Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 132. Donnerstag, den 12. Juli. 1306 (Nachdnick llerdolul.Z 2] Kinder der Salle. Roman von Charlotte Knoeckel. „Gleich." sagte auch der Christian, und die Kinder schlüpften in die Kammer nebenan. „Das muß ich sagen!" Die Marie- schaute den Kindern nach.„Parieren tun se Dir!" Sie sah zu dem Manne auf. '„Na. da wollt ich auch—!" Muting fuhr mit der Hand durch die Lust. Dann wandte er sich zur Luis.„Gib," sagte er und streckte die Arme nach dem Kind aus. Das quiekste laut vor Jubel, strampelte mit den Veinchen und reckte die kleinen Aruie zum Vater auf. „Komm!" und er nahm's aufs Knie und küßte laut des Kindes weiche Bäckchcn. Hinter dem Vater, an der Kammertürspalte, stand die kleine Emma im Dunkeln. Barfüßig, im blau und weiß ge- streiften Hemdchen, stand sie und guckte: Wie der Vater den Johann lieb hatte! Sie fühlte, wie ihr Herzchen gegen die Rippen schlug.„Aber mich hat er auch lieb," sagte sie sich ganz leise und verschränkte die dünnen Aermchen fest, fest über der Brust. Wie die Mutter tot mar und hier in der Kammer im Sarg lag, so ganz füll, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu husten und ohne sich zu rühren, da hatte der Vater draußen am Herd gesessen und sie auf dem Schoß gehabt. Und er hatte sie an sich gedrückt, ganz fest, und er hatte feinen Kopf auf ihr Haar gelegt und hatte geweint, geweint. Lange hatte er geweint.-- Die kleine Emma stand noch immer fröstelnd im dünnen tzemdchen und lngte durch die Türspalte, bis leise und be- stimmt der Christian aus dem Bett herüber sie zu sich rief. Da kroch sie zu ihm hinein und drängte das Köpfchen in des Bruders Arm. Ter machte eine kleine, ärgerliche Be- wegung zwar, aber er wehrte den:.Kinde nicht. Draußen hatte derweilen die Luis dem Vater Kartoffeln auf den Teller geschöpft, hatte die Großmutter einen Wurst- zipfel für ihn aus dem Schrank geholt und die Marie ihm eine Tasse Kaffee eingegossen. Sie hatte sie vor ihn auf den Tisch gestellt.„Nimmste Milch?" fragte sie. Er nickte, und sie schenkte ihm ein paar Tropfen ein. Die Großmutter und die Luis sahen ihr zu. Die Alte nestelte dabei an ihrer Schürze herum. Ueber ihr welkes Ge- ficht ging ein Lachen. Tie weiß, wie man's anfängt, dachte sie. Aber sie hat ein paar hundert Mark gespart, hm!— Gesund war sie wohl auch, und wenn sie nicht so proper war, wie die Luis!— Denn das mußte selbst die Großnmtter der Toten nachsagen, so lang wie sie sich nur auf den Beinen hatte halten können, war immer alles wie geleckt gewesen in ihrem Haushalt. „Die da!" Der Großmutter war die Lotterwirtschaft bei der Marie ihren Eltern noch gut in Erinnerung. Sic hatte einmal die ganze Familie aus zerbrock�enen Milchtöpfcn und sonst ein paar Geschirren Kaffee trinken sehen. Und das wußte sie, so wie die Luis war die da nicht.— Aber sie hatte ein paar hundert Mark gespart! Müting saß am Tisch, aß Kartoffeln und Wurst und trank seine Zichorienbrühe. Ab und zu gab er dem Kind auf seinem Knie ein Kartoffelbröcklein, einmal auch ein Stückchen Wurst. Die Luis spülte die Teller und sehte sie in den Schrank. Die Großmutter hockte am Ofen und wärmte sich die Hände. Es war still in der Stube. Und in die Stille drang es wie ein fernes Schelten, wie Stühlerücken und Weibcrheulen. Verlorene Laute waren es, die über den Hof herüberkamen. Die Fremde in der Stube horchte auf.„Was is das?" fragte sie. Ihre Augen glänzten vor Neugier. „Der Eckel wird sein Frau wieder hauen," sagte Müting. „Destern abend hat er's auch getan!" und er aß ruhig weiter. „Der Eckel?" stagte die Marie.„Is das der Rothaarige, her drobe in de Mansarde wohnt?" >„Ja, der!" „Und warum haut er se dcnuftV „Weiß ich nit!" Die Marie wandte sich cm die Alte.„Ihr auch uit, Großmütter, wißt Ihr auch nit, warum er seine Frau haut?" „Geh en frage." sagte die.„Er erzählt's alle Leu?, daß sie en Hur' sei; aber von er lasse, kann er nit!" Müting deutete mit der Hand nach der Luis, die neben der Alten stand und aus ihre Reden horchte. In seinen Augen hatte sich cm jähes Feuer entzündet. Da schwieg die Großmutter, und auch die Fremde fragte nicht weiter. Sie konnte sich die Geschichte ja von jemand anders er- zählen laffeii! Sie wollte gleich noch zur Frau Kamp hinaus- gehen, die wußte gewiß auch davon! Aber für den Augenblick——! Die Marie atmete zweimal tief auf. Es klang wie Seufzen, dann war die Neu- gier erwürgt, und gleichgültigen Tones sagte sie: „Na, und jetzt siüs all schon drei Monat, daß das Luis tot is!" Der Mann nickte, llnd dabei glitt seine Hand streichelnd über des kleinen Johmm Haar. „Drei Monat, hm, drei Monat," wiederholte er. „Die Zeit geht rum. gelt." meinte die Marie.