Ur. 279 Abonnements-Krdingvngen: Abonnements- Preis pränumerando: Pierteljährl- 3,30 Mb, monatl. 1.10 Ml,, ivöchenllich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S PIg. Sonntags- Nummer mit tUufloerlec Eonntags- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Pfg, Post- Abonnement: Z.Z0 Mark pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung»- Preisliste für l»8S unter Dr. 7020. Unter Kreuzband für Teutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. VigM Grscheluk täglich außer Montag». Verliner Volksdlatk. 16. Jahrg. Dt« Inscrtlons- Gebühr beträgt für die fechSgefpaltene Kolonel. zetle oder deren Raum 10 Pfg,, für politisch« und gewerkschaftliche Bereins- und Bersammlungs- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine K iiieigen" jedes Wort S Pfg, (nur das erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bis i Uhr nachmittags in derExpeditton abgegeben «erden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis S Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher z Bml l, vr. 1600, Telegramm-Adresse: „Sorialdenrokrat Berlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19. Beuth-Strasze 2. Expedition: SW. 19, Beuth-Straste 3. Die Heimarbeit. Insbesondere die durch Zwischenmeister vermittelte Heim- arbeit in der Konfektion ist seit 1887 zum Repertoirestück des deutschen Reichstags geworden. Damals wurde durch eine von Reichs wegen veranstaltete Enquete die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die unglaublich elenden Zustände inner- halb der Näherei gelenkt.— Je nach den Zeitläuften wurde seitdem die Frage von den Rcichsboten mit überschäumender Begeisterung oder mit kühler Gelassenheit behandelt. Die Aufnahme, die sie jüngst im Reichstag gefunden hat, war kühler als der heurige Herbst: sie näherte sich dem Gesrierpunkt.— Die arbeiterfreundlichcn Herren Hehl und Konsorten hatten augenscheinlich ganz vergessen, wie beweglich sie Anno 1896 das Los der unglücklichen Konfektionsarbeiter beklagt hatten. Freilich wurde diesmal ihr Gedächtnis auch nicht durch irgend welche Anteilnahme vom Ministertische aus aufgefrischt. Und das Ceutrum? I das hat sich ja erst gelegentlich der Znchthausvorlage seine Liebe zum arbeitenden Volk bescheinigen lassen und kann nun eine Weile auf seinen Lorbeeren ausruhen. Besonders hat man neuestens wieder entdeckt, daß die Zwischenmeistcr ausnehmend brave Kerle und für den Produktionsprozeß unentbehrlich seien, Daß das Gegenteil schon etliche Male nachgewiesen wurde, und die Zwischenmeister die Werkzeuge sind, mittels derer das Unternehmertum jede Verantwortlichkeit für die von ihm be schäftigte Arbeiterschaft von sich abwälzt, sie vogelfrei macht, ihren Lohn bis unter die Hungergrenze drückt und sie der letzten Möglichkeit solidarischen Zusammenschlusses beraubt: das scheinen die Herren völlig vergessen zu haben. Daran ändert auch die Thatsache nichts, daß manchmal die Zwischen meister kaum besser dran sind, als die von ihnen beschäftigten Arbeiter. Manchmal! Denn als Regel dürfte gelten, daß die Zwischcnmeister, sobald sie mehr als 2—3 Arbeits kräfte an der Hand haben, aus diesen einen ganz erklecklichen Gewinn ziehen. Bis zu welcher Höhe dieser Gewinn manch mal ansteigt, das möge nachfolgende Schilderung eines größeren Zwischenmeistcrbetriebes in Frankfurt a. M. erweisen. (f. H. Fürth; Die Frauenarbeit in der Herrenschnciderei, Schriften des Freien Deutschen Hochstifts VIII.) Der Zwischcnmeister, der ausschließlich Jacken und Joppen für ein Arbeitskleidergeschäst herstellt, beschäftigt— auf seiner Werkstatt— 12 Leute, 3 davon Männer. Von diesen 12 Leuten sind 4 Familienangehörige des Meisters. Zu ihnen kommen noch 9—11 verheiratete Frauen(zusammen also 21—23 Arbeits- kräfte), die bei sich zu Hause für den Zwischcnmeister arbeiten. Arbeitsteilung ist streng durchgeführt. Das Fertigmachen der Stücke(Einsetzen der Aermel und Kragen, Besetzen, also das, was, soweit man bei diesen Artikeln davon reden kann, qualifizierte Arbeit ist), besorgen die Töchter des Meisters Die unverheirateten Kinder erhalten keine bestimmte Bezahlung. Die Frau besorgt die Kassengeschäfte. Ter Mann zahlte an die familienfremden Arbeiterinnen in den ersten fünf Monaten des Jahres 1895(im Winter ist stille Zeit) 2417,17 M. Die Miete des Arbeitsraumes beläuft sich auf jährlich 400 M., für 13 Maschinen wurden 2 Jahre zuvor, bei Einrichtung der Werkstätte, 2100 M. und während des laufenden Jahres für die nötig gewordene Anschaffung einer neuen Knopflochmaschine weitere 500 M. verausgabt. Dazu kommen die Kosten für Heizung, Beleuchtung, Oel, Reparaturen, Nähgarn für die eigenen Leute(die fremden müssen Garn beistellen) usw. Wie viel für Abnutzung der Maschinen anzusetzen wäre, konnte nicht ermittelt werden. Der Zwischenmeister verdiente in den genannten 5 Monaten zusammen mit seineu 4 erwachsenen Kindern(die gelegentliche Arbeit der Frau und der schulpflichtigen Kinder nicht gerechnet): Januar... 614,— M. ftctmiar... 627,74„ März.... 619,99„ April.... 878,01„ Mai..... 1003,13„ 3642,87 M. Der Stücklohn für Teilarbeit— die Stücke werden vom Unternehmer zugeschnitten geliefert— setzt sich dabei so zu- sammen: Zusammennähen der Jacke 5 Pf., Besetzen 3 Pf., Aermel einsetzen 2 Pf., Kragen ansetzen und steppen 2 Pf,, Knöpfe annähen 2 Pf., Knopflöcher 4 Pf,, zusammen 18 Pf. Der Zwischenmeister zahlt demnach für eine Jacke, für die er voin Unternehmer 30 Pf. empfängt, einen Arbeitslohn von 18 Pf. Das bedeutet einen Bruttogewinn von 12 Pf., gleich 67 Proz. vom Stück. Die Söhne und Töchter des Meisters gehören infolge langjähriger Uebung zu den besten Arbeitern und man geht wohl nicht fehl, wenn man ihren Anteil am Verdienst des Vaters auf 50—60 M. pro Woche schätzt, was für die in Frage stehende Zeit von 21 Wochen einen Betrag von 1050 M. bezw. 1260 M. crgiebt. Von den sonach übrig bleibenden 2592,87 M. bezw. 2382,87 M. sind die oben er- wähnten regelmäßigen Spesen(ausschließlich des getrennt aufgeführtenjArbeitslohncS) in Abzug zu bringen. Die Miete für fünf Monate beträgt 155 M., die Zinsen des in den Maschinen steckenden Anlagekapitals von W00 M. zu 5 Proz. 54,16 M. Setzen wir nun noch den Wert der Arbeits- leistung des Meisters mit 15 M. pro Woche an, schätzen wir die Auslagen für Heizung, Beleuchtung, Oel, Reparaturen mit 50 M. für fünf Monate und die für Kranken- und Jnvalidenbeiträge auf 3 M. wöchentlich, d. i. 63 M., so bleibt dem Meister ein Reingewinn von 1955,71 M. bezw. 1745,71 M. für 5 Monate. Hieraus crgiebt sich, daß trotz aller gemachten Ein- schränkungen der Unternehmergewinn des Meisters ein recht hoher ist. Angesichts unserer peinlich genauen Abrechnung aller Spesen, Zinsen, eines Arbeitslohnes von 315 M. für den Meister w., verdient diese Thatsache um so mehr Berück- sichtigung, als es sich hier keineswegs um Qualitäts- oder Luxusarbeit, sondern ausschließlich um Herstellung von Stapelware handelt. Auch sind die herangezogenen fünf Monate(nur für diese Zeit waren buchmäßige Angaben zu erlangen) die schlechteren. Jni Winter bleibt dem Zwischen- meister weniger übrig, weil die Ausgaben für Heizung und Beleuchtung das Budget erhöhen, die Arbeitszeit um eine Stunde verkürzt ist und weil außerdem die dickeren Stoffe schwerer zu handhaben und zu verarbeiten sind, während im Sommer die Arbeit leichter und rascher von statten geht und deshalb einträglicher ist, da während des ganzen Jahres die gleichen Stückpreise bezahlt werden. Die Luft-, Licht- und Flächenverhältnisse der Werkstätte sind nicht ungünstig. Sie hat vier große Fenster, einen Flächen- inhalt von etwa 40,5 Quadratmeter, eine Höhe von etwa 3,20 Meter, somit einen Luftinhalt von 129,6 Kubikmeter. Der Zwischenmeister wird von seinen Leuten, die teilweise in ihrem eigenen Heim aufgesucht wurden, übereinstimmend als ein humaner Mann geschildert. Alles in allem also ein Betrieb, der in seiner Art muster- hast zu nennen ist. Und dennoch: bei einer Brutto-Einnahme von 6060,04 M. ein Bruttogewinn von 8642,87 M.— 60,1 Proz. und ein reiner Unternehmergewinn von 1955,71 M. = 32 Proz. in den fünf ungünstigsten Monaten des Jahres. Jedes weitere Wort erübrigt sich, und unwillkürlich drängt sich nur die Frage auf, wie es da ausschauen mag und welche Profite auf Kosten einer hart arbeitenden, unterdrückten und ausgebeuteten Arbeiterklasse da eingestrichen werden mögen, wo Einblick und Auskunft nicht so bereitwillig gewährt wurden, wie in unserm Falle? Wie denken die Herren im Reichstag, die so rasch damit bei der Hand waren, die Verewigung des Zwischennicister- syftems zu befürworten, über diese Thatsache? Ist da nicht als eiilfachster Ausweg anzusehen. daß das Mitgeben von Arbeit an Wcrkstätten-Arbeiterinnen überhaupt verboten wird? llk. Schutz der Arbeit. Die socialdemokratische ReichStagS-Fraktioii hat folgenden Antrag eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen, dem nachstehenden Gesetz- entlvurfe die verfassungsmäßige Genehmigung zu erteilen: Entwurf eines Gesetzes betreffend die Errichtung eines Reichs-Arbeitsamts, von Arbeits- ämtern, Arbeitskammern und Einigungsämtern. Artikel l- Reich s-Arbeitsamt. 8 1. Es wird ein Reichs-Arbeitsamt errichtet, dessen Organisation durch Gesetz bestimmt wird. Leiter des ReichS-ArbcitSamts ist der Rcichs-Arbcitsrat; es hat seinen Sitz in Berlin. s 2. Zu den Aufgaben des Reichs-ArbcitSamtS gehören: Erlaß von Vorschriften zum Schutze für Gesundheit und Leben der in geiverblichen Betriebei» aller Art. einschließlich der Heim- arbeit, des Handels und Verkehrs, der Land- und Forstwirtschaft, der Fischerei und Schiffcrci soivie des Bergbaus gegen Entgelt be- schäftigtcn Personen. Erlaß von Vorschriften und Anwcisnnacn über die dienstlichen Verrichtungen der Arbeitsämter M't. II§ 4), die Kontrolle über deren Thäligkeit und die Entscheidung über Beschwerden gegen deren Anordnungen und Beschlüsse. Anordnung und Oberleitung von Erhebungen über die Lohn-, Arbeits« und Lebensverhältnisse der in Absatz 2 dieses Paragraphen erwähnten Personen. Herausgabe und Veröffentlichung von Berichten über die statt- gehabten Erhebungen; Zusammenstellung der Jahresberichte der Arbeitsämter über ihre Thätigkeit, die dem Bundesrat und Reichstag vorzulegen sind. Heransgabe von Veröffentlichungen über die Be- wegnng des Arbeitsmarkts(Streiks und Arbeiteranssperrungen), der Arbeitslöhne, Arbeitsvermittlung und ähnlicher socialer Ein- richtungen. s». Alljährlich einmal beruft da? Reichsarbeitsamt Vertreter der Arbeitsämter(Artikel II,§ 4) und der Arbeitskammern (Artikel III, Z 12) und zwar von letzteren mindestens je einen Vertreter der Betriebsleiter nnd der gegen Ent- gelt beschäftigten Personen, die jede Klasse der Arbeitskammer aus ihrer Mitte ivählt, zu einer Tagung, in der die zu lösenden Auf- gaben beraten werden. Artikel ll. ArbeitSäinter. §*■ Für jeden Bezirk einer höheren VerlvnlhtngSbehörde eines Bundcs- taatS Ivird in der Regel ein Arbeitsamt errichtet. Soll der Bezirk, für welche» das Arbeitsamt errichtet wird, über das Gebiet eines Bundesstaats hinaus erstreckt werde», so ist hierzu die Genehmigung der beteiligten Landes-Ccntralbehördcn erforderlich. Wird die Genehmigung erteilt, so sind die den Landes-Centralbehördeil zustehenden Befugnisse von den Centralbchörden desjenigen Bundes- staats ivahrznnehmcn, in welchen das Arbeitsamt seinen Sitz hat. Die Arbeitsämter unterstehen dein Reichs-Arbeitsamt. § 5. Das Arbeitsamt wird gebildet ans einem ArbeitSrat, als Leiter des Amts, und mindestens zwei Hilfsbeamten. Den Arbeitsrat ernennt die Centralbehörde desjenigen Bundes- staats, in. dem das Arbeitsamt seinen Sitz hat. Die dem Arbeits- amt zur Seite stehenden Hilfsbeamten werden von der Arbeits- kanuner(Art. III§ 12) ans die Dauer von fünf Jahren in getrennten Wahlhandlungen gewählt, und zwar zur Hälfte von den Vertretern der Betriebsleiter und zur anderen Hälfte von den Vertretern der gegen Entgelt beschäftigten Personen. Sind mehr als zwei Hilfsbeanite erforderlich, so haben zunächst die Vertreter der gegen Entgelt beschäftigten Personen zur Wahl zu schreiten. Ist im' Kammerbezirk mehr als ein Drittel der im § 2 Abs. 2 erwähnten Personen weiblichen Geschlechts, so muß ein weiblicher Hilfsbeamter gewählt werden. § 6. Zu den Augfaben des Arbeitsamts gehören: Ausführung der Anordnungen und Anweistingen des Rcichs- Arbcitsamts. Aufsicht über die diesem Gesetz unterstellten Betriebe nach den gesetzlichen Vorschriften und de» Anordnungen des Rcichs-Arbeits- ämts und der Organe der Unfallversicherungs-Genossenschaften. Jeder Betrieb muß jährlich mindestens einer Revision unterzogen werden. Einrichtung des Arbeitsnachweises in den Grenzen des Arbeits- amts-Bezirks. Einberufung der Sitzungen der Arbeitskammer und die Leitung derselben durch den Arbeitsrat bezw. dessen Stellvertreter. Errichtung eines Einigungsamts(Art. IV,§ 28). Veröffentlichung eines Jahresberichts über seine amtliche Thätig- keit. Exemplare dieses Berichts sind dem Reichs-Arbeitsamt, der Landes-Centralbchörde und den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften des Bundesstaats, in dem das Arbeitsamt seinen Sitz hat, und den Mitgliedern der Arbcitskammcr zu übermitteln. s 7- So weit nach den§8 103a bis 105i, 115 bis 119b, 120a bis 120e, 134 bis 139 a, 154 und 154 a der Gewerbe-Ordnung den höheren Verwaltungsbehörden Aufgaben zur Wahrnehmung zu- gewiesen sind, geht die Wahrnehmung dieser Aufgaben nach Er- richtnng der Arbeitsämter auf diese über. Solveit»ach den Vor- schriftcn der Geivcrbe-Ordnnng die unteren Verwaltungsbehörde» bestimmte Aufgaben zu erfüllen haben, treten diese Behörden in das- selbe Verhältnis zu dem Arbeitsamts ihres Bezirks, in dem sie vor Errichtung desselben zu der höheren Verwaltungsbehörde ihres Bezirks gestanden haben. 8 8. Die von, Arbeitsamt auszuführenden amtlichen Revisionen müssen die Betriebsleiter zu jeder Zeit, namentlich auch in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen gestatten. Die Betriebsleiter sind verpflichtet, den Beamten und amtlich Beauftragten des Arbeitsamts oder der Polizeibehörde diejenigen Mitteilungen über die Verhältnisse der von ihnen beschäftigten Per- sollen zu machen, welche vom Reichskanzler oder Bundesrat oder vom Reichs-Arbeitsamt oder von der Landes-Centralbehörde unter Festsetzung der dabei zu beobachteilden Fristen und Fonnen vor- geschrieben werden. 8 9. Das Arbeitsamt hat da? Recht, zum Schütz für Leben und Ge- sniidheit der in den ihm unterstellten Betrieben beschäftigten Personen Anordnungen zu erlassen nnd für die Nichtbefolgnng derselben Geld- strafe bis zur Höhe von 300 M. oder Haft bis zu sechs Wochen anzu- drohe» und festzusetzen. Auch kann es zur Durchführung der von ihm erlassenen Vor- fchriftcn OrdnungSstrafcn blS zur Höhe von 300 M. oder Haft bis zu sechs Wochen'verhangen. 8 10. Gegen die Verfügungen eines Beamten oder amtlich Bcailf- tragten dcS Arbeitsamts steht dem Betriebsleiter bezw. dessen Stell- Vertreter binnen zwei Wochen der Beschwerdeweg an das Ardeitsamt offen. Gegen Verfügungen des Arbeitsamts steht binnen zwei Wochen der Beschwerdeweg an das ReichS-Arbcitsaint offen. 8 11. Die Organisation dcS Arbeitsnachweises durch daS Arbeitsamt für den Umfang feines Bezirks hat nach den Beschlüssen der Arbeits« kainmer zu erfolge». Das Nähere über die Leitung und Verivaltniig des Arbeits»' Nachweises nnd die Anstellung und Entlassung der beschäftigte» Per- sonen bestimmt eine von dem Arbeitsamt aufzustellende Geschäfts- ordnung, welche zu ihrer Gültigkeit der Zustimmung der Arbeitskammcr bedarf. Die Gehälter und Löhne der im Arbeitsnachlveis beschäftigten Personen setzt das ReichS-ArbeitSamt fest. Das letztere hat auch die Ccntralisation der Arbeitsnachweise durchzuführen. Der Arbeitsnachweis ist unentgeltlich. Gemeinde», in denen eine ÄrbeitsnachlvciSstelle errichtet wird. find verpflichtet, die dazu nötigen Räumlichkeiten ohne Entschädigung .ur Verfügung zu stellen und die Heizung, Beleuchtung und Rein- altung der Räumlichkeiten auf ihre Kosten zu übernehmen. Artikel III. Arbeitskammern. 8 12. In jedem Bezirk, in dem ein Arbeitsamt besteht, ist eine Arbeits-' kammcr zu errichten, deren Mitgliederzahl das Reichs- Arbeitsamt bestimmt, und zivar»ach Größe des Bezirks und der Zahl der Be- triebe; sie darf jedoch nicht unter 50 betragen. 8 13. Die Mitglieder der Arbeitskammcr werden in getrennten Wahl- Handlungen zur Hälfte durch die großjährigen Betriebsleiter bezlv. deren Stellvertreter, zur andern Hälfte durch die großjährige» gegen Entgelt beschäftigten Personen(Z 2 Abs. 2) auf Grund des gleiche», unmittelbären nnd geheimen Stimmrechts mit einfacher Mehrheit gewählt. Gleichzeitig sind in Höhe der Hälfte der Mitglieder jeder Klasse Stellvertreter zu wähle». Beide Geschlechter sind gleich- berechtigt. Ist die Reihe der Ersatzpcrsonen erschöpft, so hat das- Reichs-Arbeitsamt eine Ergänznngsivahl anzuordnen. Bei Stimmen- gieichhcit entscheidet das Los. § U. Die Mandatsdauer der Mitglieder der Arbeitskammer beziu ihrer Stellvertreter währt zwei Jahre; sie beginnt mit dem Kalender jähre. § 15. Nicht wahlberechtigt und nicht wählbar sind Personen, die nicht großjährig sind oder sich nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befinden oder durch gerichtliche Anordnung in der Lerfiignug über ihr Vermögen beschrankt sind. Z 16. Die Wahl findet an einem Sonntag statt und zwar im Laufe des Monats Oktober desjenigen Jahres, in dem das Mandat der Mitglieder der Arbeitskammer z» Ende geht. Den Wahltag bestimmt das NeichS-Arbeitsamt, ebenso die Art und Form der Legitimation für die Wähler und die Normen, unter ivelchen die Wahlhandlung stattzufinden hat. 8 17. Die Mahlzeit und die Größe der Wahlbezirke ist so festzusetzen daß auch die am Wahltag beschäftigten Personen ohne Rilchickjt an Tag- oder Nachtschicht sich an der Wahl beteiligen können. Die Betriebsleiter haben den von ihnen beschäftigte» wahb berechtigten Personen auskömmlich Zeit für die Ausübung deSWahl- rechts zu gewähren. Wer Wähler an der Ausübung ihres Wahlrechts hindert, ist für jeden durch ihn Behinderte» mit Geldstrafe von 20—100 M. zu bestrafen. Die Strafe setzt das zuständige Arbeits amt fest. 8 16. Für jeden Wahlbezirk hat das zuständige Arbeitsamt Wahl. ausschüsse zu bilden, ivelche aus Wählern der an der Wahl beteiligten Klasse zu entnehmen sind. In den Wahlausschüssen müssen die Betriebsleiter und die von ihnen gegen Entgelt beschäftigten Per sonen gleich stark vertreten sein. 8 19. Einspruch der Wahlberechtigten gegen die Gültigkeit einer Wahl ist nur binnen zwei Wochen nach der Wahl zulässig. Die Arbeits. kanimer prüft den erhobenen Einspruch und hat im Falle der lln gültigkeitSerklärung einer Wahl sofort diejenige Ersatzperson einzw berufen, auf die die meisten Stimmen fielen. Handelt es sich um Einspruch gegen den ganze» Wahlakt, so hat das Neichs-Arbeitsamt den Einspruch zu prüfen und wenn es den Wahlakt für ungültig erklärt, innerhalb zwei Wochen eine Neuwahl anzuordnen. 8 20. Sobald ein Mitglied der Arbeitskanuner dauernd den Bezirk derselben verläßt, oder wenn eS in eine andere Klasse eintritt als diejenige ist, für die es gewählt wurde, oder, wenn einer der in § 15 dieses Gesetzes angeführten Gründe eintritt, erlischt seine Mit gliedschaft. 8 21. Die Sitzungen der Arbeitskammer find öffentlich. Die TagcS ordnung derselben wird öffentlich bekannt gegeben. Die Arbeitskammer giebt sich ihre Geschäftsordnung selbst. De» Vorsitz in der Arbeitskammer führt der Arbeitsrat oder dessen Stellvertreter, der dem Arbeitsamt angehören muß; er setzt die Tagesordmmg für die Sitzungen fest, soweit nicht die Arbeits kammer darüber beschließt. � 22- Der Vorsitzende ist verpflichtet, die Arbeitskammer nrindcstcns alle drei Monate einmal zu einer Sitzung zusannnenznbernfen; er muß dieselbe zu einer anszerordcnilichen Sitzung einberufen, sobald mindestens ein Drittel der Mitglieder der Arbeitskammer mit Angabe des Gegenstandes, über den verhandelt werden soll, darauf anträgt. Dem Antrag ist innerhalb vierzehn Tagen, nachdem derselbe in die Hände des Borsitzenden gelangte, stattzugeben. 8 23. Die ArbeitSkanimer faßt ihre Beschlüsse mit einfacher Mehrheit, Stimmengleichheit gilt als Ablehnung; sie ist beschlußfähig, sobald mindestens die Hälfte der Mitglieder jeder Klasse anivescnd ist. Mitglieder, die ohne genügende Entschuldigung in der Sitzung fehlen, kann der Vorsitzende mit einer Geldstrafe von 6—20 M. belegen. Der Vorsitzende nnd andere Mitglieder des Arbeitsamts, die den Sitzungen der Arbeitskammer beiwohnen, haben nur beratende Stimme. § 24. Die Arbeitskammer unterstützt das Arbeitsamt in seiner Thätig- keit, insbesondere bei seinen statistischen Erhebungen. In ihrem Bezirk hat sie das Reckt, Untersuchungen anzustellen über Gehälter, Löhne, Arbeitsart und Arbeitsdaner. LebenSnnttel- und Miets- preise; über die Wirkung von Berordmingen nnd Gcfctzen, ins. besondere von Handelsverträgen, Zöllen, Stenern und Abgaben; ferner Beschwerden und Mißstände im gewerblichen Leben zur Kenntnis des Reichs-ArbeitSamts, der Landes-Centralbchörde» nnd der gesetzgebenden Körperschaften zn bringen, Anträge an dieselben zu stellen, sotvie Gutachten abzugeben. Auf Ersuchen dcs� Reichskanzlers, des Bundesrats, des Reichs- Arbeitsamts, des Arbeitsamts oder der LandeS-Centralbehörde ihres Bezirks ist die Arbeitskammer verpflichtet. Gutachten über Wirtschaft« liche nnd sociale Fragen abzugeben. Sie kann aus ihrer Mitte Ausschüsse bilden, ivelche ans Vertretern der Betriebsleiter nnd der von ihnen gegen Entgelt beschäftigten Personen zusammengesetzt sein müsse». Den Vorsitz führt eln Mitglied dcS Arbeitsamts. § 25. Für ihre Erhebungen und Untersuchnngen hat die Arbeitskammer das Recht, fachgemäße Bcautwortmig ihrer Fragen von den Be- triebSleitern nnd den von ihnen beschäftigte» Personen zu fordern. Bei Verweigerung der Aussage kann sie auf Ordnungsstrafe bis zu 300 M. erkennen. 