Kr. S8o. Abomikments'Bedingungen: SbonnemenlZ- Preis pränumerando: Vierleljährl. 3,30 Ml. monatt. l.ioMI., Ivöchenllich 28 Pfg. frei inä Haus. Suizelne Nummer S Pfg. Sonntag»- Nummer mit tllultrterier Sonntag»- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3.30 Marl pro Quartal. Singetragen in der Poft-ZeitungS» Preisliste für l0»g unter Nr. 7820» Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Srscheini täglich Stifter Zvonlag«. Vevlinev Volksblakk. 16. Iahrrj. Die Instrtwns' Gebühr beträgt für die fschsgefpaltene Kolonek- »eile oder deren Raum so Pfg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Versammlung»-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Attfeigcn" jedes Wort 5 Pfg. (nur das erste Wort fett). Inserate sür die nächste Nummer müssen btS S Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen btS 7 Uhr abend», an Sonn- und Festlagen bis S Uhr vormittags geöffnet. Fernsprecher!«ml l, Nr. 1508, Telegramm-Adresse: „Sorialdemostrat lörrlin" Centraiorgan der socialdemokratischen Uartei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veutlz-Strafzr 2. Donnerstag, den 36. November 1.866. Expedition: i3M. 19. Vrnth-Stra�e 3. Die Gewerbenovelle. Die zweite Lesung der Gewcrbenovelle wurde, soweit sie sich im Rahmen der Kommissionsberatung bewegt, am Dienstag beendet; die Anträge unserer Fraktion behufs Erweiterung und Schutz des Koalitionsrechts kommen heute zur Verhandlung — ihr Schicksal ist von der Presse aller kapitalistischen Parteien im vorhinein entschieden; das Unternehmertum— ob konservativ, ob liberal— will nichts von einem wirklichen Koalitionsrecht der Arbeiter wissen. Wie die Plenarberatungen aber zeigten, und zwar noch deutlicher als die Kommissions-Verhandlungen, in denen dieser und jener Eingänge! seinen socialreformerischen Wünschen Annahme verschaffen konnte, hat der Arbeiterschntz durch diese neueste der vielen Gewerbe- Ordnungs- Novellen uur einen ganz unwesentlichen Ausbau erfahren, und an einer Stelle ist sogar die Möglichkeit geboten, die Arbeiter an der freien Verwendung ihrer Arbeitskraft zu beschränken. Es betrifft dies die Umgestaltung des§ 33 der Gewerbe- Ordnung, welcher von der Konzessionspflicht der G esin d ev ermi etc r und Stellcnvormittlcr handelt. Diesen soll nämlich von nun ab die Ausübung des Gewerbes im Umherziehen durch die Eentralbehördcn untersagt werden können. Daß diese Einschränkung hauptsächlich im Interesse der Agrarier erfolgt, welche verhindern wollen, daß ihnen das Gesinde durch umherziehende Agenten wcgengagiert wird, wurde in den Plenarverhandlungen seitens der agrarischen Redner offen zugestanden. Sie betrachten es als ihr Recht, die Landarbeiter an die Scholle zu fesseln— am liebsten Möchten sie ja die ganze Freizügigkeit beseitigen. Gebilligt wird von uns, daß den Gesindevermietern und Stellenvermittlern auch die gleichzeitige Ausübung des Gast- und Schankwirtschaftsgcwerbes beschränkt oder ganz untersagt werden kann. Dadurch ist es möglich, dem Unfug zu steuern, der besonders in den Seestädten durch die Heuerbasen getrieben wird, die dem- jenigen, der am meisten in ihrer Gastwirtschaft verzehrt, die besten Stellen nachweisen. Auch an dieser Stelle sei hierbei hervorgehoben, daß der Staatssekretär Graf Posadowsky in Uebereinstimmung mit der Ansicht des gesamten Hauses erklärte, daß Arbeiter- sekretariate und andere gemeinnützige Arbeits- nachweise nicht von der im§ 35 vorgeschriebenen Kon- zessionspflicht getroffen werden sollen und können, da sie die Stellenvermittlung„nicht gewerbsmäßig, sondern gcschäfts- mäßig" betreiben. Ein bißchen Sonntagsruhe bringt§ ilh den selbständigen Barbieren und Friseuren, aber nur dann, wenn sie von mindestens zwei Dritteln der beteiligten Geschäftsinhaber verlangt wird. Vergeblich wies Bebel darauf hin, daß die Jnnungsmeister selber den Geschäftsschluß nicht erst von einem Antrag der zwei Drittel Beteiligten abhängig wissen wollen und daß sie ihm. als er früher für ihre dahin gehende Petition im Reichstag eintrat, eine Dankadresse sandten. Diese Mitteilung erweckte nur den Neid des Anti- semiten Raab, der laut darüber jammerte, daß die Jnnungsleute nicht ihm ein solches Dankcsvotum zu teil werden ließen; die halbe und lahme Ver- besserung wird anstatt der von unserer Fraktion beantragten durchgreifenden Hilfe Gesetz. Auch der neu einzufügende§ 114a macht einen zu kleinen Schritt zum Besseren. Nach ihm kann der Bundesrat für bestimmte Gewerbe Lohnbücher oder Arbeits- z e t t e l vorschreiben. Unsere Fraktion verlangte, jdaß dies überall geschehen muß, außerdem aber in weiterer Form als der Entwurf vorschreibt. ein Mißbrauch dieser Lohnbücher oder Arbeitszettel verboten wird. Auch forderten wir, daß Kost oder Wohnraum nicht auf den Lohn angerechnet werden könne, das heißt, daß dem Unternehmer nicht ein Vorzugsrecht vor anderen Gläubigern gewährt werde. Diesbezügliche Be- stinnnungen des Bürgerlichen Gesetzbuches sprechen sich, wie Genosse Stadthagen darlegte, zu Gunsten unserer Forde- rung aus; der Reichstag lehnte aber unseren Antrag ab und verschlechterte damit gleichzeitig jene Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches. Abgelehnt wurden alle unsere Anträge, welche den Arbeiter schütz auf die Hausin du st rie aus- dehnen wollen. Obwohl allseitig zugegeben werden mußte, daß gerade, weil der Heimarbeiter vogelfrei, der Aus- beutung preisgegeben ist. immer zahlreichere Industrien sich die Hausindustrie als Asyl des bedrohten Profits aufsuchen, hat die Regierung wie die Mehrheit des Hauses unsere Forde- rung abgelehnt. Man scheut sich vor einem solchen„tiefen Eingriff"; man verspricht später einmal durch Einzel- Verordnungen Abhilfe zu bringen, vertröstet auf morgen und übermorgen— und es bleibt alles beim alten. Gerade das Centrum, das sich seiner socialpolitischcn Thätigkeit so gern rühmt, hat sich hier an die Seite derer um Stumm gestellt, und seinen schönen Worten folgten keine entsprechenden Thaten. Abgelehnt wurde auch unser Antrag zu t; 113, in allen gewerblichen Betrieben die regelmäßige Lohnzahlung nicht am Sonnabend oder Sonntag stattfinden zu lassen, während der Kommissionsbeschluß, der sich nur auf Fabriken erstreckt, angenommen wurde. Unsere Gegner entdeckten in unserem Antrage sogar eine„Bevormundung der Arbeiter", gegen welche sie geschützt werden müßten! Dabei haben auch nicht-socialdemokratische Kenner des Arbeiterlebens wiederholt darauf hstigewiesen. wie die Auszahlung des Lohns am Sonnabend oder Sonntag die Arbeiter ganz besonders der kleineren Betriebs hindert, ihre Wocheneinkäufe selbst oder durch ihre Frauen rechtzeitig zu besorgen. Die Halbheit und Lahmheit, mit der die neueste Social- reform betrieben wird, zeigte sich auch deutlich bei der Ablehnung des neuen§ 137g, welcher die Beschäftigung von Ar beiterinnen und jugendlichen Arbeitern nach beendeter Fabrikarbeit durch Mitgeben von Arbeit nach Hause verhindern sollte. Die Kommission hatte für b c st i m m t e Gewerbe dem Bundesrat die Vollmacht übertragen, dieses Verbot auszusprechen. Wir forderten, daß es in allen Gewerben durch Gesetz in Kraft zu treten hat— das Plenum lehnte alles ab und ließ es beim bisherigen Modus, durch den in außerordentlich zahlreichen Fällen der durch die Gewerbe Ordnung vorgeschriebene Maximalarbeitstag illusorisch gemacht wird, weil die Unternehmer besonders zur Saison die Ar beiterinnen und jugendlichen Arbeiter zwingen, oft die ganze Nacht hindurch sich nych an den mitgegebenen Aufträgen ab zuquälen. Auch hier trifft die Verantwortung das Ccntrum, das sich scheute, einen ganzen Schritt vorwärts zu thun, während wir es ablehnten, die von der Kommission vor- geschlagenen Halbheiten mitzumachen. Angenommen wurden die Paragraphen, welche den Werkmeistern gleiche Kündigungsbcdingungcn gewähren, wie sie durch das neue Handels- Gesetzbuch den Handlungs gehilfen eingeräumt sind. Heftiger Streit entbrannte um einen neu einzufügenden Absatz 3 zu§ 134, durch den in Fabriken das Lohnbuch für Minderjährige diesen oder deren gesetzlichen Vertretern ausgehändigt werden kann. Die Mehrheit stimmte gegen uns für diese wirkliche Bevormundung; Freiherr v. Hehl plauderte dabei aus, daß er durch diese Be stimmung die jugendlichen Arbeiter verhindern will, von ihrem Lohn unsere Partei zu unterstützen!! Wenn Ivir jetzt nicht zu Grunde gehen---! Verschlechtert wurden im Plenum die Kommissions beschlüsse auch dadurch, daß aus ihnen die Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Haus- i n d u st r i e gestrichen wurde. Graf Posadowsky meinte, man solle mit dieser Aendcrung der Krankenversicherung warten, denn eine Novelle zu dieser werde dem Reichs- tage zugehen, sobald die Unfallvcrsicherungs- Novelle, die Anfang nächsten Jahres kommt, verabschiedet sei. Das ist eine Vertröstung auf eine sehr unbestimmte Zukunft, denn wer weiß, ob es diesmal gelingen wird, das Unfall- vcrsichcrungs-Gesetz zu ändern, oder ob abermals die Re- gierung im letzten Augenblick den Entwurf zurückzieht, wie es 1897 geschah, wo Stumm und der Centralverband deutscher Industrieller die Kommissionsbeschlüsse mißbilligten. Obwohl schleunigste Hilfe not thut, hieß es also auch hier wieder: Morgen, morgen, nur nicht heute! Abgelehnt wurden auch unsere Anträge, welche die der Gewerbe-Novellc neu hinzugefügten S ch u tz b est immun gen für Handlungsgehülfen so gestalten, daß sie auch wirklich durchgreifenden und wesentlichen Nutzen bringen. Die Kommission hatte eine zehnstündige Ruhezeit beschlossen, wir forderten, gewiß ganz bescheiden, eine zwölf- st ü n d i g e— den Vertretern der Unternehmerinteressen war das zu viel. Wir forderten eine zweistündige Mittagspause, die Konservativen eine einstündige, die Kommission und das Plenum begnügten sich mit einer ,.a n g e ni c s s c n e n,"— und das Maß hat, so wie heute, der Herr Prinzipal zu bestimmen! Die Kommission forderte den Ladenschluß zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens oder in der Zeit zwischen 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, aber nur durch Gemcindevcrordnung auf Antrag von mindestens zwei Dritteln der beteiligten Geschäftsinhaber. Wir forderten, entsprechend den Wünschen der organisierten Handlungsgehilfen aller Richtungen die gesetzliche Bestimmung, daß die Verkaufsstellen von 8 Uhr abends bis 5 Uhr morgens für den geschäftlichen Verkehr geschlossen sein müssen. Auch dies wurde abgelehnt und nur unser Antrag angenommen, daß Inhaber von offenen Verkaufsstellen und dazu gehörenden Schreibstuben und Lagerräumen verpflichtet sind, den von ihnen beschäftigten Personen Sitzgelegenheit zu bieten. Kennzeichnend für die parlamentarische Thätigkeit der Antisemiten, dieser angeblich so großen Freunde der Handlungsgehilfen ist, daß sie hier, wo es sich um ernstlichen Kampf gegen Ausbeutung handelte, den Mund nicht auf- machten; dafür werden sie ihn in ihren Versammlungen um so voller zu leeren Versprechungen nehmen. Im großen Ganzen bietet demnach die Gewerbe- Novelle nur winzige Fortschritte auf � dem Gebiete des Arbeitcrschutzes; jede durchgreifende Besserung, wie wir sie fordern, findet als Gegnerschaft eine geschlossene Majorität, die von Stumm bis Richter reicht. Der Schutz der kapitalistischen Herrenrechte eint die feindlichsten Brüder im bürgerlichen Lager. Ein feines Plänchen. In der bürgerlichen Presse der verschiedensten Richtungen rumoren seit einiger Zeit Gerüchte über Neuwahlen, sei es für den deutschen Reichs-, sei es für den preußischen Landtag, sei es für beide. Soweit es sich dabei um positive Entschlüsse handelt, die im Schöße der Regierung schon gefaßt sein oder demnächst gefaßt werden sollen, kann man die Sache auf sich beruhen lassen; der Prophet ist noch nicht geboren, der dem Zickzackkurse in Herz und Nieren blicken könnte. Aber symptomatischen Wert haben jene Gerüchte allerdings, und es ist ganz gut, bei Beurteilung der politischen Lage immer die Möglichkeit im Auge zu behalten, daß wir binnen sehr absehbarer Zeit eine entscheidende Wahlschlacht durchzukämpfen haben. In dem eben erschienenen Briefwechsel zwischen Frchtag und Treitschke schreibt Trcitschke in einem Briefe vom 12. Februar 1804 über den fünften Band seiner deutschen Geschichte:„Er behandelt die ersten acht Jahre Friedrich Wilhelms IV. und bringt vieles, was für den heutigen Tag geschrieben scheint; nur war damals bei aller Thorhcit niehr Geist, mehr Hoffnung und mehr guter Wille." Es ist leicht abzusehen. Ivohin Treitschke mit diesen Worten zielt, doch bleibt er unseres Erachtens nach der Weise der bürgerlich-ideologischen Historiker an der Oberfläcke haften; die wirkliche Achn'lichkeit zwischen den vierziger und den neunziger Jahren besteht in viel tieferen Zusammenhängen, als er anzunehmen scheint. . Hätte er den Zickzackkurs tvirklich mit dem von ihin gewünschten Quantum an Geist, Hoffnung und gutem Willen ausstatten können, so wäre an dem Wesen der Dinge doch nicht viel geändert worden, so tvenig tvie Friedrich Wilhelm IV mit Geist, Hoffnung und gutem Willen, vorausgesetzt, daß er über diese Qualitäten in dem von Treitschke angenommenen Maße verfügt hätte, den 18. März 1843 beschwören konnte. An diesem Tage verschafften die muskulösen Arme des Proletariats der jungen Bourgeoisie den Sieg in dem Kampfe, den sie während der vierziger Jahre mit dem absterbenden Feudalismus geführt hatte. Aber die Bourgeoisie vermochte dcn Siegcspreis nicht festzuhalten, und untcrivarf sich, nach notdürftiger Sicherung ihrer materielle» Interessen, lieber dem Junkertum, als daß sie die berechtigten Au- sprüche des Proletariats erfüllte. Nicht einmal die politische Einigung Deutschlands, die notioendige Bedingung ihrer ökonomischen Entwick- lung, brachte die deutsche Bourgeoisie aus eigener Kraft fertig, ob- gleich das Proletariat ihr seine Fäuste bereitwillig zur Verfügung stellte; sie überließ auch hier dem Junkertum den Vortritt, das sich nun eine neue Lebeusfrist sicherte, indem es auf dynastisch-militä- rischem Wege die deutsche Einheit herbeiführte, so gut oder so schlecht sie unter diesen Umständen zu haben war. Revolutionen von oben sind unter Umständen sehr profitable Geschäfte, und solch' Geschäft war auch die dynastisch-militärische Revolution von 1866, die„mit Blut und Eisen" die völkerrechtlich anerkannte Verfassung des deutschen Bundes zertrümmerte. Allein jede Revolution von oben hat den Schalk hinter sich: die Ver- speisung Deutschlands vor dem Sündenfall des altprcußischen, absolu- tistisch-feudalistischcn Systems, woran alle Selbftdcmütigungen der Bourgeoisie nichts ändern konnten. So sehr dadurch der Lebensfaden des Junkertums verlängert wurde, so beflügelte die deutsche Einigung doch die ökonomische Entwickelung, die diesen Faden abschnitt. Schon wenige Jahre nach der Gründung des Reichs begann der Bankrott der neuen Herrlichkeit, den nur der Goldstrom der fran- zösischcn Milliarden kurze Zeit aufzuhalten vermocht hatte; das politisch siegreiche Junkertum sank ökonomisch dahin, und es ist bekannt, wie sein hervorragendster Vertreter, wie Bismarck die drohenden Gespenster beschwor: er bot der Bourgeoisie Halbpart an, wenn sie in die AuSpoverung und Unterdrückung der arbeitenden Klaffen willige, und die Bourgeoisie schlug begierig in die dar- gebotene Haiid ein. Im Jahre 1878, genau dreißig Jahre, seitdem das Proletariat der Bourgeoisie die Herrschaft über das Junkertum erobert hatte, lieferte die Bourgeoisie dem Junkertum das Proletariat an Händen und Füßen gebunden aus, um dann durch Schutzzoll- Politik gemeinsam mit dem Junkertum einen ungefährdeten Raubzug auf die Taschen der Massen zu nnternehmen. Allein, auch diese Revolution von oben hatte den Schalk hinter sich. Die arbeitenden Klassen ließen sich nicht knebeln, der ökonomische Verfall des Junkertums ließ sich nicht bannen, und die Produktionskräste der Bourgeoisie ließen sich nicht niederhalten durch die politische Selbstentäußerung dieser Klasse. Die Krone aber steht heute, wie in den vierziger Jahren, vor der bangen Wahl, ob sie sich auf das preußische Junkertum oder auf die deutsche Bourgeoisie stützen will. Insofern besteht gewiß eine Art Aehnlichkeit zivischcn den vierziger und den neunziger Jahren, aber es ist nur eine ganz allgemeine Aehnlichkeit. Thatsächlich haben sich die romantischen Träume Friedrich Wilhelms IV. in ein sehr nüchternes, wenn auch sehr schwieriges Rcchcnexempel verlvandelt. Hier die mageren Junker, ökonomisch bankrott, aber Herren der bureaukratischen und namentlich der militärischen Gewalt, beschränkte Kerle vielleicht, aber in ihrer Art verwegene Kerle, die sich mit verzweifeltem Mute schlagen und im Notfalle selbst mit dem Teufel anbinden; dort die fetten Bourgeois, zahlungsfähig in höchster Potenz, aber feige bis auf die Knochen, voll heilloser Angst vor dem Proletariat, gehorsam sogar die rechte Wange hinhaltend, wenn nur die erste beste Hofschranze sie auf die linke Wange schlägt: man begreift, daß diese Wahl verzweifelt schwer ist, was mau dann politisch den Zickzackkurs nennt. Was man politisch aber die„ Sammlung" nennt, dasZsist nichts anderes als die Frage, ob sich der endgültigen Entscheidung jener bangen Wahl nicht doch der Versuch vorziehen ließe, nochmals eine Galgenfrist zu erkaufen durch die Anwendung jenes zuerst im Jahre 1878 erprobten Mittels, von dem die offizielle Politik seitdem hauptsächlich gelebt hat: nämlich auf Kosten der arbeitenden Klassen eine gemeinsame Naubpolitik des Jimlertums und der Bourgeoisie zu ermöglichen. Von hier aus fällt daS richtige Licht auf die uferlosen Flottcnpläne. In aller ihrer Tollheit urplötzlich hereinbrechend, sind sie geeignet, auch die sanftmütigste RcichStagsmehrhcit zu provozieren und einen Konflikt hervor- zurufen, der neue Wahlen unter dem Zeichen des Flottenkollcrs ermöglicht. Die Bourgeoisie ist schon wieder auf dem besten Wege, sich über den Löffel barbieren zu lassen. Selbst ihre verhältnisniäßig ent- schiedenstcn Organe treten den uferlosen Flottenplänen keines- wegs mit der nötigen principiellen Entschiedenheit entgegen es droht wieder die Gefahr, die namentlich im Jahre 1887 den Sieg Bismarcks ermöglicht hat. Hätte sich damals auch die bürgerliche Opposition auf die social- demokratische Wahlparole festgesetzt: Keinen Mann und keinen Groschen!, so wäre Bismarck geschlagen worden; statt. dessen schacherte und iiftelte die biivgcrlichc Opposition an dem übermütig provozierten Konflikt so lange herum, bis nur die für die Massen unwirksame Frage übrig blreh Tridnnat oder Septcnnat?, Ilm so notwendiger ist es.. daß die proletarische Opposition Fuß beim Male hält gegenüber den uferlosen Flottcnpläncn, um die ZnchthauSvorlage, Umsturzgesetz und all dergleichen Teufelszeug sich tummeln, wie die Haifische ums Sklavenschiff. Da die deutschen Ärbcitcr allezeit ihre Ohren offen halten, so hören sie hinter der Rattcnfäugcr-Mclodle des„Größeren Deutschland" deutlich genug die Ketten eines neuen Socialistengesctzes klirren. Politische Mebevlichk. Berlin, den R. November. Ter Ncichstag beschäftigte sich heute mit einer Materie, welche die deutsche Arbciterwelt uud alle ernsthaften Socialreformer und Menschen- freunde seit Jahrzehnten beschäftigt, auch wiederholt schon Vörden Reichstag gekommen ist. Nämlich die Zustände in den Berg tose r k e n und die Lage der Bergarbeiter. Im Jahre 1867 bereits lenkte das furchtbare Grubenunglück in Lug au sSachsen) die Aufmerksamkeit. auf die Bergwerks- uud Bergarbeiter- Verhältnisse. Das„Demokratische Wochen- blatt", welches 18(38 und 1869 vor dem„Volksstaat" in Leipzig als Organ der internationalen Socialisten erschien, ist gefüllt mit Aussätzen und Zuschriften über die Gefährdung des Lebens und der Gesundheit in den Bergwerken und über die Kneb e- lung der Arbeiter durch die K n a p p s ch a f t s ka ss e n, die in einer damals sehr viel verbreiteten Broschüre Lieb- knechts als„Bergmanns? Fluch" bezeichnet waren. Deshalb so bezeichnet, weil diese Einrichtung, die vor Jahrhunderten wohlthätig wirkte, von dem Kapitalismus in ein Werkzeug zur schmählichsten Unterdrückung der Arbeiter umgewandelt worden ist.. Das war vor 30 Jahren. Und heute? Ist eine Besserung eingetreten? Ist die Aufsicht besser, die Sterb- lichkeit geringer, die Behandlung der Bergleute � eine gerechtere, eine menschenwürdigere geworden? Nein! Ja, vieles ist noch schlimmer geworden, denn das Unrecht hat die Eigenschaft des Gifts, sich immer tiefer in den Organismus hineinzufressen. Die dreistündige Rede, die unser Genosse Sachse, selbst Bergarbeiter, bis er gemäß- regelt wurde, heute zur Begründung des socialdemokratischcn Antrags auf Einführung eines Reichs- Berggesetzes hielt, war vom ersten bis zum letzten Satz eine große wuchtige Anklagerede. Herr Frage, der gegen Ende der Rede den Vorsitz atte, war so taktlos, sich über die Länge derselben miß- illigcnd zu äußern, wozu ihm beiläufig gar kein Recht zu- stand; wenn aber unser Genosse alles hätte vorbringen wollen, was vorzubringen ist, er hätte drei Tage lang reden müssen. Und der Reichstag? Mit Ausnahme der Social- dcmokratcn waren keüie 50 Mitglieder im Haus. Und die R e i ch s r e g i e r u n g? Die Regierung der M u st e r s o c i a l r e f o r in? Sie glänzte durch Ab- Wesenheit. Alle Ministerbänke leer. Wer betrachtet auch gern die ksrties ÜMiteuses— das heißt Dinge, deren man sich zu schämen hat? Himmelschreiende Dinge. Die gut halbe Million unserer Bergarbeiter, unterirdische Sklaven, lebend unter den niigünstigsten Lebcnsbcdingnugcn. Furcht- bare Krankheits- und Sterblichkcitszissern. Menschen- Hekatomben durch Massenunglücke, von denen fast jedes ein Verb rechen des geldgierigen Unternehmer- tuins ist. Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft und Technik keine genügenden Sichcrheitsvorrichtuugcn, so daß in Deutschland, dem Land der ruhmredigen Socialrcform, die Zahl der Vcruuglückuugcn und nanicntlich der tödlichen Vcr- unglückuugcn auf das 1000 doppelt so groß ist als in dem„herzlosen" Eiiglaud— und in Deutschland von Jahr zu Jahr st e i g c n d, in England(auch in Frankreich und Belgien) fallend. Bergwerks-Jnspektoren, quantitativ wie qualitativ unzulänglich. Ihre Ankunft in den Bergwerken vor- her bekannt. Die Hälfte der Bergwerken nie von einem Bergwerks- Inspektor besichtigt. Lohndrückcrcien und Riesen- dividenden. Betrügerische Praktiken(„Nullen" usw.). Unerträglich lange Arbeitszeit. Mäßregeliingen aller Art. Rechtlosigkeit der Arbeiter. Willkür der Grubenbesitzer uud ihrer Sklaven- peitscher: der Steiger— Das war das Gemälde, welches unser Genosse entrollte. Er schloß mit den Worten an den Reich stag: Eine Abhilfe ist notwendig. Sic können. Wollen Sic nur! Tie schlichte, von Phrasen ganz freie, von Thatsachcn strotzende Rede war so eindrucksvoll durch ihren Ernst und ihre innere Wahrheit, daß der Redner der Fortschritts- Partei, Bcckh. sich' mit unseren Forderungen einverstanden er- klärte, und daß Herr Hilbck, der Anwalt der Grubenbesitzer, in seiner Verteidigung, trotzdem er beständig zu seinem Chef, dem König von Saarabicn aufschaute, nicht die ihm sonst eigene Schneidigkeit finden konnte. Herr Hitze begnügte sich mit einer kurzen Erklärung, die nicht gehauen und nicht ge° stochen war. Die Dcbaktc, die um 6 Uhr abgebrochen ward, wird am. nächsten Schlverinstag fortgesetzt. Morgen: Gcwerbe-Ordnungs-Novclle. Unsere Anträge zum Schutz des Koalitionsrechts.— Flottcngcgncr wider Willen. Herr Professor Schmoll er hat am Dienstag in der Philharmonie sein Flottenbekeiuitliis abgelegt. Wir sehen voll Staunen de» Gelehrten, der als BolkSiuirtschastler in nüchterner Kleinarbeit einiges geleistet hat, in phantastischen Nebeln einer hundertjährigen Zukunftszeit flcncr- und ziellos umhcrtappcn. Der Herr Professor, der sonst cS. mit Bismarck'schcc„Realpolitik" hielt, entpuppte sich als lvalkcutvaudcliider Utopist, dem allcS Wirkliche in seltsamer Verzerrung und das Verschwommene als höchste Klarheit erscheint. Unter Berufung auf den seligen Malthus malt sich Professor Schmoller ein Zukunfts-Deutschland der grauenvollsten Uebervölkerimg, die nur durch Begründung eines Kolonialreiches zu verhüten sei. Im Jahre 1700 zählte Europa 100 Millionen, 1800 bereits 180 Mit- lionen und heute sind es über 350 Millionen— wo soll das Hindus? Wie sollen wir uns noch 100 Jahre in Deutschland ernähren, wenn die Bevölkerung im gleichen Verhältnis weiter wächst? Der Uebervölkcnmgsschrcck ist ein alter Popanz, erfunden und bestimmt, um die Erkenntnis der wirklichen Ursache der Wirtschaft- lichen Masiennot zu verdunkeln. Nach dieser Theorie, die in Wahr- hcit eine törichte Spielerei ist, müßte schon jetzt entsetzliche Uebcr- völkeruug in Europa herrschen. Thatsächlich aber herrscht vorläufig eher U n t e r völkeruug als Uebervölkcruiig.