Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 116. Mittwoch, den 20. Juni. 1906 (Nachdmck verboten.) Si] Siner JMutter Sohn. Roman von Clara Viebig. Frida stand sehr bedrückt da: sie hatte das alles ja längst gewußt— wer wußte das nicht?!— aber daß e r' s nun wußte, das tat ihr so leid. Ihre hellen Blicke trübten sich, voll Mitleid sah sie den Freund an: ach, wie war ihre eigene Einsegnung, vorige Ostern, doch so viel schöner gewesen! Sie hatte keine goldene Uhr bekommen, nur eine ganz kleine Brosche von unechtem Gold— eine Mark fünfzig hatte die gekostet, sie hatte sich die ja selber mit Muttern ausgesucht—, aber sie war so froh gewesen, so froh! „Was für'n Spruch haste denn jekriegt?" fragte sie rasch, um Wolfgang auf andere Gedanken zu bringen. .�ch weiß ihn nicht auswendig," sagte er ausweichend, und seine verblaßten Wangen wurden purpurrot.„Aber er stimmt!" Und damit ging er aus der Tür. Geradewegs ging er nach Hause— was sollte er noch Zeit versäumen, es eilte! Er sah nicht die Stare aus und ein fliegen aus ihren Nistkästchen an den hohen Stangenkiefern, sah nicht, daß schon eine helle Mondsichel schwebte am dunkler werdenden Abendhimmel und ein goldener Stern daneben stand, sah nur mit Genugtuung, als er in die Halle der Villa trat, daß Mäntel und Hüte von den Haken verschwunden waren. Das war gut, die Gäste waren fort! Er stürmte gegen die Salontür, fast fiel er ins Zimmer. Da saßen Vater und Mutter noch— nein, der Vater und sie, die— die— I „Nun, sage mal, wo hast Du denn so lange gesteckt?" fragte der Vater, nicht ohne Anflug von Aergerlichkeit in der Stimme. „Heute, gerade heute!" sagte die Mutter.„Sie lassen Dich alle grüßen, sie haben noch auf Dich gewartet. Aber nun ist es ja fast schon acht Ubr!" Unwillkürlich sah Wolfgang nach der Pendüle auf dem Kaminsims— richtig, schon bald acht! Aber das war ja nun alles gleichgültig. Und den Blick starr geradeaus gerichtet, als sähe er unverrückt nach einem Ziel, stellte er sich vor den beiden auf. „Ich muß Euch was fragen," sagte er. Und dann— ganz unvermittelt kam's heraus, ganz brüsk—:„Wessen Kind bin ich?!" Da war's gesagt! Die junge Stimme hatte hart ge- klungen. Oder tönte sie nur so verletzend in Kätes Ohren? Sie hörte ein furchtbares Gellen wie von mißlautendem Trompetenstoß. O Gott, da war sie, die furchtbare Frage! Eine jähe Blutwelle legte ihr einen dichten Schleier mit flim- mernden Punkten vor die Augen: sie konnte ihren Knaben nicht mehr sehen, sie hörte nur diese seine Frage. Hülflos, blindlings griff sie mit der Hand um sich— Gott sei Dank, da war ihr Mann, der war noch da! Und jetzt hörte sie auch ihn sprechen. „Wie kommst Du zu der Frage?" sagte Schlieben.„Unser Sohn— natürlich! Wessen Kind denn sonst?" „Das weiß ich nicht. Das will ich ja eben von Euch wissen," sprach wieder die harte Knabenstimme. Es war merkwürdig, wie ruhig diese Stimme klang, aber sie dünkte Käte doppelt entsetzlich in dieser sachlichen Ein- förmigkeit. Nun hob sie sich ein wenig:„Gib mir doch Antwort— ich will— ich muß es wissen!" Käte schauderte: welche Unerbittlichkeit, welche Hartnäckig- keit lag in diesem„Ich will"—„Ich muß"— 1 Der würde nie mehr aufhören, zu fragen! Wie vernichtet sank sie. bebend, ganz in sich zusammen. Auch des Mannes ruhige Stimme verriet ein heimliches Beben:„Lieber Junge, Dir hat mal wieder einer— ich will nicht fiagen: wer, es gibt immer Kläffcher und Hetzer genug — etwas in den Kopf gesetzt. Warum stellst Du Dich so feind- lich gegen uns? Sind wir Dir nicht immer wie Vater und Mutter gewesen?" O, das war falsch— wie Vater und Mutter?! Grund- falsch! Käte fuhr auf. Sie streckte die Arme aus:„Mein Junge!" Aber er blieb stehen, als bemerkte er diese ausgestreckten Arme nicht: die Brauen finster zusammengezogen, sah er nur den Mann an.„Ich weiß wohl, daß Du mein Vater bist, aber sie— die—" er warf einen flüchtigen Seitenblick— „die ist meine Mutter nicht!" „Wer sagt das?!" Käte schrie laut auf. „Alle Welt." „Nein, niemand! Das ist nicht wahr! Eine Lüge, eine Lüge! Du bist mein Kind, mein Sohn, unser Sohn! Und wer das leugnet, der lügt, betrügt, verleumdet, der—" „Käte!" Ihr Mann sah sie sehr ernst an, und ein Vor» Wurf lag in seinem Ton und eine Mahnung:„Käte!" Und dann wendete er sich zu dem jungen Menschen, der trotzig dastand, fast herausfordernd in der Haltung— den einen Fuß vorgestellt, gerade aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen— und sagte:„Die Mutter ist begreiflicher- weise sehr aufgeregt, Du solltest sie schonen— gerade heute! Geh jetzt, und wir werden morgen—" „Nein, nein!" Käte