Anterhaltungsvlatt des Horivärts M. 141. Mittwoch, den 25. Juli. 1906 (Nnchdmck verboten.) 111 Kinder der Gaffe» Roman von Charlotte K n o e ck e l. Aber die Luis zögerte, sie wußte, daß der Vater bald heimkommen mußte. Und sie stand noch an des Weibes Bett, als der Mann in die vordere Stube trat. Tin schadenfrohes Lächeln ging über ihr Gesicht. „Der Vater is da, jetzt is es zu spät." sagte sie. Die Marie reckte die Hand aus:„Das hast nure gewollt. Du — Du...!" Ihre Stimme zitterte. Die Luis aber schlich sich zur Kammer hinaus. In der Stube stand der Vater vor der weinenden Emma. „Was haste denn?" fragte er. „Nix!" sagte sie und schluchzte. „Du heulst doch!" Er hob des Kindes Köpfchen zu sich auf.„Hat Dich der Christian gehauen?" und er wandte sich um.„Christian!" rief er. „Ja, Vater!" sagte der Knabe, der ihm leise in die Stube gefolgt war.„ «Hast se gehauen?" Der Christian verneinte. „Die Mutter denn? Oder de«- Franz oder--?"• „Nein, nein!" Die Emma schüttelte heftig den Kopf. Ungeduldig trat der Mann an den Tisch. „Wenn Der nix is, dann laß auch es heule!" sagte er, und dabei fiel sein Blick auf das Papier, das der Polizist zurückgelassen hatte. „Was is denn das?" „En Gendarm war da, der hat's gebracht!" sagte der Christian,„und darum weint es Emma auch!" Der Mann entfaltete das Blatt. Er trat ans Fenster und las mit gerunzelten Brauen. „Da haben mer's ja wieder!" Er warf den Zettel auf den Boden und lachte hart. „Das is en Wirtschaft jetzt! Und's wird jeden Tag besser! Da krieg ich schon Geldstraf, weil ich mein Kinner nit in der Schul schick! Hahaha!" Er ballte die Fäuste. Der Christian bückte sich und hob den Zettel vom Boden auf. „Vater!" sagte die Luis,„De sollst emal zur Mutter komme!"» „Sag er, fe sollt aufstehn und ihr Arbeit schaffe!" „Chrischan, Chrischan!" rief die Frau aus der Kammer herüber. Der Mann aber trat keinen Schritt vom Fleck, seine Brust arbeitete und seine Nasenflügel bebten. „Geldstraf, weil ich mein Kinner nit in de Schul schick, ich! Hahaha!" „Chrischan, Chrischan!" Die Frau rief unter Tränen. „Halt's Maul!" suhr der Mann auf, seine Stimme dröhnte. Tie Emma zuckte zusammen bei dem Klang. Eine Weile herrschte Totenstille. .Und plötzlich erschien die Marie unter der Tür und schlich sich zu dem Mann heran. „Chrischan I" flehte sie und faßte ihn am Aermel. „Ich mag nix höre!" sagte der und stieß sie von sich.„Daß De Entschuldigunge genug hast kann ich mer denke, brauchst se nit erst hcrzebete!" Er hatte das Gesicht von ihr abgewandl. ..Chrischan I" sagte sie noch einmal. Da schaute er sie fest und hart an.«Was Hab ich, seit daß Du hier bist?" fragte er. Und da sie zusammenzuckte und den Kopf neigte, brauste er auf.„En liederlichen Haushalt Hab ich, und die Kinner werden geplagt und kriegen nix rechts zu esse und... und --" Er rang nach Worten, seine Stimme zitterte. „Und daß De des arm Mädclche nit mal in de Schul gehn laßt. Du faules Fraumcnsch!" Er ballte die Faust. Die Marie taumelte rückwärts. Er achtete es nicht. S»iche Hand tastete nach der Luis. Er zog sie an sich heran. „Mein Kinner," wandte er sich wieder an die Frau, „meinem Luis sein Kinner, die sollst Du mer nit quäle wie die Hund! Und die sollen in die Schul gehn, wie's Ord- nung is!"» Er faßte die Luis fester und schaute zu ihr herab.„Du gehst mer von morge ab jeden Tag in die Schul! Das sag ich der, vor dere, vor.,. vor Deiner Mutter, und wenn se Dich dabehalte will. Du folgst er nit und sagsts mir! Und schaffen! Ihrem Kind die Windeln wasche, das soll sie selber besorge...!" Er schaute das Mädchen lang und traurig an. Wie das aussieht! dachte er, so schwarz um die Auge und eso blaß und mager! Nit viel annerst hat es Luis ausgesehn, wie es ge- storbe is! Ein Grauen kroch dem Mann über den Rücken hinab. Wenn—— wenn--? Er wagte den Gedanken nicht auszudenken, und dann wäre nur die daran schuld, die Marie, die liederlich! Dem Mann flimmerte es vor den Augen.« „Wenn de mein Kinner zugrund richtst!" schrie er Plötz- lich noch einmal wild auf und trat dicht vor die Marie hin« Die zog die Schultern hoch.„Wenn ich nit so elend wär, so arg elend," heulte sie. „Ach geh mer e weg!" sagte der Mann.- Da drängte die Frau sich an ihn heran. Cr stieß sie fort.„Mein Kinner zulieb Hab ich geheiratet, und jetzt—?"