„Es iZ mir en Glück für Dich, daß De die Großmutter hast!" Der Mann nickte. „Denn weißt, werm fremde Leutt im Haus wirtschafte, Christian, die geben die Grosche aus. und der Mann und die Kinncr habe nix davon!" „Wenn er Euch das glaube tät," warf die Alte dazwischen, „aber er meint immer, mit ere Fremde tät er besser fahre!" „Das Hab' ich noch nie gesagt, Mutter!" „Nit? So?" Die Großmutter lachte:«Aber wie oft hast schon nach ner Frau verlangt, die mehr schaffe könnt wie ich, und... und..." „Ich mag nit. daß die Kinder so geplagt wcren," sagte der Mann. „Hahaha, das Luis und der Ehrischan, wenn die ett bißche schaffe müsse, das schad' ene nix!" „Aber's is halt auch wegen Euch, Mutter! Ihr könnk Euch doch uit mehr so rumtun. Ihr sagt's ja selber!" „Na!" rief die Alte, und ein häßliches Lachen flog über ihr Gesicht.„Ich weiß, warum Du en Junge im Haus habe willst! Für die Arbeit nit, für's Pläsier willst se habe!" „Mutter!" Dem Mann war das Blut in den Kopf ge- stiegen. Die Alte lachte.„Tu doch nit eso." „Tu weißt, daß ich mcim Luis die Treu hatl, Mutter! So wie ich die gern gehabt Hab'!"— Er fuhr sich mit dev Hand über die Augen und wischte ein paar Tränen weg, die darin aufgestiegen waren. „Was Treu halte, ner Tote die Treu halte!" Die Alte lachte.„Ueberhaupt Mannsleut und Treu!" Müting streichelte des kleinen Johann Köpfchen. Seine Hand zitterte dabei. Sie war braun, rinnendnrchfurcht und schwer, eine harte Hand, und die zitterte.„Ja, mein Luis!" murmelte er vor sich hin. „Bei all dem hast aber niemand, der für Dein Kinner sorgt," sagte die Alte.„Ner Tote die Treu halte, das is ja was ganz Schönes, aber die Kinner sind auch noch da.. «Ich weiß ja! Laß mich nure in Friede," bat der Mann. Und die Marie zupfte die Alte am Aermel.„Lassen cm doch Zeiff sich die Sach' zu überlege! So schnell kann mer jemand, den mer gern gehabt hat, halt nit vergesse, gelt, Chrischan?" Dankbar blickte der Mann zu dem Weib hinüber. Und da lachte sie ihn an. Zwischen ihren dicken, roten Lippen blitzten die Zähne blendend weiß hervor. Im nächsten Augenblick ward die Tür, die vom Hof in die Stube führte, darin die drei saßen, hastig aufgerissen, und' über die Schwelle stürzte eine Frau. Erbarmen Euch! Erbarmen Euch! Er will mich tot« stechen!" schrie sie und klamnierte sich an Müting. Der stand auf; gab der Luis den kleinen Johann, dev das Gesichtchcn zum Weinen verzog:„Leg en ins Bett!" be» fahl er. Tann richtete er das Weib vom Boden auf. Die Marie hatte die Air zugemacht und den RteSil geschoben.„WaZ ist denn nutt, was is d'enn nure?" fragte sie. Mitleid und Neugier strittm um die Herrschast in ihrer Stiimne. Die Alte rückte lächelnd der Aufgeregten einen Stuhl hin»„Setzen Euch!" Die Frau tat, wie ihr geheißen. Schwer ließ sie sich aus Ken Sitz fallen. Zusammengeknickt hockte sie und atmete tief. Ihre Arme hingen schlaff. Ihr reiches, blondes Haar hatte sich gelöst. Ein langer Zopf fiel ihr über den Rücken hinab, die anderen Haare um- wehten lose den Kopf. Sie fielen über ihre Schulter bis in ihren Schoß. Ihre Augen quollen im Gesichte Nor, und auf ihrer Stirn und in ihren Wangen war eine tiefe Röte. „Was habt Ihr denn wieder miteinander?" fragte Müting, als das Weib noch immer nicht zu sprechen begann. „Er hat mich wieder geschlagen!!" schrie das Weib auf. Ihre vorgequollenen Augen funkelten.„Mit em Stuhl ge- schlagen! Da rüber!" Sie fuhr mit der Hand über Ober- arm und Rücken. Dabei biß sie die Zähne zusammen.„Das miissen Strieme sein," sagte sie und begann die Jacke auf- zuknöpfen. Neugierig schlichen sich die beiden Frauen heran. „Laß nur," sagte der Mann.„Mer wollens nit sehn." Gehorsam knöpfte sie die Jacke wieder zu und senkte id'eil Kopf. Müting aber trat ans Fenster. Mit den Fingern trommelte er an die Scheiben, dann, über die Schultern weg, fragte er plötzlich: „Was wollt Ihr denn hier?— Geht doch wieder zu em! Jetzt wird er ruhig sein." „Ich zu dem gehn!" In des Weibes vorgequollenen Augen blitzte es hell auf.„Zu dem! Pfui Teufel!" Sie spuckte aus. „Na, Ihr prügelt Euch doch oft genug und vertragt Euch dann wieder!" Da heulte das Weib.„Ja, Wege de Kinner, da bleib ich als! Mein armer Peter und das Paula, das Engelche! Gestern auf der Straße haben se mich erscht wieder angehakte mit dem schöne Kind! Und von wem hat das sein Schönheit? Von ihm gewiß nit! Von dem witschte Luder! Wenn er abends vollgesoffe heimkommt und ich nit gleich da bin, da fängt er en Lärm an! Ich wär fort mit andre Mannsleut, sagt er dann. Und de Peter fragt er aus! Ich hab's Wohl ge- merkt! Der soll mer de Aufpasser spiele! Und wenn em der Bub was vorlügt, denn der lügt wie gedruckt, der Lausbub, des glaubt er em all.