— Klagen nicht die Agrarier ohne Unterlaß über die verderbliche„Lentenot"? Wieviel Menschen sich in 100 Jahren auf dem deutschen Boden ernähren können, das hängt von mannigfachen lsrnständen ab, die heute gar nicht zu ermessen sind. Vielleicht wächst die Bevölkerung noch schneller als bisher, tveil die Lebensmöglichkeit dank der Fortschritte der Technik und der Wirtschaftsversasiung möglicher- weise in noch schnellerem Tempo wächst denn die Bevölkerung. Es ist ein ausgemachter Unfinn, über das Wachstum der Bevölkerung ohne Rücksicht auf die ökonomischen Gesetze, von denen es abhängt, zu spekulieren. Das erinnert an die Geschichte von dem jungen Hunde, dessen Schwanz monatlich einen Centimeter wächst, der also in 15 Jahren fast zwei Meter und in 100 Jahren 12 Meter lang sein müßte. Der Schrecken der Ucbcrvölkcrung weicht vor dem Kolonial- Zukunftsreich des Herrn Schmoller. Aber wo liegt dies herrliche Reich? Herr Schmollcr sprach viel«nd andachtsvoll von unseren Kolonien in Afrika, er sprach auch von der Aufteilung Chinas. Soll unsere„Uebervölkerimg" nach Kamerun und das wohl zu lose be- völlertc Schankinig ziehen? Nein. Süd-Brasilien ist die Hoff- nung des, Herrn Schmöller. Aber ziehen nicht deutsche Auswanderer schon jetzt dorthin, wie sie zu Millionen vor der deutschen Reichs- Herrlichkeit nach den Vereinigten Staaten enteilten, um dort an dem Aufbau der Großmacht mitzuwirken, deren Größe heut Herrn Schmoller Entsetzen einfloßt? Zeigt nicht alle bisherige Geschichte, daß große aufblühende Kolonien sich selbständig machen und in Jutcresscugegeiisätz zur Heimat treten, so lauge überhaupt die gegensätzlichen Interessen der Völkcrgruppen bestehen? Wozu also erst mit„gepanzerter Faust" dreinfahrcn, durch riesige Flotteurüslung und militaristische Draufgäiigcrci dem heimischen Volk uud der Kultur schweren Schaden schlagen? Und hierbei ist noch ganz abgesehen davon, daß wir in der herauf- beschworenen Rivalität mit den großen Seemächten immerdar im Hintertreffen bleiben müssen und in notwendigerweise eiitstchciidcn Konflikten nicht nur um phantastische Züknuftshoffnuiigcn betrogen werden, sondern auch an dem, was. wir wirklich besitzen, Schaden nehmen würden. Was will denn aber der Schmollcrsche Verein der Wasserframde eigentlich? Aus den Zeiiüngsberichtcn, die uns vorliegen, ist darüber nicht Klarheit zu gcwiimcu, wahrscheinlich weil Herr Schmoller selbst keine Klarheit darin hat. Seine Ucbcrvölkcrmigsäugstiguug führt zur Folgerung, daß Deutschland sich möglichst(viel Jiiselii und Länder in allen fremden Weltteilen nchinen soll; dann aber erklärt der Herr Professor:„Wir wolle» keine Kolonialpölitik im großen Stile wie England." Und weiter verwahrt sich Herr Schmollcr gegen eine„uferlose Flotten- Politik" und doch beruft er sich pathetisch auf Professor Oldenburgs Satz:„Ein Staat darf seine Landwirtschaft nur dann zu Hails zerstören, wenn er gleichzeitig in seinen K o lo n i e u c i N c neue Landwirtschaft unter dem Schutz seiner Kanone« schafft und begründet!— Das ist Vcr springende Punkt!" Wo ist der Alldeutsche, der an kühnem Hochflug der Phantasie sich mit Herrn Schmollcr vergleichen könnte? Herrn Schmollcrs weltpolitische Schwärmereien werden nicht ganz wirkungslos bleiben. Ihr Ucberschwaug dürfte ernüchternd wirken und dies Verlangen nach kühler Betrachtung dieser Frage auch bei den Flottcnlustigcn herausfordern. Schon weichen die Agrarier erschreckt vor den Schmollcrschcn Utopien zurück.„Wir thnn alles, sagt die„Deutsche Tageszeitung", was in unseren'Kräften steht und im Bereich des Vmiüiistigcii liegt, um die Laudivirte von der Not- wendigleit einer starl-n deutschen Flotte zu überzeugen, nichts wirkt aber nuseren B e st r c b u n g e n m e h r c u t g e g e n, als derartige Professoren- Rede n." Schließlich noch eine persönliche Bemerkung. Herr Professor Schmollcr vclwahrte sich dawider, daß wir ihn uud Herrn Adolph Wagner kürzlich als„wissenschaftliche Leibgarde des Herrn Schwein- bürg" bezeichnet hatten.- Alle Welt wisse, daß er mit diesem Herrn nichts gemein habe.' Professor Schmollcrs Verdruß ist»utzlos, denn wir haben an seine persönliche Interessen- Gemeinsamkeit mit dem Lcibjonrnalistcn des Herrn v. Miqnel wahrlich nicht gc- dacht, sondern lediglich an die Thatsache, daß Herr Schmoller dasselbe, was Victor Schweinburg im Auftrag Miguels und der Eiscnindustriclleil vertritt, wissenschaftlich begründen will. Wir sind aber geneigt, Buße zu thnn, nachdem wir den»cncftcn Flotten- Vortrag des Herrn Professor kennen gelernt. Wir wollen hinfort verzichte», ihn der wissenschaftlichen Leibgarde Schwcmbiirgs zuzuzählen.—_ Die ewigen Septeunatsprofcssoren. Ter heutige Flottcnrunimcl gleicht aufs Haar dem Scptennats- schwinde! von 1887. Auch damals stellten sich namentlich die Professoren in den Dienst der nationalen Sache. Neben Adolf Wagner, dem Unvermeidlichen, waren es besonders ein paar jüdische Professoren, die das Vaterland durch Bewilligung des Militär- septennats vor den von dem„Post"-Zedlitz für 25 M. Honorar mobil gemachten Voulangcr-Hordcn zu retten bemüht waren. Auch damals hagelte es bombastische Aufrufe. Gras Alfr. v. Adelmann erließ eine»„Weckruf an den deutschen Nationalstolz", Ilagte„daS gegenwärtig herrschende Geschlecht der vergrämten Altklnghcit, des Mangels an Rationalstolz, der Unempfilidlichkeit für lräftig-frische. dankbare Freude am Vatcrlaiidc" an uud schalt den„kurzsichtigen, erkennüsis losen Blick", der die Gefahren nicht sehe,„die in Europas nächster Zukunft lauern". Am 13. Januar 1887 wurden die Uuivcrsitätsfciern der Reichs- grüiidnug mißbran cht. um für das Septcnnat zu wirken. In Leipzig forderte Professor Maurcnbrcchcr die Studenten auf. die„iimeren Feinde"— Ccntrum, Freisinn und Socialdcniokratie zu bekänipfcn. Professor Lüthard sprach auf dem Leipziger Kommers feine tiefe Eni- rüstinig„über die eitlen Schwätzer im Reichstag" ans. Mau köime sie ja nicht p-rSchilb über die Grenze bringen. Man müsiefie jctztlioch ertragen. Hoffentlich werde aber sehr bald die Zeit kommen/ wo sie für innner verschwinde». In Berlin erklärte Adolph Wagner vor seinen „deutschen Studenten" das Heer für den produktivsten Körper im wahren Sinne des Wortes. Daß die Professoren, die sich damals durch den infamsten Schwindel so bcreitwi llig düpieren ließen, nicht gerade berufen sind, heute in der versuchten Ncunnslage der Septennatsmauövcr eine autoritative Führimg auszuüben, das zeigen wohl diese Erinnerungen. Die damalige Spekulation auf die Kosaken- und Boulangcrfurcht und die jetzigen Phantasien über eine unsägliche Uebersceherrlichkeit sind im Wesen genau dasselbe.— ** Deutsches Hieich. Unsere Anträge. Bedeuteten unsere Anträge zumKoalitioiisrccht für die industrieritterlichen Organe die„Diktatur des Proletariats", so ist unser Ensivurf über die Arbeitskannuern für dieselben Blätter der„Anfang des Zukunftsstaats". Das versichern wieder fast gleichlautend, als ob Herr v. Zedlitz jetzt beide Orgaue mit Geist versorgt,„Post" und „Verl. Neueste Nachrichten". Fürwahr, diese Leute stellen übermäßig geringe Ansprüche an den Zukuiiftsstaat, wenn sie einen Gesetz- entwürf, den jede halbwegs einsichtige bürgerliche Regierung vcr- treten könnte, für die Proklamierung deS ZuknnftsstaatS halten. Dabei verraten die Blätter ganz naiv, daß sie gar keine besondere„revo- lutionäre" That in'dem Entwurf sehen, denn sie halten ihn für gleich gefährlich wie— das bestehende Krankender sicherungs- Gesetz! Die„Post" meint: „Auch die neueste gesetzgeberische Leistung der Socialdemokratie ist weiter nichts, als'ein Schritt vorwärts auf dem Wege zum Zukunftsstaate, wenn das auch nicht so deutlich gleich auf den » ersten Blick hervortritt, wie bei den Anträgen auf weitere Aus- dchnung der Koalitionsfreiheit. Lag dabei der Klassenstandpunkt ganz unverhüllt oben auf, so ist er in dem neuen Gesetzentwurse, welcher größeren Schutz der Arbeit bezwecken soll, geschickt versteckt. Dem unbefangeueu Beobachter scheint es auf den ersten Blick, als sei die Socialdemokratie ungemein bescheiden und gemäßigt, iveil sie anscheinend sowohl die Rechte der Arbeitgeber wie die der Arbeitnehmer gleichmäßig berücksichtigt. Sieht'man aber schärfer hin, dann erkennt man auch' hier, deutlich, daß es mit dieser scheinbaren Mäßigung und Zurückhalwng der Socialdemokratie wieder einmal nichts' ist, daß die Partei auch diesmal ganz zielbewußt ihr einseitiges Partei-Jnteresse verfolgt. Der ganze Antrag läuft darauf hinaus, eine große Souder- organ'isation für das Gebiet der Socialpolitik zu schaffen, welche die Partei mit der Zeit ganz unter ihren Einfluß zu bekommen denkt." Diese Ueberzeugung von der Ilnübcrtvmdlichkeit und unentrinn» baren Sieghafttgkeit der Socialdemokratie ist ja ganz zutreffend, aber damit wird dock nichts gegen unseren Entwurf bewiese». sondern vielmehr zugestanden, daß er früher oder später doch Gesetz werden ivird. Den schwersten Anstoß nimmt die„Post", die doch sonst Mittelftmidspolitil treibt, an der Gleichberechtigung der kleinen und großen Arbeitgeber: „Bei der festgefügten socialdcmolratischcn Organisation werden die Vertreter der Arbeitnehmer fast durchweg socialdemokratisch sein, luie cS heute bei den Gcwerbegcrichten und Krankenkassen schon der Fall ist. Erwägt mau aber, daß bei dem Grundsätze des allgemeine« Wahlrechts auch unter de» Arbeitgebern die Masse der Kleinmcister und kleinen Unternehmer, die in den Großstädten zum weitaus größten Teil mit der Socialdemokratie gehen, den überwiegenden Einfluß hat, so siebt mau ei», daß sich hier unfehlbar alsbald die focialdcmo- kratifche Herrschaft völlig etablieren würde." Ebenso finden es die„Berliner Neuesten Räch- richten" bezeichnend, daß die Wahlen auch für die Arbeitgeber zum gleichen Stimmrecht erfolgen sollen, so daß der Sckwerpimkt in die Leiter der an Zahl weit überwiegenden ganz kleinen Betriebe gelegt wird. Diese offenherzigen Aeußerungen werden in der Agitation gegen die reaktionären Heuchler der MittclstandSsrcnndlichkeit ihre vortreffliche.Wirtimg thnn. Hier habe» die Vertreter der Großindustrie eimnal klipp und klar ein, gcstaudcii, daß sie nicht nur Herren über die Arbeiter, sondern auch über die kleineren Arbeitgeber sein wollen, daß sie den geliebten Mittclstaiid nicht mir wirtschaftlich, solidem auch politisch zu expropriieren bestrebt sind. Der Schluß beider Artikel kündigt den Zusammenbruch der gegcnwärtigeil Gesellschaft an für den Fall, daß. unser Entwurf Annähme rinden könnte. Die„Post" warnt düster: „Der ganze Entlvurf ist. lvc>m er auch auf den ersten Blick harmloser erscheint, als der über die Erweiterung der Äoolitious- srcihcit. um keiiicn Deut besser, als jener. Er erstrebt das gleiche Ziel mit den gleichen Mitteln, nämlich die Errichtung einer social- demokratischen Herrschaft im Staate, die unablässig an einer Iliitergrabnng der ganzen Organisation des Staates arbeiten wird imd darauf zielt, das Verhältnis des Reiches' zu den BimdsS- staatcu von unten her zu verschieben und zu zerstören. Welch eine Waffe würde die Socialdemokratie mit den vi?» ihr beherrschten Arbeitskannuern erhalten!" lind die Kruppschen„Nachrichten" sehen in den: Entwurf die Absicht, ciiicn Staat im Staat derart herzustcllc», daß er von der Social- dcmokratie beherrscht Ivird. Aus uuscre K o a l i t i o n§ v o r l a g e stürzt sich mit besonderer Heftigkeit die katholische„Märkische Lolkszeitimg". Sie ist empört über die Zminitung. daß ivir dem Ccntrum ausiimeu, unsere Geschäfte zu treiben. Diese Zumutung findet das Blatt in unserer Ansicht, das Ccntrum sei durch die Licbersche» Erllüruiigeii verpflichtet, mir alle» wesentlicheli Forderiingeu unseres Antrags.übereinzustinimen. Die „Märiiscke Voltsztg." ficht in unsemi Antragen„dieselbe Freiheit, mit der auch die große rrauzösiiche Revolution gearbeitet hat, welche sich die Freiheit»ah'»!, einige M i II i o» e i, französischer Bürger frei zu machen von aller irdischen Qual des Lebens nn wahren Sinne des Wortes— aus dem S ch a f f o t nämlich, mittels der Guillotine!" Die„Märkische Volkszeitung"! ist grausam; sie tötet nach- träglick— in einer Art journalistischer Bortholoinäusuacht— ein paar Millionen Franzosen, ei» leichtsinpiger Masscimisrd, der durch die Geschichte nicht begrüildet ist. die nur davon weiß, daß die Gesamt- zahl der Opfer der großen Revolution nicht' so viel betrug, wie eine 'einzige Scklacht des deutsch-französischen Krieges forderte. Erwähnt fei noch, daß der„Gcwerkvcrem" dcrHirsch-Dimckerschcn imicre Anträge- als eine leere Demonstration würdigt. obwohl der sacklichc Jubalt zum großen Teil zu loben sei,„denn sie bcschivören damit die taimi abgethaue Gefahr von neuem herauf." Deshalb sei's„eitel Blendwerk, ersonnen, die Arbeiter zu täuschen!" Könne» sich diese Lqmmscelen nicht mit ihrer Angst begnügen müssen sie durchaus noch ihre» Mut au Verleumduugcu gegen uuS beweisen?—._ Der Minister weiß nichts. Die ntinisterielle„Berk. Korresp." versichert abermals gegenüber der„Köln. Volksztg.", eS sei völlig iinbegründct, daß mau beabsichtige, Berlin die Selbstverwaltung zu nehmen. Daß das Mimsteniiin von diesen Plänen uichts weiß, glauben ivir ohne ivcitcrcS. Die hohen verbündeten Regierungen sind ja auch über de» Flottenplan erst durch die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" unterrichtet(ivorden.— In der Plcuarfitznng deS Bundesrats am Mittwoch wurden die noch ausstehenden Teile des Etats, das Etatsgesetz, daS An- leihcgesetz imd das Gesetz über die Vcrivenduiig überschüssiger Reichs- eiimähmeii»ach den Vorschläge» der Ausschüsse angenomme». Der RcichShanshalts-Etat für 1000»cbst allen Anlagen geht dem Ncichstag sofort zn und soll morgen zur Verteilung gelangen.— Die Männer aus dem Volke mehren sich. aber sie fressen sich leider gegenseitig auf. In der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitmig" ivciidct sich ein zweiter„Mann ans dem Volk"— diesmal ei» Großindustrieller— mit ahinmgSvölleu Befürchtungen gegen de» ersten, der die freiwillige Flottciistcucr empfohlen hatte: „Es herrscht thatsächlich in den weitesten Kreisen deS Volles ein erfreuliches Verständnis für die Notwendigkeit der Flotten- Vermehrung, und selbst Männer. die sonst nicht oft mit der Rc» gierung gehen, sind davon durchdrungen, wenn sie auch die Plötzlichkeit der neuen Vorlage nicht gutheißen. Dagegen sehen die Wenigsten vorläufig ein Bedürfnis für eine sogar noch aus den» Rahmen der Regicruugsfordcrung heraus- gehende freiwillige Steuer vorliegen. Ich persönlich zweifle bei der herrschenden Vseiyuiig des Volkes nicht, und, dieser Ansicht sind viele, daß es der Regierung bei geschickter Führung des Feldzugcs und bei Entfaltung der nötigen Energie gelingen wird, die Annahme der Vorlage durchzusetzen. Wie soll nun aber in Erwägung dieser Sachlage jemand dazu kommen, einseitig nicht unerhebliche Cpfcr zu bringen für eine Sache, die der Allgemeinheit zu gute kommt, und bei der der Nachbar, der vielleicht viel mehr Vorteil daraus zieht, ruhig zusieht? Die patriotische Begeisterung ist eine schöne Sache, und wir alle wissen, daß im Augenblicke der wirklichen Gefahr sich der deutsche Patriotismus überwältigend geltend machen und keine, wenn auch noch so große'Opfer scheuen würde. Die Flottcnvermchrvng ist aber nicht der Ausfluß einer solchen im Moment drohenden Gefahr, und man soll den Patriotismus nicht zu oft und in Fällen anrufrn, wo so starke Trompctcnstößc nicht nötig sind, er verliert sonst an Ansehen. Wenn ich nun aus vorstehenden Gründen den erhofften Erfolg. des Aufrufs stark bezweifele, so halte ich einen Mißerfolg aber fiir eine recht schwere Schädigung der zu fördernden Sache. Die Gegner werden nicht verfehlen, denselben gründlich auszunntzcn." Also dieser zweite„Mann ans dem Volke" will nicht zahlen, er liebt nicht die starken Trompetenstöße des Patriotismus und nicht die„einseitigen Opfer". Dagegen hat der erste„Mann ans dem Volke" seine Anregung seinerseits befolgt— der Main, ist aus Dresden— und als erste Eüilage zum Flottennationalgcslhcnk den Betrag von 100 Vi. erlegt und sich verpflichtet, für, die nächsten drei Jahre je SM» M. zu zahlen. Die„Freisinnige Ztg." rechnet: Da der Aufruf die Aufforderung enthielt, den hundertsten Teil des Vermögens als Beitrag für die Flotte zu opfenr, so verfügt dieser„Mann aus dein Volke" also über ein Vermögen vdn 100 000 M. Da er ferner für 3 Jahre 100 Proz. der Einkommensteuer als Flotteifftcncr gezählt wissen wollte und er seine 100 Proz. Einkommcnstener auf 500 M. beziffert, so bezieht er also ein Einkommen von etwa ' 17 OOO M. i Die Arbeiter werden nicht verfehlen, ihren künftigen Lohn- ansppüchc» Vermögen und Einkommen dieses angenehmen Muster- dcispiels eines„Mannes anS dein Volke" zu Grunde zu legen. Das Ergebnis der Flottensammlung beträgt bisher 2500 M., . womit für einige Zeit der Schmicrvlbcdarf eines Panzerschiffes in der That gedeckt sein dürfte. Ein vielversprechender Anfang! Sammelt weiter, Ihr Männer ans dem Volte— die„Norddeutsche > Allgcin. Ztg." brennt darauf, über Euren Patriotismus der That dankend zu quittieren.—. Schiffe für Jesuiten will— so versichert die„Germania"— das Centrmn nicht bewilligen. Ob die Regierung wohl geneigt ist, ein paar Panzerschiffe die Jesuiten wert sein zu lassen?— In Schönheit morden! Die alldeutsche„D c it t s ch e Z t g." schwärmt über den Krieg zwischen England und den Aocrcn:. „Selten war ein Zweikampf der Völker so geartet,>vie dieser, daß er der Menschheit die Notlvcndigkcit, ja die S ch ö h e i t des Krieges lehren komstc!... Ein solcher Krieg ist reine B e r g l>t f t gegen den Stickduust des ewigen Friedens, er stärkt den Glanbcii an den hohen Beruf der Menschheit, und glücklich diese Menschheit, so lange sie noch solche Kriege erleben darf!" Herr Dr. Friedrich Lange, den man zivcifcllvs als Urheber dieser Zeilen begrüßen darf, ivird vermutlich seine nächste Fcricncrholung tu der reinen Bcrgluft irgend eines Raubkrieges zubringen. Biel- leicht richtet er sich auch ein paar Spccial-Nanbmördcr ab. die ihm im Stickdunst seiner RedaktionSstnlie gelegentlich eine kleine Auf- frifchnng zu teil werden lassen. Wenn Friedrich Lange in den Harm- kosen heldenhafte Führer der Nation schätzt, ivarnm soll er da nicht im Maffenmord die feinste Kulturblüte bewundern!— Bom Kultur Posa. Der philosophische Page des Grafen Posadowsky bennht wieder die'„Beel. Korrespondenz",' inn sie mit etlichem, starl.iu Gährmig- übergegangeuen Realismus zu berieseln. Ganz erbaulich beginnt die Tirade über„Kiilturfortschritt und Socialdemokratie":„Das Naturgesetz, das den KultNrfortschritt der Menschheit langsam inid unter stetem Ankämpfen gegen Ividcr- strebende Hindernisse sich vollziehen läßt, mag dem vorwärts? strebenden Idealismus als Fessel erscheinen"— gewiß, das meinen >vir auch, und es ist uns nur ein schwacher Trost, wenn die„Verl. Korrespondenz" die Hindernisse, die die clvigc Posadolvsky-Nasse schafft, als ein n a t n r g e s c tz I i ch c s Unglück cntsckmldigt. Der Artikel vorsticht des' iveilcrcn den Nachwciß. daß der Kultur- sortschntt. den wir mit unseren Anträgen zur Gcivcrbe-OpdMiiig vergcblicb anstrebtest. den Kttlttirsortschrttt hindere. Wir miisscit ivohl erst einen Knrsiis bei- deii Rosrnkreuzctii' oder Jllüminätcn diirchinachc», che uns sich die Tiefe dieser mystische» Amtsorakelci erschließt und tmscrcn Geist, der setzt nur den absoluten Unsinn in diesen Sätzen zu entdecken vermag, für das Verständnis der ministeriell- offfzivscn Weisheit erleuchtet.— Verrohung der Jugend. Die in Marburg erscheinende „Hessische Laiidcszcitmig" gicbk in einer einzigen Nnmmcr folgende Ereignisse aus der Ehronik der Universitätsstadt ivicder: Eine Anzahl Studenten/ die heute Nacht allerlei Unfug verübten, bedrohten einen Schntzmaun, so daß derselbe blank ziehen mußte.— Eine Frau würde heute Morgen um 5 Uhr am Pilgrimstein von zwei angetrunkenen i Passantrn augcfallcn.— Gestern Abend um 9 Uhr fand in det Barfüßcrstraßc eine Prügelei zwischen Studenten und anderen jungen Leuten statt.— In der Nacht von Sonnabeiid zu Soimtag würde einem Hausbesitzer die ganze Häuserfront in ctlva Mannes- höhe mit■ menschlichen Exkrementen beschmutzt und Thürdrückcr:c. besonders mit diesem«schnzutz bedacht., Man hat sich neulich erst wieder im Reichstag über die Lieder- lichkeit der— Arbeiterjugend aufgeregt!— „Taö Wydcncr Manifest", d. h. die ordinäre Fälschung eines Z e i t u u g s ar t i k c l s. ist der Stf.mmschcn„Deutschen volkswirtschastlichen Korrespondenz" noch gut genug, um einen Vcr- Icumdmigsartikel gegen.die Socialdemokratie zu befruchten. Die „Deutsche Tageszeitung" des sehr christlichen Herrn Qertcl beutet die Schinutzerei aus, oblvohl>vir am vorigen Sonntag de» Sach- verhalt hinlänglich klar gestellt haben. Im kleinen Katechismus dieser frommen Herren lautet das am eifrigsten befolgte Gebot:„Du sollst falsch Zbugnis reden wider Deinen Nächsten".— Eine Maßregelung im Reiche PodbiclSkiS. Wegen Der- breitung der Wocheilschris't„Der Detitsckie Postbote" in den Kreisen der Post-Uiitcrbcainten ist. der Postbote«ch. üi Hamburg ans dem Dienste entlassen lvordan. In der diesbezüglichen Verfügung heißt es.„daß Sch., dem Erlasse des Herrn Staatssekretärs zuwider, die Wochenschrift„Der Deutsche Postbote" nicht nur gelesen, sondern auch für deren Verbreitung in. Ilntcrbcamtcickreisc» gesorgt und Bei- träge fiir das Blatt geliefert und dadurch seine Abhängigkeit von der Verwaltung sciiidlichcii Bestrebungen bekannt hat".— So zieht man sich zufriedene pflichttreue Beamte.— Eine gelinde Rektifikation der Polizeibehörden in Sachsen ist jetzt hinsichtlich ihrer Handhabung des Vereins- und Bersamm- limgSgesetzes durch das Ministerium des Jnnern erfolgt. bekanntlich sind nicht selten, und erst bei dcr'Nächivahl im Wahl- -reise Pirna-Sebuitz wiedcx, Versammlnugeii unserer Partei aus dem Grunde verboten wördc», weil das Lokal zu klein sei. DaS Kjttistennm hat jetzt als- Beschwerde- Instanz eiitschiedcn, daß die kianuilichkeit eines Lokals au sich nicht ei» Versammlungsverbot .rchtfertigeu und begründeu' ka'ini. Natürlich bleiben- den polizeilichen Staatsrettcrn noch zahlreiche mdcre Mittclchcn. um auf de» Lersaiitutlmtgscifer der Arbeiter nildenid zu wirken.—,, Sachsen-Weimar. In der L a n d t a g s s i tz u n g am Montag stand ein von den Abgeordneten der Linken gestellter Initiativantrag betreffend Abänderung der Gemeinde-Ordnuna zur Bc- ratnng. Dos ungerechte Wahlsystem in den kleineren Orten sauf je 500 Mark Eiukommeii eine Stimme)., die Umständlichkeit des Wahlversahrens und eine Reihe anderer Mängel der Gemeinde- Ordnung beabsichtigte man durch den Antrag zu beseitigen. Nach sehr lebhafter Debatte Ivurde auf Antrag des Abgeordneten Bürger- mcistcr Eckardt aus Ilmenau der Antrag mit großer Mehrheit sofort in zweiter Lesung beraten und abgelehnt. Sehr richtig und ungestört durch mehrere Ordnungsrufe wies in der Debatte Genosse Baudert darauf hin, daß das Volk durch eine solche Bchandlung immer mehr zu der Ueberzeugung kommen müsse, von diesem Land- tage keilte Gerechtigkeit und Einsicht erhoffen zu können.— München, 28. November.(Gig. Bericht.) Der Landtag be- schäftigte sich in den letzten Tagen mit der Bcratnng von Gesetz- entwürfen über Eisenbahn- und Post-Neubauten. So wichtig diese Beratungen für das Land selbst und seine einzelnen Teile sein mögen, so wenig erheben sie Anspruch ans ein über die weißblauen Grenzpfähle hinausgehende Interesse. Dagegen ist aus dem Finanzausschuffc» in dem dieses Jahr zum erstenmal ein Socialdemokrat vertreten ist, ein auch socialpolitisch sehr bemerkenswerter Vorgang zu melden. Im genannten Ausschüsse, wo Volkmar unsere Landtags-Fraktion vertritt und wo sämtliche Etats vorberaten werden, ehe sie an das Kammer- plctutm gelangen, steht derzeit der Militärrtat zur Verhandlung. Wie es früher im Plenum seitens unserer Freunde geschah, hat auch jetzt Vellmar im Fiitanzattsschussc energisch die Verbesserung der Arbcitsvcrhältniffc in den M i l i t ä r>v e r k st ä t t e n gefordert. Namentlich vertrat er eine Petition der Arbeiter aus der Artillcriewcrkstätte nachdrücklich. Diese Arbeiter verlangten unter geschickter und sachlicher Darstellung der jetzigen Zustände': Verkürzung der Arbeitszeit auf neun Stunden, Schaffung eines pragmatischen Arbeitcrstandcs, obligatorisch nach zehnjähriger Arbeitsdancr. und einen für den Unterhalt einer aus 4 Köpfen bestchenden Familie ausreichenden M i n i m ä I k o h n. Der K r i e g s m i it i st er v. Asch erklärte nun ohne Umschweife, er erkenne an, daß diese Petition im wesentlichen berechtigt sei, und er sei bereit, deren hauptsächliche Forderungen zur Ausführung zu bringen. Er hatte es indessen für angezeigt, nicht für sein Ressort allein vorzugehen. sondern den übrigen Ministerien von seiner Absicht Mitteilung zu machen, um zu erfahren, ivie diese in ähnlichen Fällen, z. B. bei den Eisetibahn-Wcrkstätten vorzugehen gedächten. Einen Widerspruch von irgend einem Parteivertrctcr im Finanzausschuß erfuhren diese Erklärungen des Kricgsministcrs nicht, sondern der Ausschuß beschloß einstimmig, der Regierung die Petition zur Würdigung zu überweisen. Es wird nun abzuwarten bleiben, wie bald die Regiernng jene unzweideutige Zusage des K'ricgsministers in die That um setzt. Karlsruhe, 28. November.(Eig. Bcr.) Heute erstattete der Finanzminister Buchen berger ein interessantes Expose über den Staatshans Halts- Etat 1900/1901. Danach ist die Finanz- läge Badens eine gute zu»ciiiicn. Nahezu alle Staatsciimahmen haben die B o r a n s ch l a g s s ä tz e überschritten. An diesen Mchrergcbnissen participrcrcn vornehmlich die indirekten Steuern, vor allen die B i e r steu e r und-, die Liege n s.ch a f t s- a e c i s e. Die Eisenbahn ertrag nisse weisen eine Netto- mehremnahme von 7 915,668 M. ans. Nach der Darstellung des Fiiiatizmiiiisters haben an der Wohlstaiidshcbniig die unteren Schichten der Bevölkerung in ansehnlichem Umfang teilgenommen. allerdings erst in den letzten Jahren. Schließlich äußerte der Fiiianzmiiiistcr schwere Bedenken gegen die von Periode zu Periode in Erscheiining tretende A n s g a b e n c r h ö h u n g. Es sei jedoch zu hoffen, daß diese beträchtliche Ausgabesteigermig im nächsten Budgei sich nicht wiederholen iverde. Ob die Hoffnungen des Finanzmmistcrs sich erfüllen, muß vorerst abgewartet werden. Thatjache ist. daß in den Kreisen der unteren Beamte n und vor allein in den Kreisen der in den Staatsbetrieben beschäftigte« Arbeiter sich das berechtigte Streben nach finanziellcr Besserstellung geltend macht. Nach den Darlegungen des Finanzministers scheint man innerhalb der Regierung diesen Wünschen. in nächster Zeit ivciiigstcns. nicht eiitgegenkonunen zu wollen, obwohl gcradcdie koloffalcn Ueberschüffe im Eisenbabnbudgct eine Besserstellung der unteren Beamten nnd Arbeiter dieses Ressorts rechtfertigen lvürdcn. Die s o c i a l d c in o k r a t i s ch e F r a k t i o n wird cS sich angelegen sein lassen, die Wünsche der genannten Kategorien mit Nachdruck zu vertreten. In der Bndgclkommission ist die socialdcmokratischc Fraktion diesmal durch die Genosse» Drecsbach und O p p i f i z i u S vertreten. Afrikanische Sitten. Eine Prügelgcschichte hat. so erzählt der„Bote aus' dem Ricscngcbirge", in Fischbach und den umliegenden Ortsckigstcn am Fuße der Falken- berge viel Staub aufgewirbelt. Seit einigen Wochen iveilt in Fischbach zum Besuche bei seinem-Vater, dem Amts- Vorsteher und Hofmarschgll von St. P an l- I l l a.i r e, der augenblicklich beurlaubte Bezirksamt manu von St. Paul- Jllaire aus Tonga in Ostafrika mit Frau, cincr geborcueu Gräfin GerSdors. und einem Suaheli- Ncgcrpaar. Der Itegerjüngliiig, Musa mit Namen, ein junger, kräftiger Bursche und Liebling' der Dorsbevölkerung,>var nun in der letzten Zeit verschiedentlich des Abends über 10 Uhr hinaus vom Hause fortgeblieben. ivie die. einen sagen, um in der Küche des Lieutenants Voß in Gesellschaft seiner weißen Berufskollegen zu spcffcit oder ivie die andern behaupten, um einigen Dorfschvncn den Hof zu machen. Thassache ist, daß unser ostafrikanische Landsmann des- halb am Bttßtagabend bei seiner Rückkehr von der Schwiegertochter und dem Diener des Hofinarschalls empfangen, von der Edel- f r a u alsdann, wie wir von Herrn von St. Paul selbst erfahren haben, verprügelt imd schließlich ans Befehl des Schloßherrn in das in jener Nacht keineswegs überwarmc Amtsgcfäiignis gesperrt wurde. Fischbacher Einwohnern, die von der schloß- herrlichen Einsperrung des TropcnsvhncS in das Gefängnis Kenntnis erhalten hatten, that der arme frierende Kerl in dein fiiistercn kalten Loche herzlich leid und so wurde hinter dem Rücken des HofmarschaNS wenigstens die Zelle geheizt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich anderen Tags die Kunde von der sonderbaren Justiz dnrcki das Dorf und in einem Pamphlete gegen die Tochter des Grafen GerSdors, das man Freitagmorgen an einem Telcgraphciipfahl vor der Post angeheftet fand, machte sich die Ent- rüstung der Bevölkerung kräftig Luft. Der Respekt vor dem Straf- gcsetzbuch verbietet uns auch nur andeutungsweise auf den Inhalt des— natürlich schleunigst vom Gendarmen cutscruten— Anschlages ciitzugehcn. Man sieht, daß die Prügelsitten unserer Afrikaner auch ihre Ehefrauen beeinflußt haben.