Nnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 120. Dienstag, den 26. Juni. 1906 (Nachdruck verboten.) 831 Siner Mutter Sokn. Roman von C I a r a V i e b i g. „'n Abend," sagte Wolfgang laut und vergnügt. Und dann räusperte er sich, wie eine leichte Verlegenheit herunter- schluckend, und sagte leise, der Mutter einen Schritt näher tretend:„Pardon, Mama, ich habe verschlafen, ich hatte keine Ahnung, wie spät es war— ich war todmüde?" Sie sagte noch immer nichts. Er wußte nicht, wie er mit ihr daran war. Sie war so still, das beirrte ihn ein wenig.„Ich bin gestern abend näm- tich sehr spät nach Hause getommenl" „So— bist Du?" Sie wendete den Kopf von ihm weg und sah wieder angelegentlich hinaus in den Garten, wo Paul jetzt gerade mit Friedrich sprach und mit dem Finger zu einem schön blühenden Zierkirschenbaum hinaufwies. „Ich glaube wenigstens," sagte er. Was sollte er sagen? War sie böse? In der Tat, er mußte wohl sehr spät nach Hause gekommen sein, um wieviel Uhr, konnte er sich nicht erinnern, es war ihm alles etwas dunkel. Er hatte auch einen bösen Traum gehabt, sich scheußlich gefühlt, aber jetzt war ihm wohl, so wohll Nun, wenn sie etwas gegen ihn hatte, konnte er ihr auch nicht helfen! Die Lippen wieder zu einem leisen Pfeifen, wie Vogel» zwitschern spitzend, wollte er, die Hände in den Taschen seiner gutsitzenden modischen Hose, von der Veranda herab in den Garten schreiten, als sie ihn zurückrief. „Du wünschest, Mama?" „Du warst betrunken," saate sie leise und heftig. „Ich—?! O!" Eine plötzliche Verlegenheit überkam ihn: war er wirklich betrunken gewesen? Er hatte keine Ahnung davon. Aber freilich, es konnte am Ende sein, er hatte ja auch gar keine Ahnung, wie er nach Hause ge- kommen war! „Du hast wohl wieder aufgesessen und auf mich ge- wartet?" Mißtrauisch sah er sie von der Seite an, seine breite Stirn zog sich über der Nasenwurzel in eine so tiefe Falte, daß die dunklen Brauen ganz zusammenstießen.„Du mußt nicht immer auf mich warten," sagte er dann mit heimlicher Ungeduld, aber äußerlich im Ton der Besorgnis. „Das nimmt mir ja jede Lust, etwas mitzumachen, wenn ich denke, Du opferst Deine Nachtruhe. Bitte, Mama, tu das nicht mehr!" „Ich werde es nicht mehr tun," sagte sie und sah in ihren Schoß. Sie hätte ihn nicht ansehen können, so verachtete sie ihn. Wie hatte er dagestanden, so breit und groß und dreist und ganz vergnügt..'n Abend" gesagt! Tat so, als ob er von nichts wüßte, nicht, daß er vor ein paar Stunden noch hatte kriechen wollen auf allen Vieren, sich strecken auf die Schwelle, als wäre da sein Bett oder er ein Hifnd! War so unbefangen, als hätte er nicht heute mittag noch da oben in seinem Zimmer gelegen, so— so— schmutzig I Als wenn sie ihn nicht gesehen hätte in seiner tiefsten Erniedrigung. Nein, nie, nie mehr würde sie ihn küssen können, ihn streicheln, die Arme um seinen Hals legen, wie sie's dem Knaben so gern getan hatte! Er war ihr auf einmal ein ganz fremder Mensch geworden. Sie sagte kein Wort mehr, machte ihm keinen Vorwurf. Teilnahmslos hörte sie das, was jetzt ihr Mann unten im Garten zu ihm sprach. So milde wie Schlieben diesen Mittag seiner Frau gegenüber geschienen hatte, jetzt, dem Sohne gegenüber war er es denn doch nicht. Ernsthaft sagte er:„Ich höre, Du bist angetrunken nach Hause gekommen— was soll das heißen? Schämst Du Dich nicht?" „Wer hat das gesagt?" „Das ist ja ganz gleichgültig, ich weiß es, und das genügt!" „Sie natürlich!" sagte der Sohn bitter.„Mama über- treibt gleich alles so. Betrunken bin ich sicher nicht gewesen, nur ein bißchen im Schwum— das waren wir alle— Gott, Papa, man kann sich doch nicht ausschließen! Was soll man denn auch sonst machen an so'nem langen Abend? Aber schlimm war's jedenfalls nicht. Ich bin ja jetzt so frisch!"' Und er packte den Zicrkirschenbaum, unter dem sie gerade standen, mit beiden Händen, als wolle er ihn ausreißen, und ein ganzer Schauer von weißen Blüten ging nieder über ihn und den Weg. „Laß meinen Baum nur stehen," sprach der Vater lächelnd. Käte sah: Paul konnte lachen? Also so ernst war's ihm doch nicht! Aber sie erregte sich nicht mehr, wie sie sich wohl früher hierüber erregt haben würde, es war ihr, als sei alleS in ihr kalt und tot. Sie hörte die beiden sprechen wie auS weiter, weiter Ferne, ganz schwach nur war der Stimmen Klang, und doch sprachen sie beide laut und auch lebhast. Die Unterhaltung war nicht ganz so freundschaftlich? wenn Schlieben dem Jungen auch nicht ernstlich zürnte, so hielt er es doch für seine Pflicht, ihm Vorhaltungen zu machen- Er schloß:„Ekelhaft sind solche Saufereien!" Im stillen dachte er freilich:„So schlimm wie Käte es macht, kann es un» möglich gewesen sein, man müßte doch sonst dem Jungen etwas anmerken!" Seine bräunlichen Wangen waren