Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 102. Mittwoch, den 30. Mar. 1906 (Nachdruck verboteu.) 201 Einer Mutter Sohn. Roman von ClaraViebig, Käte gab Wolfgang nach. Es war ja auch nicht gefährlich. wenn die Kinder hierher zu ihm kamen in den Garten, da hatte sie sie ja immer unter Augen und Ohren. Und gut wollte sie zu ihnen sein, das nahm sie sich vor, es die Kinder nicht entgelten lassen, daß sie ihrer Freundschaft wegen schon manch heimliche Träne hatte am Abend in ihr Kissen weinen müssen. Lieb wollte sie ihrem Knaben den Garten machen, so lieb, daß er nie mehr hinaus verlangte auf die Straße! Aber als sie am Ostertag, an dem sie Wolfgang erlaubt hatte, seine Freunde, die Lämkes und auch den Kutschersohn, in den Garten zu laden, die bunten Eier versteckte, die Nestchen und Häschen und Küken in den treibenden Buchsbaum bettete und zwischen die ersten blühenden Büschelchen der blauen Scylla, erhob sich in ihrem Herzen etwas wie Zorn. Nun würden diese Kinder mit ihren schlechten Manieren und ihren trappsigen Schuhen kommen und ihr die Beete vertreten, diese sorgsain gepflegten Rabatten, auf denen unter deckendem Reisig schon die Hyazinthen Knospen trieben und die Tulpen sich reckten. Schade darum! Und daß man diesen ersten wirklichen Frühlingstag nicht still genießen konnte, ungestört dem flötenden Amsellied lauschen! Und gesperrt hatten sie sich noch! Hans Flebbe freilich hatte ohne Empfindlichkeit zu- gesagt— der Kutscher wenigstens wußte, was sich schickte—, aber die Lämkes hatten durchaus nicht komnren wollen: das heißt ihre Mutter hatte es nicht gewollt. Zweimal hatte man Lisbeth hinschicken müssen: das zweitemal war die ganz empört zurückgekommen:„ne, was solch ein Volk sich ein- bildet!"„Lieber Junge, ich kann Dir nicht helfen, sie wollen doch nicht," hatte Käte sagen müssen, aber da hatte sie's ihm angemerkt, wie niedergeschlagen er war, und in der Nacht hörte sie ihn seufzen und sich rastlos werfen. Nein, das durfte nicht fein! Seinen Arm, der sich so stürmisch um ihre Taille geschlungen hatte, als sie ihm die Erlaubnis gegeben hatte, die Kinder zu laden, wollte sie auch um ihren Nacken fühlen. Und so hatte sie sich denn hingesetzt und geschrieben — � an diese ungebildete Frau geschrieben:„Geehrte Frau Lämke," und sie gebeten, den Kindern doch das Eiersuchcn zu erlauben, Wolfgang zur Freude. Nun waren sie da. Angetan mit ihren besten Sachen, standen sie steif und still auf dem Gartenweg und sahen nicht einmal nach den Rabatten hin. Kätx hatte sich immer einge- bildet, es besonders gut zu verstehen, Llinder aus sich herauszulocken. Hier verstand sie es nicht. Sie hatte Fridas ganz neues, buntkariertes Kleid gelobt und ihr den blonden Zopf, an dem die blaue Schleife baumelte, in die Höhe gehoben: „Ei, wie dick!"— auch Arturs blanke Stiefel hatte sie be- achtet und Flebbes pomadisiertes Haar, das er, mit einem Scheitel in der Mitte, wie angeklebt über seinem blühenden Lakaiengesicht trug. Auch nach den Osterzensuren hatte sie gefragt, ohne doch längere Antworten herauszubekommen, als „ja" und„nein". Die Kinder waren befangen. Besonders Frida: sie war die Aeltcste, und sie fühlte heraus, was da Gezwungenes in den freundlichen Fragen war. Sie machte ihren Knicks wie immer, schnell und schnippisch wie eine Bachstelze, die eilig auf und nieder wippt, aber ihre hohe Mädchenstimme klang heute nicht so hell: sie sprach gedänipfter, fast bedrückt. Und sie lachte nicht. Artur richtete sich nach der Schwester, und auch Hans Flebbe nach dem Mädchen, an dem er ohnehin alles nachahmenswert fand. Wie die armen Schlucker standen die beiden Jungen da, guckten unverwandt auf ihre Stiefel- spitzen und schnüffelten, da sie es nicht wagten, ihre Taschen- tüchcr herauszuziehen und zu benutzen. Käte verzweifelte. Sie konnte es nicht begreifen, daß ihr Wolfgang an solchen Gespielen Gefallen fand: heute war er übrigens genau so wie die anderen, wortkarg und ungc- schickt. Selbst als das Eiersuchen anhub, stellten sich die Kinder dumm an: man mußte sie förmlich auf den Versteck stoßen. Müde, fast gereizt wandte sich Käte endlich dem Hause zu: nur ein Weilchen wollte sie drinnen bleiben. Nein, das hier war auf die Dauer nicht auszuhalten, immer in die Kinder hineinzureden und ihnen doch keine Gegenäußerung zu entlocken! Aber sie hatte kaum ihr Zimmer betreten, so horchte sie auf: von außen drang ein Schrei zu ihr, so hell, so jauchzend- schrill, wie segelnder Schwalben Schrei. So schrieen Kinder in höchster Luft— o, sie kannte das von früher her, von ganz früher, ehe noch Wölfchen gekommen war! Da hatte sie solchen Schreien oft sehnsüchtig gelauscht. Aha— ein bitteres Ge- fühl regte sich in ihr—, nur sie mußte gehen, dann waren die Kinder lustig, dann war Wolfgang