- Seine Stimme versagte. Ein Schluchzen stieg aus seiner Kehle auf. Verlegen standen die Kinder umher, die Emma weinte, die anderen verfolgten den Vorgang mit großen, trockenen Augen. Der Mann aber ließ sich in einen Stuhl fallen und legte den Kopf in die Hände. Warum muß mir auch alles schief gehn? dachte er. Grad mir? Wenn ich die Kamps nehm, was haben die en ordentlich Lebe! En saubere Haushalt, und dabei besorgt die Frau doch noch ihr Feld, des groß Stück Land! Und was ihm das einbringt, und wenn er es abends heimkommt, da is was grdentlichs gekocht und er hat sein Gemütlichkeit! Müting seufzte und hob den Kopf. Da schlich sich die Luis zu ihm heran.„Wollen er was esse, Vater?" fragte sie. „Was hast denn?" ,„Kartoffel und Kaffee!" „Nix annerscht?" „Nee!" Erstaunt sah die Luis den Vater an, das gab's. doch jeden Abend, wie kam der Vater nur auf die Frage.- Sie ahnte nicht, daß bei ihren Worten dem Mann die Erinnerung an die Zeit durch den Kopf geflogen war, wo seine erste Frau ihm des Abends gar häufig einen Leckerbissen bereitet hatte. Kartoffelküchle oder Pfannkuchen und Salat, dann und wann hatte sie ihm auch Kartoffelsalat gemacht und hatte einen Schoppen Bier dazu geholt. Kartoffelsalat und Bier! Wie war nur mit einemmal die Lust danach in ihm erregt worden? Bier! Bier! Seine Kehle dünkte ihn ausgetrocknet. Er spürte einen heißen Durst, Bier! Bier! Er trank sehr selten und sehr mäßig. � Aber heute, heute hatte es ihn gepackt. Ha, jetzt einen Krug Bier runterstürzen l Einen? Nein! Zwei, drei, vier hintereinander. Immer einen Krug nach dem anderen, ganz rasch hinunter, das'würde alles wegspülen, alles was hart und trocken in seiner Kehle saß. Oder Schnaps? Ja der. der brannte! Der brannte alles weg. Ja, und dann trinken, trinken, bis man nicht mehr denken konnte, nicht mehr denken brauchte! Der Mann saß reglos mit starren Augen. Er schluckte ein paarmal.— Wie trocken ihm die Kehle war. Und dann... dort hing der Hut! Die Jacke drunter! — Schon wollte er aufstehen, da durchfuhr's ihn. Betrinken? Du willst dich betrinken, Christian Müting? Du bist doch ein Mann, der auf sich hält! Ja, aber-- Seine Hände hingen schlaff..„ rv„ Bei so me Elend, wenn mer da nit—? Die Tranen, die-in seine Augen traten, hatte das Mitleid mit sich selber ihm erpreßt, UnL dann: Kartoffeln und Kaffee! Ein Ekel stieg in ihm auf. Wenn's was anderes zu essen gab, aber das Futter! Er stand auf, schwerfällig. Er taumelte einen Augenblick, als sei er trunken, dann griff er nach dem Hut und zog die Jacke an. „Ich muß noch fort!" sagte er zu den Kindern.„Essen Ihr und gehn ins Bett!" „Soll ich Der was aushebe?" fragte die Luis. „Nein!" Und der Mann war zur Tüx hinaus. Als sie mit hartem Laut ins Schloß fiel, schrie die Emma laut auf, „Was is Der denn?" fragte die Luis, eine unerklärliche Angst hatte auch sie gepackt. „Der Vater, der Vater.- Wo geht der Vater hin?" schluchzte das Kind. „Das geht uns doch nix an!" sagte der Christian. „Dawegen brauchst doch nit eso zu heule!" meinte der Franz und puffte die Emma. Im nächsten Augenblick stand der Christian vor ihm, seine Augen blitzten.„Wer heißt Dich's zu stoße?" „Willst Du mich kommandiere?" Sie hoben die Arme gegeneinander, Haß funkelte in ihren Augen. Wie Müting in jener Nacht nach Hause gekominen war, wußte er am anderen Morgen nicht mehr, als er mit schwerem Kopf aus dumpfem, traumlosem Schlaf erwachte. Sie werden wohl alle geschlafen haben, tröstete er sich. Und sie hatten auch alle geschlafen, bis auf die Emma. Die hatte in der Nacht wieder einen Asthmaanfall bekommen, und als der Vater schwankenden Schrittes in die Stube getreten war, hatte sie aufrecht im Bett gesessen. Er aber hatte sie nicht gesehen. Polternd hatte er seine Schuhe ausgezogen, hatte Jacke und Hut darüber geworfen und war ins Bett gekrochen, bald darauf hatte die Emma seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge vernommen. Er war betrunken! sagte sie sich, und das Entsetzen Packte sie. lgortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Oer VerclacKt. Von G u st a v Weber. Die Frühstückspause war zu Ende. Die Dachdeckergesellen schickten sich an, die Leiter wieder hinaufzusteigen und an ihre Arbeit zu gehen, als plötzlich vor dem Neubau ein Wagen anhielt. Karl Wenzel, der als letzter noch an seinen Sachen kramte, drehte den Kopf nach der Fensteröffnung:„Da sitzt ja der Olle oben; was will'n der schon wieder, er war doch gestern erst hier." Ein anderer, der noch auf den untersten Leitersprossen war, hielt inne und bückte sich, um ebenfalls durch die Fcnsterluke nach dem Wagen sehen zu können:„Da is ja sogar der Schandarm dabei! Na, da woll'n wir man machen, daß wir an die Arbeit kommen; der Mcester is schon vom Wagen runter." „Das hat er wieder fein eingerichtet. Pünktlich? Damit ja nicht etwa'n bißchen länger gefrühstückt wird!" sagte Wenzel. Der Meister mit seinem ungewöhnlichen Begleiter trat schon in die Tür.