— Ausland. Frankreich. Komplottprozeß. Paris, 29. November. Die Fenstergittcr und die mit Eisen beschlagenen Fciistcrlädcu des„Fort Chabrol" werden in den Sitznngs- saal gebracht. Gnsrin weist darauf hin, daß dieselben nicht eine Befestiguiig bilden. Der Sachverständige erkennt das an. Der P o I i z e i- I n s p e k t o r sagt aus, alS er vor dem„Fort Chabrol" postiert war, habe ihn Gusri» mit einem Karabiner bedroht. Während der Aussage dieses Zeugen werden auf der Tribüne für das Publikum Protestrufc laut, worauf Präsident F a I l i.e r e s die Tribüne räumen läßt. Der Angeklagte Bar illier ruft:„Es ist schmachvoll!" Der StaatSauwait beantragt, Barillicr wegen Be- leidiguiigen zu bestrafen� Der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück. Die öffentliche Sitzung wird unterbrochen. Nach der Wiederaufnahme der öffentlichen Sitzung verliest dee Vorsitzende Fallieres den vom Gerichtshof in geheimer Sitzung ge- faßten Beschluß, nach welchem der Angeklagte Barillicr ivcgcn seiner beleidigeudeu Aeußeruug zu einem Monat Gcsänanis verurteilt wird. Dann setzt der Polizei-Jnspektor seine durch den Zwischenfall Barillicr unterbrochene Zeugenaussage fort. Belgien., Brüssel, 28. November.(Eig. Ber.) Die Senatoren der radi- kalen Partei haben gemeinsam mit. dem socialiftischcn Senator Picard einen Antrag' auf Revision der Verfassung eingebracht, um das PIural-Wahlrecht zur Einführung zu bringen.— Nnstland. Russische Greuel.''- AuS den baltische» Provinzen schreibt man uns: Vor kurzem brachten wir an dieser Stelle die Nachricht, daß die Gendarmerie im Libauer Gefängnisse einen Arbeiter e r m o r d e t hat. Schon wieder müssen luir eine gleiche That verzeichnen. In den letzten Tagen des Oktober habeit. sich zwei politische Gefangene' im Mitauer Gsfängnis das Leben g e n o m m e n. Der Tod der beiden Eingekerkerten ist das Werk der Regierung. Sie hat diese Menschen, die für das Wohl des Volkes und der Freiheit gelebt haben, durch jahrelange Haft hingemprdct. Das Mitauer Gefängnis ist der Regierung zu diesem Zweck besonders geeignet: es ist ein der scheuß- lichsten in ganz Rußland. Der Chef dieses Gefäiignisics ist ein roher Geselle— ein-gewesener Kutscher ohne irgend welche Bildung, und man kann sich vorstellen, welch ein herrliches Knutcnregimcnt sich unter seiner Hand entwickeln mußte. In diesem sind jene selbst- losest Menschen in den Tod getrieben worden. In Dorpat ist vom Kurator des Rigaer LchrbczirlcS die„Litterarisch-wisjenschaftliche Vereiiitgung lettischer Studenten" geschlossen worden. Die Mitglieder dieses Pereins sollen sich be- sonders stark an den Stttdentenbewegungen beteiligt haben, außer- dein seien einige von ihnen im politischen Prozeß gegen die lettischen Socialdcmokraten verwickelt. Türkei. Konstantinopel, 28. November. Die Pforte verhandelt infolge dringenden Geldbedarfs zum Zwecke der Auszahlung d e.r Gehalte zum Namazan mit der Ottomaiibaiik wegen der Aufnahme eines garantierten Vorschusses von 300000 bis 700 000 Pftntd.—__ I>avlcrurenknvrfthes. Telegraphcnwcgc-Gcsetz. In der 14. Kommission des Reichstags(Telegraphenwege-Gesetz) wurde gestern unter Vorsitz des Abg. Singer die Beratung. über den$ 6 des Gesetzentwurfs fortgesetzt. Dieser Paragraph der Vorlage enthält die für Gemeinden(Wege- und Iltiterhaltungspflichtigeiif ciitscheidenden Bestimmungen über die Benutzung der öffentlichen Verkehrswege zur Errichtung bezw.-- Bc- tmtztttig von elektrischen Anlagen. sStraßeiibqhiicn. Untergrund« bahttci't, Beleuchtungs- und Kraftanlagen.) Der Regierungsvorlage gegenüber hat Abg.' Singer beantragt, Absatz 2 des ß 6 wie folgt zu fassen: Dem Verlangen einer Verlegung oder Veränderung einer Tclcgraphcnlinie muß stattgegeben' tve'rdcn, wenn eine spätere be- sondere Anlage im öffentlichen Interesse oder aus volkstvirtschast- lichen oder ans BerkchrSrlicksichtcn voit den Untethalttingspflichtigen öffentlicher Verkehrswege zur Aussühruiig gebracht werden soll. J Muß wegen einer späteren besonderen Anlage die. schon vor- handelte Tclcgraphcnlinie mit besonderen Schutzvorrichtimgen vcr- sehen werden', so sind die daraus entstehenden Kosten von der Telcgraphcnverwaltung zu tragen. Die durch Verlegung oder Veränderung einer Telegraphen- linic cntstchcndcn Kosten sind von der Telcgraphcitvcrwaltiing zu tragen. Dieser Antrag wurde von allen Partctcn mit Ausnahme der freisiiiitigen Partei als willkommene Grundlage für die Beschluß- fassung accepiicrt und die vom Ceittrum und den Nationalliberalcn gestellten Anträge zu Gunsten des Antrages Singer zurückgezogen. Bon einigen Seiten wurde ein Zusatz gewünscht, wonach die Rechte den Wcg'ctmtcrhaltungspflichtigcn auch auf etwaige Rechtsnachfolger der Gemeinden bis zu einem gewissen Grade ausgedehnt werden sollen. An der Regicrungsvorlage hielten ebenfalls mit gewissen Ein- schränlnngcn nur die Konservativen fest, während die große Mehr- hcit der Kommission den Antrag Singer als einzig geeignete Basis bezeichnete und erklärte, an der in dem Antrag ausgesprochenen grundsätzlichen Bevorrechtigung der Gemeinden unbedingt festhalte» zu wollen. Zur dcfinitivcu Fonnulicrtmg des Antrages wurde eine Subkommission, bestehend ans den Abgg.' Singer. Dr. Esche, Müller sFnlda). Dr. Oertcl(Sachsen) und Schräder eingesetzt mid die Be- schlußfassmig über den§ 6 bis nach Erstattung des-Kommissioits- bcrichts ausgesetzt.__ Genosse Adolf Geck, so schreibt der„Volksfreund' in Karls- ruhe,„hat dem BcrtrauenSmanne des 10. badischen Wahlkreises, dem Landesvorstand der badischen und dem Partcivorstand der deutschen Socialdemokratie mitgeteilt, daß er, veranlaßt durch die Partei» versammlmig vom vorletzten Sonntag und die ans derselben geübten Kritik an seiner agitatorischen Thätjgkeit glaubt, nicht mehr das Vcr- trauen der Parteigenossen zu besitzen und aus diesem Grunde seine Mandate der Pari« zur Verfügung stellen zu müssen. Es ist aar kein Zweifel, daß Genosse Adolf Geck, an dessen parlamentarischer Thätigkeit mit keinem Wort Kritik geübt tvnrde, hier völlig falsche Konsequenzen zog. Es ist im Gegenteil nicht nur der Wunsch, sondern der ausgesprochene Wille sowohl der Karlsruher Partei- genossen, wie auch des Landesvorstandes der Socialdemokratie Badens und des Parteivorstandes in Berlin, daß Genosse Adolf Geck seiner Pflicht genügend, auf denjenigen Posten, auf den ihn daSVer- trauen der Partei gestellt hat. auch stehen bleibe."-- Es ist selbstverständlich, daß die in Frage kommenden Faktoren den Genossen Geck keinen Zweifel darüber lasten, daß sein Verbleiben auf dem übernommenen Posten der Wunsch aller Parteigenossen ist und damit wird der Zwischenfall erledigt sein., Ein Parteitag für das östliche Westfalen und die lippischen Fürstentümer wurde am vergangenen Sonntag in Gadderbaum ab- gehalten. Anwesend waren' aus 10 ReichStags-Wahlkreiscn 100 Delegierte. Wie aus dem Geschäftsbericht des Agitck- tionL-Komitees hervorgeht, wurden 35300 Agitationsbroschüren verteilt.. Das Komitee besorgte zu zwanzig Vcrsammltmgcst Redner. Eigene Einnahmen hatte das Komitee im abgelaufenen Jahre einschließlich des Kasicnbestaiidcs von 75,40 M. im ganzen 392,40 M., wozu 1000 M. vom Partei vorstände kommen. Die Agi- tation in den Kreisen dieses Bezirks ist allgemein noch sehr schwierig, das Centrum steht uns überall als tgeschlossene Masse gegenüber. Die Verhandlungen drehten sich Haupt- sächlich um geschäftliche Angelegenheiten. Eine Resolution, die sich mit den Beschlüssen des hannoverschen Parteitages einverstanden erklärt, wurde angenommen.— Es tvnrde dann die Beschickung des Pariser Kongresses durch einen Delegierten beschlossen und als solcher Genosse Slomke gewählt. Ein Antrag auf Einberilstmg einer Konferenz der socialdeinokratischen Genieindevcrtrcter wurde dem Agitationskomitee zur Berücksichtigung überwiesen. Kcmcindewahle». Die Bremer Bürgcrschastswahlcn, die am Montag begannen, erbrachten für die Socialdemokratie am Dienstag einen glänzenden Sieg im 8. Bezirke. Der Bezirk ivurde bereits 1896 mit 260 gegim 220 Stimmen erobert;-setzt fiel auch das zweite auf sechs Jahre gültige Mandat mit 847 gegen 217 liberale Stimmen an uns. Im 9. Bezirk kam her socialdeinokratstchq S andidat mit 281 gegen 201 und 85 liberale Stimmen in Stichwahl; 1896 siegten hier die Liberalen mit 251 gegen 226 Stimmen. Der Bezirk gehörte uns bisher noch nicht. In einigen weiteren zunächst aussichtslosen Bezirken erzielte unsere Partei nennenswerte Stimmen- zunahmen. Die Wahlen werden am Freitag beendigt. In Fürth errangen unsere Genossen 5 von 12 streitigen Mandaten. In Grobbockenheim(Pfalz) wurden bei der Gemeinde- Wahl zwei Parteigenossen gewählt. Totenliste der Partei. Das Opfer eines schrecklichen Unglücks- falles wurde in Magdeburg der Parteigenosse Panitz. Er geriet in der Maschinenfabrik Buckau mit dem Kopf unter das Messer der Stobmaschine und wurde sosort getötet. Panitz hat seine Pflichten gegen die Partei stets im vollsten Maße erfüllt. Die Genossen werden ihm ein gutes Andenken bewahren. Die socialistischen Aerzte Belgiens haben sich organisiert. MS Aufgabe haben sie sich gestellt: Pflege der öffentlichen Gesund- heit. Schul- und Gewerbehygiene, Studien und Veröffentlichungen auf den vorerwähnten Gebieten; ferner ist ins Auge gefabt, Aufklärungsarbeit unter dem Proletariat über Gesundheitspflege zu leisten,' sowie die Gründung eines Sanatoriums. GemevkfchAftli�es. Berlin und Umgegend. Die Differenzen der Gastwirtsgehilfen bei dem Gastwirt Steckert, Andreas-Festsäle, bestehen noch weiter. Herr Stech er t hat seine unterschriftlich gegebene Zusage insofern nicht gehalten, als er die gemaffregelten Verbaudsmitglieder nicht wieder eingestellt hat. Entgegen seinen früheren ehrenwörtlichen Versprechungen be- stellt er gegenwärtig sein Personal bei Unternehmerverbänden. Auf die„Bekanntmachung'(Inserat) des Herrn Stechert in Nr. 278 dieses Blattes wird der Unterzeichnete in dem Inseratenteil der Freitag- Nummer des.Vorwärts' ausführlich antworten. Der Vertrauensmann. Die Sattler beschlossen in einer öffentlichen Versammlung, den Streik bei Becker u. Co. fortzusetzen und die Streikenden moralisch und finanziell zu unterstützen. Achtung. Tapezierer! Die Verhandlungen der AgitationS- kommission bei der Firma Heymann, Prinzessnmenstratze' 21. sind durch die strikte ablehnende Haltung des Unternehmers resultatlos verlaufen. Die dort besdbäftigten 14 Tapezierer haben nunmehr einstimmig beschlossen, die Forderung auf Erhöhung sämtlicher Preise um 25 Proz. zu stellen und sind sämtliche Tapezierer in den Aus» stand getreten. Wir bitten, den Zuzug fernzuhalten. Die Agitationskommission. Die Versammlung der Rohrer. welche gestern im„Vorwärts" angezeigt ist, findet nicht um 10 Uhr, sondern um 12 Uhr statt. Die Arbeiter Rixdorfs werden nochmals darauf hingewiesen. dah am Freitag, den 1. Dezember d. I., die Wählerliste»' zur Ge- werbegerichtswahl geschlossen werden. Der Wähler, dessen Name nicht in der Wählerliste steht, geht seines Wahlrechts für dieses Mal verlustig. Es ist nun Pflicht eines jeden Arbeiters, der das 25. Lebensjahr vollendet, ein Jahr am Orte wohnt oder arbeitet, daff er die Listen nachsieht oder von den unten angegebenen Personen dasselbe besorgen läßt. Die Listen liegen aus in den Diensträumen des Gewerbe- gerichts B e rl i n e r straff e 41, 2 Treppen, Zimmer 11 während der Dienststunden von 8—1 Uhr. Für diejenigen, welche in der Liste nicht eingetragen sind, genügt als Legiti- mation eine Bescheinigung des Arbeitgebers oder des Polizei- behörde, durch welche bestätigt wird, daff der Arbeitnehmer seit mindestens einem Jahre innerhalb des Gewerbegerickts- Bezirks in Arbeit steht oder wohnt. Formulare zu den Bescheinigungen der Arbeitgeber sind in unten angegebenen Stellen zu habe». Als Legitimation der Arbeitgeber gilt die Gewerbe- Anmeldungs- bescheinigung oder die letzte Gewerbesteuer-Quittung. Folgende Personen haben sich bereit erklärt, für diejenigen, welche nicht Zeit haben, die Listen einzusehen: 1. Bezirk. Louis Herrmann. Cigarrengeschäft, Kirchhofstr. 1. Hermann Barthel, Gastwirt. Schönweiderftr. 9. Preil, Gastwirt, Nosenstr. 24. Wilh. Münzer, Gastwirt, Bergstr. 7. Karl Schulz, Cigarrengeschäft. Steinmetzstr. 72. 2. B e z i r k. Wilh. Sy, Gastwirt, Jägerstr. 69. Schwarzer, Barbiergeschäft, Berlinerstr. 89. Otto Klein. Gastwirt, Kaiser Friedrichstr. 236. Fritz Schmidt, Gastwirt, Kottbuser Damm 33. Äourad Zeiler, Berlinerstr. 42, v. II. 3. Bezirk. Gustav Hahn, Gastwirt, Wiffmannstr. 10. Wilh. Köppke, Gastwirt, Karlsgartenstr. 1, Ecke Hermannstraffe. Otto Heickhaus, Gastwirt, Hermannstr. 52. Max Benner, Cigarren- geschäft, Jägerstr. 42. Wilh. Krüger, Gastwirt, Steinmetzstraffe, Ecke Falkstrahe. Rudolf Preffler, Gastwirt, Ziethenstr. 69. Müller, Gast- Wirt, Ziethenstr. 53. 4. Bezirk. Franz Lllck. Gastwirt, Prinz Handjerhstr. 11. Bruno Wenger. Cigarrengeschäft, Prinz Handjerystr. 41. Paul Höpfner, Cigarrenarbeiter, Prinz Handjerystr. 9, vorn III. Emil Mereier, Gastwirt, Steinmetzstr. 55. August Ringe, Cigarrengeschäft. Kopfstr. 39. Beetz. Gastwirt. Knesebeckstr. 135. Hierse, Schuhwaren- geschäft. Ringbahnftr. 29. Karl Schröder, Gastwirt, Knesebeckstr. 60. Karl Schöneberg, Gastwirt, Herthastr. 1. Es ist Pflicht eines jeden Arbeiters, rege für diese Wahl zu agitieren. Die Wahl ist geheim und erfolgt per Stimmzettel. Stimmzettel werden an den Wahllokalen verteilt. Die Liste der vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandidaten zur Gewerbegerichts- wähl wird später veröffentlicht. Deutsches Reich. Die AuSsperrnng der Formstecher dauert unverändert fort; die Zahl der Ausgesperrten beträgt noch 215, wovon über 100 Wer- heiratete mit 160 Kindern. Achtzig der Ausgesperrten sind jetzt bereits 7 Wochen im Ausstände, die übrigen 4 Wochen.' Die Lage ist für die Ausständigen eine sehr günstige, jedoch thut eine bessere Unterftützung derselben höchst not. Die linternehmer haben be- schlössen, die Aussperrung aufzuheben, wenn die Gehilfen unter den alten Bedingungen wieder anfangen wollen. Hierzu haben aber nun die von dem Unternehmertum aufs Pflaster Geworfenen keine Lust und werden erst dann die Arbeit wieder auf- nehmen, wenn ihre bescheidenen Forderungen bewilligt sind. Die Unternehmer setzen alle Hebel in Bewegung, unsere Organisation zu vernichten. Einigungsversuche haben dieselben unbeantwortet gelassen. Wir bitten daher die organisierte Arbeiterschaft nochmals, uns in unserem uns aufgedrungenen Kampfe zum Siege zu verhelfen. Alle Sendungen sind zurichten an L. Kaste, Moritzberg bei Hildesheim, Sandstr.' 1. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Der Vor st and deS Centralverbandes der Formstecher. Der Leipziger Strastenbahner-Ansstand, der für die Arbeiter zunächst wenig erfolgreich abschloff, fängt an, einige Früchte zu tragen. Einer zur Direktion berufenen Kommission wurde eröffnet, daff nach dem neuen Dienstplan die Dienstzeit um durchschnittlich eine Stunde verkürzt wurde. Jeder achte Tag soll als Ruhe- tag gelten; jeder achte freie Tag falle auf einen Sonntag. Die Gehälter sollen für Führer von 80—100 M., für Schaffner von 70—85 M., sodann für beide Kategorien von 3 zu 3 Jahren um je 5 M. pro Monat steigen, und zwar bis zum Höchstgehalt von 120 M. bezw. 105 M. Diese Regelung tritt am 1. Januar 1900 in Kraft.— Es ist gewiff nicht viel, was die Direktion hier bietet, ohne den Streik hätten die Arbeiter auch dies nicht erreicht. ' Verantwortlicher Redacteur: Paul Joh» in Berlin. FttrdenJnsei Ausland. Eine russische Industriestadt. Die Stadt Twer gehört zu den industriellen Städten R u ff- l a» d s. denn ihre Einwohner bestehen zu einem groffen Teil auS Fabrikarbeitern, welche in den um die Stadt gelegenen Riesen- fabriken arbeiten. Diese Arbeiterbevölkerung ist äuffe'rst typisch für die industriellen Centren Rufflands: sie enthält die ver- schied ensten Arbeiterkategorien, welche von dem Einzug des Kapitalismus in das landwirtschaftliche Ruffland geschaffen wurden. In der neuerdings erschienenen Broschüre über„Die Lage der Twerer Arbeiter"(herausgegeben von der ausländischen Organi- sation der soeialdemokratischen Partei Ruhlands) finden wir eine sehr lehrreiche Skizze von der äutzeren Lage sowie von dem politischen Bewußtsein der verschiedenen Arbeiterkategorien Twers. Lehrreich ist diese Schilderung, weil man daraus sehen kann, wie eng das Erwachen des Klassenbewußtseins mit den Produktions- Verhältnissen verknüpft ist. Etwas über ein Sechstel der Arbeiter Twers kehren des Sommers aufs Land zu den Feldarbeiten zurück, die übrigen arbeiten das ganze Jahr auf der Fabrik; von den letzteren hat eirea ein Drittel eigene Wirtschaft auf dem Laude, die übrigen sind vollständig proletarifiert und stehen als professio- nelle Arbeiter in ausschliehlicher Abhängigkeit von der Fabrik. D 2V gemäff zerfallen die Fabrikarbeiter Twers in drei Gruppen, v�'». die aufs Land zurückkehrenden die Zurückgebliebensten in geist"�Imd solidarischer Beziehung bilden. Sie sind religiös, für die organisatorische Propaganda am wenigsten zugänglich und erscheinen oft als Streik- brecher, wodurch sie sich Haff und Verachtung seitens der professio- nellen Arbeiter zuziehen. Unter den Arbeitern ist diese Gruppe mit dem geringschätzenden Namen„Bastschuh"(was die russischen Bauern als Fuffkleidung benutzen) bezeichnet worden. Die zweite Gruppe, welche mit dem Dorfe durch Verwandtschaft und eigene Wirtschast verbunden ist, arbeitet zwar das ganze Jahr auf der Fabrik, besucht aber das Dorf in den Feiertagen und während der Erntezeit; ihre Familienangehörigen wohnen auf dem Lande und versorgen die Feld- arbeiten. Diese Gruppe gravitiert zur Stadt und findet in der Fabrik den Haupterwerb. Nach der Bezeichnung der örtlichen Arbeiter bildet diese Gmppe den Uebergang vom„Bastschuh" zum„Stiefel". Endlich bildet die dritte Gruppe der professionellen Fabrikarbeiter die kulturell entwickeltste Arbeiterschaft Twers und weist das ent- wickeltste Solidaritäts- und Kanipfgefühl auf. Sie erscheinen hier als die eigentlichen Träger des proletarischen KlasseubewufftseinS und stehen in geschlossenen Reihen während der Streiks, welche in der letzten Zeit hier häufig vorkommen. Diese Einteilung ist keine künstliche, schematische, sondern unter den Arbeitern sowie unter den Fabrikanten wohl bewußte. Letztere sind geneigt, allerlei Privilegien dem„Bast- schuh" zu erweisen, und sehen mit Verdacht jeden professionellen Arbeiter an. Dieselben Ansichten teilt auch die Polizei, welche die professionellen Arbeiter unter strenger Aufsicht hält und bei jeder Gelegenheit nach dem Heimatsorte auslveist. Die Arbeiterverhältnisse habe» hier eine Form der unverschämtesten Ausbeutung. Außer dem äußerst lmigenArbeitstage(ea. 14 Stunde») und der geringen EntloHmnig (12 Rubel den Monat) stehen den Fabrikanten noch andere AuS- beutungsmittel zu Gebole. Erstens müssen die Arbeiter ihre Ein» käufe in dem Fabrikladen machen, wo ihnen Produkte geringer Qualität für äußerst hohe Preise dargeboten werden. Sodann müssen die meisten Arbeiter in den Fabrikhäusern wohnen und werden bei der ersten Kollision mit dem Fabrikanten aus ihren Wohnungen mit Frau und Kindern ansS Pflaster geworfen. Auf diese Mittel zur Unterdrückung der Streiks find die Fabrikanten besonders stolz. Wen» aber auch dieses grausame Mittel seine Wirkimg versagt, unterlassen es die Tiverer Fabrikanten, die Hilfe der Gendarmerie und der Soldaten in Ampruch zu nehmen. In der genannten Aroschüre werden eine Masse Streiks geschildert, welche teils infolge dieser Unterdrückungsmittel erfolglos endeten, teils jedoch die Fabrikanten zu Konzessionen nötigten. Bedenkt man, unter tvelchen wirtschaftlichen Bedingungen die hiesigen Arbeiter den Kamps zn führen haben, bedenkten man dazu, daß jede Aeußermig zu Ungunsten der Fabrikanten von der Polizei und dem Brotherrn aufs grausamste geahndet wird, so muff man staunen, wie standhaft und opfermütig die Twerer Arbeiter in ihrem proletarischen Kampfe find. Sobald ein Streik ausbricht, wird das Militär gerufen und die Streikenden werden ans de» Wohnungen ausgewiesen. Für die Soldaten wird die Schuleznr Kaserne eingerichtet, in derBibliothek machensich die Offiziere breit. Die Streikzeit ist für die Soldaten und die Offiziere eine Amüsements zeit; da übergeben sie sich dem„harmlosen" Zeilvertreib in staudes- gemäßer Weise, wobei den Stoff dazu. Wein, Karten und zarte Gesellschaft, ihnen die Fabrikvenvaltung liefert; aus dem Comptoir werden schneidige Diener abgesandt, den Herren Offizieren Dirnen zu verschaffen. Das gewöhnliche Bild während des Streiks ist es, daff hunderte und tausende von Arbeiterfamilien, aus den Wohnungen ausgewiesen, in Hunger und Kälte„im Freien" die Nächte zu- bringen und in den hell beleuchteten Schulräumen die raffiniertesten Orgien gefeiert werden. Kein Wunder, daß die erbosten Arbeiter manchmal zu thätlichen Angriffen der Fabrikverwaltung sich hin- reißen lassen. Die klassenbewußten professionellen Arbeiter aber führen ihren Kampf ruhig und energisch auf dem organisatorischen Wege und erreichen auch unter diesen barbarischen Verhältnissen beträcht- liche Erfolge. Die foeialistische Propaganda macht große Fort- schritte. Ende Juli wurden hier 40 Arbeiter und 5 Intelligente ver- haftet._ Französische Streiks im August, September und Oktober. Die Streikbetvegnng, die seit Anfang des laufenden Jahres großen Umfang angenommen hat, namentlich infolge der mit der Welt- ausstellung znsnnnnenhängenden günstigen Geschäftslage, dauerte in annähernd gleicher Stärke in den letzten drei Monaten an. Im August verzeichnete das Arbeitsamt 61 Streiks mit 11 165 Teil- nehmern(für 53 Konflikte), im September 50 Streiks mit 13 III Teilnehmer»«für 46 Konflikte), im Oktober 75 Streiks mit 15 293 Teilnehmern. Die entsprechenden Zahlen im August, September und Oktober des Vorjahres waren: 3838 Streikende, 35 Streiks mit 21 132 Teilnehmern(infolge des Erdarbeiterstreiks in Paris, der gleichfalls auf die Weltausstellung zurückzuführen ist), 31 Streiks mit 31777 Teilnehmern«Pariser Bauarbeiterftreik im Zusammenhang mit dem Erdarbeiterstreik). Die Durchschnittszahl der Streiks in den letzten fünf Jahren betrug für die gleichen drei Monate: 25, 33 und 24. Die Streiks waren ent- sprechend der Geschäftslage mit einigen Ausnahmen Angriffsstreiks. und zlvar galten sie vorwiegend dem Kampf um eine Lohn- erhöhung. Ausgang der in den drei Monaten beendeten 171 Konflikte: 36 Erfolge, 79 Ausgleiche und 56 Mißerfolge.