Hlnterhaltimgsblatt des Horwärls Nr. 122. Donnerstag, den 28. Juni. 1906 (Nachdruck verboten.) 40] 6imr JVIutter Sohn. Roman von Clara Viebig. Wolfgang tvar, als er Frida bis an ihre Haustüre gebracht hatte, langsam Nieitergsschlendert, den Tennisschläger unterm Arm, die Hände in den Taschen der weiten Hosen. Ueber ihm spannte sich ein reichgestirnter Nachthimmel, unendlich schwül blinkten goldene Augen zu ihm nieder: alles Räderrollen war verstummt, feine Spaziergänger in großen Trupps wirbelten mehr den Staub der Straße auf. Was die hin und wieder rollenden Sprengwagen des Tages nicht vermocht hatten, das hatte jetzt der Tau der Nacht getan. Der lose Sand war ge- löscht, eine kühlende Frische stieg vom Boden auf, Bäume pnd Büsche dufteten nach Grün: von Gartenbeeten, im Dunkel versunken, skiegen Blumengerüche auf. Wolfgang atmete mit Wohlgefühl, leise pfiff er: eine friedvolle Freudigkeit war in ihm: nun war es doch gut, daß er sich nicht mehr in Berlin umhcrtrieb! Es war so nett gewesen mit Frida, wie gut hatte er sich mit ihr unterhalten— und dann— es machte ihm wirklich ein riesiges Vergnügen, Mutter Lämke ein wenig unter die Arure greifen zu können! So recht im Innersten vergnügt kam er zu Hause an. „Die Herrschasten haben längst abgegessen," erlaubte sich Friedrich mit einem gewissen Vorwurs zu bemerken der junge Herr war denn doch gar zu unpünktlich! „Na, wenn schon," sagte Wolfgang.„Sagen Sie der Köchin, sie soll mir noch rasch was machen, ein Kotelett oder Beefsteak, oder was gab's denn sonst heute abend? Ich habe 'neu Mordshunger!" Friedrich sah ihn ganz verdutzt an: jetzt noch, um halb elf noch? Das war dock, Herrn Schlieben oder der gnädigen Frau noch nie eingefallen, so etwas zu verlangen warmes Abendbrot noch, um halb elf Uhr?! Er stand zögernd. „Na, wird's bald," sagte der junge Herr über die Schulter weg und ging ins Eßzimmer hinein.» Da saßen die. Eltern— beide lasen— noch am Tisch, aber der Tisch war leer. „Guten Abend," sagte der Sohn,„schon abgedeckt?!" Aus seinem Ton klang laut die Verwunderung. „Na, da bist Du ja!" Der Vater nickte ihm zu, aber sah dabei nicht auf, er schien von seiner Lektüre ganz in Anspruch genommen. Und die Mutter sprach:„Setzt Du Dich noch ein wenig zu uns?" Den jungen Menschen fröstelte auf einmal. Draußen war's wohlig warm gewesen, hier innen kühl. Und dann war es eine Weile ganz still, bis Friedrich mit einem Tablett hereinkam, auf dem, neben dem Gedeck, nur ein wenig kaltes Fleisch, Brot, Butter und Käse zu sehen waren. Es fiel Wolfgang auf, wie laut er klapperte: für gc- wöhnlich servierte das Hausmädchen.„Wo ist denn Marie?" „Zu Bett!" sagte die Mutter kurz. „Schon?!" Wolfgang wunderte sich im stillen darüber. Horch, da schlug eben drüben die Pendüle in Mutters Zimmer — elf?! Wirklich schon elf Uhr?! Da konnten sie aber machen, daß er was. zu essen kriegte, der Magen schrumpfte ihm ja ordentlich zusammen vor Hunger! Er sah unverwandt nach der Tür, durch die Friedrich wieder verschwunden war: gab's nun bald was?! Er wartete. „So iß doch!" Die Mutter rückte ihm das Schüsselchcn mit kaltem Fleisch näher. „Warum ißt Du denn nicht?" fragte der Vater plötzlich. „O, ich warte ja noch!" „Es gibt nichts anderes mehr," sagte die Mutter, und ihr Gesicht, das unendlich abgespannt aussah, wie das eines Menschen, der lange und vergeblich gewartet hat, rötete sich schwach.» „Nichts anderes— nichts mehr wieso denn?!" Der Sohn sah außerordentlich enttäuscht drein, sah von dc'r Mutter auf den Tisch, aufs Büfett und dann wie suchend im Zimmer umher. „Habt Ihr denn nichts anderes gegessen?!" „Ja, wir haben anderes gegessen aber wenn Du nicht kommst!" Der Vater runzelte die Stirn, und nun sah er zum erstenmal heute abend den Sohn voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke.„Du kannst doch unmöglich ver- langen, wenn Du so unpünktlich nach Hause kommst, noch warmes Abendbrot zu finden?" „Aber Ihr— Ihr braucht ja doch deswegen nicht"— der junge Mensch verschluckte den Rest— es wäre ihm ja viel lieber, die Eltern säßen nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre Schuldigkeit tun! „Meinst Du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?" sagte der Bater, als hätte er diese Gedanken er« raten.„Me Mädchen, die den ganzen Tag in der Küche ge- steckt haben, wollen abends auch Schluß machen. Darum mußt Du schon früher kommen, wenn Du mit uns essen willst. Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt� Ueberdies Du, der Du"— er hatte eigentlich sagen wollen: „Du, der Du so gut zum.Mittag issest"—, aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohn- heit heftig, heftiger, als er's je im Sinn gehabt hatte:„Du — bist Du etwa berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie kommst Du dazu, gerade Du?!" Eine Bewegung Kätes, ein Rauschen ihres Kleides erinnerten�ihn an ihre Gegenwart, und er fuhr gemäßigter tort, aber mit einem gewissen ärger- lichen Hohn:.