8 26. Die Mitglieder der Arbeitskammer erhalten für die Sitzungen, Ivelchen sie beiwohnen nnd für die Zeitversäumnis, ivelche die im Aufwog des Arbeitsamts oder der Arbeitskammer ausgeführten Be- ratnngcn und Arbeiten beanspruchen, Entschädigung und Ersatz der Reisekosten; ebenso für die Teilnahme aii den Verhandlungen der vom Reichs- Arbeitsamt einberufenen Tagung l8 6> nnd der Einigungsämter lArt. IV 8 27). Die Höhe der Entschädigungen, die für alle Mitglieder der Arbeitskammer die gleiche ist, jetzt das Reichs-ArbcitSamt fest. Artikel lV. EinigungSämte» 8 27. Im Falle von Streitigleitcn, welche zwischen Betriebsleitern oder ihren Stellvertretern und den von diesen beschäftigten Personen über die Bedingungen der Fortsetzung oder Wiederaufnahme des Beschäftignugsverhältnisses entstehen, hat das Arbeitsamt im Verein mit der Arbeitskammer auf Anrufung auch nur einer der streitenden Parteien als Einigungsamt zu Ivirke». falls nicht das Einigungsamt eines Gewerbegerichts zuständig ist. 8 28. Die Arbeitskammer bestimmt im Boraus, und zwar für jede Klasse in besonderer Wahl, eine Anzahl ihrer Mitglieder, aus denen im gegebenen Fall unter dem Vorsitz des Arbeitsrats oder seines Stellvertreters das Einigungsamt gebildet wird. 8 SO. Der Vorsitzende beruft alsdann im flegebenen Fall ans den bon der Arbeitskammer bestimmten Mitgliedern je zwei Vertreter der Betriebsleiter und von ihnen gegen Entgelt beschäftigten Personen, von denen keine an dem Streitfall unmittelbar beteiligt sein darf. Für die Verhandlungen des EinignngSamtS find die Be- stimimmgcn des Gcwerbegerichts vom 20. Juli 18V0 Abschnitt III maßgebend. Artikel V. S ch I U ß b e st i m m u n g e n. 8 30. Die Kosten, die aus der Durchführung dieses Gesetzes entstehen, trägt das Reich; sie sind in den ReichSetat einzustellen. 8 31. Der dritte, vierte und fünfte Absatz im 8 130b und der dritte Absatz im 8 155 der Geiverbe-Ordnung sind aufgehoben. >£§ W. A Diese« Gesetz tritt mit dem 1. Januar 1901 in Kraft. Urkundlich ic, Gegeben je._ politische Mebeefichk. Berlin, den 23. November. Ter Reichstag gönnte sich heute wieder den Luxus einer Socialistenbebatte. Socialistendebatten pflegen immer zukommen, wenn entweder keine Arbeit zu thun ist, oder eine Arbeit, die man nicht thun will. Jenes war der Fall bei der famosen Zukunftstaats- Debatte Vachem-Richter, die bloß eine Coulisse war für ein Jntriguenspiel hinter der Scene. Diesmal handelt es sich um eine Arbeit, die man nicht thun will— nänilich eine w i r k> liche Verbesserung der Gewerbe-Ordnung, toie die Social demokratie sie fordert. Und eine wirkliche Verbesserung ist unseren Socialresormern von den.Wasch mir den Pelz und mach mich nicht.naß"-Schutz ein Greuel, eine Sünde gegen den heiligen Geist' des Kapitalismus. Da erwacht denn natur- gemäß der ganze Haß gegen den Socialismus. Das rote Gespenst steigt auf. die Geister verwirren sich und die Socm listendebatte ist da. Auch heute war cs Freiherr v. H e y l. der den Geister beschwörcr machte und das rote Gespenst cstierte. Von den Engländern sagte Napoleon in der Schlacht von Waterloo, als sie immer und immer sich zu neuem Angriffe aufrafften: „Die Burschen wissen es nicht, wenn sie geschlagen sind." Es ist dies das glänzendste Zeugnis, das der englischen Stand haftigkeit je ausgestellt worden ist. Ein ähnliches Zeugnis müssen wir dem Freiherrn v. Heyl ausstellen. Er merkr cs nicht, wenn er geschlagen ist. Gestern war es ihm doch schlecht genug gegangen, allein heute juckte ihn wieder das Fell und kühn fchritt er zum Angriff. Zwischen ihm und den Engländern ist nur der eine Unterschied: die Engländer haben die Schlacht von Waterloo gewonnen— oder gewinnen helfen; und Freiherr v. Heyl gewinnt keine Schlachten, auch keine Gefechte— er findet im Kampfe mit unserer Partei stets ein Jena— wenn auch nur en miniature, wie das seiner freihcrrlichcn Größe entspricht. Heute war es Art. 7a, der ihm den Anlaß gab, sich von dem Hautjucken zu befreien. Dieser Artikel, den die Kommission auf Betreiben des Centrums angenommen hatte, will die Hausindustrie der Krankenversicherung unterwerfen. Graf Posadowsky erklärte sich aus„staatsrechtlichen Gründen" hiergegen nnd gab an heim, die Materie in anderer Form vor den Reichstag zn bringen. Das scheint begeisternd auf Herrn v. Heyl gewirkt zu haben— oder erklärt seine Begeisterung sich ans irgend einem anderen Grunde?— genug,' er schwang plötzlich den Tomahawk des Socialistentötcrs. Doch nein— das Gleichnis zaßt nicht. Nicht töten wollte er uns— so blutdürstig war er nicht, der brave Mann. Nur unseren bereits erfolgten Tod wollte er offiziell, vor versammeltem Reichstag feststellen. In Hannover ist die Socialdcmokratic gestorben— sie läuft nur noch als Geist henim. Marx hat sich selbst vernichtet. Lassalle hat sein ehernes Lohngesetz aufgegeben. Kurz, vom Socia- lismus ist nichts mehr übrig. Wir find mausetot. Dabei widerfuhr dem triumphierenden Heyl das Mißgeschick, daß er eine Citate durcheinander warf und feine fast bewundcrns- würdige Unwissenheit in einem haarsträubenden GallimatthiaS offenbarte. Singer, der ihm nach Gebühr antwortete, konnte dem unglücklichen Frei Herrn mit gutem Recht sagen, daß es aussichtslos sei. den Frei Herrn von Heyl zu belehren— auch eine mehrstündige Rede reiche nicht aus, um das bescheidenste Dämmerlicht in diese neblige Stockfinsternis zu bringen. Bei der englischen Standhaftigkcit und bei der Birtuositäi im Geschlagen w e r d e n, welche Herr von Heyl besitzt, sollte es uns nicht erstaunen, wenn ihm morgen wieder das Fell jucken sollte. Nun, wir werden ihm vergnügt zurufen: Heil unserem Heyl! Nur von„freier Liebe" soll er uns nicht mehr reden. Sonst könnten wir ihm von einem häßlichen Duell erzählen, in dem ein dem Herrn Heyl nicht sehr fern- 'tehender Offizier zum Krüppel nnd die Ehre einer der- heirateten Frau totgeschossen wurde— alles zu Ehren der „freien Liebe". Nach einer kurzen Debatte über Artikel 7b, der die Be- chäftigung von Arbeiterinnen in einigen Punkten regelt und zu dem wir ein vom GcnossenH o ch befürwortetes Amendement vorgeschlagen hatten, kamen die aus Handlungsgehilfen, Laden- chluß, Arbeitszeit in Geschäften ic. bezüglichen Paragraphen, die wir in besonderen Anträgen zu erweitern, schärfer zu definieren und zu verbessern gesucht haben. Unsere Anträge wurden vom Genossen Rosenow in einer vortrefflichen Rede— seiner„Jungfernrede"— begründet und mit wuchtigem Material unterstützt. Indem wir für den Inhalt der Rede und der späteren Replik gegen die gemachten Einwendungen ans den Reichstagsbericht verweisen, wollen wir hier nur zwei Thatsachcn erwähnen: Erstens daß Graf Posadowsky sich mit wohlfeilen Witzen über unsere Thätigkeit im Reichstag erging, und. weitens, daß die Herren Antisemiten, die aus ihrer Liebe für den kleinen Mann im allgeinemen und das Handels- und Geschäftspersonal im besonderen so viel Wesens machen, sich an der Debatte gar nicht beteiligten. Die schönen Motte in Thaten umzusetzen, das paßt nicht ins Geschäft dieser Geschäftspolitiker. Was Herrn v. Posadowsky angeht, so erhielt er von Rosenow die verdiente Abfettigung. Uns Socialisten bczeich- nete der Herr Graf als„Nietzschesche Kraftnoturen". Was er ich dabei gedacht haben mag? Weiß er denn nicht, daß Nietzsche der äußerste Antipode des Socialismus ist? Doch wie dem sei. lieber eine„Nietzschesche Kraftnatur" als ein Socialrcformator, der nur zwei Melodien kennt:„Ach ich bin so müde, ach ich bin so matt f, und:„Immer langsam voran!" Daß unsere Anträge bis auf einen kleinen Teil verworfen wurden, versteht sich bei dieser Reichstagsmajorität von selbst. Morgen Schwerinstag: Das socialdemokratische Berg- gesctz. Anfang 1 Uhr.—__ Wasscrranschtränme. Als der Flottcnvlan veröffentlicht wurde, bemerkten wir, dcr ungeheuerliche Plan könne nur einen Zweck haben: einen Konflikt zu provozieren. Je mehr der Flotten- rumntel fortschteitet, um so schärfer tritt hervor, daß die Re- l iernng oder doch die Scharfmacher der Regierung in der � chat nicht auf die Annahn«, sondern ans die Ablehnung der Marinevorlage spekulieren. Der Flottenplan ist nur ein Mittel, um einen anderen gefügigeren Reichstag zu bekommen, Hinter der Weltpolitik lauert un< gezähmt die Zuchthauspolitit. Die ganze Agitation, die jetzt für die Weltmachtflotte entfaltet wird. die weder Mann noch Weib, weder Greis noch Kind verschont. soll nur dazu dienen, das deutsche Volk in einen Wasserrausch zu versetzen, in dem cs dann sinnlos zu allem fähig wäre — auch zuni Selbstmord. Man träumt von einer Wiederholung der Scptennats- Wahlen. Wird der Reichstag unter dem Zeichen der Marine aufgelöst, dann wird das Volk, so rechnet man dummpfiffig, sich blindlings dem Wasserwahn ergeben, es wird Vettreter in den Reichstag wählen, die nicht nur für die Marine, sondern auch für alle anderen Absichten der Reaktion zu haben sindw Eine Flottcmnehrheit— und das verhaßte Reichstags- Wahlrecht ist beseittgt, und unbeschräntt kann die kapitalistische Tyrannei ihre Brutalitäten entfalten. Der Marineplan ist in der Tendenz nur eine Umschreibung des Staatsstreichs. Indessen die listige Spekulation ans den Wasserrausch setzt ein Volk von Wasserköpfen voraus. Das deutsche Volk liefert sich seinen Unterdrückern nicht freiwillig aus. Es durchschaut die Absichten und cs erkennt in der Gaukler- gestalt einer märchenhasten Weltpolitik seinen alten Todfeind in neuer Vermnmmuug. Und darum würde auch eine Auflösung unter dem Wasser- wie unter dem Zuchthauszeichen keinen anderen Erfolg haben als eine grimmige Abrechnung mit dem ganzen herrschenden System. Ein Hauch des Volkes— und die Flotte samt den Zuchthausschwärmern, die sie be- mannen, zerstiebt in nichts,.. Man versuche es also mit der Auflösung!— DaS Erwache» des russischen Banern. Es wird ans russischen Genosscnkreisen geschrieben: Eine neue, sehr wichtige Erscheimmg ereignet sich km revolutionären Kampfe Rußlands, indem die bisher gleichgültige Masse der russischen Bauernschaft sich dem Kampfe für Recht und Freiheit anzuschließen beginnt. Zwar wurden in de» siebziger und achtziger Jahren verschiedene Versuche zur Gewinnung der russischen notleidenden Bauermnasse für die revolutionäre Sache gc- macht, sie scheiterten aber stets an der mangelhaften BorbereiNmg dieser Masse für den Kampf gegen die Negicnmg. Abgesehen von vereinzelten Aufständen gegen die örtliche Behörde, Aufständen, in welchen der verzweifelte Bauer den elementaren Notschrei gegen die ihn unmittelbar treffende Unterdrückung äußerte, imd welche ans die brutalste Weife unterdrückt wurden, abgesehen auch von dem Versuche einiger Abcntenrcr, das ländliche Volk im Namen des Kaisers gegen die kaiserlichen Helfershelfer aufzurütteln— abgesehen von diese» einzelnen Erichcinungcn, welche aller Organisation bar und von vornherein zum Mißlingen venirteilt ivaren, hat die ländliche'Bcvölkenmg Rußlands bisher keinen Anteil an dem Freiheitskampf gegen den Despotismus genommen. Bedenkt man mm die Bedeutung der ländlichen Bevölkerung in einem Lande wie Rußland, so erhellt die Wichtigkeit der neu- gegründeten.Brüderschaft zur Verteidigung der V o l k s r e ch t e" für die russische Revolution im allgemeinen. Vor uns liegt das Statut dieser Organisation, ans welchem zu ersehen ist, daß d i e s o c i a l i st i s ch e n Ideen auch a n f S L a n d eingedrungen sind. Als Ziel stellt sich die„Brüderschaft" den Kampf gegen die Ungesetzlichkeit und Untcrdrückmig. Ihr Programm forbctt: 1. Die AiiSnutzuiig der LtechtSmlkenittniS des Volkes zu ungesetzlichen Bedrückungen soll verhindert werden; 2. die Bauernschaft soll eine vollkommene und reine Selbstverwaltung erstreben; 3. es soll gegen die behördlichen Versuche, allmählich eine neue Art Leibeigentum einzuführen, gckämpst werden; 4. Gleichheit des Gesetzes für alle tände; 5. Niiteilnahine der Gewählten aus der Bauernschaft und der Arbeiterklasse an der Gesetzgebung; 6. Vergesellschafttmg des Grund und Bodens. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß radikale Forderungen aus d e r M i t t e der rnfsifchenVauern schuft hörbar werden. Die akute Hungersnot in den letzten Jahren, die Proletarisieruug der Banern durch die GniSbcsitzcr und die Regierung haben bewirkt, daß auch der antikollektivisiische Baucrnschädel revoltiert nnd unter den Einfluß rein socialistischer Forderungen gerät. Was längst von machen russischen Socialisten erhoff: wurde, nämlich, daß die socialdemokratische Agitation unter den städlischcn Arbeitern, welche zum großen Teil aufs Land zurückkehren, sich in das Dorf fortpflanzen wird, beginnt ich nun zu verwirklichen. Den großen Zielen der.Briiderschaft" gemäß ind ihre BcthätigungSgcbicte sehr mannigfaltig und umfassen alle Beziehungen der Banern zu der Behörde und den Gutsbesitzern. Sie hat aber ferner auch zn ihrer Aufgabe gestellt, Bildung unter der ländlichen Bevölkerung zu verbreiten. Die Organisation ist auf demokratischen Grundsätzen gegründet und hat alle ihre Geschäfte im Geheimen zu halten. Jedes Mitglied hat beim Eintritt in diese Organisation ein feierliches Versprechen abzulegen, die Geheinmiffe der Organisation zn wahren. Die Organisation ist von den„Russischen Soeialisten-Revo- luttonärcn" ins Leben gerufen. Wie bekannt, weichen letztere in manchen Punkten vom Programm der socialdemokratische» Partei Rußlands ab und ttagcn jetzt den größten Teil ihrer Thätigkeit auf die ländliche Be- völkerung über. Die msskschen Sociäldcmokratcn haben, trotz ihrer Differenzen mit den Urhebern dieser Organisation, diese höchst wichtige Erscheinung ans das lebhafteste zu begrüßen. »* # Jemlches Zicich. Unsere Koalitionöanträgc. Die„Frankfurter Zeitung" zieht sich jetzt von der all- gemeinen Verdächtigung unserer Änträge als einer maß- und ziel- losen Demonstralioii auf eine Kritik der verlangten Strafbestimmung gegen die Verhinderung der Koalitionsfreiheit durck das System der schwarzen Listen zurück. Das Blatt beruft sich für diese Kritik auf das folgende Citat ans dem„V o r iv ä r t s": „Wir machen den Untenichuicrn das Recht der„schwarzen Liften" nicht streitig, wir verlangen aber auch freie Bahn für dir Arbeiter: Warnen vor Zuzug und Streikposten ausstellen— das sind die Mittel, von denen den ausgiebigsten Gebranch zu machen, den Arbeitern erlaubt sein muß, wenn nicht das Koalitionsrecht ein leerer Schein fein soll. Selbst, wenn hierin die größte Freiheit herrscht, bleiben die Unternehmer mit ihren geheimen Verse in ungen und sonstigen Mitteln weitaus im B o r t e i l. Soviel ist zweifellos: Wer in so rigoroser Weise von seinen Kanipsrnitteln Gcvranck macht, wie unsere großindustriellcn Scharf- machcr, der hat daS Recht verwirkt, über Terrorismus sich zn entrüsten und nach Ausnahmegesetzen gegen die um Besser- stellmig ihrer Lage ringenden Arbeiter z» schreien." Wenn die„Franlfnrter Zeitung" sich in ihrer ersten Besprechung begnügt bättc, Bedenien gegen die»cne Strafbestimmung zu äußern. so iväre das ihr gutes Recht gewesen, zumal, wie man sieht, auch aus unseren Reihe» gelegentlich derartige Meinungen geäußert sind. Dieser eine Ei invalid gegen eine Forderung von sekundärer Be- dcutting aber konnte das demokratische Blatt nicht berechtige», die Anträge an sich mit jener jänunerlichen Phrase avznlhtm. Wir verstehen sehr wohl, wie man für die Einführung weiterer Ettafbrstimniungen nicht viel übrig haben kann, und gerade wir Socialdemokratc» sind keine Freunde einer Kriminalpolitik. Gleich- wohl ist der Schutz der Koalitionsfreiheit gegen brutale Gewaltakte. wie wir gestern au der Hand dcS französischen Antrages gezeigt haben, ein Problem, das eine ernsthafte Behandlung verdient und im Auslande ja auch bereits gefunden Hai. In große Verlegenheit'haben uusre Anträge die katholische »K ö lni, ch e V o lks z eitung" gebracht. Sie schreibt: „Die Scharsmacherpresse geht ohne Zweifel in der Kritik der Anträge zu weit. Anderseits gehen jedoch auch die Anträge, wie schon betont, in der Forderung schrankenloser Be- wegungsfrciheit für alle Arbeiter und Beamte über das zulässige und noch mehr über das erreichbare Maß weit hinaus. Es ist ganz verfehlt, wenn der„Vorwärts" sich dafür auf den Abgeordneten Dr. Lieber beruft, der K o a l i t i o n s- freiheit für alle Neichsangehörigen und für alle Zwecke, also genau dasselbe verlangt habe. Wenn es zu einer näheren Erörterung der An» träge kommt, wird er sehen, daß damit nicht die einfache Nieder- rcißnng aller Schranken und für alle gemeint war. Diezweite Beratung der Gciverbe-Ordnungs-Novelle ist unseres Erachtens aber nicht der Ort, um diese Frage zu entscheiden oder auch nur eingehend zu besprechen.... In einer Konnnission könnte man alle Anträge zum Koalitionsrechte eigens beraten und eine Verständigung herbeizuführen suchen. Indes wird sich der Reichstag voraussichtlich auch darauf nicht einlassen, weil die socialdemokratischen Anträge doch zu deutlich verraten, daß die Antragsteller eine bloße D e m o n st r a t i o n beabsichtigen, und weil irgend ein positives Ergebnis leider nicht zu erwarten ist." Also Herr Lieber hat das nicht„gemeint", was der unzweideutige Wortlaut seiner Sätze sonnenklar für jeden normal begabten Menschen feststellt. Was nun Herr Lieber gemeint hat, das verrät die„ K ö l n i s ch e V o l k s z e i t u» g" aus ebenso triftigen wie lustigen Gründen nicht; sie weiß nämlich noch nicht, was Herr Lieber— in der jetzigen politischen Lage— damals gemeint haben will. Das Centrnm mag sich aber darüber doch nicht täuschen, welchen Eindruck es auf die ihm noch folgenden Arbeiter machen niuß, wie ihre Führer ängstlich zurückbeben, wenn es gilt von schönen, größen Worten zu den entfprechcndcn Thaten überzugchen. Selbst die„Deutsche Tageszeitung" bekennt, daß,' was wir be- antragen, im Grunde genommen nichts als die Ausgestaltung des Lieber- Bassennannschen Standpunktes sei. Die bürgerlichen Parteien werden bald einsehen, daß es nicht geht, mit dem leeren Gerede von der„Demonstration" über unsere Anträge hinwegznhnschen. Sie entlarven die bürgerlichen Heuchler der Socialreform.—_ Tie Ruhe der Regicrnng über das Schicksal der Zuchthaus- vorläge empört die parteiamtliche„Konservative Korrespondenz": Herr Brefeld, der Handelsminister, habe am 5. Juli iin Herrenhaus« erklärt,„eS könne die Regierung selbstverständlich nur mit Be- friedignng erfüllen, wenn ebenso, wie in weiten Kreisen des Landes bereits geschehen ist. auch in diesem Hoben Hause das Eintreten der Regierung für den gesetzlichen Schutz des gelverblichen Arbeitsverhältnisses Anerkennung und Billigung finde; er betrachte es als vollkommen s e l b st v c r st ä n d I i ch, daß die Regierung an der Anffassnng auch bei der weiteren Bc- ratnng der Vorlage im Reichstage festhalten werde, die sie bisher vertreten habe". Wenn das die Ansicht der Regierung sei, meint die„Kons. Korresp.". so sei die Haltung der Regierung gegenüber dem nn« qualifizierbaren Vorgehen des Reichstages ganz unbegreiflich. Man werde es in den erwähnten„weiten Kreisen des Landes" nicht ver- stehen, daß die Regierung eine derartige Herausforderung ruhig hinzunehmen willens scheine, anstatt darauf mit einer Auf- lösung des Reichstages zu antworten. Der übennütige Hohn der„Kons. Korresp." gegen das Ministerimu erklärt sich ans dem Verhalten dieser Regiening gegenüber dem Junkertum ans Anlaß der Ablehnung der Kanal- vorlag«. Damals lag die Sache insofern noch schlnnmer, als der Kaiser kurz vor der entscheidenden Niedcrstinuming sein Wort für die Annahme des Entwurfs verpfändet hatte. Da trotzdem die Regierung— nach vielen Drohungen— nichts that, so kann sich das konservative Organ jetzt schon den bissigen Einfall erlauben, die Regierung ans die natürliche Konsequenz ihrer neuer- lichen Niederlage aufmerksam zu machen. Selbstversländlich muß die Zumutung, wegen der Zuchthaus- Vorlage den Reichstag aufzulösen, der Regierung einen noch größere» Schreck einjagen,_ als die beispiellose parlamentarische Niederlage selbst. Die Acrinste kann ja gar nicht auflösen, iveil sie ivohl ux'iß, daß einer Partei kein größerer Gefallen erwiesen werden würde als mit einer Auflösung unter der ZuchthauSparolc: der Socialdemokratie.— Die Patrioten der That im Deutschen Reiche belaufen sich immer noch auf die Zahl von einem Mann aus dem Volke.„Wir Besitzenden" wollen an der Flotte verdienen, nicht aber gar für sie etwas zahlen. Also vermag die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" über keinen zweiten Flottenstener-Beitrag zu quittieren. Das ist die reelle Marineschwärmerei in ziffernmäßiger Feststellung. Sehr schlau erklärt der„Hamb. Korresp.", nian solle erst den Marineplan ans Reichskosten, will sagen ans den Mitteln der Annen bewilligen, nnd dann aus Privatgcldcrn ein Admiralsschiff stiften. Das erumert an das Spiel, mit dem sich die Kinder belustigen, wo Hans dem Fritz einen Thalcr zu schenken verspricht, wenn Fritz ihm zuvor eine Million Thalcr gegeben.— Zuchthansvorlage von Polizei wegen. Mit dem Erkenntnis bei Kammergerichts über die polizeiliche S t r a f b a r k e i t des S t r e i k p o st e n st e h e n« sind, P o st" und„Berliner Neueste Nachrichten", d. h. Krupp und Stlnnm sehr zufrieden. Beide Blätter äußern in gleicher Logik: da die Zuchthausvorlage nicht Gesetz geworden und mithin das Streikpostenstchen nicht gesctz- lich zu einer Missethat dekretiert worden ist, sei es eben Beruf der Gerichte, auf dem Wege der Auslegung die llngcsetzlichkcit des Gesetzlichen zu Nutz und Frommen des Unternehi'nertimis zu er- möglichen, wenn auch— so wird heuchlerisch hiuziigefügt— eine solche Dehnung gesetzlicher Bcstimimmgerr„an sich" tei» wünschens- ivcrter Zustand sei. Ob wohl dieser oder jener Richter solche Zumutungen der Scharfmacher als beleidigend für die Justiz auffaßt?— linier de» deutschen Offiziere», die sich auf der Fahrt nach dem südafrikauischen Kriegsschauplatz besinde». wird auch Herr— B r ü s e w i tz genannt. Ist das derselbe B r ü s e w i tz, der seiner Zeit in Karlsruhe so schneidig die Ehre seines von plebejischer Seite angerempelten Stuhls wahrte, dann wehe den armen— Bocrcn. die im engen Lagerleben mit dem Herrn zusammenhauseil nlüsicu. Sonst werden noch bekannt als Afrikafahrer cm Herr v. R o t h- lirck. Oberst v. Brau» und Lieutenant v. Kunze, von französischer Seite Oberst d e V i l l e b o i S M a r e n i l und Lieutenant Graf v. S c g o n z a c.— Hoffentlich lernen die Herren in Süd- a rika recht tüchtig»ud mischen sich nicht in die Fiihnmg ein. Lolks- beere kämpfen nur dann mit Erfolg, wenn sie auch Lolksführer vaben, die ihr Menschcumatenal leimen und Thaten von ihm ver- langen, teiileii Drill.— Gießen, 27. November.(Eig. Ber.) Bei der heutigen Wahl ciucs Landtags-Abgcordiicten für Gießcn-Laud erhiell der auti- semitisch-iialioiialliberal-freisimiige Kandidat Leun 21 Stimmen. Für unsel-rn Kandidaken Scheidcuiaun imirden 15 Slimmen abgegeben. Unsere Genossen legen beim Landtag gegen die Gültigkeit dieser Wahl Protest ein.