„Da! Das ist er! Bleiben Sie nur unten, Wenzel, der Herr Wachtmeister will Sie abholen!" „Mich abholen? Nanu, was is denn los? Sie machen wohl Spatz?" Wenzel war erschrocken an der Leiter stehen geblieben, während die anderen Gesellen eiligst h*lallsstapftcn. „Na, Sie werden schon wissen, was Sie auf dem Kerbholz haben!" sagte Meister Fcik. Der Gendarm strich seine wildlcdcrnen Handschuhe glatt, rückte am Helm und am Koppel, und kam über Bauschutt, Bretter- und Lattenstückcn auf Wenzel zu.„Sie sind verhaftet!" „Donnerwetter! Na, das Ding is gut!" „Machen Sic keine Bemerkungen, Mann! Hier ist ein schrift- licher Haftbefehl vom königlichen Amtsgericht! Nehmen Sie Ihre Sachen und kommen Sie auf den Wagen." „Ja was Hab' ich denn eigentlich verbrochen?" „Tun Sie nur nicht so!" mischte sich der Meister ein. Wenzel zuckte mit den Achseln. � Der Wagen hatte bereits umgelenkt. Neugierige aus den anliegenden Gehöften standen in Gruppen tuschelnd und flüsternd dabei. „Fahren Sie wieder mit, Meister?" frug der Gendarm, nach- dem er aus dem Hinteren Sitz neben dem Verhafteten Platz gc- nommcn hatte. „Nee, ich danke!" klang es unmutig zurück.„Es ist ja schönes Wetter, laufe lieber zurück!" Er ging in den Neubau. Das Gespann setzte sich in Bewegung. Di5 beiden Acker» Pferde gingen ihren gewohnten Schritt. Und so fuhren sie in aller Gemütsruhe ans dem Sommerweg der Chaussee, unter den laubigen, zum Teil noch blühenden Obstbäumen dem eine gute Stunde entfernten Städtchen zu. Es war wirklich ein schöner Tag. Der Meister hatte recht. Karl Wenzel, der sich von dem ersten Schrecken schnell wieder erholt hatte, nahm seine kurze Tabakspfeife aus der Tasche und brachte sie in Gang. Auch der Herr Wachtmeister war für den er- frischenden, belebenden Maientag, der auf dem jungen Grün der Saatfelder lag, nicht uncnipfänglich. Er zog die Handschuhe aus, lüftete den Helm und lehnte sich bequem gegen die Rückwand des Wagens. Aber in ein längeres Gespräch mit dem Arretierten ließ er sich nicht ein. Er konnte ihm nur nochmals sagen, daß er keine Ahnung habe, aus welchen Gründen die plötzliche Verhaftung stattgefunden habe. Wenzel tat ein paar kräftige Züge:„Hm, es könnte höchstens wegen'ner Militärsache sein. Mir ist auf der Walze mein Paß weggekommen; da Hab' ich mich seit Ende Dezember nirgends mehr gemeldet,'n neuer kostet fünf Groschen! Ich wollte das ja so wie so in nächster Zeit in Ordnung bringen." Ein Trupp Weiber, Bauerfraucn, mit Kiepen auf dem Rücken kamen ihnen von der Stadt her entgegen. Der Gendarm sah nach der Uhr:„Es ist zehn durch, die kommen schon vom Wochenmarkt." Das laute Erzählen und Lachen der Frauen verstummte, als sie näher kamen. Sie blieben vor Neugier stehen und starrten den Dachdcckergesellcn an, als ob er ein Prinz wäre. In dem kleinen, industrielosen Ackerstädtchen war es etwas Seltenes, daß der Gendarm mal einen hereinbrachte. Kein Wunder, daß sich auch in den Haustüren und Fenstern viele Neugierige zeigten, die mit fragenden Blicken dem Verhafteten folgten. Ter war trotz seines erst kurzen Aufenthaltes im Orte eine bekannte, gewissermaßen sogar eine berühmte Persönlichkeit. Wenzel hatte nämlich, kurz nachdem er bei Meister Feik angefangen, eine lebensgefährliche Reparaturarbeit hoch oben unter den Kreuz- blumen der Kirchturmspitze ausführen müssen. Weil er sich sofort zu dieser Arbeit, die keiner der alten Gesellen machen wollte, bereit erklärt hatte, war er beim Meister gut angeschrieben. Jung und alt, groß und klein hatte ihm, wie er dort oben in schwindelnder Höhe arbeitete, gespannt zugesehen. Jetzt mutzte Wenzel es sich gefallen lassen, daß ihm die Schulkinder über den freien, ziemlich großen Marktplatz bis zu der breiten, steinernen Treppe im Rathaus nachliefen. Als er an der Seite des Gendarmen die Treppe hinaufstieg, ergriff ihn ein unbehagliches, widerliches Gefühl. Na, wenigstens mußte er jetzt doch bald erfahren, was man eigentlich von ihm wollte. Der Gendarm ging nach Erledigung der notwendigen For» malitäten wieder seines Weges. Wenzel saß im Zimmer des Gerichtsdieners und wartete. Endlich klingelte es. Der alte Graubart in der dunkelblauen Amtstracht gab ihm einen Wink. Schweigend gingen sie den langen, schmalen Korridor entlang bis zum Zimmer des Amtsrichters. Der Gerichtsdiener öffnete; beide traten ein. Wenzel hatte seine Mütze abgenommen und trat vor den Schreibtisch des Richters. Der Amtsdiener blieb an der Tür. Seitwärts des Amtsrichters saß der Gerichtsschreiber, bereit. das Protokoll aufzunehmen. Der Richter, ein Mann im Anfang der Vierzig, musterte Wenzel scharf „Also, Sie sind der Dachdecker Friedrich Karl Wenzel, geboren zu Wintcrburg am 2. 