Anterhaltnngsblatt des Horwärls Nr. 99. Donnerstag, den 24. Mai. 1906 17] Slncr JMuttcr Sohn» (Nachdruck verboten.) Roman von ClaraViebig, Aber Kate wollte, sie mußte auch seinen Schlaf bewachen. Oft hörte sie ihn sprechen in, Traum, so tief Atem holen, als beenge ihn etwas. Dann schlüpfte sie ans dem Bett, leise, leise, damit ihr Mann sie nicht hörte, zündete kein Licht an, suchte sich tastend, auf bloßen Füßen, den Weg ins Neben- zimmcr. Und dann stand sie an seinem Bett. Noch hatte er das hübsche Gitterbett seiner ersten Knabcnjahre— aber wie lange noch, und dies Bett war zu klein?! Wie er wuchs, so unheimlich schnell! Vorsichtig, mit leichter Hand, fuhr sie über seine Decke und fühlte darunter den langgestreckten Knaben- leib. Jetzt warf er sich, stöhnte, bäumte sich auf wie einer, der gegen etwas anringt. Was hatte er nur? Jetzt sprach er undeutlich. Von was träumte er denn so lebendig? Er schwitzte über und über. Wenn sie ihn nur sehen könnte! Aber sie traute sich nicht, Licht zu machen. Was sollte sie ihrem Mann sagen, wenn er, vom Lichtschein geweckt, sie fragen würde:„Was machst Du denn da—?" Und Wölfchen würde auch auflvachen und fragen:„Was willst Du denn?" Ja, was wollte sie denn eigentlich?! Darauf wußte sie sich keine bestimmte Antwort. Wissen hätte sie nur mögen, was seine Seele im Traum so beschäftigte, daß er seufzte und rang. Von was träumte er? Von wem?! Wo war er im Traum?! Zitternd stand sie auf ihren bloßen Füßen an seinem Bett und lauschte. Und dann beugte sie sich über ihn, so dicht, daß sein Atem, unruhig und heiß, ihr Gesicht anwehte, und hauchte wiederum ihn an— mengten sie nicht so ihre Atemzüge, gab sie ihm nicht so Odem von ihrem Odem?— und flüsterte leise und doch so eindringlich, bittend und beschwörend zu- gleich:„Die Mutter ist hier, die Mutter ist bei Dir!" Aber mit einem Ruck warf er sich auf die andere Seite, drehte ihr den Rücken zu und niurntelte. Lauter Unverständ- liches, selten ward ein Wort deutlich, aber es war genug auch soi sie fühlte: er war nicht hier, nicht bei ihr— weit fort! Suchte seine Seele ini Traum die Heimat, die er nicht kannte, die er nicht einmal ahnen konnte und die doch so mächtig war, daß sie ihn, auch unbewußt, an sich zog?! Von einer Unruhe ohnegleichen gepeinigt, stand Käte an Wolfgangs Bett: eine Mutter und doch keine Mutter! Ach, sie war ja nur eine fremde Frau am Bett eines fremden Kindes! Und sie schlich sich zurück auf ihr Lager und vergrub ihre hämmernde Stirn tief in die Kissen. Heftig fiihlte sie ihr Herz pochen, und sie schalt sich selber darüber, daß sie sich so unnütze Gedanken machte. Sie änderte ja nichts dadurch, ward nur müde und traurig. Wenn Käte nach solchen Nächten aufstand, fühlte sie den besorgten Blick ihres Mannes, und ihre Hände, die das reiche Haar aufsteckten, zitterten. Gut, daß ihr eine Nadel entfiel, da konnte sie sich doch rasch bücken und ihr überwachtes Gesicht mit den umschatteten Augen seinen forschenden Augen ent- ziehen.— „Ich bin wieder gar nicht mit dem Befinden meiner Frau zufrieden," klagte Schlieben dem Arzt.„Sie ist wieder schrecklich nervös!" „So?!" Geheimrat Hofmanns freundliches Gesicht wurde energisch.„Ich will Ihnen was sagen, lieber Freund, da geh'n Sie nur gleich dagegen an!" „Das nützt nichts!" Schlieben schüttelte den Kopf.„Ich kenne doch meine Frau. Der Junge macht's, der verdammte Junge!" Und er nahm sich Wolfgang vor.«Hör mal, Du mußt die Mutter nicht immer so quälen! Merke ich noch einmal, daß sie sich über Dich kränkt, weil Du ungezogen bist, so sollst Du mich kennen lernen!" Quälte er denn die Mutter?! Wolfgang machte ein ver- dutztes Gesicht. Und ungezogen war's doch auch nicht, wenn er gern zu Lämkes wollte! Das quält, wenn man innen sitzen muß, während draußen der Wind pfeift und einem so lustig das Haar zerwühlt! Und das quälte ihn auch, daß er heute nicht zu Lämkes sollte. „So geh nur hin," sagte Käte. Sie fuhr sogar noch vor Tisch nach Berlin hinein und kaufte eine Puppe, eine hübsche Puppe mit blonden Locken, mit Augen, die sich schlössen und öffneten, und mit einem rosa Kleid.„Die bringe Frida zum Geburtstag mit," sagte sie am Nachmittag und händigte sie dem Knaben ein.„Halt! Vorsicht!" Er hatte ungestüm zugepackt, es freute ihn doch zu sehr, daß er Frida was bringen konnte. Und in einer seltenen Regung— er war kein Freund von Zärtlichkeiten-- reckte er der Mutter das Gesicht hin und empfing, in einet- Auf- Wallung von Dankbarkeit, ihren Kuß. Er ließ ihn sich n�lir gefallen, als daß er nach ihm verlangte, sie fühlte das wo?!, aber sie war doch froh darüber, und mit einem Lächeln, dpF ihr ganzes Gesicht erhellte, sah sie ihm dann nach. „Aber vor Dunkelwerden bist Du wieder zu Hause," hatte sie ihm noch zugerufen. Ob er sie gehört hatte? Wie er lief, davonjagte, leichtfüßig wie ein Hirsch! Noch nie hatte sie ein Kind so rasch laufen sehen. Er warf die strammen Beine, daß die Hacken hinten gegen die Schenkel schlugen: der Wind blies ihm den breitkrempigen Matrosen- Hut in den Nacken, da riß er ihn ganz ab und rannte bar- häuptig weiter, so eilig Hatto er's. Was zog ihn nur so mächtig zu diesen Leuten?! Von Kätcs Gesicht verschwand das Lächeln, sie trat vom Fenster zurück.