— „Aber ich bleib nit mehr, ich bleib nit mehr bei em! Morge geh ich fort mit samt meiin Paula!" Das Weib war vom Stuhl aufgesprungen und reckte die geballten Hände gegen die Decke. Ihr hübscher Mund wurde breit. Sie machte einen Schritt nach der Tür. „Bleiben doch," sagte die Marie.„Um Gotteswillen." und sie faltete die Hände.„Er haut Euch ja noch mehr! Oder gar steche wollt er Euch? Steche? gelt! Erzählen doch noch...!" Die Frau machte eine Kopfbewegung nach Müting hin. »Der mag nit, daß ich hier bin," sagte sie. Da klopfte es an die Tür. Reglos standen die vier. Draußen aber rief eine bebende, tränenrauhe Männerstimme: „Elies! Elies!" Das Pochen ward stärker. . Die vier Menschen in der Stube rührten sich nicht, neu- gierig flimmerten der Marie Augen, aber der Schlveiß stand auf ihrer Stirn. Und wieder klang es:„Elies!". Es war ein weicher, flehender Ruf. Und dann vernahmen die Menschet? in der Stube ein herzzerreißendes Aufschluchzen. Da ging Müting zur Tür und schloß auf. Ein kräftiger Mann mit struppigen! Haar und einer breiten Nase über dicklippigem Munde stürzte herein. Tränen liefen ihm über die Backen.„Elies!" Er eilte auf das Weib zu und riß es an sich. „Elies!" sagte er.„Komm, komm mit mer enauf! Ich tu Dir auch gewiß nir mehr, ganz gewiß nit!" Sie entwand sich seinen Armen.„Laß mich los!" keuchte sie. Und als er nachgab, stieß si? ihn mit der Faust vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Er aber packte ihre Hand.„Elies!" Seine Augen tvurdeu feucht. Und er tparf sich yox ihr auf dm Boden rrnd umssiannte mit dem einen Arm ihre Knie:„Komm wieder mit mer, komm!" Und da sie ihm nicht wehrte, sprang er auf und zog sie von der Stelle. Willenlos folgte sie ihm. Zwei Schritte. Sie hatte die Augen geschlossen. Ihr Mund öffnete sich. Dann plötzlich stemmte sie sich mit den Füßen fest auf den Boden. „Ich geh nit mit der, ich geh net," sagte sie und griff yrik der freien Hand rückwärts nach einer Stuhllehne. „Komm doch, komm doch!" flehte der Mann. Der kalte Schweiß stand auf seiner Stirn. Seine Augen funkelten. „Nein, ich geh nit mit, Du tust mer was!" schrie sie. „I tu Der nix," sagte er. Seine Stimme zitterte. Sein Atem war heiß und schwer.„Ich tu Der gewiß nix, ganz gewiß! Aber komm, komm!" Er bitz die Zähne zusammen, zerrte heftiger an ihrer Hand und haschte auch nach der anderen, die sie noch immer um die Stuhllehne spannte. „Komm, komm!" Seine Hände wären glühend heiß. Sie fühlte das Klopfen des Blutes darin. In seinen Augen waren die Aederchen blutüberfüllt. �' Und die Schwüle seiner Nähe machte sie matt. Sie liest den Kopf mif die Brust fallen und folgte ihm wiederstandslos zur Tür hinaus. Schweigend blieben die drei zurück. Durch die offene Tür kam ein kalter Luftzug. Da ging Müting und niachte sie zu. (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Die Zablcnlottcne in prcußen» (Schluß.) Tie 1772 erfolgte erste Teilung Polens brachte Westpreußcn mit Ausnahme der Städte Tanzig und Thorn in den Besitz Preußens, und diese Länder scheinen ein neues geeignetes Objekt für die Lotteriepläne. Die Pacht übernahm Graf Reuß gegen 1333% Taler jährlichen Zins und einer Entnahme von Porzellan im Werte von 600 Taler. Diese Filiale florierte über alles Er- warten und als es sich kurz vor Ablauf des Pachtvertrages fiir den Grafen Reuß darum handelte, den Zuschlag wieder zu erhalten, erklärte er„aus wahrer Devotion und rele(Eifer) für das könig- liche Interesse" dem bisherigen Pachtzins zuzulegen, wie es der König selbst bestimmen werde. Das war der beste Beweis dafür, daß das Geschäft blühte. Es wurden wieder zwei Verträge ab- geschlossen, ein fingierter für die dumme Oeffentlichkeit und ein zweiter gültiger Geheimvcrtrag. Im elfteren wurden 40 000 Taler Zins für die Berliner und 1333% für die Westpreuhische Zahlen- lotterie festgelegt; in dem geheimen Vertrage jedoch die Summe auf bti OOO bezw. 2500 Taler erhöht, unter der gleichzeitigen Ver» pflichtung. für 6600 Taler nicht im In lande zu verkaufendes Por- zellan zu entnehmen. Natürlich lvar Kennern der Sache dieser güldene Born nicht entgangen. Ein polnischer Kammerherr, Baron von Rüdiger, inachte dem Minister Grafen von Schulenburg Offerten, bei denen man sich an den Kopf fassen mußte; dieser Mann wollte das gesamte Risiko übernehmen und mit seinem �bedeutenden Privatvcrmögen für alle seine Verbindlichkeiten dem Staate gegenüber haften und zudem nur V» des Reingewinnes für sich beanspruchen. Was ihn zu einer derartigen Offerte veranlaßt hatte, weiß man heute noch nicht. Jedenfalls! erhielt er den Zuschlag aus anderen Gründen nicht, sondern die Reußischen Erben, die für die Berliner Zahlen- lotterie 63 000, für die wcstprcußische 12 500 Taler zahlten