„Leistest Du etwa so viel? Zwei Stunden vor« mittags im Kontor— knapp—, nachmittags eine Stunde— ja, das ist eine erstaunliche, eine kolossale Tätigkeit, die große Ansprüche an Deine Kräfte stellt! Eine ganz, besondere Ver- pflegung erheischt, in der Tat! Nun, was denn, was?!" Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu Worte kommen:„Setze erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede! Junge, ich sage Dir, wenn Du Brau« müller noch einmal um Geld angehst!" Da, da war es heraus!-All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen war im Aerger vergessen. Schlieben fühlte sich förmlich erleichtert, nun er sagen konnte:„Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach für Dich und — für mich!" Die erregte Stimme war leiser geworden, bei den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand: man sah es ihm an, wie nah es ihm ging. Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit— also, das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht allein, daß er sich betrgnk, sinn- los betrank— auch das, auch das?! Es konnte ja gar nicht sein— nein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs Gesicht: er mußte ja verneinen! „Aber, Papa," sagte Wolfgang und versuchte zu lächeln. „ich weiß wirklich nicht, wie Du mir vorkommst! Ich habe Deinen Sozius, der mir's übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr entgegengekommen ist, um'ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es ihm gerade wieder schicken— er lugte von der Seite den Vater an: wußte der, wieviel?—«morgen schicke ich es ihm!" „So, morgen!" Es lag Mißtrauen in.Schliebens Ton, aber doch eine gewisse Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen. Was hast Du noch für Schulden?" fragte er. Und dann kam plötzlich die Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der Angst vor einer Riesenvcrantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte, sagte er härter, als es sich rgjt seinem Herzen vertrug:„Ich würde Dich züchtigen wie einen nichtsnutzigen Buben, wenn ich'S erführe! Meine Hand von Dir abziehen — steh, wie Du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schulden- macher!" Käte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wollte rufen, ihn unterbrechen:„Du bist fo streng, viel zu streng, so schneidest Du ihm ja jedes Gc- ftändnis ab!"— aber fic brachte nichts heraus. Sie ver- stummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen Gesicht, das bleich geworden war. Wolfgangs Lippen zuckten, es arbeitete in ihm. Er hatte sprechen wollen, schon angesetzt dazu, es einzugestehen, daß er fliegt verbraucht, als er gehabt hatte. Wäre bcr Vater nur nicht immer so riesig korrekt! Liebe Zeit, es ist eben nicht zu vermeiden, daß man die Hände voll Geld aus den Taschen zieht, wenn man's dazu hat! Hier denen, denen sagte er nur zu ungern davon! Sie waren ja in« Grunde gure Leute, aber sie hatten eben gar keine Ahnung! Gute Leute—? Nein, das waren sie denn doch nicht! Nun kam die Empörung. Wie konnte der Vater sich's einfallen lassen, ihn so anzufahren, ihn abzukanzeln in solchen! Tone? Wie einen Verbrecher I Und sie, warum starrte sie ihn jienn so an mit Blicken, in denen er etwas wie Verachtung zu lesen glaubte?! Nun, so wollte er sie denn noch mehr entsetzen, ihnen ins Gesicht schleudern:„Natürlich Hab' ich Schulden, was ist den dabei?!" Aber mitten in der Hitze kam «ihm die kühle Berechnung: wie hatte der Vahsr gesagt?— »ich würde die Hand von Dir abziehen"—?! Wolfgang bekam auf einmal einen großen Schrecken: den hier brauchte er, den hier konnte er doch nicht entbehren! Und so raffte er sich denn ans in schnellem Umschwung: nur nichts eingestehen, nur sich nicht verraten! Er sagte, vom trotzigen Aufbrausen hinübergleitcnd zur glatten Küble:„Ich tveiß nicht, warum Du Dich so aufregst. Papa! Ich habe ja keine!" „Wirklich keine?" Ernst fragend sah ihn der Vater an, aber aus dem Ernst leuchtete schon die frohe Hoffnung. Und als der Sohn erwiderte:„Nein!" da streckte er ihm Hie Hand über den Tisch hin:„Das freut mich!" lFortsetznug folgt.) sNachdnick verboten.) Oer Verfckxvörer. Von E. G. Glück. Autorisierte Ucversetzung aus dein Französischen. Nristides Robinot, Subaliernbeamter der Pariser Iliitergrund- bahnaesellschast, erfreute sich einer ganz besonderen Werlschätzung von feiten seiner Kollegen. Aristidcs Robinot war nämlich ei» vollendeter Virtuose im Dienslschwänzen. Er. betrachtete es als Ehrensache, nicht zum Dienst zu gehen, und fühlte sich nie bc- friedigter, nie glücklicher, als wenn er eine geniale Entschuldigung