— Wolfgang war glücklich. Er saß bei Lämkes in der Stube. in der zur kälteren Jahreszeit auch gekocht wurde. Die Schlaf- stätte der Eltern war durch einen Vorhang abgegrenzt: Frida schlief auf dem Sofa und Artur nebenan in dem Kämmerchen, das auch die Schippen und Besen, die Vater Lämke zur Haus- und Straßenreinigung brauchte, beherbergte. Noch war es nicht Winter, noch freundlicher Herbst, aber doch roch es schon in der Stube hübsch warm und mollig. Mit dem zarten Duft der blassen Monatsrose und des Nelken- stockes, der Myrte und des Geraninms, die, dicht an das fast ebenerdige Fenster gerückt, alle blühten, mischte sich der strengere Geruch des Kaffees, den Frau Lämke in der großen Emaillckanne brühte. Zu Hanse bekam Wolfgang nie Kaffee, hier bekam er welchen: und er schlürfte ihn, wie er die anderen ihn schlürfen sah, nur empfand er ein noch größeres Behagen dabei. Und nie hatte ihm ein Stück Torte so gut geschmeckt wie diese einfache Schnecke, die eher Semmel als Kuchen war: er kante init offenem Mund, und als Frau Lämke ihm, dem geehrtesten Gast, noch eine zweite Schnecke zuschob, nahm er sie mit strahlendem Gesicht. Frau Lämke fühlte sich sehr geschmeichelt durch seinen Besuch. Aus der Puppe aber hatte sie sich nicht viel gemacht: die hatte sie Frida gleich weggenommen und in den Schrank geschlossen:„Det de ihr nich jleich verknutscht I Un iebrigens biste doch keen Herrschaftskind, det uff alle Tage mit Puppens spielt. Schade um det Jeld!" Aber nachher, als Vater Lämke aus der Portierloge, lvp er in seinen Mußestunden saß und Stiefel flickte, herunterkam, um auch eine Tasse Geburtstags- kaffe zu trinken und eine Schnecke zu essen, wurde die Puppe doch wieder vorgeholt und ihm gezeigt. „Fein, was? Hat sie von Wolfjangen seine Mama. Sieh mal, Lämke"— die Frau hob der Puppe das rosa Kleidchen auf und zeigte darunter das weiße, mit einer kleinen Spitze besetzte Volantröckchen—,„so'ne Frisur, janz jenau so'ne hatte ik Frida'n um't Taufkleidchen jenäht. Jotte doch, sie war doch det erste, da denkt nian, et is noch tvat Besondret! Ach ja— sie seufzte und legte die Puppe wieder in den Schrank zurück, in dem neben allerlei Krimskram die reinen Bettbezüge und ihr und Fridas Sonntagshut lagen—„wie de Zeit verseht! Nu is se schonst neune!" „Zehne," verbesserte Frida.„Ich bin doch heute zehna jcworden, Mutter!" „Richtig— nee, schonst zehne!" Die Frau lachte und' schüttelte den Kopf, über diese Vergeßlichkeit verwundert. Und dann nickte sie ihrem Manne zu:„Weeßte noch, Lämke, wie se jeborcn wurde?" „Un ob," sagte er und schenkte sich nochmals aus der unerschöpflichen Kanne ein.„Det war'ne schöne Tur, wie se jeboren wurde— na, ich danke! Die Jöhre hat Dir scheenc zujesetzt! Un mir mit, ich kriegte ordentlich Manschetten. Aber rtn, Alte-- a. zehn Jahre her, nu is et ja bald jar mch mehr wahr!" „Un wenn et hundert her wäre, det verjäße ik mch, o nee!" Die Frau hob abwehrend die Hand.„Ik wollte mir jrade wie heute, so um viere'rum, Kaffee kochen, ik hatte so 'n Jicper drauf, da jing't los. Jrade noch, daß ik bis iebern Flur kam— weeßte, Du warst damals noch in de Werkstelle bei Stiller, un wir wohnten in de Alte-Jakob, fünf Treppen links— un ik kloppte bei den Krawattenfritzen drieben an und sagte:„Ach, sein Se doch so jut," sagte ik,„schicken Se man fix Ihre Kleene bei die Wadlern, Spittelmarcht zehne, die weeß schon"— au weih, war mich schlecht! Un ik fiel uf'n nächsten Stuhl: se hatten alle Mühe, det se mir noch'rieber kriegten. Un nun jing det los, ik konnte nich an mir halten, bei'n besten Willen nich: ik jloobe, se haben mir drei Häuser- weit schreien jehört. Un det dauerte, det dauerte et wurde Abend— Du kamst zu Hause— et wurde Mitternacht— morjens füiifc, sechse, sieben— da endlich'um nemre sagte de Wadlern:„det Kind, det is an'n Ende"—" „Mutter", unterbrach sie der Mann und zwinkerte nach Leu Kindern hin, die ganz still ain Tisch saßen und mit weit- geöffneten, neugierigen Augen lauschten,„nu laß't man jnt sind! Det is ja nu allens lange vorbei, de Jöhre is da, un is 5äch ja soweit janz jut jeratenl" lFortsitzung folgt. 