und zur Abnahme von Porzellan im Werte von 9600 Taler verpflichtet waren. Die Zahlenlotterie war bei den unbemittelten Klassen des Volkes sehr beliebt geworden, fand aber bei anderen immer mehr Widerstand, der nur durch die Autorität Friedrichs II. überwunden wurde. Als dieser starb versuchte sein Nachfolger. Friedrich Wil- Helm IL. sogleich, die Lotterie abzuschaffen. Sein Plan scheiterte an der Unmöglichkeit, diese Einnahme entbehren zu können. �Jcden- falls wurde aber nach Ablauf des Pachtvertrages Mitte 1794 die Lotterie in eigene Staatsregie übernommen. Ein diesbezügliches Edikt des Königs enthielt die Mitteilung, daß die Einkünfte der Zahlenlotteric in Zukunft zum Besten der Militärinvaliden- und -Witwenversorgungs-, auch der Schul- und Armenanstaltcn ver- waltet werden würden. Das ist höchst interessant, besonders, wenn man an ein Analogon aus'der neuesten deutschen Reichsgcscknchte denkt. Bekanntlich sind die Mehrerträge aus den Gctreidezöllcn beim letzten Zolltarife zur Deckung der Kosten einer Witwen- und Waisen- Versicherung bestimmt. Mian sieht also: Alles ist schon einmal da- gewesen I In Preußen-Teutschland hat man es ja von jeher präch- tig verstanden, unmoralischen Staatseinrichtungcn ein sozialpolitisches Mäntelchen umzuhängen. Wir wollen nur hoffen, daß es der neuen Witwen- und Waisenversicherung nicht etwa ebenso geht, wie damals. Die Ucbcrschüsse blieben nämlich aus; es ergab sich ein gewaltiges Defizit, und der Staat hatte das Vergnügen, dieses zu decken. Poy 1796 an aber nahm der Loseabsatz einen so bedeutenden Ausschwung, txch die einst von Rüdiger eingereichte Offerte begreif- lich erschien. Ter Reingewinn belief sich für das Rechnungsjahr 1795/3(5 auf 219 400, im folgenden Jahre auf 407 000 Taler. Das gab Veranlassung, Zahlenlotterien in den neu erworbenen Landes- teilen einzurichten. Auch in Ansbach wurde eine solche eingerichtet, obwohl das im Jahre 1709 für die damaligen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth errichtete Lotto einen so ungünstigen Verlauf auf die Moral des Volkes ausgeübt hatte, daß der letzte Landgraf dieser Fürstentümer, Karl Friedrich, auf Veranlassung des Fürstbischofs von Bamberg durch eine 1787 erlassene Verordnung alle Lotterien in seinen Ländern aufhob und Strafen für Lotteric-Unternehmer und-Spieler festsetzte. Neben diesen drei Lotterien eestand noch eine in Warschau, und der ursprüngliche Plan des Königs, die Lotterien ganz aufzuheben, war ins gerade Gegenteil hineingeblüht. Auch Friedrich Wilhelm III. war ein entschiedener Gegner der Zahlenlotterie, verwarf aber die Klassenlotterie nicht prinzipiell; ein Beweis, daß die moralische Triebfeder dabei doch nur recht mangelhaft funktionierte. Wahrscheinlich wäre aber alles beim alten geblieben, wenn nicht 1800 der französische Eisenbesen das Land gekehrt und für die Geschicke der Zahlenlotterie Verhängnis- volle Folgen gehabt hätte. Tie französische Okkupation von 1800 bis 1808 brachte die Verwaltung der Zahlenlotterie in französische Hände, denen natürlich auch die Ueberschüsse zuflössen,' die Ausfälle legten sie jedoch brutal anderen zur Last. Als eine Ziehung einst einen Verlust von 57 000 Taler ergab, muhte der mit der früheren Regierung in Verbindung stehende Bankier Wulff aus seinem Privatverinögen die Zeche bezahlen. Die in der nächsten Zeit ent- stehenden Defizits wurden nur unter Aufwand aller möglichen Kunst- griffe gedeckt. Als sich die Lotteriekasscn von den Ausfällen erholt hatten, trat der seit 20 Jahren nicht vorgekommene Fall ein, daß eine besetzte Quaterne gewonnen hatte. Damit war ein Verlust von etlva 00 000 Taler verbunden, für den die französischen �Behörden nicht aufkommen wollten, so dah die Lotterieverwaltung diesen Fall nur unter äußerster Anspannung aller ihrer Kredite überwand. Inzwischen wurde der Tilsiter Friede geschloffen. Der mora- lische Katzenjammer schien denn auch eine günstige Nachwirkung zu haben. Mit der 799. Ziehung wurde die preußische Zahlenlottcrie im Mai des Jahres 1810 aufgehoben. Es hatten durchschnittlich 10 bis 17 Ziehungen pro Jahr stattgefunden. Die finanziellen Ergeb- niffe sind nicht genau bekannt, weil die Erträge der damals auch schon bestehenden preußischen Klassenlotterie in den Abrechnungen ungetrennt mit enthalten sind. Auch über die Erträge während der Pachtzeit ist genaues nicht zu erfahren. Sicher sind aber die Ueber. schüsse sehr bedeutend gewesen, denn der außerordentlich geschäfts- kundige Graf Reuß erklärte einmal lächelnd auf Befragen, daß je drei Ziehungen ein Heiratsgut für seine Töchter abwürfen. Für den Staat hatte die Zahlenlotterie während der ganzen Zeit ihres Bestehens(von 1794 bis 1810) einen Reinertrag