Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 103. Donnerstag, den 3t. Mai. 1S06 (Nachdvuck verboten.) 20 jSmer Mutter 8odn. Roman von Clara Viebig. Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg. wie hilfesuchend zu dem Manne slog. nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja, mit Käte war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!----- Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat konsultiert, und dieser hatte Franzens- bad verordnet. Nun dahin konnte er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benutzen, und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme konnten nicht schaden. Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?! „Nun, zu Hause," sagte der Vater.„Er ist ja alt genug: elf Jahre. Die Vormittage ist er in der Schule, die Nach- mittags im Garten, und alle paar Tage mag Hoffmann nach ihm sehen— Dir zur Beruhigung!" Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich ge- nommen. Aber Paul war ärgerlich geworden:„Das fehlte noch!" Und der Arzt hatte gesagt:„Durchaus nicht!" Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen:„Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!" „Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte Dich, Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm! Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnützerweise aus der Schule nehmen!" Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Letzten ge- hören, durfte er nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben! Sie erklärte, nicht fort zu können. Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg: je nervös- ängstlicher sie sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der Tag der Abreise wurde schon in Aussicht genommen. Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit Wolfgrng, mit dem Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht! Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war, ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen bösen Blick nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett sein lachendes Gesicht hereinhob. Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben. Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?! Aber Lisbeth zuckte nur wortlos die Achseln und setzte eine verdrossen-beleidigte Miene auf. Der Hausherr nahm sich den Knaben vor:„Sage mal, Junge, was hast Du eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir scheint, geht sie wegen Dir. Hör' mal—" er sah ihn scharf an—„Du bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?" Des Knaben Gesicht wurde ganz hell:„O, das ist gut, das ist gut, daß die geht!" Er beantwortete gar nicht die an .ihn gestellte Frage. Schlieben zog ihn am Ohrläppchen:„Antworte, bist Du frech gegen sie gewesen?" „Hm!" Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch triumphierend in der Erinnerung: „Gestern erst! Da Hab' ich ihr eine ins Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu suchen?!" Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon: sie würde sich ja nur wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht.— Ein anderes Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von vornherein keine besondere Zuversicht setzte — Liesbeth hatte gleich einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht— aber es blieb keine Wahl, da keine Zieh- zeit war: und sie sollte doch so rasch als möglich ins Bad. So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben. Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Ge- ficht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst acht- zehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie— sie verstand keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles gerade heraus, wie sie's dachte—, aber die Hausfrau nannte das„dummdreist". Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen. „Du kannst ganz beruhigt abreisen," sagte Paul.„Tu mir den Gefallen, Käte, sperre Dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist Du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier—" leicht tupfte sein Finger—„hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!" Er küßte sie. Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum erstenmal in ihrer Ehe auf so lange Zeik: denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekomnien war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen:„Warum gehst Du nicht mit nur wie früher? Franzensbad und Spaa— das ist doch ein so großer Unter- schied nicht!" Aber wozu das sagen, wenn er nicht cinnial mit dem leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abge- bröckelt unterm Flügelschlag der Zeit! Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang.„Wenn jemand hereinkoinmt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!" sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie diinkte, ein bißchen ver- legen und machte nicht den Versuch, sie zu halten. Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten:„Ach, wenn Du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!" „Hättest Du mir's doch ein bißchen eher gesagt!" Er war ganz betroffen: es tat ihm aufrichtig leid.„Wie gut hätte ich Dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den anderen Tag wieder zurück sein können!" O, er verstand es eben nicht, dieses:„wenn Du doch mit- führest!" Mit ihr auch dableiben— das hatte sie gemeint, Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfcheu noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebe- wohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf den Kissen ruhenden Kops gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen! „Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen," sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen.„Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!" Anderes konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts anderes mehr denken.„Grüßen Sie den—" Da üintfe oben daZ Fensierl MeiLe Arwe ausstreuend hob sie sich halb vom Sitz. Oben reckte der Junge den dunklen Kopf heraus. Seine Wangen blühten, heiß vom Schlaf, über dem weißen Nachthemd. „Adieu! Adieu I Komm gesund wieder! Und schreib mir auch mal!" Er rief es sehr vergnügt und nickte herunter: und hinter ffjm hob sich, freundlich lachend, das runde, gesund-weitz und rote Geficht der Cilla. TO. Käte wußte selber nicht, wie fie so über die Wochen der Trennung hinwegkommen konnte. So schlimm, wie fie fich's vorgestellt hatte, war es nicht. Sie fühlte, daß eine größere Ruhe über sie kam, eme Ruhe, die sie zu Hause nie finden konnte; und diese Ruhe tat ihr wohl. Sie schrieb ganz zu- frieden? Briefe, und die heiteren Berichte ihres Mannes von .„herrlichen Bergen" und„herrlichem Wetter" freuten sie. Auch von Hoffmann, der ihr, wie er's versprochen hatte, treu- lich Kunde gab, hörte fie Gutes. „Ter Junge ist prächtig auf dem Zeuge," schrieb er,„um bm brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, liebe Frau! Ur muß jetzt freilich seine Gespielen entbehren— ein Junge und ein Mädel sind krank—, denn mit dem dicken Stöpsel, ber noch übrig ist, langweilt er sich allein. Er ist meist für sich im Garten: Friedrich hat ihm Salatpflanzen gegeben, auch Radieschen hat er sich gesät. Bei der Schularbeit habe ich ihn übrigens auch schon getroffen." Gott sei Tank! Es war der Frau, als könne sie nun. wie einer Last ledig, frei atmen. Ten Brief des alten Freundes trug sie lange in der Tasche mit sich herum, las ihn beim Spazierengehen, im Sitzen auf einer Bank und abends, wenn sie im Bette lag.„Ein Junge und ein Mädchen sind krank—" o, die armen Mnder! Was mochte ihnen fehlen? Aber, Gott sei Dank, er war nun meist für sich im Garten allein! Das war das beste! Sie schrieb an ihren Jungen einen Brief, so recht ver- gnügt, und er antwortete ihr, und auch vergnügt. Der Brief an sich war freilich ein wenig drollig.„Teure Mutter—" wie komisch! Und der ganze Stil— wie aus einem Brief- steller abgeschrieben! Sie nahm sich vor, diesen Brief in ihren nächsten an Paul einzulegen— was der wohl dazu sagen würde?!„Teure Mutter!"— aber das freute sie doch, und auch das„Dein gehorsamer Sohn", das darunter stand. Sonst enthielt der Brief eigentlich nichts, nichts von dem, was er trieb, nicht einmal etwas von den Lämkes, auch kein sehn- süchtiges„Komm bald wieder": aber er war doch mit Sorg- falt geschrieben, sauber und deutlich, nicht so hingekritzelt, wie er sonst zu kritzeln pflegte. Und daraus ersah sie seine Liebe. Auch ein Bildchen hatte er ihr beigelegt: ein kleines Biereck mit Spitzenpapierrand, darauf ein schneeweißes Lamm- ichen ein rosenrotes Fähnchen hielt; darunter stand in goldiger Schrift:„.A.xmrs Dei, Miserere nobis." Wo hatte er das nur her?! Gleichviel woher, er hatte ihr etwas schenken wollen! Und das kleine geschmacklose Bildchen rührte sie tief. Der gute Junge! Sie legte das Bildchen mit dem Gotteslamnr sorgfältig zu ihren Wertsachen: da sollte es immer bleiben. Eine zärt- liche Sehnsucht überkam sie nach dem Knaben, und sie begriff nicht, wie sie so lange schon hatte ohne ihn aushalten können.