— Unter den 61 August-Streiks sind 20 durch die An Wendung des neuen Unfallgesetzes veranlaßt worden, und zwar einerseits durch den gesetzwidrigen Versuch der Unternehmer, die Versicherungs- last auf die Arbeiter abzuwälzen und vennittelst einer vom Lohn abgezogenen Versicherungsprämie, andererseits durch die Forderung der Arbeiter, die fchon früher eingeführte Versicherungsprämie dem neuen Gesetze gemäß abzuschaffen. Ausgang dieser 20 Streiks: 7 Erfolge, 10 Ausgleiche und 3 Mißerfolge. Uebrigens nehmen die Konflikte dieser Art rapid ab. Im Juli, dem ersten Monat des Inkrafttretens des Unfallgesetzes, gab es 71 solcher Konflikte, im August 20, im September nur noch 6 und im Oktober 4. An Havre(Frankreich) haben Tausende von Dockarbeitern die Arbeit niedergelegt und verlangen eine Lohnerhöhung. Socinlo Nvchkspflege. Unberechtigte Rcntenherabsetnmg. Der landwirtschaftliche Arbeiter Erdmann erhielt wegen der Folgen einer Quetschung des rechten Unterarmes und der rechten Schulter von der landwirt'schast- iiichen Berufsgenossenschaft eine Rente von 20 Prozent. Der Ge- nofsenschastsvörstand lietz E. nach einiger Zeit von neuem unter- fuchen und setzte dann die Rente auf 10 Proz. herab. Der medizinische Sachverständige hatte erklärt, daff der Verletzte noch um 10 bis 15 Proz. in seiner Erwerbsfähigkeit beschränkt sei. Der Kläger legte Berufung ein, das Schiedsgericht verwarf aber das Rechtsmittel als atenteil verantwortlich: Th. Glocke m Berlin. Druck und Verlag von Max unbegründet. Es führte auS. daß eS unerheblich wäre, wenn die Beru'fsgenossenschaft um 5 Proz. unter die höchste Schätzung herab- gegangen sei. Hierfür berief sich das Gericht auf die Praxis des Reichs-Versichernngsamtes. Das Rekursgericht hielt aber dies Ver- fahren durchaus nicht mit seiner Praxis für vereinbar, sondern verurteilte die Berufsgenossenschaft, den ursprünglich gewährten Rentensatz von 20 Prozent weiter zu gewähre», indem eS ausführte: Eine rechtskräftige Rente könne nur dann herabgesetzt werden, wenn eine wesentliche Besserung im Befinden des Ver- letzten eingetreten sei. Auf eine solche lasse sich nun ans dem ärzt- lichen Attest überhaupt nicht schließen. Der Arzt selber sage. die Besserung sei„merklich, wenn auch nicht wesentlich." Demgegenüber komme nicht in Betracht. daß der Gutachter die Beschränkung der Erwerbsfähigkeit auf nur 10 bis 15 Prozent schätze. Der Krieg. Neuer Sieg Lord Methucns? Aus London wird vom Mittwoch telegraphiert: Nach einem amtlichen Telegramm stieß Lord Methuen mit den '«iiten Boerenstreitkräftr» am Modder River zusammen ... schlug sie gänzlich. Ist das Telegramm auch amtlich, so ist es darum noch nicht wahr. Es liegt eine Depesche General Bullers an das Kriegs- amt vor, die über die Schlacht auf dem westlichen Kriegsthealer berichtet, aber keineswegs sehr siegesfroh klingt. Buller telegraphiert: Lord Methuen berichtet in einem Telegramm aus Modder River vom 28. d. M., daß seine Streitmacht an diesem Tage um 5 Uhr früh vor den Stellungen des Feindes an» langte. Die Boeren waren am Modder River stark ver» schanzt und hinter Verteidigungswerken gedeckt. Da der Fluß hoch ging, war es nicht möglich, ihre Stellung zn um- gehen. Ter Kampf begann um 5'/2 Uhr mit dem Vorrücken der Artillerie, der berittenen Infanterie und der K a v' a I l e r i e; die Garde-Infanterie stand rechts, die 9. Brigade links von der feindlichen Stellung. Um 6>/e Uhr begann der all- gemeine Angriff in weit ausgedehnter Formation mit Unterstützung durch die Artillerie. Die gesamte Streit- macht der Boeren in der Stärke von 8000 Mann nahm an dem Gefecht mit zwei schweren und vier anderen Geschützen teil. Der Kampf war sehr erbittert und dauerte IV Stunden. Die englischen Truppen kämpften ohne Wasser und ohne Nahrung in der Sonnenhitze und zwangen d en Feind, seine Stellung aufzugeben. Dem General Carew gelang es, eine kleine Ab- teilung den Fluß überschreiten zu lassen. Lord Methuen spendet alle» an dem Gefecht beteiligten Truppen und namentlich der Artillerie warmes Lob. Aussall auS Kimbcrlcy. Das Kriegsamt veröffentlicht folgende Neutersche Depesche aus Pretoria, den 27. d. M.: General Dutoit berichtet: Die Engländer machten Sonnabend früh einen Ausfall aus Kimberley und gaben in der Dunkelheit Geschütz- und Gewehrfeuer auf die Boeren- ab, und zwar au der Stelle, wo 300 Mann des Kommandos von Bloemhof aufgestellr waren. Dutoit, der 9 Meilen entfernt stand, eilte mit 100 Mann dem Kommaudo zu Hilfe. 9 Boeren wurden getötet, 17 verwundet; einige werden vermißt. Tie Engländer ließen einen Gemeinen und einen Sergeanten tot auf dem Kampf» platze zurück. Es heißt, die Engländer versuchten, Kimberley auf der O st s e i t e z u verlassen, um die von B e lm o u t heranrückende n Truppen zu u n t e r st ü tz e n. London, 29. November. Nach einer weiteren offiziellen Verlustliste belaufen sich die englischen Verluste bei Belmont im ganzen auf 4 Offiziere tot, 22 verwundet, und 46 Mann tot. 225 verwundet. I» Natal. Die Rückwärtsbewegung der Boeren ist durchaus nicht auf das Gefühl der Schwäche zurückzuführen, sondern hat gute strategische Gründe. Aus Pretoria erhält die„D. Z." folgende Aufklänuig hierüber: Pretoria, 27. November. Auf dringenden Rat von be- freundeter Seite wiesen die Präsidenten Krüger und Steijn in Uebereinstimmung mit den Exekutiven beider Republiken die Generäle Joubert und Kronje drahtlich an, sich nicht in endlosen Eiiizelbelagcrnugen zu zersplittern, sondern energische Schläge zu führen. I o u b e r t konzentrierte daraufhin seine Truppe in drei Corps. Das erste zur sofortigen Erzwingung der lieber» gäbe L a d y s m i t h s. das zweite zur Verteidigung der T u g e l a- L i n i e, bis Ladysmith gefallen sei; das dritte öst- lich von Pietermaritzburg und Estcourt,«rn die RiickzngSlintc der Engländer abzuschneiden. Kronje operiert nach gleichem Plane vor Kimberley, hinter dem Modderfluff und im Rücken Lord ivkethneiis. Meine Quelle hierfür ist ein Mitglied der boe- tischen Diplomatie. Auch in L o n d o n sind die Befürchtungen für die Natal-Armee groß. Man meint, daff die Boeren ihre frühere Taktik ivieder beginnen, indem sie sich überall in der Front zurückziehen und mir den Flanken den Feind bedrohen. Die Äerbindung mit Ladysmith ist noch nicht hergestellt. Die Ueberschreitung des Tugela-Flusses seitens der englischen Hilfsannee ist immer noch nicht ausführbar. Ferner ist man, wie das„Herold- Bureau" telegraphiert, in Fachkreisen der Ansicht, daff Ladysmith den Boeren in die Hände fallen werde, bevor die englischen Ersatztruppen eintreffen werden. Die Laufgräben der Boeren reichen bis 200 Meter(?) an die der Engländer heran. ES soll bereits Mangel an Triulwasser herrschen. Eingegangene Druckschriften. Von der»Neuen Zeit"(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben daS 9. Heft des 18. Jahrganges erschienen. Aus dein Inhalt heben wir hervor: Nach der Eutfcheidmia.— Kritische Bemerkungen zu Kautskys„Agrarfrage". Von Eduard David. II.— Schilderungen aus den, Leben des Schauspieler- Proletariats. Vou B.-B.— Litterarische Rundschau: H. B. Adams- Lehmann, Dr. med., Vorbereitung der Frau zur Lebensarbeit. Bon Therese Schlesinger- Eckstein. Dr. Georg Tumbült, Die Wiedertänser.— Notizen! Zur Berichtigung des Pseudomarxismus. Von Ludwig Woltinaun. Ein letztes Wort über den„wahren" Marxismus. Bon F. Mehring.— Feuilleton: Michael Saltykow(Schtschedrin). Bon Ida Alluiami. Urtzko Mschvichken und Dcpepcheu. Vlissingcu, 29. November.(W. T. B.) Die„Hohenzollern" kam aus der hiesigen Reede um 23/i Uhr an. Bald darauf trafen die Königin und die Königm-Mutter der Niederlande zur Begrüßung des deutschen Kaisers und der Kaiserin ein. Bar-le-Tuc, 29. November.(W. T. B.) DaS Zuchtpolizeigericht von St. Mihiel. fällte gestern das Urteil in dem Prozeß gegen den früheren Redactcnr der„Gazette de Lorrainc" in Metz, Vidal, welcher im September d. I. zur Zeit der großen Manöver des 6. und 20. Armee-Corps in Laeroix-sur-Meuse wegen Spionage verhaftet worden war. Vidal wurde nach zweitägiger Verhandlung. welche teilweise unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, trotz seines Lengnens zu zwei Jahren Gefängnis und 300 Frs. Geldstrafe verurteilt. Rom, 29. November.(W. T. B.) Der Bürgermeister Senator Fürst Rnspöli ist heute Abend gestorben. Petersburg, 29. November.(W. T. B.) Der Verwalter des kaiserlichen Palais in Moskau, General Ptolypin, ist plötzlich gestorben. Philadelphia, 29. November.(W. T. B.) Im hiesigen Geschäfts- viertel brach heute eine durch elektrische Funken verursachte Feuers- brunst aus. Der Schaden wird auf 3 Millionen Dollar geschätzt. Sading in Berlin- Hierzu 3 Beilagen und ttnterhaltungsblatt, ilt. 280. 16 ■?>"!<» 1. DM Ks Jotiiite" Krlim UcksdlÄ«<»».� Zvvsomdtt 18SS. Vvi�skstA. 1 12. Sitzung vom 2V. November 1399, 1 U h l. Am Tische dcS Bundesrats: Niemand. Auf der Tagesordnung steht die Beratung dcS Antrages Agster und Genossen entlassen, so verlieren sie auch diese Berechtigung. Achnlich rigoroS sind auch die .übrigen Bestimmungen dieses Paragraphen. In tz 70 ist vorgc- schrieben, daß in das Arbeitsbuch beim Weggang des Arbeiters ein Zeugnis über die Führung desselben ein- .zuschreiben ist.— Vor allem ist jedoch ein einheitliches NcichS-Bcrggesctz dringende Notwendigkeit, damit die Frage der Arbeitszeit einheitlich geregelt wird. Es ist allgemein, nicht nur von Bergarbeitern, sondern auch von verständigen Unternehmer» und vor allem von den Acrzten anerkannt, daß wenn irgendwo, so im Bergbau, der achtstündige Arbeitstag eingeführt werden müßte. Daß er gerade für die Bergarbeiter ein dringendes Bedürfnis ist. ist klar: Denke» Sie daran, daß hier der Arbeiter in Gruben ohne Sonnen- licht, in der allerschlechtesten Luft beschäftigt ist und oft noch bis an die. Knie im Wasser stehen muß. Oft herrscht eine Hitze von 40 Grad Celsius und darüber bei der Arbeit. Jeder rechtlich denkende Mann muß anerkennen, daß bei solcher Arbeit eine acht- stündige Arbeitszeit das allerhöchste ist. Auch für die geistige Hebung der Bergarbeiter ist der Ächtstnndentag nncntbchrlich. ES muß zugegeben werden, daß im allgemeinen der Bildungsgrad unter den Bergarbeitern noch nicht die Höhe erreicht hat, ivic bei anderen Bcrufszwcigcn der Arbeiter. Wenn aber noch vielfach die 10-, 12- ja sogar llstündige Arbeitszeit herrscht, kann wahrlich nicht von dem Arbeiter verlangt werden, daß er nach einer solchen Arbeit noch Schriften oder Bücher lese. Weiter würde die achtstündige Arbeitszeit auch auf die Verhältnisse in den KnappschaftSkassen bessernd ein- wirken, ebenso würde sie im Interesse des Familienlebens der Berg- arbcitcr liegen, und eine Hebung des Familienlebens wünschen doch auch gerade die Herren auf der Rechten immer. Heute wird auch deshalb aus einem Familienleben nichts, weil die Bergarbeiter wegen der Senkungsgefahr dcS Grund und Bodens nicht in der Nähe des Bergiverks wohne» können.— In Sachsen wurde bereits im Jahre 1893 von uns eine Petition an den Landtag gerichtet, die eine Regelung dieser Frage verlangte. Damals wurde uns jedoch entgegnet, daß das kleine Sachsen nicht daran denken könnte, selbständig solche einschneidende socialpolitischc Maß- regcl vorzunehmen, Werl sonst die sächsischen Unternehmer der Konkurrenz der Unternehmer anderer Staaten, in denen die acht- slnndigc Arbeitszeit nicht bestünde, unterliegen würden. Mit der Einführung der achtstündigen Arbeitszeit müßten auch die vielen Ucbcrschichten und die Beschäftigung am Sonntag ans- gehoben werden. ES ist ein ganz unhaltbarer Zustand, daß jetzt noch in manchen Werken alle 14 Tage eine Doppclschicht am Sonntag gemacht wird.(Sehr richtig! bei den Socialdeniokratcn.) Nicht nur von uns Socialdemokratcn wird hier Abhilfe verlangt, sondern auch christliche Bergarbeiter-Bercine erheben dieselben Forde- ruugcn. Auch in dieser Session wieder ist dem Reichstag aus den schwärzesten Winkeln, aus den oberschlcfischen Bcrgrevicrc» eine Petition zugegangen, die als erste Forderung die achtstündige Arbeits- zeit verlangt.— Im sächsischen Berggesetz findet sich nun ja eine Bestimmung, nach der nicht über sechs Stunden gearbeitet werden darf, wenn die Hitze bis über 28 Grad CelsiuS gestiegen ist. Glauben Sic aber nur' nicht, daß das so strikte innegehalten wird, die Arbcitcr haben sehr oft, wen» die Hitze allzu groß wurde, Thermometer mitgenommen und festgestellt,' daß die 28 Grad Celsius überschritten waren und trotzdem länger gearbeitet würde. Bei mehr als-tl> Grad soll die Arbeit eingestellt werdeil, das steht schon seit 1890 in dem sächsischen Berggesetz, aber auch diese Bestimmnug wird vielfach durchbrochen. Auf einem Werk ist es vorgekommen, daß sogar bei 45 Grad Celsius gearbeitet wurde. Die Hitze ivar hier so groß, daß die Leute ihre Kappen nicht mit den Händen anfassen konnten. Die sächsischen Berg- inspektionS- Berichte wissen offenbar von diesen Znsländen nichts. In dem Bericht über den Bezirk Zwickau heißt es. daß Sonntags- arbeit in diesem Bezirk nicht vorgekommen ist. In der That aber»liissen heute noch die Arbeiter alle 14 Tage eine Doppelschicht am Sonntag machen. Der Bericht behauptet direkt, daß diese Zu- fländc dort beseitigt sind, aber ich kann Ihnen beweisen, wahr ist es nicht, was da steht. Bei der jetzt so günstigen Kon- jnnktur ist dies ganze Ucbcrschichteiiwcsen so ausgeartet. .daß es geradezu himmelschreiend ist. Nicht nur auf nnicrcn Kongressen, auch ans der lctzteit Gencralversamni- lnng der christlichen Bergarbeiter ist darüber geklagt worden und be- ftätigt worden, daß manchmal pro Monat mehr als 40 Schichten, 'also jährlich 480 Ucbcrschichtcn, gcinacht werden.— Gestatten Sie mir nun ans die Folgen dicicr langen Arbeitszeit etwas näher ein- zugehe». Ans den Kraukcnkässcii-Berichtcii in Sachsen ersehen wir, daß im Jahre 1894 die KnappschaftS-Krankenkassen bei 29 935 Mit- gliedern 16 289 Krankcnfälle mit 337 010 Krankhcitstaqen hatten. Im Jahre 1895 haben wir 30 405 Mitglieder, 18 304 �rankenfälle mit 370 426 Krankentagen. Im Jahre 1896 fiel die Mitglicdcrzahl ans 30 320 Köpfe, die Krankheitssälle ans 16 875, die Kraiikheitstage aus 343 672. Im Jahre 1897 fiel die Mitglicdcrzahl auf 29 866, trotzdem stiegen aber die Krankheitsfälle auf 17 258 und die Krank- hcitstage ans 362 690. sHört! hört! bei den Socialdemokraten.) Die Krankheitstage sind also in dem cineil Jahre um ca. 14 000 gestiegen. Für diese enorme Stcigening der Krankcutage muß doch eine Ursache vorhanden sein nnd die ist allerdings sehr leicht zu finden in der übermäßig langen Arbeitszeit. In Sachsen sind 47 Proz. ,j r Mitglieder der'Knappschafls-Krankcnkasscn alljährlich krank, ■„j:,.'fchumcrverein 50 Proz. aller Mtglicder, in Bayern 63,3 Proz., i>.„ Altcnbnrgischcn Kasse 85 Proz. Die Kommission für Arbeiter- statistik sollte sich mit diesen Zahlen doch eingehender beschäftigen nnd der RcichSrcgicrung damit die Unterlage zum Erlaß eines Reichs- Berggesetzes verschaffen.— Es wird immer darauf hülgewiescn.' daß die Leute sich zu den Ueberschichten von selbst drängen. Das ist zum kleinen. Teil leider wahr, ans so manchen Bergwerken wird aber die verlängerte Arbeitszeit einfach diktiert nnd wer sich nicht fügt, der fliegt hinaus nnd büßt seine ganzen Ansprüche an die Knappschaftskasten ein. Jedenfalls ist es nicht zu bestreiten, daß die Zahl der Krankheitsfälle in allen Knapp schafts-Krankenkassen in erschreckendem Maße znnimmt. Gegenüber der Zunahme der Krankheitsfälle im Baugewerbe, in dem die Zustände zugestnndcncrmaßcn besonders schlimm liegen, beträgt die Zunahme der Krankheitsfälle bei den KnappschastS-Krankenkasscu fast das Dreifache. Vielfach ist das Bestehen einer zu hohen Arbeitszeil ah- gestritten worden. So hat Herr Dr. Sattlcrimprcußischcn Abgeordneten- hause in diesem Friihjahrbchanptct, daß im deutschen Bergbau eine 8 bis 12 stüiidigc Arbeitszeit nicht vorhanden wäre. In der' That steht es doch wesentlich anders. In den vbcrschlcsischcn Bergwerken arbeiten 34,5 Proz. sämtlicher Arbeiter noch 12 Stimden shört! hört! bei den Socialdemokratcn); im Zwickaucr Bezirk herrscht jetzt allgemein die 12 Slundenschicht und ans den v. Arnimschcn Werken in Planitz ist sie, trotzdem die Schicht durch einen Streik im Jahre 1889 ans 10 Stunden herabgesetzt wurde, nachher nicnials geringer gewesen als 12stüiidig. Außerdem werden sonst noch Ucbcrschichtcn, Doppcl- schichten und Bciscknchten gemacht. Die Beischichtcn sind namentlich in Nicderschlcsicn kolossal verbreitet. Die Arbeiter wandern deshalb massenhaft nach Westfalen aus. Es wäre deshalb dringend erforderlich, daß für ganz Deutsche land die SonntagSarbeit verboten und nur noch im Notfalle zu gelassen würde.— Ferner müßte im Ncichs-Bcrggcsctz die Frauen- arbeit auf Gruben und Hütten gänzlich verboten werden. Ebenso dürften jugendliche Arbeiter unter 18 Jahren ans der Grube nicht beschäftigt werden. Ferner ist eine allgemeine Forderung die Er richtring von sogenannten Maniischaftsvädcrn. Wir in Sachsen haben erst sechs solcher Mannschaftsbäder. Badcbassins sind ja iiaiiicntlich im Rnhrgcbict mehr vorhanden, aber diese genügen nicht den Bedürfnissen und wirken in manchen Fallen geradezu gesundheitsschädlich, wenn 100 bis 150 Mann in dem- selben Walser baden müssen. Deshalb verlangen wir der Neuzeit entsprechende Brausebäder, wie sie. auf einigen Werken schon vor- Händen sind. ES ist behauptet worden, daß wir cS sicher nicht dazu bringen würden z. B. die oberschlesischen Bergarbeiter zum Baden anzuhalten, selbst wenn die nötigen Vorrichlniigcn geschaffen wären. Diese Behauptung wird Lügen gestraft durch den Bericht eines Berg- inspektorS in Oberschlcsien. wonach die ans dem Steinkohlen Bergwerk Concordiagrnbe nnd Michaelisgrube seit Ende 1896 vor- handene Badc-Anstalt von den Arbeitern sehr gerne benutzt wird. Im Zwickaiier-Revicr haben die Arbeiter anfangs von der neuen Branscbad-Einrichtuiig wenig Gebrauch gemacht, weil nicht genügend Raum zuiii Umzichcii und zur Aufbewahrung der Kleider war. Nachdem jetzt die Sache so eingcrichtel ist, daß Tag- und Nachtschicht nicht zusammciikonime», wird die Neu-Einrichtinig fast allgemein bell ätzt.— Ferner wäre es wünschenswert, daß für Bergwerke die achttägige Lohnzahlmig gesetzlich vorgeschriebe» werde. Wir verlangen dabei nicht, daß alle acht Tage der reine Lohn ausbezahlt werde, sondern nur ein dem Verdienst entsprechender Ab- schlag. Heute gicbt es Bergwcrksbczirke, Ivo 14 Tage, drei ja vier Wochen lang kein Lohn ausgezahlt wird.— Ferner verlangen wir, daß in einem Berggesetz die Lohnzettel all- gemein vorgeschrieben werden. Diese csnche ist von sehr hohem Werte. Der Arbeiter ersieht aus den Lohnzettcln. ob seine.Arbeit richtig verrechnet ist, ob der Accord richtig eingesetzt ist nnd die Schichtzahl stimmt. Wenn ihm ein Unfall passiert, kann er ersehen, ob der der Unfallrentc zu Grunde gelegte Jahresverdienst richtig eingesetzt ist. Auch ist es von Wert, daß bei dem Eiiiloiiniicnftencr- System der Arbcitcr ans dem Lohnzettel sofort ersehen kann, ob von der Eiirschätziliigskommissioii sein Lohn entsprechend eingeschätzt ist.— Ferner verlangen wir, daß das Strasvcrsiigun�örccht der Beamten und Leiter der Werke bedeutend eingeschränkt wird. Eine Bc- schränknng der Strafe ist heute gar nicht vorhanden und wir haben mit« unter Strafen von 5— 10 M. wegen ein nnd desselben Vergehens. lHört, hört! links.) Ein weiterer großer Ucbelstand ist das„Hnntennlleu". Wenn, was bei der mangelhaften Beleuchtung leicht kommt, unter die Kohlen Gestein kommt, wird der zu Tage geförderte„Hunt" von den Beamten genullt, d. h. gestrichen, und die ganze Arbeiter- schaft, die vor dem Ort beschäftigt ist, bekömmt dafür keinen Lobn. Sogar schlecht gefüllte„Hunte" werden genullt. Und dabei kann man doch nicht verlangen, daß bei dem Hasten und Wühlen, Arbeiten ist es nicht mehr zu nennen, mit dem der Arbeiter den Hund voll- schaufelt, der Hunt nicht von dem Arbcitcr noch geschüttelt und gerüttelt ivcrdcn kann, damit nicht durch das Rütteln bei der Auffahrt die Kohle niedergeht. Bei dem großen Bergarbeiter-Streik ist stets über das Huittciiullen Klage geführt worden. Wenigstens muß die Sache eingeschränkt werden. Die deutschen Berginspektionen sind heute in einem veruach- lässigteu Zustande und vollkommen niigeniigeiid. Im Jahre 1896 wurden von 1296 Gruben mit ca. 500 000 Bergleuten nur c>57 Gruben mit ca. 154 000 Arbeitern kontrolliert, also kaum der dritte Teil. Wir haben Berflarbcitcr. die 20 bis 30 Jahre auf der Grube bc- schäftigt sind und noch keinen Berginspcktor zu sehen be- kommen haben. Bei den starken Belegschaften nnd den massenhaften Gruben ist eine inteiisiverc Kontrolle gar nickt möglich. ES muß gesetzlich verfügt werden, daß den jetzigen Berginspcktioncn Leute zugeteilt werden, die durch geheime Wahl gelvählt, das volle Vcr- irauen der Arbcitcr genießen. Daß daS nnbedingt nötig ist, geht schon daraus bervor, daß in hartnäckiger Weise die Knappschnfts- Bernfsgcnossensckaft sich geweigert hat. llnfallvcrhiitinigs-Vorschriftcn einzuführen. Bei der erschreckenden Zahl von llnfälleu im deutschen Bergbau ist es höchste Zeit, daß hier eingegriffen wird. Vom Jahre 1886 bis 1396 sind 53 976 schwere Unfälle vorgekommen(Hört I hört! bei den Socialdemokratcn) und 12053 tödliche; im Jahre 1898 allein 1251 tödliche Unfälle, d. h. 2,9 auf 1000 Bergleute. Während wir in Deutschland auf 1000 Bergleute 1895 2.540. 1896 2,577 und 1898 2.9 Todcsnnfälle, also eine er- hcblichc Steigerung hatten, nehmen die tödlichen Unfälle in Belgien. England und Frankreich von Jahr zu Jahr ab. lHört I hört! bei den Socialdcmokrnten.) Sie mögen sich dagegen sträuben, wie Sie wollen, die verbesserte Berginspektion in diesen Ländern hat ganz besonders dazu beigetragen.' In Preußen sehen wir eine Steigerung der Unfälle, sobald dort die kapitalistische Wirtschaft einsetzte, Nun noch einige bayrische Zahlen. Dort betrugen die tödlichen Verunglückungen 1897 1,68 auf 1000, dagegen 1898 2.59, fast eine Verdoppelung! lHvrt! hört!) Fast noch schlimincr sieht es im Salzbergbau ans. 1895 wurden 582 Unfälle gemeldet, 1896 716, 1897 903. lHört! hört!) 1895. verunglückten ans 1000 Versicherte 51,07, 1896 55,96, 1897 62,05(Hört!), in zwei Jahren also 1,2 Proz. Steigerung. Die eittschädiginigspflichtigcn Unfälle im Salzbergbau sind gewaltig in die Höhe geschnellt.'Tödliche Unfälle kamen im Salzbergbau 1395 ans 10000 Versicherte 11,41, 1886 14,07, 1897 24,05. Ans' der Statistik der Knappschafts-BcriifSgcnosscnschaft sind besonders lehrreich die Unfälle aus der Gefährlichkeit des Bc- triebes; sie betrugen 1895 57�4 Proz., 1896 632/3, 1897 693/4, 1898 731/3 Proz. Die Unglücksfälle wegen Mängel des Betriebes betriigeii 1895 0,96 Proz., 1898 1,23 Proz, Durch Mitschuld der Arbeiter kamen 1895 4,02 Proz. bor; im Jahre 1893 betrugen dieselben nur noch 3,24 Proz. Auch die Schuld der Verletzten ist nicht mehr so stark. Die ganze Handhabung der Inspektion ist danach angcthan. keine gründliche Remedur in den Bergwerken zu schaffen. Vielfach wird bestätigt, daß der Berginspektor. der zur Revision kommt, sich mindestens 1 oder 2 Tage votthcr anmeldcn läßt! lHört, hört! bei den Socialdeniokratcn.) Dann wird natürlich schnell gesäubert. So geht es auch bei tinS in Sachsen. Die vorherige Anmeldung kommt trotz unserer vielfachen Beschwerden bei uns noch immer vor. Formell meldet er sich freilich isicht an. Aber eineii Tag vorher kommt sein Anzug an; da weiß man natürlich, daß er bald nachkommen wird. lHcite'rkeit.) Auch versteht man, die Gruben- inspcktorcn ganz gelvältig zu täuschen und übers Ohr'zu hauen. Bedenkliche Stellen werden verschlagen und die Arbcitcr weg- genomnieii, wenn der Inspektor komint. Ist er fort, so geht am nächsten Tage wieder alles in gloria weiter. lHvrt! hört! links.) Ebenso geben die Vcmiitcn niitunter direkt Anlaß, daß die Polizei- und sonstigen Sicherheitsvorschriften mißachtet werden. So ist mir in diesem Frühjahr ans Schlesien berichtet worden, daß dort der Fahrhauer Damm entgegen den bergpolizeilichen Vorschriften einem Arbeiter geraten hat, er solle cincn Schuß ausbohren. Wenn dieser Arbeiter mit sciiiein Bohrer der Zinnkapscl zu nahe gekommen wäre, dann wäre er nicht nichr lebendig vom Orte fort- gekommen, lhört! hört!) dann würde es geheißen haben: Seht, so unvorsichtig sind diese Arbeiter, sie übertreten die bergbanpolizei- lichen Vorschriften! Der Grnbcnbrand in der Kleophasgrube in Obcrschlcsicii ist dadurch eittstniiden, daß ein Maschinenwärter mit einer Fackellmnpe, also einem offenen Licht, einem verölten Hanfteil zu nahe gekommen ist. Unser Redactcnr, der diese Mißachtnng der Sicherheit geißelte, wurde wegen seiner Kritik bestraft. Die Berg- werksverwaltung, die diesen feuergefährliche» Zustand He» duldet hatte, wurde nicht bestraft. Aber kurz nachher kam eine hcrgpolizeilichc Vorschrift für Oberschlcsicn, daß in Zukunft solch' offene Lampen nicht mehr geduldet werden. Vorher hat man nicht daran gedacht;, die Berginspektion hat nichts gesehen.— Eine weitere Manipulation ist folgende: Wenn der Bcrginspektor in der Grube ist, werden die'Wcttcrthiircn so umgestellt, daß der ganze Wetterzug i» das Revier hingclcitct wird, wo der Berginspcktor gerade diircksnhr. So schreibt mir ein Arbeiter über die Handhabimg der Vorschriften: „Jetzt sind auch die Steiger oft gegen die strikte Einhaltimg der Vor- schriften aus dem Griuide, weil die Kollegen nnt dem andern Drittel höhere Fördernngsziffern erreichen. Der eine sucht im cigneu Interesse(Tantieme, Beförderung) den andern mit der Förderimgs- menge zu übertrumpfen, meist auf Kosten der Sicherheit und Ord- innig des Betriebs. Die Vorschrift, daß 2 Meter im Umkreis der Ort mit Wasser abgcnetzt werden muß. lvird massenhaft umgangen. Der Inspektor ist aber zufrieden, ivenn er den Wasserkübcl dastehen sieht." Mit dem Wasserkübel konuncn die Leute aber häufig nicht ein- mal durch die Strecke; sie müssen auf den Kiiien nach dem Orte kriechen. Es müßte die Vorschrift der Bcricsclmig, wie im Ruhrkohlengcbiet ganz allgemein erlassen und das Wasser dürfte nicht kübeliveise hingeschafft werden. Nach den Bergpolizci-Vorschriftcn darf nur cin Loch gleichzeitig abgeschossen werden; auch soll sich der Kohlenstaub gesetzt haben, bevor ein zweites abgeschossen lvird. Thatsächlich werben aber 2 nnd 3 Schießlöcher besetzt nnd zugleich oder mit etwas längcrem Zunder abgebrannt. Würden die Vorschriften beachict, so müßte der Schießmeister viel länger loartcn, nnd die Belegschaft ist daran interessiert, sich nickt lange aufhalten zu müssen. Denn das Gedinge ist knapp bemessen und die Werkbeamten übersehen es. ivenn die Vorschriften unbeachtet bleiben. Mit Wasser wird nur gesprengt, wenn die Luft rein ist. Es besteht die Vorschrift, den Zunder imr mit Schwamm und Stcili anziidrennci!. Die Arbeiter brennen ihn aber regelmäßig mit Zündhölzeni an, ivcil daS andere Versahren zu inuständlich ist und sie durch Zeitverlust am Lohn einbüßen. Die Hanpinriacke der Unfälle ist eben die Gedingc-Arbcit. Oft lvird deshalb schleckt verbaitt, weil das Holz weit her transportiert iverden muß. Für den Holztransport wird eben»ichtS extra an die Arbeiter be- zahlt. Für die falsche Art, wie manche Bcrgiverksinspektoren ihr Amt mlfsasscn. könnte ich viele Beispiele anführen. Im vorige» Jahre bcschivcrte sich ein Arbeiter in Zivickan beim Bcrginspektor, daß in einer Strecke der Betrieb so gefährlich sei, daß dort Remedur geschaffen ivcrdcn müsse. Statt für Remedur zu sorgen, denunzierte der Bergtverksiuspektor de» Arbeiter beim Werksbesitzer, der ihn sofort maßregelte.