glatt und fest, so blank, so frisch gewaschen, seine nicht großen, aber durchj ihre dunkle Tiefe auffallenden Augen hatten heute sogar einen besonderen Glanz. Schlieben legte dem Sohne die Hand auf die Schulter: „Also, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, nie mehr so etwas. Wolfgang I" Sorglos zuckte dieser die Achseln:„Ich weiß wirklich nicht, Papa, was ich verbrochen habe. Es ist mir alles etwas schleierhaft. Aber es soll nicht mehr vorkommen, gewiß nicht!" Und sie schüttelten sich die Hände. Nun rührte sich doch etwas in Käte: sie hätte aufspringen mögen, schreien:„Glaub' ihm nicht, Paul, glaub' ihm nicht! Er wird sich doch wieder betrinken, ich traue ihm nicht! Ich kann ihm ja nicht trauen! Hättest Du ihn gesehen, wie ich ihn gesehen habe o, er war ja so gemein!" Und wie eine Vision tauchte plötzlich eine Bauernschänke vor ihr auf, eine Schäuke, die sie nie gesehen hatte— rohe Kerle saßen um den Holztisch, die Ellenbogen aufgestemmt, pafften stinkenden Tabak von sich, tranken wüst, gröhlten wüst-- ab, saßen da nicht sein Vater, sein Großvater auch darunter, alle die, von denen er abstammte? Eine furchtbare Angst fiel über. sie her: das konnte ja nie, nie gut enden! „Du bist so bleich, Käte," sagte Schlieben beim Abend» brot.„Du hast zu lange stillgesessen; es ist doch noch zu kaltj draußen!" „Ist Dir nicht wohl, Mama?" fragte Wolfgang höflich, besorgt. Käte antwortete dem Sohn nicht, sie sah nur zu ihrem Manne hin und schüttelte verneinend, abwehrend den Kopf: „Mir ist ganz wohl!" Da gaben sie sich zufrieden. Wolfgang aß mit gutem Appetit, mit besonders großem sogar: er war völlig ausgehungert. Es gab auch lauter gute Sachen, die er gern aß: warmes Hühnerfrikassee mit Kalbs» milch, Klößchen mit Krcbsschwänzen, und dann noch feinen Aufschnitt, Butter und Käse und junge Radieschen. „Junge, trink nicht so fiel," sagte Schlieben, als Wolf» gang schon wieder nach der Weinflasche griff. „Ich habe Durst," sagte der Sohn mit einem gewissen Trotz, schenkte sein Glas aufs neue voll bis an den Rand und goß es hinunter auf einen Zug. „Das kommt vom Schwärmen!" Der Vater hob leicht drohend den Finger, lächelte aber dabei. „Vom Saufen kommt's," dachte Käte, und der Ekel schüttelte sie wieder: sie hatte sonst, selbst in Gedanken, nie einen solchen Ausdruck gebraucht, nun dünkte ihr keiner stark« schroff, verächtlich genug. Es kam keine gemütliche Unterhaltung zustande, trotzdem das Zimmer so wohnlich war, der Tisch so reich besetzt« Blumen auf dem weißen Tuch, zierlich eingesteckt in eins kristallene Schale, und über dem allen mildes, gedämpftes! Licht unter einem grünseidenen Schirm. Käte war so ein« silbig, daß Paul bald nach der Zeitung griff, der Sohn der« stöhlen durch die Nase gähnte und endlich aufstand« AaA fDöt Venn Loih zu gräßlich SLe. hier zu fitzen! Ob er noch einmal nach Berlin hineinfuhr oder zu Bette ging? Er wußte selbst nicht recht, was tun- „Du gehst jetzt zu Bett?" Es sollte wie eine Frage klingen, aber Käte hörte selber, daß eS nicht wie eine Frage klang. „Natürlich geht er jetzt zu Bett," sagte der Vater, einen Augenblick den Kopf hinter seiner Zeitung hervorhebend.„Er zst müde. Gute Nacht, mein Junge!" „Ich bin nicht müde!" Wolfgang wurde rot und heiß: was siel ihnen denn ein, ihm einreden zu wollen, er sei müde? Er war doch kein Kind mehr, das man zu Bette schickt! Be- sonders der Mutter Ton reizte ihn—„Du gehst jetzt zu Bett" das war ja ein Befehl! t In seinen dunklen Augen wurde der Glanz zum Flackern: ein Zug von Trotz und Widersetzlichkeit machte sein Gesicht nicht angenehm. Man hätte wohl sehen können, wie es in ihm aufbrauste, aber der Vater sagte:„Gute Nacht," und hielt ihm, mit seiner Zeitung vorm Gesicht, ohne aufzublicken, die Hand hin. , Die Mutter sagte auch:„Gute Nacht!" Und der Sohn ergriff eine Hand nach der anderen— auf der Mutter Hand drückte er den gewohnten Kuß— und sagte:„Gute Nacht!" 14. Schlieben saß in seinem Privatkontor in dem roten Leder- stuhl, den er sich zur Bequemlichkeit hatte hier hineinstellen lassen, lehnte sich aber nicht an, sondern saß ungemütlich, gerade aufgerichtet, und sah aus wie einer, der eine unlieb- fame Entdeckung gemacht hat. Wie konnte das zugehen, daß der Junge Schulden gemacht hatte?! Bei so reichlichem Taschengeld?! Und dann, daß er nicht das Herz hatte, zu kommen und zu sprechen:„Du, Vater, ich habe zu viel aus- gegeben, hilf mir heraus— das war einfach unfaßlich! War er denn ein so strenger Vater, daß der Sohn sich vor ihm fürchten mußte? Trieb die Furcht die Liebe ans?! lgortsetzung folgt.x Kunstgewerbe-Ausstellung Dresclen 1906. Die dritte deutsche Kuustgetverbeausstellung in Dresden führt die Tendenzen der vorherigen beiden Kunstgewerbeausstellungen fort. 187S sänd die erste Ausstellung in München statt. Damals wurde. um der zunehmenden Verflachung, die durch eine äußerliche Nach. ahmung alter Stile eingetreten war, entgegen zu arbeiten, der Nach. druck auf die heimatlichen Vorbilder gelegt. 