---- lFortsetzung folgt.?! lNach druck verboten.) Das)VIatemlprüfunc{9Wcreii. Bei dem rasenden Tempo unseres technischen Fortschritts sind Naturgemäß auch die Mittel und Methoden, deren sich die Technik bedient, außerordentlich verfeinert worden. An diesem Fortschritt ist ebensosehr die Praxis wie die theoretische Durchbildung beteiligt, wenn auch der letztere Umstand von Männern, die in der Praxis namentlich des Geschäftsbetriebes stehen, nicht genügend gewürdigt wird. Das ist weniger im allgemeinen Maschnenbau der Fall, als gerade in denjenigen Gebieten, die sich unmittelbar technischer Unter» suchungsmethoden bedienen oder deren Praxis näher an die theore- tischen Grundlagen streift. Wenn z. B. früher im Brückenbau auf die Veränderungen, die die Temperatur in dem Eisenfachwcrk zur Folge hat, bei der Konstruktion gar keine Rücksicht genommen wurde, die Konstruktion vielmehr so ausgeführt wurde, als ob sie starr und unveränderlich wäre, so mußte man den Spannungen, die im Fach- Werk auftraten und die man nicht kannte und auch gar nicht kennen wollte, Rechnung tragen, indem man einfach bei dem Material nur sehr niedrige Beanspruchungen zuließ und diese in den behördlichen Vorschriften festlegte. Man kam dadurch zu außerordentlich großen Abmessungen in den Konstruktionen, die dadurch natürlich sehr schwer und unnütz teuer wurden. In England und Amerika war man den anderen Weg gegangen und berücksichtigte die elastischen Dehnungen. Die Folge davon war die viel elegantere und leichtere Konstruktion aller Brücken, Bauwerke usw. und größere Billigkeit in der Herstellung. Vergleicht man die elegante Bauart der Weiden- dammer Brücke in Berlin mit der der nicht weit davon liegenden schwerfälligen Eisenbahnbrücke zum Bahnhof Friedrichstraße, so er- kennt man die gewaltigen Unterschiede. Die veralteten baupolizei- lichen Vorschriften sehen z. B. bei Brückenstäben eine Beanspruchung von etwa 8 Kilogramm auf jeden Quadratzentimeter Querschnitt als Höchstgrenze vor, wenn dir Stäbe auf Zug oder Druck bean- sprucht werden. Die Untersuchungen haben aber erwiesen, daß einerseits wegen der nicht berücksichtigten Temperatureinflüsse die Spannungen oft das Dreifache erreichten und weiter, daß man überhaupt sehr gut aus das Doppelte gehen kann, ohne daß die Be- lastung gefährlich wird. Auf der einen Seite war es also die größere theoretische Einsicht, die hier eine Acnderung bewirkt hatte, andererseits aber auch die Fortschritte in der Herstellung des ver- wendeten Baumaterials. Die großen Fortschritte in der Matcrialherstellung erforderten selbstverständlich Einrichtungen und Verfahren, feste Matzstäbe für die Beurteilung der Materialcigenschaften zu gewinnen, und so ist denn in den letzten Jahrzehnten ein neuer und selbständiger Zweig der Technologie entstanden, nämlich das Materialprüfungswesen. Die Frage nach den Eigenschaften der verwendeten oder zu er- werbenden Materialien steht jetzt überall im Vordergrunde, ja sie ist oft ausschlaggebend für die Gründung von Unternehmungen. Denn die leichtere oder schwierigere Materialbeschaffung ist vielfach Veranlassung für das Entstehen oder Zugrundcgehen von ganzen Industrien gewesen. Die außerordentliche Wichtigkeit der genauen Kenntnis der Materialeigenschaften hat alle unsere Hüttenwerke und auch viele andere Betriebe, in denen aus den Rohmaterialien Produkte er- zeugt und verarbeitet werden, veranlaßt, Laboratorien zur genauen Untersuchung der Rohstoffe und der erzeugten Ware einzurichten. Sogar in Fabriken, die aus Halbfabrikaten Konstrukttonstcilc er- zeugen, findet man oft eine staunenswerte Organisation des Mate- rialprüftingswesens. Die Brückenbauanstalten befitzen oft mächtige Probiermaschinen; so existiert zu Athens in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Maschine zur Prüfung der Festigkeit von Brücken- gliedern, die eine Kraftlcistung von 600 000 Kilogramm, zu Phocnixville eine, die 1 200 000 Kilogramm entwickelt. Die Fabriken für Drahtwaren und von Seilen besitzen häufig Dutzende von Ma- schinen zur Prüfung der Festigkeitseigenscbajten der erzeugten Drähte und©eile und daneben noch vollständige Laboratorien zur Erprobung des elektrischen Verhaltens der hergestellten Kabel. Unsere Eisenbahnverwaltungen, Militärbehörden usw. haben be- sondere Zweige ihrer Verwaltung, die sich nur mit dem Erwerb, der Untersuchung. Aufbewahrung und Verteilung der im Betriebe benutzten Materialien beschäftigen. Bei den großen staatlichen und privaten Lieferungen enthalten die Liefcrungsvcrträge genaue Be- stimmungen über die Eigenschaften der zu erwerbenden Materialien. Zur Kontrolle werden oft Beamte abgesandt, die die ganze Fabri- kation zu überwachen haben, so bei der Lieferung eiserner Brücken, von Panzern. Kanonen, Geschossen nsw. Es ist selbstverständlich, daß zur autoritativen Entscheidung über den Wert oder Unwert von Materialien bestimmte Normen sestaelegt werden