lustig! Sie war ans Fenster getreten und sah, die Stirn an die Scheibe gelehnt, hinaus in den Garten. Wie sie rannten, sprangen, hüpften, lachten! Wie losgelassen! Sie spielten Nachlaufen. Gleich einem Wiesel schoß Frida hinter die Büsche, um dann mit spitzem, durchdringendem Gelächter wieder aufzutauchen und, kreischend, aufs neue zu verschwin- den. Wild setzte Wolfgang hinter ihr drein. Er achtete nicht auf die Rabatten mit den treibenden Blumen, der Mutter Freude: mitten hinein tcchpte er, unbekümmert, ob er die Hyazinthen knickte oder die Tulpen, einzig nur bedacht, der flinken Frida den Weg abzuschneiden. Und die beiden anderen machten es ihm nach. O, wie wurden jetzt die Beete zertrampelt! Alle drei Jungen waren hinter dem Mädchen her. Der blonde Zopf flog wie eine goldene Schnur im Sonnenschein— jetzt flog er hier, jetzt flog er da— nun hatte Wolfgang ihn erhascht und stieß ein Triumphgeschrei aus. Frida versuchte ihn loszureißen, der Knabe hielt fest. Da drehte sie sich blitzgeschwind um, und, übers ganze Gesicht lachend, faßte sie ihn mit beiden Armen fest um den Leib. Es war eine harmlos lustige Umschlingung, ein Trick des Spiels— nicht zur Gefangenen wollte das Mädchen ge- macht sein, es wollte so tun, als sei es selber die Fangende—, es war eine ganz kindlich-unbefangene Berührung, aber Käte wurde rot. Ihre Stirn zog sich in Falten: aha, das Mädchen von der Straße zeigte sich! Kaum daß man den Rücken ge- wendet hatte! Und mit einem Gefühl des Hasses gegen dieses Mädchen, "das, so jung es auch noch war, doch schon versuchte, ihren Knaben an sich zu locken, ging die Mutter wieder in den Garten.— Wenn Käte gedacht hatte, heute abend, nachdem die Kinder, beladen mit Ostereiern und vollgesättigt, nach Hause gegangen waren, einen stürmischen Dank von ihrem Jungen zu ernten, so hatte sie sich getäuscht. Wolfgang sagte kein Wort. Sie mußte ihn fragen:„Nun, war's denn schön?" „Hm!" Das konnte ebensogut„ja" als„nein" bedeuten. Aber daß es„nein" bedeutet hatte, erfuhr sie, als er ihr gute Nacht sagte. Auf Wunsch des Vaters mußte er ihr immer die Hand küssen: er tat das auch heute mit der unfreien, schon so echt jungenhaften, etwas täppischen Bewegung. Sein dunkler glatter Kopf bückte sich einen Augenblick vor ihr— nur einen kurzen Augenblick— seine Lippen streiften flüchtig ihre Hand, Es war kein Druck in diesem Kuß, keine Wärme. „Hast Du Dich denn gar nicht amüsiert?" Sie konnte es nicht unterlassen, sie mußte doch noch einnwl fragen. Und er, der aufrichtig war, sagte geradezu: „Immer, wenn's gerade hübsch wurde, kamst Du!"' „Nun, dann werde ich Euch künftig nicht mehr stören!" Sie versuchte zu lächeln.„Schlaf Wohl, mein Sohn!" Sie küßte ihn, aber als er gegangen, war neben dem Gefühl einer gewissen Eifersucht, überflüssig zu sein, von anderen völlig ersetzt zu werden, eine große Angst in ihr: wenn er jetzt schon so war, o, wie würde er erst später sein?!— Wolfgang konnte sich nicht beklagen, die Mutter ließ die Kinder so oft zu ihm in den Garten kommen, wie er sie haben wollte und er wollte sie fast alle Tage. Die Freundschaft, die im Winter brach gelegen hatte, blühte im Sömmer doppelt auf. „Laß sie doch nur," hatte Paul zu seiner Frau gesagt, als sie ihn mit gespannt gehobenen Augenbrauen ansah: was ivurde er sagen, würde er's wirklich gern sehen, daß Wolfgang mit diesen Kindern in seinem Garten tobte?!„Ich finde es nett, wie der Junge mit den Kindern ist," sagte er.„Ich hätte nie gedacht, daß er sich so anschließen könnte!" „Du findest es nicht nachteilig, daß er immer nur mit diesen— diesen nun, mit diesen Kindern umgeht, die doch einer ganz anderen Sphäre angehören?" Ach was! Nachteilig?!" Er lachte.„Das hört später schon ganz von selber auf. Es ist mir bedeutend lieber, er hält sich an solcher Leute Kinder als an die von Protzen. Er bleibt so eben viel länger ein einfaches Kind!" „Meinst Du?!" Nun ja, in gewisser Beziehung mochte Paul recht haben! Wölfchen war anspruchslos, ein Apfel, eine einfache Brotschnitte waren ihm ebenso lieb wie Torte. Aber es wäre doch besser und ihr lieber gewesen, er hätte sich wählerischer gezeigt— hierin wie auch in anderem. Sie gab sich alle Mühe, ihm eine feinere Zunge anzuerziehen. Als die Köchin eines Tages ganz enipört kam:„Gnädige Frau, nu will der Wolfgang schon nich mehr von der guten Zervelatwurst, un Braten von Mittag will er auch nich mehr auf die Stulle—„immer dasselbe", räsonniert er— was denn nu?"— da freute sie sich. Endlich war es ihr gelungen, ihm beizubringen, daß man nicht sinnlos in sich hinein ißt, ohne jede Wahl, nur um des Essens willen! Hätte sie gesehen, wie er bei Frau Lemke Schmalzbrot mit Zwiebelleberwurst stopfte, oder Kartoffelkuchen in Oel gebacken heiß aus der Pfanne hinunterschlang, sie hätte sich nicht mehr gefreut. Aber so war sie dankbar für jede noch so kleine, feinere Regung, die sie an ihm zu beobachten glaubte. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie sich selber quälte. Ach, warum unterstützte sie ihr Mann nicht in der Er- Ziehung?! Wenn er's doch täte! Aber er verstand sie eben nicht mehr! Schlieben hatte es aufgegeben, seiner Frau hineinzureden. Ein paarmal hatte er's versucht, aber seine Einwendungen waren gescheitert an der Hartnäckigkeit, mit der sie an ihren Prinzipien festhielt. Warum sollte er sich mit ihr entzweien?! So viele Jahre hatten sie glücklich miteinander gelebt— bald waren sie ein Silberpaar— und nun sollte dieses Kind, dieses Bürschchen, das noch kaum orthographisch schreiben konnte, dem der Lehrer eben die ersten lateinischen Regeln eindrillte— dieses Kind, das im Grunde weder sie noch ihn etwas anging— dieses fremde Wesen sollte sie beiden alten Eheleute auseinander bringen?! Da ließ man eben viel lieber manches geschehen, was Käte vielleicht besser anders gemacht hätte. Mochte sie sehen, wie sie auf ihre Weise mit dem Jungen fertig wurde— sie hatte ihn ja so unendlich lieb! Und wenn der dann einst, nicht mehr das Spielzeug, ihren zarten Händen entwachsen war, dann war er, der Mann, ja noch immer da, um ihn die kräftigere Hand fühlen zu lassen. In dem Jungen war ja zum Glück kein Falsch! Schlieben war nicht unzufrieden nüt Wolfgang. Ein Uebcrflieger war der freilich nicht in der Schule, gehörte durchaus nicht zu den ersten, hielt sich aber immer doch noch in einer anständigen Mitte. Nun, ein Gelehrter brauchte er ja auch nicht zu werden! Von all dem, was Paul Schlieben einst in jüngeren Jahren nur einzig erwägenswert gefunden hatte— Wissenschaft, Kunst und deren Studium—, hielt er jetzt nicht mehr das gleiche wie früher. Jetzt war er zufrieden in seinem Kaufmannsberuf. Und da dieses Kind nun einmal in lein Leben hineingeraten war, ohne eigenes Zutun in solche Ler- Hältnisse gekommen war, war es auch die Pflicht dessen, der sich„Vater" von ihm nennen ließ, ihm eine Zukunft zu ge- stalten. Und so machte sich Schlichen einen festen Plan. Wenn der Junge so weit war, daß er das Einjährigenzeugnis hatte, nahm er ihn aus der Schule, schickte ihn ein Jahr nach Frankreich, nach England, eventuell nach Amerika, immer in große Häuser, und wenn er dann vom untersten Lehrling an- Hefangen und was gelernt hatte, dann nahm er ihn zu sich in die Firma. Er dachte es sich schön, manches dann auf jüngere Schultern wälzen zu können. Und verläßlich würde der Junge wohl sein, das merkte man ihm schon jetzt an! Wenn Käte nur nicht so übertriebene Anforderungen stellen wollte! Immer war sie hinter dem Jungen her— wenn nicht in Person, so doch in ihren Gedanken. Sie quälte ihn— er war eben nun mal kein anschmiegendes Kind— und machte es sie denn selber glücklich?! lFortsetzung folgt. 1! lNachdmck verboten.) Die predigt des Hbbe Douzac» Von Paul Desclaux. Autorisierte Ueversctzung aus dem Französischen. Seit einer Reihe von Jahren war Abbö Douzac Seelsorger der Gemeinde Goudourville. Er war ein kräftiger, untersetzter Mann mit vollem, rotem Gesicht und gutmütigen, blauen Augen. Und diesem sympatischen Aentzeren entsprach sein Charakter. Er war ehrlich, aufrichtig und nicht für zioei Sons stolz, wie man in jener Gegend sagt. Kein Wunder, daß er von all seinen Pfarrkindern ge- liebt wurde und in einem idealen Verhältnis von Freundschaft und Vertraulichkeit zu ihnen stand. Abbo Douzac war als junger Priester einige Jahre Missionar in Afrika gewesen. Seit jener Zeit datierte seine leidenschaftliche Liebe zur Natur und eine weitgehende Toleranz den Pfarrkindern gegen- über, die von seinen höheren und höchsten kirchlichen Vorgesetzten nichts weniger als gern gesehen wurde. Des Sonntags ivar seine Kirche stets gedrängt voll. Aber Abbö Douzac, der wußte, wie sehr seine Gläubigen ihn liebten, der aber auch wußte, wie leidenschaftlich sie sich nach dem Kegelspiel, ihrer gewohnten Sonntagsbelustigung, sehnten, ließ sich durch die große Zahl seiner Zuhörerschaft niemals dazu verleiten, seine Schäfchen länger als notwendig in der Kirche zurückzuhalten. Mit militärischer Kürze zelebrierte er die Messe, legte dann schnell sein Priestergewand ab und ging von Gruppe zu Gruppe, alle Hände drückend, die sich ihm entgegenstreckten. Ins Pfarrhaus zurückgekehrt, nahm er ein bescheidenes Früh- stück ein und spazierte dann gemächlich auf den Schloßberg, so ge- nannt, weil sein Gipfel vom alten Schloß der Barone von Goudour- ville gekrönt wird. Oben angelangt, legte er sich ins Gras und be- trachtete das herrliche Landschastsbild, das sich seinen Blicken bot. Das Panorama, welches er von diesem erhöhten Standpunkt genoß, war in der Tat entzückend. Zu