ließ ihn nicht aussprechen: sie rief in höchster Erregung:„Nein, nicht aufschieben! Laß ihn doch reden— jetzt— laß ihn nur! Und antworte Du ihm — jetzt— gleich— daß er unser Sohn ist, unser Sohn ganz allein! Wolfgang— Wölfchen!" Sie brauchte heute wieder seit langer Zeit den alten süßen Kinderschmeichelnamen« „Wölfchen, liebst Du uns denn gar nicht mehr? Wölfchen, komm doch zu mir!" Wieder streckte sie die Hände nach ihm aus, aber er sah wiederum nicht diese verlangenden, liebevoll gebreiteten Arme. Er war sehr blaß und sah starr vor sich nieder. „Wölfchen, komm!" „Ich kann nicht!" Nichts regte sich in seinem Gesicht, und seine Stimme hatte immer noch den eintönigen Klang, der ihr so furchtbar war. Sie schluchzte auf, und ihre Blicke klammerten sich an ihren Mann— nun sollte der ihr helfen! Aber er sah sie finster an: deutlich las sie in seiner Miene den Vorwurf: „Warum bist Du mir nicht gefolgt?! Hätten wir's ihm gesagt beizeiten—" nein, auch bei ihm fand sie keine Hülfe! Und jetzt— was sagte Paul jetzt gar?! Ihre Augen er» wetterten sich in plötzlichm Schrecken, mit beiden Händen um» klammerte sie die Seitenlehnen ihres Sessels, wollte zurück- sinken und bäumte sich doch auf, sich wehrend gegen das, was nun kommen mußte. War Paul von Sinnen?! Er sprach: „Du bist nicht unser Sohn!" „Nicht Euer Sohn?!" Der Knabe stammelte. Er hatte sich durch nichts beirren lassen wollen, aber diese Antwort be- irrte ihn doch. Sie verwirrte ihn; er wurde rot und blaß, und sein Blick glitt unsicher von dem Mann zur Frau, von der Frau zum Mann. Also auch er— der— wäre nicht sein Vater?! Aber Frau Lämke hatte es doch gesagt! Aha, der wollte ihn wohl jetzt verleugnen?! Mißtrauisch sah er den Mann an, und dann wallte es wie eine Kränkung in ihm auf: wenn der nicht sein Vater wäre, hätte er ja eigentlich hier gar kein nein, gar kein Anrecht?! Und einen Schritt nähertretend, sagte er hastig:„Du bist wohl mein Vater. Du willst es jetzt nur nicht sagen. Aber sie"— er nickte kurz nach dem Sessel hin—„sie ist nicht meine Mutter!" Seine Augen leuchteten: mit einem tiefen Aufatmen sagte er nun, als sei es ihm eine Erleichterung: „Das habe ich immer gewußt!" „Du bist falsch berichtet! Wäre es nach mir gegangen, ich hätte Dir längst die Wahrheit gesagt. Aber da nun ein- mal— leider!— der richtige Moment versäumt ist, so sage ich sie Dir heute. Ich sage sie Dir— so wie ein Mann zum anderen spricht, auf Ehrenwort— ich bin Dein Vater nicht, eben so wenig wie sie Deine Mutter ist. Von Geburt bist Du uns fremd, ganz fremd. Wir haben Dich aber ange- nommen an Kindesstatt, weil wir gerne ein Kind haben wollten und keins hatten. Wir haben Dich aus dem—" „Paul!" Wie damals, als Schlichen dem Knaben, empört über dessen Undankbarkeit, hatte etwas verraten wollen, fiel Käte ihm mit einem lauten Schrei an die Brust._ Sie umklammerte ihres Mannes Nacken: hastig, heftig, mit zittern- dem Hauchen raunte sie ihm ins Ohr:„Sag ihm nicht: woher! Um Gottes willen nicht, woher! Dann geht er, dann ist e« Mir ganz verloren! Ich ertrage es nicht— Hab Mitleid, Erbarmen mit mir-- sag ihm nur mcht: woher!" Er wollte sie von sich schieben, aber sie ließ ihn nicht los. Immer dies weinende Stammeln, dies zitternde, angstvolle, verzweifelnde Beschwören: nur nicht woher, nur nicht woher! Ein großes Mitleid mit ihr überkam ihn: seine arme Frau, so eine arme Frau— mußte ihr das geschehen?! Und ein Zorn kam dazu gegen den Knaben, der da so breitspurig stand— dreist— ja, dreist— der da forderte, wo er zu bitten hatte, und unbewegt, mit großwx kalten Augen nach ihnen hinsah. Der ernste, aber doch weiche Ton, in dem Schlichen bis jetzt zu Wolfgang gesprochen hatte, wurde streng:„Uebrigens verbitte ich mir diese Deine Art, zu fragen!" -„Ich habe ein Recht, zu fragen!" „Ja, das hast Du!" Der Mann war ganz betroffen: ja, der Junge hatte das Recht! Wer hier im Unrecht war, das war ganz klar! Und so sagte er einlenkend und wieder freundlicher:„Wenn Du aber auch nicht unser Sohn bist in Fleisch und Blut, so denke ich doch, haben Erziehung und jahrelanges Mühen, treue Fürsorge Dich im Geiste zu unserem Kinde gemacht. Komm, mein Sohn— und wenn sie alle sagen. Du wärst nicht unser Sohn, ich sage Dir: Du bist unser Sohn, in Wahrheit!" !