1888 fand die zweite Kunstgewerbeausstellung, ebenfalls in München, statt. Der Zweck war. die Ansätze im einzelnen zu zeigen, die in Stil und Technik als Aolgö der ersten Ausstellung sich bemerkbar machten. Die dritte, die jetzige Dresdener Ausstellung, richtet nun wieder ihr Augenmerk auf das Ganze. Sie will versuchen, Beiträge zu den Fragen beizu- bringen, die das Kunstgewerbe in der Gegenwart bewegen. Die Kunstindustrie trat als neues Gebiet ausschlaggebend in den Vordergrund und beeinflußte nachhaltig den Stil der Gegenstände. Wie verhält sich Kunsthandwerk zur Kunstindustrie? Inwieweit dürfen Allgemeinheit sFabrikware) und Persönlichkeit(Handwerk) noch zusammengehen und können sie es überhaupt? Wie gestalten sich im Anschluß hieran die einzelnen Wege, die jedes Gebiet für sich aufweist und seinem Charakter nach aufweisen muß? Wird da keine Klärung herbeigeführt, so wird die Verwirrung der Stile immer größer. Die Tendenz unserer Zeit geht aber dahin, aus dem Wirr- warr den Weg zu einem Stil der Gegenwart zu finden. Indem die Ausstellung die Aufgabe so klar ins Auge faßte, begründet fie ihre Notwendigkeit innerhalb der künstlerischen EntWickelung. Die Ausstellung gliedert sich in drei Abteilungen: Kunst, Kun st Handwerk, Kunstindustrie. Den umfassendsten Raum nimmt die Kunst in Anspruch. Es ist aber, dem Charakter der Ausstellung entsprechend, nicht die Kunst an fich, die hier erscheint, Bilder. Statuen, sondern es ist die R a u m- ! u n st, die hier maßgebend auftritt. Die bildende Kunst wirkt nur mit. Das einzelne Kunstwerk soll nur den Raum schmücken, es soll nicht sich herausheben, sondern sich einfügen. Es tritt im Rahmen der Raumkunst auf. Diese legt das Hauptgewicht darauf, künstle- rische Gesamtwirkungen von ganzen Räumen vorzuführen. Damit soll eine möglichst übersichtliche Auswahl über die Richtungen des modernen Geschmacks gegeben werden. Gegen früher sind da be- stimmte Umwandlungen zu beobachten. Es ist damit dem schaffen- den Künstler Gelegenheit geboten, sich, indem er vielerlei neben ein. ander sieht, klar zu werden, wohin die EntWickelung steuert. Gerade has tut not und die Ausstellung könnte schon, träte dieses Resultat ein, damit allein zufrieden sein. Erhalt so der Künstler Wfrvihtendt Anregung, so erkennt das Publikum hier in markanten, praktische» Beispielen, was die dekorative Bewegung eigentlich will. Und viel» leicht lernt es bei diesen Vergleichen Nachahmung und wirklich? Originalität von einander unterscheiden. Die Raumkunst vereinigt, insofern fie ganze Räume gibt, bildende Kunst, Handwerk und Industrie. Alle dies« Einzelleistungen gruppiert fie zu einem Ganzen und führt fie zu einer praktischen Einheit zusammen, zu einem Zimmer, einem Saal, dem Raum. Dabei ist, um einer ziellosen Ausstellungswut entgegen zu arbeiten, Wert darauf gelegt, daß diese Räume nicht bloße Ausstellungs- und Schauräume sind, sondern bestimmten Zwecken angepaßt find, Wohn» räume, Schulzimnwr, Sitzungssäle. Im ganzen über 100 Räume, die eine gute Uebersicht geben und die einzelnen Kunstzentren Deutsch- lands, in denen in diesem Sinne gearbeitet wird, markant hervor» treten lassen. Damit wird der dekorativen Bewegung, die bis dahin nur ein Zufall schien, ein Fundament gegeben, auf dem sie in Zu. kunft nun festen Fuß fassen wird. Die überreiche Beteiligung hat durch sachgemäße Behandlung Ucbersichtlichkcit erhalten. Gemeinde- fitzungszimmer lvechseln mit Schulsälen und Privaträumen, denen man jedesmal die Zweckbestimmung ansieht. Daraus ist erkennbar, daß unsere Architekten und Maler immer energischer die Bedingungen des Raumes berücksichtigen, aus denen er erwächst. In anerkennenS» werter Weise haben die Gemeinden und Städte oft die Kosten zur Ausführung bewilligt oder Räume ftir sich in Austrag gegeben. Im allgemeinen ist zu sagen, daß sinnlos Extravagantes kaum zu be. merken ist. Die Künstler haben jetzt schon eine Schulung hinter sich, sie sind bestrebt, von der Praxis zu lernen. Ihre Entwürfe und Vor- schlüge haben Hand und Fuß, und das Material prunkt nicht, sondern ist sinnvoll verwendet. Zu den Einzelräumen gesellen sich ganze Häuser, die im Park verstreut sind. Besonders ist der Komplex von A r b e i t e r w o h n h ä u s e r n zu erwähnen, die sich um eine Dorfschule, ein Musterbeispiel in gesundheitlicher und künstlerischer Hinsicht, gruppieren. Mit dieser Anlage ist der Wirkungskreis der dekorativen Kunst erheblich er- weitert; sie dringt in Gebiete ein, aus denen sie ihre Tüchtigkeit erproben kann. Tatsächlich sind diese mit genauer Rücksicht auf die Praxis