— Karlsruhe, 27. November. sEig. Ber.) Zwei Tage lang hat sich die Kammer mit Wa Hlaiifechtuiigs-Debattcn be- schäftigt. Drei nationaNiberale Mandate waren angefochten. Als Gründe wurden teils ungesetzliche Bezirkscintcilnng, teils grobe Wahlbeciiiflusstmgeii amtlicher Personcu angeführt. Den Nationalliberalen, die früher, als sie»och in der Mehrheit waren, eine oft geradezu skandalöse Virtuosität in Wahlanfcchtuiigen an den Tag legte», kanicu diesmal diese Aufechtuiigeii sehr ungelegen. Es sl.ht außer jedem Zweifel, daß, weun cS in den drei augefochtenen Wahlkreisen mit rechten Dingen zugegangen wäre, die Opposition im Besitze der drei Mandate wäre. Die Nationalliberalen haben nun keine andere Wahl gehabt, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen; sie haben einstimmig für die Beanstandung der drei Mandate ge- stimmt. In der heutigen Sitzung wählte die Kammer den seitherigen Präsidenten Gönner snatl.) per Acelamation wieder; ebenso den seitherigen Vicepräsidenten L a u ck, g zu zwei Mmwiteil Gcfüiignis verurteilt worden. Er hatte in einem Cafe nach Genuß eines Quantums Bier sich im Renommieren und Randalieren gefallen und soll dabei in der Erörterung der Frage, ob man das Staatsoberhaupt zu grüßen habe, einige unpassende Bemerkmigcn gemacht haben. Der sonst ganz ruhige Mann, der auch niit der Bekmiduiig des„Patriotisinus" bei passenden Gelegenheiten nicht zurück zu halten pflegte, hatte vcrsichcet. nicht zu wisson, wie er zu solchen Aeutzermigcü gekommen und sein Verteidiger hatte Beweis nach der Richtung hin angetreten, daß der Angeklagte nach dem Genuß auch geringer Quantitäten Alkohol in cinci. Zustand versetzt wird, in welche», er eine Klarheit»der seine Hniidlmigcn absolut nicht besitzt. Die Nichterhebung dieses Beweises bildete den Revisioiisgriiiid und das Reichsgericht hob das erste Urteil aus. Die gestern wiederholte Verhandlung hatte das Ergebnis, daß der Sach- verständige begutachtete, daß der Angeklagte in dem Augenblick. als er die Majcstätsbcleidigung ausstieß, nicht Herr seines Willens gewesen sei. Infolgedessen erfolgte die Freisprechung des An- geklagten. Ausland. Oestreich- Ungarn. Prag, 2S. November. In C b l u m« tz rotteten sich nach einer öffentlichen Versammlung am 26. d. M. etwa 600 Personen znsannncn, schlugen in der Wirkwarenfabrik sowie in den Wofmimgcn von Israeliten die Fenster ein und verhöhnten die Gendarmen, welche gegen die AnSschrcitendeu vorgingen. Als dann die Gen- danncrie einen Bajonettangriff machie, zerstreute sich die Menge. Frankreich. PariS, 26. November.(Eig. Ber.) Mit dem Beginne der Budgetdebatte sind die parlamentarischen Partcikäinpfe ver- tagt worden. Die alle» und die etwaigen neuen Interpellationen werden erst nach Erledigung des Budgets zur Verhandlung kommen. Es gilt ja, mit der Budgetberatung bis Endo Dezember auf- znräumen. DnS muß wenigstens das Bestreben des Parlamculs sein. Praktisch ist freilich daS System der„provisorischen Zwölftel" zu einer ständige» Erscheimmg geworden. So wurde in der verflossene» Legislatur das Budget nur ein einzige» Mal rechtzeitig, ani Schluß des Jahres, votiert. nnd das erste Jahr der gegenwärtigen Legislatur begann gleich mit fünf provisorischen Zwölfteln. Dieser vornchnilich in den stets heftigen Parteikämpfen wurzelnde Mißstand bat zur Folge nicht mir eine mehr oder minder bclrächt- lichc Erhöhung der Ausgaben. Seine schlimmste Wirkung ist die so zu sagen automatische Verhindermig aller ernstlichen Budget- refonnen. Die Sache spielt sich höchst einfach ab. Befindet sich am Ruder, wie das bisher die Regel war. ein rein bonrgeoises Ministerium, dann sind Reformen ans jeden Fall anö- geschlossen. Ein reform freundliches Ministerium aber gelangt zur Herrschaft mir in mehr oder minder getrübte» Sitnatioiien, wo es für Budgetreformen an der nötigen Zeit fehlt, da die dringenden KampfcSaufgaben alle« andere ,n den Hintergrund schieben. Dazu kommt das meist prekäre Dasein eines solchen MinisterimnS bezw. die Notwendigkeit, im Interesse der dringenden Aufgab«, nicht die gemischte republikanische Majorität durch Bndgctrcforiiiei, anseinaiidcr zu sprengen. Es werde» diese jahraus jahrein verschoben, in„Er- warimig" der Zeiten, die für die Lnfstellung eines Stcformbndgets günstig sei» werden. Leider hat dicfe„Erwartung" den kleinen Fehler, seit dem Bestehen der dritten Republik nicht in Erfülllmg gehen zu wolle». Auch das Jahr 1600 wird ein sogenanntes„Warte-Budget"(die Bezeichnung ist von jener famosen„Erwartung" abgeleitet) haben, ein Budget des Schlendrians, das sich von seine» Vorgänger» lediglich durch die abermals gesticacne Höhe der Ausgabe» umer- chcidct. Es ist daS erste Budget, dessen Ausgaben den Betrag von S'/s Milliarden Franks überschreiten. Daß aber der Finanzminister die baldige Einbringung eineS Steuerreform-EntwurfeS in Aussicht stellte, ist nur ein schwacher Trost. Dem, erfahrungsgemäß gehören Serade die Steuerreformen zu den besonders arg verschleppten tefon», entwürfen. So hat die Kamnier schon Ende 1865 eine be« scheidcne Reform der Erbschaftssteuer i», Sinne der Progression votiert. Aber die Reform bleibt bisher in einer Koimnission des Senats einfach begraben. Und was gar die Einkominenstcuer be- trifft, so hat sich auch die Kammer, trotz der zahllosen Versuche, noch nicht zum Votum einer solchen aufgerafft. Die Debatte über das Budget des Handelsministe- r i u m S bot diesmal ein besonderes Interesse wegen des socialistischen Leiters dieses Ministeriums. Die Angriffe der Melineschen Presse. insbesondere der„Röpubl. Franqaise", des Melineschen Leiborgans, ans Millerands ministerielle Thätigkeir ließen einen entsprechenden Wiederhall in der Kammer bei der Beratung erwarten. Das ist jedoch nicht eingetroffen. Das Handelsbudget wurde' in anderthalb Sitzungen erledigt, ohne daß die Ausbeuter des roten Gespenstes auch niir einen einzigxi, Redner gegen Millerand ins Feld geschickt hätten. Und das, trotz- dem Abbe Lemire, ein klerikaler Abgeordneter, der mehr oder minder aufrichtig und ganz vereinsamt in Arbeiterfreundlichkeit macht,. MillerandS Thätiakeit in einer langen Rede lobte. Offenbar haben die beiden Mißerfolge der Opposition in den allgemein-politischen Interpellationen ihre Kampfeslust gelähmt. Millerand setzte sein gesetzgeberisches Reform- Programm auseinander, nachdem er seine socialpolitischen Dekrete beleuchtet hat. Sein Ministerium arbeitet gegenwärtig an folgenden Reformentwitrfei,: Das Frauen« und Kinderschntz- Gesetz von 1862 soll dahin abgeändert werden, daß die Arbeitszeit im Interesse der wirksame» Durchführung des Gesetzes verein- h e i t l i ch t werde, und zwar zunächst auf 11 Stunden und dam, — nach einer Uebergangszeit von drei Jahren— auf 10 Stund e n für alle Arbeite rkategorien. Das nngeniigende Personal der Fabrikinspcktion soll durch Hilfsinspcktoren vermehrt werden, die beb Arbeiterklasse angehören. Außerdem wird die Eiiirichtmig der durch den Schiedsspruch im Creuzot- Streik ein- geführten Wert st ättei,- Delegierten in allen industriellen Großbetrieben gesetzlich eingeführt werden. Schließlich stimmte Mille, and dem Vorschlag drs Socialiste» Groussier und des gc- »aunten Abb« Lemire zu, betreffs Schaffung eines Arbeits- Ministeriums. Die Resolution, welche die' Regierung zur Ans- arbeitung einer bezüglichen Vorlage einladet, wurde denn auch von der Kammer mit erheblicher Mehrheit votiert. Der socialistische Abgeordnete Zevavs beantragte seinerseits eine Resolution betreffs Reorganisation der Fabrikinspektion auf Grund- läge, der Wahl der Inspektoren durch die Arbeiter. Millerand konnte aber nicht in, Rainen der Regierung dafür eintreten. Zövaös' Resolution wurde an die Arbeitslominissio» verwiesen.— PariS, 28. November. D c p utie r t e nk am», e r. Bei der fort- gesetzten Beratimg dcS Budgets des MinistcrininS des Auswärtigen verlangt der Minister des Auswärtigcu, Dclcasj«. die Wiederherstcllimg des von der Kommission gekürzten Kredits von 800 000 Fr. als Zuschuß für die srnnzösischcn Niederlaffiingell im Orient. Der Minist er weist nach, wie wichtig eS sei, das franzöfische Protektorat über die Christen in China ausrecht zu erhalten, legt die von den Missionen geleisteten Dienste dar und sagt, man müsse die Zuschüsse eher vermehren als herabsetzen.(Beifall.) Die verlangten 300 000 Francs werden hierauf durch Handanfheben bewilligt. Kvmplottprozcst. PariS, 28. November. In der heutigen Sitzung sagte der Zeuge Peretti, Mitglied der Antisemitenliga, aus, Gnsrin habe an. Abend, au welchem die Kundgebung vor der Kaserne Renilly stattfand, seiner lliizufricdcnhcit darüber Ausdruck gegeben, daß der Beriuch. die Truppen zu einem Marsch nach dem EUfföe zu veranlassen, nicht gelungen s e i. Zeuge versichert, Gnsrin habe Beziehungen zu den Rohaliste» gehabt. Gnsrin behauptet dagegen, Peretti habe 6000 Fr. erhalten, um gegen ihn auszusagen. ES wird sodaiin der Polizei-Jnipektor vernommen, welcher die Ausgänge des„Fort Chabrol" zu überwachen hatte. Derselbe sagt ans.' er sei von Gusrin beschimpft und bedroht worden. Ein Architekt berichtet, daß das„Fort Chabrol" in seinen Kellern zwei Zellen enthielt, welche bestimmt zu sein schienen. jemand anszniiehmen. Er gicbt Erläntcriiiigen hinsichtlich der von Gnsrin hergestellten Verteidigungsanlagen. Gnsrin beinerkt, die Gitterstangen der Zellen des„FortS Chabrol" feien gar nicht fest geivese» und man habe sie mit bloßen Fingern losschrauben köiiiicn.(Gelächter.) Ein hierauf als Sachver- ständiger vernommener Waffcnfabrilant sagt ans, cr� könne nicht bestimmt feststelle,!, daß der Revolver, mit dem Gnsrin auf die Polizeibenniteii schoß, scharf geladen war. Präsident Fnllisres ordnet eine neuerliche Niitcrsuchüng über diesen Punkt an. Die Sitzung wird sodann geschlossen. Italien. Rom, 28. November. In der Teputicrtcnkamnicr brachte S ch a tz in i n i st e r B o s e l l i heute das F i n a n z e x p o s s für das Rechnungsjahr 1600/01 ein. Zu Eingang desselben warf der Minister ciiir» Blick auf das Budgetjahr 1868/66, welches das günstigste der letzten 10 Jahre gewesen sei, da es mit einen» Iseberschuß von mehr als 15 Millionen abgeschlossen habe. In Bezug auf das Budgetjahr 1866/1600 begründete der Schatzmimster feine Auffassting, daß es nicht niii dem von seinem AnilSvorgmigcr veranschlagten Fehlbelrage von LI Milliönci, abschließen werde; vielmehr werde sich infolge der von, Redner geplante» Maßnahmen und unter Zugrundelegung der in den avgelanfcnei, vier ersten RechnmigSmonatcu festgestellten Mehr« eimiahlnen von 15 Millionen(gegenüber dem gleichen Zeiträume de« Vorjahres) da« Gleichgewicht ergebe». Boselli kündigte eine Rcihe Vorlagen seiiieS Ressorts an nnd schloß mit dem Hinweis ans eine Reihe wirtschaftlicher Thatsachcn, die als zweifellose Anzeichen des fortschreitenden volkswirtschaftlichen Aufschwungs in Italien aiizin'chen seien. Nachdem der Schatzmiuistcr Boselli, dcsien Rede wiederholt, von Beifall unterbrochen wurde, sein Exposs unter erneuten Beifallsrufei, beendet hat, nimmt die Kammer das Abkonimen mit der „Italienischen Haudelsgeiellschaft Bcnadir(Italienisches Somaliland)" wegen der Verwaltung der Städte und Territorien in Beuadir und dem betreffenden Huuerland an. Amerika. New Dork, 23. November. Die„Franks. Ztg." meldet: Ein Gerüchi, der Eamoavertrag fei gefährdet, ist unbegründet. Die Union erhebt lediglich gegen die Form des Abkommens Ein- sprach.— Die knbauischc Presse ist einheitlich gegen Mac Kinlcys Plan, die C i v i l v e r w a l t u n g einznsühren, ohne diese den Kubanern auzuvertranen. Die kubanische Bevölkerung befindet sich unzweifelhaft in bitterer Slimni, mg, und Unruhen sind nicht aus- geschloffen.—_ VAvlA,nvnkttVlf,szes. Die WahlprüfnngS Kommission beschloß in ihrer Sitzung vom letzten Dienstag, dem Reichstag zu empfehlen, die Wahl des Ab- geordneten Pauli(Ober-Barniin) für gültig zn erklären. Bei der Wahl waren auf Anordnung des LandtatS Saisonarbeiter(Ziegelei- Arbeiter und Schnitter) nicht in die Wählerlisten anfgenomnien worden. Der Reichstag beschloß seiner Zeit auf Antrag der Kommisfion, Erhebungen über die Zahl der auf diese Weise zu Unrecht um ihr Wahlrecht gebrachten Arbeiter. Die amtliche AiiSknnft ergab, daß ca. 160 ivahlbcrcchtigte Arbeiter nicht in der Wählerliste Auftwhme gefunden haben.' Da Pauli mit 161 Stimmen über die absolute Mehrheit gewählt worden ist, so wird durch das Ergebnis der Erhebungen das Wahlresnltat nicht erschüttert.— Die Prüfung der Wahl des Abacordnetcn Will (1. Köslin), gegen welche ein ungemein umfniiglichcr Wahlprotcst vorliegt, der die Kommission bereits in zwei Sitzuiigen beschäftigi, wurde auch heute noch nicht zu Ende geführt und durfte die Kein- Mission noch ein paar Eitzimgcn mit der Erledigung dieser Au- gelegeuhelt zubringen. RÄvkei-MÄrhviitzken. Stadtverordnetenwahlen. Aus O st e r w i e ck a. Harz wird uns berichtet: Bei der am Montag vollzogenen Stadtverordneten- Wahl der III. Wahlabteilung fielen von 215 abgegebenen Stimmen auf unsere Kandidaten 158, während die bürgerlichen Kandidaten nur 76 Stimmen erhielten. Wir haben mit' einer Majorität von 87 Stimmen wieder zwei Genossen in das Stadtparlament geschickt und somit vier socialdemokratische Vertreter der III. Wahlabteilunq. Am Mittwoch findet eine Ersatzivahl statt, bei welcher wir auch mit einem Kandidaten aufwarten werden. Wir hoffen, daff auch dieses Mandat von uns erobert wird und haben dann nur noch ein Mandat '» der III. Wahlabteilung mit einem Socialdemokraten zu besetzen. Wir werden um Aufnahme der folgenden Erklärung ersucht: In Nr. 43 der„Hilfe" befindet sich eine mein Scheiden von den Nauinannem betreffende Notiz. Ich erwidere darauf nur folgendes Thaffachliche: 1. In der mich betreffenden Notiz des„Vorwärts" in dessen Nummer 264 steht nicht, ich hätte eine hervorragende Stellung bei den Naumännern eingenommen.— I ch bin jetzt sehr glücklich daß ich mich nie in besonderer Weise öffentlich für den national- socialen U n sinn ins Zeug gelegt habe. 2. Nicht ein„paar Wochen", was auch 14 Tage sein können, sondern vier Wochen habe ich die„Hessische Landeszeitung" redigiert, worüber gegenüber den hämischen Bemerkungen der„Hilfe" nur an- geführt sei. daß kein Geringerer als Dr. Franz Mehring mir unterm 7. November schrieb, ich hätte das Blatt nach seinem Eiir drucke„recht gewandt" redigiert. 3. Nicht„Beschwer d e n" über meine Redaktion hat mir der Verleger v. Gerlach mitgeteilt, sondern die Beschwerde des— Geldgebers der„Hilfe": ich polemisierte zu viel und oft in zu starken Ausdrücken, sollte z. B. lieber„Thorheit" statt Dummheit schreiben!— 4. Nicht man hat„infolgedessen" meine Thätigkeit bei dem Blatte„,mmer mehr" eingeschränkt, sondern ich habe anfangs Sep- tcmber schriftlich erklärt, meine Zeit erlaube mir nicht, die ganze leitartikliche Behandlung des„Auswärtigen" zu übernehmen, die man mir zu übertrageii beabsichtigte.— Zeuge hierfür wie für das unter 3 Gekagte ist der nalioual- sociale Schriftsteller Herr C. K r a u ß hiersclbst. 5. Nicht nur durch das„Lesen" des„Kapitals", sondern durch das ernste Studium auch noch mehrerer anderer theoretischer wie praktischer socialistischcr Werke hat sich meine Wandlung vollzogen, nicht zum wenigsten aber auch durch die Einsicht, daß die Naumänner doch nur eine Hilfstruppe der Bourgeoisie seien. Marburg, 26. November 1899. _ Albert Meyer. GemevltMxcrftlMzes. Verlin und lluigcgcnd. Die Porzellan-, Glas- und Galantcricmalcr haben in ihrer letzten Versammlung beschlossen, den Unternehmern folgende Forde- rmig-n zu stellen: Minimallohn von 27 M.; der Lohn wird überall gefordert. An der neunstündigen Arbeitszeit ist streng fcstznhaltcn: Uebcrstundcn sind bei Lohn mit 30 Proz., Aufschlag, bei Accord mit 26 Pf. die Stunde zu vergüten. Wo irgend iniiglich, soll vcrsnckit werden, die Abschaffung der Accordarbeit herbeizuführen. Oel, Licht und Farben müssen geliefert werden. Die Preise sollen nicht mehr von den Malerei-Jnhabern, sondern in Ucbereiustimmung mit alle» Malern gemacht werden. Bei schwachem Geschäftsgang ist die Entlassung von Arbeitern möglichst zu umgehen durch gleich- mäßige Herabsetzung der Arbeitszeit. In den Arbeilsräumen ist für Waschgelegenheit zn sorgen. Die mit den Vorarbeiten betraute Kommission hatte festgestellt, daß bei halbjährlicher Berechnung Galanterie- und Glasmaler im Durchschnitt einen Wochenlohn von 36—20 M., die Porzcllaiunalcr einen solchen von 20—12,50 M. und die Malcrinncn 15—9 M. ver- dienten.— Die Forderungen sollen den Unternehmern bis zum 15. Dezember zugestellt werden. Tapezierer! Bei der Firma H e y m a n n, Prinzessinncnstr. 21, sind dadurch ernstliche Differenzen nusgebrochcil. daß der Unter- nehmer von den schon jetzt niederen Preisen noch Abzüge geniacht und den Kollegen zugemutet hat, 25 Centner Werg ohne' Entschädi» guug fünf Treppen hoch zu tragen. Da die Kollegen sich weigerten, ivurde deren Entlassung angekündigt, welche bei einigen Kollegen schon durchgeführt ist. Wir bitten die Kollegen, alles aufzubieten, uin für diese Werkstatt den Zuzug fernzuhalten, da dies eine der Werkstätten ist, die durch ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse schon seit Jahren ein Hemmschuh für die Erringuug besserer Verhältnisse Sorittlvs. Die Zahl der Dampfmaschinen in Preußen. Welche ge- waltigen Fortschritte die Auwendung der Dampfmaschinen in unserem Erwerbsleben gemacht hat. zeigt eine neue statistische Uebersicht vom Jahre 1879 bis zum Jahre 1899. Gezählt wurden Dampfmaschinen 1879 im ganzen 935 193, durchschnittlich 27 Pferdekräfte 1889„„ 1803 454,. 31. 1899.„ 3 717 264,„ 41 Auf die einzelnen Arten verteilt, ergiebt die Zusammenstellung folgendes: feststehende bewegliche Schiffs- Dampfmaschinen Dampfmaschinen Maschinen im ganzen AK. im ganzen AK im ganzen AK 1879 1889 1899 887 780 1 538 195 3 192 575 30 34 45 47 104 III 070 201305 9 9 11 50 309 154 189 323 384 81 92 146 Die Aktiengesellschaft Siemens u. lichen Abschreibungen ihren Aktionären Dividende von 10 Proz., die gleiche wie lassen. Halske wird nach reich- in diesem Jahre eine im Vorjahre, zukomme» in Berlin ist. D i e A g i t ä t i o» s- K o ui m i s s i o n. I. A.: Leo Schmidt. Achtung, Zimmerer! In dem Baugcschäft von Köppcn in Lichtenberg wird der mit den Arbeitgebern geschlossene Ver- trag nicht eingehalten. Infolgedessen wurde am Montag die Arbeit eingestellt. Die Verhandlungen führten bisher zn keinem Resultat. �ie Arbeitsstelle ist daher bis auf weiteres streng zn meiden. Die N e u n e r- K o m m i fs i o n. DcutschcS Reich. Auch ein Grund. In R a u s ch a. Regierungsbezirk Licgnitz, sollte am Sonntag eine G l a s a r b e i t e r- V e r s a m m l n n g stattfinden. Diese Versammlung wurde aber behördlicherseits verboten, weil unter den Viehbeständen der Oberförsterei Rauscha die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt sei. Da sage noch einer, den Arbeitern lverde keine Fürsorge zugewendet. Diese sehen es nur nicht ein, und so war doch eine Anzahl Glaser zu- sainmcngckoinmen und der Zivcck der Versammlung wurde dennoch erreicht. Der NkaS der Metallgewaltigcn von M.-Gladbach gegen den„christlichen Metallarbeiter-Verband" hat einen Sturm der Eni- rüstung iu dem ultramontaneu Blätterwald am Rhein hervor- gerufen. Der Vorsitzende des„christlichen Metallarbeiter-VerbandeS" Wieber aus Duisburg nebst Kaplan Müller und Sekretär Giesbert ans M.-Gladbach bestreiten ganz entschieden, anders als christlich versöhnend wirken zn wollen. Jedoch daS wird ihnen nichts nützen. Was heißt Christentum, ivenn der Profit in Frage kommt. Sehr christlich sind auch die Hauptmacher der Metalliudnstriellen, denn die drei Herren Franz Müller, Peter Meer und A. Monforts sind die Hauptschreier im Streit gegen den„christlichen Metallarbeiter- Verband", aber auch die festesten Stützen des Centrums im Wahl- kreise M.-Gladbach. Hier drängt sich also der Jutereffenstreit in die Einigkeit des Centrmns. Auf der einen Seite die Arbeiter mit der niederen Geistlichkeit, auf der anderen Seite die christlichen Großindustriellen. Wege» Vergehen gegen 8 13» der Gcwcrbe-Ordnung wurde vom Landgericht als Berufungsinstanz in Dresden der Maurer Johann August Friedrich zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt, und damit die Berufung Friedrichs ver- worfen. Das angebliche Vergehen datiert vom Dresdener Manrerstreik. Wegen Nötigung und Beleidigung war der 45 Jahre alte Maurer Z n ni p e in Dresden beim Landgericht angeklagt. Er soll einige böhmische Maurer auf einem Neubau„Jungs" und Streik- brecher genannt und ihnen mit dem an den Kopf werfen einer Flasche gedroht haben, wenn sie nicht hinausgingen. Z. wurde nur wegeil einfacher Beleidigung zu 30 M, Geldstrafe verurteilt. Der fragliche Vorgang hat sich erst nach Beendigung des Maurerstreiks abgespielt. Bemerkenswert ist, daß vom Staatsanwalt die Entlastungszeugen deshalb für unglaubwürdig hingestellt wurden, weil sie„Gesinnnn'gs- genossen" des Angeklagten seien. Ausland. Die Bälkergchilfcn i» Neuenbürg(Schiveiz) haben be- schloffen, an den Sonntagen nicht mehr zu arbeiten. Nur am Morgen soll ein Einschuß für kleine Waren geniacht werden. ivelche Arbeit aber um 9 Uhr beendigt sein muß. Das gleiche Abkommen der Bäckergehilfen mit den Meistern hat sich in Biel bestens bewährt. Vomnrnnales. Der Ausschuß der Stadtvcrordncten-Versammlung zur Vorbcratung der Magistratsvorlage über die vertragsmäßige An- »ahme von Schulärzten für 20 bis 25 Gemeindeschulcn hat sich am Montagabend in seiner dritten Sitzung über die Sache schlüssig gemacht und wird der Versammlung folgende Beschluß- fassnng vorschlagen:„Die Versammlung erklärt sich damit einver- standen, daß zunächst ein Versuch mit der vertraglichen Annahme von 20—24 Schulärzten vom 1. April 1900 ab auf vorläufig zlvei Jahre gemacht werde. Diese Schulärzte sind auf die einzelnen Schulkreise möglichst gleichmäßig zu verteilen. Die Grundsätze für die Anstellung der Schulärzte sind folgende: Für jeden Schulkreis werden bei einigen Gemeindeschulen Schulärzte ange nommen; einem Arzte sollen nicht mehr als vier Schulen übertragen werden. Dem Schularzt liegt ob: 1. die Prüfung der für den ersten Eintritt in die Schule angemeldeten Kinder auf ihre Schulfähigkeit: 2. die Prüfung der für den Nebennntcrricht vorgeschlagenen Kinder auf körperliche und physische Mängel, ins- besondere auch auf die etwaigen Fehler an den Sinnesorganen, er- forderlichcnfalls unter Mitwirkung von Specialärzten; 3. Auf Er 'lichen der Schulkommission oder des Rektors die Prüfung eines angeblich durch Krankheit am Schulbesuch verhinderten Kindes; 4. die Abgabe eines schriftlichen, von den zuständigen Organen der Schub vcrivaltung geforderten Gutachtens a) über vermutete oder beobachtete Fälle ansteckender Krankheiten oder körperlicher Bc Hinderungen von Schulkindern, b) über vermutete oder beobachtete, die Gesundheit der Lehrer oder Schüler benachteiligende Ein richtnugen des Schulhaufes und seiner Geräte; 5. der Schularzt ist verpflichtet, das Schulhaus einschließlich der Schulklasscn während oder außerhalb des Unterrichts nach vorheriger Anmeldung bei dem Rektor in angemessenen Zeiträumen zu besichtigen und die von ihm beobachteten hygienischen Mängel dem Rektor mitzuteilen: 6. die in amtlicher Eigenschaft gemachten Bcobackitnngcn darf er nur nach Genehmigung der Schnldepntation veröffentlichen; 7. die Schul ärzte werde» periodisch zu Beratungen berufen, die von einem dazu vom Vorsitzenden der Schuldeputation bestimmten Mitgliede der Schuldeputation geleitet werden: 3. der Schularzt soll iii der Nähe der Schule wohnen. Er erhält für jede Schule ein Honorar von jährlich 500 M. Die Versammlung sieht einem Berichte des Magistrats über die gemachten Erfahrungen für die Zeit vom 1. April 1900 bis 31. März 1901 seiner Zeit entgegcu." Gevichsks �Zeitung. Der schwere Baunnsall in Halcuscc, bei welchem durch eine selbst das Menschenleben mißachtende Profitwut vier Personen ihr Leben eingebüßt haben und eine Person schwer ver- ivundct wurde, beschäftigte gestern die erste Strafkammcr des Land- gcrichts II unter Vorsitz des Landgerichts- Direktors G artz. Die auf fahrlässige Tötung lind fahrlässige Körperverletzung lautende Anklage richtete sich gegen die Architekten Richard Walter und K a r l R o b e r t B e y e r. denen Justizrat Dr. S e l l o und Rechtsanwalt Bruck II als Verteidiger zur Seite standen. Am 11. Februar, nachmittags 4'/s Uhr, stürzte auf dem von den beiden Angeklagten für gemeinschaftliche Rechnung aufgeführten Neubau Ningbahnstr. 