seinen Füßen dehnten sich ungeheure Weinpflanzungcn, dahinter riesige Getreidefelder, deren gelbliche Nehren im Winde leise hin- und herwogten: darin versteckt die sauberen, lustigen Häuschen von Goudourville, alle von kleinen Gärtchen umgeben, die durch Pflaumen- oder Nußbäume von einander geschieden wurden. Und schließlich im Hintergründe, das Panorama abschließend, das bläuliche, gewundene Band der Garonne. Abbo Douzac loar glücklich, wunschlos glücklich. Man hätte ihm die fetteste Pfründe anbieten können, er würde ohne Zögern„nein" gesagt haben, nur um in dem idyllisch-schönen, ruhigen Goudourville weiterleben zu können. Aber dieses Glück sollte nicht ungetrübt bleiben. Eines Sonnabend abends, als er vom Schloßberg kam, fand Abbo Douzac im Pfarrhans den Brief eines allen Freundes und Amtsgenossen, der dem Bischof von Montauban attachiert war. Der Brief' lautete folgenderniaßen: Mein lieber Douzac! Du hast Feinde. Se. Eminenz hat soeben ein anonymes Schreibe» erhnlteu, dessen Verfasier Dir nachsagt. Du verbreitetest das Wort Gottes nicht so, wie es sich gezieme. Ja, er wirft Dir sogar vor, daß Du niemals die Kanzel besteigst, um zu predigen, sondern daß Du Dich statt dessen begnügst, mit Deinen Schäfchen kameradschaftliche Unterhaltung zu pflegen. Se. Eminenz ist der Ansicht, daß mit derartigem Tun der Kirche und ihren hohen Zielen nicht gedient ist, und hat eine Untersuchung angeordnet. Du kannst Dich also darauf gefaßt machen, an einem der nächsten Sonntage den Besuch des Herrn Generalvikars zu empfangen, der dem Gottesdienst beiwohnen wird. Ich beeile mich. Dich davon in Kenntnis ziijetzen: richte Dich danach! Ich darf Dir nicht verhehlen, daß Sc. Eminenz cntsckilossen ist, mit aller Strenge gegen Dich vorzugehen, falls die Dir gemachten Vorwürfe auf Wahrheit beruhen sollten. Er beabsichtigt. Dich gegebenenfalls an das äußerste Ende des Departements zu ver- setzen in eine Pfarrei, wo Du nicht in Versuchung geraten sollst, über den Schönheiten der Natur Deine heiligen Pflichten zu ver- essen. Sieh also zu. ivaS Du tun kannst, um Deine Feinde zu eschämen oder daS Unwetter abzuwenden. Dein alter Freund Ducasse. Nachdem er diesen Brief gelesen hatte, kratzte sich der Abb6 mit ratloser Miene den Kopf. Dann stopfte er seine Pfeife, steckte sie in Brand und setzte sich unter die alte, dichtbelaubte Rüster, die den Eingang des Pfarrhauses beschattete. Wie? Er sollte dieses herrliche Fleckchen Erde verlassen? Nein, daS durfte nicht geschehen I... Er dachte lange und angestrengt nach. Plötzlich verklärten sich seine Züge und er lächelte vergnügt zu den Türmen des Schlosses empor, welche die untergehende Sonne mit blutrotem Schein übergoß. Er trat ins Haus und sagte zu seiner alten Wirtschafterin: „Eglmitine, morgen bei Schluß der Messe werden Sie mir eine Tasse Fleischbrühe und ein GlaS Wein in die Sakristei bringen I" Am nächsten Morgen war die Kirche, toie gewöhnlich, � mit Gläubigen gefüllt. In der Sakristei unterhielt sich der Abbö inzwischen halblaut mit dem alten Kantor Missier, der eifrig mit dem Kopf nickte. Endlich begann der Gottesdienst. Beim Evangelium verkündete der Abüö seinen Getreuen: .Meine Brüder, vom kommenden Sonntag an will ich in der Messe über die Wahrheiten unseres heiligen GlauvenS sprechen. Heute nach Schluß des Gottesdienstes möchte ich Euch kurz den Plan auseinandersetzen. Ich bitte Euch daher, noch einige Augen- blicke zu verweilen." Darauf wandte er sich wieder dem Mar zu, nicht ohne vorher dem alten Missier ein unmerkliches Zeichen gegeben zu haben. Dieser hatte den Wink sofort verstanden, denn er erhob sich sehr ostentativ, schloß die Kirchentür ab und kehrte mit dem Schlüssel in der Hand an seinen Platz zurück. Nach Beendigung der Messe trat WbS Donzac in die Sakristei, trank seine Fleischbrühe und seinen Wein und stieg dann wohlgestärkt auf die Kanzel. Zweiundeinhalb geschlagene Stunden setzte er der Gemeinde den Plan seiner künftigen Predigten auseinander. Zun, Schluß be- merkte er: „Heute, meine Brüder, habe ich mich kurz gefaßt; am nächsten Sonntag aber, das verspreche ich Euch, will ich ausführlicher sein, und Ihr sollt mir nichts vorzuwerfen haben." Man kann sich unschwer denken, welche Wirkung dieses Ver« sprechen auf das erschöpfte Auditorium hervorrief, dem während der Endlosen Predigt die Flucht durch die Sakristei vom Kantor Missier Energisch verwehrt worden war. Am nächsten Sonnabend erhielt Abbö Douzac vom Bischof die offizielle Benachrichtigung, daß der Herr Generalvikar am Sonntag in Goudoilrville eintreffen und im Auftrage seiner Eminenz dem Gottesdienst beiwohnen werde. Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der Gemeinde, und die Ankündigung eines feierlichen Hochamtes mit einem Orga- nisten aus Monlauban erregte die Neugierde der Bauern in dem Maße, daß sie beschlossen, an diesem Hochamt teilzunehmen, obwohl sie sich nach der so unerwartet in die Erscheinung getretenen Bered- samkeit ihres Seelsorgers eigentlich vorgenommen hatten, die Kirche in Zukunft zu meiden. Am Sonntagmorgen stieg der Herr Generalvikar vor der Tür des Pfarrhauses aus dem Wagen und erklärte dem ihn empfangenden Abbs: „Se. Eminenz ist sehr unzufrieden mit Ihnen, Herr Pfarrer. Sie predigen niemals und ich frage Sie zunächst, welche Gründe Sie dafür haben?" „Ich predige nicht, Herr Generalvikar, das ist allerdings wahr. Aber wie sollte ich auch? Ich wäre ja gleich dem Apostel Paulus ein Prediger in der Wüste! Meine Pfarrkinder laufen davon, sobald ich die Kanzel besteige, und lassen mich allein mit den vier Wänden. Als Auditorium ist das etwas mager, und darum habe ich geglaubt, auf das Predigen gänzlich verzichten zu sollen. Uebrigens sind die Bauern hier so dumm, daß ich den Nutzen, den sie aus meinen Predigten ziehen könnten, nicht einzusehen vermag." „Ich wünsche trotzdem, Herr Pfarrer, daß Sie heute predigen! Ich möchte mich selbst davon überzeugen, ob diese braven Leute ivirllich dem wenig schmeichelhaften Bilde entsprechen, das Sie von ihnen entwerfen." „Schön, Herr Gcneralvikar, ich werde predigen." Inzwischen hatte der Kantor Missier, der von seinem Vorgesetzten geheime Weisungen erhalten hatte, in der Sakristei das silberne Ge- fäß mit dem Weihwasser auf den Spiritusapparat gesetzt und das Wasser kochen lassen. Um 9 Uhr betraten unter brausenden Orgelklängen der Herr Gcneralvikar, gefolgt vom Abbs Douzac, ernst und feierlich die dicht gefüllte Kirche. Hinter ihnen schritt mit demütig gesenktem Haupt, das silberne Weihwasserbccken in der Hand, der Kantor Missier. Abbä Douzac tauchte den Weihwedcl in das silberne Becken und begann, während er mit starker Stimme das„.Aspor�ss ms, domine.. intonierte, das kochende Wasser den Gläubigen ins Gesicht zu schleudern. Singend und spritzend, gefolgt von Missier mit dem Becken, ging er so durch sämtliche Gänge der Kirche. Die Pfnrrkiudcr fuhren erschreckt mit den Händen nach ihren Gesichtern, um die heiße Flüssigkeit abzuwischen, und Abbe Douzac bemerkte mit spöttischem Lächeln, als er am Gcneralvikar vorüberging: „Sehen Sie nur, wie dumm sie sind I Sie verstehen nicht ein- mal, das Zeichen des Kreuzes zu machen I Nach dem Evangelium entledigte Abbe Donzac sich des Meß- gcwandes und schritt nach der Kanzel, während Missier mit dem Schlüssel in der Hand der Tür zustrebte. In diesem Augenblick erhob sich in der frommen Gemeinde ein unbeschreiblicher Tumult. Alles eilte in wilder Hast dem Ausgange zu, bemüht, denselben noch vor dem Kantor zu erreichen. Als der Pfarrer die Kanzel betrat, war die Kirche vollkommen leer. „Soll ich predigen. Herr Generalvikar?" fragte Abbe Douzac. „Das wäre ztvecklos. Es ist ja niemand mehr da. Sie halten recht: es sind in der Tat Wilde I" Nach Montauban zurückgekehrt, erstattete der Herr Gcneralvikar Sr. Eminenz einen äußerst günstigen Bericht über den Jnkulpaten, den auch nicht die Spur einer Schuld dafür träfe, daß in Goudour- ville nicht gepredigt würde. I» Zukunft blieb Abbä Douzac unbehelligt. Er lebte und wirkte noch lange Jahre in Goudourville, ohne auch nur ein einziges Mal zu predigen. Als er endlich hochbetagt starb, wurde er von Alt und Jung aufrichtig betrauert. Keiner von diesen schlauen, sver- schlagencn, nichts weniger als dummen Bauern, die gesenkten Hauptes seinem Sorge folgten, ahnte, daß der Entschlafene sie einmal als Idioten dargestellt hatte, um seine Pfarre und sein beschauliches Dasein zu behaupten.— Klcirns femlleton. pl. In der Sonne. Gelbe Nachmiltagssonne liegt über der Chaussee. Endlos ausgegossen breitet sie sich zu beiden Seiten deS Weges über Wiesen mit dürrem verstaubten Gras und schweigende Felder. Kein Windhauch weht, kein Grashalm regt sich, fern nur zittern die Hitzwellen über das Land, und zuweilen schallt ein Vogelruf auf aus den Furchen. Fern, wo sich der Weg im schattigen Dunkel verliert, zieht sich im blauenden Halbkreis der Wald. Kaum, daß die Sonne Einlaß findet durch das verschlungene Geäst, hier und da nur spielen vereinzelte Lichterchen über die braunen Stämme. Dort ist Kühle und Schatten. Eine kleine Schar Ausflügler kommt langsam die Chaussee ent- lang. Die Männer in Sommerkleidern, den eingedrückten Panama tief in die Stirn, die Frauen in weißen leichten Blusen. Ganz vorne keucht ein älterer dicker Herr. „Unheimliche Hitze!" stöhnt er laut und bleibt erschöpft stehen. x Indessen kommen auch die anderen heran. „Nur immer weiter, Onkel!" ermuntert ihn eine junge Frau, „bald sind wir ja da!" „Ja, das sagt Ihr nun schon zum zehnten Male!" grollt die Tante.