müssen, deren Ausarbeitung und Ueberwachung unabhän- gigcn Behörden obliegen muß. Namentlich bei Streitigkeiten von Privaten oder von Behörden und Privaten müssen UntersuchungS- behörden und Gutachter vorhanden sein, die selbst von Wissenschaft- licher und technischer Autorität getragen Werden. Dieser Einsicht konnte man sich in behördlichen Kreisen nicht verschließen, und so wurde im Jahre 1876 die„Versuchsstation zur Prüfung der Festig- keit von Stahl und Eisen" gegründet, nachdem Möhler mit seinen ersten Arbeiten auf diesem Gebiete den Anstoß dazu gegeben hatte. Die von Wähler tu Frankfurt a. O. benutzten Maschinen und Ein- richtungen sind noch heute als wertvolle geschichtliche Zeugen seiner bedeutsamen Arbeiten im Materialprüfungsamte aufgestellt. Nach der Uniwandlung der Gewcrbcakademie in die Tcckmische Hochschule wurden die Mcchanisch-Technische Versuchsanstalt und die Prüfungs- station für Baumaterialien der Hochschule als besondere Institute zugeteilt und für sie und die an der Bergakademie entstandene Chemisch-Technische Versuchsanstalt eine königliche Aufsichts- kommission eingesetzt. Es wurden diesen drei technischen Versuchs- cmstalten fest umgrenzte Gebiete ihrer Tätigkeit zugewiesen und Gebührensätze für die Arbeiten gegeben, aus Grund deren sie Materialprüfungen für Behörden lind Private ausführen konnten. Im Verlaufe der Zeit sind die auf dem Grundstück der Tech- nischen Hochschule in Charlottenburg zur Verfügung stehenden Räume, besonders infolge der großen Aufträge, die von dem Mini- sterium zur Unterstützung von Industrie und Handel gegeben wurden, viel zu klein geworden, und jetzt befindet sich das neu organi» sierte„Königliche Materialprüfungsamt" in Groß-Lichterfelde auf eigenem Grundstück und Gebäuden. Es steht(seit 1884) unter der Leitung des Direktors Professor Martens. Von den jetzt bestehenden Abteilungen bildete die Abteilung für Metallprüfung die ursprüngliche Mechanisch-Technische Versuchsanstalt. Sie hatte es zu Anfang vorwiegend mit eigent- lichen Materialprüfungen, hauptsächlich Festigkeitsversuchen, zu tun. Seitdem sich jedoch ixich in der Praxis das Prüfungswesen weiter ausbildete und die Fabriken und Behörden selbst zur Ausrüstung von Versuchslaboratorien schritten, verschob sich die Tätigkeit bald und es entwickelte sich ein schwierigerer aber auch anregenderer Betrieb. Tie Prüfung von Konstruktionsteilen, Maschinenteilen. Maschinen und Instrumenten trat immer mehr in den Vordergrund. Besonderes Interesse bieten dem Besucher dieser Abteilung die hydraulischen Maschinen für die Festigkeitsuntersuchungen, die je nach den Arten der Materialbeanspruchungen als Zug-, Druck-, Biege-, Verdreh-, Scher-, Knickfestigkeits- usw. Versuche ausgeführt werden. Aus dem Verhalten beim Zerreisten, Zerdrücken usw. wer- den die wertvollsten Anhaltspunkte und Zahlen für den Kon- strukteur gewonnen, denn den vollen technischen Wert eines Materials kann man nur erkennen, wenn es seine Dienste bereits geleistet hat und wenn es dabei in der Lage war, alle seine wert- vollen Eigenschaften zu entwickeln. Als gröstte Maschine steht dem Versuchsamt eine von der früheren Hoppeschen Fabrik erbaute 23 Meter lange Maschine mit einer Leistung von einer halben Million Kilogramm zur Verfügung. Sie ist bei Zugversuchen für Probestücke bis zu 17 Meter, bei Druckversuchen bis zu 15 Meter verwendbar. Besonders auffällig an ihr sind zwei stählerne Spindeln von je 21,6 Meter Länge und 26 Zentimeter Durchmesser, zu deren Herstellung sich besondere Maschinen und Einrichtungen erforderlich machten und infolgedessen der Baufirma ein Defizit von 60 660 M. verursachten. Tie zum Zerreisten, Zerdrücken, Ver- biegen usw. benötigten Kräfte werden durch Druckwasser erzeugt und mit Hülfe einer Wage gemessen. Man kann mit dieser Ma- schine mit Leichtigkeit Stahlstäbe von 8 Zentimeter Durchmesser zerreisten, dicke Steinsäulen zerdrücken, Eisenbahnschienen durch Verbiegen zerbrechen usw. Tah solche Versuche für die Umgebung gefährlich sein können, ist selbstverständlich; es müssen deshalb bc- sondere Vorsichtsmastregcln ergriffen werden. Wie stark die bei der Zerstörimg grosser Versuchsstücke entstandenen Schallgeräusche sind, mag man daraus ermessen, dah auf dem Gelände der Tech- nischen Hochschule die Fensterscheiben in den anliegenden Gebäuden klirrten und manchmal zerbrachen, ja es ereignete sich einmal, dast ein Pferd, das vor dem Fenster des Gebäudes stand, in dem mit dieser Maschine eine Eisenbahnschiene zu Bruch gebracht wurde, vor Schreck lautlos umfiel. Der Umbau dieser Maschinen hat, da die alten Betonfundamente zerschlagen und in Grost-Lichterfelde neue hergestellt