterschiede der Feuchtigkeit oder der Windgeschwindigkeit sind bisher noch keine sicheren Angaben zu machen, jedoch ist es sehr wahrscheinlich, daß die Windgeschwindigkeit auf Bergen größer ist, als in freier Luft von derselben Höhe. Wie in Deutschland schon seit längerer Zeit die Beobachtungen der Wetterwarten auf dem Brocken und auf der Schneekoppc mit den Ergebnissen der Drachcnflüge verglichen werden, so hat man jetzt begonncnl. auch in den Bereinigten Staaten dies wichtige Verfahren nachzuahmen, indem seit vorigem Sommer Untersuchungen auf dem 1918 Meter hohen Mount Washington in den Weißen Bergen von New Hampshire einerseits und in der umgebenden Ebene mit Hülfe von Flugdrachen andererseits wenigstens längere Zeit stattgefunden haben und noch fortgesetzt werden sollen.— Notizen. HauS Malereien im Oetztale. Man schreibt unS: Im Oetztale las ich an einem Gasthause folgenden Spruch: Herr Wirt, bring' den Wein! Kellnerin, schenk' ein I Hofmann, trink' aus! Bauer, Du, zahl' aus! Uebrigens findet man die reichsten Sprüche und sonstigen Ver- zierungen in Dörfern deö westlichen OberhessenS, namentlich im sog. Hinterlande der oberen Lahn.— —„Jhavatrate", ein Drama von Julius Berstl, ist vom Neuen Theater erworben worden.— — Konstantin M e u n i e r s großes Gemälde„Die Grubenarbeiterinnen" wurde für das Leipziger Museum angekauft.— ge. Wie eine französische Zeitschrift mitteilt, wurde kürzlich in Sydney ein besonders schönes Exemplar eines Merino Widders von einem Züchter mit 27 599 Fr, bezahlt.— — Die Gesellschaft der Naturfreunde Kosmos in Stuttgart zählt 29 999 Mitglieder.— — In der„Nugsburger Abendzeitung" ist folgende Anzeige zu lesen: Lehrer an 1. Schulstelle eines Marktes, guter Zeichner und Musiker, sucht Nebenverdienst, um soviel noch zu ver- dienen, daß er sich und seine Familie ernähren kann.— Gefällige Angebote usw.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Verlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo..Berlin L W,