1' Ibsen. Von den drei Großen, deren Ruhm im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts alle andern Dichternamen überstrahlte, ist nun, nachdem ein jäher Zufallstod Zola mitten im rüstigsten Schaffen niederwarf, der Zweite dahingegangen: Ibsen, dem es gleich Tolstoj zugeteilt war, des Lebens volle Bahn zu durchmessen. Ein Siebenundsiebzig- ' jähriger starb er, lange vorbereitet, den stillen Tod des Alters. Die Ernte ist in der Scheuer. Vollendet und beschlossen in dem Epilog: »Wenn wir Toten erwachen", läßt er das Werl seines Lebens zurück. Ost hat er es ausgesprochen: was er geschaffen, bilde eine innere Einheit, nur im Zusammenhange, als Glied des Ganzen sei jedes seiner Dramen völlig' verständlich. Daß sich viele Zäden hinüber und herüber spinnen, daß Lebensverhältnisse und Probleme, die im Hintergründe früherer Stücke auftauchen, dann in vertiefender Behandlung als dominierender Mittelpunkt in späteren Dramen wiederkehren, das steilich mußte jeder, der den Kreis dieser Schöpfungen nachdenksani durchwandert, sehen. Auch heben sich durch enge innere Verwandtschast mit einander verbundene Gruppen ab. Aber noch ist eine über alles Einzelne hinüber- greifende, es umfassende und gliedernde lebendige Idee, die in jeder Phase seines Schaffens den Dichter geleitet hätte, nicht aufgezeigt. Und auch in Zukunft wird das sicher nicht gelingen. Ibsen ist ein proteusartig sich Verwandelnder. Jener methodische Hang, der für Zola und teillveise auch für Tolstoj so charakteristisch ist, geht ihm, wie begeistert er in einigen seiner größten Dramen die Konsequenz des Denkens feiert, völlig ab. Viel eher ließe sich von diesen beiden sagen, daß alle ihre Schriften eine Eichheit bilden. Gebunden an gewisse allgemeine Gcdankcnrichtungen, denen sie mit nur geringen Modiffkationcn bis zum Lebensende treu bleiben, läßt sich ihre Stellung in dem geistigen Leben unsrer Zeit, also vor allem auch ihre Stellung gegenüber dein in dem modernen Socialismus sich manifestierenden Jdccnkomplex verhältnismäßig leich: und sicher bestimmen. Man hat Schlagworte, um dieses ihnen Wesentliche durch ihr Lebenswerk hindurchgehende Denken andeutend zu be- zeichnen— man spricht von Tolstojs„urchristlichcn Tendenzen", von Zolas„Positivismus". Ibsen bleibt, wenn man den Blick aufs Ganze seiner Lebensarbeit richtet, unklalifizicrbar. Er war ein Einsamer, wie in seinem Leben, so in seinem Denken, und er wollte eS sein.„Es ist mein Amt," so hat er von sich selbst gesagt,„zu fragen, nicht zu antworten".„Antworten" heißt— bekennen, und der Bekenner schließt sich einem Allgemeinen, einem Gedanken, der für ihn bindend sein soll, einer Gruppe Gleich- strebender, womöglich einer Partei an. die die erkannte Wahrheit in dem Leben realisieren will. Alles aber, was als ein Bindendes dcni Individuum gegenüberttitt, war seinem Geiste instinktiv verhaßt. Das Wort, mit dem„der Volksfeind" schließt: „Der stärkste Mann in der Welt ist der, der allein steht", ist aus JbsenS eigner Seele gesprochen. Er hat oft über die Parteien ge- höhnt, nicht etwa nur, weil ihm ihre Ziele verkehrt oder nichtig, sondern weil ihm die Formen des Partcilebens selbst als ein Hemmnis für die freie EntWickelung der Individualität erschienen. „Für das Solidarische"— schrieb er, und zwar als Vierziger, nicht als jimger Bursch, an einen seiner Freunde—„habe ich eigentlich niemals ein starkes Gefühl gehabt, ich nahm es nur so mit als überlieferte Glaubenssatzuna i und hätte man Mut. es ganz und gar außer Betrachtung zu lassen, so würde man vielleicht deS Ballastes los, welcher am schwersten auf die Persönlich- keit drückt I" Selbst die freiestcu Arten des Zusammenschlusses im privaten Leben dünken ihm von diesem Standpunkt aus noch ver- ächtig.„Freunde sind ein kostspieliger Luxus." Ter Kultus des Individuums, das eifersüchtig seine Einzigkeit vor allem Fremden bewahren will, t»eibt ihn aus den Schranken der socialen und polittschen Wirklichkeit zu anarchistischer Phantasttk. Das, womit sich die Parteien abgeben, das fei nur das Aeußerliche, das Bürgersein des Individuums. Schon darum lohne es nicht, sich mit ihnen ein- zulassen. Denn„es est durchaus keine Vernunftnotwendigkeit für das Individuum, Bürger zu sein. Im Gegenteil, der Staat ist der Fluch des Individuums.... Der Staat muß fort. Die Revolution ivill ich mitmachen." Manches in jenen Briefen, die Brandes mit- teilt, gemahnt direkt an Stirners Ideologie:„Der Einzige und sein Eigentum". Wie Ibsen frei sein will von den realen Mächten, die den Menschen binden, so will er frei sein von dem Zwange einer zu innerer Autorität sich fixierenden Idee. Auch hier gilt eS die Un- abhängigkeit des Einzelnen zu wahren, das was zu Festem werden will, durch Zweifel inimcr wieder aufzulösen. Und darüber hinaus ist etwas Ivie eine Scheu in ihm, n viel von seinem eignen Innern zu ver- raten; er liebt das Rätselvolle, nicht bloß als künstlerischen Stinunungsreiz, auch als Umhüllung� die ihn vor fremden Blicken bergen soll. Wenn irgendwo, so hatte man im„Epilog" ein Be- kenntnis, das rückwärts über das Ganze seines Lebenswerkes Helles Licht verbreitet, erwartet. Aber je mehr man sich in„Wenn wir Toten erwachen" hincinverscnkt. um so ungewisser wird die Deutung der Symbole. Ist eS Versöhnung, Resignation oder trostlose Verzweiflung am Leben, ivaS' aus diesem letzten Sang ertönt? Sollen wir aus des Bildhauers Rubeck Wort, er habe nach dein Verfalle seiner eigentlichen Künstlerkrast heimlich Tierfratzen in die Menschengesichter des Monuments hineingebildet. ein Urteil Ibsens über seine eigene naturalistische Kunst heraushören? Klingt in der Rede die Sehnsucht nach einer völlig andren Art des künstlerischen Schaffens durch? Ist der„Epilog" nur als Künstler- drama gedacht, oder meint Ibsen, daß sich in dem Lose Rubecks die Tragik wie des künstlerischen so überhaupt alles menschlichen Idealismus wiederspiegele? Er löst nicht, er reiht neue Rätsel an die alten. Indes bei allem Schwebenden, Ungewissen, Wechselnden, ein Zug tritt doch, nicht sowohl als Eharaktermerkmal des Ganzen, wohl aber jener Drnmengrrlppe, die ein Erzeugnis seiner höchsten Schöpferkraft, Ibsens Weltruhm begründet haben, vor allen andren hervor.