12. 81," begann der Richter. „Jawohl!" Wenzel antwortete kurz. .„Sie haben bis zum Herbst vorigen Jahres beim 15. Pionier- Bataillon in Straßburg gedient?" „Jawohl, Herr Amtsrichter!" „Sind Sie im Besitze Ihres Militärpasscs?" Aha, also doch wegen des Passes! dachte Wenzel.„Den Hab' ich verloren!" sagte er dann laut.„Auf der Wanderschaft ist er mir abhanden gekommen. Ich wollte die Sache ohnehin in aller- nächster Zeit in Ordnung bringen, Herr Amtsrichter." Der Amtsrichter beachtete das gar nicht; er frug weiter, wo Wenzel nach seiner Entlassung vom Militär gearbeitet; ob er auf der Wanderschaft auch nach Schwarzhausen gekommen sei,- ob er dort gearbeitet habe, und schließlich, wo er in der Nacht vom 21. zuni 22. Dezember gewesen sei.« Wenzel beantwortete Vics alles so gut er konnte. Er fei, nachdem er in Schwarzhausen keinerlei Beschäftigung gefunden, immer die Elbe hinauf von Dorf zu Dorf gewandert und habe in den Dorfgasthöfen, meistenteils auf den Heuböden» übernachtet, weil es dort billiger sei als in den städtischen Herbergen. Wo er gerade am 21. Dezember gewesen, das wisse er nicht. Er wisse nicht einmal die Namen all der Dörfer, die er durchwandert habe. „So! Nun. dann werde ich es Ihnen sagen!" Der scharfe Blick des Richters ruhte auf Wenzel:„Sie haben in der Nacht vom 21. zum 22. Dezember in Schwarzhausen einen schweren Ein- bruchsdiebstahl in ein Geschäftskontor ausgeführt! Dabei haben Sie auch Ihren Paß verloren; der ist an der Einbruchsstelle gc- fundcn worden. Kurze Zeit danach haben Sie in einem Torfe bei Schwarzhauscn bei einem Bauern gearbeitet und sind einige Tage später, nachdem Sie auch den bestohlcn, bei Nacht und Nebel spurlos verschwunden. Sie werden deshalb steckbrieflich verfolgt; das Signalement stimmt bis auf die Haarfarbe ganz genau. Hier steht: Haar schwarz. Ihr Haar ist aber dunkelbraun. Vielleicht beruht das auf einem Irrtum." .Alles muß auf einem Irrtum beruhen, Herr AmtZrichter!" Wenzel war erregt, ein heftiges Zittern klang durch seine Stimme: „Ich bin kein Einbrecher! Aber ich kann mir denken, wie das alles zusammenhängt. Mein Paß ist schon vorher weggekommen, ehe ich nach Schwarzhausen kam. Ich vermute, daß er mir von einem Reisegefährten gestohlen wurde. Genau weiß ich's nicht. Ich kenne den Betreffenden auch nicht beim Namen, ich weiß nur, daß er Schlosser ist und aus Schlesien stammt. Aber der hatte pech- schwarzes Haar." „Kommen Sie uns nur nicht mit solchen Märchen; das glaubt Ihnen kein Mensch. Gewiß, der„große Unbekannte", der wird's wieder gewesen sein! Weisen Sie nach, wo Sie sich in der frag- lichen Nacht aufgehalten haben! Wenn Sie das nicht können— ," der Richter zuckte die Achseln.„Im übrigen will ich Ihnen nur sagen, daß Sie durch Leugnen die Sache nur verschlimmern. Wenn Sie es gewesen sind, dann gestehen Sie es lieber gleich. Heraus bekommen wir es doch!" „Herr Amtsrichter, ich kann nur noch einmal wiederholen: ich bin kein Einbrecherl" „Wir können uns jetzt auf weitere Untersuchungen nicht ein- lassen. Sie bleiben zur weiteren Verfügung der Staatsauwalt- schaft Schwarzhausen in Haft." Er winkte dem Amtsdiener: „Führen Sie ihn ab!" Mit gleichgültiger, geschäftsmäßiger Miene hatte der Gerichts- diener den kurzen Befehl ausgeführt und Wenzel in'eine Lelle gesperrt. Wie vom Donner gerührt stand dieser eine geraume Zeit in der Mitte des engen, dumpfen Raumes. Er war noch gar nicht fähig, den ganzen Sachverhalt richtig durchdenken zu können. Erst nach und nach kehrte seine Ruhe wieder. Also jener schwarze Hallunke hatte ihm den Paß gestohlen und dann den Einbruch in das Kontor verübt. Jetzt sollte er, Wenzel, nun beweisen, wo kr in der Einbruchsnacht gewesen sei? Der Steckbrief stimmte. Freilich: Mund gewöhnlich, Nase gewöhnlich, Kinn gewöhnlich, Haar schwarz, Augen dunkel. Das patzte auf den Amtsrichter noch besser als auf ihn. Es rüttelte jemand an der Tür. Der alte Wärter reichte ihm einen Napf voll Essen herein. Wenzel hockte sich auf den Holzblock und stippte mit dem Löffel in dem Napf herum. Ein paar Löffel voll aß er; bald hatte er genug. Wieder wanderte er hin und her. Stundenlang. Nur von dem einen Gedanken gequält: wie kann ich meine Unschuld be« weisen? So wurde es Abend. Als er sein Bett und sein Abendessen in die Zelle erhalten hatte, da überkam ihn eine bleierne, dumpfe Müdigkeit. Fröstelnd, verzagt fast legte er sich zu Bett; schlief auch bald ein. Die