hergestellten kleinen Räume, die entsprechend billig sind. ein vorzüglicher Beweis für die gesunden Bestrebungen in der dekorativen Kunst. Mit diesen Arbeiterwohnhäusern ist ein Schritt getan, der zu tun noch übrig blieb, und weitere Wirkungen werden in Zukunft davon ausgehen. Die Schule ist durch einen Vorbau, eine offene Halle in blau» gestrichenem Holz, das mit naiven Holzschnitzereien lustig geschmückt ist, sehr anheimelnd gestaltet. Das Vorherrschen des Grün in dem farbigen Anstrich gibt der Fassade Frische. Die seitlichen Flügel sind mit gelbem Putz versehen. Blattwerk rankt sich hinauf. In der inneren Einrichtung ist allen Anforderungen der Hygiene Genüge getan. Die Schulbänke zeigen verschiedene Muster; sie sind schwellenlos und zum Verschieben eingerichtet Aber nicht nur das. Durch geschmackvolle Anordnung ist dem Raum jede Nüchternheit genommen. Wandbilder schmücken die Wände. Bis zu halber Höhe zieht sich eine blaugetönte Holztäfelung herum, in die Tafeln ein» gefügt sind, die auswechselbaren Bilderschmuck gestatten. � In an- genehmer Abwechslung sind Bilder und keramische Gegenstände hier eingefügt. Ein Aquarium mit Durchlüftung, Skelette von Tieren geben den Kindern Anregung. Blumen stehen am Fenster. Eine Serie von aufeinanderfolgenden Schachteln zeigt, wie das Porzellan entsteht. In einem Schrank sind von Kindern modellierte Gegen- stände ausgestellt, die teilweise eine naive Begabung verraten. Diese Schule— eine Lehrerwohnung, bei der der Architekt fein» fühlig althergebrachte Ansprüche mit modernen Neuerungen ver- schmolzen hat, schließt sich an— ist nicht nur eine Ausstellungs. schöpfung. Wenn sie auch ein Schmuckkästchen ist. so ist sie doch tat- sächlich Eigentum der Gemeinde Neu-Eibau in der Oberlausitz. Einige Modelle weiterer Schulbauten legen von dem Bestreben Zeugnis ab, die Schulen so zu bauen, daß sie sich der ländlichen Umgebung besser als bisher anpassen. Mit anderen Worten: das Schema soll weichen zugunsten der Eigenart. Da sehen wir-Eni» würfe für ebenes Gelände und für's Gebirge; je nach den Bezirken kommt ein besonderer Stil zum Ausdruck. Auf sparsamste Aus» führung ist Rücksicht genommen. Dennoch sehen wir da mit ein- fachen Mitteln viel Gutes erreicht, oft Besseres, als früher mit teueren Ausgaben. Uebcrall herrscht das Gemütliche vor; das Kind soll nicht aus dem Hause gerissen und in eine fremde, langweilige Umgebung versetzt werden, es soll Freude haben, soll mit Lust in diese Räume kommen. Und gerade auf den einsamen Dörfern im Gebirge, im Flachland tut es not, daß den Kindern, die nicht wie Stadtkinder auf der Straße Eindrücke bekommen. Neues in un» gezwungener Weise und abwechselungsvoll vermittelt wird. * Die beiden anderen Abteilungen, die der Ausstellung noch an» gegliedert sind(Kunsthandwerk und Kunstindustrie) treten natur» gemäß zurück. Sie dienen nur dazu, Gelegenheit zu geben, die Fragen der dekorativen Kunst, deren Bedeutung in den oben ge» schilderten Räumen und Häusern sich kennzeichnet, noch verschieden» fach zu beleuchten. Die Abteilung Kunsthandwerk zeigt als interessantesten Teil die Volkskunst. Da sehen wir reizvolle Interieurs. Alte Bauernstubrn, mit allem Zubehör ausgestattet und so gemütlich ein- ««Ächtet, als hätten die Bewohner boZ Zimmer eben erst verlassen. In den Fenstern stehen die Blumen, die den betreffenden Bezirken eigentümlich find. Ganze Decken find eingelassen und Fenster ein- gesetzt, so daß daS Ganze fich möglichst getreu präsentiert. Damit soll aber nicht nur dem Besucher eine flüchtige Freude bereitet werden. Vielmehr itt der Grundgedanke der, zu zeigen, datz fich überall in Deutschland, im Norden und im Süden, im Osten w,e im Westen eine natürliche Kunstübung erhalten hat, die unbeeinflußt von fremden Stilen geblieben und die die kräftige, natürliche Eigen- art der Bewohner zeigt. Nicht der einzelne schafft hier die Aus- druckssprache in den Kunstformen, sondern der ganze Bezirk zeigt eine feste Ueberlieferung, eine Tradition. Daß unsere Künstler sich in diesem reichen Schatz schon umgesehen haben, beweisen manche moderne Räume, für die die Anregungen der Bauernkunst ver- wertet find. Die Kunstindustrie gibt einen Ueberblick, inwiefern die Maschine schon fähig ist, der modernen Kunstanschauung zu dienen. Es gilt da den richtigen Weg zu finden, der Maschine nicht Un- mögliches zuzumuten, nicht Handwerkskunst nachzuahmen. Es gilt, die Formensprache zu finden, die der Maschine eigen. Die Firmen, die hier ausstellen(meist nach Künstlerentwürfen angefertigte Arbeiten), geben einigermaßen eine Uebersicht und deuten an, wieweit die Industrie der Kunst folgen kann. Eine Reihe von Arbeiten, die ohne jeden künstlerischen Schmuck hergestellt sind, illustrieren sogar den Satz von der Schönheit des nackten Materials. An