121 zu Deutsch-Wilmersdorf daS nach dem Hofe gc- lcgene, noch nicht ganz vollendete turmartige Treppenhaus ein. Der Bau Ivar von A c c o r d m a n c r n aufgeführt worden, die die Angeklagten zur höheren Ehre des Profits an Stelle der Verbands- inaurer eingestellt hatten. Fünf Personen wurden niit in die Tiefe gerissen, von denen vier, nämlich die Maurer Alb. Raby. Ad. Hirschfclder, Gust. Rudolph und auch der Vater des Angeklagten Walter, der als Polier thätig war und die eigentliche Bauausführung unter sich hatte, den Tod erlitten. Ein fünfter, der Klempner Felix Böhm, wurde noch lebend nuter den Trümmern hervorgezogen und nach dem Kranken- Hanse transportiert. Cr ist 28 Wochen völlig erwerbsunfähig gelvcsen und auch jetzt noch nur zur Hälfte arbeitsfähig. Die Rshbau-Abliahine hatte schon am 9. Januar stattgefunden, und zivnr konnte eine solche nach der alten Bauordnung auch ohne Vorhandensein der Treppen vorgenommen werden, während dicS nach der jetzt gültigen neuen Bauordnnng nicht mehr mäglich ist. Bei der Bauabnahme war nur die steinerne Umfasjungsmaner der Wendeltreppe fertig: sie ragte in Drciviertelrnndnng aits der Fläche der Hofwand heraus und reichte vom Keller bis zum Dachboden. Die Wendeltreppe war anS einer in der Milte befindlichen hohlen Spindel und aus Ccmentplatten konstruiert. Die Wandung der Spindel betrug abwechselnd Vs und 1 Mauerstein, die Ccmcnrplatten ivaren sowohl an der inneren fchmalcn, wie auch an der äußeren breiten Seite in Nuten festgelegt. Innerlich ivar die Spindel mit lose hinein- geworfenem Schutt und Mörtel angefüllt, sie war also nicht iuassiv. Die Wandung der Spindel ivar nun offenbar zn schwach, um dem Drucke' der Füllung widerstehen zu können, zumal ivährcnd des Baues der Treppe Frostwetter herrschte und der verwandte Kalkmörtel, auf dessen Ersatz durch Ccnicntmörtcl bci dein Polier vergeh- lich von einigen Arbeitern gedrungen ivar, in diesem gefrorenen Zustande nicht die genugende Bindek'raft besaß. Die Spindel hätte entweder massiv gebaut oder die Füllung hätte schichtweise abgebunden werden müssen.— Für die Folgen dieser ungeheuerlichen Pfuscharbeit macht die Anklage die beiden Angeklagten verantwortlich, die ihrerseits eine solche Verantwortlichkeit ablehnten und behaupteten, daß diese nur der verstorbene Polier Walter zu tragen ge« habt habe. Die beiden Angeklagten hatten denn auch Glück mit dieser ihrer Beweisführung zu Ungunsten des bei dem Borfall ver» nnglückten BatcrS des einen der Beschuldigten. Die beiden Bau- Sachverständigen, Gcmeinde-Baurat H e r r n r i n g und königl. Bau- rat Bohl, begutachteten überemstinimend. daß der Unfall durch den Konstruktionsfehler veranlaßt worden sei, für den dieAngeklagtcn nur dann die Verantwortung tragen müßten, wenn— was nicht erwiesen(I)— ihnen die falsche Konstruktion der Treppen- s p i n d e l bekannt gewesen wäre. Im übrigen Hütten sie die Aufführung der Treppe, bei welcher daS Kranzmauerwerk der Spindel äußerlich ganz in Ordnung zu sein schien, ruhig dem leitenden Polier überlassen könne», ohne eine Fahrlässigkeit zu be- gehen. Infolge dieses Gutachtens beantragte Staatsauwalt Keßler selbst die Freisprechung, auf Ivelche der Gerichtshof auch erkannte. Das„verbotene Kaiscrhoch" spielte gestern vor der Straf- kammcr in Halle eine Rolle. Es handelte sich um eine Bc- leidigungsklage des Magistrats gegen den Redactcur O st e r m a n n von der„Hallcschcn Zeitung". DaS Vergehen soll in einem Artikel liegen, der sich mit dem bekannten Polizci'verbot gegen die biSmarck- ichwärmenden Studenten befaßte, auf öffentlichem Marktplatz den Kaiser hochleben zu lassen. In der Verhandlung erklärte der als Zeuge geladene Bürgenneister, daß das Verbot lediglich von der' Polizei ausgegangen sei. Ein Student bekundete, der Polizei-Jnspcktor habe ihm am 20. Juni d. I. bedeutet, es müßten Kaiscrhoch und Bismarckrede unterbleiben, denn es würde das ganz sicher zu s o ci a l d ein o kra ti s ch e n Ausschreitungen führen, da die Socialdemokraten jetzt durch die Zuchthansvorlage im Reichstage und den Manrerstreik in Halle sehr erregt seien. Der Oberpolizci-Jnspektor bat hierbei den Zeugen, man niöge über diese Begründung des Verbots doch nichts in die Oeffentlichkeit bringen, denn wenn das socialdemokratische„Volksblatt" davon etwas erführe, so würde ein furchtbarer Aufruhr in den Zeitungen entstehen. Der Redacteur wurde zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt, weil einmal der Artikel in der Form über das erlaubte Maß hinaus- gehe, andererseits sich die Beschuldigungen an die falsche Adresse, nicht an die Polizeiverwaltung, sondern an den Magistrat als solchen richten. Man muß sich in Hallenser Polizeikreifen über die Social- demokratie eigentümliche Vorstellungen machen. Im Angöbnrger Krawallprozcß wurde auch vorgestern e!i> geradezu erdrückendes Belastungsmaterial nicht gegen die An- geklagten, sondern gegen die Polizei zusammengehäuft. Wir geben ans vielen folgende Episoden wieder: Ter 45jährige Gastwirt Erhard Äunlein, der wegen Verbrechens des Aufruhrs und Landfriedens- b r u�ch s vor das Schivurgericht verwiesen ist, wird aus der Untersuchungshaft vorgeführt und unbeeidigt vernommen. Er deponiert folgendes: Am 19. Juli abends waren in meinem Garten etwas mehr Gäste als sonst anwesend, vielleicht 100 Mann. Es gab daher im Geschäft viel zu thun. Ich sah, wie die Angeklagle Afra Sin ger am taun außen von einem Schutzmann geschlagen wurde. Auf ihr cschrei kamen noch mehrere Schutzleute herbei, die ordentlich aur sie einschlugen. Ich habe dann geschimpft und gesagt, es sei nicke recht, daß man das Frauenzimmer so schlägt. Ich kann mich noch dunkel erinnern. daß ich mich dabei einer Bedrohung der Schutzleute schuldig machte. Es ist möglich, daß im gesagt habe:„Nun, wenn es mir einer so machte, dem würde ich das Messer in den Ranzen rennen." Mir ist die Sache in den Kopf gestiegen und ich ivar in großer Ans- regung, denn die Geschlagene hat so jämmerlich geschrien, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Ich habe dann auch gesehen, ivic die Schutzleute in den Garten hereinstürmten und auf ruhig dasitzende Gäste mit den Säbeln einHieben. Ich habe mich natür- lich auch darüber aufgehalten. Davon, idaß aus dem Hofe Steine geworfen wurden, habe ich nichts gesehen, sonst hätte ich die Leute zurechtgewiesen. Rechtsanwalt Bernstein: Sind Sie Socialdemokrat? Zeuge: Nein, ich gehöre der liberalen Partei an. Der Bäckermeister B u ch e r hat am 19. Juli mit angesehen, wie zwei Leute, die eigentlich gar nichts gethan hatten, verhaftet wurden. Sie wurden von den Schutzleuten gepackt und dann auf dem Boden fortgeschleift wie Mehlsäcke. Die Schutzleute haben mit den Säbeln herumgefuchtelt, die einen mehr in drohender Weise, die anderen haben ivirklich eingehauen. Bei dem Sturm ist die Polizei unter Hurraschrcien vorgegangen. Staatsanwalt: Den Zeugen könnte man ebenso gut an« klagen wegen Aufruhrs wie viele andere. Rechtsanwalt B ernstein: Der Zeuge hat hier ganz unge- heucrliche Dinge bekundet. Entweder man glaubt diesem Zeugen, oder man klagt ihn ivegen Meineids an. Der Eid eines Bürgers gilt ebenso viel wie der Eid eines Schutzmanns. Der Krieg. Britische Besorgnisse. Die„Kölnische Zeitung" erhält einen Bericht aus K a p st a d t. worin versichert wird, daß die Dinge für England äußerst ernst geworden sind. Die Boercn hätten durch ihre mit großem Geschick geführte Offensive sich strategische Vorteile gesichert, die nur mit Aufbietung derartiger Kräfte wieder weit zn machen seien, die weit über Englands Voranschläge hinaus- gehen: Ein Vordringen von Natal sei vollständig ausgeschlossen und ein Vormarsch durch den Oranjefreistaat werde täglich durch die Zer- störung der Eisenbahnverbindung schwieriger. Die Zuversicht auf eine baldige erfolgreiche Beendigung des Krieges habe einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz gemacht. Kom Kriegsschauplatz liegen heut so gut wie keine Nachrichten vor. Jedenfalls find die Erfolge bei Estcourt wie südlich von Kimberley keineswegs so loci: her, wie die letzten englischen Siegesfanfnren verkündeten. Eine Depesche des Generals Buller ans Pietermaritz- bürg vom Dienstag besagt: Nachrichten aus Ladysmith vom 24. d. M. zufolge befindet sich dort alles wohl. Die von Bnller gemeldete Verlustliste von der unter Lord Mcthuen ge- schlagenen Schlacht bei G r ass p a n, welche amtlich die Schlacht bei E n s l i n genannt wird, beziffert die Verluste, einschließlich der bereits gemeldeten der Marine-Brigade, auf insgesamt 198 Mann. Tie Liste enthält mich die Verluste der 9. Lancicrs, wodurch an- scheinend die Besorgnis, daß die Kavallerie umzingelt und in Gefangenschaft geraten sein könnte, beseitigt wird. Das australische Hilfscorps. London, 28. November. Die Blätter besprechen die gchcimniS- volle Rückfahrt der australischen Truppcnabteilung von Südwalc», ivelche, kaum iu Kapstadt eingetroffen, die Rückfahrt nach Australien antrat, ohne vorher zu landen. Die Blätter fordern hierüber Auf- klärnng. Die offizielle Mitteilung der britischen Regicrimg an die übrigen Regienmgen Lbch: das Bestehen des' Kriegszustandes ist erst jetzt erfolgt. Der Pariser„Matin" knüpft daran die Bemerkung, daß Eng- land damit die vollständige Unabhängigkeit beider Republiken anerke n n e. Ein anderer Punkt bedürfe jedoch der Aufklärung. Es scheine nämlich, daß England, indem es den Beginn des Kriegszustandes im Wider- spr'nch zum Rimdschrciben Lord Salisbnrys bis auf den 11. Oktober zurückdatiere, die gegen daS französische Schiff„Cordoba" gctrosscucn Maßnahmen rechtfertigen wolle. Eine solche Auffassuug sei durchaus unzulässig, da in dem Augenblick, wo sich der Zivischenfall ereignete, das Rnndschreiben Lord Salisbnrys in Geltung gewesen sei. Die„Times" führen dagegen aus, daß die Erklärung keine An» erkcnnnng der Ansprüche der Boercn auf Unabhängigkeit in sich schließe. Es sei von Vorteil für die Kriegführenden wie für die Rcutralcn. daß. wo der Kriegszustand bestehe, selbst zwischen einer Regierung und Insurgenten die Aucrkeimuug der Regeln der Kricgssührung erfolge.__ Uetzkv NÄchvichken und Depefttzen. Kiel, 28. November.(W. T. B.) Vom hiesigen KrcisphtzsiknS wurden, wie die„Kieler Zeitung" mitteilt, zwei Fälle von schwarze» Blattern festgestellt, der erste Fall bei einem russischen Matrosen. der zweite Fall bei einem wahrscheinlich von diesem infizierten Kinde. Alle sanitären Vorsichtsiu«ßregeln sind getroffen, ein Teil der Marine- inannschaften sind einer Nachimpfung nnterzogeii worden. New Dork, 28. November.(W. T. V.) Einem Telegramm aus Caracas zufolge brach General Castro gestern nach Valencia aus, um General Hcrnandez anzugreifen. Letzterer sprengte eine Giscn- bahii-Brnckc mit Dynamit, um den Vormarsch des Generals Castro, der 4500 Mann mit sich führt, aufzuhalten. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin, Für den Juseratcuteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 2 Beilagen und Ilnterhaltungsblatt. Nr. 279. 16. Inlirpg. 1. Irilop Ks Jwärts" Intet WlksdlM. Milwoch. 29.Dsvtmdn 1899. Veichskag. III. Sitzung vom 28. November 1899, 1 Nh r. Am Tische des Bundesrats: Graf Posadowsky. Die zweite Beratung der Novelle zur Gcwerbc-Ordnnng wird fortgesetzt bei Artikel 7a. Nach Artikel 7a kann das Kraukendersichermigs- Gesetz auf die Heimarbeiter durch Beschlns; des Bundesrats ausgedehnt werden. Die Anordnung kann auch für bestimmte Gewerbszwcige und für örtliche Bezirke erfolgen. In Fällen, in welche» die Be- schäftigung von Hausgewerbetreibenden durch Zivischcnpersonen ver- mittelt wird, haben die Auftraggeber dieser Zwischcnpersonen die Beiträge und Eintrittsgelder für die Hansgelvcrbetreibenden, deren Gesellen und Lehrlinge einzuzahlen und die Bei träge zu einem Drittel aus eigenen Mitteln zu ent- richten. Ten die Arbeit vergebenden Gxiuerbetreibeirden steht das Recht zu, zwei Drittel der von ihnen entrichteten Beiträge von den. Hausgewerbetreibenden bczlv. den Zivischcnpersonen einzutreiben; letztere sind ihrerseits wieder befugt, diesen Betrag von den Haus- gciverbetreibenden einzuziehen. Abg. Frhr. Hey! zu Herrnsheim snatl.) Die Kommission hat sich durch die Gründe der Negicrung nicht davon überzeugen können, daß jetzt der richtige Zeitpunkt für den Erlasi solcher Vestiinmmigen noch nicht gekommen sei. Die Haltung der Regierung in dieser Frage ist eine sehr verschiedene gewesen. In den Jahren 1895 und 1897 hat sie sich durchaus mit der hier verlangten Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Heimarbeiter einverstanden crkläri. Auch jetzt hat ja schon die Ortsbehörde das Recht, diese Ausdehnung in einzelnen Fällen vorzunehmen. Heute aber scheut sich die Re- gierung, dies Recht für sich in Anspruch zu nehmen. Für die Heim- arbcitcr ist aber die Krankenversicherung ganz besonders nötig. Die Einnahmen der Fabrikarbeiter haben'sich in den letzten 2S Jahren um 54 Proz. gesteigert, allerdings ist die Wohnuugsmicte um 10 Pro�. gestiegen. Das beweist auch wieder die vollständige Un- richtigkeit der VerelendungSIbcorie, wie ja auch der Genosse David in den.Socialistiichen Monatsheften" erst kürzlich von dem Elend der Vcrelciidimgötheorie gesprochen. Also diese � Theorie hat_ die Socialdcmokratie ebenso aufgegeben ivie die Notwendigkeit der Abschaffung der Ehe, ivas ja gestern zugegeben wurde. Dieser Lage der Fabrikarbeiter gegenüber sind aber bekanntlich die Heimarbeiter besonders schlecht gestellt. Daher müssen wir auf der Ausdehnung der Krankenversicherung auf diese Arbeiter bestehen. Die Negierung kann ja dann das neue Krankcnvcrsichernngs- Gesetz so bald einbringen, daß der Bundesrat nicht Gelegenheit findet, diese seine Bollmacht zu benutzen. Staatssekretär Graf Posadowsky: Auch wir wünschen die Lage der Heimarbeiter zu heben. Die Gründe für die Regierung, jetzt' nicht die Allsdehnnng vorzunehmen. liegen nicht auf rechtlichem Gebiet, sondern sind staatsrechtlicher Art. Es ist nicht angängig, bei Gelegenheit der Gelvcrbeordnungs- Novelle diese Aenderung des Krankenversichcruiigs-Gesetzes vorzu- uchmcn. Bei der Novelle zum Krankcnversichcrrmgs-Gesetz, das Ihnen in allernächster Zeit zugehen wird, können' alle die ein- schlägigen Fragen in organischer Weise geregelt werden. Bor allem wird es nötig sein, wen» man den Heimarbeitern eine neue Last mit dieser Versicherung auferlegt, vorher die Verteilung der Beitrags- last in der Weise zu modifizieren, dast Arbeiter und Unternehmer gleichmäßig belastet sind, und nicht wie jetzt die Arbeiter zwei Drittel der Beiträge anfznbringcn haben.— Ich hoffe also, daß das HauS sich den staatsrechtlichen Bedenken der Rcgiernng nicht verschließen wird und schlage Ihnen folgenden Ausweg vor, durch den Sic Ihre Absicht ebenso erreiche».' Bringen Sie diese hier verlangten Bcstimmuiigeir als Initiativantrag ein und nehmen Sie darin die Bcdilignng auf, daß die vorgeschlagenen gesetzliche« Bestimmniigcn zugleich mit der Ge- werbc-Ordnungs-Novelle in Kraft treten niüsscii. Gegen ein solches Vorgehen würden keine staatsrechtlichen Bedenken voriiegeit. Abg. Einger sSoc.): Meine politischen Freunde köimen den staatsrechtlichen Bedenken ocS Herrn Staatssekretärs keinen so großen Wert beilegen, um seinein Vorschlage folgen zu können. Der Reichstag würde auch damit die Macht aus� der Hand geben, die Frage so schnell zu regeln, wie er es �wünscht. Nach den Erfahrungen, die wir mit _______________ Regierungen........ solchen Initiativantrag des Reichstages ihre Zustimnnlng erteilen werden.— Herr v. Hehl hat es heute wieder für nötig gehalten, sich die Gründe derer anzueignen, die da glauben, daß oke Social- demokratie ihren alten Boden, auf dem sie' zunr Siege fortgeschritten ish verlassen hat. Wir haben ja bereits am gestrigen Tage bewiesen, daß wir bereit sind, bei solchen Debatten unseren Mann zu stellen; ob solche Erörterungen indes für die Gestaltung der hier zur Be- ratung stehenden Dinge sehr vorteilhaft sind, mochte ich bezweifeln. Ich will nur das Eine sagen: Wenn Herr v. Hehl meint, die marxistischen Theorien seien zusammengebrochen, so beweist das nur. daß er sie nicht kennt. sSehr ivahrl bei den Socialdemokraten.) Würde er sie kennen, dann würde er aus der Gestaltung der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung ans der elenden Lage der Arbeiterklasse einsehe» gelernt haben, daß die Marxsche Lehre durchaus richtig ist. Die Behauptung, daß die Socialdeinokralic die Marxschcn Lehren nicht mehr anerkenne, wird Herr Hehl schwerlich beweisen können. Gerade der Hannoversche Parteitag hat durch einen einstimmig gefaßten Beschlutz erklärt, daß keine Beranlassung für die Partei vorliegt, von ihren Principie» und ihrer Taktik abzukommen. Pochen Sie doch nicht immer gar zu sehr auf die nach Ihrer Meinung divergierenden Elemente innerhalb der Socialdeinokratie, denn gerade diese betreffenden Parteigenossen haben auf dem Parteitage sich mit zornigem Eifer dagegen verwahrt, daß sie die Principicn und die bewährte Taktik der Partei aufgeben wollten. Es, nacht einen eigentümliche» Eindruck, daß gerade die freisinnigen Parteien immer wieder auf diese MeinungS- Verschiedenheiten innerhalb der Socialdeinokratie zu spreche« konnnen. Wenn Sie die Rechtfertigung Ihrer Auffassung über uns nur aus diesen gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten herleiten, dann brauchen Sic nicht allzu stolz ans Ihren Erfolg zu sein. Die Partei« genossen, die es für ihr gutes Recht halten, ihre abweichenden Ansichten zum Ausdruck zu bringen, werden, wenn der Moment cS erfordern sollte, stets mit aller Energie und geschlossen gegen den ge- mcinsamen Feind mit uns ankänipfcn. Also alle Ihre Behauptungen von einer Spaltung der Partei tragen höchstens zur Belebung der Verhandlungen und zu unserer großen Erheiterung bei, werden aber einen praktischen Erfolg nicht haben.— Was den vorliegenden Paragraphen anlangt, so kann ich.mich in dieser Beziehung mit den Ausführungen des Herni Heyl voll- kommen einverstanden erklären. Wir haben uns immer dagegen er- klärt, in die Hände der Kommunen die Entscheidung zu legen, wenn es sich um einen Gegensatz der Interessen der Arbeitgeber und Ar- bester handelt, denn infolge des elendesten aller Wahlsysteme bilden die kommunalen Körperschaften nur die einseitige Vertretung der Unternehmer. Auch hier in unserer Kommune ist es uns nicht möglich gelvcsen, die Ansdchnnng der Krankenversicherung auf die Heim- arbeiter durch Ortsstatnt auszudehnen, der Magistrat war dafür nicht zu haben. In anderen Kommunen>vird es jedenfalls nicht anders fein, denn es komint eben niemals vor, daß die Unternehmer sich von selbst nette Lasten auferlegen. Am tzleisten wäre es nnS demnach er- wünscht, wenn die AuSdehmmg der Krankenversichcrimg auf die Heimarbeiter gleich gesetzlich festgelegt würde. Zum wenigsten werden wir also für die Vorlage der Kommission stimmen. Der Herr Staats- sekretär hat die Frage angeregt, wie die Lasten der Versicherung zu verteilen sind. Dic'Komnüssiousfassung gestattet den Unternehmern die Beiträge, nachdem sie dieselben zuerst entrichtet haben, später von den Zwisch'cnnieistern wieder einzuziehen, die ihrerseits die Beiträge von ihren Arbeitern einzuziehen haben. Ich glaube nicht, daß es berechtigt ist, diese Zwischenmeister als selbständige Arbeitgeber an- zuerkennen. Die Berechtigung des Systems der Zwischcnmeister nmß ich durchaus zugeben. Es ist für gewisse Betriebe, z. B. in der Konfektion, nicht möglich, den Fabnkbetrieb einzuführen. Da aber danach das System' der Zwischcnmeistcr im eigentlichen Interesse der Kapitalisten liegt, so kann man von diesen auch verlangen, daß sie dieselben Lasten' auf sich nehnien, die alle übrigen Fabrikanten zu tragen haben. Aus allen diesen Gründen werden wir also für die Kommissionsbeschlüffe stimmen, in der Erwartung, daß die Materie möglichst bald gesetzlich endgültig geregelt wird.(Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. v. Levetzow(k.): Materiell sind meine politischen Freunde durchaus für diesen Artikel, sind aber nicht in der Lage, für Aufnahme dieser Be- stinmnmgen in die Gewerbe-Ordnung zu stimmen. Wir können nicht ganz verschiedeiiartige Materien in einem Gesetz verquicken. Gerade in der socialen Gesetzgebung aber muß für möglichste Uebersichtlich- keit der Bestimmungen gesorgt werden. Der Weg, den der Herr- Staatssekretär vorgeschlagen hat, ist für uns der allein gangbare. (Bravo I rechts.) Abg. Frhr. Hryl zu HerniSheim(natl.): Nach den Ausführungen deS Herrn Staatssekretärs sind meine politischen Freunde bereit, den Weg, den er uns vorgeschrieben hat, zu gehen, da wir das Vertrauen zu den verbündeten Regierungen haben, daß unser Initiativantrag dann auch zur Annahme gelangt. Dem Herrn Abg. Singer möchte ich erwidern, daß die Befchäfti- gung mit de» socialistischen Theorien für uns doch nur einen be- scheidcnen Unterhaltungsstoff bildet, wissenschaftliche Bedeutung können diese Theorien nicht beanspruchen. Welche Stellung die Partei zu den Lehren von Marx hat. ist uns völlig gleichgültig, das Entscheidende ist. was das praktische Leben darüber urteilt, und nach den praktischen Erfahrungen steht eS fest nnd ist auch in der socialistischen Litteratur zugegeben(Rrife bei den Socialdemokraten: Ivo denn?). daß die Wisienschaft des Marxismus zusammengebrochen ist. Der Marxismus ist außerordentlich leicht verständlich, soweit er klar ist, und soweit er unklar ist, befassen sich vernünftige Leute über- Haupt uicht mit ihm.