Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 145. Dienstag, den 31. Juli. 1906 (Nachdruck oerboten.) 151 Kinder der Gaffe. Roman von Charlotte Knoeckel. Die Burschen horchten gespannt auf. Der August und der Christian wunderten sich, daß das Mädchen, das sonst mit dem Peter nie ein Wort geredet, für ihn Partei nahm, und der Peter wunderte sich auch darüber. Er lachte leise und sah sich das Mädchen genauer an— sie war hübsch geworden, frische rote Backen hatte sie gekriegt und ein feines Kleid hatte sie an. und sie verteidigte ihn! Das alles einPfand er mit Wohlbehagen, am meisten aber freute er sich über die enttäuschten Gesichter vom Christtan und dem August. Allerlei Pläne kreuzten in seinem Hirn. Wenn ich das Mädchen gegen die beiden aufhetzte? Oder wenn ich?... Die freundliche Gesinnung der Luis mußte er doch ausnützen können! Die Luis aber trat mit dem Bruder ins Haus.„Der arm Peter!" sagte sie. Der Christian lachte.„En liederlicher Kerl is er. und der August hat recht gehabt!" „Der August bild sich was drauf ein. daß er lerne kann. was er will!" Des Mädchens Augen blitzten,„es ist nit jedermann gestellt wie sein Vater, und noch grad der Eckel!" Der Christian schwieg. Wenn ich nur lerne darf, was ich will, dachte er. Und dann traten sie in die Stube. „Luis!" Die Emma kam auf die Schwester zu. Ihre Augen leuchteten. Ihr Gesicht war blaß und unendlich schmal. „Wie gut De aussiehst!" sagte sie. Und dann gab ihr der Vater die Hand. „Na. bist da?" Er betrachtete sie mit leisem Wohl- gefallen. Sie war so frisch und froh hereingekommen in die dumpfe Stube, und ein breiter Strom kräftiger kalter Winterluft mit ihr. Sie nahm Hut und Jacke lb.-..Wo is die Mutter?" fragte sie. „Drin in der Kammer von de Bube." sagte dis Emma und nahm ihr die Sachen ab. dabei wandte sie die glück- leuchtenden Äugen nicht von ihr. „Ich Hab mich eso gefreut!" „Du!" Mit scheum Fingern glitt die Luis über der Schwester Haar. Die erschauerte, beglückt von dieser Zärtlichkeit. Die Luis aber ging nach der Kammer. Vor der Tür blieb sie stehn und wandte den Kopf.„Emma, mach doch es Fenster en bisse! auf. gelt! Es is schlechte Luft in der Stub!" Da trat ihr die Marie entgegen. „Die Luis, natürlich!" sagte sie.„Mer kann sichs ja denke! Ins Haus kommen und anfange zu kommandiere!" „Mutter--!" Das Mädchen griff nach der Marie Hand. „Ach was!" Sie stieß die Luis von sich.„Mach es Fenster zu, Emma!" rief sie. Das Kind gehorchte mit Tränen in den Augen. Die Luis stand gesenkten Kopfes neben der Mutter. Ihre Wangen waren noch eben so frisch und rot. wie vorhin, als sie eingetveten war, aber die Freudigkeit war von ihrem Gesicht geschwunden. Müting sah's, und es preßte ihm das Herz zusammm. „Wenn es Luis nix gesagt hätt, dann Hütt ich jetzt doch es Fenster aufgemacht!" sprach er. Die Frau aber fuhr auf.„Natürlich, Du mußt em doch 's Wort rede! Vorher hast nit gefunde, daß schlechte Luft in der Stub war, aber jetzt--!" Der Marie ihre Stimme schlug über. „Ach. gehn doch. Mutter, regen Euch nit auf!" bat die Luis. Sie hatte gesehn, daß die Frau in Hoffnung war. Die aber schrie:«Nit aufrege, hahahal Tu jetzt nure noch so... Gleich, wenn de ins Haus kommst, suchst De Streit!" Sie heulte. Zitternd stand die Luis.„Ich Hab gewiß keinen Streit gesucht," sagte sie.