„Leben— diesen Wahlspruch hat er seinen Gedichten vorangesetzt— heißt dunkler Gewalten— Spuk bekämpfen in sich.— Dichten, Gerichtstag halten— über sein eigenes Ich." Und„die sich selber Richtenden", die den Maß- stab ihres Richtens nicht von außen her aus dem gesellschaftlich« traditionellen Fürwahrhalten enttichmen, deren sich Richten zugleich ein sich Aufrichten gegen all- dies Acußere fremde Unter- werfung heischende ist— sie, die kühnen Frager und Zweifler in dein Prozesse ihrer Selbstbefreiung ziehen ihn mit tiefster Wahlverwandtschast an. Nora, Frau Allving Rosmer und Rebekka sind solche Typen, Menschen, die in einer zu- sammenstürzendcn Welt des Scheines und der Lüge zum innern Richtcramt erwachen. Soweit sich Ibsen überhaupt als Dichter einer Idee ausdeuten läßt, ist es die der Autonomie, der Selbst- Herrlichkeit des Individuums. Wagt es Euch selbst zu richten, wagt es stei zu sein! Der Mut zur Freiheit ist der Mut zur Wahrheit. Darin liegt das unvergeßlich Aufrüttelnde, das Revolutionäre seiner größten Werke, das gottlos Nihilistische, das die konservativen Geister teit je Mit richtigem Instinkt in ihm gewittert und gefürchtet haben. Langsam ist Ibsen zur künstlerischen Meisterschaft herangereift. Als Dreiundzwanzigjährigcr im Jahre 18ö1 übernahm er, der früh aus seine eigne Krast Gestellte, die Leitung des Theaters in Bergen. Nach einer Reihe romantischer und vaterländischer Dramen, die in dem überkommenen idealistischen Stil gehalten sind, erschien im Jahre 1862 das erste große Aergernis aus seiner Feder,„Die Komödie der Ehe". In klingenden Verseil ergießt sich sein Hohn über das landesübliche Philisteridcal. Mag das bürgerliche Institut der Ehe notwendig sein, als Institut, als Bindendes nimmt es der Liebe ihre Freiheit, ihren Glanz und Schwung. Es ist das letzte Stück, das er im Mannesalter auf norwegischem Boden geschrieben. Ein staatliches Reisestipendium, das ihm in der Mitte der sechziger Jalne zufiel, öffnete ihm den Weg auS dieser engen Welt. Die Jahrzehnte der reichsten poetiscbcn Produktion hat' er draußen im Auslände verlebt, in Rom, in München, oder wo sonst die Fahrt ihn hintrieb. Das Losgelöstscin von dem Vaterlande— erst als Greis kehrte er dauernd zur Heimat zurück— ist ein charakteristischer Zug im Lebensbilde dieses Mannes. den: der Gedanke der Freiheit mit dem der Einsamkeit verschmilzt, und der im Solidarischen schlechthin schon eine drohende Gefahr individueller Freiheit sieht. Es folgt die Reihe der großzügigen Gedankcndramcn: „Brand",„Peer Gynt",„Kaiser und Galiläer".„Brand" ist das größte der drei, ein machtvoller Protest wider die Halbheit und Heuchelei des offiziellen Christentums. Anscheinend das klarste, birgt es, wenn man näher zusieht, nicht weniger Rätselvolles als die beiden andren Werke in sich. Wenn Brand, jeden Kompromiß verwerfend, hierin ein echt Jbsenscher Held, Ernst macht mit dem christlichen Gedanken, daß Eines und nur Eines not thut, daß niemand zweien Herren dienen kann, wenn er sein„Alles oder Nichts" der Welt entgcgcnschleudert, wie haben wir sein Handeln und sein Schicksal uns zu deuten? DaS Drama, das in deS Dichters Heimat als Verherrlichung des wahren christlichen Opfermutes aufgefaßt wurde, laim ebenso wohl als Lossagung vom Kern des Christentums erscheinen. Die Opfer, dre Brand verlangt, find Opfer, die die Lebensfreude und das Leben selbst zerstören. Der Weg, auf dem er die begeisterte Gemeinde zu seiner„neuen Kirche" führen will, verläuft in unfruchtbare, wilde Eis- und Schnecwelt; und donnernd begräbt ihn die Lawine. Ist das in Ibsens Sprache nicht das Björnsonsche Bekenntnis:„Ueber unsre Klaft"? Jedenfalls in den späteren, den socialen Dramen, ebenso wie in denen der letzten Epoche klingen nirgends mehr die christlichen Töne an. Es ist, als habe er hier wie in dem„Kaiser und Galiläer" endgültig damit abgerechnet. Ein Borzeichen der neuen Pfade, die er suchte, erschien im Jahre 1869:„Der Bund der Jugend". Ibsens erstes Prosa- drama aus der Gegenwart. Einzelne glänzende Züge der Charakteristik, vor allem die Figur des politischen Strebers, weisen auf eine künstige Gröste hin, im Bau der Handlung zeigt sich noch unverkennbar der Zusammenhang mit dem ftanzösischcn Jntriguenstück. Auch in den„Stützen der Gesellschaft" tritt der neue ihm eigentümliche Dramenstil noch nicht zu voller Schärfe aus- geprägt hervor. Da folgt zwei Jahre nach den„Stützen", zehn nach dem„Bund der Jugend"—„Nora" und eröffnet die Reihe der modernen Meisterdramen. Hier ist alles neu, von wunderbarer Originalität. Schaut man auf