Dämmerung und Kühle des Abends füllte den engen, schmalen Raum; nach und nach wurde es ganz dunkel. In unruhigen, quälenden Träumen wälzte sich Wenzel bis Tagesanbruch auf dem Strohsack. Tann stand er auf. Das Reinigen der Zelle, das Waschen und Frühstücken brachten ihm kurze Zerstreuung. Tann saß er blaß und frierend auf dem Holz- block und zählte die Nägel in den Dielen, zählte die Löcher in den Wänden und die Risse in der Decke. Es war bereits neun Uhr durch, als die Tür aufgeschlossen wurde. Der Amtsdiener kam:„Kommen Sie raus! Zum Herrn Amtsrichterl" „Also Wenzel," empfing ihn der Richter,„die Staatsanwalt- schaft Schwarzhausen hat zurückdepeschiert: es sei möglich, daß Sie nicht der gesuchte Einbrecher sind. Nach den Angaben des Bauern, bei dem dieser zuletzt gearbeitet und auch gestohlen hat, muß der Betreffende mindestens dreißig Jahre alt sein. Demnach könnte man Ihnen die Geschichte von dein gestohlenen Paß wohl glauben. Der Bauer hat erklärt, daß er den Dieb auf das bestimmteste wieder zu erkennen vermag. Um nun einen unnötigen Transport zu vermeiden, werden wir von Schwarzhausen ersucht, eine Photo- graphie von Ihnen zu übersenden. Wir müssen natürlich die Photographie erst anfertigen lassen; dann wird sich's ja heraus- stellen, ob Sie mit dem Diebe identisch sind oder nicht. Es kann da, alles in allem, noch nc Woche darüber vergehen? So lange müssen Sie schon in Haft bleiben. Es geht nicht anders." Der Richter schloß mit einer bedauernden Handbcwegung. Aufmerksam hatte Wenzel zugehört:„Das ist der Schwarze gewesen. Ganz bestimmt! Der war so alt. Aber wenn's geht, ich Hab' noch'ne Photographie von mkr, als Soldat; die ist im vorigen Jahr gemacht. Vielleicht können Sie die gebrauchen? Dann dauert es doch nicht so lange." „Wir können Sie uns ja mal anfehen. Wo ist sie?" „In meinem„Berliner", ich meine in meinem Ränzel steckt sie, zwischen meinen Briefen. In meiner Schlafkammer." „So, nun dann werd' ich sie mir mal holen lassen.— Ihre Sachen bleiben dann vorläufig beim Meister Feik.— Hm, Sie können dann wieder gehen." Der Richter winkte dem Amtsdiener. Wenige Minuten später saß Wenzel wieder mit seinen Gedanken allein in der Zelle. Also auf den Bauern kam es nun an. Wenn der ihn jetzt für den schwarzen Gauner hielt, dann war alles vorbei. Dann war er ein Verbrecher. Er machte sich auf das Schlimmste gefaßt.-- Das Bild war abgeschickt. Langsam verstrichen die Stunden. Der Wärter brachte Wenzel in eine Nebenzelle; dort saß ein alter Fechtbruder und flocht Körbe. Der Alte zeigte sich als ein guter, gesprächiger Lehrmeister. Wenzel war Hink und aufmerksam bei der Arbeit. Er suchte Zerstreuung. So kam der Abend, dann die Nacht. Die Nacht mit unruhigen, schreckhaften Träumen und mit langen, wachen Stunden voll Sorgq und Pein. Ungeduldig ersehnte Wenzel den Tag. nur um wiedev arbeiten zu können. Und als der Morgen kam und die Arbeit begann, da saß er ohne aufzusehen und flocht fleißig an dem gestern angefangenen Korbe weiter. „Du hast's schon ganz gut weg!" lobte ihn schmunzelnd der Alte:„Du lernst leicht! Aber manche, das sind ungeschickte Deibels; schneiden sich in die Finger und lernen überhaupt nischt. O ich Hab' schon'nc Menge kennen gelernt! Wenn man bald an vierzig Jahr auf der Walze ist, dann kann man was erzählen!! O, ol" Der Alte erzählte weiter, bis die Mittagspause eintrat. Karl Wenzel aß nicht viel, aber der alte Speckjäger hatte ge- sunden Appetit; er sorgte dafür, daß beide Eßnäpfe leer wurden. Bald nach dem Essen arbeiteten sie weiter. Einige Stunden später kani der Aintsdiener:„Wenzel! Zum Herrn Amtsrichter!" Kurz, befehlend klang seine Aufforderung. Schweigend folgte ihm Wenzel zum Richter. Dieser bedeutete ihm freundlich, daß soeben eine Depesche von Schwarzhauscn eingc- lausen sei. Es sei nach dem gesandten Bilde festgestellt, daß er, Wenzel, mit dem gesuchten Verbrecher nicht identisch sein könne. Er werde demnach sofort aus der Haft entlassen. Das Bild sei natürlich noch nicht wieder zurück. Wenzel wurde heiß und rot und wieder bleich. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nichts Zusammenhängendes denken, noch viel weniger sprechen. Er war zu aufgeregt. Mechanisch unterschrieb er das Protokoll. Zehn Minuten später war er auf der Straße. Das Sonnen- licht blendete ihn. Er kam sich vor wie ein Betrunkener, so un- sicher war sein Gang. Die Leute, die ihm begegneten, blieben stehen und schauten ihm nach. Allmählich fand er seinen Gleichmut wieder; in vollen Zügen genoß er die warme, belebende Frühlingsluft. Meister Feik vesperte gerade, als Wenzel bei ihm eintrat; kurz und nichtachtend erwiderte er dessen Gruß. „Weiterarbeiten?