„Ich habe überhaupt schon die Hoffnung aufgegeben, jo hinzukommen. Und an allem ist nur Hans schuld. Wären wir den See entlang gegangen, säßen wir längst beim Kaffee." „Na. macht's man halbwcgel" verteidigt sich Hans.„Ihr tut ja gerade, als ob Ihr übermenschliche Strapiazen bestehen müßtet. Daß es warm ist, dafür kann ich doch nicht und das bißchen Laufen.. „O Gott,„das bißchen Laufen"!" Die Tante schlägt entrüstet die Hände zusammen.„Da traben wir jetzt eine geschlagene Stunde in der Glut umher, und bis zum See ist's niindcstcus noch eine. Dir ist das ja ganz gleichgültig. Aber man ist doch, schließlich auch nur ein Mensch!" „Und man kann einen Sonnenstich bekommen I" Der Onkel zog das Taschentuch hervor und betupfte sorgfältig seine Glatze. „'s ist alleS nicht so schlimm!" tröstete Hans.„Nur immer vorwärts, im Wald könnt Ihr ausruhen!" Die Tante warf ihm einen vernichtenden Blick zu und schritt schweigend weiter. Sie mußte nicht mehr sprechen können vor Er- mattung, denn nur hin und wieder tönte ihr leises„Unerträglich!" oder des Onkels Keuchen. Der Wald kam näher. Sie erstiegen eine kleine Anhöhe und standen im Schatten mächtiger Föhren. Unter ihnen lag zur einen Seite der See, an dessen Ufern sich der Wald Weiterzog, zur anderen die Felder und Wiesen, durch die in weitem Bogen die Chaussee lief. Die klein: Gesellschaft hatte sich ins Gras gestreckt und schien sich allmählich zu erholen. Nur die Tante koimte sich nicht be» ruhigen. Sie klagte über Stechen in den Füßen und Migräne. „Das hält ja kein Pferd aus!" jammerte sie.„Es ist unerhört von Dir, Hans, uns so'was zuzumuten." „Aber schön ist's doch!" lachte Hans.„Seht nur diese herrlichen alten Bäume! Hat sich etwa der Weg nicht gelohnt, Käthe?" Er blickte sich nach seiner Frau um, die aufgestanden war und auf die Chaussee hinabsah!„Was hast Du denn da?" Von unten, wo graue Staubwolken laugsam über den Boden hinkrochen, klang schweres Stampfen und Hämmern herauf. Hans trat näher und sah hinunter. Eine Schar Arbeiter besserte die Chaussee aus. Die einen schleppten Steine herbei, andere behauten sie, wieder andere schüttelten unablässig Sand auf. Durch die dicke, heiße Luft drang das Nattern und linirschcn der Walze, die sich schwerfällig über den Kies dahinwälzte. Hanö sah seine Frau verstohlen an, ihre Blicke fanden sich. „Siehst Du, Tante", sagte er dann laut,„da unten schleppen Menschen in Staub und Hitze Steine und dürfen weder klagen noch Migräne bekommen. Und Tu..." „Aber, Hans!" Die Tante fuhr empört auf.„Was sind den: das für Vergleiche? Willst Du mich etwa mit denen auf eine Stufe stellen? Das möchte ich mir denn doch sehr verbitten! Die sind eben dazu da. Steine zu tragen. Und arbeiten muß ein jeder!" „Gewiß", pflichtete der Onkel bei,„arbeiten muß ein jeder!" „Ja", sagte Hans,„es kommt nur darauf an, was man unter „arbeiten" versteht. Wenn die Leute da, zum Beispiel, wie Du, mit dem Portemonnaie in der Hand geboren wären, könnten sie jetzt auch daliegen und sich recken, so aber..." „Werde doch nur nicht wieder persönlich!" unterbrach ihn der Onkel.„ES ist eben stets so gewesen und wird ewig so bleiben: es muß Reiche geben und Arme, Müßiggänger und Arbeiter. Wo sollte das denn auch hin?" Er schüttelte den Kopf und sah den Neffen erregt an. „Und Was Du da von Staub und Hitze sagst, ist man halb so schlimm. Die paar Stunden täglich, das hält man wohl schließ- lich aus. Und die Leute gewöhnen sich so daran, daß sie schließlich gar nichts anderes mehr haben wollen. Dafür sind es eben Ar- beitcrl" ..Arbeiterl" wiederholte die Tante.„Komm, Artur, laß uns gehen, das Gehämmer macht mich nervös." „Ja, und es staubt herüber", nickte der Onkel. Sie erhoben sich und gingen würdevoll den Weg zum See hinab. i�ans und seine Frau folgten nach. Unten aber, auf der Chaussee, wo die flimmernde Sonnenglut lag, eilten sehnige Gestalten geschäftig hin und her. Hämmer klangen, Schaufeln klirrten, in grauen Wolken wirbelte der Staub und die Dampfwalze ratterte dumpf. Arbeiter I.., — Spriichwörtcr aus den sieden Gemeinden von Äiccnza. Der »Franks. Z." wird geschrieben: Die inmitten italienischer Umgebung an ihrer deutschen Sprache und Eigenart festhaltenden sieben Gc- meinden von Vicenza bilden nenerdings allenthalben den Gegen- stand der Gcschichts- und Sprachforschnng. Folgende Proben der Sprechweise dieses VvlkchcnS, die wir der Zeitschrift für deutsche Mundarten(1906, Heft 2) entnehmen, mögen zeigen, wie merkwürdig sich das obcritalienische Deutsch im Laufe der Zeit entwickelt hat. Die mitgeteilten Spriichwvrter muten vielfach ursprünglicher, bode»« ständiger und natürlicher an, als unsere heutige neuhochdeutsche Spruch- Weisheit, die im Laufe der letzten Jahrhunderte, namentlich durch den Einflnss der Stadtsprache, abgeschliffener erscheint.