(Lachen bei den Socialdemokraten.) Das Wertgesetz hat Engels aufgegeben.(Widerspruch bei den Social- demokratcn.) Das eherne Lohngesctz hat Lassalle selbst fallen ge- lassen.(Widerspruch bei den Socialdemokraten.) Die sogenannte Berclendiingstheorie ist durch die Statistik über die Löhne der Jndustrie-Arbeiter als ganz falsch nachgewiesen. Das sogenannre immanente Gesetz, welches nach Marx der kapitalistischen Produktions- weise anhaftet, bezieht sich auf die Konzentrationstheorie und ans die Krisentheorie. Die Praxis hat aber erwiesen, daß der Groß- betrieb durchaus nicht den Kleinbetrieb aussaugt, sondern daß besonders in der Landwirtschaft sich der Kleinbetrieb sogar als rentabler erweist. Die Krisen find auch nicht eingetreten. vielmehr haben sich durch die Entwicklung des Weltverkehrs so viel neue Absatzgebiete eröffnet, daß von Krisen keine Rede mehr sein kann. Affo die Urteile der Gelehrten der Socialdemokrafte gehen uns nichts an. Die Erfahrung entscheidet aber so, daß von dein ganzen marxistischen Lehrgebäude nichts mehr übrig geblieben ist. (Lachen links.) Abg. Dr. Hitze(C.): Herr Singer hat behauptet, daß heute noch alle Socialdemokraten auf dem marxistischen Standpunkt stehen. Die Anschauungen inner- halb der Partei, z. B. zwischen Herrn Bebel und Herrn Schippe! sind doch aber soweit auseinandergehend, daß oft kaum noch Anknüp/unaspunkte vorhanden sind. Wenn Herr Singer meinte, daß auch die Parteigenossen, welche abweichende Ansichten vertreten, sich mit zornigem Eifer dagegen wenden, daß sie nicht mehr auf dem Boden deS socialdemokratischen Programms stehen, so bemerke ich nur. daß Herr Bebel in Hannover sich mit zornigem Eifer dagegen gewandt hat. daß Herr Bernstein seiner Resolution zustimmen könne. In Bezug auf den vorliegenden Paragraphen erübrigt sich wohl nach der Erklärung des Herrn Staats- sekretärs jede weitere Debatte. Auch wir sind bereit, ihm auf dem vorgeschlagenen Wege zu folgen. Präsident Graf v. Ballcstrem: Auf der Tagesordnung steht die Beratung der Novelle zur Geivcrbe-Ordnnnä(Heiterkeit) und ich möchte die Herren doch bitten. nicht weiter a»f Sachen zu kommen, die mit der Tagesordnung nur in sehr losem Zusammenhange stehen. Wir kommen auf diese Weise mit der Beratung nicht zu Ende.(Bravo> rechts.) Abg. Rüsicke-Dessau(wildlib.) hält es angesichts des Einverständnisses aller Parteien über den materiellen Inhalt des Artikel 7» für unbedenklich, in zweiter Lesung denselben auch innerhalb der Novelle zur Gewerbe-Ordnung anzu- nehmen. Bis zur dritten Lesung könne dann ein Ausweg gesucht werden. Abg. Frhr.». Stumm(Rp.) bittet, dieser Anregung des Vorredners, die Entscheidung dem Zufall zu überlassen, nicht zu folgen. Abg. Singer(Soc.): Ich erwarte vom Gerechtigkeitsgefühl des Herrn Präsidenten, daß ich noch einige Bemerkungen gegen die Herren v. Heyl und Hitze machen darf. Präsident Graf v. Ballestrcm» Herr Abg. Singer, ich kann Sie natürlich nicht hindern, auf daS, was die Vorredner gesagt haben, einzugchen, aber ich gebe Ihnen doch zu bedenken, daß durch Ihre Erwiderungen leicht neue Erwide- rungen gezeitigt ivcrden und wir dadurch immer mehr vom eigent- lichen Beratungsfelde abrücken.. Abg. Singer(Soc.): Ich werde mich ganz kurz fassen und lebe der Hoffnung, daß meine Erwideruna so schlagend sein wird, daß eine neue Gegen- rede ausbleibt.(Große Heiterkeit.) Herrn Hitze möchte ich erwidern, daß ich es von seinem Standpunkt durchaus verstehe, wenn er es nicht begreifen kann, daß bei»ns leine Dogmenstarrhcit in der Partei existiert. Herr v. Hehl sagte, daß die Socialdcmokratie weder gesellschaftlich noch wissenschaftlich ihm Anlaß zur Diskussion gäbe. Was daS Gesellschaftliche anlangt, so beruht das auf Gegen- �eitigkeit zwischen uns, ivas die Wiffenschaftlichkeit betrifft, so überlasse ich es der öffentlichen Meinung, zu beurteilen, wer mehr Wiffenschaftlichkeit in Anspruch nehmen kann: Karl Marx oder Herr b. Heyl.(Heiterkeit.) Herr v. Hehl hat hier behauptet, Laffalle habe das ehenie Lohngesctz anfgegebe», Engels die Werttheorie, auch die Theorie von der iinmanenten Entwicklung sei aufgegeben. Das ist so viel Unsinn, daß ich Stunden gebrauchen würde, um bei Herrn v. Hehl das Verständnis ftir diese Dinge herbeizuführen. Ja, es bestehen bei mir geivisse Zweifel, ob es mir selbst dann gelingen würde.(Heiterkeit.) Ich will deshalb darauf lieber verzichten.(Abg. v. Heyl: Das war schlagend I Große Heiterkeit.) Hiermit schließt die Diskussion. Artikel 7» wird gegen die Stinimen der Socialdemokraten a b- gelehnt. Artikel 7 b bestimmt, den letzten Absatz deS 8 188» der Gewerbe- Ordnung folgendermaßen zu fassen: Die untere Verwaltungsbehörde kann die Beschäftigung von Ar- beiterimten über 16 Jahre, welche kein Hauswesen zu besorgen haben und eine Fortbildungsschule nicht besuchen, bei den Arbeiten, die not- wendig sind znr Reinigung und Instandhaltung des Betriebes und zur Ver- hütung des Verderbens vonRohstoffcn anSomiabenden und Vorabenden von Festtagen nachmittvgs nach 5Ve Uhr, jedoch nicht über 8'/s Uhr abends hinaus gestatten.' Die Erlaubnis ist schriftlich zu erteilen nnd vom Arbeitgeber zu verwahren. Eine Abschrift derselben ist an einer den Arbeiterinnen zugänglichen Stelle auszuhängen. Abg. Kirscharten, ob die Beteiligten nicht selbst zu eiirer vernünftigen Sitte des Ladenschlusses gelangen, unterstützt durch die Fo'rder»l»gcn, die die Handlungsgehilfe» selber stellen.(Sehr richtig! links.) Schon herite ist die Miniinalruhezeit von elf Stunden in vielen Geschäften längst überholt. Das zeigt die Statistik; sie crgiebt aber auch, daß die größte Uebcrbürdung des Personals nicht in Groß- städtcn, souderi» in den kleine»» und Mittelstädten anzutreffen ist. Sehr verschieden liegen aber die Dinge auch bei den einzelnen Geschäften. Es giebt' in den kleinen Städtcn Geschäfte,»vo an den Markttagen die Gehilfen von» frühen Morgen bis zun» späten Abend ununterbrochen zu thun haben ui»d nicht lvissei», »velchen Kunden sie zuerst bedienen sollen. Dam» aber giebt es»vicder in der Großstadt sehr elegante Geschäfte, wo man iiie einen Kunden hinein- oder hinausgehen sieht und wo man sich iinincr nur fragen kann:„Ja, wovon existieren diese Geschäfte dem» eigentlich?" Sie handeln mit Spccialitäten, mit Kunstgcgcnständcn, und da ist die Arbeitszeit der Angestellten natürlich unendlich weniger bedeutend. Bei diesem ersten Angriff eines neuen socialpolitischen Gebiets erscheint es mir geböte»'», die Rnhezeit vor- läufig auf zehn Stunden zu beschränken. Die Kommission macht nun einen Unterschied zlvischen Städten von über und unter 20 000 Einlvohneri» und Geschäften, die mehrere Gehilfen oder nur einen beschäftigten. Ich glaube aber nicht, daß die Lage der einzelnen Geschäfte nach der Größe des Ortes beurteilt»Verden kann. Es kommt vielmehr auf den Geschäftsbetrieb und die Art der Waren an. In einen» Geschäft, daS mit Stoffen und Kleidern handelt, herrscht doch ein viel geringerer Verkehr als in einem Kolonialwareir-Geschäft. Noch ein anderes Bedenken komnrt hinzu. Bei einer solchen Teilung der Geschäfte»vürdcn alle Arbeitskräfte suchen, in Gc- schäften mit elfstündiger Ruhepause»md mehreren Gehilfen unter- zukoinniei». Notorisch fällt es aber dem kleinen Prinzipal an» kleinen Orte schiver, das nötige Personal zu bekomme»».(Sehr richtig! rechts,) Alles drängt nach der Großstadt. Die kleinen Geschäfte leideii hart unter der Konkurrenz der Warenhäuser. Die Schlvierigkeiten der Existenz für den kleinen Geschäftsmann würden durch eine solche Bestiiilniimg, die Geschäfte erster und zweiter Klasse schafft, noch»vcscntlich erschwert»verde».(Sehr richtig! rechts.) Des- halb bitte ich Sie, den Absatz 2 nicht anzunehmen. Die Herren Socialdcniokraten beantragen eine ISstüudige Ruhezeit»»»d eine Sstüudige Mittagspause. Wer so viel Zeit zur Verfügung hat, um 12 Stunde»» Nachtzeit und 2 Stlmdcn »ir Mittagbrot und Mittagschlaf zu haben, der führt ja fast eine Rentiercxistcnz!(Lachen bei den Socialdcniokraten. Sehr richtig! rechts.) ES ist aber immer so. meine Herren! Wir schieben den Kultnrlvngen nrif der harten Bahn des praktische»» Lebens mühsam vorlvärts, bei den Herren da drüben aber»vird ei» Paragraph erdacht. gcniacht. eingebracht. gedruckt, verteilt...(Ruf bei den Socialdemokraten: Und abgelehnt! Große Heiterkeit) und »vir alle sind überflügelt. Die Herren Socialdeinokraten fühlen sich als Nictzschcsche Kräftnienschcn.(Lachen bei den Socialdcinokratc».) Sic erheben die»veilgehendstei» Ansprüche und erzeugen, lvenn sie abgclehirt»verde»», bei der großen Masse das Gefühl, daß die Rc- giernng und die andern Parrcicn cntivcdcr viel zu»venig Ver- ständnis oder zu»venig Herz für die socialen Leiden haben, und daß die Socialdcmokratie die einzige Partei ist, die 'ocinlcu Schäden energisch»nid gründlich zu heilen.(Sehr richtig! bei dc>» Socialdemokrätcn.) Wie viel hierbei belvnßte Tendenz ist. »vciß ich nicht, diesen Eindruck nach außen»nachcn solche Anträge jedenfalls. Ihre Durchführung ist ganz»minöglich und»viirde an der allerheftigsten praktischen Opposition bei allen Laden- inhabern scheitern'. Begnüge»»vir uns mit der Einführung der einstündigen Mittagspause. Daß in einzelnen Ladengeschäften höchst»»»»sittliche Verträge von» Prmzipal mit den Gehilfen ab- geschlossen»verde», die' von grausamer Gelviimsncht diktiert sind, gebe ich zu. Ich meine solche Verträge, wie sie Herr Rosciroiv ver- lesen hat, und»vill annchincir, daß sie authentisch sind. Das darf uns aber nicht verführen, zu»vcir zu gehen. Politisch und taktisch klug ist es, erst einen solche»» Vcrsilch zu machen, daß die Gewerbe- treibenden»villig und loyal die Hand zur Ansführnng bieten. Hat sich die Neforn» erst eingelebt, dann ist es ja keineSivegs aus- geschlossen, daß»vir»veitcr gehen. Was die Anfrage des Herrn Abg. Bnssermam» betrifft, so bin ich der Ansicht, daß der 8 tZSk des HaildrlsgcsctzbuchS dem Bundesrat die Handhabe bietet, nicht nur die Forderung zu er- heben, daß den Angestellten innerhalb der Läden angeniesseile Sitzgelegenheit gewährt'»vird, sondern überhaupt darauf zu dringen, daß in Läden, Vorratsräumcn und sonstigen anstoßenden Räunie» von den Priiicipalen die Eriirichtungen getroffen werden, die im Jntcreffe der Gesundheit und Sittlichkeit der Angestellte»» erforderlich sind. (Bravo! rechts.) Abg. Pauli(ivildk.): Die Regiernngsvorlage trifft das richtige,»venn sie mit ei», er Miiidcstrnhe' von zehn Stimdcn zunächst einmal den Anfang machen »vill. Ebenso bin ich für Streichung des Absatzes 2. Ein solcher llntcrschicd zlvischen den einzelueu Orten läßt sich nicht machen. Abg. Dr. Hitze(C.): Die Mißstände, die der Abg. Roscnolv geschildert hat, koinnicn doch nur in einzelnen Großstädten vor und geben kein Bild von den ivirklichen Zuständen im deutschen Handclsgewcrbc. Ich schließe mich der Ansicht dcS Grafen Posadoivsky an, daß mit solchen socialpolitischen Neuerungen langsam vorgegangen»verde»»nnß. Diesen» Gedanken tragen aber die Kourinissionsbeschlüssc vollloiitmei» Rechnung. Ich persönlich halte den Achtuhr-Ladcnschluß»och immer für das praktischste. Da aber so gelvichtige Bedenken dagegen geltend gernacht worden sind, o habe ich mich gefügt. Die kleinen Fortschritte aber, die die Koni- Mission eingefügt'hat,' lassen sich durchaus rechtfertigen. Wir sind von dem Gedanken ausgegangen, daß sich die elfstündige Miniinalrlihczcit in großen Städten viel leichter durchführen läßt, als in kleinen Städtcn. Wir haben dieser Erlvägung Rechnung getragen, daß durch diesen Unterschied Geschäfte erster uiid ziveitcr Kategorie geschaffen und der Andrang des känsniäunischen Personals nach den großstädti- 'chcn Geschäften ucrinchrt würde, daran glaube ich nicht, so sehr ich auch geneigt bin, für den Kleinbetrieb einzutreten.— Bei der Mittagspause hat die Konnmssiou die Möglichkeit gelassen, die Mittags- pause' je nach Bedürfnis selbst in demselben Betriebe verschieden 'estzusctzcn,»venn ein Teil der Angeslelltcu iin Hanse, ein anderer außer dem Hause die Mittagsmahlzeit cinniniint. Rur für die ailßerhalb des Hauses wohnenden Gehilfen haben»vir die feste Mittagspause vorgeschrieben. In das patriarchalische Verhältnis zlvischen "Zriiizipalcn, in deren Hause die Gehilfen speisen, und ihren An- gestellten haben»vir nicht durch Gesetz eingreifen»vollen.(Beifall »m Centr»»»»».) Abg. Frhr. p. Stumm: Ich möchte dem Abgeordneten Roscnolv raten, seine geographischen Kenntnisse zu erlvciteru. In St. Johann herrscht Freisinn»»nd Centr»»»». Auch ist mir dort ein Geschäft mit Arbcilsbcdingmigcn. »vie er sie geschildert hat, nicht bekannt. Im„Königreich Saarabicn" haben die Handl»mgsgchilfeu achtstündige Arbeitszeit und zlvci- stündige Mittagspause. Ich beantrage, die Bestimmung über die Mittagspause ganz zu streichen. In'einer ganzen Reihe von kleinen Geschäften kann eine bestimmte Zeit nicht iiincgehaltci», also auch den Angestellte»» nicht gclvährt»verde»», die bei stillen» Geschäftsgang häufig 2 bis 3 Stunden nichts zu thun haben. Andererseits ist es doch kein so großer Unterschied, ob jemand im Geschäft oder in, Reftanränt nebenan seine Mittagsnrahlzeit einnimmt. Eine zu große Ausdehnung der Mittagspause!vürde in vielen Fällen nur die Folge haben, daß die Geschäftszeit verlängert lvird, und das liegt doch nicht im Interesse der Fainilie des ver- heirateten Angestellten. Ich»verde also gegen die Festsetzung einer Mittagspause, eventuell für die Wiederherstellung der Regierungsvörlage stimmen. Ebenso erkläre ich mich gegen die ver- schiedene Normierung der Ruhezeit. Die Grenze zlvischen Orten von über und unter 20 000 Einlvohneri» ist ganz»villkürlich gezogen und Ivürde nur Anlaß zu neuen Klagen und Beschlverden gebe»». Abg. Berginann(frs. Bp.): Wir halten eine elfstündige Minimal- Rnhepmlse für notlvendig und durchführbar. Man kam'» ruhig die Meinung vertreten, daß auch dann»och die Arbeitszeit zu lang ist. Die Erwägung jedoch, daß hier zun» erstenmale der Versuch gemacht wird, auf diesem Gebiete regelnd einzugreifen, läßt ui»s auf den, Boden der Koinmissionsbeschlüsse bleiben', lvenn man auch im Zlveifel sein kann, ob sie auf alle»» Gebieten eine glückliche Lösung darstellen. Das gilt vor allein für die ortsstatutarische Festsetzung einer einheit- lichcn Mittagstunde. Generell muß eine Miniinalruhezeit von 11 Stunden eingeführt werden. Das ist die Hauptsache. Deshalb empfiehlt es sich Absatz 2 zu streichen. Redner stellt einen ent- sprechenden Antrag. Abg. v. Salisch(k.): Vor einigen Jahren veröffentlichte»» eine Anzahl hochstehender Daincn einen Aufruf, in dem aufgefordert Ivurde, in solchen Gc- schäften nicht zu kaufe»», deren weibliche Angestellte in gestmdheits- gefährdender Weise durch allzu langes Stehen gefährdet»verden. Leider ist die Anregung zienilich erfolglos geblieben,»veil ja über- Haupt die huiuanstei» Absichten nur allzu oft ai» eingelvurzelten Un- sitten scheitern. Wir sind daher der Meimuig. daß eil» gesetzliches Einschreiten bei den mangelndeil Erfolgen der Privatinitiative nötig ist, und sind den socialdemokratischc» Zlntrngstellcr»» für ihre Anregung dankbar,»velcher»vir Folge leisten»vollen. Abg. Jacobskötter(k.): Meine politischen Freunde glauben die Vorschläge der Koinmission zurücklveiseu und auf die ursprüngliche Regierungsvorlage zurück- greifen zu sollen. Am bedenklichsten ist, daß die Beftimmmigen gerade zur Schädigung der kleinen Prinzipale führen»vürden; sind die Angestellten der großen Geschäfte besser geschützt, so»vird kam»» mehr ein Vater seinen Sohn als Lehrling in ein kleines Geschäft geben. Meines Erachtens hat der Verband der Kaufleute und Geiverbetreibenden Berlins alles vorgebracht,»vas sich voin praktischen Standpunkt ans gegen schabloncilhafte Regelung ciniveiiden läßt. Die Mittagspause läßt sich uiiniöglich über ganz Deutschland einheitlich rcgeli»; daß mai» gegenüber den G e»n e i»» d e b e h ö r d e n, die doch die lokalen Verhältnisse an» besten kennen inüsscn, ein derartiges Miß- trauen im Hause hegt, schmerzt mich eiiiigcrmnßei». Ich traue den Herren Socialdemokraten, ich traue den» Herrn R o s e n o>v dasselbe Wohlivollcn gegenüber den Angestellten zu,»vie sämtlichen Mitgliedern dieses Hauses; aber ich, miß doch sagen, sein Antrag ist ganz»vescntlich agitatorischer Natur; lvenn er auch verständlich ist, da ja dic Socialdeiiro- krchci» den Achtstundentag erstreben. Als Mitglied der Reichskommission für Arbeiterstatistik habe' ich Gelegenheit genug gehabt, Mißstände in Menge kenne» zu lernen; für die A n g e st e I l t e n der großen Geschäfte et Iva der hiesigen Friedrich st raße mag, das gebe ich zu, der Rosenolvsche Antrag passen; aber die so durch- aus verschiedenen Verhältnisse der gesamten deutsche»»� Städte schablonenhaft zu regeln, geht eben mckit an. Auck» muß es bei den Ausführungen des Herrn Roscnolv, berechtigt»vie sie immer sein mögen, heißen: Eines Mannes Rede ist �keines Mannes Rede; man soll sie hören alle becde. Der Verband der deutschen Handlungsgehilfen stellt sich ganz auf den Bode»» der Koinmiffionsbeschlüffc. Ich glaube,»vir thun damit alles,»vas vorläufig in unscren Kräften steht.(Bravo rechts.) Abg. Rösicke- Dessau(»vildlib.): Die ArbcitSordnlnigcn enthalten offenbar oft grobe Verstöße gegen das Handelsgesetzbuch. Herr JacobSkötter hat unrecht,»venn er glaubt, daß diese Mißstände aber nur in den Geschäften der großen Städte vorkommen. Wenn ich dem socialdeniokratischen Antrag nicht zustimme, so geschieht es aus dem Grunde,»veil»vir nicht so schnell, sondern langsau» und allmählich vorgehen wollen. In den Forderungen des Antrags Albrecht selbst finde ich im Gegensatz zu dem. Herrn Staatssekretär»nchtS Bedenkliches. Es giebt jetzt schon viele Geschäfte mit kürzerer Arbeitszeit als sie der social- demokratische Antrag verlangt. Dem Antrag Bargmami auf eine llstüi'digc Ruhezeit will ich zliftimnicn. Die Disferenzicrung zlvischen Städlcn von»veniger als 20 000 und inehr als 20 000 Einlvohneri» halte ich für sehr unglücklich, namentlich für die Städte von nahezu 20 000 Einivohnern, deren Bc- völkcnmg ja steigen und»vieder zurückgehen kann. Da ist eine allgenicii» gültige Bestinimung besser. Was die MittagSpailse betrifft, so werden viele Angestellte lieber mit einer ürzercn Mittagspause zufrieden sein, lvenn der Geschäftsschluß dafür eher eintritt. Aber auch hier scheint unr die Kommission den richtigen Mittelivcg gegangen zu sein. Bedenken habe ich gegen den letzten Satz des l Absatzes 3, der überflüssig ist, lvenn eine l'/e stündige Mittagszeit eingeführt»vorden ist. Ich stelle den Antrag über diesen' letzten Satz getrennt abzustimmen. Abg. Roseuow(Soc.): Verschiedene Aeußerungen. die in der Debatte gefallen sind, zwingen mich noch zu einer Erwiderung. Der Herr Staatssekretär sprach davon, daß die Haiidclsangcstelllen bei Annahme»iisereS An- lragcS eine wahre Rentiercxistcnz führen»vürden. Dieses Wort wird»ms bei der Agitation sehr gute Dienste leiste». Der Herr Staatssekretär meinte, ein zivölfstündiges«chlafbcdürfniö für die Angestellten sei gar nicht vorhanden. Ich gebe zu, daß daS Schlafbedürfnis bei den Handelsangeftellten geringer ist als es bei den Miliistcri» für Socialrefonn zu sein scheint, aber»vir verlangen ja auch keine zlvölfstündige Schlafzeit, sondern zivölfstündige Ruhezeit. Der Herr Staatssekretär hat uns dann»vegen uiiserer Gesetzcsknnst gehöhnt. So lange Zeit»vie die Ncichsrcgieruug können»vir allerdings auf unsere Gcsetzcsvorschläge nicht verivendci». Die heurige Vorlage, die in den Erhebungen der Konmiission für Arbeiterstatistik ihre» Grund hat, hat beinahe scchö Jahre auf sich»vartc» lassen. Wir loiinen auch nicht so lange Zeit auf Gesetze verwenden, wie der Reichskanzler, der bisher sein Versprechen auf Aufhebung des Vcrbindungsverbvts der Vereine noch inuner nicht einlösen konnte. Der Herr Staatssekretär naunte uns höhnisch Nietzschcsche Kraftmenschen. Er hätte sich mit diesem Ausdruck besser au jenes Unternehmertum gelvendet, das unseren Anträgen»viderstrcbt. Diese Herren befinde» sich jenseits von Gut und Böse, sie stelle»» alle anderen Interessen ihrer Profitgier nach. Bielleicht ist die Er- iiincruiig angebracht, daß Fürst Bismarck ja geäußert hat, ohne Socialdemokraten hätten»vir überhaupt keine Socialreform. Das bißchen Socialrefonn, das»vir überhaupt haben, ist unseren» Dasein und unserer Thätigkcit zu danken.— In den offenen Verkarifsstellen, un» die es sich hier handelt,»vird besonders die Lehrlingsausbentung betrieben. Die socialrefornicrische Thätigkeit des Rcichsanits des Jimern wird von den Arbeitern sehr abfällig beurteilt. Als Motto könnte der Staatssekretär das etlvas variic»-te Goethesche Wort über die Reichs-Socialreform setzen: „Wir kocbcn breite Bcttelsuppcn* „Doch leider haben»vir kein Publikum." (Sehr gut! links.) Herr v. Stumn» hat nachgclvicscn, daß die von mir cilicrte Arbeitsordnung nicht aus seinen» Königreich(Heiterkeit) stammt. Ich bin zu dieser Annahme verführt»vorden, weil sie durchaus Stummschcn Geist atmet.(Heiterkeit.) Vielleicht nimuit Herr v. Stumm daraus Veranlassung, seinen Unter- thaucnucrbnnd auszudehnen.(Große Heiterkeit.) Herr Jacobskötter nannte unsere Anträge agitatorisch. Wenn sie das»väreu. hätten luiu und nicht soviel Beschränkungen miserlegL Wir sind aber ganz im Nahmen der Kommusionsvorschlöge geblieben und haben uns auf die offenen Verkaufsstellen beschränkt, von einer Ausdehnung auf das ganze Handelsgeiverbe aber abgesehen. Im übrigen wird aber die ganze Debatte die Handlnngsgchilfcn erkennen laffen, dajz sie nur etwas siir sicki erreichen können, wenn sie sich der klaffen- bcwufftcn Arbeiterschaft anschliesicu.(Aha rechts. Lebhaftes Bravo bei den Socialdemokraten.) Hiermit schließt die Diskussion. Die socialdemokratischen Anträge werden bis auf den Passus von dem Gewähren der Sitzgelegenheit gegen die Stimmen der An- tragstcllcr abgelehnt. Der erwähnte Passus aber wird fast ein- stimmig genehmigt. Unter Ablehnung aller übrigen Abänderungsanträge werden die K om m i s s i o n s v o r- schlüge genehmigt. Nur der letzte Satz des Absatz 3, die Worte: ..Ihre Doner kann aber durch die Gemeindebehörden allgemein oder für einzelne Geschäftszweige verlängert oder einheitlich festgesetzt werden" wird auf Antrag Rösicke g e st r i ch e n. Debattclos gc- nehmigt wird Z 1396. Hieraus vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr (Schivcrinstagl.