ersonnen hatte, mit der er sein Fehlen rechtfertigeit konnte. Wenn er sich nach längerer oder kürzerer Abwesenheit doch entütilosj, wieder im Burean zu erscheinen, so geschah eö nicht auS Furcht vor dem Zorn der hohen und höchsten Chefs, sondern weil er kein köstlicheres Vergnügen kannte, als sich an den ob seiner phantastischen AnSreden verblüfften Mienen von Vorgesetzten und Kollegen zu weiden. Robinot schnnndelte mit solcher Ehrlichkeit im Blick, mit soviel UeberzeugungStrene im Ton. daß man nickt gut an seinen Worten zweifeln konnte. Er arbeitete durchschnittlich sechs Tage im Monat, aber niemand wäre es auch nur im Traume eingefallen, über diese in Permanenz erklärte Faulheit entrüstet zu sein. Im Gegenteil, man wurde unruhig, wenn der Zufall cS einmal fügte, daß er zwei Wochen hintereinander zum Dienst kam. Seine beispiel- kose Unregelmäßigkeit wurde eben von Vorgesetzten wie von Käme- raden als etwas Unabänderliches hknaenommen. Robinot hatte einen Kollegen, Cainillc Larph. der über alles und jedes Statistiken führte. Dieser Lnrpy noiierte gewiffenhaft, zu Nutz und Frommen künftiger Generationen, wie oft Robinot den Dienst versäumte und mit welchen Gründen er die Versäumnis motivierte. Während der fünfzehn Jahre, die er der Pariser Untergrundbahn- gesellschast angehörte, batte AristideS Robinot 152 Verwandten oder Freunden das letzte Geleit gegeben, war 37 mal Tauspate und 198 mal Trauzeuge gewesen, hatte er bei 43 Gerick-tSverhandlungen und 11 sogenannten Ehrenhändeln zugegen sein müssen. Aber daS waren nur Notbehelfe, die er aus tiefster Seele verachtete und die er nur vorbrachte, wenn ihm nichts Besseres einfiel. Für gewöhn- lich ließ er seiner Phantasie die Zügel schieße», und wenn er einmal wirklich wegen einer Influenza das Bett hatte hüten müffen, erzählte er gewiß später, spannend wie ein Kriminalroman, von einer Vergiftung durch Austern oder Giftpilze, der er mir durch einen glücklichen Zufall nicht erlege» sei. Eines Nachmittags erschien Robinot mit verstörten Mienen und angsterfüllten Auge» im Bureau. Sein AbteilungSvorstcher wollte ihn fragen, wie es käme, daß man drei Tage nicht das Vergnügen gehabt hätte, ihn zu sehen, aber Robinot ließ ihn nicht aussprechen. In tragischen, Ton begann er: „Mein Herr, um ein Haar hätte ich Sie nicht mehr lvieder- gesehen I" Und mit vor innerer Erregimg zitternder Stimme— er berauschte sich an seinen eigenen Lügen— fuhr er fort: „Meine Frau und ich, wir sind beinahe erstickt. Wir haben in unserem Schlafzimmer einen kleinen eisernen Ofen...* Um seine Erklärungen anschaulicher zn machen, ergriff er einen Bleistift und entioarf einen Situationsplan. „Sehen Sie, hier befindet sich das Bett, hier der Ofen, hier das Fenster. Und nun stellen Sie sich vor: mitten in der Nacht erwache ich infolge eines intensiven Geruches nach Kohlenoxydgas. Der Kops ist mir schtver loie Blei. Ich glaube ein Stöhnen zu hören. Vielleicht ist es bloß ein Traum, denke ich zunächst. Leider nein! ES ist meine Frau, die, halberstickt, röchelt. Schwankend wie ein Betriiiikciier erreiche ich schließlich das Fenster, reiße es auf... Es war die höchste Zeit!" Dieses Abenteuer wurde von Herrn Larpy in seiner Statistik „der Erstickungstrick" getauft.„Der Gedächtiüsschwundtrick" ist nicht minder originell. Eines schönen Morgens auf den, Wege zum Bureau, erzählte Robinot, verließ ihn plötzlich das Gedächtnis. Er konnte sich obsolut nickt mehr erinnern, bei welcher Gesellschaft er angestellt war. Zum Unglück hatte er kein Papier bei sich, daS seinem schwachen Gedächtnis hätte auf die Sprünge helfen können. So irrte er denn von der Orleansbahiigesellschaft zur Nordbahn— von da zur Ost- bahngesellschaft und wieder zurück. Vielleicht würde er„och heute umher irren, wem, er nicht zufällig einen, Bureaudieuer der Unter- gruiidbahngesellschaft begegnet wäre, der ihn ans den richtigen Weg brockte. Er schilderte seinen Fall mit solch unerschütterlichem Ernst, mit solch verstörter Miene, daß sich niemand auch nur das leiseste Lächeln des UnglonbenS gestattete. Wahrscheinlich würde AristideS Robinot noch reichliches, inter- effantes Material für die Statistik seines Kollegen Larpy geliefert haben, wenn Herr Delabo», der Direktor der Unlergrundbahi,- gcsellichast. länger gelebt hätte. Aber genau wie jeder simple Passagier dritter Klasse war auch der Herr Direktor sterblich. Eines Tages war er tot, und auf diesen nachsichtigen Vorgesetzten folgte Herr Lcchant d' Ussigne, ein unbeugsamer, starrer, hochfahrender Bureaukrat. Es hieß von ihm, er sei besonders gegen die Faulenzer und Schtvindler im Dienst unbarmherzig streng. Robinot sollte bald erfahren, wie begründet dieses Gerücht war. Nach einer bescheidene» Versäumnis von drei Tagen, die ihm nicht genügend