diesen Stücken ist einfach alles Notwendigkeit; das Material an fich, sinn- gemäß behandelt, wirkt so nachdrücklich wie ein Kunstwerk. Wie umfassend die ganze Aufgabe angepackt wurde, dafür sei noch angeführt, daß eine ganze Straße mit vorbildlich modernen Läden eingerichtet ist. Da ist ein Zigarrenladen. Die Regale sind praktisch eingefügt, die graue Farbe der Holzflächen, die schön abschließende Tür mit dem leichten Vorhang gibt dem Raum eine solide, sachgemäße Schön- heit. Die Zigarrenkisten find ganz einfach, ohne überflüssigen Schmuck; nur die wie ein Bücherzeichen auf den Jnnendeckel an die Ecke geklebte Kennmarke schmückt das sonst unbeklebt gelassene Holz. Der Verkaufsraum für Kaffee hat in seiner kompakt massigen Anlage etwas Holländisch-Gemütliches. Kiefernholz ist grünlich- grau lasiert. Ueberall breite, derbe Flächen, die hoch bis an die Decke sich hinaufziehen. Folgt ein Konfektionsladen, der einfach weiß gehalten ist. Er präsentiert in hohen Glasvitrinen die Kleider sehr vorteilhaft. Hier sind auch moderne Entwürfe für Bühnen- ileider auSg�-Ilt, die in breitem Faltenwurf einfache, schön« Linien zeigen und j ch im Schmuck beschränken. Eigenartig ist der Ver- kaufsraum für Liköre. Die Decke ist niedrig und gewölbt; die Be- leuchtungSkörpcr sind eingesetzt und wirken wie kleine Sonnen. Tische und Bänke sind in der Ecke eingefügt und machen in der breiten Rundung einen äußerst einladenden Eindruck. Die Farben find gelb und grün. Auch der Schankraum ist mit Geschmack an- gegliedert. Zum Schluß ein Konfiturenladen. Hier sammelt die zweckmäßige Anlage— es wechseln immer Regale und Schränke— das Einzelne. Das Holz ist schwarz lasiert und betont sich dadurch auffallend. An den Schlöffern leuchtet Aluminium. Hübsch fügt sich im Hintergrund wieder die Thürumrahmung breit ein, die nach dem Lagerraum führt. Ueberall!v«Ktet Geschmack, Sauberkeit. So dringt in das all- tägliche Leben ein Schimmer von 5lrmst, die hier der Praxis dient. Machen wir zum Schluß noch einen Spaziergang durch den Park. Da stoßen wir auf die„Dresdener Werkstätten", die in einem besonderen Pavillon ihre Maschinenmöbel zeigen, die eine so große Zukunft haben, da sie mit ihren praktischen und schönen Eni- würfen(von Riemerschmied) und ihrer Billigkeit zum erstenmal den Versuch machen, die moderne Raumkunst in breitere Kreise zu tragen und aus der Luxuskunft eine Volkskunst zu machen. Da finden wir im Grünen, an den Ufern des kleinen Sees, Pavillons verstreut. Besonders die Gartenhalle von A. Müller macht einen wohnlichen, intimen Eindruck. Es ist derbe Arbeit, wie sie der Zimmermann leistet. Das im Innern helle Kiefernholz ist außen durch Imprägnierung dunkler getönt. Nach außen zu erweitert sich der Eingang und bietet Raum für je eine Bank. Der Phonola- Pavillon macht durch die großräumige Gestaltung, die dunkelblaue Färbung der Wand einen stimmungsvollen Eindruck. In dem hohen, dunkelblauen Raum steht in der Mitte nur ein Flügel, der um so mächtiger wirkt. Ein Milchpavillon ist in weißem Holz leicht und graziös gestaltet. Selbst das„Jägerhof-Restaurant" hat durch die Hand des Künstlers geschmackvolle Ausbildung erfahren. Ein brauner Fries läuft silhouettenartig an der Front entlang, er zeigt Jagddarstellungen in lebhafter Bewegung. Die Einrichtung im Innern lehnt fich mit Glück an Bauernkunst an; grüne Tische und derbe Stühle, an der Decke mächtige, runde, holzgeschnitzte Krön- leuchter. Den monumentalsten Eindruck macht der Pavillon der Delmen- horster Linoleumfabrik. Behrens hat ihn gebaut, in der Form eines Observatoriums, mit genauer Beschränkung auf das Notwendige, so daß die Fassade mit der kreisrunden Kuppel aus viereckigem Unter- bau, dem sparsamen farbigen Schmuck länglicher Vierecke in Orange auf den gelblich getönten Flächen der Wände, einen gesammelten, einheitlichen Eindruck hervorruft. Die Gartenkunst schafft diesen Bauten einen stimmungsvollen Rahmen, sei eS in neuen Versuchen, einen„deutschen" Garten zu komponieren, sei«S in charakteristischen Proben der Gärten einzelnes Bezirke. Denn vor jedem Hause blühen die Blumen, die für den> betreffenden Bezirk charakteristisch find. Und so schließen sich«1 die verschiedenen Gebiete zu einem einheitlichen Bilde zusammen» Ernst Schur. Kleines Feuilleton. kg. Das Märchenhaus. Sie schwärmten schon seit Jahren für die Idee: in einem Sommer einmal„auf's Land" zu gehen. WaK so der Berliner„auf's Land" nennt: eine halbe Stunde Bahnfahrt über die Peripherie hinaus, wo die„Dörfer" aus Villen und Schweizerhäuschen bestehen und man sich— wenigstens in den hübsch vergitterten Voögärten— schämt, einen gesunden Kohlkopf! aufwachsen zu lassen. Aber der Knüppel lag beim Hunde. Vater Breifing mußte Morgen für Morgen nach der Stadt und abends. wieder zurück. Und