von 14,0 Millionen Mark gebracht, dessen Verwendung entsprechend preußischen Tradi- tionen selbstverständlich in allererster Reihe militärischen Zwecken zugute kam. Für Armen- und andere Zwecke fiel natürlich nur herzlich wenig ab. Den„königlichen Intentionen", die Zahlen- lotterie solle auch dem„guten Fortgang der Manufakturen" dienen, war dadurch entsprochen worden, daß die Lotteriepächter im Laufe der Zeit für insgesamt 394 400 M. Porzellan bezogen. Abc? auch damit waren die vielseitigen Aufgaben der Zahlenlotterie noch nicht erschöpft, denn sie war dem Plane Friedrichs ll. gemäß auch dazu bestimmt,„indirekt die Bevölkerung des Landes zu mehren"! Einem gewöhnlichen Sterblichen wäre es nicht so leicht gewesen, einen dies- bezüglich paffenden Modus für diese Aufgabe zu finden, dem„großen" Könige war das natürlich ein Armschütteln. Er hatte in feinem Patent bestimmt, daß bei jeder Ziehung fünf armen im Lande ge- borencn Mädchen zum Zwecke ihrer Verheiratung eine bare Aus- steuer von 50 Taler zugute kommen sollte. Die Namen von 90 solcher Mädchen wurden mit den Nummern der Zahlenlottcrie ver- Kunden und die 5 mit der Gewinnnummer verknüpften erhielten einen sogenannten Annexenschein, den sie unter Vorzeigung eines Trauscheines gegen 50 Taler einlösen konnten. Im Volksmunde wurden die mit einem Annexenschein beglückten Bräute„annektierte Mädchen" genannt. Diese Einrichtung der Aussteuergelder über- lebte nicht nur die Zahlen- und die Ouinenlotterie, über welche noch zu berichten sein wird, sie pflanzte sich sogar bis zum Jahre 1815 fort. Durch welche Jdcenverbindungen man dahin gelangt war, von dieser Einrichtung eine Bcvölkerungsvcrmehrung zu erwarten, wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Dennoch ist auch an diesem Beispiel zu sehen, wie man es in Preußen schon damals ver- stand, die Lösung großer Fragen mit kleinlichen Mitteln zu be- treiben. Doch die Konsequenzenmacherei hatte noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Das Edikt, durch welches die Zahlenlotterie aufgehoben wurde, enthielt moralisierende Begründungen, die sich ja ganz gut machten. Tatsächlich hatte die Zahlenlotterie verderbliche Wirkungen ausgeübt. So lvird ein merkwürdiger Beleg dafür in einem Be- richte des königlich preußischen Domänen- und Justizamtes in Zinna vom 23. 2. 1795 erbracht. In Luckenwalde hatte die Spielwut die ganze Bevölkerung ergriffen. Für den naiven Menschen, in dem sich die Gewinnsucht regte, besaß die Zahlenlotterie in der freien Selbstbestimmung, die sie dem Spieler gewährte, in der Freiheit, die sie der Phantasie und der Spekulation des einzelnen überließ, einen gewissen Zauber, der mit großer Anziehungskrast wirkte. So machten die braven Luckenwalde! die tollsten Pläne, brüteten Tag und Nacht über die wahrscheinlich gewinnenden Nummern und be« schäfttgten sich mit dem Deuten und Auslegen von Lotterienummern. versilberten und versetzten ihre Habe, Frauen machten heimlich Schulden usw., nur um die Lotterieeinsätze zu bezahlen; Fallisse- ments großer Händler sogar traten ein, und in Gerichtsverhand- lungen wurden die haarsträubendsten Dinge zutage gefördert. Die. Angeklagten erklärten, der heilige Geist sei ihnen nachts im Amts- gcfängnis erschienen und habe die Glücksnummern der nächsten Ziehung an die Wand geschrieben: man möge sie doch freilaffen, da- mit sie gewinnen könnten, u. dgl. m. Solche Vorfälle machten sogar auf die Regierung Eindruck; ihre Gegenmatzregeln bestanden aber nicht darin, die Wurzel des Uebels zu beseitigen, d. h. die Lotterie aufzuheben, sondern in allerhand Schädigungs-, Straf- und Ab- schreckungsmittcln, wie man das ja noch heute in Preußen durch- aus gewohnt ist und in der Ordnung findet. Natürlich half das alles nichts, und es ging eben so weiter wie bisher. In den Straßen Berlins sang man zwar: „Die Pest gab die Natur dem Oriente. Unbillig ist sie nie; Dafür gab sie dem Occidente Tie Zahlenlotterie l" aber die Lotterie war und blieb beliebt, wegen ihrer Erträgnisse auch bei der Regierung, und 15 Jahre hat es noch gedauert, bis endlich die Aufhebung der Zahlenlotterie erfolgte. Nach derartigen Erfahrungen— sollte man meinen— hätte die Regierung ihre Lotteriepläne endlich fallen gelassen. Doch davon war sie weit entfernt. Sie führte nicht nur die Klassenlotterie in größerem Maßstabe ein, sondern machte dazu noch eine viel größere Dummheit durch die Einführung einer Ouinenlotterie. Um bei dieser zu Gewinnen zu gelangen, mußte man Bestimmungen treffen, damit eine gewisse Anzahl von Gewinnen unter allen Um». ständen herauskäme. So wurde vom Könige ein Plan genehmigt. nach welchem 30 Nummern mit 142 500 Quinenlosen ausgespielt werden sollten, aus