HlnlerhaltMgsblatt des vorwärts N 138. Freitag, den 20. Juli. 1306 (Nachdruck verboten.) � I�mäer der Gaffe» Noman von Charlotte Knoeckel. Der Christian hatte den Kopf in die Stube gekehrt, er schaute von der Großmutter auf die Luis. Die legte mit einem mitleidigen Lächeln den Zeigefinger an die Stirn, dann verteilte sie die Tassen, die sie aus dem Schrank genommen hatte. Es waren hübsche goldgeränderte Tassen, auf die die Luis nicht wenig stolz war; vorsichtig faßte sie sie an. „Kommen's Kampe auch zum Kaffee?" fragte sie die Großmutter. „Na, das will ich meine!" sagte die.. „Und das Minchen?" „Na, das doch auch!" „Dem geb' ich aber keine von de gute Tasse, die kriegen nur die große LeuU und der Chrischan und ich, weil mir acht geben!" „Das kannste mache, wie de willst!" „Ach Gott und em Marie sein Bmder!". „Wer?" „Dem Marie sein Bruder," wiederholte die Luis. „Dem Marie? Hahaha!" Die Alte lachte.„Dem Marie? So?— Dem Marie sagst Du?!" „Na, der-- der— Mutter," verbesserte die Luis. Sinnend blieb sie stehen. Sie empfand, daß der Name sich nur widerwillig von ihren Lippen löste. „Mutter?" sagte sie. Tränen traten ihr in die Augen. Mein' Mutter liegt auf dem Kirchhof, dachte sie. Und dann gewahrte sie, daß das Kaffcewasser kochte. Vorsichtig goß sie's über den gemahlenen Kaffee in die Kanne. „Sie kommen," sagte wenige Augenblicke später der Christian vom Fenster herüber. Gleich darauf stand Müting, die Marie am Arm, unter der Türe. „Guten Tag!" Er hängte seinen Sonntagshut an den Nagel und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Heiß—!" sagte er. „Papa, Papa!" rief der kleine Johann ihm entgegen und streckte die Händchen nach dem Vater aus. „Komm'!" sprach der und reckte die Arme. Da gab der Christian dem Vater das Kind. Hinter dem soeben getrauten Paare waren noch die Kamps und ein grobknochiger Mann eingetreten, welcher der Marie auffallend ähnlich sah. „Setzen Euch!" sagte die und' zog ein paar Stühle unter'm Tisch hervor. Frau Kamp nahm ihren Hut ab. Ihr Mann und der Marie ihr Bruder hängten die ihren auf, dann setzten sie sich an den Tisch. „'s wird wohl alleins sein, wo mer sitzen," meinte Frau Kamp. „Natürlich," nickte die Marie. Und dann humpelte auch die Großmutter heran, sie gab dem Christian die Hand und der Marie und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Die Luis aber schleppte die große Kaffeckanne herbei und begann einzuschenken. „Ach geh', laß doch sein, die schwer' Kann'!" sagte Frau Kamp und nahm dem Kinde das Gefäß ab. Sie schenkte ihrem Manne und sich selber ein und reichte die Kanne weiter, dann griff sie nach dem Kuchen und gleich ihr taten alle bis auf Müting. Der wischte sich den Schweiß von der Stirn. Und als Marie ihm ein Stück Kuchen auf den Teller legte, sagte er leicht geärgert:„Ich mag nix," und wollte es eben zurücklegen, als der kleine Johann mit raschem Händchen danach griff. Da lachte der Mann:„Das ist was für Dich, gelt?" sagte er und fuhr mit der Hand über des Kindes Köpfchen. Drunten am Tisch taten die Mädchen und Buben dem Kuchen wacker Bescheid, nur die Emma begann ihr zweites Stück schon zu verkrümeln, dieweil die anderen noch auf beiden Backen kauten. Als sie schon nimmer konnten, schob die Marie ihnen noch immer die Platte bin. „Essen doch!" „Ich mag nit mehr!" sagte die Luis. „Und ich auch nit!" meinte das Minchen. Vom oberen Ende des Tisches aber ermunterte sie Frau Kamp:„Essen doch!'s is nure einmal Hochzeit!" Da zuckte Müting zusammen. Nur einmal Hochzeit, dachte er und es fiel ihm ein, wie ganz anders ihm zu Sinne gewesen war damals, als er seine Luis gefreit. Damals war ich halt noch jung und Hab' keine Sorgen gekannt, über« legte er. Und dann suchte sein Blick die Kinder, und wie er sie schweigend und ohne mehr zu essen sitzen sah, begann auch er sie aufzumuntern. „Na, Chrischan, gar nix mehr?" fragte er. „Nee!" Der Bube schob die Tasse von sich.„Ich muß jetzt mein' Aufgabe mache." „Was?" lachte die Marie,„was sagste?" „Mein' Aufgabe," wiederholte der Christian und stanF auf. „Sag' Dei'm Lehrer morge, daß Dein Vater Hochzeit gehabt Hütt'!" „Das mag ich nit!" beharrte der Knabe.„Ich will mein.' Aufgabe mache!" „Dummer Bub!" lachte die Frau,„bleib' sitze!" „Ich mach' mein' Aufgabe nit!" prahlte der Franz. „Hm, Du—!" Verächtlich zuckte der Chrissian die Achseln.