die Entwicklung, die der moderne Roman im vorigen Jahrhundert genommen, so präsentieren sich Zola und Tolstoj als Spitzen, die mit andern zusammen aus einer hohen Bergkette hervorragen. Ibsen ist wie ein Fels, der einsam und unvermittelt aus breitem Flachland himmelan steigt.... Wo sind im bürgerlichen Drama seine Borgänger? Von wem konnte er lernen? Es gab ja sogenannte Realisten unter den französischen Schriftstellern der sechziger und siebziger Jahre. Augier und Dumas, aber es ist lächerlich, sie mit Ibsen auch nur in einem �Atemzuge zu nennen. In Wahrheit hatte sich bis auf ihn hin die "ernsthaft naturalistische Bewegung so gut wie ausschließlich auf dem Gebiete des Romans abgespielt. Das Drama schien durch seine Formen selbst einer in die Tiefen dringenden Darstellung modernen Lebens durchaus unfähig. Was in dieser Welt der Gegenwart im Raum und in der Zeit sich weit zerstreut, Charaktere und Konflikte, die nur langsam heranreifen, Bewegungen, die sich zum großen Teil unsichtbar, im Innern der Seelen vollziehen, wie sollte es gelingen, das im engen Rahmen einer Bühnenhandlung aufzurollen? Man half sich, so gut es ging. Mt kümmerlichem äußeren Aufputz— wie kummerlich, das fühlt man erst, wenn man von Ibsens Dichtung herkommt— deckte man die klaffenden Lücken zu. Er erst hat neuen Wein in neue Schläuche gefüllt. Er schuf eine Dramatik, die, was Feinheit der Charakteristik anlangt, ebenbürtig sich dem Höchsten zur Seite stellt, was psychologische Analyse in den so unendlich freieren, bequemeren Formen des modernen Romans geleistet hat. Im engsten Raum die höchste Konzentration l Und mu welcher Virtuosität be- meistert er die Hemmungen, die in dem Widerspruch zwischen der langsamen zersplitterten Bewegung des lvirklichen Lebens und den Forderungen dramatischer Geschlossenheit begründet sindl Aus einer weitverzweigten Entwicklungsreihe ivählt er das letzte Glied, die Katastrophe, in die das Ganze mündet. Er läßt uns dieses Letzte schauen und in ihm zugleich das Vergangene, aus dem es mit Not- wendigkeit hcrvorwuchs. Als treibendes Moment geht die Enthüllung des Vergangenen in die Handlung mit hinein. Die Welt des Dramas wächst, sie weitet und dehnt sich. Fast unerschöpflich ist der Reichtum der Beziehungen. Nicht nur wie die Menschen sind, und handeln, zugleich wie sie geworden sind und werden mußten, das tritt uns im Bilde entgegen. Man spürt das Walten eines unerbittlichen Schick- sals. Mit unheimlicher Spannung sehen wir im fahlen Zwielicht- schein das Gewitter heranziehen. So in„Nora", in den ,,Ge- spenstern" und dann später in„Rosmcrsholm". In ihnen tritt dieser Typus des dramatischen Aufbaues, das wunderbare Lebendigmachen des Vergangenen im Gegenwärtigen am reinsten hervor. Der höchste Preis des Künstlerischen mag den„Gespenstern" gebühren. Es ist daZ Werk, in dem zugleich die grundstürzende Skepsis Jbseuschen Denkens ihren machtvollsten Ausdruck erhalten hat. Unmittelbar darauf als Antwort auf das heuchlerische Entrüstungsgeschrci, mit dem man die große Tragödie der Vererbung aufgenommen,».folgte der prächtig trotzige„Volksfeind". Dann ans einer völlig andren Stimmung heraus geboren die tiefe tragikomische Elegie der„Wild- ente". Der Wahrheitsmut, den Ibsen als das Höchste gefeiert, er- scheint hier, karikiert in der Gestalt des Gregr Werke, als täppisch thörichter Illusionär, der. tvo er helfen will, zerstört. „Nora" war im Jahre 78/79 geschrieben, mit„Rosmersholm" im Jahre 1836 schließ tdicsc fruchtbarste Periode seines Schaffens, für deren Werke sich in der gemeinsamen Beziehung auf das Problem der„Wahrheit" und der individuellen Freiheit allerdings etwas wie ein einheitlicher Grundgedanke aufzeigen ließe, ab. Die Kon- flikte, denen Ibsen sich nun in seinen letzten Dramen zuwendet, sind rein privater Natur, es fehlt die polemisch gegen die„Gesellschaft" und ihre„Lebenslügen" gerichtete Tendenz, das Aufrüttelnde, Revo- lutumäre. Und der Zug zum Symbolischen— auch„Hcdda Gabler" bildet kaum eine Ausnahme— tritt immer mehr entscheidend, die unmittelbare Naturwahrheit der Charakteristik, des Dialogs und der dramatischen Entwicklung notwendig einschränkend, in den Vorder- grund. DaS Gleichnishafte wächst nicht wie in den„Gespenstern" aus einem streng kausalen Verlauf hervor, sondern erscheint hier als das von vornherein Bestimmende, Gewollte, als Aufgabe, der sich Reden und Thun der dramatischen Personen wohl oder ichel zu fügen hat. Bewundernswürdig npic diese Werke:„Baumeister Solneß", „Klein Eyolf",„Gabriel Borkmann" und„Der Epilog" dem Vek« stände, der der verborgenen Weisheft der Bilder nachspürt, erscheinen, es mangelt ihnen jene Lebenswärme, jenes anschaulich Ueberzcugcnde, das unwillkürlich die Gefühle in des Dichters Bahnen zwingt. Me Dramen des Greises bewundert man, die des Manne? haben uns wie wirkliche Erlebnisse erschüttert. Wer wird ihn in dem neuen Jahrhunderte ersetzen? Conrad Schmidt, kleines feiiükton. gc. Tie Empfindung der Schmerzen wird bei den verschiedenen Völkern verschieden