- Er hielt dem regimgslos Dastehenden die freie Hand hin — mit der anderen hielt er seine Frau umfaßt—, da war noch Platz an seiner Brust, hier konnte auch noch der reuige Knabe liegen. Aber langsam wich Wolfgang zurück, er nahm die gebotene Hand nicht, er ließ sich nicht ziehen. „Nein," sagte er. Und dann ging er, ohne Tränen, die trockenen Augen immer starr auf die, die er so lange Eltern genannt hatte, gerichtet, langsam rückwärts zur Tür. „Junge, wohin?! Aber so bleibe doch!" Schlichen rief es ihm gütig nach— der Junge war ja auch in einer scheuß- lichen Situation, man mußte Geduld mit ihm haben! Und er rief noch einmal:„Wolsgang, bleibe doch!" Aber Wolfgang schüttelte den Kopf:„Ich kann nicht. Ihr habt mich betrogen! Laß mich los!" Mit einer gewaltsamen Bewegung schüttelte er des Mannes Hand, die sich auf seinen Aermel gelegt hatte, ab. Und nun schrie er auf wie ein verwundetes Tier:„Was quält Ihr mich noch? Laßt mich doch gehen! Ich will gehen, ich will an meine Mutter denken— wo ist sie?!" Drittes Buch. 13. Die Uhren im Haus gingen schreckhaft laut. Man hörte sie durch die Stille der Nacht wie mahnende Stimmen. O, wie rasend schnell jagte die Zeit hin! Eben war es noch Abend gewesen— eben Mitternacht— und nun schlug die Pendüle auf dem Kaminsims schon ein kurzes, helles, hartes Eins! Mit einem Zusammenschaudern hob die einsame Frau die Hände an die Schläfen und preßte sie fest dagegen. Ah, wie es dadrinnen hänimcrte, und wie sich Gedanken— quälende Gedanken— jagten, rasend schnell und rastlos wie das hastige Ticken der Uhren! Alle schliefen im Haus. Der Diener, die Mädchen: auch ihr Mann— längst! Nur sie, sie allein hatte noch keinen Schlaf gefunden. Und draußen schlief auch alles. Die Kiefern standen ums Haus, regungslos, und ihre dunklen Silhouetten, steif wie aus Panne geschnitten, hoben sich scharf ab vom silbrigen Nachthimmel. sFortsetzung folgt. 1,' (Nochdruit verboten.) JVIarfcua Karras. Von Karl Busse- lSchluß.) Viele, viele Jahre waren vergangen, seit Markus Tarras aus den großen Wäldern in die freie Ebene gekommen war. Selig war er vorwärts gewandert. Alles war ihm neu. Der Blick konnte schier endlos schweifen, ungehemmt durch Dickicht und Bergwand. Tausend fremde Menschen, die er nie gesehen, kamen ihm entgegen. Fröhliche Feste feierten sie auf Mirkten. Die Mädchen waren femer und zierlicher. Lust und Verlockung der Welt blitzte aus den breiten Läden. Heißer schien die Sonne und ging ins Blut._ Und eine unsägliche, aber nicht bittete, sondern mitleidige Verachtung kam über ihn, wenn er an Tetta, das Pferdchen, dachte, das im dunklen Hof, mit verbundenen Augen im Kreise lief. Kühnen und leichten Herzens wanderte Markus Tarras so da- hin, und er dachte bei jedem Wege, daß nun das Allerschönste kommen müsse, etwas Unausdenkbares, etwas, das ihn zum Adler machte. Einmal mußten doch alle Straßen ein Ende haben, daß es nicht mehr weiter ging und auch nicht mehr weiter zu gehen brauchte, weil an diesem Ende auch alles erreicht und erfüllt war. Nur noch etwas zügeln mußte er sein ungeduldiges Herz. Doch die Straßen liefen kreuz und quer, an jede schloffen sich gleich drei, vier anders, immer seltsamer wurden die Gegenden, immer neue Menschen und neue Häuser und Städte tauchten auf. Kirchen und Schlösser mit Türmen spiegelten sich in breiten Strömen; schütternd rollten eiserne Ungetüme pfeilgeschwind dahin; schöne und häßliche Gesichter sahen ihn an und wunderten sich über den starken Burschen und seine fremde Kleidung. Eines Abends kam Markus Tarras in eine Stadt. Er hatte vom vielen Laufen wunde Füße, und das Zehrgeld, daß er mit- bekommen, war bis auf ein Geringes verausgabt. Da beschloß er, in der Stadt zu bleiben, und verdingte sich bei einem Zeugschmied.> „Seltsam," dachte er...„auch hier läuft ein Pferdchen herum. Genau wie Tettal" Er arbeitete kräftig und ohne müde zu werden, aber es kam vor, daß er den Hammer manchmal sinken ließ und nachdachte. Eines Sonntags legte er sich wie zu Hause aus den Hof und sah nach dem Himmel. „Meister," sagte er plötzlich,„ich seh' keine Adlejr. Wo sind denn die Adler?" Ter Schmied lachte.„Wo sollen hier Adler herkommen? Hier gibt's keine. In der Stadt wachsen sie nicht." Markus Tarras blieb still, doch sagte er sich: wenn die Adler hier nicht gedeihen, wie kann ich da hierbleiben? Und da die Woche gerade zu Ende war, schnürte er sein Ränzel, erbat seinen Lohn und wanderte, trotz aller Bitten des Meisters, der nur ungern einen so kräftigen Gesellen verlor, von bannen. Bei seinen geringen Bedürfnissen reichte das verdiente Geld eine ganze Zeit, während welcher er wieder wie früher die Straßen absuchte, gleich als ob er etwas verloren hätte. Müde schleppte er sich die Fahrwege lang durch manches Königreich. „Habt Ihr Hunger?" fragte ein Alter. „Ich dank' Euch!" sprach Markus Tarras. „Verzeiht, Eure Augen sehen so aus!" Es tvaren noch dieselben Äugen, die sich von Tetta abgelvandt und selig ins himmlische Blau hineingeschaut hatten... wenigstens beinah noch dieselben Augen. Wieder ging das Geld zu Ende, wieder nahm Markus Dienst bei eincin Meister. „Habt Ihr Adler hier?" fragte er. „Wohl, wohl! Es flog einer mal hier'rübcrl" Der Blasebalg pustete, das Pferdchxn lief, das Feuer lohte, der Hammer schlug. Aber vergebens sah Markus Tarras nach dun Adler aus. Eines Vormittags jedoch rief ihn der Meister heraus. „Wenn Ihr den Burschen sehen wollt--" Wie der Blitz war der Gesell neben ihm. Droben kreiste wirk- lich ein Adler. Markus Tarras jedoch ward von einem heftigen Weh ergriffen. „Das sind Eure Adler," sagte er.