„Dir macht's nix aus, wenn de noch en bisfel weiter uunner kommst! Ich will meinem Platz kein andere gönne!" Der Knabe stand aufrecht und reckte den Kopf. Voll Stolz ruhte seines Vaters Blick auf ihm. Der Marie aber war das Blut in den Kopf gestiegen, sie wollte nicht dulden, daß das Kind, welches sie unter'm Herzen getragen. von dem fremden beleidigt wurde, und ihre Augen blitzten, ihre Stimme klang hart, als sie den Christian anfuhr: „Du bist ein hochmütiger Bub, en eingebildeter! Meinst. weil de der oberst sitzt, wärst mehr wie en annerer!" Mit zusammengepreßten Lippen ließ der Christian dis Worte über sich ergehen. Müting aber faßte sein Weib am Arm. Er drückte ihren Arm fest in seiner harten Hand.„Halt's Maul!" sagte er, seine Nasenflügel bebten, seine frei auf dem Tisch ruhende Hand ballte sich zur Faust, und er wandte sich zu seinem Knaben:„Mach' Du Deine Aufgaben!" rief er. Schweigend saßen die Hochzeitsgäste. Der Bruder der Marie scharrte mit dem Fuß am Boden, Frau Kamp zerbröckelte ein Stückchen Kuchen. Ihr Mann allein zündete sich, unbekümmert um das, was um ihn her vorging, seine Pfeife an und begann behaglich den Dampf in die Luft zu blasen. Die Marie saß zitternd, sie spürte noch den eisernen Griff von Mütings Fingern am Handgelenk, und die sorglose Freude, mit der sie bis zu dieser Stunde in die Zukunft ge- blickt hatte, verließ sie für einen Augenblick. Aengftlich schaute der kleine Johann, von seines Vaters! Knie aus, der Reihe nach all die schweigenden Menschen an. Da sagte sich Frau Kamp, daß es gut wäre, wenn jemand das Schweigen brechen würde, und zaghaft begann sie: „Der Chrischan is doch en fleißige Bub, daß er an seinem Vater seiner Hochzeit sogar die Aufgabe nit vergißt!" Die Marie atmete aus:„Aber er hätt' se dann auch frühex mache könne," meinte sie. „Aber wenn er se nit gemacht hat, denn is es besser, er macht se jetzt, als gar nit," sagte Müting. Seine Stimme zitterte noch immer. „Na ja!" beschwichtigte die Frau.„Er kann se ja auch mache, ich Hab' nix dagege." Ihre Hand, die die Tasse hielt, bebte, und die Tasse war voll. Es fielen ein paar Tropfen auf ihre neue schwarze Taille. Die Luis sah es.„Ihr habt verschüttet, Mutter." rief sie... „Ach, en paar Troppel" sagte die und wischte mit der Hand darüber. Als sie das tat, glitt des Mädchens Blick unwillkürlich zum Vater hinüber. Der saß mit zusammengepreßten Lippen, und zwischen seinen Augenbrauen stand eine tiefe Fylte. Kamp kratzte sich hinterm Ohr, er schaute auf die hell- farbige Tischdecke und die leere Tasse herab. Seine Frau aber freute sich des hergestellten Friedens, sie lächelte wieder ver- gnügt und nickte den Kindern am Tischende zu. Dann fielen ihr die Kartoffeln ein, die mußten bald aus- gemacht werden! Und sie fragte die Luis, wann Ferien seien. „In acht Tagen!" riefen die Kinder im Verein, und triumphierend fügte das Minchen hinzu:„Und dann darf ich jzu der Großmutter auf de Haardt!" „Und darfst Kartoffeln ausmache helfen," sagte Frau Kamp. „Wenn Du auf der Haardt bist, komm ich Dich besuche," sagte die Emma zur Freundin. Und wie sie sprach, fiel Frau Kamp auf, wie unendlich dünn und fein des Kindes Stimme klang, und heute wie so oft schon, verwunderte sie sich über seine seltsam leuchtenden, großen dunklen Augen. Sie wandte sich zur Marie.„Auf des müssen er arg acht habe," sagte sie und schüttelte den Kopf, und dann bat sie den Fremden, er möge doch was zum besten geben. „Was denn?" fragte der. „Ei, das ist all eins! Ich möcht nure noch e bisse! was höre von da drobe, wo's kein Berg gibt und kein Wingert, und wo mer Brot ißt, noch schwärzer wie's Kumisbrot." So plauderte man, bis Frau Kamp auf die Uhr sah. Erschrocken fuhr sie auf.„Du lieber Gott, schon sieben!" Sie verabschiedete sich, und mit ihr zugleich gingen die an- deren. „Joseph, Du bringst die Großmutter an die Bahn!" sagte die Marie zu ihrem Bruder, der ins Wirtshaus wollte. Der nickte und wartete unter der Türe, während die Alte ein paar Kuchcnreste in ihr Körbchen packte. Als alle draußen waren, ging Mllting ein paarmal schweigend in der Stube auf und ab. Die Marie hatte ihm den Johann abgenommen, um ihn ins Bett zu bringen. Der Kleine schrie und sträubte sich. „Vater... Vater." rief er. Müting machte eine Bewegung, ihn zu nehmen, aber: er muß sich an sie gewöhnen, dachte er dann und griff nach seinem Hute.„Ich komm bald wieder!" sagte er zu seiner Frau und trat aus dem Haus. Er ging auf den Kirchhof. Ich glaub, ich bin schön rein- gefalle! dachte er unterwegs.