die ein Gewinn zu 50 000 Taler, 5 zu 5000 Taler, 12 zu 500 Taler sielen. Der damalige Chef der preußischen Staats- lotterien, Wilckens, hatte ganz richtig borausgesehen, daß es nicht möglich war, so viele Lose abzusetzen, so daß sich mit positiver Ge». wißheit ein bei den damaligen schwierigen Verhältnissen doppelt schwer lastender moralischer und materieller Nachteil ergeben müßte, Seinen Widerstand ließ die„höhere Weisheit" natürlich unbeachtet, und die Einrichtung wurde durchgeführt. Jedes Los enthielt eins Quincnnummer, kostete einen Taler und war unteilbar. Die erste! Ziehung fand bereits am 20. August 1810 statt, noch fast gänzlichj unvorbereitet. Der Zufall wollte es, daß das Ergebnis für die» Staatskasse günstig ausfiel, da der Hauptgewinn auf die% den unverkauften Lose fiel. Die zweite Ziehung aber zeigte, wie recht Wilckens gehabt hatte. Noch nicht V- aller Lose wurden abgesetzt und dazu trat der Fall ein, daß der Hauptgewinn von 50 000 Talen auf dieses Fünftel fiel. An Einnahmen waren nur 20 332 Talen erzielt, Gewinne und Spesen betrugen dagegen 07 872 Taler und' das in einer Zeit, da Preußen auf die Hälfte verkleinert, durch die riesigen Kriegslasten und Kontributionen gebeugt und bis aufS äußerste geschwächt und erschöpft war. Unter diesen Umständen mußte man selbstverständlich unverzüglich zur Sistierung der Ouinenlotterie schreiten. So endete d,ese Art der Lotterien in Preußen. Einen Sozialpolitiker könnte diese Geschichte nur mit Genug. tuung erfüllen, wenn er nicht gleichzeitig einsähe, daß es eben doch immer die große Masse war, auf welche"die aus derartigen Finanz- operationen entstehenden Lasten und Verluste abgewälzt wurden. Meinte man in so schwerer Zeit wie 1810 nicht auf die Einkünfte des Staates aus der Zahlenlotterie verzichten zu können, so war kein Grund vorhanden, sie zugunsten einer viel schlechteren, bedenk. licheren und uncrprobten Einrichtung aufzuheben. Die Begründung der Aufhebung der Zahlenlotterie war noch fadenscheiniger als die der Einführung der Ouinenlotterie. Meinte man es mit der crsteren Motivierung ernst, so konnte man nicht in demselben Atem- zuge für die zweite eintreten. Die einzige Konsequenz hätte nur die sein können, auf die Lotterie selbst überhaupt zu verzichten. weil jede Art einer Lotterie mit Wetten und sonstigen Glücksspielene deren wirtschaftliche und sittliche Gefahren und Nachteile im Ge- folge hat. Vor allen Dingen hat der Staat als Vertreter der Ge- samtheit ethische Aufgaben, die ihn mit der Duldung und Selbst- ausführung von derartigen Unternehmungen in Widerspruch bringen.— Franz Workmann. Kleines f euilleton* ck. DaS Leben in einem Bagno. In der„Revue" erzählt Pozzi-Escot von der französischen Strafkolonie auf der Insel Neu- Caledonien und dem Leben der Sträflinge:„Das Leben des Straf- lings ist von einer automatischen Regelmäßigkeit: Alle Tage, viele lange Jahre hindurch bis zum Tode oder bis zu seiner Befreiung, erhebt er sich, arbeitet, ißt und schläft zur selben Stunde. Nur am Sonntag nach der Messe, der er beiwohnen mutz, ist ihm gestattet, ivciin er ein gutes Führungszeugnis hat, sich einige Stunden den» Nichts- tun und dem Umherschlendern hinzugeben. In den Depots und Lagern des Inneren schließt man ihm im Schlafzinnner oder in den Höfen ein; auf der Insel Nou kann er am Strande frei umher» gehen vor der Strafanstalt, wenn er Tabak hat, rauchen, auch angeln, wenn er sich das dazu Nötige zu verschaffen weiß, oder im Grase, von den hohen Bäumen beschattet, sich ausruhen. Wenn man sich dieser Jusel des Schreckens mit dem Schiffe nähert, so sieht man schon von fern Hunderte von Gestalten, die am Ufer umherirren oder ausgestreckt liegen, von einigen Wächtern beaufsichtigt, die unter ihnen zerstreut sind und sich mehr mit der Lektüre ihrer Zeitungen zu befaffen scheinen, als mit dem Benehmen und den Handlungen ihrer Ge- fangenen. Nur ivcmge Kabellängen trennen die Insel Nou von dem festen Lande, aber so kurz auch der Zwischenraum sein mag, er ist doch fast miüberschreitbar. Nicht einer unter den Hunderten von Verzweifelten, die während vierzig Jahren die kleine Strecke zu durchschwimmen suchten, ist lebendig am anderen Ufer angekommen. Unter dem unbeweglichen Wafferspiegel lauern die gefräßigen Hai- fische zu Tausenden auf Beute... Die Türen der«wchlafräume offnen sich beim ersten Morgengrauen zum Appell. Die Vermtcilten, die ganz angekleidet geschlafen haben, unterziehen sich einer sehr oberflächlichen Wäsche, indem sie mit den Händen etwas Wasser über Hals und Gesicht gießen, und dann marschieren sie sogleich, ohne gefrühstückt zu haben, ihre Werkzeuge über der Schulter, nach den verschiedenen Arbeitsplätzen, die rund um