vertragen. Wie weit eine Abstumpfung dagegen gehen kann, darüber äußert sich Vita Hassan in seinem Werke: „Die Wahrheit über Emin Pascha" folgendermaßen:„Ein Mann in Karthum nimmt in meitrer Gegenwart eine glühende Kohle, streckt sein Bein aus und legt mit unerschütterlichem Gleichmut die Kohle auf eine Wunde. Ein weißlicher Rauch steigt auf, ich höre das Knistern des verbrannten Fleisches, ich spüre den starken Fett- geruch, der sich davon verbreitet. Ich beobachte den Mann, der un- beweglich bleibt; keine Muskel in seinem Gesichte zuckt, und auch nicht das geringste Anzeichen von Schmerz macht sich bemerkbar. Als er endlich die Kohle abnimmt, sagt er zu seinem Beine:„Wenn du in drei Tagen nicht heil bist, schneide ich dich ab", wooei er seinen Dolch spielen ließ. Ich weiß nicht, ob das Bein diesen Rat beherzigt hat, da ich den Mann nicht wiedergesehen habe. Ich bin aber fest davon überzeugt, daß er es sich mit derselben Kaltblütig» keit abgeschnitten hätte, wie er es gesagt hatte."— Ein anderes Beispiel:„Ein Kameltreiber bittet eine Frau, die vor der Tür ihres Hauses sitzt, um Feuer für seine Zigarette. Die Frau bringt ihm in der bloßen Hand eine glühende Kohle. Er würde sich ihr gegenüber feige vorgekommen sein, wenn er sie in der Gleichgültig- keit gegenüber dem Schmerz nicht hätte überbieten können. Er faßt also die Kohle mit dem Finger, legt sie auf sein nacktes Bein, wirft seine fertige Zigarette fort, zieht seine Büchse heraus und dreht sich langsam und gelassen eine neue, während sein Fleisch brennt. Wie er mit der Zigarette fertig ist, nimmt er die Kohle mit den Fingern und zündet die Zigarette an. Darauf wirft er das Feuer zur Erde, macht der Frau seinen Salam und setzt seinen Weg fort." ES .würde überflüssig sein, diese Beispiele zu vermehren. Es ist all- bekannt, daß die Sudan-Araber bei ihren Belustigungen ihren Mut darin zu bezeigen suchen, daß sie sich mit entblößtem Oberkörper von allen aufs heftigste mit der Nilpferdpeitsche schlagen lasse», ohne daß sie mit den Wimpern zucken, selbst wenn das Blut in Strömen herabrinnt und Jleischfctzcn sich hisweilen unter der Peitsche los» lösen, denn bei dem geringsten Anzeichen von Ungeduld oder Schmerz werden sie für feige gehalten und aus der Gesellschaft ausgestoßen.— Literarisches. ek. Leo Heller:„Garben. Neue Gedichte".(Berlin. „Harmonie".)— Keine Himmel und Erde stürmende Kraft, kein grüblerischer Sinn, der in verborgenen Tiefen gräbt, kein Poet, der eigene Pfade geht, tut sich in diesen Gedichten auf. Hellers Lyr> erklingt eklektisch in alten Tönen und Weisen. Es schwingt etwa? mit, das an die Blütezeit der Buhenscheibenpoesie erinnert, die noch inimcr in einigen humoristischen Blättern gedeiht. Dieser Art ent- spricht die Wahl der Stoffe und deren Behandlung: man liest von Rittern und Pagen, Edelfräuleins, Gräfinnen usw. Dazwischen stehen mehrere modcrn-zcitliche Themen von Künstlerelcnd und Künstlerlicbe, Genrebildchen, Idyllen und Nalurstimmungen. Man wird nirgends überrascht durch eigenartige Anschauung der Dinge; vielnichr bewegt sich des Dichters Meinung und Bildlichkeit in althergebrachten Bahnen, die von außen her nach innen zu ins Be- schauliche münden. Eigentliche Schöpferkraft vermißt man; aber die Gabe, sich in kleinen Bezirken heimisch zu machen, das Kleine, Stille anheimelnd auszubauen und zu beleben, die ist Heller eigen. Insofern hat er denn auch seine Art. Er gibt sich schlicht und natürlich; zu außergewöhnlichen poetischen Gleichnissen und Ber- gleichen, zu glühendem Kolorit der Sprache nimmt er nie Zuflucht, sondern bleibt hübsch am Boden in häuslichrr Sphäre. Wohl hat er feines Gehör für Rhythmus und Form; in bezug auf den Reim wahrt er aber selten die erforderliche Reinheit. DaS österreichische Idiom verübt da seinen Einfluß. Wenn man aber von solchen Mängeln absieht, so erfreut bei Heller die gemütvolle Hinneigung zur Volkspoesie. Hierfür bringt er etwas mit, was nicht Manier, sondern wirkliche Begabung ist. Er vermag schlecht und recht im Volkston zu schreiben. Ihm gelingen Gedichte lyrischen und epischen Charakters-, denen von vornherein etwas Volkstümliches anhaftet. Und diese Art von Liedern überwiegt alle anderen. Es i)t_ wohl möglich, daß unter ihnen— ich nenne„Licht",„In Ewigkeit. Amen",„Mädchen am Ufer",„Volkslied" sl. und II.),„Liesele". „Hütt' die Frau Mutter..„Im Volkston", besonders auch die knappe„Ballade vom Schreiber und der Gräfin" und„Das Junker- lein"— manche in den Liederschatz des Volkes übergehen könnten.— Theater. Lessing-Theater. Mcinhard-Bcrnaucrschcs Ensemble- Gastspiel.„Das Lebens fest." Lustspiel in drei Akten von Karl Rößler.