> Als er auf den Gottesacker trat, stand der Mond schon am Himmel: aber er leuchtete nicht: der Himmel war noch hell. In der sinkenden Dämmerung wurden die Formen der Berge eins mit dem Dunst des Himmels. Die Kirchhofserde war dunkel und feucht. Schwarz und schweigend standen die Zypressen. Kein Lufthauch ging. Stille, tiefe Stille war über den .Gräbern. Und die Blumen blühten und dufteten. Langsam ging der Mann und dann stand er still an dem Hügel, darunter sein Weib ruhte. Ein weißes Holzkreuz trug ihren Namen, und neben dem Kreuz stand ein Nosenstrauch. Ter blühte. Es waren rote Rosen, dunkelrote Rosen, und ihr Duft umspannte des Mannes Haupt wie mit Schleiern. Er neigte den Kopf. Tränen fielen auf seine Wangen. Mit dem Rockärmel wischte er sie ab, und dann bückte er sich nach einem Stein, der aus der Umfassung herausgebrochen war und setzte ihn wieder ein. 6. Die Luis sehte den Kohlenkasten auf den schöngewichsten Herd und die Stühle auf den Tisch, der noch feucht war vom Scheuern, dann tunkte sie den Schrubber in den Kübel mit .Seifenlauge und begann den Boden zu putzen. „Bleib drin!" rief sie dem kleinen Johann zu, der unter der Schlafstubcntür erschien und mit seinen unbeholfenen Beinchen in die nasse Stube wackelte. „Bleib drin bei der Mutter und em Brüderche!" „Se schlafen all," klagte der Kleine. „Tann schlaf Du auch," riet die Luis. „Ich kann aber nit schlafe! Ich bin nit müd," Der Kleine Hub zu weinen an. Da nahm die Luis das Schemelstühlchen vom Tisch, stellte es ins Schlafzimmer unter die offene Tür und setzte das Bübchen darauf.„So, da kannst mir zugucke!" sagte sie, „aber still sein, sonst wacht die Mutter auf!" Und sie schrubbte .weiter. Ihre Wangen röteten sich und das schwere Haar, das sie in zwei Zöpfen um den Kops gelegt trug, fiel herab..Sie war so eifrig bei der Arbeit, daß sie nicht hörte, wie hinter ihr die Tür geöffnet wurde, und erschrocken ließ sie die Arme sinken, als sie Frau Kamp plötzlich vor sich stehen sah. Die hatte dick verweinte Augen. „Was is Euch denn?" fragte das Mädchen. „Es Paula stirbt!" sagte die Frau. �„Es Paula! Du lieber Gott!" Der Luis schössen die Tränen in die Augen, und sie faltete die Hände. Da rief die Marie aus der Schlafstube herüber:„Was is? Wer stirbt?" Und im nächsten Augenblick stand auch schon Frau Kamp unter der Türe, sie bückte sich nach dem Johann, nahm ihn auf den Arm, rückte mit dem Fuß den Schemel, der ihr den Weg versperrte, zur Seite und trat zur Marie ans Bett. „Wer stirbt?" fragte die noch einmal, sie hatte sich in ihren Kissen aufaerichtet. „Em Eckel sein Paula!" Frau Kamp wischte sich mit der Schürze über die Augen. „Jesses Maria und Joseph, das is doch nit möglich, das schön Kind!" sagte die Marie. „Das schön Kind!" bestätigte die Kamp. „Und sterbe, nee, nee, das kann nit sein!" „Wenn ich's Euch sag! Aber ich muß all wieder naus zu em. Er is allein bei em mit de Kinner. Und es hat en so gepackt! Es is, als ob er nit mehr ganz recht wär! Merkann en nit lang allein lasse, ich Hab mich nure mal auskreische wolle, denn was das Kind für Zeug schwätzt,'s geht eim durch und durch! Und sein ganzer Körper und sein Bäckelcher, das brennt alles wie Feuer!" „Von was schwätzt's denn all?" fragte die Marie mit neugierig glitzernden Augen. „Ich weiß nimmer eso, aber vom Himmel und von der Höll, und das geht in einer Tour!" Die Marie schlug die Hände zusammen...Jesses Maria und Joseph," sagte sie. lFortsetzmig folgt.) Hus I�oirtois Leben. kSchluß.) Ekiaraktcristisch für den Knaben Leo Tolstoi ist neben Zügen des Ungesliiins und wiedernin seelischer Weichheit vor allem die früh er- wachende Selbständigkeit des Denkens und bannt verbunden die Lust, an seiner eigenen Perion zu experimentieren. So sei ihm, sagt er in der wesentlich antobiographischcn Skizze„Kindheit", einmal ein- gefallen, datz das Giiiet nicht von äutzeren Umständen, sondern viel- mehr von unserer Srelliingnahme zu ihnen abhänge, datz ein Ilarm nicht unglücklich sein könne, der gewohnt sei, Leid zu tragen; und er selbst habe, um diesen Zustand zu erreichen, sich die nackten Schultern mit Stricken zerschlagen. Dann wieder beschäftigte ihn der Gedanke des Todes und lictz jenen Stoizisnius in eine drollig-kindliche Epikuräerlogik umschlagen. Da man jeden Augenblick sterben kann, so mntz man, schloß er, jeden ohne Sorge um die Zukunft nach Möglichkeit auS- kosten. Aus Grund dieser neuen Erkenntnis schwänzte er dann ein paar Tage lang die Schule und ergötzte sich in seinem Bett an einem Roman und einem Haufen mit dem letzten Taschengeld zusammen- gekaufter Lebkuchen. Am merkwürdigsten aber erscheint es, datz der Zweifel an der sinnlichen Realität der Dinge, der sonst nur in der eigentlichen philosophischen Spekulation sein Wesen treibt, den Halb- wiichsigen bis zur Grenze des Wahnsinns peinigte:„Es gab Augen- blicke, wo das Absurde dieser fixen Idee einen solchen Grad in mir erreichte, datz ich mich oftmals rasch umdrehte, in der Hoffnung, dort wo ich nicht war, da-Z Nichts zu überraschen." Tolstoi war zwölf Jahre, als die Familie 1836 das Stammgut JaSnaja