„Bear stet pamme bolfe, liarnat Um"---»Wer beim Wolfe steht, lernt heulen".— »Der starbet bo hungare in an olvan proat"—„Der stirbt vor Hunger in einem Ofen voll Brot"(Es geht ihm wie dem Esel zwischen zwei Heubündeln).—„Bear get met lugen, hat kurze schinkcn"-----„Wer mit Lügen geht, hat kurze Beine".—„Pauch ba de hnngart, isset aller ding"—„Ein Bauch, der hungert, ißt alles" (Hunger ist der beste Koch).—„Heartcr esel starker Prügel"—„Ein storriger Esel(verdient einen) starken Prügel".—„Bohiingartar Hunt machet ilkarn(vgl. niederdeutsches: elk— jeder) sprunk"—„Ein hungriger Hund macht jeden Spnmg"(In der Not frißt der Teufel Fliegen).—„Der pomo vallet net cur ersten stroche"—„Der Baum fällt nicht auf einen Streich"(Auf einen Streich sällt keine Eiche).—„Bear schilt rotten, sammelt rotten, bear schut gearsten, sammelt gearsten"— Wer Roggen sät, sannnclt.Roggcn, wer Gerste sät, sammelt Gerste(Wie die Saat, so die Enite).—„In großen Köchen ist nagen de armakot"— In großen Küchen ist die Armut am nächsten lWohlgeschniack bringt Bettelsack).—„Bear get laise, get bait, an ilkar dink bil fain zait"— Wer leise geht, geht weit, jedes Ding will seine Zeit(Langsam und sicher gewinnt das Ziel).—„Der büffel fallet net bait sonne stamme"— Der Wipfel (sicitt neuhochdeutsch Apfel) fällt nicht weit vom Stamm.—„Tue net alles, bas du mak, gip net alles, bas du hast, klop net alles, bas du höarst, küt net alles, bas du boast"— Tu nicht alles, was du kannst, gib nicht alles, was du hast, glaub' nicht alles, was du hörst, sag, nicht alleS, was du weißt I— h. Neuartige AuSstellungSiintcriichmiingen. Eine Ausstellung für bolkstümliche Blumen- und Gartenpflege wird in Hannover an- gestrebt. Seit zehn Jahren wird daselbst die Blumenpflege durch Schulkinder geübt und alljährlich im Herbst fand eine Ausstellung der gepflegten Pflanzen statt. Für dieses Jahr soll diese Ausstellung einen ganz besonderen Charakter erhalten. Alle Städte der Provinz, welche Blumenpflege durch Schulkinder betreiben, sollen für diese Aus- stellung interessiert werden, desgleichen will man auch alle Blumen- Pfleger zur Ausstellung ihrer Pfleglinge einladen. Weiter sollen die Inhaber der Laubengärten und der Verein für Knabenhorte zum Ausstellen aufgefordert werden, wie auch auf die Mitwirkung des Vereins ftir Aquarien- und Terrarienkunde gerechnet wird. Auch ist beabsichtigt, die Schulaquaricn und beachtenswerte Stücke aus der botanischen Abteilung des Schulmnscums für die Ausstellung zu ver- wenden und einen Mustcrschnlgartcn anzulegen. Eine andere eigenartige Schaustellung wird die im nächsten Jahre in Dresden stattfindende Gartenbauausstellung bringen. Es handelt sich um die Darstellung der Einführungsperioden exotischer Pflanzen. Diese Schaustellung wird von Prof. Dr. Drude geleitet und soll nach dessen Angaben folgende fünf Perioden ver- anschaulichen: 1. Der Gartenbau des Mittelalters 800—1569, mit Pflanzen der heimischen bezw. südeuropäischen Flora. 2. Die Tulpen- Periode und beginnende Einführung amerikanischer Pflanzen, als Kartoffel, Mais und Lebensbaum, zusammen mit Gehölzen de« Ostens, als Flieder, Roßkastanie usw. Diese Periode umfaßt die Zeit von 1560—1670. 3. Die Periode der Einführungen aus Süd- afrika und der Gehölze aus Nordamerika von 1670—1770. 4. Die Periode der australischen Kalthanseinführungen und der Zunahme tropischer WarinHauspflanzen von 1770—1830. 5. Die Neuzeit. Ostasien erscheint mit schön blühenden Gehölzen, und die Weststaatcn Nordamerikas bringen eine Ergänzung der Warmhauskulturen.— Kunst.» o. s. Die zweite Ausstellung, die der Kunstsalon Schulte in seinem neuen Heim zeigt, bringt eine Fülle neuer Bilder. Es stellt sich dabei heraus, daß der in fünf Sälen zur Verfügung stehende Raum auf die Dauer wohl schwerlich immer mit guten Werken zu füllen sein wird. Wo soll das Material herkommen? Gemalt wird zwar viel, und so muß schließlich Mittelware, vielleicht gar noch schlimmeres die Lücken stopfen. Auch die jetzige Ausstellung zeigt eine gewisse Verlegenheit. Im Mittelpunkt steht Münch, von dem eine reichliche Anzahl Landschaften. Porträts von neuem die elementare Kraft des nordischen Temperaments beweisen, dem alle kultivierte Künstelei, deren Spuren man ihm anmerkt— er ist durch die französische Schule hindurchgegangen—, nicht den Kern seines Wesens ertötet. Münch erreicht durch die Intensität seiner Gestaltung, was die modernen Franzosen künstlich anstreben, große Kontraste, markante Linien und eine ans Primitive anklingende Robustheit der Darstellung. Während aber die Franzosen, wie Gaugin f z. B., der die Insulaner von Haitt darum aufsuchte, um primitiv sehen zu lernen, äußerlich nachahmend bleiben, schöpft Münch gleich dem anderen Maler, mit dem er Aehnlichkeit