werden mutzten, allein 36 666 M. verschlungen. Es ist übrigens geplant, eine noch grössere Maschine mit einer Leistung von 2 Millionen Kilogramm für die Anstalt zu erbauen, die natürlich einen Kostenaufwand von vielen Hunderttausend Mark verursachen würde. In neuerer Zeit ist für das Materialprüfungswesen die mikro- skopische Untersuchung von besonderer Wichtigkeit geworden, namentlich, nachdem Martens 1878 die zuerst in England und Rustland von anderen ausgeführten Arbeiten hier planmästig ver- folgte. Bei der neuen Organisation des Amts wurden sogleich die von Osmond in Paris ausgebildeten physikalischen und chemi- scheu Untcrsuchungsverfahren herangezogen und einer besonderen metallographischen Abteilung überwiesen, die inner- halb der kurzen Zeit von vier Jahren wichtige Arbeiten zu dieser das Verständnis für das Wesen und die Eigenschaften besonders der Metalle vertiefenden Wissenschaft geliefert hat. Das Unter- suchungsverfahren geht im wesentlichen so vor sich, dast sorgfältig polierte Schliffe des zu untersuchenden Materials einer Aetzung unterworfen und diese mit dem Mikroskop direkt oder photo- graphisch untersucht werden. Es ergeben sich dann für die einzelnen Metalle sehr charakteristische Bilder, die das innere Gcfüge des Metalls erkennen lassen. Für die Untersuchung von Brüchen, z. B. an Wellen, Achsen usw. liefert diese Untersuchung sehr wichtige Er- gebnisse. In der Abteilung für Bau Materialprüfung werden die Baumaterialien auf die an sie �in bautechnischer Hinsicht zu stellenden Anforderungen geprüft, t-olche Prüfungen werden jetzt durch die immer weiter sich ausbreitende Beton- und Zemcnteisentechnik auherordentlich wichtig. Baut man doch schon Brückengliedcr eiserner Brücken, die nur dem Druck ausgesetzt sind, aus Beton, während man die auf Zug beanspruchten Unterzüge in Eisen ausführt. Diese Abteilung soll ihre Haupttätigkeit erst noch entfalten. Die Brauchbarkeit von Baumaterialien kann in dielen Fällen allein schon durch die Ermittelung der Zusammen- setzung entschieden werden. Dementsprechend wurde die Anstalt fortgesetzt mit der chemischen Prüfung von Sand, Kalkstein, Aetz- kalk, hydraulischen Kalk, Zement, Gips. Ziegelsteinen, Sandstein, Schiefer usw. beschäftigt. Die Untersuchung der unliebsamen Mauerausschläge und die Ermittelung der Ursachen ihres Auftretens, durch Prüfung der beim Bau verwendeten Materialien auf An- Wesenheit von wasserlöslichen Salzen, unter gleichzeitiger Berück- sichtigung der örtlichen Verhältnisse zählt ebenfalls hierzu. Dem eifrigen Betreiben des Besitzers der„Papicr-Zeitung", Karl Hoffmann, ist es zu danken, dast trotz des heftigen Ein- spruchcS des„Vereins deutscher Papierfabrikanten" eine Abtei- lung für Papierprüfung eingerichtet worden ist. Schon Reuleaux hatte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Gefahr ge- lenkt, die durch Verwendung schlechten Papieres zu Urkunden, Standesamtsbüchern und dergleichen entstehen können. Die ersten Jahresberichte über den Ausfall der amtlichen Papierprüfungen bestätigten durchaus den schlechten Zustand der im Verkehr befind- lichen Papiere und erwiesen die Notwendigkeit der Aufstellung von bestimmten Grundsätzen für die Benutzung des Papieres zu amtlichen Zwecken. Diese Erfahrungen wurden dann später durch vergleichende Prüfung von Papieren aus den Staatsarchiven der Provinzen Ost- und Westpreuhcn bestätigt, die den trostlosen Zu- stand der Papierbeschaffenheit schlagend klarlegten. Nach vielfachen Arbeiten entstanden dann im Jahre 1832 die Vorschriften für die Lieferung und Prüfung von Papier zu amtlichen Zwecken, die in der Einführung des Wasserzeichens für jeden Bogen amtlich ver- wandten Urkunden- und Aktenschrcibpapiercs, das neben der Firma des Erzeugers das Klassenzeichen für die Verwendung des Papiers enthalten must, gipfelten.(Normalpapiere.) Die Abteilung für Papierprüfung ist jetzt das am weitesten ausgebildete Feld des Materialprüfungswesens. Auch für Oelprüfung besteht eine besondere Abteilung, weil in sehr vielen Industrien das Schmieröl eine austerordentlich wichtige Rolle spielt. Zunächst wurden vorwiegend die mechanischen und physikalischen Prüfungsverfahren benutzt und entwickelt, während später auch die Herausbildung der chemischen Prüfungs- verfahren mit Umsicht und bestem Erfolge betrieben wurde. Ich must es mit dem bisher Gesagten bewenden lassen, denn es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Aufsatzes alle die mannig- fachen Aufgaben auch nur zu nennen, die der Anstalt gestellt worden sind und noch gestellt werden, selbst derjenigen, deren Wichtigkeit fogar der Laie auf den ersten Blick erkennt. Es ist interessant, wie