(Anträge Agster(Soc.) und Lenzmnnn auf Erlaß eines Reichs-Bcrggesctzrs.) Znr Abwehr. Nach dem Bericht des„Vorwärts" über die letzte Vcr- sammlung des dritten Berliner Wahlkreises hat Genosse Heine bc- liebt, abermals nur den Vorwurf zu macheu. ich habe in der „Gleichheit" den Aussästuß oder verblümt das Hinaus- gedrängeltwerden bestimmter Genossen aus der Partei befürivortet. Ich hatte geglaubt, daß die betreffende„Legcndcnbildung", um einen Ausdruck des Genossen Heine zu gebrauchen, endgültig abgethan wäre durch meine Erklärungen in Hannover, insbesondcre�aber durch die wörtliche Anführung der von Genosien Auer an den Schandpfahl geschlagenen Stelle der'„Gleichheit". Da jedoch selbige Legende in den Ausführungen des Genossen Heine eine fröhliche' Urständ gefeiert hat, so sehe ich mich genötigt, zur Abwehr die inkriminierten Sätze diesen Ausführungen entgegenzustellen. Ich schrieb in der „Gleichheit"(Nr. 20 vom'27. September 1899): „ES gehört eine starke Dosis von Kindlichkeit dazu, wenn ein- zclne Persönlichkeiten sich diese reinliche Scheidung nicht anders vor- stellen können, als in Form eines„Ketzergerichts" mit obligatem Bann- fluch gegen Personen. Es handelt sich um eine reinliche Scheidung der grundsätzlichen Auffassungen, die einander entgegen stehen, nicht aber um den Ausschluß„Ungläubiger" und die Kanonisierung(Heilig- sprechung)„Rechtgläubiger". Hat' die Vertretung der Gesamtpartei in einer Resolution festgelegt, welche Grundsätze für das Sein und Thun der Socialdemokratie ausschlaggebend sind, so ist es Sache jeder einzelnen opportunistelnden Person, mit ihrem Gewissen auszumachen, ob sie der Partei angehören könne oder nicht. Aller- dings genügt es zu diesem Behuf nicht, daß die Resolution erklärt, was die Socialdemokratie nicht will, sie muß vielmehr klipp und klar sagen, daß diese nach wie vor aus dem Boden des Klassen- kampfes steht, an ihrem proletarisch-rcvolntionärcu Charakter, an ihrer proletarisch-revolutionären Taktik festhält und die Eroberung der politischen Macht erstrebt als Vorbedingung für die Verwirk- lichung des socialistischen Endziels. Wenn die Vertretung der deutschen Socialdemokratie in Fühlung mit den proletarischen Massen, in Uebereinstimmung mit deren Auffassung berät und beschließt, so ist es für uns lein Zweifel.>vie die Stellung- nähme des Parteitags ausfallen muß. In fester Geschlossenheit wird die Masse der Genossen zusammenstehen als die alte zielklare, sieges- gewisse revolutionäre Socialdemokratie." Diese Worte sollten nichts anderes meinen, als ivaS sie besagten. Nichts lag mir ferner, als— wie mir unterstellt worden ist— hinter ihnen sich feige den frommen Wunsch verkriechen zu lassen, die „oppurtunistcludcn" Genossen möchten auf Grund einer gefaßten Resolution der Partei freiwillig den Rücken kehren. Meine Auffassung ist auch in meiner Stellung auf dem Parteitage zu Hannover klar zum Ausdruck gekommen. Ich muß für sie statt der vom Genossen Heine erhobenen Vorivürfe die Bewertung beanspruchen, welche ein so unparteiischer und der„radikalen Kctzcrrichterci" nicht verdächtiger Genosse Victor Adler der Haltung der sogenannten„Linken"— um mich dieses Ausdrucks zu bedienen— zu teil werden ließ. Er schrieb in der Wiener„A r b e i t e r- Z e i t u n g" vom 29. Oktober: „Scheiterhaufen werden nicht angezündet, nicht etwa weil der Mut dazu fehlte, wie Genosse Vollmar andeutete, sondern weil vor allem die Gesinnung fehlte, die abweichende Meinungen brandmarken ivill, statt sie zli lviderlcgen." Genosse Heine hat noch den Vorwurf gegen mich erhoben, ich habe„planmäßig auf eine Spaltung der Partei hingearbeitet". Ich erachte diesen Vorlvurf für einen so schwerlvicgende», daß die Ver- psiichtnng, ihn zu begründen, mir als etwas Selbstverständliches er- scheint. Ich fordere deshalb Genossen Heine auf, diese bis jetzt unterlassene Verpflichtung zu erfüllen und nachzuweisen, wodurch ich planmäßig auf eine Spaltung der'Partei hingearbeitet habe. Meine in ineineii Artikeln und Reden zum Ausdruck gekommenen Ansichten gipfelten darin, so notwendig ich es erachtete, daß die Genossen zum Ausdruck brächten, daß sie nicht die Meinung von Schippet, Heine zc. in bestimmten Fragen teilen, für so unklug und gefährlich hielte ich es, über diese starken Meinungsverschiedenheiten leicht hinwegzugehen. Es wäre mir illoyal erschienen, nach den Erklärungen des Genossen Heine in Hannover, daß er in der Frage des Militarismus auf dem Boden unseres Programms stehe, im Hinblick auf seine früheren Aeußcrungcn noch weiterhin den Vorwurf zu erheben, er sei kein grundsätzlicher Gegner des Militarismus. Ich glaube, daß ich für meine Erklärungen von jedem loyalen Genossen als billig bemispnlchen darf, ivas den Erklärungen des Genossen Heine recht ist. Daß Genosse Heine dies nicht begriffen zu haben scheint und die zurückgewiesene Legende weiter auf- marschieren läßt, mutet mich um so eigentümlicher an, wenn ich der schönen Entrüstung gedenke, mit welcher er in Hannover erklärte,„daß diese Hetze endlich zur Ruhe kommen müsse". Ich bin mir nicht bewußt, seit Hannover den geringsten Anlaß dazu gegeben zu haben, daß diese„Hetze" nun von dem Genossen Heine fort- geführt wird. Indessen habe ich auch nicht die geringste Lust, diese „Hetze" widerstandslos über mich ergehen zu lassen. Ich bin über- zeugt, daß ich mit den vorstehenden Ausführungen für die Genossen unzweideutig nachgewiesen habe, wie haltlos die Anklagen sind, welche Genösse Heine neuerlich gegen mich erhoben hat. Und nur auf die Klarstellung der sachlichen Seite dieser Beschuldigungen den Genossen gegenüber kommt es yrir an. Die persönliche Seite kann ich wohl ruhig ihrcin Urteil überlassen. Stuttgart, 2l. Nov. 1899. Klara Zetkin. VersnttnnUtngen. Die Zwangsinnnngen und deren Bedeutung fiir die Nr- bcitcr lamctc das Thema, mit dem sich eine am Montagabend bei Cohn, Bcnthstraßc, stattgcflmdcne öffentliche Schuhmacher- v e r s a m m I u n q beschäftigte. Das Referat hielt S a s s e n b a ch. In der daraus folgenden Diskussion ergriff zunächst der Jnnungsmeister Maibanm das Wort. Derselbe beklagte es bitter, daß die Schuhmacher- Innung den Beschluß ge- faßt, beim Oberpräsidenten die Einführung der Zwangs- innniig zu beantragen; durch Zwangsmaßrcgeln lasse sich die sociale Lage des Handwerkerstandes nicht heben. Die Folge werde die sein, daß, wenn die Zwangsinmmg kurze Zeit bestanden, dieselbe wieder aufgelöst iverdcn müsie, da ein gedeihliches Zusammenarbeiten inner- halb derselben ausgeschlossen sei. Mit der Auflösung würden dann aber alle Einrichtungen, ivelche die freie Innung besessen, verloren gehen. Auch der Schuhniachcrmeister E g e vertritt die Ansicht, daß es besser wäre, wenn die Zwangsinnung kurzer Hand wieder aufgelöst würde, während der Schuhmacher- mcistcr Busch meint, daß mau sich auf der gegebenen Grundlage zusainmenfiudcn werde und daß auch die sociale Lage der Gesellen durch die Zivangsinnung verbessert werden könne. Die Arbeitnehmer C h r i st c n s e n, B u r'g h a g e n und B o p s, welche mehrfach in die erregte Debatte eingriffen, stellten sich durchweg auf den Stand- Punkt des Referenten, daß die Zwangsinming für die Arbcituchnicr agitatorisch ausgenutzt werden müsse, daß man aber danach trachte» müsse, bewährte Kollegen, welche im stände sind, die Rechte der Arbeitnchnicr wirksam zu vertreten, in den Ausschuß zu bekommen. Zum Schluß gelangte ein Antrag zur einstimmigen Annahme. daß eine Kommission von fünf Mitgliedern gewählt werde, ivelche gc- eignete Personen zur Wahl für den GcscllcuauSschuß vorzuschlagen hat. Gcivählt wurden: Dolling, Schwarz, Stumpf, Katt und Burghagen. <*i»c öffentliche Bottcherversannulung tagte am 26. November in N ü m a n n s F e st s ä l e n. Der Gcwcrkscliaftsdelcgierte detailliert die Ursachen, welche 23 Gclvcrkjchaftc» vcranlaßtcn, ans der Gcwcrk- schaftSkommission anszntrcte»' Redner ist nicht dafür, daß sich die Böttcher jetzt schon von der Gcwcrkschaftskommission lossagen, sondern empfiehlt vorläufig abzuwarten, wie sich die Sache mit dem Ab- stiniinnngsmoduS weiter gestalten wird. Die Versammelten be- schließen demgemäß.— Ucbcr den Verlauf des Streiks der Faß- fabrik Koch, dessen Entstehung am 16. November an dieser Stelle besprochen wurde, erstattet Klappschuß Bericht: Die am l2. November in öffentlicher Versammlung ge- wählte Kommission wurde am 13. November bei Herrn Lcwy vor- stellig, um mit ihm über die strittigen Fragen zu verhandeln. Doch er hielt es nicht für der Mühe wert, der Kommission Gehör zu schenken, sondern forderte sie auf. sein Grundstück zu verlassen, indem er erklärte:„Ich kenne keine Kommission, für mich ist die Sache er- lcdigt." Die jetzt Ausständigen waren sich nocb nicht einig wegen des Streiks, da hatte Herr Lcwy schon an alle Faßfabrikantcn, Mcistcr, Brauereien ec. schlvarze Listen versandt, welche die Namen sämtlicher Ausständigen enthielten; mehrere waren noch extra mit einem dicken Strich verfehen. In einem Begleitschreiben, welches diesen Listen beilag, ersuchte Herr Lewy seine„Kollegen", keine dieser Leute zu beschäftigen. Doch die Meister scheinen in Herrn Lewy nicht ihren„Kollegen", sondern ihren größte» Konkurrenten zu erblicken, dem sie wohl früher öfter aus der Patsche geholfen, was aber nicht zu ihrem Nutzen geivesen ist; denn durch die geringen Löhne, Ivelche er seinen Arbeitern zahlt, ist er im stände, allen Konkurrenz zu bieten, und die Kleinbetriebe müssen zum größten Teil diesem Großkapitalistcn das Feld räumen. So sind nun unsere Kollegen trotz der schwarzen Listen zum großen Teil schon anderweitig in Arbeit getreten, und für das kleine Häufchen sorgen die Berliner Böttcher. Eine Resolution, welche die Handlnngsweise des Herrn Lewy entschieden mißbilligt, wurde einstimmig angenommen. Zum Schluß forderte der Vorsitzende die Versammelten auf, treu zur Fahue zu stehen, denn nur dadurch sei Unternehmerwillkür zu brechen. Eine mäßig besuchte Versammlung der Lederarbeiter fand am Freitag, den 23. November, auf dem Gcsnudbrumien, Badstr. 12, statt. Neben einigen internen Organisations-Augclcgcnhciten wurde besonders der Abgang Millargs als GcwerkschnflS-Sckretär sowie die von einigen größeren Gewerkschaften veranlnßte und in der Gcwcrk- schaftskonimission durchgesetzte Refolution einer eingehenden Diskussion unterzogen. Die Lederarbeiter seien noch jetzt davon überzeugt, daß für das Berliner Arbeiter-Sckrctariat, wie man unser Bureau doch auch nennen könne, ausreichend Arbeit für mehr als zwei Beamte vor- Händen sei. Ob die jetzige von Millarg geleistete Arbeit derjenigen entspricht, die man von ihm erhoffte, das lasse man dahingestellt. Jedenfalls liege aber hier noch ein großes Thäligkcitsfeld, das bis jetzt nnbeackcrt. Kleinere Städte, wie Nürnberg, sind den Berlinern auf diesem Gebiete weit vorausgeeilt. Was die Regelung des Abstimimingsiiiodtts nach der neuen Resolution betrifft, wurde hervorgehoben, daß die Lederarbeiter selbst als kleinere Gewerkschaft diese Notwendigkeit nicht von der Hand weise» können. Daß zu befürchten ist, die kleinen Gewerkschaften werden nunmehr selbst die bcrcchtiglsten Forderungen durch den Ein- fluß der großen Gewerkschaften nicht mehr geltend machen können, ist nicht aiiznnehnicn. lieber den Beitrag von pro Kopf 10 Pf. pro Jahr hatte mau nichts zu sagen. Gewünscht wurde ziur, daß man nun auch peinlichst darauf fchcn möge, daß die größeren Or�ani- sationcn sich nicht mehr von der verpflichteten Zahlung drücken. Gleiche Rechte gleiche Pflichten müsse es hier jetzt etwas ernster denn seither heißen. Unsympathisch berührte der Austritt von 23 kleinen Gewerkschaften mit 10 000 Mitgliedern wegen der Annahme oben erwähnter Resolution. Nachdem noch eine Lohnreduktion, die den Abmachnngeii vor dem Gcwcrbcgericht zuwiderläuft, ans der Meyerfchcn Lederfabrik zur Sprache gebracht worden und diese Sache der Lohnkommission zur Prüfung überwiese», trat Schluß der Vcr- sammlung um II'/» Uhr ein. Charlottcnl'nrg. Eine öffentliche Vcrsammlnng der Maler, Lackierer und Anstreicher tagte am 21. d. M. in WcrnickeS Lokal. Zur Einleitung sprach Flcmming über„Entstchnng, Bc- dcntung und Wichtigkeit der Gclverbegcrichtc" und wurde Matzke als Kandidat zu den demnächst stattfindenden Gcwcrbegcrichtswahlen nominiert. Der Gcwcrbegcrichtsbcisitzcr Dicke gab seinen Bericht 'von 1898/99. Flcmming und Lauge erstatteten Bericht über ihre Thättgkcit im GewcrkschaftSkartcll. Flcmming und Jost wurden dorthin delegiert. Landsniaiiiischaft der Tchlcswig-Holsteiner. Mittwoch, dcii29. No- vember, abends S'/z Uhr: Bersaimiiliilig der Schlcswig-Holstciiicr mit Damen im Bereinslokal, 6). Feuersteins ftestsäle. Alte Jakobstr. 7ö. Verein Berliner Mechaniker. Mittwoch, den 29. November, abends 8i/, Uhr, im Vereinslokal, Icrusalcnierstrahe 8, Zimmer Nr. 1, 1 Treppe: Vortrag des Herni Ingenieur Friedr. v. Gutbier: Ucbcr Schreib- und Rcchcnuiaschincii.(Mit Demoiistranouen.) Akagiictische Gesellschaft lliixdorf. Mittwoch, den 29. November, abends 8»/, Uhr, in der Vercinsbraucrei: Lichtbilder-Vortrag über„Die Operationen bei Franenlciden ein Verbrechen an der Frauenwelt; die schnelle und kichere Heilung durch die Naturheilmethode". Das beste " unll im Gebrauch N -- billigste und bequemste Kentral-Kranktn- u. Sterbe- s�eberdkiltslsi.Nilgtitblllltr. Am Svniiabciid, den 25. Novembcr bcendctc der Anschläger 253/5 ködert Sclunidt sein Leben, indem er sich von eincin Eisenbayn zuge übcrfabren lieh.— Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 30. November, nachmittags>/«* Uhr, von der Leichenhalle des Nene» ?tazarcth- Kirchhofes(Dalldorfcr Ehanffcc) anS statt. vis Ortsverwaltung Berlin III. MMHiWhHBfalWBaBgH/IIWOi KM Zahnarzt Louis Wolff wohnt fett 1892 1140b nur lüilUTstr. 1, L Knnbciiailziigc n Paletots, "Ilädchenkleidern-Mäntel prcisw. :•100*10. Hoffniann, Vetcraiienstr. 14. Teilzahlung; , monatlich 10 M. liefert elegante lHorrengarliorobe n. Mah, Tomporowskt, Schneid ermstr., Nraudcrstr. 16, II, an der Ainiciistr. i Aiirii bar Kaffa billigste Preiie.)• z Mlr-Hellvechhren. " Haut-, Harn- a. Blaseitteidcn. « Franc,: Krantheit.. heilt sicher (S ohne Bemfsstärima,(80391!* |R. Wagner, Or.Sinuiiel Ilorätzplntv,. |lHmwV.Ascli Inger Treppen rechts Specialarzt f.Haiit-ii.Hariileideii. 10-2,5-7. SaunlagS 10-12,2-4* Natur- 5 hcilvorfaliren. Ich heile_ ohne Berufs störung alle Männer- 1 und Franc» leid en, ebenso Nieren I und Blasenleiden. Näturaemätze! Behaiidliuig. 30452*| Fr. C. Henke, Rathenowerstr. 49, I Ecke Periebergerslrasse. Sprech stiiiiden 9—2, 5—9, Sonntags 9—2. Bei Voizeigiing| der Verbandskartcii 10 Proz. auiiiiM! Kliitim! Donnerstag, de» 30. November. abendS« Uhr, im„KönigShof", Biilowstraste 37/tv: Sei-inks-Viji'SSmiAHlung für Siideii» Westen nud Schöneberg. Das Erscheinen sämtlicher Kameraden aus abigcn Bezirken ist notwendig. 282/12 IMe Bezirks- Vertrau onwleiito. Aclitmig! Moabit! Großer öffentlicher Vortrag für Damcu und Herren im„Neuen Natnrheil- Verein" Charlottenbnrg- Berlin in tidreus Lranerej. Berlin Tnrinstraskc 26(großer Saal). Donnerstag» den November 1899, abends 8i/, Uhr, spricht Fränl. M. Kube, Natnrheilkttttdige, über: Die Alisttmilg des Volkes über die Zchiiötil kt KiiWischmi Welcher? Der mcdiziiiischcii oder der iiatiiihcilkiindlichen? Dieser Vortrag schließt sich an die Tr Alcxanderschc Broschtire an. Euttree 15 Pf.-'WsH Um zahlreichen Bemch wird gebeten. Der Vorstand. Geschäftsstelle des Vereins:(Lharlottcnburg, Berlinerstr. Vi5. woselbst Mitglieder zn jeder Tageszeit aufgenommen werden. 1139b EIeisii% Pfeil8 populärstes- ticfempfiindciics Lied „Sehnsucht nach der Jugendzeit" crfchfen soeben: Fiir I Singstimme und Pianoforte.... Preis Mk. 1,— „ 2 Singstimnien,„...... 1,20 „ Gcmiichteii Chor, Part, und Stimmen.,, 1,20 „ Trompete oder Horn u. Pianoforte...„ 1,50 „ Piano zu 2 Händen, Transskription... 1,50 Früher erschien: Ansgade für Männerchor, Part, und Stimmen„. 1,20 Verlag von IV. d>aliei> LcipZitf. Kakaa- Frühstück Gemüse» und Kraftsuppen Bouiilon'Kapscin Suppcn-Kfttrze stet; vorrätig bei Alexander Schmidt, vorm. Bremlcke, M,. Usedomstr 19. Achtung, Nohrer! Sonntag, den Z. Dezember, vormittags 10 Uhr, in Wernaus Fest _ säleu. Schwedtcrstraße 24;_ 1134h SSF" OcfTcntliche VerNammlnng:.' Tagesordnung wird i» der Versammlung bekannt gegiacht. Der(slnberuser. 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Deb. ™ CASTANS«■ PANOPTIGÜM Präsident von Transvaal „Ohm" Krüger und General Joubert mit kriegsgerüsteten Beeren. Eine Gruppe von aktuellstem frupp In p.teresse! Maelirs Theater Oranlcnstr.»4. Unser Hesgoland. Liedrrspiel in 1 Alt von O. Wagner. Musik von Mich. Thiele. III»'. Canon, der phäiioine». Kraft. tilrner. Elan die famose Soubrette, und andere Zpecialitäten sWgl-sliöstks. Behrenstr. 55 57. Dir.: stich. Schultz. Telephon Amt I. 2128. IS?- Leute Woche"TOS Daö große Nomilbw kund um Berlin. Freitag, den I. Dezember: Usne de Yrids. Siegmund Sleiner. nnd IO brillnute Debttts. Sanssouci Kottbuscrstr. 4 a. Täglich außer Sonnabend: Mnrns Ulli- öeutSGtie Sänget. Heute: Die letzte Fahrt. Morgen: Tie lestte Fahrt. ReichShallen. Stettiner Sänger. Zum Schluß, neu: „Tenoristen- Bogel". Ensemble v.Mevsel. Ans. präc. 8 Uhr. VI. Noacks Theater, Briiiinenstraße IG. Der Trompeter von Säkkingen Romantisches Schauspiel mit Gesang in 3 Alten(7 Bildern) von Hildebrauot und Keller. Jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag nach der Vorstellung: Tanzkränzche». » Cireus Alb Schüm tZcLssW'««tn Acstei* ' CirClis-ffor weri»"'. M .«■ mimOftfa:• Circüs Renz Heute, Mittwoch, deit 29. November, abends Ptäc. 1vn Uhr: Gala-Yorslellung. Ganz besonders gewähltes Prograuun. Zum Schluß zum II. Male: Xolossalsr Erfolg!"MM Der erste Schlager der Saison: Der schwarze Olli» iler weiße Ritter. Größtes nnd interessantestes R i t t e r s ch a n st n ck aus dem 14. Jahrhundert. Die phänomeimleu drei Amerikaner Andres— Dolden— Ueaton. Täglich Auftreten der Original- Ilansml-Baera. Clrkna Baach. Mittwoch, 29. Nov., abends 7V> Uhr: Elite Abend. Die Camorra! Von der gesamten Presse als d. größte u. imposant. ScnsationS-Schaustück anerkannt. Ein- bnich einer italienischen Dilizence auf der Brücke. Kampf der Eamorristen mit der Earabiuieri. Blaue Grotte mit d. feenhaften Schlnst-Apotheosc Elektrisch durchleucht. Wasser! Debüt d. Signor Moglia»1. s. dress. Affentruvpe. 16 Hengste des Dir. Busch. Springpferd Chips üb. einen 8 Fuß höh. Riesen-Elef. Hr. Bnrkhardt-Footiit als Schulleiter. So!intagnachni.4>lhr: SignorMoglia. Asausclia. Die Genossen ans Lauscha ver- senden Alls-b'hristbaWschMlk, das Postkislchen unter Nachnahme franeo für 5 M., enthaltend nur größere, fein versilberte und bemalte Neuheiten, auch Nefler-Perlen-Kugeln, Eter, Glocken. Baumspitz«! nndFrüchte aller Art usw. Als Beilage eine Bernstein- Cigarrenspitze aus Glas mit der eingebrannten Photographie von Bebel oder Liebknecht. Für völ- lige Zufriedenheit des Knusers wird garantiert. Man schreibe an Guido Mller Jim. 31358* Eanacba I. T'n. Wellniachts-Aiisyerkauf! Sportwagen f ll Max Erinner, Jernsaleinerstr. 42. Filiale: Brunnciistraste 6.( WW Vereine. Sonnabend 3. 11. 17. Februar: SM- Sani freit-MQ ®10C*] Sllcxauderstr. 27c, EugÜMchcr Cnrtcn. SMe für Vereine und Gewerkschasien sind noch an einigen Sonnabenden frei. II tibi, er. Chausseeftr. 113 I selbstspirlend, neuestes u.rcichhaltiges Programm, für Familien sehr amüsant, werde» bei nur geringer Teilzahtung vergeben. Für Festlichkeiten lclhwctle. S. Enrabcrg. lendsdergeretr. 13. Rchtnng! Mache die Genossen und Kollegen darauf aiismerlfain, daß ich auch nach dem Tode meiner Frau mein Restaurant ,'£uv Utetallarbetter-Biino' Zahlstelle deS Deutsche» Metallarbeiter- Verb andes, weiter führe. VJ Hansen, 31258* Mainzerstr. 21 prltannfiniiitiinig der Orts-Kraukenkasse für den Gewerbebetrieb d. Kauflente, Haudelslente u. Apotlieker, betreffend die Delcgiertenwahl. Mit dem 31. Dezember 1899 laufe» die Mandate sämtlicher Vertreter der Kasseiimitglteder und der Arbeitgeber für die Generalversammlung ab, und haben demgemäß auf Grund der ßZ49 11. ff. des Statuts die Neuwahlen der- selben staltzufiiidett. Zu wählen sind 284Verlr«ter derKasseiiiiiitglieder und 138 Vertreter der Arbeitgeber sür die nächste dreijährige Wahlperiode vom 1. Janitar 1900 bis 31. Dezbr. 1902. Die Wahlen scileitZ der Kaffenmii- glieder fiuden zmtilg, öe» 8. Destr. 1%, statt. Gewählt wird in zwei Ab» teilungeu. Abteilnug I umfaßt alle Kassenmitzlicder, die in Betrieben be'chästigt sind, welche rechts der Spree liegen, sowie alle freiwilligen Mitglieder, die rechts der Spree wohnen(also die Postbezirke G.. NO.. N., sowie ein Teil von C. und NW.). DaS Wahllokal befindet sich ii» pjjfiiSiKilc 0011 Keller, Koppciistrnsse Nr. 29, Abteilung II umfaßt alle Kasscitmitgliedcr, die in Betrieben beschäftigt sind, welche links der Spree liegen, sowie alle freiwilligen Mitglieder, die links der Spree wohnen(also die Postbezirle 80., 8., aW.. W., sowie ein Teil von 0. und' NW.). DaS Wahllokal befindet sich m pjjen Slliilt ooit Cohn (Jndnstriegebände). Bcntlistrasse 20 22. Die Wahlversaininlunge» werden n»i 8Vz Uhr einbernfe» und die Wählerlisten um ID/z Uhr geschloffen. Um Zweifeln vorzubeugen, machen wir daraus ausinerksam, daß die Ge- samtzahl der Delegierten w beiden Wahllokalen zu wählen ist. Wahlberechtigt sind alle grostjiih- rigc» Kassenmitglicder, welche im Be- sitze der blirgerlicheii Ehrenrechte sind. Zur Legitimation ist daS Mitglieds- buch mtiziibringeii, we.ches vom Arbeit- grber mit der Vcicheimgang versehen seist muß:„Inhaber ist zur Zeit bei mir noch in Beschäflignng*(Unter- schrift, Adreffc, Datuut), oder eine Be- Reform« M o M» WG— wie obenstehendos Hild mit Verbindung, neue, imUSÄldl" M. lÄCilO l!|u't1enr"„"1'"t'legende Blätter patonSamtlich geachütit No. 102 996, sehr praktisch und elegant, Platz für 12 Personen undpassend für jeden Hausstand, sind s beliebtesten Tische der Neuzeit. Diesö Tische fabriziert»IS alleinige Specialität die TlSCllf ftllPlk mit elektrischem Betriebe von Berlin 0., Kraulslrasse 14, Telephon: äbh r, hu. ibst, und giebt direkt an Private ab zum Fabrikpreise von Mark 36.—. W. Mrostnski, 3126L* htidttng der Mitgliedschaft seitens »er Kam', welche ans Wunsch im Kassen- lokal ausgestellt wird. Freiwillige Mitglieder, welche ihre Wohnung anzugeben haben, legitimiert das Mitgliedsbuch. Die Wählen seitens der Arbeitgeber niiden statt int Kaffenlokäl M der Aadtbchl �18, Hssl, Aufgang iinlS im Seitenflügel »ill M0llt0.il, he» 11. Dezbr., abends 8Vz Uhr. ES werden hierzu die Arbeitgeber eingeladen mit dem Bemerken, dasi um SV, illir der Wahlakt beginnt nnd die Liften um 9 Uhr ge- schloffen werde». 