— Herr Rötzler, der früher in WolzogeiÄ Buntem Theater Humoresken seines Landsmannes, des Siinpli, cissimus-Thoma, so behaglich vortrug und in der sonst nicht eben gelungenen Uebcrbrettlaufsiihrung der Thomaschen„Medaille" durch eine Gestalt, der man das bayerische Vollblut anmerkte, er- götztc, läßt in seiner Komödie einen parfümierten Trupp aus Berlin W. in den Frieden eines bayerischen von Münchener Malern bevölkerten Gebirgsdorfs einbrechen. Dem Stückchen liegt jeder literarische Ehrgeiz fern, es erhebt keine Prätentionen, aber er- spart einem auf diese Weise auch den Aerger, den das Mißver- ihältnis von Wollen und Vollbringen notwendig hervorruft. Das Ziel ist nah gesteckt. Die losen durch die Kontraste einer einfachen Situationskomik und eine Fülle satirischer Dialogspitzcn belebten Szenen sollen, karikierend nicht charakterisierend, das Publikum lachen machen über das hohle mit großen Worten aufgeputzte hauptstädtische Salongetue. In geistige Unkosten hat sich der Autor nicht gestürzt, Skrupel hinsichtlich der psychologischen Wahrscheinlich- keit ließen ihn unbehelligt, aber das Lachenmachen ist ihm geglückt; noch mehr, man fühlt sich, wenn der Vorhang fällt, nicht hinter- gangen und zum Narren gehalten wie in den meisten Schwänkcn, etwas freundlich Sympathisches bleibt in der Erinnerung. Ein Zug von Treuherzigkeit geht mit der leichten Komik Hand in Hand und bewirkt, daß man, so obenhin die Schilderung der Malers- leute gehalten ist, die Lust, die Rößler an dieser Kumpanei der Ungeschminkten hat, teilnehmend nachempfindet. Ein lüsternes Berliner Kommerzienratstöchterlein, begleitet von einer schriftstellernden jedermann über seine Herzcnsgeheim- nisse interviewenden Dame und einem schöngeistig schwätzenden Verehrer, der auf seine Nervenzerrüttung als Adelsbrief des inneren Seelenwertes pocht, erscheint in dem ländlichen Wirts- Haus, wo der Maler Maier-Landsberg mit seinen Freunden lOuartier genommen. Papa hat Maiers Selbstporträt in der Sezcssionsausstellung gekauft und das Fräulein denkt sich einen Flirt mit diesem Unbekannten, den man dann später nach Berlin importieren, als Salondekoration benutzen, in der Gesellschaft lancieren kann, höchst amüsant, und macht sich mit starkem Ziel- bcwußtsein gleich ans Werk. Der gute Bursch, dem eine wackere, wiewohl recht rauhbeinige Kollegin soeben einen Korb erteilt hat, geht bei der augenblicklichen Vakanz seines Herzens ihr leicht ins Garn. Es entzückt ihn, zu hören, daß er eine komplizierte Natur, von unendlicher Differenziertheit des Ncrvenlebcns sei; so ein hübsches Kompliment hat ihm noch kein bayerisches Mädel ge° macht I Im Sturme sind die Vorstadien absolviert, und der so schnöde entthronte ältere Liebhaber ruft tclegraphisch den Papa herbei: Lulu habe sich kompromittiert. Sehr drollig ist es, wie der Maler nun auf ein Stündchen Millionärsbräutigam wider Willen wird. Der Börsiancrvater will vor den ewigen ESkarpaden seiner lieben Tochter endlich Ruhe haben. Eine erstklassige Partie ist nach so vielen Abenteuern doch nicht zu erwarten, also, dekretiert er, hat man Schluß zu machen und den Künstler, sintemal ein' „von" den Namen ziert, frisch vom Fleck zu heiraten. Zur Be- schlcunigung wird eine rührende Szene aufgeführt, der Verführte als Herr Baron und Verführer apostrophiert und an seiner „Kavaliersehre" gepackt. Bei der Verlobungsfeier, dem„Lebens- feste", an dem die ganze Malersippe durstig sich beteiligt, kracht aber schon der neue Bund mit lautem Poltern auseinander. Der Bräutigam revoltiert mit einigen donnernden Faustschlägen auf den Tisch und ergreift die Flucht. Er kriegt die brave Centa, die ihm erst den Korb gegeben, und Fräulein Lulu begnügt sich mit dem schwadronierenden Neurastheniker, der im Pathos dieses Glückes die Allüren eines Renaissancehelden zu markieren sucht, als Freier. Die Pointen und lustigen Einfälle, die sich um dieses bißchen Handlung gruppieren, wurden durch ein äußerst flottes Spiel in ihrer Wirksamkeit gesteigert. Jede Rolle war gut, zum Teil vor- trefflich besetzt. Namentlich erwähnt sei hier nur Hanns Fischer, früher Mitglied des Deutschen Theaters, der in der Figur des Nerven-IIebertnenschen wieder den alten unverwüstlichen Humor bewies.— dt. Aus dem Tierleben. — Sie Wanderungen der Nordseescholle. Seit Jahren behaupten die Seesischer, daß der Schollenbestand der Nord- fec im Rückgang begriffen sei, und die gefangenen Fische in ihrer Grütze weit hinter den noch vor 20 Jahren in großen Mengen ge- fangeucn zurückblieben. Bekanntlich ist die Scholle oder Goldbutt die häufigste Art der Nordsee und von der Küste Frankreichs bis nach Island verbreitet. Um über die vermuteten Wanderungen der Schollen Aufschluß zu erhalten, wurden nach gegenseitiger Ver- einbarung von den beteiligten Ländern durch Hartgummiplatten gezeichnete Fische ausgesetzt. Auf den Platten ist der betreffende Staat, das Jahr der Aussetzung und die Nummer des vorher ge- messcnen Fisches verzeichnet. Für die Ablieferung wieder- eingefangener gezeichneter Schollen ist eine Prämie ausgesetzt. Die auf Deutschland fallenden wissenschaftlichen Untersuchungen hat die biologische Anstalt aus Helgoland übernommen. Nach dem von Herm. Bolau erstatteten vorläufigen Berichte wurden aus- gesetzt von Deutschland 3215 Schollen(davon eingefangen 372, gleich 11,0 Proz.), von Schweden 1178(eingefangen 101, gleich 8 Proz.), von Dänemark 1220(eingefangen 