sich fast alle Abteilungen der Anstalt erst im harten Kampfe mit den beteiligten Industrien durchsetzen mutzten. Dast es vielen Fabriken sehr unangenehm sein mutzte, wenn ihre schwindelhaften Erzeugnisse durch einwandfreie Unter- suchungen blohgestellt wurden, ist ja ganz klar. Um so erfreulicher ist es, daß sich das Materialprüfungsamt überall mit bestem Er- folge durchgesetzt hat, und dank seiner tüchtigen Leiter in allen Kreisen, auch im Auslande, ein hohes Ansehen und wissenschaftliche Autorität sich zu erwerben verstanden hat. Nur die Abteilung für Baumaterialprüfung hatte von vornherein einen leichteren Stand, da der Verein deutscher Portland-Zementfabriken mit grossem Eifer ihre Bestrebungen unterstützte. Von ausserordentlichem Werte für die günstige EntWickelung der Anstalt scheint mir die weniger bureauktrische Betriebsiveise der praktischeren, dort die Leitung der Anstalt innehabenden Ingenieure gewesen zu sein, die auch dem interessierten Publikum ein dankenswert weitgehendes Entgegenkommen erweist.— _ Felix Linke. Kleines f euUleton» Mittelalterliche Gastgcrichtc. Den Kaufleuten des Mittelalters. von denen es im Schwabenspiegel heißt:„die mit koufschaze von lande zu lande varn und von einer zungen in die andere und von einem künicriche in daz andere" konnte mit der damaligen langsamen Recht- spreckmng nicht gedient sein. Sie brauchten eine schnelle Gerichts- barkeit, die den wegfertigen Mann nicht über das Allernotwcndigste hinaus aufhielt, und schufen sich eine solche in den Gastgerichten. Während der Ortsgesessene in Rechtsstreitigkciten streng an die seit altersher geltenden Gerichtstermine gebunden war, im Ho stecht an die zwei oder drei Jahresdinge, im Stadtrecht an den Zivilvrozcst mit seinen schleppenden Terminen, konnte der fremde Kaufmann als Gast jeden Tag Recht nehmen und Recht geben, und seine Prozesse wurden sofort entschieden. Als Gast wurde dabei jedcrFremde betrachtet, der soweit über die Bannmeile hinaus wohnte, daß er an einem Tage von seinem Wohnorte aus die Stadt, in der er ein Gasigericht beanspruchte, nicht zu erreichen vermochte. So sagt das Prager Stadtrecht:„Der Gast schol auch swern das er ein ftemder gast scy und also werre gesessen, das er zu rechten tage zeit nit kommen möge." Das Bambcrgcr Stadtrecht gewährt schon dem nur zwei Meilen von der Stadt Wohnenden das Gastgericht, die Stadt Frei- berg i. S. setzt vier Meilen.„Welch Mann uinb Freybergk in den vier Meil Weges gesessen, ist kein gast, als zu Meysen, Eemnicz, zn Dresden und da bynnen. die megen zu Ding wohl kommen, den sol man bescheiden in das geding; welch mann aber aus den vier Meil Weges gesessen, der ist ein gast, dem sol man richten zn Hand, aber zn bezeugen über zwerche nacht." Im Magdeburger Stadtrecht heißt es,„wer tcgelich von Wochen zu' wachen unde von stetin zu stetin, von lande zu lande seyne wandelunge hat unde in kehner stat iar unde tag wohn- haftig ist. der heisszet unde istseyn wilder gast," und in diesem Sinne verlangten sie, daß ein Gast mindestens 11 Meilen von Magdeburg sitzen mußte. Andere Städte stellten noch höhere Anforderungen, ehe sie ein Gastgericht gewährten, so die Stadl Brünn, die keinen in der Provinz Mähren Wohnenden zu einem solchen zuließ. Vor dem Gastgericht können nur Schuld und fahrende Habe Klageobjekt sein. Prozesse rim liegendes Gut und Erbe, sowie Klagen um Wunden und Totschlag, die nicht hanthafstig sind, ge- hören vor das ordentliche Bürgergericht.„Wolde abir eyn Gast adir eyn Mcteburger clagen umb erbe unde umb leginde grund adir erbe vorsprechen mit demc richter, der mutz des ußgeleiten dinges Veiten.— Ginget abir cyn gast adir mete bnrger wustden adir tot- slage, dy nicht hanthafftig sint, in frischer tat. dy sei man wece rechtem utzgelegtem dinge clagcn"(Magdeburger Stadtrecht). Und im Stadtrechtsbnche des Ruprecht von Freysing heiht es, kein Richter soll einen Gast nötigen, eine Klage zu vollführen, nutzer um(Hand- haffte) Dieberei, Raub und Totschlag. Die Klage vor dem Gastgericht war nur für den Gast gegen einen Bürger oder dem Bürger gegen einen Gast zulässig. Wollte Gast gegen Gast klagen, mutzte der Kläger nachweisen, datz ihm daheim das Recht versagt sei oder er anderswo nicht zu seinem Recht gelangen konnte. Als daher von zwei in Brünn anwesenden Fremden ein Mann aus Breslau gegen einen Mann aus Wien wegen Schuld vor dem dortigen Gastgerichte klagen wollte, lehnten die Brünner Schöffen ein solches ab und verwiesen den Breslauer mit seiner Klage nach Wien. Der Hauptwert des Gastgerichtes für die Kanfleute lag in der Schlennigkeit der Rechtshülfe, die unter Antzerachtlassnng der sonst üblichen Formalitäten erfolgte. Wie schnell ein solches Gastgcricht funktionierte, beweist eine Stelle Ruprecht v. Freysings:„kommt der Gast des Nachts in die Stadt, so soll er den Bürger deS Nachts sürbieten und ist der Richter anheim, so soll er dem Gast des Morgens ein Recht tuen"... Der Termin des Gastgerichtes war, wenn irgend möglich, noch an demselben Tage zu halten, an dem die Klage an- gebracht.