wenn man da noch etwa? von der guten Luft haben wollte, konnte man nicht bis in irgend einen entfernten Winkel der Mark kriechen. Es gab keinen Vorort innerhalb der. angegebenen Grenze, den sie nicht im Laufe der Jahre besucht und' sozusagen unter die Lupe genommen hätten. Schließlich hatten sie einen gefunden. Er lag noch um eine Viertelstunde Bahnfahrt über die vorgesetzte Grenze hinaus, hatte aber dafür den Vorzug, alle Schönheiten einer idealen Sommerfrische in sich zu vereinigen, DaL heißt: es gab in der Nähe wirklichen Acker mit wirklichen Kartoffeln und echtem Getreide, einen prächtigen Kiefernwald, blumenbunte Wiesen>— und dann und vor allem: die Spree, Waffer! Also Gelegenheit zum Bootfahren, zum Baden, zum Angeln. Zwar reckten sich auch in diesem Ort schon ein paar Villen hoch, und in jedem Jahre waren einige im Bau; aber eS gab doch auch noch einfache Häuschen hier, sogar ein wirkliches altersschwaches Bauernhaus, mit Stroh gedeckt und einem Storchnest auf dem First. Nur daß die Störche nicht mehr kamen, trotzdem noch Frösche genug auf den Wiesen herumhüpften. Und e i n Haus war da, von dem sagte Mutter Breising:„Akkurat als wie in einem Märchen.'', Abseits von den anderen gelegen, im Hintergrunde eines Gemüse. gartens, den nur eine Hecke und ein schmaler Wiesenstreifen vom Wasser trennte, erhob sich ein Stockwerk mit einem Mansarden« geschah darüber. Das ganze Haus in grünen Efeu eingesponnen» so daß nur eben die Fenster herausblickten. Und auf einer kleinen Anhöhe in einer Gartenecke stand eine altersschwache, windschiefe, Laube, mit wildem Wein bewachsen, ihre Oeffnung der Wies? und dem Wasser zukehrend. Zu diesem Häuschen waren Breisings seit drei Jahren mindestens einmal in jedem Sommer gewallfahrtet und hatten sich'Sl ausgemalt, wie schön, wie wunderbar schön fich hier die heiß» Jahreszeit zubringen lassen müsse. Freilich: den ganzen Sommer, auf's Land, daran hatten sie in ihren kühnen Träumen nie gedacht, Aber auf einige Wochen vielleicht. Wenn Vater Arbeit behielt und Mutter gehörig knappste, dann ließ«S sich möglicherweis? machen. Im letzten März endlich wurde der kühne Entschluß gefaßt, Aus verschiedenen Gründen. Einmal, weil die kleine Berta im nächsten Jahre zur Schule müsse,— denn in den Sommerferien war's draußen überall noch mal so teuer wie sonst. Dann aber, weil sie all« miteinander schon erholungsbedürftig genug waren und besonders Vater Breising fich eine Nervosität zugelegt hatte, die manchmal schon nicht mehr schön war.„Bloß Ruhe," sagte er immer wieder, wenn er die zwei Treppen zu seiner Hofwohnung hinaufgeklettert war, und von unten noch das Gekreisch der Kinder und die Klaviertöne aus dem Restaurant des Nachbarhauses her- aufschallten.„Bloß Ruhe, Mutter,'n paar Wochen Mausestille um einen. Ich glaub, das kuriert." „Na, denn woll'n wir doch!" erklärte Frau Breising resolut, holte die Ersparnisse aus der Kommode und begann das Rechnen, Na, es ging. Knapp, aber eS ging. Am darauffolgenden Sonntag fuhren sie hinaus. E i n Ort kam ja nur in Betracht. Eigentlich nur ein Haus. Aber man konnte ja nicht wissen: vermieten die Leute?— Ja. Zögernd zwar, aber einwilligend stellte die alte Frau, der das Märchenhaus gehörte, ihre Forderung. Nicht billig war sie. Aber der Etat gestattete es noch. Sie wurden einig. Auf vier Wochen. Dann kam eine schöne Zeit. Vorfreude. Das MärchenhauS im Lichte der Entfernung. Die kleine Berta bekam die wunder» schönsten Geschichten aus dem Munde ihrer Mutter zu hören. Die Phantasie blühte auf. Bei allen. Und zuweilen stellte die Un» geduld sich ein. Aber endlich kam der Tag der Erfüllung. Sie waren da. Waren wirklich und wahrhaftig im Märchen- Hause. Etwas dürftig eingerichtet zwar, aber wer fragte danach?, Das Schöne lag vor den Fenstern. Und dann vor allem: die Ruhe, diese feierliche Stille am Abend. Kaum eine Tür hörte man klappen— und wenn Vater Breising nach Hause kam, waren auch die Hühner schon schlafen gegangen und gackerten nicht mehr, Aber Mutter und Kind murrten. Es regnete nämlich, seit Tagen, Ihm, dem Vater, machte es wenig. Aber er seufzte doch, weil die anderen nicht ganz zuftieden waren. Er sehnte mit ihnen die Sonne herbei. Sie kam. Eines Morgens war die große Wolkenwanne aus» gelaufen. Ein herrlicher Sonntag zog herauf. Mit Vogeh, — 480— gezwitscher unS würzigen Düften, mit einfcc Flut von Licht— und dem ersten Dampfschiff, daS dumpfe, langhallende Laute von fich gab und Breisings um fünf Uhr morgens erschreckt auS dem Bette tagte. Dann lachten sie, freuten sich der Wetterwende und bemcrtteu staunend, wie das Bild da draußen sich unter dem Ein- flutz des Lichtes verändert hatte. Der Kaffee ward heute zum ersten Male in der Laube getrunken. Das war denn wirklich der erste ungetrübte Genuß in der Sommerfrische. Er dauerte Nicht lange. Um sieben Uhr zog eine Turnerschar mit Trommeln und Pfeifen vorüber. Breising hielt sich die Ohren zu, aber er lächelte noch. Auch dann noch, als eine halbe Stunde später wieder ein Dampfer den Fluß hinabkeuchte— mit Musik, Gcbimmele und Getute. Breising kam hinter die Ursache des Lärmes: der Fluß Machte in der Nähe eine scharfe Wendung, die sich vom Schiff auS nicht völlig übersehen ließ. Und weil Ruderboote fich auf dem Wasser tummelten, und ein Stückchen weiter unten auch eine An- legcstellc war, ließ jeder Dampfer hier feine sämtlichen Warnungs- und anderen Signale- ertönen.