entschuldigt schien, ließ der Herr Direktor ihn zu sich kommen, hielt ihm sein ganzes Sündenregister vor und stellte ihm für den Wiederholungsfall Disziplinarstrasen in Aussicht. Diese erste Warnung blieb ohne jede Wirkung. Robinot ichwänzte schon nach wenigen Tagen wieder den Dienst. Zur Strafe wurde ihm daS Gehalt von 2600 auf 2400 Franks herabgesetzt. Derselbe negative Eriolg wie vorher. Am nämlichen Tage, an dem ihm die Gehalts- kürzniig mitgeteilt ivar, besaß der unverbesserliche AristideS die Kühnheit, abermals den Dienst zu versäumeu unter den, banalen Vorwand, er müffe einen alten Onkel pflegen, der im Sterben liege. Als er wieder inS Bureau kam, eröffnete ihm Herr Lechant d'Ussigne, daß er bei der nächsten geringsten Unregelmäßigkeit seine Entlassung zn gewärtigen hätte. Vor tckksem schiveren Geschütz blieb Robinot nichts anderes übrig als die Segel zu streichen. Er mußte sich dazu bequemen, pünktlich und regelmäßig ins Bureau zu kommen, wie alle seine Kollegen. Man amüsierte sich köstlich über seinen ungewohnten Fleiß und lachte über des Widerspenstigen Zähmung. AristideS verbiß tapfer seinen Zorn, während er über phantastischen Racheplänen brütete. Aber, durch die Erfahrung gewitzigt, wartete er geduldig auf eine günstige Gelegenheit oder eine geniale Idee. Beide ließen nicht lange auf sich warten. Die Regierung hatte soeben eine große, gegen die Republik ge- richtete Berschlvörung entdeckt. Er beschloß, sich in diese Verschwörung verwickeln zu lassen. Er kaufte die Bilder des Herzogs von Orleans, des Prinzen Viktor Napoleon und des verstorbenen Grafen von Paris und be- iestigte sie an den Wänden seines Speisezimmers! er traf ver- schiedene andere Borbereitungen, die alle dazu bestimmt waren, ihn zu kompromilticren, und schrieb schließlich an den Richter, der mit der Borlintersuchung im Verschwörerprozeß betraut war, folgenden Brief: Mein Herr l Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß Herr AristideS Robinot, 40 Jahre alt, wohnhaft Rue des DameL 172, im Solde der Reaktion steht, und daß sein Tun und Treiben im höchsten Grade verdächtig ist. Ein alter Republikaner. Bald bemerkte Robinot, daß seine Denunziaiion ans fruchtbaren Boden gefallen war. Häufig begegnete er von nun an zwei Herren, die sich den Anschein von pensionierten Offizieren gaben und die — seltsames Zusammentreffen— stets den nämlichen Weg hatten wie er. Bespitzelt! Er wurde bespitzelt!... Schon nach wenigen Tagen konnte er einen weiteren Erfolg verzeichnen. In dem Cafü. in welchem er täglich seinen Absinth zn trinken pflegte, hörte er eines Abends, wie cm Gast den Kellner um die „Autoritü" und den„Soleil" ersuchte. Er sah sich den Herrn an ,md erkannte in ihm den einen seiner beiden Verfolger. Selbstverständlich war es ein reiner Zusall. daß der Herr gerade die beiden Zeitungen wünschte, die Robinot las. Robinot ließ sie ihm sosort überreichen. Der Herr dankte und grüßte beim Fortgehen sehr höflich. Am nächsten Tage saßen sie am näm- lichen Tische und tauschten ihre Ansichten über da? Wetter usw. aus. An, folgenden Tage wechselten sie die Karten, und Robinot erfuhr, daß er dem Baron Cachey- Moissat, einem pensionierten Kavallerie- offizler, LbetauS shn,pathisch se� Sie plauderten bon diesem und jenem, und der Herr Baron äußerte sich höchst abfällig über die Regierung. Robinot zeigte sich ziemlich schiveigsam, aber sein Lächeln verriet mehr als alle Reden der Welt hätten sagen lönnen. Eines Tages rief Herr Cacheh-Moissat nach einem besonders heftigen Aus- fall gegen das Ministerium: „Nun sagen Sie mir bloß, wann wird der starke Mann kommen und dieser elenden Republik ein Ende machen?" Er sprach so laut, daß Aristides ihn besorgt zur Vorsicht mahnte. «Um Gotteswillen, leiser I Am Ende befinden sich noch hier im Saal ein paar Spitzel, die.. Und zum Ohr des anderen sich beugend, fügte er hinzu:„Wer weiß? De» große Tag und der starke Mann find vielleicht näher als wir glauben?" Am nächsten Morgen wurde Robinot durch heftiges, ungeduldiges Pochen an der Tür zu sehr früher Stunde unsanft aus dem Schlummer gerissen. „Aha I Jetzt kommt's I" sagte er sich entzückt!»Die Haus- suchung!" Draußen befohl eine rauhe Stimme: .