„Sind sie hier immer so klein?" „Ihr seid närrisch," erwiderte der Meister kopfschüttelnd.„Gibt es denn größere? Andere als den Schreiadler haben wir hier nicht." Da dachte Markus Tarras: Besser gar keiner als solcher, und zog wieder von bannen. Er fragte Aetzt gar nicht niehr, aus Furcht vor der Antwort. Er arbeitete hier, dort, zog mit suchenden Augen von neuem weiter und ward stiller und älter darüber. Er erstaunte nicht mehr über das, was er sah, denn es schien ihm, als sei es immer dasselbe. Manch- mal wollt er zornig werden gegen sich und alle anderen. Er muhte sich aufraffen, bannt er endlich erreichte, wozu er ausgezogen.„Viel- leicht wenn ich reich bin," dachte er. Und so arbeitete er wie kein zweiter so fleißig, sparte Taler bei Taler, gönnte sich nichts und saß Sonntags in der Stube, wo er die schweren Beutel in der Hand wog. Einer der Meister, bei dem er einen Winter über in Arbeit stand, hatte eine Tochter. Wenn sie die Zipfel der weißen Latz- schürze über der kräftigen Brust festgesteckt, sah sie blitzsauber aus und Nastja nicht unähnlich. Sic brachte das Frühstück in die Schmiede und goß den Schnaps ein; das Glas des Gesellen um einen Strich voller als das des eigenen Vaters. Der Vater zog seine S-blüsse daraus und war damit zuftieden, daß die Tochter ihre Augen auf Markus Tarras warf. Denn es war nicht unbekannt ge- blieben, daß er sich ein schönes Stück Geld erspart hatte. Bald gab es Anspielungen auf Meisterbrief und Meisterin. Der Geselle überhörte sie lange. Das Haus gefiel ihm nicht übel; das Mädchen gefiel ihm auch Er könnt' sich ein ruhig Leben schaffen für alle Zeiten. Da plötzlich erschrak er vor sich selber. Wenn er nur das wollte — weshalb war er dann aus seinem Walde gezogen? War Nastja nicht schöner gewesen? Lief Tetta nicht ebensogut im Kreise wie da? Pferdchen hier? Brannte das Feuer in der Schmiede des Vaters nicht noch heißer und röter? Warum denn das alles? „Adler werden.. � 1" murnlelte er.„Häng' Dich nicht an ein Weib!" Und wie ein Dieb zur Nacht stahl er sich aus der Schmiede und aus der Stadt fort, um ruhelos weiterzuwandcrn. Aber eine seltsame Veränderung ging doch mit ihm vor. Seine Augen suchten noch, aber weniger aus innerem Begehr, als weil er sich sagte, daß er doch finden und erreichen müsse, um nicht als Narr vor sich selbst und seinem Vater und Tetta dazustehen. Er ward älter, seine Fütze müder. Auf einem Wege, der er sonst hintereinander in gleichem Schritt und Tritt zurückgelegt, ruhte er jetzt mehrmals aus. Aus der freudigen Unruhe, mit der er fort- gegangen, war eine zehrende geworden, die gleich der ersten ihr Ziel nicht kannte. So geschah es. daß er sich einst am Rande eines Hügels, der bewaldet war, zur kurzen Ruhe streckte. Ruhe war das Beste. Er schob das Bündel unter den Kopf und schloß die Augen. Als er sie aufschlug, stand der Himmel in Gold und Orange. Ein Strom von hellem Rot zog sich, ein breites Band, hindurch. Und plötzlich kam ein Adlerschrei hernieder, kurz, weitschallend, rauh. Starren Auges sah Markus Tarras empor. Da wiegte sich der Aar wie spielend durch die Lüste. Auch das nur ein kleinerer, der in den Buchenwäldern wohl horstete. Keinen Blick wandte der Mann von ihm. So hatte er zu Hause die Steinadler kreisen sehen. Und die beiden Bilder, die sich durch seine ganze Jugend ge- zogen, standen vor ihm: die schwebenden Adler in blauen Lüsten! der dunkle Hof mit Tetta, mit dem lohenden Feuer und dem Spiel der Schatten, die den Vater zum Riesen machten... Immerfort sah er empor zum Adler. Aber je länger er es tat, um so lebendiger wurde das andere Bild. Tetta lief mit ver- bundenen Augen im Kreise... immer gleichmäßig, immer in denselben Stapfen... die gute Tetta I Wie das wohl tat I Wie ruhig und sicher das war l Alles wußte man schon im voraus! Eine unsägliche Liebe überkam ihn. Gerade zu dem Pferdchen I „Nicht einmal Lebewohl Hab' ich ihm gesagt I" dachte er.