(Hört! hörtl bei de» Socialdemokratcn.) Ein noch krasserer Fi'll ist iu Nicderschlcsie» vorgekommen. Dem Bcrginspektor Mathias wurde von einem Arbeiter ein Brief geschrieben, in dem er Mißslände an« zeigte und dabei einige scharfe Ausdrücke gegen die oberen Beamten ciuflocht. Ter Inspektor hatte nichts Eiligeres zu thun, als diesen Brief der Verwaltung dcS Werks ciiiziihäiidjgc», damit sie den Berg- arbcitcr nntcr Anklage stellen konnte. DaS ist geschehe», aber die Mißstände sind geblieben. Jni Zwickaner Bezirk ans dem Brückenberge äußerte sich der BcrgwerkShispcktoc zu einem Arbeiter: Wenn die Arbeiter keine Zeche fertig brächten, so hätten sie keine Lust zur Arbeit! Daß die Arbeiter solchen Jnspektorcil kein Vertrauen schenken können, ist klar. Aber mich durch gerichtliche Urteile ist eS vcr- schicdentlich festgestellt, in welcher Weise die Bergiiispektore» ihr Amt ausüben nnd in welcher Weise die Gnibcnvcrwnltnngcii die jetzigen Inspektoren hinters Licht führen. So wurde in einer Gerichts- perhaudlung in Braunschweig festgestellt, daß ans dem Kalt- bergwerk Thiederhnll, wo zwei Bergarbeiter verunglückt sind, die Werksvcrwalinng beziehniigswoise deren Beamte» die direkte Peranlassung dazu gegeben hatten. Auch bei dcin.Ziisammcnsturz der Zeche„Gustav" ist gerichtlich fest- gestellt, daß die Aiifsichtsbcamtcil nnd ebenso die BerglverkSbcamten die Vorschriften außer acht lassen. Die Zeche ist bekanntlich in, August 1898 zilsamnicngcbrochen und der betreffende Inspektor hat kurz zuvor die Grube noch befahren, sie für im stände erklärt »»&_ das MamischaftSfahren nicht verboten. Ans den Zeugen- aussagen geht hervor, daß das Holz der Schachtbekleidung an vielen Stellen angefault>var. Herr Kollege Hilbck hat als Sachverständiger erklärt, daß der Schacht nicht hätte befahre» werden dürfen. Trotzdem ist in der Gerichtsverhandlung der Betriebsleiter freigesprochen worden. Noch schlimmer wird aber die Sache dadurch, dag in demselben Jahre cin Steiger der Bergbehörde brieflich mitgeteilt hatte, daß die Beschaffenheit der Zimmcriing indem Schachte jeder Beschreibung spotte. Dieser Steiger wurde dann entlassen, angeblich wegen Trunkenheit, wahrscheinlich aber eben deshalb, weil er streng nach den bergbaupalizeilichen Vorschriften gehandelt hatte. Im Mai 1898 schrieb er den Brief und im August brach der Schacht ziisammeii.— Nach dem Unglück auf Zeche„Borussia" schrieb der Rcdactcur der„Bcrgarbcitcr-Zeitnng" in Bochum, Hne. daß die Riesel- Vorschriften nur gehandhabt tvordcn wären. wenn eine Inspektion in Aussicht staiid. Er wurde deshalb angeklagt. Durch die Zeugenaussage ivnrdc dies bestätigt, auch daß an der Iliiglücksstätte der Kohlenstaub knöchelhoch lagere und daß seit Jahren eine systematische Täuschung der Juspektorc» dort ausgeübt sei, die der Staatsanivalt einen groben Unfug nannte. Der Redactcnr wurde mir wegen der Form des Artikels mäßig bc- straft. Ein weiterer großer Ücbelstand liegt in der geringen Zahl i>cr Juspcltorcii, die beivirlt, das; die Arbeiter �sich- vor einer Juspetuon sicher fühle»»ud dcSholb die Vorschriften nicht sorgsam beachten. Ei» fernerer Anlab zu den qroszcn Un�Iiicksfällcn ist die verschiedene Art von Gedingen. In Schlesien findet sich ein so- genanntes Prämicngcdinge. Die Belegschaft, die 10 Hunte schafft, bekommt z. B. 80 Pf., schafft sie aber mehr, so erhält sie für jeden rvcitcren eine Eztraprämie. Das ist ein direkter Antrieb für die Arbeiter, alle Vorschriften ans dem Auge zu lassen. Besonders schlimm liegt es in dieser Beziehung im Mausfelder Revier. Dort ivird bei Verdinguug der Arbeit eine Auktion angestellt. Der betreffende Obersteiger setzt fest, dag eS für diese Arbeit pro Meter so und so viel setzen soll. Dadurch rvird der Preis natürlich abwärts getrieben, wobei das Bergwerk ja noch besser wegkommt. Ist ein Arbeiter dann glücklicher Besitzer einer Arbeit geworden, so hat er dnS Recht, sich seine Kameraden auS der Belegschaft zu wählen und sucht hier natürlich hauptsächljch nach jungen Kräften. Sie sehen also, meine Herren, cS hcrrichcn im Bergbau Zustände, die man geradezu für mnnöglich halten sollte. Trotzdem iümincrt sich keine Behörde darunr. Der Herr Minister Brefeld hat ja im Abgeordneten- hause in Aussicht gestellt, eine Höchstziffer der Zulassung von Heber- schichten einzuführen, aber gethan ist bis heute nichts. Ich fürchte auch, es wird nichts geschehen, weil die Vereine für die bergbaulichen Jutercssrn dagegen sind. Ich komme nun zu einem sehr wichtigen Punkte, zu dem Bericht der Kommission, die bon dem prcichischtn Minister des Znucrn nach England gesandt worden ist, um dort die Verhältnisse der Bcrginjpeklion zu kontrollieren und naincntlich die Thätigkcit der Arbcitcrdclcgicrtcn als Bcrginspektorcn kennen zu lernen. Im prenszischen Abgeordnetenhaus« wurde behauptet, dieser Bericht beweise, dast das System der Arbcitcrdclcgicrtcn sich nicht bewährt habe. Ich hoffe Ihnen aber auS dein Bericht gerade das Gegenteil beweisen zu können. In England sprachen sich nach den Berichten der Kommission Berg- iverks-Bcsitzer und-Leiter in gleicher Weise günstig über die Ein- richtnngcn aus wie die Arbeiter. Die Bergwerks-Inspektoren teilten mit, daß es für die Arbeiter eine Bcrnhignng sei, zu ivisscn, dast die Gruben durch ihre eigenen Vertreter ans ihren SichcrhcilSznstand untersucht werben, und das; die Beamten dadurch angespornt werden, die �Gruben besser in stand zu halten. Das ist ja der Zweck der Berg- 'wcrkinspcktion und miscrer Agitation für Einsührnng wlchcr Arbeiter- delegierten. Meine Herren, gestatten Sic mir mir noch einige Mitteilungen ans dem Bericht der Kommission aus Frankreich uorzu- tragen: Vicepräsidcnt v. Frcge: Wenn Sie alle KommissionSberichtc über Bergwerkscinrichttinge» in allen nusterdentschen Staaten citicrcn wollten, so würde die Zeit des Reichstages»tcht ausreichen. Abg. Sachse(fortfahrend): Der Herr Präsident wird gestatten, ein paar Ciiate vorzutragen, um zu zeigen, daß dieser KommissionS- bcricht nicht so ungünstig ist. wie eS im Abgeordnetenhaus dargestellt ist(Sehr richtig! bei den Sociakdcinokratcns, daß diese Einrichtung sich dorr als praktisch erwiesen hat und wir ivohl Ursache haben, der- artige Einrichtungen auch in Deutschland anzustreben.(Sehr richtig! bei den Socialdeuiokraten.) Staatliche Ingenieure in Frankreich sagen ans, daß sie in sehr gutem Verhältnis zu den Arbcitcrdclegicrten stehen. Die Wahlen erfolgten, ohne daß politische Gründe dafür maßgebend seien. Also diese Haiiptbcfürchinng unserer Bergllerwaltnngcn ist hinfällig. TaS Ober-Berganit in Breslau hat sich allerdings entschieden gegen einen cveiilncllcn- Versuch in Schlesien ausgesprochen. Die preußische Regicruna hat 50 sogenannte einfahret engagiert, aber ans den Reihen der untercii�BctricbSbcamtcn, die nicht das Vertrauen der Arbeiter genießen, ivic es tcr Fall wäre, wenn sie aiiS ihren cigencii Reihen hervorgegangen wären. Diese Leute gehen natürlich nicht so streng gegen die LergwcrkS-Venval- tumjen vor. Sie wollen einen Posten bei' ihnen erhalten und günstig avaneiereit. Im preußischen Abgeorductenhanse haben die national- liberalen Abgg. v. Eyncrn nnd Dr. Benmer behauptet, für England eigne sich eine solche Jiistitntion besser, weil die englischen Berg- arbeitet national gesinnt seien. Aber diese angeblich nationalen englischen Bergarbeiter erzwingen alljährlich einen internationalen Koiigreß, während wir nur alle 3 Jahre eine derartige Znsnmincn- kmift wtntfchfcn. Im Gegensatz zu den AnSführuiigen des Abg. Hitze bin ich der Meinung, daß wir diese EiimchUmg nicht davon avhmigig machen sollen, ob sie den Herren Bergiverksdrrcktoren paßt oder nicht, sondern iveil sie sich in allen Übrigen Ländern vorzüglich bewährt hat, sollten wir sie ans jeden Fall allgemein in Drntichiand durchführen. _ Was daS Kuappschaflswescn anlangt, so fordern wir in Ileber- einsknnninng mit den Beschlüssen der Bergarbriter-Kongreffe bessere Leistungen für die Invaliden, Witwen nnd Waisen durch die Änappschastokasfcn. Jetzt muß oft die Armenkasse eingreifen; daS ist hnnnicffchrcicitd. Ferner dürste die Uiisallrcnte. die Militärpension nicht uns die Knappschastsrente angerechnet werden, nnd es müßte rcichS- gesetzlich geregelt iverden, daß nicht jedes Revier, ja ein cinzelncs Bergwerk seine selbständige Kasse hat. Beim Uebcrtritt in ein anderes Werk verliert der Arbeiter seine Ansprüche an die frühere PensionSkasse. In Sachsen ist dem ja seit 1884 durch die Berggesetz- Novelle abgeholfen t aber wir verlangen das für ganz Teutschland. �(Sehr richtig! bei den Soci'aldemokratcn.) Auch eine Beeinträchtignlig des Koalitionsrechts bringt das Knappichaflsivesrii. Die preußischen Kassen zahlen wohl Überhaupt keine Beiträge zurück; die sächsischen mir, wettn der Arbeiter ohne Grund entlassen wird. Bleibt er länger als eitieii Tag ohne Urlaub fort oder verläßt er fretivillig die Arbeit, so verliert der sächsische Berg- arbeitet alle Ansprüche'an seine Pensiottskasse.(Hört, hört! bei den Socialdctnokraien.j Im Plniietischeii Grunde traten die Bergarbeiter in eine Lohnbewegung und suchten, da sie Istägige Kündigungsfrist haben, mn Urlaub ans diese Zeit nach, der ihnen jedoch venveigerl wurde. Sie sind dann ohne Urlaub in den Streik getreten nnd haben dadurch alle Rechte an die Petisiotiskosse verloren. Also nur bei kolossalen Vcrlnflrn können die sächsischen Bergarbeiter von dem KoalitionSrechte Gebrauch machen.— Ferner muß die ungleiche Vertretung der Bergwerksbefitzer und der Arbeitet in den Knapp- schastslasjcn beseitigt werden. Bei gleichen Beiträgen nnrß auch gleiches Recht in der Verwaktniig vorhanden seilt. Z.B. heißt es in einem neneii Entwurf der sächsischen PcnsionSkasie t„Eine Erhöhung der Leistungen erfordert die Znslimmiing von zweidritlcl aller Werk- besitzet, wobei auch die in der Gcneralvcrfanmiltiitg nicht vertretenen Gtinnncn ntitziizählen sind."(Hört, hört! bei den Soeialdeinokraten.) Tiefe vom sächsischen Bergamte gutgeheißene Bestimmtiiig ist meines Erachtens nngesetzlich und schlägt' dem§ 8 des RcichS-BcisichcrnngS- gesctzcs ins Gesicht. Noch ein paar Worte darüber, tvie die Beiträge in den ver- schicdcncn Pensivnsknffcn gezahlt Iverden. In Preußen sind sie durch- aus nicht gleich. So haben die Arbeiter 1887 in die Bochnmer Kasse 40,65 M. gezahlt, die Arbeitgeber aber mir 38,64 M. Die Arbeiter zahlen 11 M. jährlich mehr,' haben aber nur das gleiche Recht in der Perwaktinig wie die Unternehmer. In der Waldenburg«! Kasse haben die Arbeiter grade doppelt so viel zahlen müssen tvie die Unter« nehiner, nnd in anderen Kassen ist es noch schlimmer. Ferner bestehen Mißstände bei den Wahlen der Ver- kreier; haben wir doch noch heute Kassen, in denen dieselben nicht geheim erfolgen und tniter dem Einfluß der Bergwcrksdircttorcn stehen, die mit aller Geivalt auf die Wahl der B e r g b e a m t c n hin- arbeite», mn alsdann nach Herzenslust und ohne den Widerstand der Arbeitervertrcter fürchten zu müssen,(chaltcn und tvakten zu kötmen. In Sachsen, wo die Bergive�'sdirektoren vom Stnmnischen Geiste dnrchdrintgcn sind, haben wir erlebt, daß sie Zlrbcitcrkandidatcn schon vor der Wahl maßregeln. Diese Mißstände müssen durch Gesetz und zwar durch einheitliches 3t e i ch s g e s e tz verboten werden. Auch die christlichen Bergarbeiter haben sich in diesem Sinne geäußert nnd petitioniert. ES hat auch eine Debatte im preußischen vlbgevrdiictenhausc stattgefunden; der Minister hat ein preußisches Berggesetz in Aussicht gestellt; aber wann das Versprechen erfüllt wird, ist sehr ungciviß; für die Arbeiter wird sicher nicht viel dabei hcranskominen. Jii Bahcrn ist man jetzt dabei, ein Berggesetz zu schassen, das aber incht einmal so ivcit wie das preußische und lächsische geht. Ferner verlangen wir eine einheitliche Gestaltung der Berg- Schtedsgertchte. verlangen naincntlich auch eine BcrnfnugS- instanz, wie sie in Sachsen schon existiert. Man fragt vielleicht, ob die deutsche Montanindustrie, ob der dcntschr Bergbau diese Reformen tragen könne. 3hm, ein Blick auf den Kurszettel giebt die Antwort darauf.(Sehr richtig! bei den Socialdcmokraten.) Sehen Sie sich die nngchcitrcn Dividenden an(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.), die zur Verteilung gclanhcn; schade, daß Herr v. Kardorff nicht hier ist; er könnte uns vielleicht nähere Auskunst erteilen. Auch wenn die Bergverwaltnngen nach Art des Auslandes den Arbeiterfordernngcn mehr nachkommen, werden sie immer noch einen genügenden Ucbcr- schuß einsacken können. Wenn die Herren Arbeitgeber nnd die maß- gebenden Kreise wollen, so können sie Reformen lchaffcn. Sie können es, meine Herren--- wollen Sie es!(Lebhaftes Bravo! bei den Socialdemokraten.) Vicepräsidcnt v. Frcgc: Ich will nur konstatieren, daß der Herr Abgeordnete nnunter- brochcn drei Stunden zur Begründung seines Antrages gesprochen hat.(Große Unruhe bei den Socialdemokraten. Linse: Das geht Sie nichts an! Unverschämtheit!) Ich bitte um Ruhe! Abg. Bcckh-Kobnrg(frs. Bp.): Der Herr Vorredner hat Ihnen eine solche Menge specicller Fälle angeführt, die es wiinschenstvert machen, ein Rcichs-Bcrggcsctz zu erlassen, daß ich mich kurz fasse» kann. Ein solches Gesetz ist vor allem wnnschensivcrt, weil ja auch die andern gewerblichen Ver- hältnisse rcichSgcsetzlich geregelt sind. Die zahlreichen Unglücksfälle in den deutschen Bergwerken sind um so bedauerlicher, als sie nicht im richtigen Verhältnisse zu den Borkommnissen in den auswärtigen Ländern stehen. Die Beteiligung der Arbeiter an der Bcanfsichtigimg der Bergwerke ist dringend iiotivendig und ja auch von zahlreichen Petitionen verlangt.' Ich bitte Sie daher, unseren Antrag anzu- nehmen. Abg. Hikbck(natl): Wir Nationallibcralcn stehen durchaus ans dem Standpunkt, daß ein Rcichs-Bcrggcsctz nötig ist. Aber die M o t i v i e r n n g des Herrn Abgeordneten Sachse können usir nie und nimmer zu der utiserigen machen. Herr Sachse verkangt ein deutsches Berggesetz. weil ein solches auf den internationalen Kongressen der Bergarbeiter verlangt tvorden ist; eine widersinnigere Begründung kann es gar nicht geben.(Sehr richtig! bei den National- liberalen und rechts.) Die Arbeitszeit in Westfalen beträgt durchweg acht Stuitdeu; die Arbeitszeit in den schlcftschcn Bergwerken halte freilich auch ich für eine z« lange. Die Vorschristcii. die der Herr Abgeordnete über Verkürzung der Arbeitszeit bei hoher Temperatur usw. verlangt, find in Westfalen längst in Gcltimg.(Zuruf des Abg. Sachs e.) Herr Kollege, ich habe Sie ja auch nicht unterbrochen. Sie wollen die Bergleute doch nicht besonders stellen und sie von den Bcstimtmmgcit der Gewerbe- Ordnung auSiiehmen. Zur Rrgcluug der von dem Abg. Sachse getadelten Mißstände ist kein besonderes Berggesetz nötig. Tie Löhne der Bergarbeiter sind ganz bedeutend in den letzten Jahren gestiegen, das müssen Sie(zu den Socialdcinokratcn gewandt) selbst zugeben.(Zinse bei den Social- dcmvkraten: Nein!) Herr Sackise hat von den strengen Straf- bcstimnmngen gesprochen. Das ist tvohl ein Jrrttmt. In Pmißett ist mir wenigstens nichts davon bekannt. Auch die Klagen über das Nullen sind Übertrieben. Der Bergmann hat keinen Schaden dauon, die gesamten Abzüge werden den Kranken- lassen übertragen.(Abg. Thictc-Halle t Es denkt ja niemand daran.) Die Unglücksfalle sind bei uns häufiger als in Frankreich nnd Eng- lnnd gclvescn. Ich gebe das zu. aber ich kann Ihnen kein Abhilfe- »t Ittel angeben. Die meisten Unfälle sind Wette.nmfälle und die sind nicht zu beseitigen, ivcder durch die Untcrnchmcr noch durch die Vor- ficht der Bergleute. Zu den unvermeidlichen Fällen gehören die Berg- stürze, die Wasieniusällc. Mit den SicherheitSlampcn ist da nicht geholfen, mögen sie noch so sinnreich konstruiert sein. Die Unfälle, in denen tvirllich die Besitzer oder mangelnde Vorsicht der Bergleute schuld sind, sind bei mtS nicht häufiger als andersivo. Ich gebe zn, dast die Aufsicht das wichtigste ist. Diese Bergaufsicht ist bei uns viel intensiver als in Eitglaud. Sie ist bei uns zehnfach so groß tvie in England, daher kommen auch in Eng- land zahlreiche llnfallc vor. die vermieden werden könnten. Der Herr Vorredner stützt sich auf die Berichte der Gcwcrbc-AnssichtS- bcamten. Die Socialdcmokrateit lesen diese Berichte mit der so- genannten Pessimistenbrille. Was Gutes darin steht, wird nicht anerkannt. Im Ober-BergamtSbezirk Dorttmmd kommen ans jeden Betrieb jährlich 25 Revisionen. Herr Sachse hat die Revisoren angegriffen, er sagte, sie müssen sich ja beim Direktor lieb' Kind machen. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Die Sirvisören sind meist ans den Privatbcamten eittnoimuen. Sie sehnen sich auS dem Privatbetrieb nach der Staalsstelle. Herr Sachse hat den Bericht über die� englische Unter- snchnngsfahrt ertvähnt, aber vieles weggelassen, das gegen die Arbeiterrevisorcn spricht. Bei geheimer Wahl wsirden nicht nchigc, solide Bergleute die Oberhand gewinnen, sondern die Stänker nnd Schreier.(Widerspruch bei den Socialdemokraten.) Die Privat- bcamten sind fast alle aus den Kreisen der Bergarbeiter hervor- gegangen. Sic sind die Söhne von Bergleuten, die Brüder von Bergleuten. Sie machen eine gute Schule durch, sie haben etwas gelernt, und das müssen sie bei ihren schwierigen Posten. So leicht ist es nicht gelernt, mit Wcttcrsiihrungen umzugehen. Das kamt nicht jeder Bergmann und deshalb sind ivir gegen die Arbcitcrrebisorcn. Unsere jetzigen Revisoren stehen nicht unter kapita- listischem Druck. Tic Regierung war stets stark genug, solche kapitalistische Tcndcnzcü zu uittcrdrnckc».(Lachen links.) Gegen die AnfsichtSbchöidc in von Hrrrn Sachse auch viel gesagt worden, was unrichtig ist. Die Konzession wird au qualifizierte Leute vergeben, Irrtümer sind nicht ausgeschlossen und ich ivill keineswegs behaupten, daß alles, was Herr Sachße vorgebracht hat. nnwahr ist. Das Verhalten zwischen Bcrgbeamtrn nnd Berg- wcrlsbcsitzern ist mit Recht ein durchaus harmonisches. DaS tvird in den von Herrn Sachße so oft citicrten Berichten der Gewerbe- AnffickiiSbcanitcn ausdrücklich anerkannt. Sticht ein nngiiiistigcs Urteil über Arbeitgeber im Bergbau findet sich in diesen Berichten.(Sehr richtig b. d. Sociald.). Herr Sachse sprach von den hohen Dividenden. Ehe das Kohlcnsyndikat i» Kraft trat, hatte» die Bergwerks- bcsiNcr nicht die regelmässigen Zinse» einer Sparkassen- Einlage. Später ist es erheblich besser geworden, aber lange nicht in dem Maße, wie die Löhne der Arbeiter gestiegen sind.(Wider- spruch bei den Socialdemokraten.) Die Attieu sind gleich von Anfang an zu sehr hohen Kursen ausgegeben worden. So ungeheuerlich sind also die Dividenden nicht, wenn man dabei noch berücksichtigt, daß die Amortisation im Bergbau eine große sein muß. Bei der großen Fördenmg gehen die Gruben erschreckend schnell zn Ende.(Lachen bei den Socialdemokraten.) Einzelne Gruben zahlen heute noch keine Dividende wegen schlechter Erträgnisse. Ucbcr die KnappschnftSkassen hat Herr Sachse sehr abfällig beurteilt, er mißbilligt die Beteiligung der Arbeitgeber an der Vcrivaltung. Das ist doch aber das einzige, was die Arbeitgeber von den Knappschaftskasscn haben. Dieses Recht werden sie sich nicht nehmen lassen. Was die historische Eni- Wickelung des Bergrechts bei uns anlangt, so ist sie eine organische. wenigstens im wesentlichen. Sie ist nur dadurch cttvas verworren geworden, daß die Übrigen Eiiizclstaatcn verschiedene 3to- Vellen zum preußischen Berggesetz nicht auch bei sich eingeführt haben. Die Verschiedenheiten sind aber nicht so groß, daß die Her- stcllnng eines einheitlichen Bergrechts mit großen Schwierigkeiten verknüpft wäre. Ganz gleich könnten natürlich die verschiedenen Distrikte nicht behandelt werden, dazu sind die Berhältnisse zu ver- schieden. Tie Forderung eines Reichs- Berggesetzes ist an sich berechtigt. Die Nusführnng muß aber unbedingt den Landesbehürden überlassen bleiben.(Ruf_ links: Das ist bei allen Reichsgesetzen der Fall.) Trotz eines Reichs- Berggesetzes würdci/ aber viel Eiiizclvcrordnungen erlassen werden müssen. Alles läßt sich eben nicht über einen Kcumn scheren. Jetzt schon besteht der beste' Wille, alles zum Besten zu lenken. Drei Dinge müssen. Sie. wenn Sie der Materie überhaupt näher treten wollen, ausscheiden. DaS sind die Polizcivorschriften, die Knappschaftskassen und der Arbeitsvertrag. Diese drei Dinge miissen im Bergbau nach den einschlägigen Verhältnissen, nicht generell bc- handelt werden.(Beifall.) Abg. Hitze(C.): Bei der vorgerückten Zeit muß ich mich auf eine kurze Erklärung beschränken. Mit der Tendenz des Antrages sind wir einverstanden. Deutschland ist eine wirtschaftliche Einheit, seine wirtschaftlichen Bc- triebe müssen einer einheitlichen Gesetzgebung unterstellt werden. Der Herr Aiuragsteller hat in seiner Rede nicht so sehr Gewicht darauf gelegt. daß das Bergrecht einheitlich ist, als darauf, die konkreten Forde- rungen, welche er an dieses einheitliche Berggesetz stellt, anfznsiihren. Vieles von dem, was Herr Sachse gewünscht hat, ist auch von meiner Partei nnd meiner Person schon im preußischen Abgeordneteichanse vertreten worden. So haben wir im Centrnm schon 1892 die Ein- fühnmg des Achtfttmdeutagcs für den Bergbau gefordert. Im An- schluß daran haben wir eine Erhebung über die sanitären Zustände im Bergbau verlangt. Wir sind ferner für obligatorische Ein- führung' von A r'b e it c r-Au ssch ü ssen eingetreten. Die Klagen über das Shilleu' der Wagen sind sehr alt nnd gewiß auch nicht immer unberechtigt. Unserm Bemühen ist es zu danken, daß die gestrichenen Betrage nnd Strafen nicht in die Taschen der Arbeitgeber zurückfließen, sondern zum Besten der Arbeiter verwandt werden müssen. Es ist sicherlich noch hart geimg, daß der Arbeiter nicht selbst in den Besitz der Beträge gelangt. In Bezug auf das Änappschaftswesen kann ich dem Vorredner nicht beistimmen. Es kann bei der einheitlichen Regelung des Bergrechts tncht übergangen iverden. Die Wahlen zn den Knappschafiskaffen-Vertretuiigen müssen geheim seilt. Durch Wegzug darf der Arbeiter seine Ansprüche an die Kasse nicht verlieren. Das Stecht der Freizügigkeit darf nicht im mindesten angetastet iverden. WaS die Aufsicht anlangt, so sind wir für Vermehrung der Ans« sichtsbcamtcu stets eingetreten.' Ebenso für gesetzliche Bestimnmngc». welche dem Arbeiter eine Mitivirknng an der Durchführung der Schntzbeftimimliigen sichern. Wenn der Herr Abg. Sachse aus meiner Rede im preußischen Abgeordnetenhaus das Gegenteil herausgelesen hat, irrt er sich. Seine Eitate waren, wenn auch nicht in böser Absicht, aus dem Zusammenhange gerissen. Ich war, als die Mehrheit für die gesetzliche Mitwirkmig nicht mehr zn Haben war. wenigstens dafür eingetreten, einen praktischen. nicht gesetzlich festgelegten Versuch mit Arbeiter- Revisoren zu mächen. Wir' iverden also dem Autrage zustiinntcu. wenigstens soweit er ein einheitliches Berggesetz fordert. Daß es noch in dieser Session vorgelegt werde, dafür ist wohl leine Aussicht vorhanden.(Beifall im Centrüm.) Auf Antrag Basscrma un(natl.) wird hierauf die Debatte abgebrochen. Hieraus vertagt sich das Hans. Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr.(1. Schleuniger Antrag der Socialdemokraten auf Einstellung eines gegen den Abg. T h i e l'e- Halle schwebenden Strafverfahrens. 2. Fortsetzung der zweiten Beratung der Novelle zur Gewerbe- O r d n u n g.j Schluß öVe Uhr. Tie obligatorische staatliche Arbeitslose«- Versicherung in Basel. Aus Basel wird nns geschrieben: Der Große Jllat(Landtag) des Kantons Basclstadt hat'vorige Woche in zwei Sitznngen den Gesetzentwurf betreffend die staatliche ArbcitSloscn-Vcrsichernng durch- beraten nnd fast ohne jede Acndcriing nach der Vorlage der Koni- msssion angenommen. Danach wird bestimmt, daß alle Fabrik- sowie Bau- und Erdarbsitcr der VersichcrungSpflicht imtcrliegcn. Die übrigen Gciverbegehilfcn, Kaufleute zc. also nicht. Ausgenommen von der'Berficherimg'spflicht sind ferner diejenigen unselbständig er- werbenden Pcrioncn der erstgenannten Arbeiterkategorien. deren Lohn 1800 Fr. oder mehr im Jahr beträgt; ferner diejenigen jungen Leute unter 18 Jahren, welche ivcgcn noch nicht beendeter Ausbildung weniger als 300 Fr. im Jahre verdienen und endlich jene Arbeiter, welche zur AnShilse ans einen Zeitraum von weniger als 2 Wochen angestellt sind. Versicherungspflichtige, die bereits einer lcisttmgs- fähigen Arbcitsloscit-Kasse angehören, sind vom Beitritt zur staat- liche'n Atbcit-Zloscn-Bersichcrnng befreit. Die UnterstntznngSberechti- gnng tritt nach einjähriger Mitgliedschaft ein. Nach der Gefahr der Arbeitslosigkeit werden die Versicherten in 4 Gruppen eingeteilt und zivar in folgender Weise: 1. Die Arbeiter in den der Arbeitslosigkeit am weiügsteu ausgesetzten, dem Fabrikgefctze untersteltteit Betrieben, die nicht znnr Baugewerbe gehören; 2. die Arbeiter in allen übrigen Fabrikbctricben, die nicht zum Baugewerbe gehören; 3. die Bau- arbeitet in den der regelmäßigen Arbeitslosigkeit ain ivcuigsten ausgesetzten Betrieben; 4'. alle übrigen Bau- und Erdarbestcr, die vor- ivicgcnd ans Arbeit im Freien aitgewicsen sind und deren Arbeits- betrieb von den Witternttgsverhälwisscn abhängig ist. Der Verivalter erhält eine Jahresbesoldnng von 3500 bis 5000 Fr. Die BerwaliungSkonnuission besteht anS 9 Mitgliedern, ivovoii 5 Arbeiter und 3 Uittcmchmcr; das 9. Mitglied wählt die Negiernng. Diese ZNitgliedcr erhalten für jede Sitzung 2 Fr. Die'Einnahmen der Verstchernngsanftalt bestehen ans den Bei- trägen der versicherten Arbeiter, die' auf 87 000 Fr. pro Jahr be- rechnet sind; der Arbeitgeber(63 000 Fr.) und des Staates (30 000 Fr.). Es iverden 4 Lohnklassen mifgcstcllt. wovon die erste alle Wochenlöhne bis nnd mit 12 Fr. umfaßt; die zweite von 12 bis 18 Fr.; die dritte von 18 bis 24 Fr. nud die vierte über 24 Fr. Die wöchentlichen Beiträge der Versicherten betragen 2'/s bis 15 Cts. für die verschiedenen vier Gruppen der ersten'Lohnklaffe, 6 bis 25 Cts. der zwlÄrn. 10 bis 40 Cts. der dritten und 15 bis 50 Cts. der vierten Lohnklassc. Der Beitrag der Arbeitgeber beläust sich für jeden versicherten Arbeiter der ersten und zweiten Gruppe ans 10 Cts., der dritten nnd vierten Gruppe auf 20 CtS. wöchentlich. Der Staat trägt außer dem Jahresbeitrag von 30 000 Fr. auch noch die Vcrwaltnngskostcn. Die ArbcitSloscn-Untcrstütznng ivird nicht gewährt an Streikende; nicht an solche, die ohne berechtigten Grund freiwillig die Arbeit verlassen oder die Entlassimg selbst verschuldet haben; nicht bei Krankheit oder Unfall ec., endlich auch dann nicht, ivenn der Ver- sicherte eine ihm angebotene Arbeitsstelle ohne wichtigen Grund ab- lehnt. Während des schweizerischen Militärdienstes steht den An- gehörigen des Dienstthnenden, insofern dieser während der Zeit seinen Lohn nicht fortbezieht. ein Anspruch aus Unterstützung zu. Den Arbeitslosen dürfen keine Arbeitsstelle» angeboten werden, die durch Streik oder Aus« sperr ung frei g e iv o r d e u sind. Die Höhe der Unterstiitznng beträgt 70 Cts. pro Tag für den alleinstchenden Versicherten der 1. Lohicklaffe; 1 Fr. bis 1,30 Fr. für den verheirateten Versicherten mit Kindern; 80 Cts. bis 1.20 Fr. bcziebnngsweise 1.20 bis 1,50 Fr. in der 2. Lohnkkasie; 90 Cts. bis 1,40 Fr. bezw. 1,40 bis 1,70 Fr. in der 3. und 1 Fr. bis 1,50 Fr. beziv. 