387, gleich 31,7 Proz.), von Holland 450(eingefangen 12, gleich 2,6 Proz.) und von England 1463(eingefangen 233, gleich 15,0 Proz.). Auf Grund der bis- herigen Feststellungen erscheint Bolau nun folgende Annahme zu- lässig. In der engeren deutschen Bucht erscheinen im Frühjahr große Mengen von Schollen, welche im Osten(an der schleswig- holsteinischen Küste) eine südliche Wanderungsrichtung haben. Dann wandern die Schollenscharen südöstlich und südlich von Hclgo- land langsam weiter und schlagen dann eine westliche Richtung ein. Von hier aus verschwinden dann die Schollen im Sommer, zeitweise trifft man sie noch im Nordwesten von Helgoland in kleinen Mengen, dann aber scheinen sie in tieferes Wasser zu wandern; denn man fand eine Anzahl der gemarkten Fische in nordwestlicher Richtung bis an die Doggerbank und in den Schlickbänken in einer Zeit, in der bei Helgoland keine oder nur wenig Schollen zu fangen waren. Ob sich die Tiere dann weiter wieder bis zur holsteinischen Küste heranziehen, konnte noch nicht festgestellt werden. Die Größe der Entfernung zwischen dem Orte der Aussetzung und der Fang- stelle wechselt zwischen 0 bis 220 Seemeilen; Scholle 138 wanderte in 9M> Monaten von Helgoland 220 Seemeilen in westlicher und südwestlicher Richtung bis zum Maß-Feuerschiff.— Bezüglich der Grötzenzunahme wurde im Durchschnitt in einem bis zwei Monaten ein Wachstum von 1,08 Zentimeter, in zwei bis drei Monaten von 1,36 Zentimeter, in drei bis vier Monaten von 2,22 Zentimeter, in vier bis fünf Monaten von 3,17 Zentimeter, in fünf bis sechs Monaten ein Wachstum von 4 Zentimeter beobachtet.— („Prometheus".) Hmnoristisches. — Nach der Hochzeitsreise. Freundin(zur jungen Frau):„Also eine angenehme Reisegesellschaft hattet Ihr?" „O ja, lauter fidele, nn hätten wir uns n mein Mann nicht so verliebt gewesen wäre, dajunge Herren; wenvorzü glich amü- s i e r e n können I'— — Geburtstagsgrat ularion. Julia(liegt mit fürchterlichen Zahnschmerzen im Bett und liest):„Mögest Du, au«* gebetete Julia, noch eine endlose Reihe von Tagen ebenso vergnügt zubringen wie den heutigen."— — Ein Erbstück. Advokat(zum Bauer, der ihm droht, zu einem anderen Advokaten zu gehen, wenn er seinen Prozeß nicht endlich zu Ende bringe):„Das wäre sehr unrecht von Euch, Tipfel- bauer; Eurem Bater und Großvater habe ich diesen Prozeß geführt, und Ihr wollt mir auf einmal untreu werden?"— („Lustige Blätter'.) Notizen. st. Himmelfahrtsblume. In Schwaben werden noch bielfach von ärmeren Frauen und Kindern kleine Kränze der „Himmelfahrtsblume" gewunden, die gegen den Blitz Schutz gewähren soll, und gern gekaust und in die Wohnung gehängt werden, da die niedlichen rvtlich-weißen Blümlein, die lange frisch bleiben, einen freundlichen Zimmerschmuck bilden. Der Aberglaube schreibt der Blume, deren botanischer Name Gnapbalium dioicurn ist und die auch„Ruhrkraut" heißt, weil sie wegen ihrer bitteren Stoffe gegen die Ruhr wirksam sein soll, besondere Kraft zu, lvenn sie am Himmel- fahrtstag vor Sonnenaufgang gepflückt wird. Das hängt wohl damit zusammen, daß dieser Tag dem altgermanischen Donnergott Donar geweiht war, weshalb ja auch das Fest auf einen Donnerstag fällt. In der-Ulmer Gegend heißt die Blume„Engelblümle".— — Eine Reihe bisher unbekannter und ungedruckter Gedichte von Alfred de Musset wird demnächst in Paris veröffentlicht werden.— — Der Rat der Stadt Leipzig hat 15 000 M. für die Er- richtung eines Bach-Denkmals ausgeworfen. Das Denkmal ist von Karl Seffner entworfen und ivird einen Aufwand von 50 000 M. erfordern. 33 000 M. wurden bereits früher aufgebracht, so daß nur noch 2000 M. fehlen.— — Am 17. Juni wird in Butzbach das oberhessische Volkstrachten fest eröffnet. Ueber dreißig Gruppen mit 800 Darstellern haben sich bereits angemeldet. Auch die Odenwalder Tracht wird vertreten sein.— — Nach einem Telegramm der„N. Fr. Pr." ist es der wissen- schaftlichen Expeditton des Hauptmanns Alexander am oberen Kongo fielungen, ein Okapi lebend in einer Elefantenfalle zu angen.— — Eine größere Anzahl von Meteorologen aus verschiedenen deutschen Staaten hielt dieser Tage in Würzburg eine Beratung ab, in der die Einrichtung eines gleichmäßigen Wetterberichts für ganz Deutschland beschlossen wurde.— — Einen merkwürdigen Ort gibt es inr O d e n w a l d. Letzter Tage wurde, wie die„Allg. Ztg." mitteilt, amtlich bekannt- gemacht, daß der neue Förster in Dürr-Ellenbach, welcher mit seiner Familie die ganze Gemeinde bildet, zum Beigeordneten von Dürr- Ellenbach verpflichtet worden sei. Dieser Fall dürfte wohl der einzige dieser Art sein. Der ganze Ort ist nämlich in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer Kopfzahl von sechzig Personen nach Amerika ausgewandert. Die Grafen von Erbach kauften die Liegenschaften der Bauern an, rissen alle Wohnungen bis aus eine für einen Förster nieder und bepflanzten alles mit Wald. Somit ist dieser Ort verschwunden, wird aber immer noch amtlich weitergeführt.—_ Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LlV-