„Ja," sagte der Ruhebedürftige nachdenklich,„wenn das den ganzen Tag so geht, Mutter!" Jetzt seufzte sie. Leise noch, etwas furchtsam aber. Ein Gepolter schreckte sie auf. Ein Ruf:„Alle Neune I" Also «!in Lokal, das sie noch nicht bemerkt hatten. Drüben, hinter den Büschen, auf der anderen Seite. Kaum zu sehen, desto besser zu hören. Um zehn Uhr etablierte sich ein Gesangverein. Um elf tastete sich hinter der Hecke, zwei Schritte von der Laube, eine große Gesellschaft von Damen und Herren durch das Gras, kreischend und lachend, sich von Herzen ihres Lebens freuend. Breifing ward un- lruhig, ging nervös in dem kleinen Garten auf und nieder. Um «in Uhr kam wieder ein neuer Ton von drüben: der einer stark- stimmigen Drehorgel mit Trommelbegleitung. Von einem Karussel offenbar. Also feststehend! Wie denn auch der Nachmittag bewies! Kebstdcm, daß der Gesangverein sich für heute dauernd dort nieder- gelassen. Schöne Aussichten. Breifing war nach dem Mittagessen ins Zimmer geflüchtet, hatte die Fenster geschlossen und ein Schläf- chen versucht. Es wurde nur ein unruhiges Träumen. Als Frau Breising ihn zum Kaffee rief und er in den Garten trat, blieb er wie angenagelt stehen. Was sich jetzt an Tönen, an Rufen, Ge- schrei, Gelächter, Gesang, Getute, Gebimmele und sonstigen Ge- rauschen in der Luft vereinte, war mehr als Jahrmarkt. Breising sagte nichts. Später ging er mit Frau und Kind in den Wald. An einer einsamen, versteckten Stelle lagerten sie sich, bis die Abendkühle zur Heimkehr zwang. „Eine richtige Ruhe gibts wohl für unsereinen nicht," meinte Breising, als sie wieder in den Schwärm der Ausflügler gerieten. „Jeder will seine Freude haben!" sagte die Frau. Ja. er gönnte es ihnen von Herzen, aber er selbst vertrug'S doch nicht. Man zog doch nicht in die Sommerfrische, um vier Wochen wie auf einem Schütz«nfest zu leben. „In der Woche wird'S nicht so schlimm sein." meinte sie.„Und vielleicht regnet'S auch wieder." Das war ein Trost, freilich. Aber als er im Bett lag, konnte er bor Mitternacht nicht einschlafen. Denn bis dahin wechselten sich draußen gefühlvolle Lieder ab, wie:„Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?"„Das ist die Berliner Luft",„Guter Mond, du gehst so stille" und so weiter. •v Ach ja, so ein Märchenhaus, eine halbe Stunde von Berlin! Theater. BerlinerTheater. Chmbelin. Romantisches Schauspiel in 5 Akten von Shakespeare. Als Abschluß des sommerlichen Gastspiels brachte Frau PoS- p i s ch i l Shakespeares„Chmbelin" mit ihrer Truppe zur Auf- führung. Sie selbst begnügte sich diesmal mit der Rolle dcZ Regisseurs. Die Darstellung war gewiß nicht schlecht, doch ebenso wenig hervorragend. Aber auch eine sehr viel bessere würde nur bestätigt haben, daß die bisherige Zurückhaltung der Bühnen diesem roman- tischen Schauspiel gegenüber wohl begründet war. Der stille poe- tische Reiz, der die Gestalt der reinen, ruchlos verläumdeten und am Ende triumphierenden Jmogen umspielt, kann für den Ballast der in breiter Fabulierlust angehäuften Abenteuer schließlich doch nicht genügend entschädigen; wenigstens im Theater nicht, wo der Zuschauer vom gleichgültig Stofflichen nicht rasch zum Wesentlichen forteilen kann, sondern geduldig alle Zickzackwcge mitzumachen ge- gwungen ist. Die Fabel hat die bunte Art eines Ritterromans, und mengt, zwischen Britannien und Italien sich hin und her bewegend, historisch ganz verschiedene Epochen durcheinander. Ein Welscher muß es sein in Rom, der prahlerisch mit Posthumus die Wette eingeht, er werde die Tugend seiner fernen Gattin Jmogen, der Tochter König Eymbclins zu Falle bringen, ein Welscher, der aus diesem Grunde extra nach England reist und mit Entrüstung abgewiesen, der Schlafenden den Ring vom Finger streift, um ihn als Trophäe der gelungenen Verführung dem Gemahle vorzuzeigen. Posthumus be- schließt in wilder Verzweiflung die Heimkehr, aber die Rachgier deS edlen Helden kann nickst einmal warten, bis er die schuldig Ge- glaubte wiedersehen wird; er schreibt an seinen alten Diener am Hofe des Königs Chmbelin und befiehlt ihm, Jmogen zu morden. Immer heftiger überstürzen und verschlingen sich die seltsamen Er- sindungcn. Der