1,50 bis 2 Fr. in der 4. Lohnklasse. Die Uittcrstützung be- ginnt mit dem 4. Tage der Arbeitslosigkeit und sie wird auch für Sonn- nnd Feiertage bezahlt. Die jährliche Untcrstütznngsdancr beträgt 70 Tage. Den abreisenden Arbeitslosen kann ein Reisegeld gegeben werden. Wer über 50 Tage Arbeitslosen-Untersintzung bc- zogen hat, muß im folgenden Jahre mindestens 26 Wochen gearbeitet und Beiträge bezahlt haben, ehe er wieder nntcrstütznngsb erechti gt ist. Ueberschüsse der Jahresrcchmmg werden zur Bildung eines Reservefonds bis zur Höhe von 200000 Fr. verwendet. Stach drei Jahren soll die Regierung dem Großen Rate berichten, ob das Gesetz zn revidieren sei. In der Schlußabstimmnng wurde das ganze Gesetz mit 46 gegen 12 Stimmen angenommen. Soll eS zur Volts» abstinnnnng gelangen, so»lüffeu erst die nötigen Unterschriften für ein solches Begehren gestellt Wertteil. Unterbleibt dicS, so tritt daS Gesetz obue VolkSabstinniniug in Kraft. Es ist ein intcressantcr Versuch, der da in Basel mit der staatlichen Arbeitslosen-Bersichernng gemacht ivird. Er nnterscheidct sich sehr zn seinem Vorteil von den Versuchen, die in St. Gallen nnd Bern gemacht wurden nud von denen der erstcre ans verschiedenen Cid; üben an der Unznfricbcuheit der Versicherten selbst scheiterte. während die fakultatiuc konnnunalc Arbcitsloscn-Bcrsichcruiig ,n Bern >'war noch besteht, aber mehr vegetiert als prosperiert und' keine Be- dcutnng zu erlangen vermochtet In Basel ist die Sache geschickt angepackt und sie sollte daher hier Erfolg haben. ?en Gegnern, welche die Socialdcmokraten al-Z Gegner der staatlichen Arbcitslosen-Versicherung hinzustellen belieben, sei bemerkt, daß unsere Genossen im Baseler Großen Rate die Urheber des vor- liegenden Gesetzes sind, an dessen Beratung in allen Stadien mit- gearbeitet und auch dafür gestinimt haben. Ans dcv Ifcmmrbnvegnng. Arbcitcriitticnschnt, in wirtschaftlicher und gesundheitlicher Beziehung lautete das Thema einer TolkSverjammlung, die von der Genossin Baader für Dienstag»ach deui..Kösliner Hof* einberufen war. Der erste Referent, Reichstags- Abgeordneter E. Fischer- Sachsen, behandelte dieses Thema' vorwiegend von socialpolitischen Gesichtspunkten ans. Der Redner wies darauf hin, daß die Frauenarbeit beständig und zwar im hohen Maße und in allen Be- rufen zuuimmt und vielfach die Männerarbeit von derselben immer mehr verdrängt wird. Die Zahl der werkthätigen Arbeiterinnen ist bereits auf über Millionen gestiegen, und auch in solche Berufe ist die Frauenarbeit eingedrungen, in welchen Arbeiten verrichtet werden, die keineswegs der weiblichen Natur entsprechen. Nicht nur, daß in der Metallindustrie und beim Maschinenbau eine außerordentlich große Zahl Arbeiterinnen beschäftigt ist, auch i» der Industrie der Steine und Erden sind ca. 38 000 und sogar beim Bergbau sind über 16 003 Arbeiterinnen thäng. In den schlesischen Bergwerken kommen 7.3 Proz. der beschäftigten Frauen ans 1 Männer. Trotz der so außerordentlich schweren und anstrengenden Arbeit, die die Ar- bciterimien hier verrichten müssen, haben sie nur einen durchschnitt- lichen Jahresvcrdicnst von 236 M, im Jahre 1895 erzielt. Im Jahre 1898 ist der Verdienst ans 259 M. gestiegen. Allerdings ist diese Steigerung nicht die Folge einer Lohnerhöhung, sondern eine Folge der geleisteten Mehrarbeit, In eingehender Weise erörterte der Referent die von der Socialdcmokratie aufgestellten Forderungen zum Schutze der Arbeiterinnen und das Verhalten der Regierung und der bürgerlichen Parteien ans diesen, Gebiete. Die gegenwärtigen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiterinnen sind völlig nnznrrichrnd, zumal diese minimalen Bestimmungen ans die Hausindustrie keine An- wcndnng finden. Dieser letztere Ilmstand hat sogar dazu geführt, daß in verschiedenen Bernsen, so z, B. in der Cigarrenfabrikation, die Hans- indiistrie ganz erheblich zugenommen hat. Die beständige Zunahme der hausiiidnstriellen Arbeiter und Arbeiterinnen erfordert die Anö> dehnung der gesetzlichen Schutzbcstimmnngen ans die gesamte Hausindustrie und überhaupt ans alle, ob im Groß- oder Kleinbetrieb oder als Heimarbeiter thätigcn Personen, Die von der Socialdcmokratie aufgestellten Forderungen sind nicht nur im Interesse der gesamten Bevölkerung notwendig, sondern auch nach jeder Richtung durchführbar, wen» der Wille hierzu vor- Händen ist. Sache der Arbeiter, insbesondere der Arbeiterinnen aber wird es sein, durch soften Zusammenschluß, durch fortwährende Rührig- keil, den Forderungen den notwendigen Nachdruck zu verleihe» und die Gesetzgebung in diesem Sinne z« beeinflussen, Von gesundheitlichem Standpunkt aus behandelte Genosic Dr. E, Frendenberg das obige Thema, Auch dieser Redner beleuchtete vorzugsweise die Zustände und Wirkungen der HanS- industrie. Er schilderte, wie die schlechte ttusl in de» Arbcitsräumen, die in der Regel auch als Wohn- und Schlafränme für die Heimarbeiter und deren Angehörigen dienen, die schlechte Beleuchtung, die unzweckmäßige Heizmig und sonstigen Einrichtnugen derartiger primitiver Arbeitsräume auf die ganze Fannlie außerordentlich gesundheitsschädlich einwirlc». Hinzu kommt noch, daß in der Hausindustrie durchweg eine überaus lange Arbeitszeit vorherrscht, daß keine regelrechten längeren Pansen gemacht werd«, die zur Erholung des Körpers und wenigstens zur Verdauung der Nahrung notwendig wären. Die Ausdehnung der gcsctz- lichen Schutzbestimmmigen ans die Hausindustrie müsse aus hygienischen und sittliche» Gründen gefordert werden. Die derzeitigen Schutzbestiinmnngcn sind jedoch auch für die Fabrik- arbciterinnen vollständig ungenügend, abgesehen davon, daß auch diese noch fortgesetzt von den Unlcrnchmcrn nicht beachtet werden. Die Krankcnkassen-Statisnk hat, trotz der vielen Umstände, die ge- eignet sind, das thalsächlrche Bild zu verschleiern, doch ergeben, daß die Arbeiterinnen in der Industrie weit mehr als die Männer der Gcstiiidhcitsschlidigrmg ausgesetzt sind. Als dringende Forderung muß auch von ärztlicher Seite ein weit- gehendcrer Schutz für Sch>va»gcre und Wöchncrinnc» betrachtet werden. Die schädliche Wirtung des ungenügenden Schutzes dieser Arbeiterinnen äußert sich in der außerordentlich großen Säug- lingssterblichleit und besonders in den zahlreichen Tolgcburlc», ES ist erwiesen, daß die SänglingSsterblichkcit abnimmt, wen», wie in anderen Länden», Bestimmungen bestehen, daß die Wöchnerin bezw, Schwangere längere Zeit von der Arbeit ferngehalten ivird. Das Verbot der Fabrikarbeit für verheiratete Franc», das von anderer Seite gefordert wird, kann vom ärztlichen Standpunkt gleichfalls nicht bcfünvortet werde». Es würde keinen Vorteil, sonder» einen großen Nachteil zeitigen, denn dann würden diese Frauen m die Hausindustrie übergehen, und eine weitere schädliche Folge würde die sein, daß die Verheiratung in der Arbeiterbevölkerung noch erschwert und in späteren Jahren,' alS wie es jetzt erfreulicher- weise der Fall ist, eintreten kann. Aber umso nachdrücklicher ist das Verbot der Beschäftigung von Arbeiterinnen jeden Alters in solchen Betrieben zu fordern, die für den weiblichen Organismus besonders schädlich sind. Unterschiedslos für alle Arbeiterinnen muß die Nacht- arbeit verboten werden. Die Schädlichkeit der Nachtarbeit ist zissern- mäßig nachgewiesen und festgestellt worden, daß durch dieselbe der Körper weit mehr angegriffen und zerrüttet wird, daß mchx Krank- Herten und auch von längerer Dauer erzeugt werden, als bei der Tagarbeit. Die Einführung des 8stündigen Marimalarbettstages wird von den Aerzten durchweg als notwendig erachtet und eine kürzere Arbeitszeit für besonders schädliche Benrfe befürwortet. Für die Arbeiterinnen muß aber eine 44stündige Maximalarbcitszcil pro Woche außerdem verlangt werden, damit Soimabendnachmittag frei wird, wo die Arbeiterinnen die bäuslichen Vorrichtungen vornehmen und dann wirklich den Sonntag als freien Tag zur Erholung benutzen können. Da der menschliche Organismus sich in der Zeit vom 14. bis 16. Lebensjahre ganz besonders entwickelt, und diese Entwicklung die aanzeu Kvrperkräfte in Anspruch nimmt, so dürften weibliche Per- sonen bis zu diesem Alter überhaupt nicht berufsmäßig und im Alter von 16 bis 18 Jahren, weil in dieser Zeit die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, nur in beschränktem Maße beschäftigt werden. Nachdem der Redner noch betont hatte, daß die gegenlvärtigen Verhältnisse aus mehreren Gründen eine Ge- sahr für die Gesellschaft bedeuten, daß eine durchgreifende Aendmmg aus gesundheitlichen, socialen und sittlichen Rücksichten durchaus geboten ist. weist er ferner darauf hin, daß den Arbeiterinnen aber auch die völlige Koalitionsfreiheit gesichert und die politische Bethätigung zugestanden werden muß, damit sie selbst für die Durchführung der Schutzbestimmungen und für die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen wirken können.— Beide Referate wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Eine Diskussion hierüber wurde nicht beliebt. Nachdem die Borfitzende Frau M e s ch zum Anschluß an die getverkschaftliche Organisation aufgefordert hatte, erfolgte der Schluß der Versammlung mit einem irästigm Hoch ans die Socialdemokratie. VevsÄmmlirnsrn» Im socialdemokratischcu Wahlvcrcin für den dritten Berliner Reichstags-Wahlkreis, der am Dienstag bei Spiegel- bcrg in der Scbastianftraßc versammelt war, hielt der Recktsanwalt Victor Fränkl cineii lehrreichen Vortrag über:„Das neue Recht und die besitzlosen Volksklasscn". Er legte klar, wie durch das neue Bürgerliche Gesetzbuch wohl die Rechtseinheit hergestellt worden sei, so daß die durch Rcchtsmiglcichhcjt entspringende Rechtsumvissenheit und Unsicherheit, die besonders die besitzlosen Klassen treffe, beseitigt sein werde. Doch die wohlbcrcchiigten socialen Forde- rungen seien gnrnicht erfüllt worden. Die Entwicklung und das Anwachsen der Arbeiterklasse sei in dem neuen Recht nicht berücksichtigt morden. Es entspreche also nicht den Be- dürfnisscn der besitzlosen Klasse. Z. B. seien das Vereins- recht und das Gcsinderccht nicht in das»cne Gesetz eingeschlossen, bei den» Bcrtragsrccht gelte der unsinnige Ebenbürtigkeits-Stand- Punkt der wirtschaftlich Schwachen und Starken; einige wenige Bestimmungen stellen einen Fortschritt auch zu Gunsten der Frauen dar. Im ganzen aber sei das Proletariat wenig berücksichtigt und müsse daher suchen, sich durch kraftvolle Organisationen seine Rechte zu erkämpft». Dem mit Beifall aufgenoinnienen Vortrag folgte ein Hinlvris auf den Familicnabcnd,' der am 10. Dezember statt- finde» soll. Die gesetzliche Ladciischliiffstnudc, wie sie von der Reichstags- kommission vorgeschlagen wird, führte zu lebhaften Debatte» in einer am Dienstag abgehaltenen Versammlung des Bundes der Handel- und Gewerbetreibenden. Diesem Bunde gehören 26 Vereine von kleinen und mittleren Geschäftsleuten der verschiedensten Branchen an. Die einzelnen Vereine haben sick bereits teils für, teils gegen de» obligatorischen Ladenschluß ausgesprochen. Ebenso geteilt waren auch die Ansichten, welche die Mitglieder des Bundes in der übrigens mir von ctiva 100 Personen besuchten Versammlung vertraten. Mit großem Eifer, aber mit recht kleinlichen und engherzigen Argumenten traten cinige Redner pcgcn jede gesetzliche Beschränlnng der Verkauf?- zeit, wenigstens soweit die Person dcS Geschäftsinhabers in Frage kommt, ein. Diese Herren thateu so. als ob der Ladenschluß um 9 Uhr nicht»nr ihre» persönlichen Ruin, sondern auch die Vernichtung des gesamten.HandclsstandcS zur Fol�e haben würde. Andrerseits machten sich aber auch einsichtige Geschäftsleute bemerkbar, die uiilMiwniidc» erklärten, daß die gesetzliche Festlegung der Ladenschlnßstuude für die Gewerbetreibende» keinen Nachteil halft, sondern ihnen vielmehr eine schiilichst zu wünschende Ruhezeit bringe, auf die sie jetzt mit Rücksicht auf die Konkurrenz leider vcr- zichten niüßten. Nachdrücklichst wiese» diese Redner darauf hin, daß die Sonntagsruhe seinerzeit von den Geschäftsinhabern ebenso heftig bekämpft worden sei, wie jetzt die Ladcnschlnßstunde. Die Sonntags- ruhe habe aber keinen geschäftlichen Nachteil gebracht, sie sei viel- mehr«in wahrer Segen für die geplagten kleinen Geschäftsleute. Im vorigen Jahre habe sich thatsächl'ich gezeigt, daß die Be» schränkung der Sonntagsruhe an den Sonntagen vor Weihnachten nur den großen Warenhäusern, aber nicht den kleinen Geschäften zu gute komme. Man werde sich auch an die gesetzliche Ladenschluß- stunde gewöhnen und dieselbe als eine segensreiche Einrichtung schätzen ierncn. Kommerzienrat Lissaner, der'Bundesvorsitzende, er- klärte, daß der Bund, angesichts der geteilten Meinung seiner Mit- glicder, keine principicll'e Stellmig zur Ladenschlußfrage nehmen wolle. Aber der Bundesvorstand fühlte sich jedenfalls verpflichtet, in dieser Frage irgend etwas zu thun, und daher empfahl er einen Antrag, wonach der Bundesrat ersucht tvird, bevor er der gesetzlichen Ladenschlußsiundc seine Zustininning giebt, eine Konferenz von Ver- tretenr des Kleinhandels, mit besonderer Berücksichtigung der kleinen und mittleren Gewerbetreibenden, einzNluirnfen, um deren Gutachten über die Frage des Zwangsladenschlusses zu hören.— Dieser An- trag wurde denn auch angenommen. Em anderer Antrag des Vorstandes, der den Reichstag ersucht. für den Fall der Annahme des gesetzlichen Ladenschlusses den Ge- fchäften, ivelche mit Waren für den täglichen Bedarf handeln(Lebens- mittel, Eigarren k.) zu gewähren, daß sie mindestens eine Stunde länger offen halten dürfen wie andere Geschäfte, wurde abgelehnt. Eine stark besuchte Versammlung der Bauarbeiter tagte am 26, November bei Cohn, Bcuthstr. 20, um Stellung zu! nehmen zur Lohnbewegung. Roack erläuterte das Sammclwescn zum Streik- fondS und forderte die Kollegen ans, so lange zum Streikfonds zu sammeln, wie sie in Arbctt stehen. Mehrere Diskussionsredner stimmten als zu und wurde befchlossen, bis zum 24. Dezember zu sammeln und im neuen Jahre sofort wieder zu beginnen. Hierauf tvnrde die Regclnng der Unterstützung bei Streiks und Aus-. sperruugen vorgenommen, und ivnrde ans Antrag der Lohnkommission beschlossen, daß diejenigen Kollegen, ivelche weniger wie sechszehn Marken geklebt' haben, eine Unter» stützung von 10 M. pro Woche»nd für jedes Kind 1 M. erhalten sollen und diejenigen, welche 16 Marken und darüberhaben, die volle Unterstützung erhalten. Betreffs der Einzichnng der Streikfonds-Beiträge tvnrde bc- schlössen, vom nächsten Jahre ab in allen Stadtvierteln Beitrags- sanmilcr zu bestellen,«in so die Sonntagsarbeit der Kommission aufzuheben. Die Mittagspause des Bureaus der Lohnkommission wurde von 1—3 Uhr ftstgefttzt, um Gelegenheit zu geben, die Rechte der Bauarbeiter besser wahren zu können. Weiter beantragt die Lohnkommission, das Strcikgebiet zu er- wcitern, da sich in nächster Nähe von Berlin große Mißstände heraus- gestellt haben und die Kommission bei der jetzigen Einteilung keinen Druck ans die Untcrnelnner ausüben kann. Nach längerer Diskussion ivnrde beschlossen, das Streikgebiet soweit auszudehnen, wie das der Maurer. Unter Verschiedenem erläuterte Kollege Gntsch das Wesen der Ballarbeiterschutz-Koimnission und forderte die Kollegen auf. den Controlenren bereitwilligst Rede und Antwort zu stehen. Als Revisor ivnrde Siclniann gewählt. Nachdem der Vorsitzende zu regem Abonnement auf den„Vorwärts* aufgefordert hatte, wurde die Versammlung geschlossen. Acuffcrst zahlreich besucht war die Versammlimg, welche der Socialdcmokratische Verein zu Schöncbcrg am Montag veranstaltet hatte. Der Saal des Klubhauses in der Hauptstraße konnte die Menge der Besucher kamil fassen. Die Anwesenden folgten mit regem Interesse dem Vortrage des Genossen Bebel, der über die Ziele der Socialdcmokratie sprach und unter lehhaster Zustimmung darlegte, daß ivir unser Zukunftsideal ohne besondere Schwierigkeit erreichen würden, ivenn nur alle diejenigen, ivelche ihrer Lebens» läge nach Proletarier find, die also kein Interesse an der Erhaltung der heutigen Zustände haben, ans unserer Seite stehen.— Räch dem zweistündigen, mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrage Bebels ergriffen»och cinige Schönebergcr Parteigcnoffen das Wort, um nntcr Bezugnahme ans die Darlegungen des Referenten zum Eintritt in den Verein aufzufordern. Die Versammlung hatte den Erfolg, daß sich 11 neue Mitglieder aufnehmen ließen. Die Vau-Anschläger Berlins und Umgegend hielten am Dienstag im„Elysium* eine öffentliche Versammlung ab. Die Lohnkommission erstattete Bericht über ihre bisherige Thätigkeit. lnf eine Anfrage gab dieselbe noch bekannt, daß bis heute leider erst 350 Streikkartell ausgegeben seien, und crmahnte sie die Kollegen, recht rege fiir unsere Lohnbewegung zu agitieren. Hierauf wurde beschlossen, den seit 1895 bestehenden Lohutarif zur Aneriennung zu dringen. Der Tarif soll Anfang 1900 in Kraft treten und wurde die Lohnkommission beauftragt, dahingehend mit den Meistern in Ber- bindnng z» treten. Der Beitrag zur Streikkasse wurde sodann vom Dezember ab aus wöchentlich' 30 Pf. ftstgefttzt. Verband deutscher Barbiere, Friseure und Perrückenmacher tZweigverein Berlin), Donnerstag, den ZV. d, M., abends lO'/j Uhr, bei Schiller, Roiciithalcrslr.»7: Bcriaiimiluug. Moabit. Pente abend 8>/z Uhr spricht Frl. M. Kube w AhrenS' Brauerei, Turmsir. 26, über: Die Aufklärung des Voltes über die Kurpfuscherei!— Welcher? Der iiiedizinlschen oder der natur- heilkimdltchcn?— Allen Freunden und Bekamiteu die traurige Nachricht, dab unsere Herzens. gute Aiutier Ilölb ftuiHne Slropliff geb. Casprkeh am 29. November im 52. Lebensjahre nach kurzem Krankenlager sauft ent- schlafen ist. Dies zeigen tiefbetnibl an Tic trauerndeit Kinder. Die Beerdigung findct am Sonntag, den 3. Dezember, nachm. 3Vi Uhr, vom Lazarus-Kran teuh. nach dem Friedens- Kirchhof in Nieder-Schönhausen statt. Am DienStagnachinittag 5 Uhr ver- starb nach turzem Leiden unsere gute Mutter Hermine Rosin geb. Lindow im 67. Lebensjahre am Gehirnschlag. Die Beerdigung findet am Freitag, den 1. Dezember, nachm. 3l,'o Uhr, von der Leichenhalle der Änadengemeiude, Barfuhslrabe, ans statt. Ilötb Geschwister Rosin. Willig! Maurer! Ten Mitglicdcm deS Vereins zur Wahrung der Jutrrcjscu der Maurer Verliiis und Umgegend zur Kenntnis, daß das Mitglied Carl Tain in, wohnhait Fürst wberger-Straßr Nr. 6, am Dienstag, den 21. d. M, infolge eines TwahenmisallS verstorben ist. Die Beerdigiuig findel beute, Donners- »ag l1/, Uhr, vom Leichriischauhaui� Hauuoverichcstraije, aus statt. Um rege Beteiligung bittet 130.3 Der Vorstand. Tode»*- Anzeige. Räch schwerem Leiden entschlief sanft im 49. Lebenssahr weine liebe Frau und glltc Mutter Ilvsb Emilie Hinz �»m». Die Beerdigung findet am Sonntag, den 3. Dezember, nachmittags l>/, Uhr, von der Leichenhalle des Hciiig Kreuz- Kirchhofes in Martendorf ans statt. Tie trauernde» Hinterbliebenen Lndwig Hinz nebst Tochter tafen- dtt Schneider. Unser Mliglied I?. Smyrek ist am 27. November gestorben. Die Beerdigung findet am Freitag! nachmittag am 4 Uhr ans dem St. Sebastian-Äirchhos in Rcinicken- darf statt. 167,9 Tie OrtSverwaltuug. SrHdjhoIjIm,** ad Play Scheffel 5V Pf. /> T.kiiebsr, Ostbahn, Brombergersir.14d. Orts-Krankenkaffe . für die in den Geschäftsbetrieben der An- walte, Notare u. Gerichts- Vollzieher, d. Krankenkassen, Bcrufsgenofsenschaftcn und Bcrficherungsanftalten be- schäftigt. Personen z. Berlin. Bekanntmachung. Der Kasseilvorstand hat sich in seiner leylen Sitzung wie folgt komtituUrt: 11576 Schwerdtner, Vorsitzender, Voigt, stcllvertr. Vorsitzender, Go 1 o in k lo wski, stellvertretend. Schriftführer. Herr A st o r ist seines Amte? alS Vorstandsmitglied enthoben. Berlin, den 23. November 1S9S. Hei» Vorstand. Schwerdtner, Vorl. Zwerg, Schnfts. Donnerstag, den sO. November, abends 8 Uhr: 1/20 2 Volks- Versammlungen, I. bei Keller, Koppenstraße 39» Referenten: ReichStagS-Abgcordneier Gcnoffe Holkcnbuhr, Genosse Dr. med. Friedeberg; 2. in Habels Brauerei, Kergmaunstraße, Referenten: Reichstags-Abgeordneter Genosse Rosenow, Genosse Dr. med. Zadek. Der Arbetttmntnschntz in WittschnstliAru. gesundhettllcher Miehnng. Zahlreichen Besuch dieser Versammlungen crwarict__ Hie Vertrancnsperson._ H. Grupes Tanz-Institut, Annenstr.lS(früher Klubhaus). Soiiiitags-Kiirsus per Monat 3 M., Dicnstagabend-Kiirsiis p. Monat 4M. Säte und VereiiiSzimmer flw Ver- sammlnngcii«. Festlichkeiten.[29721!* Gesellschartshnus H nrri-(W awh«»« „nUlU Uai, Cust Brochnow. 17, Webcrstr. 17. Femfpr. VII, 1663. ca. 1000 Pers. fassend.— Weihnachts- F eiertage zur Matinee, Sonnabend, 6. Jan., 17. März AM- frei.-MB f°"f TeilBlüng, l J. Kellermann, Pn'timnfr ll? zwischen Ritter» ynnjtll|lu al, ,1. Wafferthorstr. Künstliche Zähne. 3 M. an, vor- züglich, setzt schmcrzl. em. Plonchicreii, ichmerzl. Zahnzichen, Zahnschm. bes. Reg. sof. Goldsteiii, Oranienftr. 123. JellAerHolDriieittt-Terliggd. Sonntag, den S. Dezember, vormittags 1« Nhr: Ausserordentliclie General-Versammlung bei Herr« Keller, Koppeustraste Rr. 29. Tagis-Ordiiung: 279/3 I Tie Dlschler-Zwinigeinnung. Neferent? Robert Sebmldt. 2. DtSknffion. 3. Nomlniernng des tSesellenansschnsseS. 4. Die Gau- tonscreuz Wahl der Delegierten zu derselben. Tie Kollegen werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. IM- Eintritt nur mit Mitgliedsbuch.-MA ____ Tie Ortöverwaltnng. s. Bekantttmachttttg. Orfs-Krankenkasse der Gürtler. Am Montag den 4. Dezember d. I., abeudS 7V, Uhr fuiict Naunhn- itrastc 47 für die gromährigen Mitglieder der OrtS-Krankenkasse der Gürtler eine Borvcrsammlnng behufs Ausstellung der Kandidaten zur nächsten Dclegicrtenwahl statt, wozu ergcbenst einladet Der Borstand. IM- c.uittl»igöl»ich legitimiert.-MW 138/6 Arbeiter-Bernlsartikel«.Wäsche ausschltehlick eigenes Fabrikat.— Specialität: Arbeiter- Berufskleidung: Blau Köpcr-Jacken M. 1,65, steigend je nach Grobe um 10 Pf„ blau ieu, in allen Längen, M. 1,65. Arbeiterhemden, Bluse«, Maler- Köper-HoMW�W I tittrl u. Monte« rhrmden. D. Wurzel& Co., Wrangelpr. 17 5000 Pfund prima frische ZBUCIGI* nur Donnerstag, Freitag und Sonnabend d. W. pro Pfund 40 Pfennig. Lebende Karpfen.,.,»»», pro Pfund 70—80 Pfg. „ Hechte»»..»,»»»„„ 70— 80„ Prima frische Kiskarpfcn.......„ 50—60„ „„ Ei«hccnte......„„ 50-60„ „„ Harhncn„„ 40 � AU« anderen Pischsorten in reichster Aaswahl AM- zn Ansnahme-Prelzen-WA nur Dragoner-Strasse No. 16. Otto Gundermann. Max Kliems Ha Zur Mitteilung, daß ich meinen«««cn Festsaal. Hasenheide 13, circa 1500 Personen fassend, am 1. Weihnachtsfeiertag eröffne. Stelle den- fekben den geehrten Vereinen, Gesellschaften zc. zu Festlichkeiten zur Ver- fügung. Gleichzeitig empfehle meine übrigen Festsälc zu Bersammlungen und Festlichleiten jeder Art. Einige Sonnabend» sind noch zu vergeben. 2S24L« Slax KUem. 8Mie bcii Inhalt der Inserate iiberiiiiiiint bie Rebattion bem Piiblikmii gefteniiber keinerlei Veraiitivortnng. CflCftfC«. Donnerstag, 30. November. Opernhaus. Fidelo. Anfang 7»/z Uhr. Schauspielhaus. Schlaraffenland. Anfang 7>/z Uhr. Deutsches. DerProbekandidat. An- sang 71/2 Uhr. Lesjiug. Als ich wiederkam.,. Anfang 7>/2 Uhr. Berliner. Die Herren Söhne. An- fang 714 Uhr. Schiller. Die JuugftaU von'Orleans. Aiifang 8 Uhr. Neues. Ein llnbeschriebenes Blatt. Anfang 7-/- Uhr. Westen. Der Barbier von Sevilla. Anfang 71/2 Uhr.- Thalia. Der Platzmajor, Anfang 7-/2 Uhr. Residenz. Busch und Reichenbach. Vorher: Die Richtige. Anfang 7-/2 Uhr. Luise«. Molly Carrö. Anfang 8 Uhr. Central. Die Geisha. Anfang 7V* Uhr. Carl Weih. Heimat. Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelnistädtisches. Ein gesunder• Junge. Anfang 8 Uhr. Vietoria. La Roulotte. Anfang 8 Uhr. Belle- Allianee. Gastspiel des Schlierseer Bauern- Theaters. Liserl vom Schliersee. Anfang 8 Uhr. Metrvpol. Specialitäten- Vor- stellung. Rund nm Berlin. Anfang 71/2 Uhr. Apollo. Spccialitiiten- Vorstellung. Anfang 7l/z Uhr. ReichShallen. Stettincr Sänger. Anfang 8 Uhr. Palast. Susanne im Bade. Speciali- täten-Vorstellung. Auf. 8 Uhr. Passage> Pauopittiii». Speciali täten-Vorstellung. Urania. Jilvalibenstr. 57/02. Täglich abends von b— 10 llhr: Siernwarte. Tandenstr. 18/4». Im Theater Der Sieg des Menschen über die Natur. Anfang 8 Uhr. Nachmittags 4 Uhr: Professor Dr. Nernst aus Göttiiigen:„Die CenkLKl Theskev Direktion: loti Ferenczy. Die Geisha. Anfang y28 Uhr. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Sonntagnachmittag Z Uhr zu halben Preisen: Der Zigennerbarou. Von Johann Strauß. Vdslia-Vdeater. Tel. Amt IVa 6440. Dreedenerstr. 72/73. Der Platzmajor. Thomas, Thielscher, Helmerding, Jnnkermann. Im 2. Akt: Gr. Mntoskop- Terzett. Anfang 71/2 Uhr. Morgen und folgende Tage: Der Platimajor. .Amenan-Tkatei'. Dresdenerstr. 96. Dir.: Emil Schnabl. „Berlin nlkt!" Gastspiel des preisgekrönten Natur- fängers llnAaR» SV 12 Glaiizninilmern."NE Anfang 8 Uhr. Kaffcnervsinuilg 7 Uhr. Carl W eiss-Tlieater «lr. Franksnriersiraste 152. Gastspiel d. rnssischeli Hofschanspielerin Elisabeth G 0 r e w a. Nur einige Aufführungen. Heimat. Schauspiel i. 4 Alten v. H. Sndermann. Regie: Rod. Wach. Anfang 8 Uhr. Borzugsbillets haben Gültigkeit. Im Tunnel v. 7 Uhr an Frelhonzert, Morgen: Dieselbe Borstellung. Sonnabendnachm. 3�2 Uhr: Kindervorstellung. Kleine Preise. Aschen- brödel. Zaubermärchen mit Gesang von A. v. Hahn. Entwicklung des Wesens". Selcuchungs- Llhilltl'Chelitel' tWallner-Theater). Donners tag, abends 8 Uhr: Hie«rrnixfri»» von Orleans. Romantische Tragödie in 1 Vorspiel und b Allen von Friedrich Schiller. Freitag, abends 8 Uhr: Oz-prienne. S 0 n n a b e n d, abends 8 Uhr: O.yprlenne. Apollo-Ideilter. Nur noch wtllige Tage: Frau Lima daid dem Luftballett„Grlgolatis". Anfang 71/2 Uhr. Vorverkauf t ä g I sc h Im Theater, beim„KUnstlerdank", Unter den Linden 69, und beim„Invaliden- dank', Unter den Linden 34 I. Palast-Theatep früher Fccn-Palast, Burgstr. 