„Und ob es noch lebt? Ob es noch immer läuft? Ob es auch jetzt noch das Leder vor den Augen hat?" Tetta, das Pferdchen... nur das Pferdchen wollt' er wieder- sehen, es streicheln, ihm ein Stück Zucker geben. Er war nicht mehr müde, nicht mehr unruhig. Er wollt' zu Tetta. Das erste sichere Ziel nach zwanzig Jahren des Irrens und Wanderus. Tage und Wochen ging er. Er schlief nicht lange. Er zog die Finger durch den Bart; er murmelte, er lächelte. „Was Hab' ich gesagt," murmelte er fast triumphierend,»ich er- reich' es doch!" Nach langer Wanderfahrt war der große Bergwald sichtbar. Er betrat ihn.„Da ist er ja I" sagte er immer wieder und hörte auf das dunkle Rauschen der Wipfel. Und siehe, droben kreiste etwas Großes: das war der Steinadler, der Bergadler. Er nickte herauf zu ihm, in Hoffnung baldiger Erfüllung, er murmelte einen Namen und sah selig empor zum König der Lüste:„Tetta!" Einen Köhler traf er. „Lebt Michael Tarras noch, der Zeugschmied?" „Er lebt I' „Und Tetta... wie steht es mit Tetta, Mann?" Der wußte nichts. Nun kam er über den Gipfel, wo die Mühle stand. Der Mühl- stein lag in der Sonne und war leer. Ihm schien, es fehlte da etwas. Doch da war das Dorf, das Ziel. Fast laufend erreichte er die Schmied«. Eisgrau, halb erblindet saß Michael Tarras auf der Schwelle. Markus stieß einen Schrei aus. Ihm war, nun hatte er erreicht, wonach er vor zwanzig Jahren ausgezogen war, vor Glück könnt' er erst nicht reden. „Da bin ich, Vater," sprach er dann. 1„Dein Sohn Markus!" Der Greis tasteste nach ihm. „Mein Sohn Markus... ich seh' Dich nicht, ich erkenne Dich nicht... jeder kann das sagen. Er zog lange fort. Ich aber muß warten; nur stlr einen Tarras ist die Schmiede." Seine Stimme war daS einzige, was noch kräftig an ihm erschien. Dann lachte er auf. „Adler oder Pferdchen... mein Sohn Markus, was willst Du? „Tetta, Vater... wo ist Tetta?" Das Lachen scholl von neuem.„Wüßt' eS, Söhnchen, wüßt' es. Tetta ist tot... eine andere Tetta steht im Stall. Läuft so gut wie die vorige... immer herum, daß es eine Freude ist." Mühsam erhob er sich und umarmte den Sohn. Der aber Sonnte sich k:ine Ruhe. Er schürte das Feuer, spannte das iferdchen-m. Dt- Flammen lohten über den dunklen Hof. Tetta lief mit verbundenen Augen. Markus TarraS aber legte die Hände vors Geficht. Alles war so ruhig, und alles war gut... »Wo ist Nastja?" fragte er nach einer Weile. »Sie hat den Bauern Bialka geheiratet und hat sechs Kinder!" Dann blickte er einmal zum Himmel empor. Dort hoch im Blauen hatten die Augen früher immer etwas gesucht. Seltsam, seltsam! ES war doch alles leer im Blauen, während hier unten das Pferdchen lief und alles seinen Platz hatte. Er schüttelte den Kopf. Als ob der Vater den Blick gemerkt hätte, sagte er mit seinem fast kindischen Lachen: „Adler hier. Pferdchen da... Die Adler sind tot. fort- gezogen..,.�nur zwei sind noch übrig... es kommen zu viel Menschen in den Wald. Es gibt nur noch wenig Adler. Aber Tetta läuft... huh, Tetta I Auf Wiedersehen, mein Sohn Markus, Hab' ich damals gesagt. Ich Hab' Dich wiedergesehen! Wohl, wohl... fliegt da einer? Alle kommen sie zurück auf die Erde I" Nach zwei Jahren war Michael Tarras tot. Er hatte vorher Markus geraten, eine kinderlose Witttb zu heiraten. Sie war nicht schön, aber war im Walde geboren und hielt zusammen. Sie gebar Markus Tarras zwei Söhne. Und die Söhne spielten aus dem Hofe, und das Feuer lohte, und Tetta lief. Markus jedoch, der schwerhörig geworden war wie sein Bater selig, schlug auf den Amboß. Die letzten beiden Adler hatten sich im Todesjahr des alten Zeugschmiedes verloren. Lange, lange Jahre später durchlief das Dorf das Gerücht, daß ein mächttger, nie gesehener Vogel hoch über Berg und Wald kreise. Vielleicht ein Steinadler, sagten die alten Bauern. Markus Tarras' ältester Sohn kam mit der Nachricht zu seinem — schon gebückt gehenden— Vater gestürzt. Beide bleckten an- gestrengt nach oben. „Ich glaub', ich seh' einen Punkt!" rief der Junge. Markus Tarras schüttelte mißbilligend den Kopf. „Es gibt keine Adler mehr. Das ist so in der Jugend i.. in der Jugend glaubt man allerhand. Später erst wird man klug." Er wollt' in die Schmiede zurück. Da fiel ihm etwa? ein. Er holte ein Stück Zucker, und während er neben dem Pferdchen einher- ging, im ausgetretenen Kreis herum, steckte er dem Pferdchen daS Stück Zucker ins Maul. „Tetta... ja doch! Wir beide... Tetta I" Und zärtlich klopfte er den Hals des Tieres, dessen Augen vom Leder bedeckt waren und d«s dankbar schnaufte.