„Gewiß nit." Tränen waren in ihr. Wie hatte sie gewünscht, in Frieden zu leben mit der Mutter! Sie hatte freundlich sein wollen und nachgiebig. Und was hatte sie denn getan? Sie schüttelte den Kopf. Nit mal einen Tag kann ich friedlich derheim sein, dachte sie. Und Groll gegen die Mutter stieg in ihr auf. Die aber hatte sich beruhigt. Sie schürte das Feuer und' trat an den Spülstein. Zaghaft fragte die Luis, ob sie ihr helfen könne. Da unterwies die Marie sie mit mürrischem Gesichte. Rasch verging dem Mädchen die Zeit bei der Arbeit. Und dieweil sie die Schlafstuben reinmachte, begann sie sich wieder des Daheimseins zu freuen. Nach Tisch, während die Luis und die Emma spülten, legte sich die Marie aufs Bett. Der Franz war nicht zu Hause. Er war am frühen Morgen schon nach Lamprecht gegangen, um sich bei seiner „Getel" sein Weihnachtsgeschenk zu holen. Und als die Luis einen Stoß Teller in den Schrank setzte, trat der Christian neben sie. „Du, jetzt sag ich's em Vater!" Sie nickte. Der Christian aber stellte sich vor Müting hin.„Vater, ich möcht gern Lehrer werde!" „Du!" Der Mann lachte. „Ja," sagte die Luis,„und der Herr Pfarrer verschafft cm en Stipendium, und wo's fehlt, gibt mein Herrschaft noch dazu, daß es Dich kein Pfennig kost...!" „So?" sagte der Mann,„das is alles schon ohne mich ausgemacht?" „Der Herr Pfarrer wird der's schon noch sage... Dich frage, und der Herr Lehrer auch," sprach der Christian. Der Mann aber schüttelte den Kopf.„Die Müh können sie sich spare, denn wenn Du aus der Schul kommst, gehste mit mir auf die Weberei und hilfst verdiene...!" „Vater, ich verdien doch!" sagte die Luis. „Dein paar Grosche!" Da senkte das Mädchen den Kopf. Der Christtan aber richtete sich straffer auf.„Vater!" rief er und seine Augen funkelten.„Das wär nit recht von Dir? Mich in die Fabrik nehme, nix lerne lasse! Das tust nit! Es hat Dich doch immer gefreut, wenn ich gut gelernt Hab in der Schul... und jetzt, wo ich's zu was bringe könnt...!" Meinst, ich Hab nit gut gelernt? wollte Müting seinen Buben fragen, aber dessen letzte Worte banden ihm die Zunge. Er sah ihn einen Augenblick schweigend an. Jetzt, wo er's zu was bringe könnt? dachte er. „Vater, weißt, und es kost Dich ja kein Pfennig!" Hub die Luis wieder an.„Und zu esse brauchst em doch auch nit mehr zu gebe und keine Ltleider mehr... Viel mehr Profit haste nit, wenn De'n schaffe gehn läßt, und es wär doch schad...!" „Schad?" nickte Müting.„Ja, des is wahr!" In seiner Seele erwachte der Stolz, wie er seinen Buben de- trachtete. Schullehrer, sein Bub und Schullehrer! Daß er's Zeug dazu hat, glaub ich schon, aber-- Wenn der Bub Schullehrcr würde, dann müßte er sich wieder allein weiter plagen für den ganzen Haushalt. Und er war nicht mehr so flink wie früher bei der Arbeit. Seine Augen fingen an schwach zu werden, so daß er oft Mühe hatte, die gerissenen Fäden richtig zu verknüpfen. Und jeder Aufenthalt bei der Arbeit war ein Abbruch am Lohn. Vierzig Mark war schon seit langem das Höchste, was ev in vierzehn Tagen bekam. Und der Haushalt kostete, kostete immer mehr. Müting seufzte. Er dachte an den Jungen, � der den Webstuhl neben ihm bediente, ein Bub, ein Jahr älter wie der Christian den er angelernt hatte. Zu Ostern kriegte der schon zwei Stühle, da würde der einzelne neben ihm wieder frei, und da stell ich dann meinen Christtan dran, wenn ich en eingelernt Hab! hatte er sich oft gesagt— Und jetzt? „Schullehrer!"— Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. '„Soll mex's denn gar nit en bißche leichter kriege im Lebe? „Erst Hab ich auf die Luis gerechnet und jetzt, wo ich an de Chrischan denk... denk, daß der mer hilft...!" Und er stöhnte.„Warum muß ich eso Kinner habe, eso Kinner, die nure immer an sich denke, und gar nix für mich tun wolle!" Und er wurde zornig. War das denn en Art? Tat en anderer Vater sich das gefalle lasse?! Er stampfte mit dem Fuß auf.„Der Chrischan soll Weber werde, wie ich, und von dene Faxe, von Lehrer werde und so was will ich nir mehr höre!" Aber seine Heftigkeit gereute ihn, als er die erschreckten Gesichter der Kinder sah. Und verlegen fuhr er fort.