(„By schhnender Sunnen, op dem Bote." Hörde 1340.) Er war spätestens auf den folgenden Tag zu verschieben, datz also mir eine Nacht(Oner-Tiverchnacht) zwischen Klage und Entscheidung liegen durfte. Daher sprechen die alten Stadtrechte auch von dem Twerchnachtsrecht statt dem Gastrecht. So heitzr es in den Bam- bergcr Urkunden:„man soll ihm helfensüber twerch nacht als einein gast" und Dortmund spricht von einem„Do judicio dicto Dwer- nacht". Da der Hauptzweck eines Gastgerichtes der war, dafür zu sorgen, datz der Gast nicht aufgehalten werde,(München„und daz recht ist darumb geseezt, daz ain gast seiner tagivaid(Tagesreisc) nit versäumt werd") waren vor dem Gastgerichte die Gäste den Bürgern gegenüber im Vorteil. Nach dem der Stadt Hagenau von Kaiser Friedrich I. 1164 ausgestellten Freiheitsbrief hat der von einem Bürger verklagte Gast eine Frist von acht Tagen, gleich dem Bürger, der von einem Bürger wegen einer Schuld verklagt wird, der von einem Gaste verklagte Bürger dagegen soll gleich am folgenden Tage jenem zu Recht stehen. Einige bayerische Stadt» rechte begünstigen die eigenen Bürger jedoch insofern, als sie ihnen die Streitigkeiten über ein Pfund Wert dem Gaste gegenüber eine Frist von 3 Tagen geben,„damit er sich berathe, wie er dem gast antworten will". Das gleiche Recht gesteht Breslau seinen Bürgern zu, wie denn es auch Bamberg und Magdeburg ihren Bürgern er- tauben, gegen einen Gast über Zwerchnacht zu klagen.„Und hat ein burger zu einem gast icht zu sprechen, da soll mau dem burger auch zu helffen über Zwerchnacht". Der Rechtsentscheid erfolgte nach dem jeweiligen Stadtrcchte und nicht nach Gastcsrecht. Ausdrücklich bestimmt daher der Schwaben- spirgel: Ein jedlich man der aus einem land in das ander kümpt, und wil er vor gericht recht nemen umb ain guet das in dem land ist, er mues nemen recht nach des landts recht und nicht nach seinem landts recht". Das Gastgericht war auch von der sonst üblichen Förmlichkeit bei Besetzung des Gerichtes losgelöst. Konnte der Richter bei der notwendigen Dringlichkeit nicht die nötigen Schöffen auftreiben, traten an deren Stelle als Urteilsfinder zuverlässige Bürger. So wurde aus dem Gastgericht wohl auch ein Gassengcricht, wie ein solches in Uri noch in der Zivilprozetzordnung von 1852 existierte. Da durch Uri seit aliersher die grotze KaufmannSstratze nach Italien ging, hatte sich also das Gastgericht seit jener Zeit dort erhalten. Bei Streitigkeiten zwischen einem Fremden und Einheimischen, Ivo beide schnellen Entscheid wünschen, oder die Sache sonst keinen Vor- zng erlaubt, konnte der Bezirksamnmnn sechs ehrenwerte, unparteiische Männer, die zu erscheinen schuldig sind, zusammenrufen und mit ihnen jederzeit das Gericht besetzen. War aber Vogt, Schultheih oder eine sonstige richterliche Person nicht zu erlangen, so trat, nur um die Klage nicht aufzuhalten. unbedenklich an deren Stelle ein Gerichtsnnterbeamter, ein Frohn oder ein Büttel. Ausdrücklich heitzt eS in dieser Beziehung im Stadt- recht von Rain 1332:„und mochten sie dez Vogtz nicht gehaben, so soll der Püttel in der Stat sitzen und sol dem gast richten als gastes recht ist".— gc. Die Formen der Anrede sind zu allen Zeiten verschieden ge- Wesen. Im Altertum war nur das Du gebräuchlich, wie selbst die Sdimeicheleien und Huldigungen, die man den römischen Kaisern darbrachte, nicht über das Du hinausgingen. Einer barbarischen Zeit blieb es vorbehalten, sich zur Mehrheit zu versteigen und zu sagen: „Eure Durchlaucht, Eure Majestät, Eure Gnaden" usw. Die Ein- führnng der Mehrheit in die Anrede ist nicht ans unserem Volke hervorgegangen, sondern sie kam von autzen. Das Wir wurde ge- braucht, wenn einer sich als Vertrete; einer ganzen Korporation ansah, wie ja noch heute die Zeitungen„Wir" gebrauchen, weil sie von der Redaktion aus schreiben. In den Kanzleien der römischen Kaiser wurde das Wir so gebraucht und pflanzte sich fort bis zu den deutschen Fürsten.