— Nee! Ein Mensch, der einmal in solchem Verdacht gestanden hat, der ist immer verdächtig! An dem bleibt für alle Ewigkeit was hängen. Und schließlich, wer kann denn wissen, ob nicht doch was dran war? Diesmal ist's Ihnen vielleick'j gelungen, sich rauszulügen.— Nee, nee, sicher ist sicher!— Sie können ja heut noch hier schlafen und essen.— Doch halt mal, ich denke grade dran: Sie sind ja im Verband! Als wir gestern nach Ihrem Bilde suchten, da Hab' ich Ihr Buch gefunden. Schon deshalb hätte ich Sie entlassen! Solche Leute sind mir zuwider; die sind zu allem fähig!" Wenzel stand einen Augenblick verdutzt, dann lachte er dem Meister ins Gesicht:„Geben Sie mir man schnell meinen Fremd- zettel, Meister. Und schlafen will ich denn auch schon lieber gleicht in der Herberge."— Kleines femlleton. k. Von alten Geweben. Vor kurzem ist der Sarkophag Karls des Großen in Aachen geöffnet worden, um seine seit vielen Jahr» Hunderten dort ruhenden wundervollen alten Gewebe dem Licht des Tages und der Oeffcntlichkcit wieder zu schenken. Zwei kostbare Stoffe, von denen der eine dem zehnten, der andere dem zwölften oder dreizehnten Jahrhundert entstammt, wurden aufgefunden. Es sind nur ganz wenige unversehrte Ueberreste aus der Zeit der frühesten abendländischen Weberei erhalten und die ganze bis in die ferne Urzeit hinausreichende Geschichte dieser ehrwürdigen Kunst wird nur selten durch Funde erhellt, muß vielmehr aus alten Denk« mälcrn und Quellen, aus Vasenbildern, Mosaiken und Berichten studiert werden. Wohl reicht die Technik der Weberei bis in das graue Altertum zurück; wir wissen von den herrlichen wollenen Geweben, die schon die alten Assyrer und Aeghpter verfertigten. Die Griechen bewunderten die tyrischen Teppiche und die Wollenzenge des alten Babylon, die Juden lernten bei der herrlichen Ausschmückung der Stiftshütte das Sticken mit farbige» Wollenfäden, die Kunst des reichen Gewebes von den Aegyptern. Indien, das Land der üppigsten Stoffe, wußte wohl schon vor Tausenden von Jahren jene Schals und feinen Zeuge zu verfertigen, die noch heute als unerreichte Wunder zarten Gespinstes dastehen. Die Griechen haben vor allem diese orientalische Kunst der Wollenweberei übernommen und in der einfach festen Schönheit ihrer Kleider ausgebildet. Allmählich erst beginnt in der abend» ländischen antiken Kultur ein Kampf zwischen Wolle und Seide, und in den Spätzeiten des höchsten Luxus und des Verfalles siegt der Seidenstoff, das Kind der fernen chinesischen Lande. In China ist die Pflege der Seidenwürmer, die Kultur des Maul» beerbaumes und die Fabrikation von seidenen Stoffen schon im dritten Jahrtausend v. Chr. nachweisbar. Von hier kamen diese wundersamen Stoffe als höchster Schmuck nach Indien, zu den Assyrern und Phöniziern und spät erst zu den Griechen und Romern. Zunächst wurden sie nur bei hohen Festlichkeiten, zu Ehren der Gottheit getragen und erst die verweichlichte Dekadenz der römischen Kaiserzeit gefiel sich in diesen„koischen" Ge» wändern, die wie ein„leinener Nebel" leicht und weich die Ge» stalten umflossen. In dem byzantinischen Kaiserreich ist dann endlich der Stil des Seidenstoffes völlig ankgevildet«nd die hageren Ge- stalten dieser im Zeremoniell erstarrten Höflinge waren umwallt von Üppigen, bunten, goldstarrenden Gewändern, Von Byzanz her ist allmählich die Kunst der kostbaren Prunkstoffe in das Abend- land eingedrungen. Auch figurenreiche orientalische Gewebe aus der Zeit der Sassaniden und der arabischen Ka- lifen, die späten, reich geschmückten Zeugen einer uralten Kultur des Webens, kamen nach Deutschland und wurden als höchste Wunder menschlicher Geschicklichkeit bestaunt. Alle die Pracht- gewänder und goldgeschmückten Stoffe, von denen wir am Hose der Karolinger hören, stammen aus dem Orient, und Karl der Große konnte als Gegengeschenke an Harun Al Raschid für die seidenen Teppiche und Gewänder als deutsche Fabrikate nur ein paar einfache wollene Tücher schicken in schlichtem Weiß, Blau und Grau, die von den Küsten der Nordsee stammten und daher„Friese" genannt wurden. Von den alten feinen Gespinsten des Morgenlandes sind nur wenige, z. B. der„Schleier der heiligen Jungfrau zu Chartres", erhalten; sie zeigen auf Hellem Grunde ein buntes Gewebe von Tieren und Pflanzen; in dichtem Zweiggewirr wiegen sich Vögel, seltsame Tiere treiben ihr chaotisches Wesen, und Rosetten verbinden die dichte Fülle der Ornamente. Dtit dem merkwürdigsten Getier, init