22. Den grösiten Lacherfolg hat zum 04. Male die unverwüstliche Gesaugsposie Susanne im Bade. Donnerstag: Abschiedsvorstellung des Meister-Hochtnrner-TrioS SV Vasllescu"Nß der Akrobatentnippe Alberti» Francis Era, Kästorfs. «eorxette Onval usw. usw. Auf. 71/2 Uhr. Kassenöffnung O'/z Uhr: Billet-Vorverkanf von 11— 1 Uhr. Sonnabends: Nach der Vorstellung: Gesellschaftsabend und Tanz. D�'VvrzugSkarten stnd gültig- Freitag: Neues Programm Urania Tanliciisfrassc 48/4!l. Im Theater um 4 Uhr: Prof. Dr. Nemst-Gröttingen:„Die Entwicklung des Beleuchtungs- wesens". Lfm 8 Uhr abends: Der Sieg ,Ie» iflenschen ttber die Matnr." Hörsaal; Prof. Dr. Mllller:„Herzgifte im täglichon Gebrauche". Invalidenstr. 57/02: Sternwarte. Nachmittags S— 10 Uhr._ Maehrs Theater Oranlenstr. 24. Unser Helgoland. Liederspiel in 1 Akt von O. Wagner. Musik von Rich. Thiele. istlr. Canon, der Phänomen. Kraft- tunier. Elsa. Messer, die famose Soubrette, und andere Specialitäten. W. Hoacks Theater, Brnnnenstraße 16. Der Raub der Sabinerinnen. Schwank in 4 Akten von Franz und Paul v. Schönthan. Jeden Soiintag, Dienstag und Donnerstag nach der Vorstellung: Tanzkränzchen._ ietropol-tater. Behrenstr. 55/57. Dir.: Rich. Schultz. Telephon Amt I. 2126. • Lebte Woche.< Das pjjc teilte Specialitäten-Prograiim Knud um Berlin. Freitag, de» 1. Dezember: Liane de Vriäs. Siepiund Steiner. nnd IO brillante Debüts. ■Passage-Panopticu.' Xcn! Anatomisch. Museum. Passage" ' Theater. Heute Benefiz für das Ehepaar Jean u. Emmy Crasss zum Abschluss sein. s. 12 Jalrr. glänz, durchgef. Künstlerlaufb. ODkns Bosch. Donnerstag, 20. Nov., abends 7t/, Uhr: Zum 20. Male: Die Eamorri»! Bon der gesamten Presse als d. gröhte u. imposant. Sensations-Schaustück d. Jahrhunderts anerkannt. Außerdem: MißLala Lee, Schulreit. Rittertumiere d. Mittelalt. Signor Btoglia ni. s. dress. Affentruppe. Die berühnit. 16 Hengste d. Dir. Busch. Clown Daniels.— Morgen, Freitag, abends 71/2 Uhr: Große humoristische Vorstellung. Sonntagnachmitt. 4 Uhr: Signor Moglia, Affenkuppe, und Olympische Spiele. " CASTANS■■ PANOPTIGUM Präsident von Transvaal „Ohm" Krüger und General Joubert mit kriegsgferüsteten Boeren. Eine Gruppe von aktuellstem app In nteresse! Sanssouci Kottbnscrstr. 4 a. Täglich außer Sonnabend: Hoffmanns Norddeutsche Sänger. Heute:- Die letzte Fahrt. Morgen: Die teilte Fahrt. Ä Cirons{ Alb.Schumann Grösster etiuesluisclici' cirmis el«:t> VVt H; . iirus ri'/ioi'irtM Cibcus Renz Heute, Donnerstag, den 39. November, abends präc. V/, Uhr: Erstes Debüt d. Parforeereiteri» a la Cavalier(im Herrensattel) Mlle. Tlan.ja Dartonslra, springt mit ihrem Pferde 2 Meter hohe feste Barrieren(bis jetzt noch von keiner Dame gezeigt). Ferner: Kolossaler Brfolg! Der erste Schlager der Saison: Der schwarze null her weitze Ititter. Größtes und interessantestes Ritter s ch a» stück IK aus dem 14. Jahrhundert. Die phänomenalcn drei Amerikaner Andrea— Golden— Haeton. Täglich Auftreten der Original- Isaemai-Eleesan. ReichShallen. ' S tettiuer Sänger. Zum Schluß, neu: „Tenoristen- Bogel". Ensemble v.Mensel. Ans. präc. 8 Uhr. Mnar?! Louis Wolff wohnt seit 1892 11406 nur MUllerstr. 1, 1. Freie Volksbühne. Sonntag, den 3. Dez., SV4 Ehr: 2 Vorstcllnngen. 1. Abteilung Eessing-Thcater;„Dinna von Barnhelm". IV.„ Carl Welss-Theater:„Winterschlaf". Pünktliches Erscheinen wird den Mitgliedern zur Pflicht gemacht. 231/20 Der Torstand. I. A.: G. Winkler, Morgen, Freitag, den 1. Dezember er., abeubs 8l/3 Uhr: Gr. Frauen-Vortrag im Südosten bei Grmimann, Naunhnstraste 27. über: As mm M stee«lim»? vom prakt. Naturheilk. Ornndmann. Nur Frauen willkommen. Für 20 Ps. eine Broschüre. Unsere neue Nawrhcilanstakt nnd Geschäftsstelle Ist jetzt Köpnickerstrasie 72. Nähe Brückenstraße. Sprechst. von 11—2, 6—8, Sonntags 11—12. Berliner Tereln für Tatnrh eil verfahren. Vom 1. Januar 1900 eingetragener Verein._ <7nlinn QU 10 Juhre Garantie. Vollkommen schmerzloses Zahn- EOlinC L II» ziehen I M. Plomben. 1, 50 M. Tellz. wöchentl. 1 M. Zahnarzt Wolf, Leipzigerstr. 130. 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Meldungen unter Borlage von Probearbeit bei Orgler& Fidölmann,Kurslraße 47/48, 3 Treppen. 1112b 50 Cigarettcn-Arbeitennncn sofort gesucht, CigarettenfabrifJosetti. 178/9* Schirmuälieriiinen erhalten dauernd lohnende Arbeit. Lichtenstein n. Co., Bischofftraße 19. 138/2* gm Arbeitsniarkt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen koste» 40 Ps. pro Zeile. W» Holzarbeiter! Der Streif bei.Abels& Co. dauert fort. Millg! Drechsler! In den Alabasterwarenfabrifen von Habilt n. Comp.. Sebastianstr. 6l, Goldschmidt n. Comp.. Ritterstr. 40, Raffett ii. Fleischer. Britzerfir. 7, haben ftiuitlidie Drechsler wegen Differenzen die Arbeit niedergelegt. Zvzug feruhalten. Die Ortsverwaltnug. Verantwortlicher Redactcur: Paul �john in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Jt. 280. 16. Iahrgmz. Z Kommunales. Gleichleguug der Schulferien. Infolge verschiedener Peti- tionen von Bezirksvereinen um Gleichlegung der Ferien der Gemeinde schulen mit denen der höheren Lehr- a n st a I t e n stand dieser Gegenstand in der heutigen unter Vorsitz des Stadtschulrats Dr. Bertram stattgehabten Sitzung der städtischen Schul-Deputation wieder zur Vorberatung. Nach eingehender und langer Debatte wurde beschlossen, die Gleichlegung bei den betteffcnden Behörden zu befürworten. Der Stadtverordnete Kalisch in Gemeinschaft mit noch 13 Mitgliedern feiner Fraktion hat in der Stadtverordneten- Ver- fammlung folgenden Anttag eingebracht:„Tie Stadtverordneten- Versammlung ersucht den Magistrat, mit ihr in gemischter Depu- tation über die Reform des Reglements der F e u e r- S o c i e t ä t zu beraten."_ Dokalvs- Die städtische» Arbeiter und das VereinSwesen. In dem Verwaltungsbericht der städtische n Straßen- reinigungs-Deputation pro 1898/99 wird bei Erwähnung der Alters- und Jnvaliden-Ver sorgung der Straßen- reinigungs-Arbeiter erzählt, daß die alten Arbeiter, ivenn sie wegen Arbeitsunfähigkeit e n t l a s s e n werden,»in den sei- tensten Fällen über den Zweck der Quittungskarten und ihre Rentenberechtigung eine Vorstellnng habe it.* Es müsse ihnen regelmäßig erst genau gesagt werden, welche Ansprüche sie zu machen haben, was sie dabei zu thun haben zc.; „ohne diese Information würden die Invalidenrenten sehr häufig nicht erhoben werden*. Das erklärt sich daraus(sagt der Bericht), daß diese Arbeiter„sich wenig um das Vereins wesen kümmern, sondern sich eher und mit besserem Er- folg auf ihre Verwaltung verlassen.* Der letzte Satz soll vermutlich ein Kompliment für die be- treffenden Arbeiter sein, thatsächlich ist er aber ein K o m p l i ni c n t für die Arbeiterorganisationen. ES trifft durchaus zu, daß diejenigen Arbeiter, die sich um das VereinSwesen küupnern, über ihre Rechte besser unterrichtet sind als die anderen, die den Organisationen fern bleiben. Wenn aber der Verfasser des Berichts die Unkenntnis der gegen das Vereinsleben gleichgültigen Arbeiter „eine eigenartige Erscheinung* nennt und den betreffende» Satz zun: Zeichen seiner Verwunderung mit einem Ausrufungszeichen versieht, so möchten wir zum Zeichen unserer Verwunderung über seine Verwunderung ein zweites Ausrufnngszeichcn dahinter setzen. Man giebt sich ja in der städtischen Verwaltung— und nicht nur bei der Straßenreinigung, sondern auch in anderen Vcrwaltungs- zweigen— alle erdenkliche Mühe, die städtischen Arbeiter von den Organisationen fernzuhalten. Man sucht ja auf jede mir mögliche Weise zu verhindern, daß sie über ihre Lage und über die Mittel und Wege zur Besserung derselben auf- geklärt werden. Daß die Arbeiter, bei denen die Verhinderung gelingt, dadurch nicht klüger werden, das ist keine„eigenartige*. sondern eine längst bekannte und sehr selbstverständliche Erscheinung. Die Direktion der Straßcnrcinigung jamnicrt übrigens nur dann über die Unwissenheit ihrer von dem Vereinöleben fern- gehaltenen Arbeiter, wenn ihr diese Unwiffenheit, wie in dem vor- liegenden Falle bei der Erhebung der Invalidenrenten, Scherereien verursacht. Sie hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, wenn solche Arbeiter auch über ihre Lohn- und Arbeits- Verhältnisse im unklaren sind. Das ist ihr sogar sehr erwünscht, und sie giebt sich, wie gesagt, alle Mühe, sie dauernd in Unklarheit darüber zu erhalten. Die Arbeiter sind ja dann um so leichter davon zu überzeugen, daß sie„sich eher und mit besserem Erfolg auf ihre Verwaltung verlassen" können. Nachklänge vom antisemitischen Stichwahl-Siegc. Ein Ketzergericht soll, wie uns mitgeteilt wird, in einem Moabiter Kriegerverein abgehalten werden. Zwei freisinnige Mitglieder dieses Vereins hatten sich nämlich unterstanden, ein Flugblatt zu unterzeichnen, das zur Unterstützung unseres Parteigenossen Glocke aufforderte. In einer Zusammenkunft, die die antisemitischen Sieger am Montagabend in einer Wcinkncipe in der Stendalerstraße ab- hielten, wurde nun den beiden Sündern arg der Text gelesen. Ein Redner sagte: „Nie und nimmer dürfen wir Mitglieder in unserem Verein dulden, welche in hochverräterischer Weise das Ansehen und die Ehre unseres Kriegervereins mit Füßen treten. Das eine kann ich Ihnen sagen, meine Herren, komme ich einmal in die Lage, zwischen Freisinn und Socialdemokraten zu wählen, dann ziehe ich mir lieber den Socialdemokraten vor, welcher, zu seiner Ehre sei es gesagt, stets und jederzeit als charakterfester Gegner uns gegenüber tritt, während sich der Freisinn in der jämmerlichsten und geradezu erbännlichsten Weise gezeigt hat!" Wir können dem Freisinn. dem in solcher nicht ganz im- verdienten Weise der antisemitische Dank abgestattet wird, unser Mitleid nicht versagen. Von de» Gegnern des Kinderschutzcs. Ein Bäckenncister R. R e u e n d o r f beschwört in einem von ihm in der„Bäcker- zeitung* veröffenilichcn Aufruf„den Stadtverordncten-Ansschuß für Aushebung der Kinderarbeit", doch ja nicht den verderblichen Neuerungen zuzustimmen. Auf die Argumentationen dieses Herrn, die darin gipfeln, daß die Folge des„Müssiggangs" der Kinder„in den vielen jugendlichen Verbrechern, Spitzbuben, Zuhältern und sogar Mördern zu Tage trete, lohnt es sich nicht einzugehen, wenn sie auch so ziemlich die Anschauung der Allgemeinheit der Bäckermeister wicder- spiegeln mögen. Nur auf eines sei hingewiesen. Herr Neuendorf „konstatiert", daß die Kinder beim Zeitungaustragen auch v o in ,. V o r w ä r ts* weit mehr ausgenützt werden als in den Bäckereien. Das ist, gelinde gesprochen, ein Irrtum des Herrn Bäckermeisters. In der Porteispedition des„Vorwärts* werden grundsätzlich keine Kinder beschäftigt und sind auchnie welche beschäftigt worden. Allerhand von der Verknutung des Geistes. DaS Direktorium der akademischen Lesehalle beschäftigte sich gestern abend mit einem Antrage des s o c i a l w i ss e ns ch a f t li ch e n Studenten- Vereins, welcher dahin ging, die Lesehalle an den Sonntagnach- mittagen für jedermann unentgettlich zu öffnen. Den Beamten der Lesehalle solle diese Erweiterung keine Mehrbelastung bringen; der Dienst würde von Studenten übernommen werden, die sich freiwillig erboten hätten, während jener Zeit die Aufficht zu fiihren. Der An- trag wurde abgelehnt, da man fürchtete, das Lokal würde dadurch zu sehr abgenutzt werden.(Als ob von der alten, halb baufälligen Baracke noch etwas abzunutzen wäre. Die Baracke ist doch kein— Rathaus! Red.)— In derselben Sitzung wurde auch ein Schreiben des Rektors der Universität verlesen, in welchem er mitteilte, daß das cmcute Gesuch des Direktoriums, die Sociali st i scheu Monatshefte auslegen zu dürfen, ab- gelehnt sei. Flottenagitatio» in den Schulen. Uns wird geschrieben: Das königliche Wilhelms-Gymnasium zu Berlin. Bellevuestr. 15. hat sich endlich entschlossen, seine öden Kaserncnzimmer künstlerisch auszu- schmücken. Die Rännilichkeiten sind überschwemmt mit einer großen Zahl von Flotte»Plänen, auf denen der Bau eines Kriegs- i!tS„Wmiick" schiffes in technischen Bildern dargestellt ist. Der Schmuck ist um so künstlerischer, als sämtliche Pläne einander gleichen. Abgesehen da- von, daß der ästhetische Sinn der Schüler wirklich einer besseren Er- ziehung wert ist, hat eine derartige Propaganda denn doch selbst in einem Gymnasium seine sehr bedenkliche» Schattenseiten. Ueber daS Streikposten-Urteil deö KainmergerichtS schreibt die konservativer Anschauung zuneigende„Tägl. Rundschau": „Man sieht also, wie außerordentlich einfach die Sache zu machen ist und wie wenig es eine findige Regierung nötig bat, sich mit einem renitenten Reichstag um gesetzgeberische Vorlagen herumzuzanken. Man bedarf zu der ganzen Sache nur eine's Schutzmanns, der einfach verbietet, was den Machthaber» aus irgend einem Grunde nicht paßt. Wer dann nicht gehorcht, wird verurteilt, denn selbstverständlich kann doch,' was die hohe Polizei verordnet, nur im Interesse der öffentlichen Sicherheit, des Verkehrs usw. liegen. Die Frage zu stellen, ob wirklich die öffentliche Sicherheit oder der Verkehr gefährdet gewesen, kommt dem beschränkten Sinn des einfachen Staatsbürgers nicht zu. Hin und wieder giebt eSzwar bei uns noch übelgesinnte Leute, die wirklich meinen, daß die Ge- richte gerade in solchen Fällen die persönlichen Rechte gegen P o l i z e i w i l l k ii r zu schützen hätten, und daß doch'das an einen einzelnen Menschen gerichtete Verbot des Auf- imd Abgehcns auf einer Straße nur aufrecht erhalten werden könne, wenn es wirk- lich gesetzlich begründet oder im Interesse der Ordnung notwendig sei.' Wir werden gut thun, solche Erinnerungen an den Begriff des fogenannten„Rechtsstaats* uns allmählich abzugewöhnen. Wenn ein Volk durch seine Vertreter in so ruchloser Weise die Wohlthaten einer Zuchthausvorlage ablehnt, dann kann ihm nur ans einem Wege noch geholfen werden; darum: E s l e b e die Polizei!" Es muß sehr weit mit der prcußisch-dentschen Rechtsprechung gekommen sein, wenn selbst Kreise, deren„staatserhaltende" und socialistenfcindliche Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist, sich schweren Herzens zu solch einer vernichtenden Beurteilung ent- schließen. Die Berliner Rechtskonsulenten haben, wie wir vor etwa zwei Wochen mitteilten, gegen den Bescheid des Landgerichts- Präsidenten, wodurch ihre Zulassung zum mündlichen Verhandeln vor dem Amtsgericht ein für allemal abgelehnt worden ist, weil bei der großen Zahl der vorhandenen Rechtsanwälte kein BedürsiiiS hierzu vorliege, Beschwerde bei dem Kammergcrichtspräsidcntcn eingelegt. Einige der Beschwerdeführer haben bereits den kurzen Bescheid er- halten, daß ihre Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen wird, da die Bedürfnisfrage vom Landgerichtspräsidenten mit Recht ver- ncint sei. Eine weitere Beschwerde durch das Gesetz ist nicht zuge- lassen. In der Knppclci-Angclegcnlicit Fischer wird uns mitgeteilt, daß die genannte Masseuse, die nicht auffindbar ist, in der Thal eine nicht unbeträchtliche Zahl von Mädchen, die sich als Modelle auf ihre Annoncen gemeldet hatten, ihren Zwecke» dienstbar gemacht hat. Sie hat daher, wenn sie ergriffen wird, eine empfindliche Strase zu gewärtigen. Das eine' Zeitlang verschwunden gewesene Mädchen, welches inzwischen zurückgekehrt ist. hat nach ihrer eigenen Angabe während ihres Aufenthalts außerhalb des Elternhauses mit dem Herrn, den sie bei der Fischer kennen gelernt, nicht verkehrt; ebenso hat sie zugegeben, daß sie, als sie mit ihm das erste Mal verkehrte, ein Wiederkommen selbst verabredet hatte, auch daß— entgegen ihrer vorherigen Angabe bei der Polizei— Gewalt gegen sie nicht gebraucht worden sei. Die Nach- richt, daß der betreffende Mann verhastet worden sei, ist nicht zu- treffend. Die„Staatsbürger- Zeitung* hinwieder nennt den Bankier Sternberg, einen aus den Griinderjahren und vielen Skandal- Prozessen bekannten bald 70jährigc» Mann„aus den besseren Ge- sellschaftskrcisen" als den am vorigen Sonnabend auf Veranlaffung der Staatsanwaltschaft Verhafteten. Gegen den Herausgeber des„Eigenen". Herrn Adolf Brand in NeurähnSdorf, ist ein Strafversahren wegen Verbreitung unzüch- tiger Schriften eingeleitet worden. Inkriminiert werden eine Novelle und mehrere Gedichte, welche gewisse unnatürliche Laster verherrlichen sollen. Wegen Unterschlagung und zahlreicher Schwindeleien ist der Schncidcrnieister Friedrich T h e i s verhastet worden. Theis machte sich vor längerer Zeit in seiner Heimat der Unterschlagung schuldig, ließ Frau und Kinder im Stich und floh. Vor drei Bierlel Jahren kani er nach Berlin und meldete sich hier mit Ausweispapieren, die er einem Gesellen Michaelis einbchalten hatte. Unter diesem falschen Namen wohnte er zunächst in der Hnssitenstraße, später in der Land- wehr- und dann mit einer Geliebten in der Füsilierstr. 1. Als Theis wegen der Unterschlagung steckbrieflich verfolgt wurde, verübte er hier als Michaelis die größten Schwindeleien, namentlich suchte er Ab- zahlungögeschäfte heim. Von diesen entnahm er Einrichtungen, Kleider, Uhren und Ketten usw. mit der Verpflichtung, wöchentlich Abzahlungen zu machen. Bevor aber noch die erste Zahlung fällig war, verkaufte er die Sachen schon wieder, um den Erlös in seine Tasche zu stecken und dann an anderer Stelle den Schwindel von neuem zu beginnen. Gestern kam sein Treiben an den Tag und er wurde ans seiner Wohnung heraus verhaftet und sofort in daS Untersuchungsgefängnis abgeführt. Ein Unglücksfall, bei dem ein Kind um das Leben kam, ereignete sich vorgestern nachmittag an der Ecke der Pcrlcberger- und Stcphanstraße. Die achtjährige Tochter Anna des Tclcgraphen- mcistcrs DombrowSky aus der Lehrtcrstr. 38 kam mit der ebenso alten Tochter Anna des Burcauvorstehers Rössel aus der Schule in der Stcphanstraße. Die Kinder sahen nicht, daß gerade ein be- ladcner Wagen dahergefahrcn kam. Anna DombrowSky glitt ans, als sie noch vor den Pferden vorüberlanfen wollte, und fiel hin. Die Räder des Wagens gingen ihr über den Kopf und verletzten sie so schwer, daß sie auf der Stelle verschied. Ihr Begleiterin geriet vor das rechte Vorderrad. Dieses ging aber zum Glück nicht über sie hinweg, sondern schob sie nur ein kleines Stück Weges vor sich her. Sie kam mit einer Verletzung am rechten Beine davon und wurde in die elterliche Wohnung gebracht, während die Leiche ihrer Gespielin im Schulgcbäude niedergelegt wurde, bis der Polizeiwagcn sie nach dem Schauhause abholte. Zeuge» gesucht. Am Sonntag, den 29. Oktober d. I., abends zwischen 19 und 11 Uhr, erzählte im Restaurant Brüder, Waldemar- straßc 75, ein Herr, welcher mit einer Gesellschaft von zwei andern Herren und vier Damen an einem Tisch saß, Verschiedenes Über Spandauer Verhältnisse. Die beiden Herren, welche zu dieser Gesell- schaft gehörten, und die Erzählung anhörten, werden gebeten, ihre Adresse bei Herrn Scholz. Berlin,' Wrangelstr. 119, niederzulegen. Opfer einer Portierwohiinng. Den Erstickungstod wegen eines schadhafren Ofens erlitt die vierjährige Tochter des Kutschers Christoph Barstieß. In dem Hanse Alcxanderstr. 39 Hof parterre hat der Kutscher Christoph Barstieß eine Wohnung inne, welche schon lange Zeil beim Heizen räucherig war. B. scheute sich jedoch, bei dem Wirt auf Abstellung des UebelswndeS zu drängen, weil er zugleich die Porttcrstelle versah. Als die B.'schen Eheleute in dem Ofen Feuer angemacht hatten, blieb die vier Jahre alte Tochter Johanna noch im Bett, während die Eltern die Wohnung verlassen hatten. Als sie nach einiger Zeit in das Schlafzimmer zurückkehrten. war es voller Rauch und die Kleine lag bewußtlos� im Bett. Sie hatte so viel Kohlcndunst eingeatmet, daß auch der sofort hinzu- gerufene Arzt nicht mehr helfen konnte. DaS Mädchen ist infolge der Rauchvergiftung gestorben. Theater. Im S ch i l l e r- T h e a t e r ist die zweite Aufführung im Schiller- EykluS„Kabale und Liebe" diesen Sonntagnachmittag it Uhr. In DeinmstW, 30. Nmmbtt 1899. der Sonntag-Abendvorstellung kommt der Schwank„Die Grohstadtlust" zur Aufführung.- Im Carl Weitz-Theater geht heute zum crstenmale Sudermanns„Heimat" in Scene, und zwar mit Elisabeth Gorcwa als Magda.— Frau Lima, die Burleske deS A p o l l o- T h e a t e r ö wird nur noch wenige Tage auf dem Repertoire bleiben. Die Direktion hat die Vorprobcn für die. nächste Operette von Paul Lincke, welche„Im Reiche des Jndra" betitelt ist, bereits begonnen. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern nachmittag um 3 Uhr in der Gcldschrankfabrik Palm in der Prenzlauer Allee. Der Schlosser Benz kam mit dem rechten Arm in die Trans- Mission und im selben Augenblicke war der Arm zerrissen. Man brachte den Schwerverletzten nach der Unfallstation II in der Schön- Häuser Allee, wo der diciistthuende Arzt einen schweren Bruch des rechten Unterarmes und tiefgehende Abschürfungen konstatierte. Nach- dem dem Verunglückten auf' der Unfallstatioii die erste Hilfe geleistet worden war, würde B. in das Krankenhaus transportiert. Fcnerbericht. Dienstagabend erfolgten gleichzeitig drei Alarmierungen. Köp nicke rftr. 1l6 ging Stroh imd Gerümpel im Keller in Flammen auf. Durch übergekochtes Fett entstand R o s enth a lerstr. 31 ein Kiichenbrand, der noch im Entstehen ge- dämpft werden konnte. Infolge Explosion einer. Petroleumlampe wurden P e t e r s b u r g e r st r. 12 Gardinen und Möbel in Brand gesetzt. Mittwoch früh' erfolgte ein Alarm nach Jerusnlcmer- st r a ß e 19/29, wo in einem Cafe die Balkenlage Feuer gefangen hatte. K ö n i g st r. 39 brannte Holz in eineni Luftschachte. Außerdem ivar Reiche über ger st r. 162. noch ein Brand abzulöschen, der Kleidungsstücke und Möbel einäscherte. Ans den Nachbarorten. Die Wahlen zur Handwerkskammer Berlin sollen im Regierungsbezirk Potsdam, der die zweite und dritte Abteilung der Kammer stellen wird, nach einem Erlaß des Regierungspräsidenten in folgender Weise stattfinden: Die zweite Abteilung tvird in fünf, die dritte in vier Wahlbezirke geteilt, und zwar umfaßt in der zweiten Abteilnng der Wahlbezirk I die Stadtkreise Charlottcnburg, Rixdorf, Schöneberg szu wählen ein Mitglied der Kammer), der Wahlbezirk II den Kreis Niederbarnim<2 Mitglieder), der Wahlbezirk III die Kreise Aligermünde und Prenzlau(2 Mitglieder), der Wahlbezirk IV die Kreise BceSkow-Storkow und Teltow(2 Mitglieder) und der Wahlbezirk V die Kreise Ober-Baruini und Tcmplin(2 Mitglieder), während m der dritten Abteilung der Wahlbezirk I die Kreise Potsdam, Spandau. Osthavelland(2 Mitglieder), der Wahlbezirk II die Kreise Ostprignitz, Ruppin s3 Mitglieder), der Wahlbezirk III die Kreise Jüterbog- Luckenwalde, Za'uch-Belzig s2 Mitglieder) und der Wahlbezirk IV die Kreise Westprignitz und Westhavelland(2 Mitglieder) umfaßt. Die Wahlen in den fünf Wahlbezirken der zweiten Abteilung finden in Berlin, Charlottenburg, Angcrmünde und Freienwalde a. O., die Wahlen in den vier Wahlbezirken der dritten Abteilung in Potsdam, Jüterbog, Kyritz und Rathenow statt. Die Gcwerbevercine:c. der zweiten Abteilung lvählen gesondert ein Mitglied in Charlotteiibnrg, die Gewerbcvereinc:c. der dritten Abteilung desgleichen in Potsdam. Für jedes Mitglied ist ein Ersatzmann zu wählen. Lichtcnberg-Friedrichsberg. Wegen der hier ausgebrochcnen M a s e r ii- E p i d c in i e ist für den hiesigen Amtsbezirk die An- zeigepflicht laut Bekanntmachung vom 27. November angeordnet worden. Die Pcrsonenstands-Aufiiahine zu Steuerzweckcn vom 4. November dieses Jahres ergab für den hiesigen Ort eine Ein- Wohnerzahl von 49 751 gegen 38 423 im Vorjahre; also eine Zu- «ahme von 2328 Personen. Dem Geschlecht nach sind 12 514 er» wachsene männliche, 12 936 erwachsene weibliche, sowie 13 437 Kinder (unter 14 Jahren) vorhanden. Auf den Gemeindebezirk entfallen von der Einwohnerzahl 38 887 Personen, auf de» Gutsbezirk 1864. An Kirchensteuern sollen für das Rechnungsjahr 1899/1999 3t/s Proz. von der zu entrichtenden Staatseiukoinmeiisteutr erhoben werden; doch bleiben die drei untersten Steuerstufen(bis einschließlich 1299 M. Einkommen) von der Steuer bcsteit. In der Stadtverordneten- Versammlung von C h a r-' l o t t e n b u r g wurde die Anfrage Kausinann und Genossen, tvelche Schritte wegen der von der Stadtverordneten- Versammlung empfohlene Errichtung von mittleren Schulen vom Magistrat eingeleitet worden seien, von Stadt-Schulrat Dr. N e u ff e r t dahin beantwortet, daß sowohl die Schuldepntation wie die Depu- tation für die höheren Sebulen das Bedürfnis der Errichtung von mittleren Schulen in Charlottcnburg grundsätzlich anerkannt haben und die Errichtung von Realschulen empfehlen. Die Errichtung von Knaben-Mittelschulen, wie sie vor 19 Jahren in Charlottcnburg ver- sucht worden sei und woraus das Realgymnasium hervorgegangen wäre, lehnten beide Deputationen ab. Diesen Beschlüssen ist der Magistrat beigetreten, indem er die Errichtung einer Realschule beschlossen hat. Die Deputation für die höheren Lehranstalten wird sich nächste Woche mit einer entsprecheiiden Vorlage beschäftigen. Die Anstage Arnold und Genossen, ob der Magistrat ein V e r b o t e r l a s s e n h a b c, daß Stadtverordnete einen st ädti scheu Bauplatz betreten, führte zu äußerst lebhaften Erörterungen. Erster Bürgermeister SchustehrnS führte ans, daß die Städte-Ordnung daS Recht der Kontrolle der städtischen Bauten der Gesamtheit der Stadtverordneten-Bersamnilung übertrage. Wenn einzelne Stadt- verordnete Bauten besichtigen tvolltcn, möchten sie sich an das betreffende Banbureau wenden. Nach dem Antrage des Ausschusses zur Vorberatung der Vorlage betreffend die Schaffung der L e h rp e rfo n al stelle n für 1999 wurde ferner beschlossen, 35 Lchrerstellen zu errichten. Im Interesse der Wahrung der Parität hatte der Aüsschuß den Antrag des Magistrats dahin modifiziert. daß am 1. April an den katholischen Gemeindeschulcn zwei Lehrer angestellt würden. Herr Rentner Runge. Nach Z 6 der Städte-Ordnung für die östlichen Provinzen kann der Magistrat im Einverständnisse mit der Stadtverordneten-Versammlung einem Staatsangehörigen, der von außerhalb zuzieht, das Bürgerrecht verleihen, ohne daß er ein volles Jahr hindurch seinen Wohnsitz in der Gemeinde hat. Wie die „Volks-Zcitnnq" mitteilt, ist auf Grund dieser Bestimmung kürzlich beim Magistrat angeregt worden, daß dem zum Stadtverordneten gewählten Rentner Runge, der noch kein volles Jahr wieder in Berlin wohnt, das Bürgerrecht schon jetzt wieder verliehen werde mit Rücksicht darauf, daß Herr Runge in Berlin geboren und auf- gewachsen ist, hier sein Geschäft betrieben hat und das vom Vater ererbte Grundstück noch heute besitzt. Der Magistrat hat indessen der Anregung namentlich aus dem Grunde keine Folge gegeben, weil bei dem häufigen Wohimngswechscl zwischen Berlin imd den Vororten Gesuche um vorzeitige Verleihung de« Bürgerrechts sich zu oft wiederholen würden. Die Wahl des Herrn Runge wäre wohl auf leinen Fall gültig gewesen. Die Arbeiterinnen von Charlottcnburg werden auf die am heutisen Donnerstag in der GambrinuS-Braucrei, Wallstr. 