11296 Wahlberechtigt sind alle Arbeitgeber, welche für die bei ihnen beschästigten Personen Beiträge ans cigeneii Mitteln zu oben gennimtcr Kaffe zahlen. Bei* Vorstand: Aug. Wornsr, Bors. 0. Knebel, Schristf, Dr. med. Setoper, SSSm"-'; clfautuMmfeüln Ernncn- Krankheiten. Könlggrätzerstr. 27. Spr. 9-1. 4-7, Homöopatli. Poliklinik: Montag, Mittwoch, Sonnabend, Ab. 7—8: Frledrichstrasie 114, I. Kleine Anzeigen. 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Für dw Jnserateutetl verantwortlich: Tb.«locke in Berlin. Druck mid Verlag von Max Babing in Berlin. * 279. 16.»«. 2. KiliM des LWillts" KeMer McksblM. 2��1899. Uoknles. Die Vcrjuduug des Antisemitismus, wie sie am Montag bei dem Stichwahlvesiiltat des 45. Wahlbeziris zu Tage getreten ist. gicbi den rassenreiuen Siegern bis jetzt noch keinen Anlast znm Jubel. Augenscheinlich ist ihnen ob der neuesten Partcigängerschaft nicht ganz wohl zn Mute. In knappen, bc- dcntungsloscn Worten gehen die konservativen Blätter über den unerwarteten Erfolg der„nationalen Sache" hinweg und die .Staatsb.-Ztg." schweigt sich im Abendblatt völlig aus. Nur die„Deutsche Tagcs-Ztg.", die in ihrem ganzen Geschäfts- gcbahrcn eine starke Verwandtschaft zu dem arg verschrieenen Mühlendamm verrät, zollt dem„gesunden Sinn" der neuen Bundcsbriiderschaft einige Worte konventioneller Anerkennnng. Um so nichr sind die freisinnigen Blätter indigniert. Sie sollten zwar den Philister und seine A n g st vor der Social d emokratie kennen; aber dennoch trauen sie innner wieder in erklärlicher, wenn auch für sie höchst verderblicher Selbsttänschnng ihrci�Leuten nichr politischen Intellekt zn, als.dicse besitzen und ihrer Natur nach je werden besitzen können. Die„Volks-Zeitung" liest Herrn Eugen Richter die Leviten und meint dann: „Am gestrigen Tage hat der Berliner Freisinn, das muh. so fem die Wahrheitsliebe noch irgend etwas iu der Politik zu bo deuten haben soll, ohne Floskeln gesagt werden, einen neuen Selbsterniedrigungs-Rekord geschaffen." Die Anslassnngen des„Berliner T a g e b l." lassen auf ein regelrecht verabredetes Kompromist schlichen: „Während der liberale Kandidat in dem sechsten Bezirk seinen Sieg den vermehrten Anstrengungen der eigenen Parteigenossen verdankt, konnte der andere, nämlich der siebente Bezirk gegen den socialdemokratislben Kandidaten nur durch die Stimmen der Bnrgerparteiler für die Liberalen erhalten bleiben. Dafür leisteten denn die Liberalen im 45. Bezirke den Bürgerpartcilcrn Borspanndienste, um auf diese Weise dort den socialdemo- krati scheu Gegner zu Falle z u bringen. Der als Sieger hervorgegangene Kandidat der verbündeten Liberalen und Antisemiten ist gegenwärtig das anerkannte Haupt derjenigen hauptstädtischen Partei, welche ganz ausgesprochen den Zielen und Plänen derer um Herrn v. Mirbach die Wege zu bahnen be strebt ist." Komisch ist die„Berliner Zeitung": „Für die Socialdeinokratie>var dieser 27. November ein ll n g l ü ck s t a g. Es ist aufs neue dargcthan, dost sie gute WahlanSsichten zumeist nur für die ersten, die Hanptwahlgängc hat, bei Stichwahlen aber selten glücklich ist." Wir meinen denn doch, dost ein UnglüökStag nicht für unS, sondern für den Freisinn hereingebrochen ist. Wir haben im Voraus allen freisinnigen Beteuerungen zum Trotz gewust t. dast wir nur auf die eigene Kraft bauen konnten und haben dies auch so deutlich wie nur möglich ausgesprochen. Auch ist es keinem unserer Parteigenossen eingefallen, nach liberalem Branche um gegnerische Stimmen zu betteln. Wenn wir unter- legen sind, so sind wir in i t E h r e n unterlegen; unser Schild ist rein. Der Freisinn hat aber durch seinen und des Antisemiten Sieg sich niit Schande bedeckt. Dies gehört zlvar zum Wesen seines„Liberalismus", ist aber darum doch nicht minder verachtungswürdig. Wir können die Nieder- läge ertragen, uns ist sie ein Ansporn zn neuen, energischeren Kämpfen, zu neuen Siegen! Für den Freisinn ist aber das Ereignis des 27. November die letzte Etappe zu einen: schmählichen Ende. Zu dem gestrigen Strcikpostcn-Urteil des Kainmergerichts schreibt die„Berl. Ztg.":„Das Verbot des Strcikposteiistchens, das der jüngste Entscheid des Kammergerichts festlegt, hat in der B e r- liner Arbeiterschaft graste Erregung hervorgerufen. In vielen Berufen würde damit die Möglichkeit, einen Ein flu st auf die arbeitenden Angehörigen einer Gewerkschaft bei einem Streik auszuüben, abgeschnitten sein. Bei den grosten Ausständen in der letzten Zeit, bei den Maurern. Holz- nrbeitern und vor allem bei den Metallarbeitern, ist die Kontrolle der gesperrten Bauten und Fabriken durch die gedachte Polizei- Verordnung schon anfs äustcrste erschwert worden. In den Ab- rcchnungen von den Streiks findet sich stets ein gröstcrcr Posten unter der Rubrik Strafen. Unter diesen Ausgaben sind lediglich die Polizei strafe Ii auf Grund des Streikposten- Paragraphen aufgeführt; sie betragen bei manchen Ausständen Hunderte von Mark. Dazu kommt noch, dast sehr oft Streik- Posten von der Strohe weg verhaftet und der Polizciivache zu- geführt wurden, von wo sie erst nach längerer Zeit wieder frei- gelassen wurden. Eine Einwirkung auf die Lohnverhältnisse, so lautet das Urteil aller gewerkschaftlich organisierten Arbeiter. nicht nur der socialdemokratischen— wird aufs äuherste erschwert, wenn die Polizei das Streikpostenstehen schlechtweg unter Strafe stelle. Am meisten würden davon die Organisationen in der Grost- stadt getroffen, wo auf Grund der Wohnungs- und Verkehrs- Verhältnisse die notwendige und erlaubte Kontrolle ohnehin schwierig gemacht sei." Ohne Zweifel hat das liberale Blatt ja darin recht, dast den Kulturbestrebungen der Arbeiterschaft ein neues Hindernis entgegen- gestellt ist, dast anfangs ja gewist sehr empfindlich als solches empfunden wird. Doch hat ja namentlich das So cialisten- g e s e tz gelehrt, dast von absoluten Mitteln gegen die geschichtlich und social notlvendige Emanzipationsbewegung des Proletariats niemals die Rede sein kann. Das Urteil des Kammergerichts wird zum Teil bewirken, was das Z u ch t h a u s g e s e tz bewirkt hätte: die Organisationsfestigkeit, die Geschlossen- heit der Arbeiterschaft wird sich erheblich steigern und die Strcikbrecherci wird demgemäst infolge des ausgeübten moralischen Druckes in immer weiteren Kreisen und mit stärkerem sitt- lichen Beivusttsein als eine Ruchlosigkeit empfunden werden, so dast ehrliche Leute sich schlietzlich eben so wenig zu solcher Hand- lung hergeben, wie zu sonstigen gemeinen Verfehlungen. Was die Empfindungen der Arbeiterschaft über die heutzutage übliche Art der Rechtsprechung noch betrifft, so wissen wir nicht, ob sie über- Haupt noch einer Steigerung fähig sind. Sieg der fciucrc» und zartere» Gemüter. Herr Professor B e h r c n d t hat seinem Auditorium mitgeteilt, daß er der Schul- Vorsteherin, welche seinen Vorlesungen über die Frage der Prostitution beiivohnte und die von den Studenten regelmästig angepöbelt wurde, die Erlaubnis zur ferneren Teilnahme an dem Kolleg entzogen habe. Dies sei, so fügte der Herr Professor hinzu, geschehen, weil sich herausgestellt habe, dast die feineren, zarteren G c« m n t c r unter den Studenten(I) sich dagegen sträubten, einen solchen Bortrag mit einer Frau zusammen zu hören. Er könne ihnen das nicht verübeln. Wenn er Student wäre, würde ihm die Sache wahrscheinlich auch peinlich sein. Die feineren und zarteren Gemüter sind keine Ironie, sondern ernst gemeint. Vielleicht inspiziert der mutige Herr Professor ge- Icgentlich die llntcrrichtsinstitnte in der Elsasserstraste, von wo die scnfiblen Studenten allabendlich schwer beladen die llmgangsfornien heimtrugen, die sie dort kapiert und am nächsten Tage im Hörsaal zum besten gegeben haben. Erwähnt sei noch, dast die Dame, die jetzt aus dem Paradiese der zartbesaiteten Jünglinge mit dem flammenden Schwerte der sittlichen Entrüstung vertrieben worden ist, sich seit längerer Zeit mit dem Studium social-wissenschaftlicher Fragen bcfnstt. Sie hat im vorigen Semester im staatswisscnschaftlichen'ScminardcsProfeffors Wagner einen von grohcm Fleist und tiefem wissenschaftlichen Ernst zeugenden Vortrag über die Lage der Fabrikarbeiterinnen gehalten. Einfach Sekt— einfach Pferdefleisch. In Nr. 259 nagelten wir die Thatsache fest, dast der F l e i s ch k o n s u m 1898/99 nach dem Bericht der städtischen Schlachthofverwaltung von 82,9 Kilo- gramm ans 81,2 Kilogramm zurückgegangen ist und somit auch in der gegenwärtigen Periode unerhörter geschäftlicher Prosperität die Lebenshaltung des arbeitenden Volkes sich v e r- sch leiht crt hat. Wir wiesen ferner darauf hin, dast in dieser Periode, die den Harmlosen- Prozcst und viele ähnliche Erscheinungen eines skandalösen Lotterlebens der herrschenden Klasse» ans Licht brachte, die Ausgebeuteten mehr und mehr auf Pferdefleisch angewiesen lvaren, dessen Konsum sich nicht unerheblich, nämlich von i,2 Kilogramm auf 1,5 Kilogramm erhöht hat. Mit diesen Erscheinungen beschäftigt sich auch die amt- liche Statistische Korrespondenz. Sie kommt zu den gleichen Schlüssen wie wir, drückt das gewonnene Resultat aber zartsinnig in dem Euphemismus aus, dast die Lebenshaltung der Bevölkerung im ganzen etwas ein- f a ch e r geworden sei. Diese zarte Andeutung sollte patentiert werden. Vielleicht wird in einem zweiten Artikel des amtlichen Blattes den Hungernden bewiesen, wie gesund' ihre„vereinfachte Lebensweise im Gegensatz zu der der Hannlosen und anderer Ge- sellschaftsstützen ist. die gezwungen sind, sich von den Folgen ihrer Liederlichkeit in Aachen und anderen Bädern ausschivefcln zu lassen. Es sei noch hingewiesen auf den Umstand, dast die mitgeteilten Zahlen hinter der Wirklichkeit erheblich zurückbleiben, da der Konsum der Vororte ebenfalls vom Berliner Schlachthofe aus gedeckt wird. In früheren Aufstellungen wurde dieser Umstand vom Statistischen Amte auch berücksichtigt und so kam man zu einem Resultat, das den Wert der von der Schlachthaus-Verwaltung mitgeteilten Zahlen um etwa 20 Proz. verringerte. Die Wahrung ihres„AintSgcheimnisscs" ist neuerdings den Angestellten der Grasten Berliner Stratzenbahu durch einen Erlast der Direktion anbefohlen worden. ES ist ihnen bei Strafe sofortiger Entlassung verboten, irgend welche Auskünfte über ihre Dienstverhältnisse bezüglich des Gehaltes, der Dienstzeit:c. an Civil- Personen zu erteilen. Dieser Erlast ivird die besseren.Elemente unter den Strasten bahu-Angcslclltcn gcwist nicht abhalten, auch weiter die Mittel in Anspruch zu nehmen, die zur Aufdeckung der Schäden und überhaupt im Kampfe um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen erforderlich sind. Uebrigeus sollte der Erlast für die städtische BcrkehrSdeputation ein Ansporn sein, energischer als bisher auf die Praktiken der „Grosten Berliner" zu achten. DaS neueste GotleSguadeutnin. In der Zeitschrift für Samariter und Rettungswesen, V. Jahrgang Nr. 16. lästt sich der Arzt Dr. O t t c r b e i n in EberSwalde in einem Artikel über pcrsön- liche Gc'nndhcitspflege wie folgt vernehnien: „Wenn trotz natnrrichtiger Lebensführung Krankheiten und Unglücksfälle den Menschen befallen, dann beginnt die Aufgabe des Arztes, jener von Gott gesetzten Autorität. welche niemand, der sich selbst und seinen Nebemncnschcn tvohl will, durch Unwissende und ungebildete Laienärzte oder gar noch durch sich selbst ersetzen darf." Wir nehmen an. dast jeder verständige Mediziner init uns der Meinung ist, dast durch eine so kurios abergläubische Polemik deni Kampfe gegen das Kurpfuschcrtum der denkbar schlechteste Dienst erwiesen wird. Ter Landgcrichtsrat a. D. Alexander Schmidt ist am onntag hier im Alter von 73 Jahrcil gestorben. Schmidt ist namentlich bekannt geworden durch das Opfer, das er 1893 wegen des Urteils im Majestätsbcleidigungs-ProzestHarden bringen niustte. Dieser Prozcst führte zu Weitcrnngen, in denen an den Jnstizministcr das Verlangen herantrat, eine Versetzung Schmidts zu veranlassen, obwohl nicht' der geringste Zweifel herrschen konnte, dast der Vorsitzende der Straskammcr nach bestem Wissen und Ge- wissen sachgemäst und pflichtgcmäst gehandelt hatte. Schmidt sandte der„Vossischen Zeitung" am 6. Juni 1894 eine Er- klärnng, worin er sagte, seine Enthebung voni Vorsitze einer Strafkammer durch Versetzung an eine Civilkamincr sei bei dem Landgerichtspräsidiinn angeregt, von diesem aber durch Beschlust vom 9. Dezember 1893 abgelehnt worden.„Demnächst hahe ich anstcrhnlb jener Sitzung mich f r e i lv i l l i g zur Nebcrnahme einer Civilkamincr erboten. Dies geschah aus Gründen, die austcrhalb meiner Person lagen... Zu' meinem Abschied, den ich zehn Tage später erbat, bestimmten mich die M o t i v e jener An reg nng, meine unfreiwillige Versetzung an eine Civilkammer herbeizuführen, die ich unter anderen Umständen als einen Vorzug angesehen hätte." „Privatvermögen besitze ich in so geringem Umfange, dast die Ver- bindung mit' den Schicksalsschlägcn, die meine Familie neuer- dings getroffen, mich in eine recht wenig günstige iiiatcricllc Lebens- läge versetzt hat." Seinen Abschied erhielt Direktor Schmidt im März 1894. Ein Stück ScrviliSmns, das wir in Berliner CentrumS- kreisen kaum für möglich gehalten hätten, tischt die ultramontane „Rh. Volksstimme" in Düsseldorf als Zuschrift eines Berliner Lehrers ihren Gläubigen auf. Das Elaborat beginnt: „Die hochherzige, entschiedene Zurückweisung der gemeinen Beleidigungen, die ein hiesiger Stadtverordneter und Jude sich erlaubt hat, hat lauten Wiederhall in den Herzen aller braven deutschen Katholiken gefunden und voll Freude legen wir unseren tiefften Dank unserer geliebten Herrscherin an den Stufen des Thrones zu Füsten. Fürwahr, wir können uns glücklich schätzen eine edle Fürstin zu haben, die ans dem mächtigsten Kaiserthron der Erde sitzend, in einer Zeit der Gottlosigkeit und des Unglaubens das Bild einer echten christlichen Frau, ein leuchtendes Vorbild aller christlichen Tugenden ist. Gott segne, schütze und erhalte unsere edle Kaiserin für und für, so beten wir aus ganzem Herzen. Jeder Unparteiische wird gestehen müssen, dast dies beinahe noch über das„Kl. Journal" geht. Der Berliner Leser des Zentrums- blattes schimpft dann heillos über Magistrat und Stadtverordnete und kennzeichnet seine Geistesverfassung durch folgende Leistung: „Man sollte meinen, die Gemciiiheiteii der Berliner Judcnblätter, die schcustlichen R i t u a l m o r d e an unschuldigen armen Christen- lindern in dem benachbarten Kaiserstaate, hätten sie aus ihrem Schlummer aufgeweckt." Holde Einfalt. In einer Besprechung de? am Sonntag von uns veröffentlichten Reichsgerichts- Urteils gegen den'„Lokal- Anzeiger" meint die katholische„Märk. Volks-Ztg.":„Hoffentlich werden jetzt für die Folge die vielen z w e i d e u t i g e n I n s e r a t es, womit gerade die sog. färb- und parteilosen Blätter ihre Spalten füllen, und die offenbar nur eine Förderung der U n s i t t l i ch k e i t in raffinierter Weise bezwecken, nach und nach aus den betreffenden Zeitungen verschwinden." Falls daS fromme Blatt sich erkühnt, das Verschwindenlassen unsittlicher Annoncn von der sittlichen Einkehr der staatsstützendcn und ordensgeschmückten Zeitungsunternehmer, unparteiischen und recht oft auch liberalen Kalibers, zu erhoffen, so dürfte es arg auf dem Holzwege sein. Kuppelei- und andere Unzuchtiuserate gehören zum W e s e ii der genannten Presse und ohne solche Anzeigen würde diese Presse eine erhebliche Wertverrinacruna erleiden.'Wohlverstanden eine Wertvcrringcrung pekuniärer Art. Moralische Bewertungen sind bei solchen Geschäftsunternehmungen ja an sich nicht angängig. Aufgaben der evangelischen Kirche. Die„Nordd. Allgem. Ztg." berichtet: Fürbitten für«ine glückliche Entbindung der Frau Prinzessin Heinrich von Preußen sind seitens des evangelischen O b e r- i r ch e n r a t s für die evangelische Kirche der Monarchie auf Grund der ihm vom Kaiser erteilten Ermächtigung angeordnet worden. Mit der Kuppelei- Rffaire in der Wilhelmstrasie steht offenbar die Meldung eines hiesigen Blattes in Verbindung:„Unter dem Verdacht, schwerer sittlicher V e r g e h u n'g e n sich schuldig gemacht zn haben, ist ein Mitglied unserer ersten Gesellschaftskreise verhaftet worden. MS Modelle suchender Maler lockte er durch öffentliche Anzeige junge Mädchen in seine Netze. Die Ermittlnng dieses„Malers" war der Kriminalpolizei erst nach schweren Mühen gelungen. Eine der Frauen, die dem Lüstling Handlangerdienste leistete,' ist gleichfalls in Haft genommen worden." Warum der Name des„hochgeborenen" Verbrechers wohl nicht genannt wird? Nach anderer Meinung soll der Verhaftete ein Bankier sein. Er wurde zunächst noch auf freiem Fuße belassen, da Fluchtverdacht nicht vorzuliegen schien. Vorgestern wurde er jedoch in Haft ge- nonimen, da ivohl Anzeichen dafür gesprochen haben mögen, dast er versuchen werde, sich durch die Flucht der Bestrafung zu ent- ziehen. Das Ehepaar Gönczi wird jetzt täglich dem Untersnchunos- richtcr, Landgerichtsrat Herr zur Bernchmung vorgeführt. Die Er- gcbnisse der 6—7 Stunden lang währenden Verhöre sind insofern bedeutsam, als die beiden Gatten, die natürlich nur getrennt vor- geführt werden, sich vielfach wiedersprechen. In seinen Antworten ist Gönczi ziemlich bestimmt. Er beschuldigt nach wie vor den un- bekannten Weinhäudler des Mordes, vermag jedoch über den Wem- Händler nichts Genaueres anzugehen, wiewohl er mit ihm an- geblich in der Küniggrätzerstratze gemeinsam ein Geschäft eröffnen wollte. Bezüglich des Telegramms aus Hannover, des Sandanfahrens nach dem Keller, der Anbringung eines besonderen Vorlege- schlosscs an demselben ist G. noch nicht befragt worden. Gönczi hat hingegen zugegeben, dast er das Gerücht von der Pariser Reise der Frau Schultze und deren Tochter verbreitet habe, jedoch sei er nur durch den Weinhäudler, der mit Frail Sch. bekannt gewesen, dazu veranlaßt worden. Frau Gönczi, die natürlich von ihrem Manne getrennt ist und mit diesem nie in Berührung kommt, wird regelmästig nach ihm vernommen. Auch gestern war sie einem mehrstündigen Verhör unterworfen. Sie bc- streitet, von der Pariser Reise Kenntnis gehabt zu haben und ebenso- wenig will sie davon etwas wissen, dast ihr Mann in der Königgrätzer- straste ein Wcingcschäft eröffnen wollte. Bermiflt wird seit dem 13. d. M. der 23 Jahre alte Porzellan- malcr Richard Böttcher. Derselbe verliest am geiianiiten Tage früh die elterliche Wohuuiig, wurde am selben Abend i»n 11 llhr noch in einem Restaurant i'u der Fricdrichstraste gesehen und ist seitdem verschollen. Alle polizeilichen Nachforschungen haben bisher noch zu keinem Resultat geführt. Da derselbe nur' wenig Barmittel bei sich hatte, so wird angenommen, dast ihm ein Unglück zugestoßen ist. Bekleidet war er niit einem dunkelbraunen Anzug und modcfarbcnem Svnimcrübcrzicher, und besitzt außerdem noch als ganz besonderes Erkennungszeichen aus der rechten Backe eine tiefe Narbe. Nach- richten erbitten die Eltern, Böttcher, Pcrlcbcrgerstrnstc 46, oder O. Reinhard, Drchfcstr. 14. Einbrecher haben in der Nacht zum Dienstag die Restauration von Busckow, Krautstr. 6, hcimgesuchr. Die Diebe stahlen 236 M. an Geld, sowie Cigarrcn, Billardbälle und Getränke.. Briefmarkcn-Dicbstahl. Wie die Londoner Polizeibehörde der hiesigen Kriniinalpolizei am Montag mitteilte, ist in der englischen Hauptstadt eine Markensammlung im Werte von 26 146 Mark ge- stöhlen worden. Der Dieb hat sich veiinutlich nach Deutschland ge- flüchtet nnd wird hier versuchen, die Marken in einzelnen Partien zu verkaufen. Die Sammlung besteht vorwiegend aus Marken Grost- britanniens und den englischen Kolonien. Das Gerücht von einem Brande in der Schcringscheu Fabrik war hellte vormittag in der Stadt verbreitet, aber durchaus unbegründet. Ei» Opfer dcS Slrastenverkehrs ist gestern mittag der sechs- ährige Sohn Otto des Maurers Martin ans der Rüdersdorferstr. 7 gcivordcn. Der Knabe spielte mit mehreren anderen an der Ecke der Rüdersdorfer- und Fruchtstraste. Als er einem Schlächterwagen aus- weichen wollte, kam aus der anderen Richtung ein bcladener Wagen eines Bierverlegers gefahren. Der Kleine geriet nun in Ver- wirrnng und lies in seiner Angst gerade vor die Pferde des Bier« Wagens. Der Kutscher konnte nicht mehr anhalten oder ausweichen, die Pferde raimten den Unglücklichen um und traten ihn mit den Hufen und ein Rad des schweren Wagens ging dann über ihn hin- weg und zerschmetterte ihm den Kopf. Ein Mann ans dem Publikum raffte den regungslos Daliegenden auf, trug ihn auf einen Armen in eine Droschke und fuhr mit ihm»ach der Unfall- station ani Grüncii Weg. Hier konnten jedoch die Aerzte nur uoch feststellen, dast der Verunglückte bereits gestorben war. Bei Gelegenheit der in der„Urania" veranstalteten Ccntennar- Vorträge wird Professor Neriist aus Göttingen sein neueS elektrisches Licht zum crstenmale vor der gröberen Oessentlichleit vorführen, und zwar in dem am Mittwochabend stattfindenden Vortrage„Die Entwicklung des Be- leuchtuiigsweseus im 19. Jahrhundert". Eine Wiederholung dcS Vortrages findet am Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, statt. airn 30. Beobachtnngsabend des„Vereins von Freunden der Treptow-Sternwarte" werden der Doppelstern Mizar von 6 bis 9 Uhr abends und der Orionnebel von 9 bis 11 Uhr nachts mit dem Ricscnresrattor beobachtet. Da der Verein jetzt bereits über 399 Mitglieder j ähtt, sind für die Beobachtung Mittwoch, der 29. November, Donnerstag, der 39. November, und Montag, der 4. Dezember, angesetzt. Aus de» Nachbarorte». Die Arbeitcriiiiie» vo» Charlottcnburg werden auf die am Donnerstag in der Gambriiius-Brauerei, Wallstr. 94, stattfindende öffentliche Versammlung hingelvieseil, in der Reichstags« Abgeordneter Wurm über Arbcitcrinnenschntz sprechen wird. Spauda». Sointtagmorgcn 7 Uhr findet zu der bcvorstchciidcn Stichwahl zur Stadtverordneten- Versammliiiig eine Flugblatt- Verbreitung statt. Die Parteigenossen werden ersucht, sich recht zahlreich zn beteiligen und morgens 7 Uhr entweder bei ihren Be- zirksführern oder im Restanrant Kumke(Diicksch), Bismarckstr. 