die einzelnen Strafanstalten herumliegen. Sie Iverden bewacht und beaufsichtigt von Soldaten, die, den Revolver im Gürtel, ihnen folgen, bereit, demjenigen eine Kugel ins Hirn zu jagen, der den geringsten Versuch der Flucht oder des Aufruhrs wagen würde. In diesem Augenblick des ersten Er- Wachens hat wohl das Bagno sein bezeichnendstes Aussehen. Man empfindet die ganze furchtbare Macht dieser irdischen Hölle, in der alle Hoffnung ersticken muß und imr der Berzlveiflung Raum bleibt: das Furchtbare dieses namenlosen Jammers offenbart sich plötzlich in einer unvergeßlichen Vifion... Eine ungewisie, noch dämmernde Helligkeit ist über die Erde gebreitet, während die tiefen Täler noch ganz in Rächt liegen. In der Reede von Numea, wo die Nebel noch unheimlich brauen und das Waffer im ersten Morgenstrahl schimmert, werden die langen Züge der Sträflinge ausgeladen und die langen Reihen gebückter Männer, die der Stadt zuströmen, erscheinen wie gespensterhaste Massen der Verfluchten. Die Straßen der noch schlafenden Stadt werden von einem düsteren Lärm erfiillt, von dem dumpfen Tritt der schweren Schuhe, von den heiseren Kommando- rufen, von Flüchen und Schreien, von dumpfem Gemurmel. Und überall, in den Strafkolonien der Insel, ist zur selben Stunde das gleiche Schauspiel, der gleiche unheimliche Gespensterzug, der in Elend und Qualen hinauswankt, während sich die erwachende Nawr mit Glanz und Pracht schmückt. Von ihrem elenden Strohlager aus schreien die kleinen Kanälen dem Zuge Schimpfworte und Beleidi- gnngen nach und freuen sich mit der Grausamkeit des naiven Menschenherzen an der machtlosen Wut und dem unterdrückten Grimm der Sträflinge. Am Arbeitsplatz angekomnien, nimmt jeder die Arbeit da ivieder auf, wo er sie am Abend des vorigen Tages unterbrach. Nach wenigen Sekunden sind alle am Werke. Da§ lautloseste Stillschweigen ist ihnen zur strengsten Pflicht ge- macht. Im Falle der unvermeidlichen Verständigung, wenn es sich ii. B. darum handelt. Befehle weiter zu geben, ivird den Verurteilten treng anbefohlen, nur mit leiser Stimme zu sprechen. Um die Arbeitsstelle herum patrouillieren die bewaffneten Wächter und be- aufsichtigen und leiten die Arbest. Bei dem geringsten Widerspruch, bei dem leisesten Ermatten in der Arbeit verhängen sie über die Armen schwere Strafen, deren gelindeste eintägig« Zcllenhaft bei trockenem Brot ist und die bis zu eurer Einsperrung von 60 Tagen im dunklen Kerker gesteigert werden kann! Unwillkürlich denktman ber dem furchtbaren An« blick dieser halbnackten Unglücklichen, die von Schweiß triefen mrd zu un- unterbrochener schlverer Arbeit unier dem Feuerregen einer glühenden Sonne gezwungen find, an ihre Schicksalsgenossen, die gleiche oder ahnliche Verbrechen verübt haben und nmr in den Zuchthäusern Frankreichs untergebracht sind. Wahrlich, ein gewaltiger Unterschied der Bestrafung bei gleicher Schuld! Wenn die Zuchthäusler wüßten, wie es auf einer Strafinsel aussieht I Sie würden nicht mehr die beneiden, die„in der freien Lust arbeiten und die Sonne sehen", wenn sie, geblendet von dem Flimmern des Meeres, ausgedörrt von der Tropenglut, von einem Heer von Insekten zerstochen und benagt unter schweren Lasten zusammenbrechen würden, wenn sie den ganzen Tag hindurch bei einer Temperatur von wenigstens vierzig Grad in den Steinbrüchen arbeiten müßten."— t. Der Bcrbrcchcrtypus bei indischen Schädeln. In Indien gibt es eine höchst ungemütliche Sekte, die in ihrer Organisation und Be- tätigrmg eine gewisse Aehnlichkeit mit den chinesischen Geheim- gesellschasten der Boxer, derer vom Großen Messer usw. besitzt. In der Hindusprache ist ihnen der bezeichnende Name Thags(Räuber) beigelegt worden. Sie haben eine alte Geschichte, die allerdings wohl ihrem Ende nahe ist. da die englische Regierung seit nunmehr etwa 75 Jahren energisch um ihre Unterdrückung be- müht ist. Die Thags bilden eine früher über das ganze Vorderindien verbreitet gewesene Genoffenschaft, deren Gewerbe in heimlichem Raubmord besteht. Die zu dessen Ausführung gewählten Listen und Gebräuche haben sich seit dem 12. Jahrhundert von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt. Wenn diese Bande jahrhundertelang fast ungestört ihr Wesen treiben konnte, so hatte sie es wesentlich ihrer Vorficht zu verdanken, daß sie sich an Europäer nicht heranwagte. Heute find die ThagS glücklicher« weise dem Aussterben nahe. Aus diesem Grunde ist es wertvoll, daß die Wissenschaft sich ein Andenken an sie gesichert hat. Es war zu vermuten, daß die Lehre von Lombroso bezüglich der körperlichen Merkmale einer verbrecherischen Anlage, wenn irgendwo, bei den indischen ThagS zu einem vollendeten Ausdruck kommen nmßte. In einer