„Im Namen des Gesetzes, öffnen Siel" „Was geht mich das Gesetz an?" entgegnete Robinot, den Schlüssel noch einmal im Schloß umdrehend. „Oeffnen Sie oder ich lasse einen Schlosser holen!" „Ach, machen Sie doch keinen Unsinn I Sie sind ein Spaß- Vogel.... Na, der Portier wird Ihnen schon Beine machen!" Mit diesen Worten lief er an den Kamin und steckte die Papiere in Brand, die er in Voraussicht einer obrigkeitlichen Visite dort auf- aehäuft hatte. Als nur noch ein Häuflein Asche davon übrig war, schloß er die Tür auf. Es war die höchste Zeit: ein in aller Eile herbeigeholter Schlosser schickte sich an, die Tür gewaltsam zu öffnen. „Ei sieh mal an l" hohnkächelte der Polizeikommissar, eintretend. „Sie haben soeben verbrannt, was Sie hätte kompromittieren lönnen?" Durchaus nicht, Herr Kommissar! Ich habe bloß ein wenig Feuer gemacht, um Sie zu empfangen. DaS Zimmer ist so kalt und Sie kommen zu so früher Stunde I" «Das Scherze» soll Ihnen bald vergehen! Sie sind ver- h'aftet I" Die Jichasticrung Robiiiotö erregte bei der Untergrundbahn- gesellschaft großes Aufsehen. Jeder war stolz darauf, einen„Ber- schwörer" zu kennen, dessen Bild die erste Seite der Zeitungen zierte. Freilich die meisten Kollegen ahnten die Wahrheit, und ihre Bewunderung für Robinot stieg ins Unermeßliche. Jndeffen vermochte der Untersuchungsrichter nicht, die Schuld des Verhafteten, der sich in seinen Antworten äußerst vorsichtig zeigte, darzutun. „Was bedeuten die Bilder der Prätendenten in Ihrer Wohnung V „Nichts. Ein bißchen Wandschmuck." „Sic lieben die Republik nicht?" «Meine Sympatien und Antipatien sind meine Privatsache. Im übrigen bezahle ich prompt meine Stenern. „Und die kompromittierenden Papiere, die Sie bei Ankunft des PolizeikoinniiffarS verbrannten?" „Beweisen Sie mir. daß es kompromittiereckde Papiere waren!" „Warum hätten Sie sonst nötig gehabt, sie zu verbrennen?" „Warum? Passiert es Ihnen nicht auch nianchmal. daß Sie Unwichtige Briefe, die Ihnen im Wege sind, verbrennen?" «Sie find sehr schlau!... Aber Ihre Gespräche mit dem Pseudo- baron Cacheh-Moissat?" «Sie sagten soeben, ich sei sehr schlau. Nun, dann mußte ich natürlich auch sofort nicrken, daß der Herr Baron ein Spitzel sei, und CS machte mir Spatz, ihn gehörig hineinzulegen." Da die Wahlen unerwartet günstig ausgefallen toaren, zeigte die Regierung sich gnädig und ließ alle Verschwörer laufen. Aristides Robinot hatte 23 Tage in UnterfuchungShaft gesessen. Sein Wiedererscheinen im Bureau erregte kolossale Sensation. „Mein Herr," erklärte er seine», Vorgesetzten in feierlichem Tone, „ich habe eine Zeitlang dem Bureau fernbleiben müssen, den Grund wissen Sie wohl, nicht wahr?" Er wollte die Einzelheiten seines Abenteuers erzählen, als ein Diener einttat und sagte: „Der Herr Direktor wünscht Hern, Robinot zu sprechen,"' Herr Lcchant d'Ujsigne stammte aus einer alten Adelsfamilie. Kein Wunder, daß er die Republik nicht liebte, sondern im Innersten seines Herzens die Wiederkehr der Monarchie herbeisehnte. Gleich bei den ersten Worten»icrkte Robinot, daß der Allgewaltige sich dieses Mal von einer ganzen anderen Seite zeigte, als bei den früheren Audienzen. „Ah, da haben wir ja unseren Herrn Verschwörerl Setzen Sie sich doch!" Der Herr Direktor ließ sich einen ausführlichen Bericht über die Affäre erstatten. Mit ftcundlichent Blick und beifälligem Lächeln lauschte er den Worten seines Untergebenen. „Herr Direktor I" schloß Robinot mit bewegter Stimme.«Ich habe des öfteren den Dienst versäumt. Man hat mich der Faulheit und Unpünktlichkeit geziehen, mich gestraft,— ich habe geschwiegen und alles geduldig über mich ergehen laffcn. Jetzt, Herr Direktor. begreifen Sic. daß ich die ivahren Gründe meiner häufigen Der- fäumniffe nicht enthüllen konnte I" Herr Lechant d'Usfigne war vorsichtig genug, nichts zu sagen. Ivos ihn hätte kompromittieren können, aber er drückte seinem Unter« gebenen warm die Hände. Zu Neujahr erhielt Aristides Robinot eine Gehaltszulage von 600 Frank. Am Tage nach seiner Entlaffung anS der Untersuchungshaft hatte ein hochherziger Anonymus ihn, 3000 Frank geschickt mit der Bestimmung, mit diesen, Gelde„die guten Ideen zu ver» breiten". Robinot erscheint nur noch zur Gehaltszahlung im Bureau. Die übrige Zeit beschäftigt er sich ohne Zweifel damit, die 3000 Frank im Sinne des geheimnisvollen Spenders zu verwenden. Trotz dieser häufigen Versäuniniffe hört er von Herrn Lechant dAssigne nie ein böses Wort.— Kleines f euiUeton* Je. Der Kinematograph in der Medizin. Es ist schon bald nach der Erfindung des Kinemaiographen darauf hingewiesen worden, daß dies Verfahren zur Erzeugung lebender Photographien zu einer wichtigen Rolle im ärztlichen Unterricht berufen sein könnte. Unterdesicn ist diese Anregung aufgcnoininen worden und hat hier und da schon anerkennenswerte Erfolge erzielt. Eine ausgezeich- netc Vorführung kinematographischcr Bilder für Aerztc vermirtelte Dr. Walter Chase von der Harvard-Univcrsität in der letzten Sitzung der Mcdico-chirurgischen Gesellschaft von Edinburg. Er veranschaulichte die gewaltigen Fortschritte des Verfahrens an kincmatographischen Photographien, die verschiedene Erscheinungen krankhafter Bewegung, wie namentlich den Verlauf epileptischer Anfälle verschiedenen Grades, ferner Veitstanz, mannigfaltige Formen von