Poljana, das später bei der Erbteilung ihm zufiel und durch ihn eine Art Berühmtheit erlangt hat, verließ, um nach Moskau zu ziehen. Dort sah er zum erstenmal mit vollem Bewutztscin den Tod, den er als Dichter so oft und so meisterhaft in den verschiedensten Formen schildern sollte. Ein Schlaganfall entriß ihm den Bater. Reiche Ver- wandte in Kasan nahmen den verwaisten Knaben ins Haus. Das Milieu, in das Tolstoi so verpflanzt wurde, wie daS, in dem � er sich während feiner Univcrsitätsjahre bew.'gte, war gründlich korrumpiert und wirkte korrumpierend auf ihn selbst zurück. Immer wurden von ihm gute Vorsätze gegen das, was er seine drei Kardinal« fehler nennt, gegen die Eitelkeit, die Sinnlichkeit, die Spielwut ge- faßt und immer wieder gebrochen. Zeitweise scheint ihn sogar ein lächerlicher Aristokratendünkcl gefaßt zu habeir. Mit solchem Groll denkt er an diese und die anschließenden Abschnitte seines Lebens zurück, datz er auch in dem unbestimmten Streben nach„Vollkommenheit". das ihn damals in besseren Stunden beseelte, schließlich, obwohl viele der Tagebuchblätter aufs deutlichste dagegen sprechen, nur einen Reflex der Eitelkeit und des Hochmutes sehen will.„Ich wünschte wohl besser zu sein... doch in den Augen der übrigen Menschen, und dies Gefühl führte bald zu einem anderen,— dem Wunsche, mehr Macht zu besitzen als andere, mir einen größeren Anteil an Ruhm, sozialer Stellung und Reichtum zu sichern.* So etwa wie den Kirchenvätern die Tugenden der unoekehrten Heiden auch bloß als glänzende Laster galten! Nur die Zeit, die er nach Abschluß der Studien in der grandiosen Gebirgslandschaft des Kaukasus unter einfachen Naturmenschen verlebte, die Zeit, deren nachgeborene reifste Frucht die prachtvolle Novelle„Kosaken* ist, erscheint dem Greise in einem milderen der- söhnlichen Lichte. Rousseau, der mächtige Ankläger der Laster der Zivilisation, der Verkünder eines neuen Erziehungsideals und Ver- fasser der„Konfessionen*, hat nach den verschiedensten Richtungen hin einen tiefgreifenden Einfluß auf Tolstoi ausgeübt; aber am stärksten klingen die Rousseaus Art verwandten Töne des Empfindungslebens in den Stimmungsbildern und Briefen vom Kaukasus an. Die Erzählung«Kosaken*, so sehr sie sich in der Charakterisierung von jeder rosafarbenen Idealisierung fernhält, ist durch und durch erfüllt von einem sehnsüchtigen, freilich der Unmöglichkeit sich klar bewußten Verlangen nach einer Rückkehr zur Natur. Er fühlt sich glücklich in dieser Existenz, in der Abenteuer und kriegerische Ge- fahren mit idyllischer Ruhe wechseln, und die majestätische Erhabenheit der Berge stimmt ihn zur Andacht. Hoffnung und Vertrauen, ein jugendlich schwärmender Glücks- und Tugendenthusiasmus,- der sich in den Briefen an die geliebte Tante bis zu tränenreicher Rousseauscher Empfindsamkeit steigert, drängen das alte lastende Gefühl der Zwecklosigkeit, den Hang zu Exzessen und das graue Zlend der Reue zurück. Hier entstand auch jene später bis zum „Jünglingsalter* fortgeführte Skizze„Kindheit*, seine erste schrist« stellerische Arbeit, die in dem damals bedeutendsten literarischen Journal, in Nekrassows„Zeitgenossen* abgedruckt, sofort die Auf- merlsamkcit weitester Kreise erregte. Nach Monaten der Ungebundcnheit trat er bei den russischen Truppen, die im Kaukasus den Kleinkrieg gegen die Bergvölker führten, in Dienst, wurde bei Beginn des Krimkrieges im'Frühling 1854 zur Donauarmee und dann zu der Sewastopol gegen den Ansturm der Franzosen verteidigenden Streitniacht kommandiert. Noch während des Feldzuges erschienen, freilich arg von der Zensur verstümmelt, seine berühmten Er- Zählungen ans der Belagerung von Sewastopol— Bilder, die in der kaltblütigen anschaulichen Genauigkeit, mit der sie einzelne herausgegriffene Momente des furchbaren Ringens wiedergeben, stärker wirken, als e-Z irgend welche pathetisch schildernde Beredsamkeit vermöchte. Von einer gegen die verbrecherische russische Regierung, die Urheberin der Masscnschlächtereien sich wendenden Tendenz ist in der Darstellung noch nichis zu spüren, wie denn überhaupt eine politisch oppositionelle Richtung in keinem der in diesem Bande mit- geteilten Tolstoi-Dokumente hervortritt. In seinen Briefen aus der Krimzeit dominiert die enthusiastische Bewunderung für den Todes- mut der russischen Soldaten, und während er in seinem Tagebuch von einer„großen erstaunlichen Idee*, von der„Gründung einer neuen", die Lehre Jesu vom Dogma und Mystizismus reinigenden „praktischen Religion* schwärmt,„die nicht künftiges Glück ver- heißt, sondern Glück auf Erden schenkt*, nimmt er gleichzeitig auch wie! er ganz naiv„Gottes Willen" für das erhoffte Schlachtenglück der Russen in Anspruch. Schon vor Beendigung des Krieges als Kurier nach Petersburg gesandt, schloß er sich dort dem Kreise jüngerer Schriftsteller an, der sich um den bereits genannten„Zeitgenossen*, das Organ der sog.