— kleines feiiiUeton. e. s. Japanische Holzschnitte. Im Ausstellungssaal der Bi«. bliothek des Kunstgewerbemuseums findet augenblicklich eine Aus, stellung von japanischen Holzschnitten statt. Es ist eine Auswahk, keine chronologische Sammlung, mit Geschmack und Sachkenntnis ist diese Auswahl getroffen, so daß der Laie eine gute und richtige Vorstellung von dieser feinen, eigenartigen Kunst erhält. Die großen, oft drcigctciltcn Blätter von Utamaro, dessen graziös ge- schwungenc Linien das Leben der Frau schildern, sind in Rahmen aufgehängt. Ein wenig weicher ist Shunscho, der den üblichen Farben hellrot und schwarz ein mattes Violett zugesellt. Von eigentümlichem Reiz ist das eine große Blatt, dessen weiter Hinter- grund eine Ackcrlandschaft zeigt. Daneben hängt eine Arbeit von Tohokuni von ernsterem Charakter, der durch die düsteren Farben- töne hervorgebracht wird, schwarz und violett. In diesen Blättern tun wir Einblicke in das Leben des Volkes, wir sehen Spaziergänger, Ausflügler, Vergnügungen. Auf allen Bildern dieser Zeit bc- gcgncn wir der Frau, deren graziöse Haltung die Künstler schildern. Besonders die leichte, sichere Behandlung des Kleides, wie der � Faltenwurf sich legt und herabfällt, wie überhaupt solch eine Gestalt schlank aufwächst, das ist eingehender Betrachtung wert. Eine spezielle Art bilden die in länglichem Format gehaltenen Blätter, die zum Aufhängen in den Räumen, zum Schmuck der Stuben bestimmt sind. Da sehen wir Einzelfiguren in kühnem Ausschnitt, so daß der Eindruck des Raumes doch erweckt wird. Der Ausdruck erhält etwas Statuenhaftes. Die Komposition ist bemerkenswert, weil in einen schmalen Ausschnitt mit großem Geschick eine menschliche Figur hineingebracht ist, die den Eindruck vollen Lebens macht. Kiyonaga ist hierin Meister; er ist entschieden in der Linie und zurückhaltend in der Farbe. Von besonderem Interesse sind die alten Meister, die hier in Nachbildungen vorhanden sind. Dunkle Tönung, von der sich die Farben in düsterer Glut abheben, von eigentümlicher, unheimlicher Phantastik, die den Orient in seiner ganzen brünstigen Empfindungs- tiefe zeigt. Teilweise chinesischer, dann indischer Einfluß. Nach China deuten die ernsten, strengen, nur in Schwarz, Braun und Gold gehaltenen Blätter. Nach Indien die Bilder der vielarmigen, flammenumzüngclten Gottheiten, deren raffinierte Farbigkeit, tief und glatt wie eingelegte Lackarbeiten, eine Vorstellung erweckt von dem tiefsinnigen, strengen und zugleich schwülen Naturkult der Inder. Ganz eigentümlich wirken die äußerst feinen Konturlinien dieser sonst ganz Plastisch wirkenden Figuren, die die tiefleuchtendcn, ost gleichsam flackernden Farben wie mit Filigran einsäumen. In Kästen sind eine ganze Reihe von Büchern ausgelegt, die den Reichtum der Motive in der Kunst dieses Volkes, die sich so eng an die Natur anschließt, ahnen lassen. Da sind ein« Reihe Musterbücher für Stoffe, die naturalistische Motive mit meister- hafter Sicherheit benutzen für dekorative Entwürfe. Die Spuren eines Vogeltrittes im Sand, die auseinandergespreizten Zehen geben ein lebhaft sich wiederholendes Motiv. Die Kühnheit und Leichtigkeit ist überraschend; kein Schema und doch merkt man überall die Tradition. Mit welch liebevoller Treue sind die Lehrbücher zum Pflanzen- zeichnen ausgeführt. Es sind Lehrbücher, aber der Künstler machte Kunstwerke daraus. Er verbindet absolute Treue mit Schönheit und erreicht das durch das sichere Erfassen des momentanen Ein- druckes in dem er alles gibt. Man sehe unsere Lehrbücher an. Wie weit find wir noch entfernt, wirklich den lebendigen Eindruck einer Blume zu geben. Meister in dieser Kunst ist Masayoshi, der in Jedo lebte am Anfang dieses Jahrhunderts. Er beobachtet auch das Tierleben; ein Hase zum Beispiel ist von packender Lebens- Wahrheit. Auch Buntsho widmet sich der Wiedergabe von Blumen. Ein feine? Grau bildet den Hintergrund, auch das schöne, körnig. rauhe Papier trägt sehr viel zu der künstlerischen Wirkung bei. In breiten Flächen ist die Form hingestellt, immer der Blick aufs Ganze beibehalten. Die Japaner werden trotz ihrer genauen, sub- tilen Arbeit nie kleinlich. Hierfür ist besonders Morikani charak- tcristisch(Mitte des achtzehnten Jahrhunderts), von dem ein Buch ausgestellt ist, dessen aufgeschlagene Seite einen großen Vogel mit weißem Gefieder und spitzem Schnabel im Schilf zeigt. Der Natureindruck von lebendigster Treue des Moments, so schnell er- faßt, wie bei uns nur der Apparat den Moment festhält, und den- noch schon künstlerisch übertragen in der eigenartigen Technik, die nur mit Schwarz-Weiß rechnet. Dann sehen wir Landschaften, voll leichter Freiheit in der Komposition, Berge, Wasser, Segel- boote auf dem Fluß; eine feine Sicherheit in der Ausarbeitung des Räumlichen, das immer sehr weit wirkt. Wie genau die Japaner die schnellste Bewegung erfassen, davon ist Zeugnis ein Blatt von Masanobu, das einen Hahn zeigt, der auf dem Rand des Futterkorbes geflogen ist und sich hinunter- beugen WÄ. Diese Bewegung ist verblüffend naturwahr.