Lähmungscrscheinungen, Nervenzuckungcn und ähn- liches zur Darstellung brachten. Fast 1000 Meter Film wurden für diese Lichtbilder gebraucht, deren Abrollung ohne jede Unter- brechung 50 Minuten in Anspruch nahm. Dr. Chase schickte dieser Demonstration einen Vortrag voraus, der für die Entwickclung der kinematographischen Aufnahmen auf dem Gebiet der Medizin ein glänzendes Zeugnis ablegte. Vorläufig scheint diese Neuheit in den Vereinigten Staaten die meiste Aufmerksamkeit und Pflege ge- funden zu haben, dürfte aber wegen ihrer hohen Bedeutung für den medizinischen Unterricht auch bei ups sich baldBeachtung erzwingen. Dr. Chase verweilte zunächst bei der Wichtigkeit der Photographie für die medizinische Wissenschaft überhaupt, wie sie durch einen Vergleich der Abbildungen der ärztlichen Literatur einer nur ein Vicrtcljahrhundert zurückliegenden Zeit mit den heutigen gelehrt wird. Bald versuchte man, die Photographie auch für das Studium von Bewegungen lebender Wesen anszunutzen, erzielte aber erst nach der Erfindung des Cclluloidfilms wirkliche Erfolge. Chase hat dann vor einigen Monaten zunächst in pathologischem Jnter» esse seine kinematographischen Aufnahmen angefertigt, ist aber bei Gelegenheit verschiedener Vorführungen vor großen Wissenschaft» lichen Gesellschaften zu dem Schluß gekommen, daß sowohl dcv Chirurg wie namentlich der gewöhnliche praktische Arzt ein außer» ordentliches Interesse an derartigen Darstellungen befitzt. Die verschiedensten Stadien epileptischer Anfälle sind in diesen Bildern zum erstenmal in lcbcnstreuer Darstellung wiedergegeben worden, so daß sie in beliebiger Wiederholung aufs genaueste untersucht werden können. Auf den kinematographischen Bildern dieser Art. die übrigens wohl kein Anblick für Nervenschwache sein mögen, ist genau die verschiedene Beeinflussung der einzelnen Muskeln zu er» kennen, der aus dem Munde fließende Speichel, wie auch die Be» wcgungen der Augen. Wenige Aerzte mögen Gelegenheit haben, in Wirklichkeit einen so tiefgehenden Einblick in die Aeußcrungcn dieser leider so sehr verbreiteten Krankheit zu tun. wie es hier in einer bildlichen Darstellung jedem ermöglicht wird. Es läßt sich sehr wohl denken, daß die Erforschung und damit auch die Be- Handlung der Epilepsie durch die Anfertigung solcher kincmato» graphischer Bilder eine wesentliche Förderung erfahren werde. Allerdings bietet solche Aufnahme erhebliche technische Schwierig» leiten, da das Ausstellen und Einrichten des photographischen Apparats mehrere Minuten in Anspruch nimmt, und der Platz nach seiner Benutzung auch nicht immer für eine Aufnahm«? geeignet ist. Dr. Chase hat all diese Schwierigkeiten zu überwinden gewußt, allerdings mit erheblichen Umständen und Kost«,, auch mit Anwendung mancher List. Die Aufnahmen fanden in einem großen Raum statt, der jederzeit mit elektrischen Lampen stark erhellt werden konnte. Dr. Chase hofft, daß schon in einer nahen Zukunft der Kinematograph zu den unentbehrlichen Apparaten im medizini- schcn Auditorium gehören werde. Ferner seien die Aufnahmen auch sür die Illustrationen von Lehrbüchern von unschätzbarem Wert. Auf den von ihm aufgenommenen Bildern epileptischer Anfälle sind nicht weniger als 22 500 scharfe Darstellungen verschiedener Phasen der Krämpfe festgehalten worden, von denen jede'einzelne selbstverständlich beliebig vergrößert und für sich vervielfältigt werdet» kann. Allerdings würde damit gerechnet werden müssen, daß ei gelingt, die kincmatographischen Ausnahmen wesentlich billiger zu gestalten, als sie heute sind.— — Die Ulme von Schimsheim. Ter„Franks. Ztg." wird ge- schrieben: Die hessische Regierung, die sich, wie man weiß, den Schutz der Naturdenkmäler sehr angelegen sein läßt, hat die mitten in dem rheinhesslschen Dorfe Schims'heim(Kreis Oppenheim) stehende Ulme, im Volksmunde„Effe" genannt, unter den Denkmalsschutz gestellt und beabsichtigt nunmehr, den Alten oder..die Wte", so gut wie es eben geht, zu renovieren, indem die Hauptäste mit Eisenwerk verankert und der ganze Baum mit einem Eisengittcr umgeben werden soll. Das Alter des Riesen wird auf etwa tausend Jahre geschätzt, und man glaubt, das; er sowohl der stärkste als auch der älteste Baum Deutschlands sei. Der Umfang des Stammes beträgt löVi Meter, diesen Umfang behält der Stamm bis zu einer Höhe von ungefähr b Meter bei, die zwei Hauptäste, in die sich der Stamm teilt, haben einen Umfang von 10, bezw. 5 Meter, tvährend diese wieder Nebenäste oder„Zweige" von 1 Meter Um- fang aufweisen. Aus der Geschichte des Baumes sei mitgeteilt, daß der Stamm in den Mcr Jahren fast ganz hohl brannte und zu bc- furchten stand, dast er absterben werde. Die Höhe des Baumes, die früher rkngefahr 30 Meter betrug, wurde damals auf die jetzige Höhe von 17 Meter reduziert, und zwar geschah dies, um den Baum zu erhalten. Der hohle Baumstamm hatte bis vor einigen Jahren zwei Oeffnungcn als Zugänge. Bei einem Dorffeste wählte einst eine aus 1ö Mann bestehende Musikkapelle dieses Waumstanun innere als Musikpavillon. Der hohle Stamm ist jetzt «rit Sand ausgefüllt! 