-Von Wir kam man dann leicht auf Ihr, wie das neunte Jahrhundert lehrt. Im Mittelalter führte der Frauen- Wcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: dienst zu besonderer Verehrung der Frau, es kommt vor, datz in Gedichten jener Zeit die Frau Ihr genannt wird. Die Sprachen wechseln nun mit Du und Ihr; einige behielten das Du länger be i, andere, wie die niederländische, haben das Du ganz verloren. Keine Sprache aber ist reicher an Anreden als die deutsche. Von Du schritt sie fort zu Ihr, dann zu Er und Sie, endlich zu Sie. Jakob Grimm glaubte, datz das Jhrzen erst im 12. Jahrhundert cutstanden sei, hat aber seinen Irrtum später selbst berichtigt. Das Reformationszeitalter war stark im Jhrzen. Luther Jhrzt seinen Vater, seine Mutter und seinen „Herrn Käthe". Sein Häuschen duzt er erst, aber später, als er Magister geworden ist, Jhrzt er ihn. Für hochgestellte Personen wurden bereits im 15. Jahrhundert neue Titel gefunden:„Eure Majestät, Eure Gnaden, Eure Weisheit" usw. Aus solchen Titeln entstand dann die Anrede in der dritten Person: Er, Sie. Und von der Zeit an war das Erzen höflicher als das Jhrzen. Allein auch diese, ein Uebermatz von Höflichkeit ausdrückende Form sank be- deutend, als sie auch in vertrauten Kreisen, im gewöhnlichen Leben, unter Geliebten usw. gebraucht wurde. Man konnte also bei dem Erzen nicht stehen bleiben nnd lieh nun das Er in Sie übergehen. Weiter kann unsere Sprache nicht gehen, sie hat damit die Höflich- keitsform erschöpft. Seit dem 18. Jahrhundert treten nun in unsrer Sprache vier Formen der Anrede auf; die alten tauchen noch hier und da ans, aber das Sie nimmt überhand. Gellert hat schon Sie in den Fabeln: andere Dichter wechseln mit Sie und Ihr. Als aber Er und Sie(für Frauen) ganz ans der Schriftsprache schwanden, wollte auch niemand mehr damit genannt sein. Viel Streit her- nrsachte das"Du zwischen Eltern und.Kiiidern, welches durch Rouffeau nnd Basedow, überhaupt nach der französischen Revolution, bei uns Eingang findet, und bald gebilligt und bald verdammt worden ist. Bemerkung des Redakteurs: Ende der sechziger Jahre kam meine Mutter in der Stadt in ein Patrizierhaus und hörte, wie die Kinder die Eltern mit Sie anredeten. Etwa so:„Bitte, Frau Mutter, geben Sie mir" usw. Das gefiel ihr und sie hoffte, es auch ihren Buben anzugewöhnen. Vorerst, ohne datz der Vater etwas erfuhr. Nun, der Bruder versagte gänzlich. Dickköpfig schrie er sein Du nnd vom Hochdeutsch wollte er erst recht nichts wissen. Bei mir flog etwas an, und so beschlotz die Mutter, mich dem Vater, in Freiheit dressiert, vorzuführen. Sie kam mit einem Laib Brot, und sofort setzte ich mit schönem Augenanfschlag ein:„Sie, Mutter, gi(b) ma a weng Brout."(Gib mir ein wenig Brot.) Dem Vater kam das Lachen an, datz er seine Suppe stehen lassen mutzte. Der Spuk war zu Ende... Humoristisches. — Die Frau Gemahlin.„Sie sehen etwas blaß aus, liebe Ellen." „Ja. das machen die häuslichen Sorgen. Mein Mann hat schon sechs Wochen den Keuchhusten, und da stehe ich solche Angst aus, datz mein Bello sich ansteckt!"— — Völlig gefahrlos.„Sag', Emmi, hast Du denn gar keine Angst, datz Dein Bräutigam uns einmal entdecken wird?" „Ausgeschlossen I Der ist ja Kriminalbeamter!"— — Leicht abgeholfen.„Na ja... mein Junge ist ja etwas verzogen... ich weiß aber gar nicht, wie ich dem steuern soll I?" „Bringen Sie ihn nach Klosterstratze 41... da ist die„Steuer- annahmestelle für Verzogene" I"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Die am 1. Oktober im Verlage von A. Langen(München) erscheinende neue Zeitschrift wird den Titel„März" führen und alle vierzehn Tage herauskommen.— — Eine Schill statt st il wird nach dem üblichen fünf- jährigen Turnus in Preußen aufgenommen werden. Stichtag ist der 20. Juni.— — Das vieraktige Drama„Katharina vonArmagnac" von V o l l in ö l l e r ist vom Deutschen Theater erworben worden.— — Die diesjährige Hauptversammlung des Ge- samtvereins der deutschen Geschiihts- und Alter- tumsvereine wird vom 25. bis 23. September in Wien tagen.— — Den Mitgliedern des e n g l i s ch e n U n t e r h a u s e S wird seit langer Zeit für 200 Pfd. Sterl. Schnupftabak gratis zur Ver- fügung gestellt. In den früheren Abrechnungen erschien diese Summe unter der richtigen Bezeichnung„für Schnupftabak". Jetzt bucht nian den Posten unter„ L a m p e n ö l".— — Aus dem Bericht eines französischen Gendarmen zitieren die„M. N. N." folgende Stelle: Wir R... Gendarm, sind in Kenntnis gesetzt worden, datz ein Individuum, das sich für verrückt ausgab, die Gegend als Landstreicher durchstreifte: wir nahmen ihn' fest und ais wir ihn fragten, uns seinen Namen, Vornamen usw. bekannt zu geben, erwiderte er plötzlich, wir seien ein dummes Vieh. Da wir somit erkannt hatten, daß das In- dividuum im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte ist, nahmen wir bei- liegendes Protokoll gegen den Betreffenden auf.— Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer ä�Co., Berlin 3 W.