„Anhänger des Westens* gruppierte. Das Journal war die ge- meinsame Tribüne für die Schar d�r neuen in der zweiten Hälfte der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre auftretenden Talente, für die Herzen, Turgenjew, Gontscharow, Dostojewski,.Tscherni- schewski, um nur die bekanntesten Namen zu nennen; Kritiker wie Bjelinski und Dolbrojubow wirkten an der Zeitschrift mit. Es ist schade, daß man durch Burikow so wenig genaues über die Stellung erfährt, die Tolstoi zu den vom„Zeitgenossen* pro- pagicrtcn liberalen Ideen einnahm; speziell auch darüber, ob dem scharfen persönlichen Gegensatze zwischen Turgenicw und Tolstoi, der durch Tolstois Schuld zu den unerquicklichsten Reibereien führte — es kam so weit, daß der spätere Friedensapostel Turgenicw eine Duellforderung zusandte!— ein prinzipieller Gegensatz der Anschauungen zugrunde lag. Nach einigen Aeußerungen Tur- geniews der ein überzeugter„Anhänger des Westens" war und bei der enthusiastischen Anerkennung, die er dem künstlerischen Genie Tolstois immer bezeugt hat, ganz gewiß nicht mit böswilliger Vor- eingcnommenhcit dem Menschen Tolstoi gegenüber getreten ist, scheint es, als habe sich dieser in seinem Widerspruchsgeist damals als eine Art von junkerlich reaktionärem Slawophilen aufgespielt. Später trat eine Versöhnung ein, und von seinem Sterbe- lagcr aus hat Turgenicw in einem rührenden Schreiben den jüngc- ren Freund beschworen, zu dem, wofür ihn die Natur bestimmt habe, zur Poesie zurückzukehren, ihn als„den großen Dichter des Russenlandcs" apostrophiert.— Hebet Charakter und Geist der da- mals führenden literarischen Kreise, deren Mitglieder zum erheb- lichen Teil der reichen Aristokratie angehörten, hat Tolstoi nachJahre» sehr bitter geurteilt. Man habe sich da an der Vorstellung eines allgemeinen„Fortschrittes", deren treibende Kräfte die Denker und vor allem die Dichter seien, berauscht. Aber weder er noch die anderen, in lockerem und verschwenderischem Leben mit einander wetteifernd, hätten gewußt, was sie denn eigentlich lehren wollten. Die meisten, die in dieser Richtung schwammen, seien„wertlose und unbedeutende Individuen* gewesen,„tief unter dem mors» tischen Niveau der Menschen", mit denen er während seines aus- schweifenden Lebens und seiner militärischen Laufbahn verkehrt habe, und dennoch begabt mit ungeheurem Selbstbewußtsein. Eine Reise nach der Schweiz ließ etwas von den Kaukasus- stimmungcn neu in ihm auferstehen. Die Novelle„Luzern* und die „Drei Tode* stellen kontrastierend Zerrbilder einer verweichlichten, herz- und gedankenlosen Zivilisation der stillen Größe der Natur und dem Werte schlichter, der Natur noch nicht entfremdeter Menschenseelen gegenüber. Seine Wünsche, den Bauern auf Jas- naja Poljana menschlich näher zu treten, ihnen zu helfen, er- hielten in der Skizze„Der Morgen eines Gutsherrn* ihren ersten literarischen Ausdruck. In dem Jahre 1860, da in Rußland endlich die Vor» bereitungcn zur Aufhebung der Leibeigenschaft getroffen wurden, besucht Tolstoi die westlichen Länder, um sich über die verschiedenen Systeme des Volksschulunterrichtes dort zu orientieren. Er plant eine eigene Schulgründung auf seinem Gute. Doch keine der be- stehenden Einrichtungen findet seinen Beifall. Zurückgekehrt geht er ans Werk und übernimmt zugleich das Amt eines Friedens- richters, aus dem ihn aber der Haß der Grundbesitzer wegen seiner volksfreundlichen Schiedssprüche bald wieder verdrängt. Seinen pädagogischen Reformideen haftet wie allen seinen übrigen ein Zug ins Phantastische an; er möchte den Schülern wie den Eltern gegenüber jede Art von Zwang ausschließen und polemisiert aus diesem Grunde in merkwürdiger Verblendung gegen das Prinzip der obligatorischen Volksschule, wenigstens was Rußland anbelangt. Aber in der Praxis scheint, dank dem Zauber, den seine Persönlichkeit auf die Kinder ausübte, und. der verständnisvollen Art, wie ihn jüngere Lehrkräfte unterstützten, sein Unternehmen überaus fruchtbar und anregend gewirkt zu haben. In den Schilderungen, die er in jenen ersten Versuchen entwirft, spiegelt sich seine Begeisterung, die reinste Freude an der kindlichen Natur wieder. Wundervoll ist die Erzählung, wie er in einer Aufsatz- stunde die mitschaffcnde poetische Phantasie der Kinder durch den Anfang eines Märchens loeckte und mit welchem Eifer, welchem Gefühl für das volksmätzig Charakteristische dann die urwüchsig frische Einbildungskraft der Kleinen weiter arbeitete. Der Lehrende wird zum Bewunderer.