22 Kubikmeter waren dazu nötig. In Rhein- Hessen spricht man von dem Baume als dem„Schimsheim er RatchauS", weil sich unter seinem Schutze gegen Regen und Sonnenschein des Sonntags die Schimsheimer Männer zu vcr- sammeln pflegen, um über die Tagesneuigkciten und die Gemeinde- ongclegcnheitcn zu debattieren, während an Wochentagen die Schimsheimer Schuljugend sich die„Esse" zum Tummelplatz und des Abends die freiende Jugend zum Stelldichein zu wählen pflegt. Geographisches. Eine nafürlichc Brücke über den Russisi, den dem Kiwusee entströmenden Grcnzfkus; zwischen Deutsch-Ost- �lfrrka und dem Kongostaat, beschreibt Major Wangcrmee, Vize- Gouverneur des Kongostaatcs, in einem Vortrag über eine Reise durch das Kiwusccgebiet. Nach dem Bericht im„Mouv. geogr." vom 22. April 1906 strömt der Russisi in tiefen Schluchten mit fast über- all senkrecht abstürzenden Wänden dahin, und erst ein wenig ober- halb der Ausmündung in den Tanganika öffnet sich das Tal, und der Flust wird für KanuS einigermaßen benutzbar. Weiter oberhalb bc- (steht außer einer Uebersahrtögelegcnhcit mit Kanus in den ruhigen Gewässern am Kiwu nur ein Ucbcrgang, eben jene Steinbrücke. An dieser Stelle verengert sich der Fluß, der auf einer Strecke von einigen hundert Metern bO bis CO Meter Breite und den Charakter eines Bergstromes hat, auf 0 oder 7 Meter und verschwindet plötzlich im Boden unter einer Art von natürlichem Tamm von 10 Meter Wreite. Er fließt wie durch einen Heber und kommt auf der anderen Seite mit gewaltigem Sprudel wieder zum Vorschein. An dieser Stelle ist das Ostufer 200 bis 300 Meter senkrecht abgeschnitten, und das Westtlser bietet als Pfad nur eine s�elsgeröllmasse, über die man hmwegklcttern muß, sei es, um zum Flusse hinunterzustcigen, fcs es, um an ihm entlang zu gehen.—.(„Globus.") Aus dem Tierreiche. tsi. Nützliche Schildläuse, lieber einen bei unS noch fast ganz unbekannten Erwcrbszwcig der beiden großen ostasiatischen Reiche macht Dr. Alberts in der bekannten naturwissenschaftlichen Halbmonatsschrift„Aus der Natu r" sehr interessante Mit- teilungeu. Der Wachsbau, wie er dort betrieben wird, stellt cnt- schieden eine fast mühelose und dabei recht einträgliche Industrie dar; wird doch die ganze Arbeit ohne jede Bcihülfe oder besondere Pflege des glücklick�en Besitzers von zahllosen Scharen winziger Insekten aus der Bertvandtschast unserer Schildläuse geleistet. Die Tierchen leben in ihrer chinesischen Heimat auf gewissen Eschen- und 'Ligustcrarten, die ausschließlich zu diesem Zwecke auf weiten Land- strecken kultwicrt werden. In dichten Scharen, fast aufeinander sitzend, findet man die Zweige und Blätter der Wcidebäume von den weiblichen Exemplaren dieser Wachsschildlaus übersät. Es sind dieses plumpe, annähernd kugelrunde Geschöpfe, von ungefähr 11 Millimeter Länge. Die Rückenseite der Tierchen weist einen dunkelbraunen Ton aus, tvährend die Unterseite gelblich weiß gefärbt ist. Aus dem Rücken bemerkt man noch mehrere dunkle Flecken, denen zuweilen eine zähe, schleimige Flüssigkeit entquillt, die vielleicht als ekelerregendes Ab- schrcckungSmittel gegen Feinde dient. Beim Herannahen der herbstlichen Jahreszeit zu Ende Sep- tember oder in der ersten Hälfte des Oktober treten nift einem Male geflügelte Männchen auf. die an Größe ihren Frauen erheblich nach- stehen. Diese haben nur, wie so vielfach im Jnsektenlebcn, die eine Aufgabe, die Befruchtung der Weibchen auszuführen, um dann bald zugrunde zu gehen. Im Mni des nächsten Jahres, also etwa sieben Monate nach Her Besruchtnng, beginnen die Weibchen ihre Eier abzulegen. Und zwar verbirgt die Mutter die Eier alle unter ihrem eigenen Körper. Die Bauchseite schrumpft nämlich allmählich immer mehr und mehr zu- sammen, so daß unter dem Rückenschild, der dem Zweige fest an- liegt, ein verhältnismäßig großer Hohlraum entsteht, welcher bis- weilen mehrere Tausende von Eiern umschließt. Ungefähr einen Monat nach der Eiablagc schlüpfen auS den winzig kleinen hell- gelben Eiern die ersten Larven aus, die bald den ganzen Baum überfluten und sich nun allmählich durch einen komplizierten Um- Wandlungsprozeß zum fertigen Tiere entwickeln. Ende August etwa, nachdem die Larven vorher eine Häutung durchgemacht haben, um- geben sich zuerst die männlichen' Individuen vermittels gewisser Hautdrüsen mit einem eiförmigen, aus schneeweißen Fäden gebildeten Kokon, und dieser ist es. der das kostbare Wachs liefert. Die Entwickelung der weiblichen Tiere