Sammlung von indischen Schädeln, die sich der Anthropologe William Turner be- sorgt hat, befinden sich auch einige Schädel von Thags, die zu besonderen Studien Veranlassung gegeben haben und in der letzten Sitzung der Royal Society in Edinburg vorgelegt wurden. Turner berichtet von den ThagS, daß sie noch immer hier und da die großen Verkehrswege unsicher machen, indem sie einzelnen Reisenden auflauern, scheinbar ihre Reisegesellschaft suchen, sich dann Plötzlich auf sie stürzen und sie er- droffeln. Angeblich führen sie dies Geschäft mit so großer Vorficht und Geschicklichkeit aus, daß ihnen noch niemals ein auserkorenes Opfer entgangen ist. Früher war es an der Tagesordnung, daß Leute spurlos verschwanden, von denen nie jemand erfuhr, wa? aus ihnen geworden wäre. Die Thags sollen nämlich ihre Opfer mit so großer Sorgfalt beiseite bringen, daß noch nie eine Leiche hat entdeckt werden können. Im ganzen hat Turner 15 Thagschädel untersucht und durste um so eher erwarten, an ihnen Merkwürdigkeiten im Lombrososchen Sinne zu finden, als die Leute des Thaggewerbes gewöhnlich ganz in ihrer Beschäftigung auszugehen pflegen und es als eine Art religiöser Pflicht betrachten, Menschen zu morden. Sie glauben damit den von ihnen verehrten besonderen Gottheiten ein wohlgefälliges Opfer darzubringen. Die Erwartung Turners ist aber durchaus getäuscht worden, wenigstens bezeichnet er die von ihm untersuchten Thagschädel als außerordent- lich wohlgebildet. Sie zeigen durchaus keinen Mangel an Symmetrie und haben eine auffallend schöngewölbte Stirn. Wenn also anzu- nehmen ist, daß sich der von Lombroso behauptete VerbrechertypnS bei Leuten besonders ausprägen müßte, in deren Familie die Ver« Übung schwerer Verbrechen geradezu erblich ist, so würde nach der Ansicht Turners die berühmte Theorie deS italienischen Gelehrten unhaltbar werden.— r. Ein neues Gift im Kaffee. Zu der diesbezüglichen, vor einiger Zeit von uns gebrachten Notiz erhalten wir folgende Mitteilung: Schon 1902 wurde das Gift von Erdmann in den Berichten der Deuffchen Chemischen Gesellschaft in einem„Beitrag zur Kenntnis deS Kaffeeöles" beschrieben. Von diesem Kaffeeöle, nicht etwa vom Kaffee, macht der Furfuralkohol etwa 50 Proz. aus. In welch' geringen Mengen dieses Ocl aus dem Kaffee zu gewinnen ist, geht daraus hervor, daß man bei Dampf-Destillation deS zum Brei angerührten gerösteten Kaffecpulvers bei 1 Vz Atmosphären und Ausschütteln des gewonnenen Destillats" mit Aether aus 3 Zentnern Kaffee nur 83,5 Gramm Oel— 0,0557 Proz. gewinnt. Dieses Oel stellt eine braune, stark nach Kaffee riechende, sauer reagierende Flüssigkeit dar und enthält neben ge- ringen Mengen von Essigsäure, Fnrfiirol und Phenolen zum größten Teile Valeriansäure und den Furfuralkohol(beide zusammen etwa 70 Proz. mrsmachend). Außerdem läßt sich als Träger des charak- teristischen feinen Kaffeegeruchs eine geringe Menge eines fast wafferhellen OeleS aus dem Kaffeeöl isolieren.— Die Pharmaka- logische Prüfimg des Furfuralkohols hat ergeben, daß es in einer Dosis von 0,5—0,6 Gramm auf 1 Kilogramm Körpergewicht zum Tode führt unter starker Abnahme der Atemfrcquenz mit Herabsetzung der Empfindlichkeit, fort« gesetztem Sinken der Körpertemperatur als Folge mangelnder Wärmeproduktion, Speichelfluß und Durchfall. Beim Menschen be- wirken 0,6— 1,0 Gramm Zunahme der Atemfreguenz. Nun wirkt in diesen Gaben von 1l2~l Gramm aber das Koffein schon sehr stark giftig. In 100 Gramm Bohnen sind etwa 0,5 Gramm Koffein enthalten, aber nur etwa 0.025 Gramm Furfuralkohol._ Es kann diesem daher wohl nur ein Teil der Folgen st a r k e n KaffeegenusseS zufallen, aber sicher nicht die Hauptwirkung. Das eigentliche Kaffee- gist ist und bleibt daS Koffein.— HnmoristischeS. — Er und Sie. Ein Leser teilt der»Franks. Ztg." folgendes Zwiegespräch mit: „Mann, sieh einmal her, was für eine» wunderschönen Hahn ich auf dem Markte gekauft habe!" „Sehr schön!" „Was darf der kosten?" „Zwei Mark fünfzig." „Wie kannst Du nur zwei Mark fünfzig raten, kannst D u einen solchen Hahn für zwei Mark fünfzig kaufen?" „Na, was hat er denn gekostet?" „Mehr als eine halbe Stunde habe ich darum gehandelt, bis ich ihn ganz billig bekommen habe." „Nun, was hat er denn gekostet?" „Zwei Markfünfzig!"— —„Der unglückliche Cugn o t." Auf Seite 691 dieses Jahrganges schreibt— nach der„Tägl. Rdsch."— die Zeitung deutscher Eisenbahnverwaltungcn:„Als Cugnot einen zweiten, be- deutend verbesserten Dampfwagen baute, für den sich besonders der französische Kriegsminister interessierte, überschlug er sich bei einem Versuche, als er um eine Ecke biegen sollte, und zer» brach."— Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo„Berlin