—„Nur zwei- oder dreimal in meinem Leben", resümiert er seinen Eindruck,„habe ich so starke Erschütterungen empfunden, wie an jenem Abende, und ich war lange Zeit hindurch unfähig, mir selbst Rechenschaft darüber ab» zulegen. Ich empfand, daß ich wie durch eine Glasglocke der Arbeit der Bienen, die dem Blicke der Sterblichen verborgen ist, zugeschaut... und war so glücklich, wie ein Mensch glücklich sein muß, der das erblickt, was vor ihm noch keiner sah." Charakte- ristisch ist es, daß die Schule von den erbosten Standesgcnossen des Gründers alsbald als Hort revolutionärer Umtriebe denun» ziert wurde und daß die Regierung sich beeilte, dem Wink mit einer brutalen, natürlich resultatlos verlaufenden Haussuchung nach». zukommen. Doch Tolstoi fand auch bei diesem Werke auf die Dauer nicht Be» friedigung. Die alte Unrast ergriff ihn von neuem und quälte ihn mit dem Gedanken, daß er lehre und doch im Grunde nicht wisse, was und wie er lehren solle!„Es kam so weit, daß ich er- krankte, mehr an geistigem denn an körperlichem Leiden. Ich gab alles auf, fuhr in die Steppen, um frische Luft zu atmen, Stuten- milch zu trinken und ein rein animalisches Leben zu führen. Kurz nach meiner Rückkehr verheiratete ich mich", berichtet er lakonisch in den„Bekenntnissen*. Das Mädchen, um das er warb, war die Tochter eines Moskauer Arztes deutscher Herkunft. Tolstoi hielt eS für feine Pflicht, der Verlobten feine Tagebücher mit der Beichte all seiner schweren Verfehlungen zu übergeben. Sie sollte frei entscheiden, ob sie ihn noch lieben könne, nachdem sie ihn, wie er in Wahrheit war, gesehen. Der Schlag traf sie schwer, doch das Vertrauen in den Geliebten siegte. An der Schwelle dieser glücklichen Ehe bricht der erste Band der Burikowschen Sammlung ab. Der folgende soll von der ersten Hälfte der Ehezeit, der Periode bürgerlich moralischer Korrekt heit und doch im Grunde rein egoistischer Familiensorgen, wie Tolstoi sie nennt, der dritte soll von dem Lebensabend, Tolstoisch gesprochen: von der Zeit„der Auferstehung*, handeln.— Conrad Schmidt. Kleines feuUleton* gc. Indianer als Botaniker. Nach Walther Hough„The Amcri- can Anthropologist" ist jeder Mokiindianer ein Botaniker. Nicht ein Botaniker im wissenschaftlichen Sinne, sondern mehr ein Praktiker, der den Pflanzen, die ihm bekannt waren, beschreibende Namen ge- geben hat, lange bevor Linne ihnen lateinische Namen zuteilte. ES gibt fast keine Pflanze seiner Umgebung, die er nicht zu etwas benutzte und der er nicht einen Namen gegeben hätte. Ein Teil der Kindercrziehung besteht darin, sie mit dem Gebrauch der einzelnen Pflanzen bekannt zu machen, und zwar beginnt der Unterricht schon sehr früh. Selbst kleine Kinder können gewöhnlich den Namen der Pflanzen angeben. Der Gebrauch von Pflanzen zur Nahrung, Feue- rung, zum Hausbau, zur 5torbflechterei und anderen praktischen Zwecken ist aber für den Moki von nicht so großer Wichtigkeit wie der für medizinische und religiöse Zwecke. Der Besitz einer seltenen Medizinischen Pflanze bringt dem Eigentümer sicheren Gewinn, namentlich wenn er ihren Standort nur allein kennt. Sehr weite Reisen werden gemacht, um in Ansehen stehende Kräuter oder andere nützliche vegetabilische Stoffe zu erlangen. So wird-z. B. wegen der Rinde von Betula occidentalis, aus der ein roter Farbstoff hergestellt wird, eine Reise von über 100 Kilometer unternommen. Während nun zwar jedermann die Namen der Pflanzen kennt, sind nur wenige in die Geheimnisse der medizinischen Eigenschaften eingeweiht. Die Eingeweihten nehmen ungefähr dieselbe Stellung ein wie die„Medizinmänner" anderer Stämme. Die Wokis kennen eine theoretische und praktische Medizin; während die erstcre keinen An- spruch auf Wert hat, kann die praktische Medizin, auf Versuchen und langer Erfahrung beruhend, gute Erfolge verzeichnen.— th. Die Entstehung des Petroleums. Es ist noch gar nicht so lange her. da herrschte in weiten Kreisen der Fachgelehrten fast allgemein der Glauben, daß die reichen Schätze an Petroleum, welche sich an vielen Stellen in dem Schöße der Mutter Erde nachweisen lassen, rein anorganischer Herkunft wären. Und zwar sollten sie aus einer direkten Verbindung von Kohlenstoff, der sich bekanntlich nicht nur in der Luft, sondern auch im Boden in der Form von Kohlensäure findet, mit Wasserstoff hervorgehen. Heutzutage ist diese alte Anschauung längst fallen gelassen und es gibt wohl keinen bedeutenderen Forscher, der nicht überzeugt wäre, daß das Pctro- leum durch die Zersetzung organischer Substanzen entstanden wäre. Hier