Salamandern, Greifen, Einhörnern, Elefanteir, Affen, Löwen, Adlern sind die Stoffe übersät, denen wohl dann eine synibolische Bedeutung untergelegt wurde. In: Abcndlande hat sich zuerst als Schmuck der Stoffe die Stickerei entwickelt. Um 1.150 etwa wurde durch die Sarazenen in Sizilien die Seidenwurmzucht eingeführt und eine Seidenfabrik errichtet, und es ist das Verdienst der normannischen Könige, diese Anfänge der Seidenfabrikation durch die Verbreitung des Maulbeerbaumes und der Seidenwürmer in den von ihnen bc- herrschten Ländern gefördert ztt haben. Seit dem 12. Jahrhundert konnten also auch im Abendlande seidene Stoffe gewebt werden und zu diesen frühesten kostbaren Erzeugnissen gehört das jüngere der in dem Sarkophag gefundenen Geivebe. Von Damen und Nonnen wurden die Stoffe mit schönen Verzierungen geschmückt. Neben dem Dekor der Arabesken und Pflauzeimmken treten nun auch die bildlichen Darstellungen von Menschen und Begebenheiten in den Bordergrund. Der Stoff wird zur Malerei und zur anschaulichen Chronik. Das schönste Denkmal dieser frühen Stickerei ist eine über siebzig Meter, lange und fünfzig Zentimeter hohe Tapete, die nach ihrem Aufbewahrungsort Bayeux benannt wird. Die Eroberung Englands durch die Normannen, die Schlacht bei Hastings und der Tod König Haralds werden uns auf diesem Meisterwerke lebendig erzählt, das zum großen Teil durch die fleißigen kunstfertigen Hände angelsächsischer und normannischer Frauen geschaffen worden ist. Die Tcppichwirkerei nahm von diesen bunt konturierten Stickereien ihren Ausgang. Schon 983 ließ ein französischer Abt große bildliche Dar- stellungcn in Teppichen für sein Kloster weben, aber die ersten dürf- tigen Reste solcher Tapisserien sind uns erst aus den, 11. Jahrhundert im Dome zu Halberstadt erhalten. Sie schildern Szenen des alten Testamentes, führen Christus und die Apostel vor und fügen in bunter Reihe den heiligen Georg, Cato und Karl den Großen in die Darstellung. Von nun an entstehen ununterbrochen kostbare Tapisserien bis hinauf zu den jetzt so hochbezahlten Gobelins des Rokoko, und die Geschichte der Kunstwirkerei spiegelt sich in diesen schönen Wandbehängen, die zu den kostbarsten Gegen- ständen des Kunstgewerbes gehören. Zunächst eilt die Schilderungs- kunst dieser Teppiche der Malerei weit voraus, gibt die bunte Welt der Turniere, Feste und Schlachten, der Spiele und Promenaden, der phantastischen Legende» und Märchen am reichsten in den Werken der burgundischen Zeit wieder; es ist die Blütezeit von Arras, nach der diese Teppiche in Italien„Arrazzi" genannt werden. Dann treten die Brüsseler Fabriken hervor, die Kunst der van Eycks gewinnt Einfluß auf die Teppichbildcr und danach entwirft die iralicnische Renaissauce die Kartons für die Brüsseler Gewebe. Rafaels Teppiche bilden den Höhepunkt, bis auch sie von fran- zösischcn Werken in den Schatten gestellt werden. Dann herrscht die hohe Kunst der französischen Gobelins bis zum Rokoko.— — Der Kampf gegen die Stechmücke. Man schreibt der„Franks. Ztg.": Die merkwürdige Tatsache, daß die Stechmücke durch die Farbe der Kleidung in der Wahl ihrer Opfer stark beeinflußt wird, ist schon 1841 von'Spence beobachtet worden. Dieser konstatierte, daß ein loses Gespinst weißer Fäden, das er vor seinem Fenster aufgehängt hatte, die Mücken viel wirksamer zurückhielt als ein solches aus schwarzen Fäden. Auf Madagaskar bemerkte Joly, daß die Mücke sich viel lieber auf schwarzer Erde als auf weißen Sand- flächen aufhalte, und daß sie sich eher auf schwarzen Schuhen und Kleidern als auf weißen niederlasse. Die Eingeborenen Madagaskars befestigen sogar Stücke schivarzen Stoffes an der Decke ihrer Hütten, um die Mücken dorthin zu ziehen. Weiter konstatierte Joly, daß ein hellgelber Hund weniger von den Mücken gepeinigt wurde als ein schwarzer Köter, ebenso daß die Neger den Mücken- stichen viel mehr ausgesetzt sind als Europäer. Aehnliche Beobach- tnugen sind in Indien gemacht worden. Sogar die Reihenfolge der Farben, denen von gewissen Mllckenarten der Vorzug gegeben wird, ist geprüft worden. Zwei geduldige Engländer, Nuttall und Shipley, fanden zum Beispiel, daß.