*) Das ist überhaupt eigentümlich, wie viel Leben diese Blätter enthalten. Jede Linie zuckt. Temperamentvolle Betrachtung des Seins ist verbunden mit einer ästhetischen Schulung, die fast wie eine lange Tradition die Künstler in Bann hält. Sie ist aber nur ein Stab, eine Stütze für sie, keine Fessel. Sie bewegen sich frei. HiroshigeS zart getönte Landschaften zeigen dieses Sondergebiet mit reifer Meisterschaft behandelt. Er stellt 4hon eine der letzten Etappen in der EntWickelung dar, die mit der unseligen Aehnlichkeit hat. Der Mensch verschwindet. Die Landschaft, die Natur domi- niert. Auch bei uns bedeutet das Emporkommen der Landschaft in der Kunst eine neue, moderne Etappe. Da sehen wir Täler voll stiller Schönheit, Brücken, die hoch und schwank über Bäche führen, Häuschen, die wie Idyllen unter hohen, schweren Bäumen liegen. Des genannten Künstlers Vorläufer, der noch alle Sonderzweige in sich einte, ein Genie von universaler Begabung ist Hokusai (Hokkei), dessen volle, reife Kunst, die so vielseitig alle Gebiete em- faßt, die auch hier schon gesondert behandelt sind, in schönen Proben gezeigt ist. Es ist eine bekannte Tatsache, daß unsere moderne Kunst von Japan beeinflußt wurde. Speziell das moderne Kunstgewerbe ist ohne Japan undenkbar. Wer also dieses kennt, wird hier An- knüpfungen wahrnehmen. Er sieht hier die Originale. Aber auch der Laie wird nur den ersten, fremden Eindruck überwinden müssen, um hinter der Hülle das ihm verwandte Leben zu entdecken, das Mit reifer Meisterschaft in künstlerische Form gebracht ist.— — ss— Reue ozeanische Forschungen. In der letzten Sitzung der Londoner Geographischen Gesellschaft hat der Führer der Expedition des englischen Kriegsschiffes„Scalark* im Indischen Ozean, Stanley Gardiner, die Ergebnisse dieser Forschungsreise in einem Vortrag über die Geographie des Indischen Ozeans zusammengefaßt. Eine der bedeutsamsten Aufgaben der Expedition bestand darin, wissen. fchaftliche Beobachtungen zur Prüfung der Frage einer ehemaligen Landverbindung zwischen Afrika und Indien beizubringen. Seit Jahrzehnten sind die Geologen auf die Aehnlichkeit gewisser Ablage- rungen in Vorder-Jndien einerseits und auf Madagaskar und im südafrikanischen Festland andererseits aufmerksam geworden, und daraus hat stch die Theorie entwickelt, derzufolgc früher eine große Landbrücke zwischen diesen beiden Erdgebictcn, also über den nord- westlichen Teil des Indischen Ozeans hinweg, bestanden haben müßte. Gardiner hält nach den von ihm gefundenen Tatsachen diese Anschauung für berechtigt. Es besteht noch jetzt zwischen den beiden Ländern eine Art von untermeerischem Plateau, dessen mittlere Tiefe L5CK> Meter übersteigt. Allerdings ist die Landbrücke zwischen Asien und Afrika, vermutlich durch Arbeit von strömendem Wasser, zerstört worden, aber eine Anzahl von Inseln zeigen noch jetzt ihren früheren Bestand und Verlaus an, nämlich die Lakkadiven und Malediven, weiter südlich die Tfchagos-Jnseln, dann nach Afrika hin die Insel- gruppen der Seychellen, Amiranten und Maskarenen und vereinzelte Eilande, die endlich in der Richtung nach Madagaskar hinführen. Diese verschiedenen Inselgruppen hat die Expedition nun insbe- sonders untersucht. Von historisch-politischem Interesse ist die An- gäbe, daß die Insel Diego Garcia im Tschagos-Archipel, der äußerst selten besucht wird, von der russischen Flotte zur Zeit des russisch- japanischen Krieges als Kohlenstation benutzt worden ist, wahr- scheinlich, ohne daß jemand damals etwas davon erfahren hat, auch *) Auch die Bücher, die nur Momentbilder von der Straße enthalten, Gehende, Hockende. Gestikulierende, bieten überraschendes Material und zeigen sicherste Beherrschung, zugleich jugendliche Frische. nicht die im Besitz der Insel befindlichen Engländer. Die Insel Diego Garcia besteht aus einem Gürtel von Korallenbauten,, der ein« Lagune umschließt und eine merkwürdige Vegetation trägt, die zur Zerstörung des Felsens führt und keinen Baumwuchs aufkommen läßt. Ueberall wurde auf den Koralleninseln die überraschende Ent» deckung gemacht, daß die innere Lagune auf Kosten des umgebenden Korallenfelsens wächst. Allerdings