bildete sich aber wieder eine Meinungsverschiedenheit. Während die einen das Erdöl von tierischen Organismen herleiteten, glaubten andere die Pflanzenwelt dafür verantwortlich machen zu müssen. Die erste Aufmerksamkeit auf den tierischen Ursprung des Pctro- lcums wurde durch einige Befunde in Nordamerika gelenkt. Hier entdeckte man nämlich Schalen verschiedener versteinerter Muscheln -und Schnecken, in deren Innern sich Petroleum nachweisen ließ, dessen Herkunft man infolgedessen auf die ursprünglichen tierischen Wewohner der Schalen zurückführen zu können glaubte. Diese Vcr- mutung von dem tierischen Ursprünge des Erdöls fand bald eine willkommene Bestätigung, als es dem bekannten Chemiker Professor Engler gelungen war, kunstlich aus verschiedenen Tierfetten Petro- leum herzustellen. Infolge dieses Befundes fand diese Anschauung schnell allgemeine Anerkennung, bis dann von einigen anderen Forschern auf Grund von Untersuchungen die pflanzliche Herkunft des Petroleums behauptet wurde. Eine große Schwierigkeit für das Verständnis bestand darin, daß man in den Petroleum cnt- haltenden, sogenannten bituminösen Gesteinen, die sich in fast allen geologischen Schichten als bituminöse Schiefer, Stinkkalke. Oel- schiefer, Brandschiefer usw. sinden, in der Regel keinerlei bedeutende Anhäufungen von größeren pflanzlichen oder tierischen Fossilien nachweisen konnte, welche die Entstehung eines so reichen Petroleum- gehaltes rechtfertigten. Infolgedessen gelangte man zu der An- nähme, daß diese Gesteine erst nachträglich mit dem Petroleum durchtränkt seien, dessen Entstehungsherd an einer ganz anderen Stelle zu suchen wäre. Es ließ sich aber nicht verkennen, daß diese Auffassung ctwaS sehr gezwungenes hatte und nur als Notbehelf diente, da man anders überhaupt keine vernünftige Erklärung wußte. Erst neuere Untersuchungen von Professor Potonie sollten Klarheit in diese Frage bringen. In unseren Binnenseen sindet man häufig den Boden mit einem eigentümlichen, dunklen, schlei- migen-schlämm bedeckt, der beim Heraufholen merkwürdigerweise fast geruchlos ist. Untersucht man Proben dieser schleimigen Masse unter dem Mikroskop, so zeigt sich, daß er zum größten Teile aus den Ucberresten winziger Wasserpflanzen und Tiere besteht. Haupt- sächlich sind es verschiedene einzellige Algenarten, Teile von Wasser- rosen, daneben aber auch Eier einiger Insekten und Ueberreste kleiner Krebstiere, welche seine Bestandteile bilden. Obwohl diese OrganiSmcnreste schon Jahre auf dem Grunde gelegen haben mögen, sind sie doch zum größeren Teile vortrefflich erhalten und noch vollständig in ihrer Form zu erkennen. Man bezeichnet diesen Schlamm als„Faulschlamm", und so lange Zeit auch vorher die Gelehrten achtlos an ihin vorübergegangen sind, spricht man ihm jetzt eine sehr wichtige Bedeutung zu und glaubt in ihm eine Vor- stufe der bituminösen Gesteine vor sich zu haben. Wenn diese An- nähme auf Wahrheit beruht, und alle Anzeichen scheinen dafür zu sprechen, so erklärt es sich jetzt ganz zwanglos, wie es kommt, daß trotz des Fehlens großer Fossilien diese Gesteine einen so hohen Bitumengehalt haben können. Das Petroleum ist eben aus der Zersetzung dieser winzigen Organismen hervorgegangen, deren Reste sich bei ihrer mikroskopischen Kleinheit natürlich nicht oder nur vereinzelt in dem Gesteine nachweisen lassen.— In wie erheblicher Menge dieser Faulschlamm auch heute noch entsteht, das zeigen einige Seen Ostpreußens und der Mark Brandenburg, die fast vollständig von solchem Schlamme erfüllt sind. Ja, an manchen Stellen hat man eine Mächtigkeit der Schlammschicht von fünfzehn Metern nachgewiesen. Wer vermag sich vorzustellen, wie viele Milliarden Lebewesen entstehen und zugrunde gehen mußten, um solche Massen zu erzeugen!— Bisweilen ist dieser Faulschlamm von verschiedenen mineralischen Bestandteilen, Kalk oder Ton usw. durch- setzt; an anderen Stellen jedoch ist er fast rein organischer Natur. Läßt man eine Portion solch reinen Schlammes trocknen, so erhärtet er bald zu einem festen Stein, der sich nicht zerbröckeln, ja selbst mit dem Hammer nur schwer in Stücke schlagen läßt. Es würde dann wohl niemand mehr in diesem steinharten Schlammstein den klebe eigen weichen Faulschlamm vermuten. Die Ursache dieser raschen Erhärtung liegt offenbar in der großen Masse gallertartiger Bestandteile, die aus dem Zerfall der Lebewesen herrühren. Es galt nun noch die Frage zu lösen, ob nur die tierischen Bestandteile des Faulschlammes als Petroleumbildner in Anspruch zu nehmen sind, oder ob auch die pflanzlichen Reste dabei eine Rolle spielen. Auch hierauf können wir jetzt eine Antwort geben. Es gelang nämlich Professor Potonie eine große Menge einer der im Faul- schlämme häufigsten Algenartcn, blicrocz-stis flosaquae, zu sammeln, und wieder ist es Professor Engler, welchem es glückte, aus diesen Algenmasscn künstlich im Laboratorium Petroleum zu gewinnen. Damit ist einwandfrei nachgewiesen, daß beide Parteien recht und unrecht hatten, daß sowohl Pflanzen wie auch Tiere als. Petroleumbildner in Betracht kommen können.