Ämoxbslss maculipennis die Farben in folgender Reihenfolge bevorzugt: dunkelblau, duukelrot, braunrot, schwarz, grau, olivegrau, violett, grün, hell- grau, perlgrau, blaßgrau, himmelblau, ocker, weiß, gelb. Der Malariaforscher Galli-Valerio, der das Institut für Experimental- Hygiene und Parasitologie an der Universität Lausanne leitet, be- stängt diese Tatsache. Durch die Wahl der Farbe für unsere Kleider lassen sich also die Chancen in bezug auf die Anzahl der Mücken- stiche herabmindern, keineswegs aber lassen sich diese gänzlich ver- meiden. Ebenso geht es mit allen Mitteln, die man im Freien anwendet, um den Mückenstich abzuwehren. Am wirksamsten ist der Tabaksrauch, doch keineswegs unfehlbar. Kampfervaseline und sonstige stark riechende Salben, die in die Hand eingerieben werden, helfen nur so lange, bis sich der Riechstoff verflüchtigt hat, und dies geht an heißen Sommertagen rasch von statten. Sicher schützt nur der Schleier aus Musselingaze, wie ihn die italienischen Bahn- Wärter und Soldaten in den Malariarcgionen tragen. Am rattonellsten ist es, den Kampf nicht gegen die Mücken zu richten, sondern gegen ihre Larven und ihre Eier, Ivelche sie in Sünrpfen und ruhenden Gewässern ablegen. Dies geschieht am einfachsten durch eine dünne Pettoleumschicht, ist aber nicht die Aufgabe des Privatmannes, sondern der Gemeinden oder des Staates. Denn als Ueberttäger der Malaria und sonstiger Infektionskrankheiten muß die Mücke als staatsgefährliches Insekt bettachtet werden.— Musik. sz. Bor 16 und 14 Jahren kamen aus Italien zwei Opern, die beinahe eine neue Aera der musikalischen Dramattk zu er- öffnen schienen. Heute sind deren Komponisten durch ihre seither folgenden Werke zu Typen von künstlichen Machern für äußere Wirkungen geworden, und selbst jenen Stücken steht der heutige Ge- schmack lange nicht mehr so beifallserrcgt gegenüber, wie damals. Wir meinen die„OavalIsria rustioaua" von P. Maseagsti (1890) und den„Bajazzo" von R. Leoncavallo(1892). Am Montag führte sie uns das Koebkesche Ensemble bei Kroll vor. Die„Cavallsria" erscheint immer mehr als ein Bühnenhauer; der„Bajazzo" jedoch dürfte der Zeit trotzen. Gestützt auf einen vorzüglichen Inhalt, führt er Wahres in wahrhafter Weise vor. Beschränkte er sich nicht so sehr auf das schmachtende und das cholerische Leid des„traurigen Kaspar", verstünde er vielmehr eine reichere Wechselwirkung von Leid und Lust, von Ernst und Spaß,. von Trübnis und Jauchzen, griffe er tiefer in das Dämonische dieser Kontraste hinein: ihm würde ein dauernder erster Platz sicher sein. Sache der Darstellenden ist es, dieser Einseitigkeit nicht nach- zugeben und das Wenige an Dämonik des Kontrastes möglichst hervorzukehren. Das tat wohl am meisten Frl. W i l m s als Colombine; das taten wenig die Herren Richard Oeser als Bajazzo und Waschow als Taddeo. Jener, ein Gast aus Dresden, kam über den hohen Helden nicht hinaus, und dieser brachte es nicht recht zum dummen August. Am Singen fehlte es zum wenigsten. Auch von der Aufführung jenes Einakters galt dies. Den Tenor Hansen begrüßten wir nrit erneuter Freude als einen Wohl- bekannten vom Theater des Westens, und Frl. P r i ck e n war als Santuzza gut im Spiel und Sang.— lleberhaupt fehlt eS bei solchen Sommcrtruppen lange nicht so sehr an tüchtigen Einzel- krästen, wie an Gelegenheit, sie zu durchstudierten Gesamtleistungen zu vereinigen.— Humoristisches. — DaS beleidigte Auge.„Herr Baron haben sich nun auch entschlossen, Monokelzulragen?" „Mußte wohl; so oft in Spiegel sah— hat rechtes Auge mich vorwurfsvoll angeblick t."— — Passendes Lied. Dirigent:„Was singen ivir denn nun unserem Mitgliede, dem Z a h n a r z t Meier, beim Ge- burtstagsständchen?" Gesangvereinler:„Ich dächt�, baS Lied vom Kräh- winkler Landsturm:„Reißt aus, reißt aus, reißt alle aus."— — Vielsagende Unterbrechung. Während der Fest- Versammlung des Vereins„Familienglück" tritt u. a. auch Herr Bimmelinaier.als Redner auf.„Hochverehrte Anwesende!" beginnt er, da ruft sein S ö h n ch e n dazwischen:„Je, Mutter, der Vater traut sich auch'was z'reden!!— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Der dreiundsiebzigjährige Dichter Ferdinand v. Saar ist in Wien gestorben. Er hat Selbstmord begangen. Ursache: Nervöse Depression infolge eines körperlichen Leidens.— — Preisausschreiben. Die Zeitschrift„Deutscher Kampf' in Leipzig hat zwei Extrapreise in Höhe von 1000 und 500 M. für die beiden besten der bis 1. September bei ihr eingereichten d r a« m a t i s ch e n Werke ausgesetzt.— — Die Wiener Zensur verbot dem dortigen Bürger- t h e a t e r die AuMhrung'von Wedekind's„Toten- tanz."— — Im„Theater des Westens" beginnen am 2. August Vorstellungen einer italie irischen Kinderoper.— —„Der König der Berge", Operette von Max Schönau, Musik von H. B. Schumacher, wurde vom Lortzing-Theater zur Aufführung angenommen.— Kerantwortl, Redakteur: Kans Weber, Perlin,— Aruck u. Verlag: Vorwärts Buchöruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer L-Co., Berlin LIV.