besitzt, mit van Gogh f, die Kraft aus sich selbst. Sein Teniperament ist sein Führer. Darum hat seine Ausdrucksart überzeugendere Werte. Dann kommt noch hinzu, daß das volkliche Elemem bei Münch stärker niitspricht. Es ist, als seien in ihm noch Reste nordischen Empfindens wirksam, die etwas Ungestüm-Primitives, Wild-llngebrochenes haben. Darum führt er seine Abficht so rücksichtslos ans Ziel. Seine Bilder machen in ihren krassen Farben, in ihren übertrieben dekorativen Werten einen verbissenen fanatischen Eindruck. Die Linien laufen als breite Bänder neben einander, unvermittelt steht Farbe bei Farbe und man denkt fast an die ungebändigte Wucht altmodischer Gebilde, die uns in Werken der Borzeit erhalten sind. Indem bei Münch das Persön- liche so mit dem Volklichen verknüpft ist, glauben wir ihm mehr, als den gleichstiebenden Franzosen, die der Verstand mehr regiert. Am intensivsten wirken Münchs Porträts, in denen er einen Charakter hinschreibt und zugleich das Persönliche umwertet ins Dekorativ- Malerische. Er erweitert und benutzt den Jmpressio- niSmnS, um nionumentale Wirkungen zu erzielen. Die Figuren stehen in harten, energischen Linien und derben, fast schreienden Farbenkontrasten bor uns. Es blicken unS keine Menschen, sondern dekorative Gestalten an. Man darf an alte Stickereien oder Holz- schnitzereien denken. In der Landschaft gibt Münch intensive Stimmung. Auch hier ein Eindruck, als hätten wir alte Glasmalereien vor uns, leuchtende Farben, breite Flächen, harte Kontur. Fein bringt Münch Figur und Landschaft zusammen, wie in dem großzügigen„Abend", mit dem violett leuchtenden Meer in Abendstimmung, vor dem in großem Umriß ein sitzender, sinnender Mensch sichtbar wird. Diese zwingende Kraft durch malerische Mittel, die suggestive Gewalt haben, zeigt sich auch in der„Sterbestunde", einem Milieu, das ganz in grünlich tote Farben getaucht ist. Wie ein Fanfarenstoß wirken dagegen die frischen Bilder, in denen Münch Motive von der Landstraße, spazieren- gehende Dorsmädchen, dekorativ verwertet. Aehnliche suggestive Gewalt mit den Mitteln der Farbe und der Linie strebt auch Jens Birkhol ni an. Er ist zurückhaltender. Aber das kleine Bild„Hunger", in dem vor blauer Wand die Ge- stalten der abgezehrten Frau und deS in der ekstatischen Haltung unheimlich wirkenden, zum Skelett abgemagerten Kindes erscheinen, zeigt Ansätze zu eigener Auffassung. Fein wirkt hier besonders noch der im Halbdunkel verschwindende Mann. Ucberhaupt sällt es auf, wie schlicht bei aller eigen enipfiindenen Tiefe der Künstler bleibt. Auch das große Bildi„Das Evangelium der Armen" ist eindringlich in der Wirkung. Es zeigt eine Volksversammlung. Abendlich gelbes Licht im Räume. Die Gesichter scharf herausgearbeitet. Intensive Stimmung ist hier dem Künstler gelungen. Er ist über kleinliche Schilderung hinaus- gekommen und hat das Wesentliche erfaßt. Gut wirkt hier noch das durch das geöffnete Fenster hcreindringende blaue, dunkle Licht der Nacht. Ein wenig kräftigere Sprache noch, und man könnte an Lacrmans, den belgischen Arbeitermaler denken. Wie ein einfaches Volkslied wirkt dagegen der«Gang im Dorf", eine schlichte Abendstimmnng zwischen kleinen Hänsern, in Dunkel getaucht, von dem sich die Häuschen wie Silhouetten abheben. Die Landschaften sind einfacher. Eine anschmiegende Empfindung führt hier den Pinsel. Leicht und sonnig liegt das Licht über Wald und Wiesen, heimliche Freude und Freiheit überall. Ein feierlich stiller Jubel. Diese beinahe rührend schlichte, ehrliche Empfindung kommt besonders gut in dem Heidebilde zum Ausdruck, in dem vor weiter Ebene hinten zwischen den vereinzelt stehenden Bäumen der Nebel zarte Schleier spinnt, so einfach und leicht, wie es oft die Japaner ans ihren feinen Holzschnitten zeigen. Von dem Mecklenburger Otto Dörr, der von 1832—1368 lebte, sind geschmackvolle Porträts ausgestellt, kräftig und elegant zugleich, mit entschiedener Betonung des Malerischen— z. B. in der Art, wie der rote Hintergrund gewählt ist, wie das graue und weiße Kleid mitspricht, wie die Farben trotz deutlicher Kontrastterung fu einander übergehen. Auch im Interieur verstand der Maler oft ein, das zarte Weben der Jnnenlust wiederzugeben. HtluioristischeS. — Das Gegenteil.„Herr Müller ist wohl ein großer Naturfreund?" „Im Gegenteil, er ist Mitglied vom Verschönerungsverein."— — Kennzeichen.„Mein Schwager ist Elektrotechniker." „Hab' mir's gleich gedacht; sogar im Gesicht hat er eine Glüh- birnel"— — In der Hochsaison.„Wollen S' a Zimmer für drei oder vier Mark?" „Wie unterscheiden sie sich denn?" „Bei denen um vier Mark is noch a MauSfall'n im Zimmer."— („Meggendorser-Blätter".) Verantwortl, Redakteur:.Hans Weber, Berlin,— Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin L W,