— ie. Die Terpentin-Industrie. Das Terpentin, das eine so viel- seifige Verwendung findet, wird in fast allen Erdteilen gewonnen. Die Industrie, die sich mit seiner Herstellung beschäftigt, ist in Europa von hohem Alter und über alle Länder, wenigstens in der nördlichen und mittleren Zone, verbreitet. Auch Nordamerika hat seine Nadelhölzer, soweit sie dazu geeignet sind, zur Gewinnung von Terpentin in Benutzung genommen. Man unterscheidet daher neben den beiden Hauptsorten des gewöhnlichen und des venezianischen Terpentin noch den kanadischen. Auch in Asien fehlt oie Terpentin» Industrie- nicht, ist aber erst verhältnismäßig wenige Jahre alt. Zuerst ist Indien mit der Verwertung der Nadelwälder voran- gegangen, die sich an den südlichen Hängen des Himalaya in groß- artiger Ausdehnung vorfinden. Im Bereich der Landschaft Kumaon ist zunächst ein Forstbezirk für die Terpentingcwinnung vor- gezeichnet woorden, wo im vorigen Jahre etwa 62 000 Bäume angepflanzt und daraus etwa 400 000 Pfund rohes Harz geerntet wurden. Diese Menge ergab etwa 25 000 Liter Terpentin, dazu noch ungefähr 300 000 Pfund Kolophonium. Die Unkosten beliefcn sich dabei auf 28 000 Mark, der Erlös auf ungefähr 60 000 Mark. Auf die Entwickelung dieses neuen Gcwcrbszweiges wird, wie der «Tropenpflanzer" berichtet, in Indien große Hoffnung gesetzt.— Humoristisches. LändlicheNamengebung. Ende der fünfziger Jahre kam zu dem GeistluHcn meines Hcimatsortes— so erzählt der„Tägl. Rundschau" ein Leser.— ein Tagelöhner, um die Geburt seines ersten Sohnes anzuzeigen.„Nun. mein lieber W.," sprach ihn dex freundliche Pfarrhcrr an,„wie wollen Sic denn nun Ihren Jungen nennen?"„He füll Friedrich Wilhelm heeten",(er soll F. W. heißen). antwortete der patriotisch gesinnte Vater, und so wurde er im Kirchenbuchc vermerkt. Nach Jahresfrist fand sich W. wieder im Pfarrhause ein, um mit freudigem Stolze die Geburt eines zweiten Sohnes anzumelden.„Na, lieber W., wie soll denn nun dieser Junge heißen?"„Herr Pastor, he füll Friedrich Wilhelm heeten." „Aber, lieber W., das geht doch nicht, so heißt doch schon ihr erster Sehn."„Ja, Herr Pastor, kiekenA den irstcn, den ropen wie Fritz, un bissen wulln wi Willem ropen."(Ja, Herr Pastor. sehn Sie, den ersten rufen wir F.. und diesen wollen wir W. rufen.) Wenn auch mit einigem Kopfschütteln, so trug der Geistliche auch diesmal wieder den schönen Doppelnamen in das Buch ein. Nach mehreren Jahren, nachdem die Geburt einiger Mädchen die Reihe der Knaben unterbrochen hatte, erschien Freund W. wieder mit der Mel- dung, daß der Adebar ihm noch einmal einen Knaben in die Wiege gelegt habe. Und wieder erhielt der Geistliche zu seinem gelinden Entsetzen auf seine Frage die stereotype Antwort:„He füll Friedrich Wilhelm heeten."„Aber W., das ist doch ganz unmöglich, Ihr könnt doch Eueren Söhnen nicht allen denselben Namen geben I"„N e. Harr Paster, bissen willn wi Krischan ropen."— Notizen. — Maeterlinck ist Ritter der französischen Ehrenlegion geworden.— — Eine Scheffel-Ausstellung wurde in Säckingen eröffnet.— — Das Lessingtheater plant für die nächste Spielzeit u. a. die Aufführung von Robert Eulenbergs Schauspiel: „Blaubart",„Das B l u m e n b o o t" von Sudermann und„Der himmlische König" von Fulda.— —„Der Hausfreund", ein Lustspiel von Caillavet und de Flers, wurde vom Trianon-Theater zur Auf- führung erworben.— —„Unser Theodor", eine dreiakfige Operette von Josef M a n a s, hat Prasch für das Theater des Westens ange- nommen.— —„Doktor der Bodenkultur". Dieser Titel soll in Zukunft an der österreichischen Hochschule für Bodenkultur verliehen werden.— t. Der größte Stahlbarren, der jemals hergestellt worden ist, wurde unlängst in Manchester fabriziert. Er hatte ein Gewicht von 2400 Zentnern und wurde nach dem System der flüssigen Konipression gegossen. Dabei wurden die 120 Tonnen ge- 'cbmolzenen Stahls einem Druck von 12 000 Tonnen unterworfen. Oer Erfolg dieses Verfahren? besteht darin, daß auch eine so un- geheuere Masse von grscbinolzenem Metall vollkommen einheitlich erstarrt und in allen Teilen bei der Prüfung einen gesunden und vollen Klang gibt.— Kerantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer L-Co., Berlin L W.