vollzieht sich im großen und ganzen in der gleichen Weise. Merkwürdigerweise wollen aber die Schildläuse häufig an den Plätzen, an denen die Eiablage stattgefunden hat, nicht recht gc- deihe». unterlassen dze WachSausscheidung und sterben frühzeitig ab. Tie Züchter wissen sich jedoch vor Schaden dadurch zu schützen, daß sie bereits Anfang Mai die weiblichen Tiere vorsichtig von den Zweigen ablösen und sie sorgfältig zwischen Blätter verpackt in großen Bambuskörbcn viel« Tagemärsche weit über Land in ganz veränderte klimatische Verhältnisse bringen. Hier werden dann die Tiere auf andere Nährpflanzcn gebracht und belohnen die auf- gewandte Mühe dadurch, daß sie sich rasch und kräftig entwickeln. Der Transport ist desivegen besonders beschtverlich und unangenehm, weil man wegen der für die Larven schädlichen Tagcshitze nur während der Nacht marschieren darf, am Tage aber die kostbaren sterbe vorsichtig vor den Sonnenstrahlen verbergen mutz. An dem Bestimmungsorte angelangt, werden die Zweige mit den Weibchen auf die einzelnen Nährpflanzen verteilt und nicht lange, dann wimmeln diese von Schildlauslarven. Im September kaqn dann gewöhnlich schon die Ernte beginnen, sind doch jetzt die Zweige oft mit einer zwei bis drei Zentimeter dicken zarten Wachs- schicht überzogen, die nur abgeschabt und eingeschmolzen zu werden braucht, um zur Verwendung zu Beleuchtungszwecken oder zur Her- stellung von Tempelbildcrn bereit zu sein. Von dieser merk- würdigen Industrie leben in den beiden Reichen viele Taufende von Menschen. Doch nicht nur die Wachsschildlaus bringt den Menschen Vorteil. sondern auch mehrere verwandte Arten müssen unter die Rubrik der nützlichen Tiere gestellt werden. An der Spitze verdient da vor allem die berühmte Cochenille-Laus genannt zu werden. Auch bei diesem Tierchen, dessen ursprüngliche Heimat Mexiko ist, herrscht zwischen den beiden Geschlechtern im Aussehen ein großer linterschied. DaS Männchen ist auch hier ein kleines, mit Flügeln versehenes Tierchen von 1,5 Millimeter Länge. Besonders zeichnet es sich durch seine karminrote Farbe und seine hellen, fast weißen Flügel aus. Ganz anders das weibliche Tier. Dieses ist ungefähr doppelt so groß, von nahezu kugeliger Gestalt und erinnert in seinem Aussehen eher an eine Beerenfrucht als an ein lebendes Tier. Tie Nahrungspflanze dieses Tierchens ist der bekannte Feigenkaktus. Opuntia coccinellikcrs. Früher nur in Mexiko vor- kommend, wurde die Cochenille-Laus später, als ihr hoher Wert mehr und mehr erkannt wurde, mit gutem Erfolge nach Spanien, Nordafrika, Java usw. verpflanzt und bildete hier bald, wie in ihrer Heimat, eine wichtige Erwerbsquelle. Die Tiere liefern bekanntlich den schönen roten Karmin-Farb- steff. Zu diesem Zwecke werden sie gesammelt und langsam auf einem heißen Blech getrocknet. Da 140 000 so gedörrter Tierchen erst cm Kilogramm ausmachen, und in der Blütezeit der Cochenille- Zucht aus Mexiko allein jedes Jahr etwa 450 000 Kilogramm Schild- läuse ausgeführt und für annähernd zwanzig Millionen Mark ver- kauft wurden, kann man sich ein Bild von dem Umfange der Zucht machen. Später, als erst die anderen Länder dem mexikanischen Handel Konkurrenz zu machen begannen, nahm natürlich die Aus- fuhr erheblich ab; immerhin besaß sie noch bis in die Mite des vorigen Jahrhunderts einen Wert von etwa zehn Millionen Mark. Jetzt jedoch, seit die Verwendung von Teerfarbstoffen immer mehr um sich greift, ist die Cochenille-Zucht allerorts in starkem Rückgange begriffen, ja selbst in dem Heimatland« Mexiko wird sie kaum noch in nennenswertem Umfange betrieben. Zu erwähnen bleibt endlich noch die sogenannte Gummi- lack-Schildlaus, welche in ihrer ostindischen Heimat durch Anstechen ihrer Wirtspflanzen, verschiedener Feigenarten, ein Aus- fließen des Gummisaftcs bewirkt, der zur Bereitung von Siegellack, Schellack, Kitt und Firnis Verwendung findet.— Notizen. — Liliencron wird aufgeführt. Das Friedrich- Wilhelm städtische Schiller-Theater will es in der nächsten Spielzeit mit„Knut der Herr" und»Die Rantzow und die P o g w i s ch" wagen.— —„Herr Olaf reitet", ein neues Märchendrama von Holger Drächmann kommt zum 60. Geburtstag des Dichters, am 9. Oktober in Kopenhagen zur Aufführung.— — Rudolph Lenoir, Oberregisseur am Stadt-Theater in Nürnberg, ist für das Lessing-Theater verpflichtet worden.— — Direktor Barnowsky ist sein Theater zu klein. Er über- nimmt die Spezialitätenbllhne in der Passage, tauft sie in Linden- Theater um und macht eine Lustspielbühne daraus. DaS Kleine Theater behält er.—„ —„A ii n e- M a r e i", eine abendfüllende Oper von Kuhlen» k a m p, erlebt im November ihre Uraufführung im Theater des Westens.— Kerantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer ScCo.,BerlinL W.