gute Diener teilt der Herrin den Anschlag mit und "erredet sie, in Knabcnlleidern zu entfliehen. In einer verborgenen WaldhShle trifft sie mit einem würdigen Greis und zwei Jünglin geraubten Königskindern, ihren Brüdern, wie sich'S am herausstellt, zusammen; herzlich empfangen die Einsiedler den schönen Fremdling. Ein Gift, das ChmbelinS Gattin, die böse Königin, dem Diener mit der Weisung gab, es sei ein Mittel stärkst» Heiltrast, und das dieser Jmogen anvertraute, streckt die Flüchtige, toährend ihre neuen Freunde der Jagd nachgehen, scheintot nieder. Erwachend aus der Betäubung sieht sie einen Leichnam mit ab« gehauenem Haupte neben sich im GraS. Es ist der plumpe, wider- wältige Sohn der bösen Königin, der Jmogen, um sie zu verderben, nachschlich und im Streit mit einem der Jünglinge sein Leben lassen mußte. Getäuscht durch den falschen Schein der Kleidung beklagt sie herzzerreißend in dem Gefallenen den immer noch mit gleicher Glut geliebten Gatten. Ein Römcrfeldherr, der Chmbelin soeben Krieg angesagt, nimmt den sanften Knaben als Pagen in seinen Dienst, und eine Schlacht, in der die Fremden aufs Haupt geschlagen werden, bereitet alles glücklich zur Lösung des vielfältig verschlungenen Knoten vor. Im Zelt des Königs, dem die Gefangenen, darunter Jmogen der Page, vorgeführt werden, gesteht der römische Ver- lcumder seine Schandtat ein; Posthumus, der unerkannt mit- gekämpft, sinkt der Gattin, als sie sich zu erkennen gibt, reuig in die Arme, die böse Königin stirbt und Chmbelin, der den nichtsnutzigen Stiefsohn verloren, erhält dafür aus der Hand des Greises die echten Sprossen seines BluteS: das Jünglingspaar, das Löwcnkühn» heit in der Schlacht bewiesen. Es war Mitternacht geworden, bis der Vorhang fiel. Die Vorstellung hielt sich, wie schon gesagt, auf guter Mittel- höhe. Verdorben wurde keine Rolle. Wegener gab dem römischen Schurken scharfgerissene Charakterlinien in Mienenspiel und Rede; neben ihm fiel unter den Herren noch Gotthardt auf, der den strohhirnigen plumpen Prinzen— wohl das Vorbild des täppischidiotischen Germanenbräutigams in Grillparzers„Weh dem, der lügt"— derb zugreifend verkörperte. Julie Serba war eine Jmogen von sympathischer Natürlichkeit und Schlichtheit des TonS, namentlich in den Szenen vor der Waldhöhle, und auch im letzten Akte traten die starken Seiten ihres Talentes hervor.— dt, Humoristisches. — Degeneration.„Haben Sie gehört, Graf Bredolv, der Bruder unseres ftüheren Regimentskameraden, wurde zum Professor der Ohrenheilkunde ernannt."— „Na, ich danke, der eine heiratet aus Liebe, der andere wird Mediziner!"— — Entschuldigung.„Was gaffen Sie mich denn immer an? Ich verbitte mir da« I" „I Hab' Sie net beleidig'» woll'n, Sie Rindviech!"— („Simpl.") Notizen. — DaS alte„ Magazin für Literatur", das zuletzt in den„Monatsbläitern für deutsche Literatur" aufgegangen war. soll wieder aufleben. Ein Schuß Wissenschaft soll es auf den Beinen halten.— — Der erste Lehrstuhl für Verlags- und ZeitungS- Wesen in Deutschland wird von der Berliner Handelshoch- s ch u le e i n g e r i ch t e t, die am 1. Oktober ins Leben tritt. Das Lehramt ist dem Schriftsteller Hans Buh mann übertragen worden.— — Der„Wiener Volkstheaterpreis"(2000 Kronen) kommt nicht zur Verteilung. Die Preisrichter konnten sich nicht einigen. Die Autoren der drei aufgeführten Stücke erhalten je 700 Kronen„Schmerzensgeld".— — Die.Sittennote", Tragödie eines Schülers in vier Akten von Adolf Schwajer, wurde vom BerlinerTheater erworben.— — Deutsches und Neues Theater schließen ihre Spiel- zeit am 30. Juni.— — Der französische Komponist und Klavierdirtuose Saint- S a ö n S ist für das erste philharnionische Konzert unter NikischS Leitung in der kommenden Saison verpflichtet worden.— — Die Jahrhnndert-Ausstellung(Nationalgalerie) wird am 30. Juni geschlossen.— — Ein Preisausschreiben der Stadt B i e b e r i ch am Rhein hat zum Gegenstande Entwürfe zur baulichen und gärtne- rischen Ausstattung eines städtischen. 6,5 Hektar großen Geländes. Die vier Preise bestehen in 1000, 800, 600 und 400 M. Die Frist läuft bis 16. September.— t. Eine große Forschungsreise nach denOuellen des Amazonen st romes wird im nächsten Jahre von der Harvard-Universität ausgehen. Der Leiter des Unternehmens wird Dr. Farabee von der anthropologischen Abicilung dieser Hochschule sein, dem sich drei weitere Forscher anschließen werden. Als Aus- gangspunkt wird der Ort Areqriipa in Peru dienen, wo die Hcud'prb- Universität bereits eine Tochteranstalt errichtet hat, die für Himmels« und witterungskundliche Forschungen dient. Die Dauer der Expedition ist auf drei Jahre veranschlagt worden.— —!»*•« q«* i: v rywr. qjrr wmiv*. vc-t-vvi-tyv* iv*» t|4•wtve.su- kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer äcCo.,Berlin5W.