6, zn erscheinen. Banmschnlenweg. Heute abend spricht Frau E. Ihrer bei Ackermann über:„Die Grundlagen für Freiheit und Bildung". Be- 'ondcrs werden hierzu alle Frauen eingeladen. Charlottcnburg. Ueber das Ergebnis der Stichwahlen zur S t a d t v c r o r d n e t e n- V e r s a m m l n n g haben wir gestcnl bereits kurz berichtet. Wir lassen nunmehr das amtliche Resultat und zum Vergleich auch die Resultate der Hauptwahl vom 7. November olgen. Im 4. Bezirk erhielt bei der Hauptwahl Schar nberg sSoc.) 461, Förstner(Alt-Charlottenbiirg) 467, zersplittert waren 6 Stimmen. In der Stichwahl entfielen auf Scharnberg 618, auf Förstner 766 Stimmen. Im 5. Bezirk, wo 2 Kandidaten zu wählen sind, erhielten bei der Hanptwnhl Sellin sSoc.) 563, Dr. Borchardt(Soc.) 566, die Liberalen Otto und Münch 435 bezw. 433, die Konservativen Lähm und Tu derma nn 163 bezw. 163 Stimmen. In der Stichwahl unterlassen die Socialdemokrnten mit 770 Stimmen den Liberalen, die mit Unterstützung der übrigen bürgerlichen Parteien 847 Stimmen auf sich vereinigten. Im 6. Bezirk erhielt bei der Hauptwahl N e i n k e(Soz.) 357, Dr. P e n z i g ffrcis.) 541 uird K n a k(kons.) 479 Stimmen. Bei der Stichwahl traten die Socialdcmokratcn für Dr. Pciizig ein. der mit 863 Stimmen über den Konservativen Knak siegte. Letzterer erhielt nur 655 Stimmen. Die Wahlen haben von neuem den Beweis gebracht, daß wir uns niemals ans die Stichwahlen verlassen dürfen, sondern bereits bei der Hauptwahl alle Kräfte mobil machen müssen. Wäre mn 7. November auch mir ein kleiner Teil derjenigen Genossen, die erst in der Stichwahl von ihrem Wahlrecht Gebrauch niachtcn, an die Wahlunie getreten, so wäre uns der Sieg zugefallen. So aber unterlagen wir trotz des kolossalen Stimmeiizuwächses in der Stich wähl, Ivo die bürgerlichen Parteien vereint mit Hochdruck gegen die Soeialdemokratie arbeiteten. iFn der Strafsache gegen den ReichSglockner G e h I s e n und Genossen wegen Erpressung ec. ist nunmehr die Hanptverhandlnng auf den 28. Dezember, nachmittags 1 Uhr. vor der II. Strafkammer des Landgerichts II, Saal 162, anberaumt worden. Rixdorf. Die hiesige Stadtverordneten- Versa mm- t U n g wird sich an« Donnerstag mit den städtischen Einrichtungen zur Krankenpflege zn beschäftigen haben. Der Magistrat hat den Antrag gestellt, die Versonimlung möge den Ankauf und die voll- ständige Einrichtung einer Döckerschcn Baracke und deren Anfstcllung auf dem Grundstücke der Krankcii anstatt genehmigen und hierfür einen vorschußweise zu zahlenden Betrag in Höhe von 16 000 Mark bewilligen. Die Baracke soll znr Aufnahme von 24 Betten ge- eignet sein. Behufs Erörterung der Uebernahme der Müllabfuhr in städtische Regie wünscht der Magistrat die Niedcrsetzuug einer gemischten Deputation. Die Angelegenheit wird ebenfalls am Donnerstag verhandelt werden. Die Stadt hat einen eigenen Müll abladeplatz, er wird jedoch von den Unternchmeni wenig benutzt. Die Konimisfion soll sich vor allem mit der Frage beschäftigen, ob von der Ucbeniahme des AbfuhrwcseuS nicht eine wesentliche Er höhung der Einnahmen zu erwarten sei. Schvncberg. Mit der Erhöhung der Mietscntschädi- gung für dieLehrer beschäftigten sich am Montag unsere Stadtverordneten. Die Lehrer hatte» Anfang dieses Jahres eine Petition an die Stadtverordneten gerichtet, in' der sie nm eine Erhöhung der Mictscntschädiguug baten. Begründet wurde dieses Gesuch niit dem Hinweis der rapid steigenden Wohnnngsmietcn, die im April d. I. thatsächlich durchgängig zu verzeichnen waren. Unsere Stadtväter waren anderer Meimmg. Sie verneinten eine allgemeine Steigerung der Mieten und vertrösteten die Petenten auf den Oktobcrtermin mit der Motivierung, daß man erst die Oktober« steigerung abwarten wolle, um das Gesuch genehmigen zu können. Die Lehrer haben nunmehr ihren Wunsch wiederholt, indem fie gleichzeitig nachwiesen, daß von den Lehrern, deren Kontrakt jetzt abgelaufen, der größte Teil gesteigert worden sei. Der Bürgermeister Wilde sowohl als auch der Kämmerer Dr. Gerhardt betonten, daß man für solche Zwecke Geld zur Verfügung habe. Es empfehle sich jedoch nicht, dies in der Weise zu thun, wie dies von dem Stadtv. Dr. Richter vorgeschlagen, in Form einer TcucrnngSznlage zu machen; das würde ein allgemeines Kopfschüttcln verursachen. Einen Eiertanz zierlichster Art führte der Stadtv. Dr. Richter auf. Der Herr, der schon des öfteren in nnscren Versammlungen seine„Volksfrcundlichkeit" betonte, bcwicS auch hier wiederum seine Vielseitigkeit. Er versicherte die Lehrer seiner Sympathie, aber— die Finanzlage müsse auch beachtet werden. Schaue man auf das reiche Eharlottenbnrg, dessen Lehrerbesoldnng erst an dreizehnter Stelle komnw. Unser Parteigenosse Obst forderte dringend, die von jener Seite versuchte Berschleppnngstheorie zu durchkreuzen. Achnlich äußerte sich Waßmannsdorf. Unter dem Eindruck der gepflogene» Vcr- Handlungen gelangte ein Antrag Waßmannsdorf,„denjenigen Lehrern, die einen eigenen Hausstand haben, eine Mietsentschädigung von 650 Mark, denjenigen Lehrern und Lehrerinnen, die keinen eigenen Hausstand haben, 400 Mark zn bewilligen," zur Annahme. Ein von den Stadtverordneten Müller lind Genossen gestellter Antrag:„Die Erhebung des Steuersatzes von 2,40 M.(Jahreseinkommen von über 420— 600 M.) zn unterlassen", fand die.Ziistimnunig der Stadtverordneten und des Magistrats. In Tempclhof hat die Gemeindevertretung in ihrer letzten 'Sitzung einen Pachtvertrag genehmigt, der zwischen dem Gemeinde« vorstand und derTerraiiig'cscllschaft wegen Errichtung eines Müll- ablade-Platzes vereinbart worden ivar.— Für die von der Gemeinde ausgeführten E n t w ä s s e r n n g s-Anlagen solle» 25 M. pro laufender Meter Straßenfront erhoben werden. Die 5kaiialisationsgcbühr wurde auf SVe Proc. des Nutziingdwcrtcs eines jeden Grundstücks festgesetzt.— Die Gendarmerie am Orte ist nm einen Obcrwachtmeister und einen Gendarm verstärkt worden, auch hat man einen Krimiiialschntzmann am Orte stationiert. Die Angelegenheit Ivegen Erlaß einer Polizciverordnnng betr. Regelung der gewerblichen Arbeit von Schulkindern wurde einer Äom- Mission überwiese», die ans dem Schöffen Eckert und den Gemcinde- vertrctcru Hahn und Schwartz besteht. Eine Petition, die eine solche Behandlung der Sache verlangte, war vom Arbeiter- B i l d n n g s v e r e i n an die Gemeindevertretung gerichtet worden. Sonst ist es immer üblich, daß die Namen solcher Petenten ans der Tagcsordnnug der Sitzung genannt werden. Diesmal machte man eine Ausnahme von diesem Brauch. Warum wohl? Bei allen Lohnbewegungen ist der Grundsatz befolgt worden, den Unternehmern die Forderungen 1 bi§ 4 Monate vor Eintritt in die Bewegung zu unterbreiten. Die Taktik hatte zur Folge, daß die Unternehmer in 25 Orten mit den Arbeitern in Verhandlungen ein- traten, die in 16 Orten zu einer Einigung führten. In 27 Orten kam es zum Streik, der in 20 Fällen mit einem vollen, in 6 Fällen mit teilweise»» und in einem Falle ohne Erfolg endete. Zwei Ans- spcrrungcn(Berlin und Werneuchen) endeten' mtt einem Erfolge der Arbeiter.— I» 8 Fällen lehnten die Unternehmer die Verhand Inngen ab, in 4 Orten gaben sie zwar de» Arbeitern keine Antwort, bewilligten aber stillschweigend die Forderungen. I» 4 Fällen wurden die Forderungen durch einige Bauspcrrcn erreicht. In acht Orten trat die crwaricte Konjunktnr nicht ein, weshalb die Arbeiter ans die Durchführung ihrer Fordeningen verzichteten. In den übrigen 10 Orten traute man der jungen Organisation den Kampf nicht zu — Wegen Maßregelung, Lohnabzug ec. fanden in 9 Orten(ohne Berlin) 31 Bansperren statt, an denen 302 Maurer beteiligt waren. In 59 Orten bestehen Organisationen der Unternehmer, und zwar 53 Innungen und 11 Verbände. Von 17 bestehenden Gesellen Ausschüssen sind' 10 durch organisierte Kollegen, 7 durch Poliere und unorganisierte Maurer besetzt. Banarbeiterschutz-Kommiisionen sind vorhanden in 23 Orten, Polizeiverordnnngen, welche sich ans Bau ausfühnnig, zum Teil auch auf Arbeiterschntz-Vorschriftcn erstrecken, in 43 Orten. Gegenseitigkeitsverträge zwischen Arbeitern und Unter nehmern sind in 20 Orten in Kraft.— Ans 64 Orten sind Lohn bewegnngen snr das kommende Jahr angemeldet worden. lieber die Bewegung der Lohnhöhe' und der Arbeitszeit in den beiden letzten Jahren gicbt folgende Zusammenstellung Aufschluß: Versernttnlnttgvn. Proviuzial-Konfercuz der Maurer. Am Soimtag tagte hier in Cohns Saal eine Konferenz, die sich ans Delegierten der in der Provinz Brandenburg bestehenden Zahl- stellen des Central-VcrbandcS der Maurer zusammensetzte. Als erster Punkt stand der Geschäftsbericht der Agitation?- kommission der Provinz Brandenburg auf der Tagesordnung. Der Referent Silberschmidt führte hierzu ans: Ter Bericht erstreckt sich ans einen Zeitraum von 9l/s Monaten.(19. Februar bis 26. November d. I.) Die gute Geschäftslage im Baugewerbe brachte es mtt sich, daß eine große Anzahl von Lohiibewcining'cn in der Provinz stattfanden, welche die Thätigkcit der Kommission in hohem Grade in Anspruch nähme». Die Lohnbewegungen machten 128 Versammlungen und Sitzungen notwendig. Wegen der vielen Lohnbewegungen konnte die agitaiorische Arbeit nicht so gefördert werden, wie man eS wünschen konnte, nmnerhiu ist auch auf diesem Gebiet Erfreuliches geleistet worden, denn der Agitation waren 396 Versammlungen gewidmet, zu denen die Kommission in 164 Fällen Referenten stellte.— In 21, über die ganze Provinz verbreiteten Bezirken sind Kreis-VertraucnSlcnte eingesetzt worden, die eine segensreiche, die Interessen des Verbandes(ördernde Thätigkeit entfaltet haben, indem mit ihrer Hilfe 18 neue Zahlstellen gebildet wurden.— In der Zeit, die der Bericht umfaßt, sande» 66 Lohnbewegungen statt. Dieselben verliefen in folgender Weise: Lohnerhöhung wurde in 54 Orten gefordert, in 51 Orten durchgesetzt. Verkürzung der Arbeits- zeit ist in 30 Orten gefordert, in 20 Orten erreicht worden. Die Abschaffung der Accordarbeit wurde in einem Orte verlangt und auch durchgesetzt. Verbesserung der Rüstungen, Baubuden«, ist in 11 Orten gefordert, in 16 Orten verlangt worden. Regelung des Arbeitszeit- tarifs ist in einem Orte verlangt und bewilligt worden. Verkürzung der Arbeitszeit am Tage vor Sonn- und Festtage» ist in 10 Orten gefordert, in 9 Orten durchgesetzt worden. Lohuanfsthlag für lieber- stunden und Nachtarbeit ist in 9 Orten verlangt, in 8 Orten erreicht. Die Anerkennung der Organisation wurde in 6 Orten gefordert, in 4 Orten erlangt.' Ilm verschiedene Nebenfordernngen handelte es sich in 22 Orten, von denen in 17 Orten die Forderungen bewilligt wurden.— Arbeitszeit Im Jahre 1898, Orte Im Jahre 1899, Orte «S G G 26 22 Die Erfolge, welche hinsichtlich der Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Provinz erreicht wurden, sind sehr bc deutende, jedoch ist dabei zu berücksichtigen, daß es sich meistens nm Wicdcrcrrcichung der Bedingungen handelte, die früher schon bc standen und in anderen Provinzen schon länger in Geltung sind. Die Lohnbewegungen des letzten Jahres haben 6317 Maurer» (darunter 1600 Putzer) in der Provinz Lohn- Anfbesscrungen gebracht. Einschließlich der 9000 Berliner, die ebenfalls eine Verbcffcrinig ihrer Lage erreicht haben, sind es also 15 317 Kollegen, die eine Lolmerhöhiing zu verzeichnen haben. 2488 Kollegen haben eine Verkürzung der Arbeitszeit erlangt. Am 19. Februar hatte der Verband in der Provinz Branden- bnrg 109 Zahlstellen, jetzt sind eS deren 142 mit 14 253 Mitgliedern. Den Kassenbericht erstattete B a g a n z: Die Einnahmen der Kommission betragen 2546,09 M., die Ausgaben 2033,49 M., der Bestand 512,60 M.' Ohne wesentliche Debatte wurde die Agitaffouskommission entlastet. Eine längere Aussprache rief der folgende Punkt der TagcS- ordilnng hervor: Lohllbclvcgnngcn, Streiks, Agitation. Die Vertreter der Kommission betonten besonders, daß man sich erst dann in Lohn- bcwegimgen einlassen solle, wenn nach reiflicher Prüsnng der Sach- läge ein Erfolg zn erwarten sei. Man möge sich hüten, Forderungen zu stellen, deren Durchführung nnssichtslos sei. Sympathiestreiks zu Gunsten anderer Gruppen des Baugewerbes seien nicht unter allen Umständen zu billigen, eS muffe in jedem einzelnen Fall sorgfältig erwogen werden, ob ein solcher Sympathiestreik den gewünschten Erfolg haben werde. Vor allen Dingen müsse den Kollegen geraten werden, sich vor Eintritt in die Bewegung mit dem Vorstand und der Kommission in Vcr- bindung zu setzen. Weiter solle gewarnt werden; vor nnüberlegten Bausperrcn. Ehe zum Streik geschritten werde, müsse eine friedliche Vcreinbanmg mit den Unternchincrir verflicht werden, damit solle jedoch nicht gesagt werden, daß die Kommission ans dem Hannonie- standpinlktc stehe. Der thatsächlich bestehende Klassengegensatz werde durch derartige Vereinbarungen nicht verwischt und der Klassenkampf der Arbeiter nicht beeinträchtigt. Die Diskussion ergab im allgemeinen— abgesehen von einzelnen Mißpersläudnissen— Uebercinslimmung mit den Ansichten der Konimission.— Zu diesem Punkt wurden folgende Anträge an- genonrmcu: 1. Zur Lohnbewegung im Jahre 1900 beschließt die Konferenz: Bezüglich der Einsenonug der Forderungen, Vorbereitung von Streiks und Bausperren in der Provinz wollen die Kollegen in Zukunft genau dem Statut und den Raischlägen, welche� der Vor- stand durch Rundschreiben den Zahlstellen gicbt. Folge leisten. 2. Da die Einsetztmg der Kreisvertrauenslcute und ihre Thätig- keit ans die Ausbreitung und Bcfestignng der Organisation einen sehr günstigen Einfluß ausgeübt hat, beschließt die Ronscrenz. dieses System noch mehr ansznbnucn. Den Zahlstellen ist daher zn empfehlen, mit ihren kleineren Wünschen bezüglich der Agitation und Organisation, Rat und Hilfe(besonders der Arboitsloienstatistil und Referenten zn Sitzungen und kleineren Besprechungen. Kasscnrevisionen lind Bersammlimgeii) sich zunächst an ihre VertvauenSleute ihres Bezirks zu ivendcii. Di« VcrtrauenSIente baben auch in Zukunft streng nach dem Absatz 3 der Resolnlion von der 4, Konferenz(stehe Seite 15 des Protokolls) zu handeln. Besondere Slufmcrffamkctt haben sie dem Ausbau der Organisation nnd ihrer inneren Befestigmig zuznlvcnden. 3. Da die Provinz Brandenbrlrg eine große Ausdchimng hat nnd einzelne Kreise mir mit großem Aufwand an Zeit und Geld zu erreichen sind, beschließt die 5. Konferenz, im Einverständnis mit den, Generalbevollmächtigten, die Kreise Prenzlau, Königsberg i. R.. Soldin und Aniswalde der AgitationSkommisfion Pommern zn über- weisen. 4. Die Konferenz beschließt, den Generalbevollmächtigten zu ersuchen, auch in Znkuust bei der fliegenden Agitation die Provinz Brandenburg zu berücksichtigen. Die MaudatSprüfmigs- Kommission berichtet, daß auf der Konferenz 109 Orte durch 125 Delegierte vertreten sind. Fenier sind anwesend Vertreter des Agitationsbezirkes Halle und Stettin, sowie zahlreiche Kreisvertrauensmäimer und die Agitationskommisfion für Brandenburg. Nach der Mittagspause wurde der Punkt: Streikfonds und Streikunterstützung debattiert. Der Referent Krü g e r-Friedrichshagen sprach sich für Einführung obligatorischer Beiträge zum Streikfonds aus. Verschiedene Redner stimmten dem zn. Ferner lag zu diesem Punkt ein Schreiben vor, worin mehrere Zahlstellen aus dem Osten der Provinz wünschen, daß die auswärtigen Kollegen, die bei einem Streik Berlin verlassen, die Strcikiinterstütznng erhalten. Dieses Ver« langen wurde von nichreren Seiten als unangemcsicn bezeichnet. Nur einzelne Redner erklärten sich bedingungsweise dafiir. Ein Bc- schluß wurde über diese Angelegenheit nicht gefaßt. Angenommen wurden folgende Antrage: Die Konferenz steht grundsätzlich auf dem Standpunkt, daß die Beiträge zum Streik- fondS, wo eS irgend möglich ist, in den Zahlstellen obligatorisch einzuführen sind. Den Strcikfondsbeittag hat jedes Mitglied an seinem Arbeitsort zu entrichten. Die Form der Unterstützung bei Streiks überläßt die Konferenz dem nächsten Verbandstage. Die Kollegen der Provinz Brandenburg sind gehalten, an ihrem Hcimatsort denjenigen Verbandsbcitrag zu zahlen, welchen sie laut Statut bezüglich des Tagesverdienstes am Arbeitsort zu zahlen vcr- pflichtet sind. Hierauf referierte Hanke- Berlin über das Jnnungsgesetz. Er empfahl namens der Kommission, daß überall, wo seitens der Innung ein GesellcnauSschuß eingesetzt wird, dafür zu sorgen ist, daß organisierte Kollegen in den Ausschuß gewählt werden. Zinn nächsten Punkt der Tagesordnung:„Arbeitslosen-Unter- stützung", führte der Referent S i l b e r s ch m i d t ans: Die Lohn- fordenmgen der Maurer werden von gegnerischer Seite nicht selten als zu weitgehend bezeichnet. Man rechnet einfach den Stunden- bezw. Tagelohn das ganze Jahr hindurch und kommt dann zu einem recht hübschen Jahreseinkommen, welches die Maurer aber, infolge ihrer anSgedchnten Arbeitslosigkeit niemals haben. Zur Begrün- dung von' Lohnfordcningcn ist deshalb eine statistische Erhebung über die Ansdchmmg der Arbeitslosigkeit von großem Werth. Die Statistik würde aber auch Material liefern für die Beantwortung der Frage, ob die von vielen Kollegen gewünschte und vom nächsten Verbondstage zu erörternde Arbeitslosemmterstützuiig für das Maurer- gcwerbe durchführbar ist. Der Vorstand hat aus diesen Gründen beschlossen, in den nächsten vier Monaten eine Statistik über die Arbeitslosigkeit sowie über die sociale Lage der Maurer zu erheben. Redner erläuterte die Aufgaben, welche den Mitgliedern bei Aus- füll mi g der Fragebogen obliegen und ersuchte um rege und gewissen- haste'Teilnahme an diesen Arbeiten. Nunmehr folgte die Beratung verschiedener Anträge. ES wurde über die Frage debattiert, ob die Zahlstellen zu regelmäßigen Beiträgen zur Provinzial-Agitation verpflichtet werden sollen, da die freiwilligen Beiträge seicher mir in geringem Maße ein- gegangen sind. Hierzu wurde folgender Antrag der Kommission an- genommen:, 1. Der Beitrag zur Bestreitung der Agitation in der Probinz soll in Zukunft für alle Zahlstellen ein obligatorischer sein; derselbe beträgt pro Quartal und Mitglied 5 Pf. und ist am Schlüsse eines jeden Quartals an den Kassierer der Agitatioiiskommission abzuführen: 2. vorstehender Beschluß hat bis zum 1. Oktober 1899 rückwirkende Kraft. In die Agitationslommission. die ihren Sitz in Berlin behält, wurden gewählt: Wuudcrsee, Nicke, Wich. Schulze-Eharlottenbnrg, Franz Schulz, Vagauz. Wich. Schulz, Wilh. Fritzsch. Silbcrschmidt, der wegen lieber- losiung mit anderen Arbeiten eine Wiederwahl ablehnte, erllärte, seine Kraft, so weit möglich, auch ferner der Äoinunssion zur Wer- fügung zu stellen. Als Revisoren wurden Behrcud-WiluicrSdorf und Jänsch-Rixdorf gewählt. Damit ist die Tagesordnung erledigt. Zum Schluß richtete Silberschmidt eine Ansprache an die De- legierten, in der er auf die reaktionären Unterdrückungsversuche des UiNcriiehincrlums hinwies und an die thatkräftige Mitarbeit aller Kollegen im Kampfe für die Interessen der Organisation appellierte. VermiMxkes. IIS Wohnhäuser eingeäschert. Ein verheerender Brand hat, wie man ans Warschau, 27. November, berichtet, in der Stadt Lesoge, Gouvernement Nadom, 112 Wohnhäuser eingeäschert. Das Elend unter den Abgebrannten ist entsetzlich. Ein der Brand- stiftnng verdächtiges Jndividmim wurde verhaftet. Cin fnrchtbarcö Eiscnbahminglück hat sich ans der mandschu-- rischcn Bahn ereignet. Ans sechs Plattformen, die schwer mit Eisen- platte» beladen, erwartete auf jeder Plattform je ein Arbeiter die Lokomotive an einer Stelle, wo der Weg abschüssig war. An den Plattformen oder Lowries fehlten alle Brems- Vorrichtungen. Sobald iiim die Lokomotive mit Kraft gegen die Waggons rannte, nm angekoppelt z» werden, gerieten die Lowries ofort in Bewegung und rollten mit Vehcnienz den Abhang hinunter. 75 Werst sausten sie eine Stunde lang dahin bis zu einer Biegmiß. wo durch die heftige Erschüitcrnng sämtliche WagonS zur Entgleisung kanten; 30 Menschen sind dabei umgekommen, vielen wurden einzelne Gliedmaßen direkt abgetrennt. Paffagiere, die während der Fahrt abzuspringen versuchten, blieben teils tot, teils schwer verletzt auf dem Geleise' liegen und wurden erst später auf- gefunden. Ter Direktor der Belgrader Vcrzchrungöstcuer Milan Snnitsch wurde wegen Unterschlagung verhaftet. Die Summe über- 'teigt nach den bisherigen Nachforschungen schon 100 000 Fr. Markipreisc no» Berlin am 27. November 180S nach Eniiilltliivge» dcS lgl. Pulizcipräsidiums. Meizcu D-Ctr. 15,— 13,80 Mogge»„ 14,30 13,50 Fniicl-.iLerfle, 13,90 13,— Hafer gut„ 15,20 14,50 „ inNlel„ 14,40 13,70 „ gering. 13,60 13.— Nichtstroh. 4,— 3,50 Heu. 6,80 4,20 4)Erbs-u, 40,- 25,- ")Spcilebohlien. 50,— 25,— sLlnscn„ 70,— 30,— Kartoffeln, neue„ 7,— 5,— iiiindlleifch, Kenl« Ikg 1,00 1,20 60. Bauch„ 1,20 1,— «1 Ermittelt pro Tonne von der Schweinefleisch Kalbfleisch Haiumclflcisch Butter El« Karpseu Aale Zander Heckte Barsch« Schleie Bleie Krebs« lig 60 Sttick 1kg per Schock 1,60 1,80 1,60 2,80 6,- 2,20 2,80 2,50 1,80 1,60 2,80 1,20 12,- 1,10 1,- 1,- 2,- 2,80 1,20 7,40 1.-7 0,80 1,40 0,80 3,- Centralstell« der Prenb Landivirt- chastölammer»- Sivliermigsslelle-»ud»»igerechnet vom Polijeipräffdium nr den Doppel-Ceiitner.-s) Kleiilhaudelspreise. Produkten markt vom 28, November. Auch heute war der Gc- treidemarlt wieder durch mannigfache Momente ungünstig beeinflußt und blieb durchweg matt. Nordamerika, wo eine ungewöhnlich starte Zunahme der visidlo suppig um fast 2 Millionen BushelS einen empfindlichen Preis- druck ausübte, meldet ausgesprochen flaue Tendenz. Dazu kam die reiche Erntcschätznng«lustraliens, welche sich deisenigen An,e»tiiiiens anschloß und die Kanflufl vollkommen unterdrückte. Auch das Julaiid-Aiigebot machte fich wieder stärter geltend, otwe jedoch Anfiiaboie zu finden. Weizen und Roggen warm über 0,50 M. billiger angeboten. Hafer lag infolge mmigeiuden Äonfuuibedarfs gleichfalls matt. Riiböl still, wenig verändert. Ain S p i r i t u s m a r I t gab der LocopreiS weitere 0,20 M. nach. 70er stellte sich bei einige» Umsätzen auf 47.10 M. Terunne nomwell un- verändert.-- Briefkasten der Redaktwn. Die juristische Sprechstunde findet Montag. DienStag uud Freitag von 6—8 Uhr abendS statt. SchwedenhShe. Wir haben leine Zeit, Ihnen derartige» Material zufaulmcnzufnchen. Wenden Sie flch an die Cmtral-Kranlenkaff« der Maurer „Gruiidftein zur Einigkeit" in Hamburg... Landbrief trager. Sie erhalten briefliche Auskunft durch unser Sekretariat._ rstllcrnngSiiberstcht vom 28. November I8VV, niorgenS 8 Ilhr. Stationcu Ii l| e>et Swinemde Hamburg Berlin Wieöbadm München Wie» 3 S 764 W 769 W 768 W 775 SW 776 SW 771, W Wetter 5 wolkig 2'bedeckt öbedcckt 4 bedeckt 3'b-deckt 6,bedeckt Wetter heiter d»« s- -5 12 13 Wetter-Proguojc für Dienstag, den 29. November 1899. Ziemlich warm, zeitweise aufklärend, vorwiegend trübe mit leichten Regenfällen und frischen westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Verantwortlicher Redactenr! Panl John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Mar Badfna in Berlin.