94. statt- findende öffentliche'Versamnilung hingewiesen, in der Reichstags» Abgeordneter Wurm über Arbeiterinneiischutz sprechen wird. Arbeitslosigkeit hat einen in Schöneberg in der Bahn- straße wohnenden älteren Ardeiter W. in den Tod getrieben. Er brachte sich mit einem Küchenmesier mehrere schwere Wunden an dem Hals bei. Nach Anlegung eines Notverband»« in der Unfallstation wurde der Unglückliche nach dem Elisabeth- Ikrankcnhause geschafft, starb jedoch schon unterwegs. Spandau. Immer näher rückt die Stichwahl zur Stadt- Verordneten-Versammluiig für die III. AbNilung, und nmfomchr muß sich der Eifer unserer Parteigenossen sldigcrii. auf den Sieg unserer drei Kandidaten Scholz, Riegcr und Kunkel hiiizitwirken. Unsere Gegner befolgen diesmal eine andere Taktik, indem sie nicht wie in früheren Jahren ihre Agitation in all« Ocffentlichkcit betreiben, sondern im stille» durch den Bcamtenapparat und mit Hilfe ihrer Anhänger in den Kreisen der Meister in den Staatswcrkstättcn um so eifriger zu wirken suchen. � Niemand lasse sich durch zu große Siegeszuversicht davon abhalten, recht intensiv bei seinen Kollegen, Freunden und Be- kannten darauf hinzuarbeiten, daß jeder wahlberechtigte klassenbewußte Arbeiter in den Tagen der Stichwahl sein Wahlrecht zu Gunsten unserer Kandidaten ausübt. Spandau wird immer mehr Industriestadt, und da ist es umsomehr nötig, daß die Arbeiterschaft denjenigen Platz in der-städtischen Verwaltung einzn nehmen trachtet, der ihr gebührt. Darum Arbeiter;»Frisch an die Agitationsarbeit!" Aus Rixdorf. Zur Erlangung geeigneter Entwürfe für den Bau einer zlvciten. Gemeinde- Gasanstalt hatte der hiesige Magistrat einen Preiswettbcwcrb ausgeschrieben, an welchem sich zahlreiche Fachleute beteiligt haben. Am gestrigen Mittwoch trat im Sitznngsfaale des Rathauses das Preisgericht zusammen. Dieprcis gekrönten Entwürfe sollen demnächst öffentlich ausgelegt werden.— Nach dem jetzt festgestellten Resultat des letzten Oktober-Umzuges sind 13 034 Personen zu- nnd 93lZ3 Personen abgezogen. Am 1. Oktober betrug die Einwohnerzahl unserer Stadt 89 220, mithin dürfte heute das 99. Tausend bereits überschritten sein.— Allen diätarisch beschäftigten Beamten der hiesigen städtischen Verwaltung, welche durch die Einführung königlicher Polizei entbehrlich geworden sind, ist jetzt seitens des Magistrats die Kündigung zum 1. Februar k.J. zugestellt worden. Vielleicht kann ein Teil der zur Entlassung kommenden jungen Leute bei der Polizei Anstellung erhalten. Wcistrnscc. Die schon im„Vorwärts" erwähnten Vorkommnisse in der hiesigen Genoffenschaftsbänk haben einige auch in der Ge- meinde sehr einflußreiche Personen in eine wenig beneidenswerte Situation gebracht. Den Geincindcvertretcr und Direktor ber Bank W a r t h u l macht man haftbar für das durch leichtfertige Kredit- gcwährnng entstandene Destzit. Herr Warthnl wiederum läßt seine» Unmut denjenigen spüren, der irgendwie. ihm entgegentritt. Dem Gcmeindeverordneteir Büttner wurden von W. in öffentlicher Versammlung die schwersten Vortvürfe cntgegengcschlendert. B. habe bei für die Gemeinde ausgeführten Arbeiten diese um 70Q0 M. geschädigt. Nachträglich nimmt nun W. Veranlassung, seine Anklagen zu korrigieren und schreibt von„wissentlichen Mißdeutungen". Wes- halb wohl W. sich jetzt selbst desavouiert? Unser ganzes Gemeinde- Wesen krankt daran, daß eine ganze Reihe alteingesestcner Personen darin vorherrschen, welche jedem gesunden Fortschritt abhold und eifrigst bemüht sind, ihren Einfluß aufrecht zu erhalten. Die beiden feindlichen Brüder gehören den erwähnten Kreisen an. Die Forderung unseres kommunalen Programms,„daß an Mit- glieder der Gemeindevertretung Arbeiten oder Lieferungen für die Gemeinde nicht übertragen werden dürfen", wird durch solche Vor- konimnisse als berechtigt, ja als notwendig dargethan. In nächster Zeit wird sich zeigen, ob unsere Gegner ihren gegen diese Forderung gerichteten ablehnenden Standpunkt verlassen oder ans„Gewohnheit" so wie bisher weiter wursteln wollen. Ariedrichshagen. Ein schweres B r a n d u n g l ü ck, bei dem Menschenleben gefährdet waren und vier Personen Verletzungen teils schlveren, teils leichteren Grades erlitten haben, ereignete sich Dienstag- abend in FriedrichShagcn im Hause 5 der Bellevuestraße. Dort be- ftvohnt die Witwe Lerche eine ün ersten Stock gelegene, aus Zimmer und Küche bestehende Wohnung. Frau L. arbeitet selbständig für Berliner Putzfedern-Fabrikcn und beschäftigt drei Mädchen. Dienstag- abend, kurz vor 7 Uhr. wurden im Hause plötzlich gellende Hilferufe gehört, und der Hausbesitzer, Herr Raschnian», war eben ans seiner im Hochparterre gelegenen Wohnung auf den Trcppenflur geeilt, als vom ersten Stock herab Frau L., von lodernden Flammen umgeben, auf ihn zugelaufen kam und ohnmächtig in scine Anne-fiel. Herr R. bemühte sich, der bewußtlos gewordenen Frau die brennenden Kleider vom Leibe zn reißen und die Flammen mit seinen Händen zu ersticken. Mittlerweile hatte sich in der Werkstätte der Frau L. eine furchtbar aufregende Scene abgespielt. Der Brand war nämlich durch das Entzünden von Benzingäse» entstanden und hatte mit un gewöhnlicher Raschhcit um sich gegriffen. Eine der Arbeiterinnen, Frieda Wels, konnte noch rechtzeitig die Thüre gewinnen, die beiden anderen Arbeiterinnen aber. Emma Maus ,ind Martha Gebert, fanden den Ausgang durch Flammengarbcn versperrt, und da das Feuer auch dann die ganze große Quantität von Putzfedcrn, sowie in der Küche befindliches Bettzeug ergriffen hatte, waren bald alle Räume von einem erstickenden Qualm erfüllt. Die beiden in äußerster Lebensgefahr schwebenden Mädchen wußten sich nicht anders zu helfen, als daß sie aus den Kllchenfenftern in den Hof- räum hinabsprangen. Hierbei erlitt Emma MauS mehrfache schwere Verletzungen. Ihre Arbcitsgenossin hatte sich beim Absturz lediglich den Fuß verstaucht; sie hat auch sonst nur leichtere Brandwunden erlitten._ Gvvilszts-Leitung. Die Tragödie in Augsburg, über die wir mehrere Tage hintereinander zu berichten hotten, ist Dienstag zu Ende gekommen. Wie nicht anders zn erwarten war, ist das Gericht zu einer Ver- u r t e i l u n g der Unglücklichen gekommen, die sich gelegentlich des Maurer st reiks durch die niederträchtigen Provokationen des Unternehmertums zu Ausschreitungen hinreißen ließen, um dann von der Polizei in der geschilderten Weise behandelt zu werden. Eiuunddreißig Angellagte wurden wegen Aufruhrs, Landfriedens- brucheö und Widerstandes insgesamt zu 148 Monaten, 14 Wochen und 47 Tagen Gefängnis verurteilt. Maroth erhielt sieben, Lugcnhäfer g'echs, Afra und Singer, letzterer wegen Widerstandes und Beamtenbeleidigung, je einen Monat Ge- fäugnis. Ein Angeklagter wurde zu sieben, drei zu je sechseinhalb, sechzehn zu je sechs, zwei zu je vier, zwei zu je drei und je einer zu zwei und einem Monat Gefängnis verurteilt. Nur drei Angeklagte wurden freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte insgesamt 266 Monate Gefängnis beantragt. Beachtenswert sind noch folgende Vorgänge aus der Ver- Handlung: Der Zeuge Fabrikinspcktor G ä n ß l e r erklärt: Die Frage, ob da, wo gut organisierte A r b e i t c r u e r b ä n d e süid, die Lohnkämpfe zwischen Unternehmern und Arbeitern sich in friedlicherer Weise abspielen, kann ich nach den ge- machten Erfahrungen nur bejahe». Wenn die Arbeiter gut organisiert sind, können sie ihre Lebensverhältnisse und ihre Bildung verbessern ukld alles viel leichter erreichen. Das hat man ja bei dem Maurerstrcik gesehen. Wären die Maurer besser organisiert gewesen, s o wäre es besser gegangen, aber vielleicht auch da nicht, denn die M e i st e r sind ja halsstarrig gewesen. Rcchtsaiuvalt Dr. L e r u b e i m: Hat man nicht den Umstand. daß die Meister die Einladung des Herrn NegierungHvräsidcnteu ablehnten, in Bcamtcnkreiscn als eine schroffe B r ü s ki e r n n g, ja als eine Beleidigung desselben aufgefaßt?— Zeuge: Ja. Rechtsanwalt Dr. Bcriiheim: Sind Sie der Meinung, daß der Maurerstrcik, wenn die Meister nicht so schroff abgelehnt hätten! friedlich beigelegt worden wäre? Zeuge: Ich glaube nicht, weil die Meister die Sache als Machtfrage behandelten. Aber mit den Arbeitern war ich so weit, daß sie mit den Forderungen zurückgingen und eine Einigung ermöglichten..Auch dem Herrn Regicrungs- Präsidenten gegenüber haben sich die Maurer sehr nachgiebig gezeigt. Aber, wie gesagt, den M e i st e r n handelte es sich um die Machtfrage. Drastischer kann die Gewissenlosigkeit des NnternchmcrütmS wohl nicht illustriert werden. lieber die Polizei ließ N c g i e r u n g§ r a t S ch m i d sich wie folgt ans: Wenn ich vom Herrn Inspektor H ö ß den Eindruck gewonnen habe, daß er nicht eiitfprechend vorgeht, so bin ich weit entfernt, das zu leugnen. Was mir aufgefallen ist, war das. daß H ö ß in Uniform war und die Leitung nicht übernahm. Die Leitung hatte Herr Kommissär R i e st. ein Mann, den ich gar nicht als Leiter erkannt habe. Ich war der Meinung, daß die Leitung dem Inspektor Höß obgelegen wäre und das habe ich in meinem Berichte zum Ausdruck gebracht. Später habe ich gehört, daß die Polizeimannschaft gar nicht dem Inspektor Höß untersteht, sondern dem Bczirkskommissär Rietz. Ich war sehr erstaunt, zu hören, daß die Polizei in Augsburg geteilt ist unter zwei Personen, über denen keine dritte mehr steht. Höß war es auch, der die Ansruhralte verlesen hat, das Militär dagegen ist wieder von Rieß requicriert worden. Der Vorwurf des Mangels an einheitlicher Leitung war daher berechtigt. Die Blüte der Nation. Kleine Unbeqnenilichkcitcn hat cm „ S t u d c Ii t e Ii- II l k" für den RcchtSkandidatcn Trautow und den stuck, weck. Fiedler gehabt, denn er brachte sie gestern unter der Anklage der Körperverletzung bczw. deS groben Unfugs vor das hiesige Schöffengericht. Beide kamen in der Nacht zum 23. April aus der Nntrittskneipe ihrer Verbindung und wollten den„an- gerissenen" Abend mit dem Ausknobeln einer Weiße beschließen. Da sie Knobelbecher nicht zur Verfügung hatten, kamen sie auf den geistreichen Einfall,'im Kastanienwäldchen mit Steinen nach dem Ständer einer der dort aufgestellten Laternen zu werfen, wobei dann derjenige bezahlen sollte, der den Latcrnenpsahl nicht treffen würde. Die Knobclei in dieser absonderlichen Form ging dann auch vor sich, sie erregte aber den Unwillen eines vorübergehenden Buch drnckcrs Nischau, der einen Schutzmann' herbeiholte und dadurch dem Unfug ein Ende bereitete. T. rächte sich für diese unliebsame Störung ihres mitternächtigen Vergnügens dadurch, daß er dem Nischan zu Leibe ging und ihm mit der Faust einen Schlag auf den Kopf versetzte, so daß der Hut dcs N. beschädigt wurde. Der Staats- anwalt beantragte gegen T. 39 M. gegen F. wegen des groben Unfug? 19 M. Geldstrafe. Rechtsanwalt Dr. Da vidsohn bat, darauf Rücksicht zu nehmen, daß es sich hier offenbar um eine be- trunkeue Geschichte, uni einen unbedachten Studcnteustrcich handelte, und es eine vesondere Härte wäre, wollte man durch eine' hohe Straft die ganze künftige Carricre des ersten Angeklagten in Frage stellen. Der Gerichtshof venirtcilte T. zu 199 M. Geldstrafe cvent. 19 Tagen Gefängnis, F. zu 29 M. Geldstrafe evcnt. 2 Tagen Gefängnis. Wie der Vorsitzende Assessor verkündete, hat der Gerichtshof geschtvänkt. ob bei dem ersten Angeklagten, der doch nur aus ein- fachcr Rachsucht zur Körperverletzung geschritten sei, nicht eine Ge- fängnisstrafc am Platze wäre. Irgend welche Rücksicht auf die zu- künftige Carricre des Angeklagten könne den Gerichtshof nicht leiten, im Gegenteil s e i e S keineswegs empfehlenswert, daß ein wegen Körperverletzung Best rasier später durch seine Staatscarri'ere Träger des Rechts werden sollte. Nur mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte aus einer angeheiterten Gesellschaft junger Männer kam, sei auf Geldstrafe erkannt worden. Ter in Klcin-Schöncbcck bei Fricdrichshagen ansässige Bäcker- mcistcr Willy Schulze ist von der Strafkammer des Berliner Landgerichts wegen f ah rl äs si g er Kö r p c r v e rl e tz u n g zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Als Sch. am 1. Mai d. I. mit seinem Gcschäftswagen von Berlin zurückkehrte, wollte er ein vor ihm fahrendes Gespann überholen. Er fuhr dabei aber so un- geschickt, daß sein Gefährt gegen einen mit Personen besetzten Kremser stieß, dessen Insassen mehr oder weniger schwer verletzt Ivurden. Das Recht der Polizei, jemanden über das Borlebcn eines Dritten Mitteilungen zu machen, betrifft eine Entscheidung des Ersten Senats des O b e r- B e r w a l t n n g s g e r i ch t s. Dcr Bürgcrmcistcr von P r i t t w i tz und Gaffron zu Priebns hatte einem MöbclfabrikaMcn mitgeteilt, daß sein Geschäftsführer S. wegen EigentumSvcrgchen bereits mit 3 Jahren Gefängnis bestraft sei.' S. klagte darauf im Civilverfahrcn gegen den Bürger- meister und machte geltend, daß dieser nicht berechtigt gelocscn sei, über sein Vorleben anderen Mitteilungen zn machen. Die Regierung in Liegnitz erhob dann zn Gunsten deS Bürgermeisters den Konstikt. Das Obcr-Berwaltnngsgcricht hat nunmehr den-Konflikt für b e g r ün d e t erklärt, so daß das Ver- fahren gegen Herrn v. Prittwitz e i n z u st c l l e n ist. In der Be- gründung wurde ausgeführt: Die Polizei sei befugt, Privat- Personen' Mitteilung zu machen über Thatsacbcn, die geeignet sind, ihr Ansehen, ihr Leben, ihre Ehre und ihr Vermöge n zn ge- fährdcn. Mehr habe der beklagte Bürgermeister nicht gethan, wenn er den Fabrikanten über das Vorleben seines Geschäftsführers unter- richtete. Vom Schuttabladni. Mehreren Personen war zur Last gelegt worden, die Rcgicnmgs-Polizeivcrordmmg vom 17. März 1893 über- treten zn haben, weil sie Schuttabfälle' aus Berlin nach einem nördlich belegenen Vororte gefahren hätten. Die Abfälle waren auf dem Wagen mit einem Plane bedeckt gewesen. Die RegicrungS- Polizeiverordnung untersagt allgemein den Transport von Abfällen und Schutt nach Gemeinden in den Kreisen Teltow und Nieder- barnnn. Gegen ihre Verurteilung legten die Angeklagten Revision beim Äammergcricht ein und fochten die Rechtsbcständig- keit der Regiernngs-Polizeiverordnung vom 17. März 1898 an. Der Strafsenat des Kammergcrichts erachtete die Revision auch für begründet und wies die Sache zur auderwciten Verhandlung und Entscheidung an die Strafkammer zurück. Begründend wurde geltend gemacht: Die Bestimmung, die jeden Transport von Abfällen nnd Schutt aus Berlin nach de» benachbarten Gcnicindcn untersagt, ohne einen Unterschied zu machen, ob dadurch die Ordinmg, Sicherheit, das Leben oder die Gesundheil gefährdet würde, gehe zu weit und sei nicht gültig; eine derartige Vorschrift finde im Gesetz über die Polizeiverwaltnng vom 11. März 1859 keine gesetzliche Snitzc. Aus Halle wird berichtet: Milde Richter fand der stuck, zur Graf Ranzau. Er hatte in der Nacht vom 15. zum 16. Juni mit dem Bahuarbeiter Koch eine Händclei begonnen und ihm dann, als K. ihm zugerufen:„Geben Sie mir drei Schritte vom Leibe". Feigling und Lump geschimpft. Als auf den Länn des Grafen der Polizeisergeani Sommerfeld hinzukam und dieser Ranzau nach seinem Namen fragte, verweigerte letzterer die Legitimation und entgegnete dem Beamte»:„Polyp! wo geht es denn hier nach dem Schlamm?" (Der Schlamm ist eine bckänute Straße, wo die Freudcumüdchcn wohnen.) Der Beamte mahnte' den jungen Grafen wiederholt zur Rnhe und faßte ihn schließlich, um ihn mit nach der Wache zu nehmen. Darauf verlangte lärmend der Graf, daß die Nummer des Sergeanten festgestellt werde, und schrie seinen Begleiter, den Frei- Herrn v. Erfa, mit den Worten an:„Was nur der dr.... e Kerl (der Beamte) von mir will?! Auf der Wache stülpte Ranzau seinen Hut über das Tintenfaß des Beamten. Der Graf, der betrunken gewesen lvar, wurde vom Schöffengericht wegen Widerstandes, Be- lcidigung des Sergeanten und des Arbeiters Koch, sowie wegen Lärmens zu 49 Ä.' Geldstrafe ev. 4 Tagen Gefängnis und 1 Tag Haft verurteilt.__ Nermikitzkes. Eisenbahn- Unfälle. Aus Frankfurt a. Dk. wird tele- graphicrt: Als Mittwoch früh 6V2 Uhr der Zug Nr. 52 der Main- Neckarbahn in den Frankfurter Hauptbahnhof einfuhr, e n t g l e i st e n kurz hinter der Mainbriicke drei Personenwagen aus der Mitte deS Zuges. Ein Wagen stürzte um. drei Personen wurden leicht verletzt. Das Gleise ivar bis zum Mittag gesperrt, so daß der Verkehr von und nach Darmstadt über Sachsenbausen geleitet werden mußte.— Amtlich wird bekannt gegeben: Bei der Einfahrt des Stückgüter- zugeS 3217 von O b e r h a n s c n in den Güterbahnhof Bergeborbcck fand Mittwochmorgen 8 Uhr ein Zusammenstoß mir einer Rangier- abteiluug statt. Ein Bremser wurde getötet, ein Zugführer nnd ein Bremser wurden leicht verletzt. 17 beladcne Stückgüterwagcn be- schädigt. Beide Hanptgelcise wurden gesperrt; der Personenverkehr wurde ans dem dritten Gleise anftechte'rhaltcn. Durch den Sturm der letzten Tage nnd durch die lieber- schwemmungen in seinem Gefolge sind, tvie bereits kurz berichtet, in- den am-Knrischen Hasf gelegenen Fischerdörfern große Verheerungen angerichtet. Durch den kolossalen Rückstau des Haffes ist die'Deimc über die Ufer getreten nnd überflutet das Fischerdorf PcldSzcn. in dessen Häusern das Wasser über einen Meter hoch steht, sowie auch die niedrig gelegenen Straßen �nnd Häuser von Labiau. In dem Fischcrdorfc Labagicncn, wo die haushohen Wellen des Haffes die Gebäude umspülten, wurden fast sämtliche Kähne arg beschädigt, zertrümmert_ oder auf den Grnnd getrieben. Ein der Witwe Romcyke gehöriges Haus wupda von den Wellen unterspült und droht einzustürzen, die Einwohner mußten das HauS. verlassen. Nicht minder sind die Fischerdörfer zwischen Agilla und Ncmonien mitgenonunen. In dieser Gegeno zieht sich zum Schutze der zwischen dem Kurischcn Haff und binii großen Friedrichsgrabcn gelegenen Ländereien ein etwa acht Kilo- inctcir langer und zwei bis drei Meter hoher Damm hin. Dieser ist durch die unaufhörlich dagegen anprallenden Wasserwogcn arg be- schädigt, und es muß mit aller Macht an seiner Ausbefferung gearbeitet werden. Dagegen hat der große Fricdrichsgraben tftn sich zwischen Labia» und Ncmonien hinziehenden Treidcldamm, eine 19 Kilometer lange Kicschanssee, nbcrflntct und an einzelnen Stellt» mrterspiilt, sowie' die Gegend in weitem Umkreise unter Wasser ge- setzt. Die Dörfer Gr.-Fricdrichsgrabcn I. Agilla, Jnwendt, Gr.- Fricdrichsgraben II und Alt-Hcidendorf sowie die Forstkolonie Neu- Heidcndors sind gänzlich überschwemmt und von jeder Verbindung. auch der Postvcr'bindung. abgeschnitten. Das Wgsftr steht in den Stuben V/i Meter hoch..- Sechs Menschen crtrnnkcn. Wie aus Rostock, s28. November, berichtet wird, ist der Segler„Geschwister Tanken" in der Ostsee zerschellt. Die ganze Besatzung, sechs Mann, ertrank. Strandnng eines Kohlendampfcrs. Der von Westhartlepook kommende englische Kohkcndampftr„Agcnoria" ist infolge des Sturmes in der Nacht zu gestern auf der Scchnndsklippe bei Helgola-wd gestrandet. 19 Mann der Besatzung sind durch Helgoländer RettungS- boote gerettet und ans Helgoland gelandet, der Heizer ertrank. Die Agcnoria" treibt in sinkendem Zustande ostwärts weiter. AnS einem Kinderhospital. Eine merkwürdige Geschichte wird aus Frankfurt a. M. berichtet: Das Kind einer armen. Frau wurde auf dringenden Rat des Arztes wegen Lähmung des rechten Aermchens nach Nauheim zur Kur geschickt n»d fand auf Ver- mittlnng des Frankfurter Kiudcrhospitals im ElisabcihenhanS zu Nauheim Aufnahme. Nach fünf Wochen lvnrde das acht Jahre alte Mädchen der Frau unverhofft von einer Schivcstcr zurückgebracht und als„geheilt" abgeliefert. Als die erstaunte Frau das Kind entkleidete, fand sie, daß dasselbe sehr beschmutzte, eiterswucnde Wäsche trug! Erschreckt lies sie zum Arzte, welcher dann die Diag- nose:— g'eschlechtSkrauk stellte. Nach mehreren Tagen waren schon die übrigen Kinder der Frau angesteckt und ans dringenden Rat des Arztes die Kinder inS Städtische Krankenhaus cingeliefert. Die �pitalvcrwaktuilg in Nauheim schrieb nun ganz lakonisch, daß sie cm-Verschulden nicht treffe, da jedenfalls der„Keim der Krankheit im Kinde gesteckt habe!"— Man giebt aber im Schreiben zn, daß auch eine Schwester von derselben Krank- hcit angesteckt, sogar um ein Auge kommen würde! Ob hier ein Verbrechen oder sonstige Ansteckung vorliegt, hat jetzt die hessische Staatsanwaltschaft in Untcrsuchimg gezogen, deren Resultat zur Zeit noch nicht bekannt ist. Jetzt hört ein Frankfurter Blatt, daß im dortigen Städtischen Krankenhause bereits weitere Kinder angesteckt worden sind! So fand eine Frau, die'ihre zwei Kinder besuchte. daß dieselben jetzt an derselben Krankheit leiden! Dieser Vorfall bedarf dringend der Anfklnrnng; aus die Ermittlung der Staats- anwaltschast kann man gespannt sein. Marktpreise von Berlin am Ä8.sNovcmbrr 18SV nach ErunNclmige» des tgl. Polizeipräsidiums. )Weizen D.-Ctr. jRoggcn Fuiier-Gcrfle„ Hafer gilt „ uiitiel, .. gering Süchlflroh Ocii-„ f)Erbscn )Speiicbohncu 4)Lii»'e!l Kartoffeln, neue Rindfleisch, Ken« 1 Ug dv. Bauch„ ) Ermittelt pro 1kg 60 Stlick 1kg 1,60 1,80 1,60 2,80 fr- 2,20 2,80 2,60 1,80 1,60 2,80 1,20 12,- 1,10 1,- I.- t- 2,80 1,20 1,40 1,- 1,4. 0,80 1,40 0,80 3,- 14,00 13,90 Schwcincsleiich 14,20 13,50 Kalbfleisch 13,90 12,90 Hammelfleisch 15,20 14,50 Butter 14,40 13,70 Eier 13,60 13,— Karpfen 4,- 3,66 Aale 7,— 4,30 HiJiiber„ 40,- 25,- Hechte 50,— 25,— Bariwe 70,— 30,— Schleie„ 7,— 5,— Bleie 1,60 1,20 Krebse per Schock 1,20 J,- y.............. Tonne von der Centralstclle der Prenfe. Landwirj- schästSkammern— NoticriiiigSflcNe— imd umgerechnet vom Polizeipräsidium für den Doppcl-Ccutner. f) Kleinhandclsprcife. Produkt e» markt vom 29. November. Bei dem gänzlichen Marrgtl an irgend welcher Anrcgmig im Getreideverkehr genügte heute die, wenn auch nicht iehr ivricntlichc Befestigung der nordamerilanischcu Plätze, um bei uns Mcinnngoläufc zu veranlasscu. Die Offerten des In- und Au»- landes haben augerdet» abgcnoimncit. Weizen und Roggen wurden 0,50 M. teurer bezahlt. Hafer lag bei-schwacher Teiideuz im Preise uilverändert; Rüböl zog nach Erledigmig der in letzter Zeit notwendig gewordenen Real!-- siertnigeu 0,10 M. an. Spiritus verkehrte i» fester Haltung. Im Preise stellte sich 70er loco 0.40 M. höher auf 47,50 M. Teruriue gm behauptet. l ä d t r s cl> e r S cli l a ch t v i e y m a r t t.. Berliu,.2S- November 1899. Amilickcr Bericht der Tirektio». Zum Verkauf standen � 397 Rinder. 1756 Kälber, 1127 Schafe, 7304 Schweine. Bezahlt wurden für 100 Pfund oder 50 Kilogramm Schlachtgewicht in Mark lbczichungSlvcise für' 1 Pfund in Pf): Für Rinder: Ochsen: a) vollfkrtichige, ausgemästete, höchsten Schlachlwcrtcs, höchstens 7 Jahre alt 00-00, b) jinige fleischige, nicht ___, Stühe: a) ftollfleüchige, ausgemästete Färfeu höchste» Schlachlwerts 00—00; b) voll fleischige, anögeiuäslete Kühe höchsten Schlachtwertes bis zu 7 Jahren 00-60; c) ältere ausgruläftete Kühe und wentg gut-cutwickelte füiigere Kühe.und Färsen 00— 00; d) innfeig genährte Kühe und Färsen 50— 51z e) gering genährte Kühe und Färsen 47—49..— Kälber: a) feinste Mast- lälber lBoSmilchniast) nnd beste Saugkälber 76-78, b) mittlere Maflkälber 1111b gute Saugkälber 69-73, c) geringe Saugkälber 53- 60, d) ältere, gering genährte Fresser 42—45.— Schafe: a) Mnstlämmer und jüngere Mgsthgmuiel 62—65, b) ältere Masihgmmel 54—58, c) mäßig genährte .Hummel und Schafe lMerzschasc) 46—52. d) Holstruicr Nicöcamgs- jchofe(Lebendgewnlit) 00— CO.— Schweine: a) vollftqischige der feineren Raffen und deren Kreuzungen im Alter bis zu IV« Jahre» 47—48, b) Käser 00— 00, c) fleischige 45—46. d) gering cutmickeite H2— 44, e) Sauen 40—41. Verlauf u n d Tendenz. Vom Riuderauftrieb blieben ungefähr SO Slück unverkauft. Der Kälberhaudel gestaltete sich langsam. Bei dcu chafeu fand etwa die Hälfte des Auftriebs Absatz. Der Schwcincmorkt verlief bei der noch tu Geltung stehenden Schweiuesperre langsam, wird aber geräumt.--- Briefkasten der Zrdaktivn. Die snristische Sprechstunde findet Montag. Dienstag und Freitag von 0—8 Uhr abend» statt. R. G. IVO. 1. 6 Monate lang. 2. Nein. 3. Ja.— S. B. Sie köinitcu lediglich die Forderung einklagen und dann durch de» Gerichts- Vollzieher Pfändung in das Kleidungsstück vontehüicii.— Erbrcgulietmtg. Beides in 30 Jahren.— S78. Es ist lediglich der instanzmäfeige Be- ichwetdcweg möglich.— C. I. 100. Die Rückforderung ist nicht mehr statthast.— 1000 Halcnsce. 1. und 2. Rein.— St. 3Zi. Das hängt vom Ermesse» des Gerichts ab, das in der- Regel gegen die Möglichkeit einer Scheidung sich ausspricht.— Stralau. Der Schriftsteller heißt „Saphir". Ter To» liegt auf der ersten Silbe.— R. 100. Unverstand. «vtticrnngvndcrslcht vom Ä9. November 180'.). morgens 8 Uhr. Stationen Swliicmde Hamburg -Berlin Wiesbaden München Wien s- ü S 22 = 2 S>- 765'WNW 770 W 7681® 773 W 775;SW 769® Weller ö=-- S r» <8 3, 5 Dunst 2bcdcckt 5 bedeckt 2 bedeckt 3 Nebel 6 heiter Siaiivnon e se »- Haparanda Petersburg Eork- Aberdee» Paris 774 5£2 767'SW W-Uer tsK 5* 3. i" Su 4 wolkig ihlb.bed 11 s LSetter-Proguose für Dauuerstag. den 30. November 1800. Etwas kühler, vorwiegend»ebclig oper wolkig mit gcrmgeu Nieder- schlagen und mäßigen westlichen- Winde»._' Beranlwortlicher Ncdacteur: Paul Joh» in Berlin. Für de» Juferateuteil verautwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.