wird diese Abnahme der kreis- förmigen Koralleninseln von innen her reichlich aufgewogen durch den außerordentlich starken Zuwachs, den die Korallentiere durch ihre Tätigkeit am äußeren Rand durch Verbreiterung des Riffs schassen. Auf einigen der Inseln wurden erhebliche Ablagerungen von»uano gefunden, die eine Verwertung lohnen würden. Die Anhäufung dieser Massen wird ganz erklärlich durch die ungeheuren Scharen von Scevögeln, die diese Inseln umschwärmen und unter denen die weitznackige Seeschwalbe am häufigsten ist. An einigen Stellen auf den Koralleninseln war es unmöglich zu gehen, ohne auf Eier dieses Vogels zu treten. In der Inselgruppe der Seychellen wurde fest- gestellt, daß sie früher eine einzige große Insel von etwa SSMO Quadratkilometer Fläche gebildet habe», doch sind diese Inseln nicht Korallenbauten.— Dieselbe geographische Gesellschaft hat sich außer- dem mit einem Vortrag von Dr. Haddon beschäftigt, worin ein Plan für die biologische und anthropologische Erforschung von Melanesien vorgelegt worden ist. Die Melanesischcn Inseln, zu denen Neu- Guinea und die daran schließende innere Jnselreihe bis nach Neu- Calcdonien und den Fidschi-Jnseln hin gerechnet werden, bilden nach ihrer Lebcwelt eine ivohlgekennzeichnete Provinz, die ihren Namen vo der schwarzen Hautfarbe ihrer Bewohner erhalten hat. Viele der Inseln sind von beträchtlicher Größe, und auch hier ist eine ge- wichtige Veranlassung zu der Vermutung gegeben, daß die Inseln früher eine einzige große Landmasse gebildet haben. Haddon meint, daß sich noch Beweise dafür finden lassen müßten, und daß die Zer- störung dieses Erdteils zur mesozoischen Zeit der Erdgeschichte ge- schchen sein dürfte. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß auch die Geologie dieser Inseln noch fast gänzlich unbekannt ist. aber ebenso fehlt dem Botaniker jede gründlichere Kenntnis der Pflanzenwelt, deren Studium gerade hier eine Reihe fesselnder und wichtiger Auf- gaben finden würde, namentlich bezüglich des Baues, der Vcr- breitung der Pflanzen. Aehnliches gilt für den Zoologen bezüglich der Tierwelt, aber vielleicht das allergrößte Interesse an der baldigen Durchführung der planmäßigen Erforschung dieses Gebietes hat die Anthropologie. Für sie ist die Sache am dringlichsten, weil die Ge- fahr besteht, daß die dortige Bevölkerung, wenigstens auf manchen Inseln, schon in einer nahen Zukunft ausgestorben sein oder doch mit Bezug auf ihr« Sitten und Kunstfertigkeiten durch die Be- rührung mit Europäern beeinträchtigt und verbildet werden könnte. Auch hat neuerdings der Verkehr zwischen den Inseln«ine Ver- stärkung erfahren, wodurch Wanderungen und Mischungen entstehen, die gleichfalls die Entartung der einzelnen Jnselstämme befördern. Immerhin gibt es in Melanesien noch manche Bezirke, die überhaupt noch nie von einem Weißen besucht worden, und viele Inseln, die noch gar nicht in den Gesichtskreis unserer Wissenschaft getreten sind.— Humoristisches. — Ein toleranter Skeptiker.„Sind Sie musikalisch, mein Fräulein?" „Ich spiele Klavier." „Nun, das ist ja noch kein absoluter Gegenbeweis."— — Ahnungsvoll. Michel(dessen Vater eben zum zweitenmal geheiratet hat):„Voda, müassen ma uns von der zweiten Muätter ah soviel g'fall'n lass'n. wia von der ersten?'— („Meggendorfer-Blätter.") Notizen. Das Wiener Raimund-Theater hat feine Reserven aufgezehrt. 200 000 Kronen werden gesucht, um das Werkel in Gang zu erhalten.— — Das Theater des Westens hat die neue Operette von Claude Terasfe:„DerHerr von Verghi' er- worden. — Eine Gesellschaft für vergleichende Mythen- f o r s ch n n g ist in Berlin gegründet worden.— — Zur Erlangung von Entwürfen für den Neubau d e 8 jüdischen Krankenhauses in Berlin veranstaltet die jüdische Gemeinde eine öffentliche Ausschreibung. Der erste Preis beträgt 0000 M.. der zweite 4000 M.. der dritte 2000 M.— — Am Eröffnungstage des Heidelberger Instituts für Krebs- forschung, am 24. September, wird in der Neckarstadt eine i n t e r» nationale Konferenz für Krebsforschung zusammen- treten.— — Am 29. Juni kommt ein in der Gemarkung Reinhards- Münster gelegenes Anwesen mit Wasserkraft, früher Sägemühle und Hammerwerk,„Auf dem Hammer", unweit Zabern gelegen, zur Versteigerung. Dazu bemerkt die. Straßburger Post", daß c? sich hierbei um ein historisches, merkwürdiges Anwesen� handelt, nämlich um den„Eisenhammer", den Schiller in seinem bekannten Gedichte erwähnt. In unmittelbarer Nähe deS Anwesens steht auch die Fridolinskapelle.— Perantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaulSingerchCo., Berlin ZlV.