„Ja, wenn Euer recht Mutter noch leben tat, dann—— aber eso... Die Marie tat nrer ja kein Ruh mehr lasse bei Tag und bei Nacht, wenn... wenn..." Und nach einer Pause sagte er noch einmal: „Ja, wenn die nit war-..! die Marie... oder wenn se en ordentlich Frau war!— Und dann... der Franz?" Wie sie den Vater weicher werden sah, faßte die Luis wieder Mut, und dieweil der Christian mit kaltem, trotzigem Gesicht dastand, sagte sie: „Der Franz, der kommt ja an Ostern auch aus der Schul, und der muß der dann doch Kostgeld bezahle!" „Der Franz?" „Jnja! Er is doch nit Dein Kind!" „Aber die Marie, die wird sage, was dem eine recht is...!" „So!" flammte der Christian auf.„Was dem eine recht is!— Ich mein... Wer sitzt denn in der Schul es erst, und wer.hockt immer in der letzte Bank? Und wer is Dein Kind? Und wer hat keinen Vater»ich kann froh sein, daß De'n überhaupt aufgenommen hast?— Ich mein, zwischen em Franz und mir!— Nee, Vater? Mit den laß ich mich nit gleichstelle! Und das willst Tu selber nit"— „Und weißt, Vater, wenn unser Mutter noch lebe tat," warf die Luis mit weicher Stimme ein,„die würd em Chrischan.gewiß gesagt habe:„Du hast recht, daß De was lerne willst, daß De vorankommen willst", und die hält ge- spart und geschafft, daniit der Bub es Hütt durchsetze könne!"... Da nickte Müting.„Ja, ja..., aber--" Er kratzte sich hinterm Ohr.„Wie lang is es denn? Wie lang muß er denn lerne...?" „Fünf Jahr!" sagte die Luis. „Fünf Jahr...! Und all die Zeit...?" Der Mann zog die Schulter hoch und neigte den Kopf.„All die Zeit keinen Friede im Haus, denn die Marie--!" „Du mußt halt auftrete, als wie en Mann!" rief die Luis. Das Blut war ihr in den Kopf gestiegen. Ob sie jetzt Streit stiftete oder nicht, ob sie den Vater aufstachelte gegen das Weib, an der ihre Kinderseele und die des Bruders sich blutig gescheuert hatte, das galt ihr gleich, jetzt, wo sie um das Glück des Bruders kämpfte. Wenn der Vater nur erst dem Christian sein Versprechen gegeben hat. dachte sie, daß er dann Wort halten würde, des war sie gewiß. In dem Manne aber reckte sich etwas auf zu starkem Entschluß. Er hob den Kopf aus den hochgezogenen Schultern. Sein Rücken straffte sich. Er saß plötzlich gerade und seine Augen blickten frei. „Wenn D-e mer versprichst, daß De was Ordentliches werde willst! En gute, tüchtige Lehrer"— sagte er zu seinem Buben. „Vater!" ,.— dann will ich zum Herrn Pfarrer gehn und zu Deim Lehrer.-. aber bezahle kann ich nix! Keinen Pfennig! Nur unter der Bedingung!" Da warfen die beiden Kinder sich an des Mannes Hals. „Vater, Vater!" schluchzten sie. Und auch der Mann hatte Tränen in den Augen. lFortsetzung folgt. x (Nachdmck verboten.) Georg imd Emma Fjcrwegb. ' Am 7, April 1875 schlug das einst so ungestüme Herz Georg Httwcghs seinen allerletzten Schlag. 2g Jahre später, am 27. März SK04, starb de» Dichters Gattin hochbetagt in KachS. Noch zu ihren Lebzeiten hat ihr Sohn Marcel einen Band aus dem Briefwechsel seines Vaters herausgegeben. In selbstverständlicher Rücksicht- nähme auf die damals noch lebende Mutter konnten dort Briefe, die zwischen den Eltern einst im Brautstande gewechselt worden waren, nur in beschränktem Maße Aufnahme finden. Nun endlich gelangt in dem soeben erschienenen Augustheft der„Neuen Rundschau"(S. Fischer, Berlin) eine Reihe von Briefen der Verlobten erstmalig zur Veröffentlichung. Kurz vor seiner Ausweisung aus Preußen hatte sich Georg Hcrwegh am IL. November 1842 mit Emma Sicgmund, der Tochter eines Berliner Bankiers, verlobt. Er ging dann wieder nach der Schweiz zurück, die ihm schon früher einmal ein gastliches Asyl gewährt hatte. Jetzt allerdings wurde ihm dies von Zürich vcr- weigert, weshalb Herwegh das Bürgerrecht vom Kanton Baselland erwarb. Am 12. Januar 1843 war er von Berlin über Stettin, Frankfurt a. M. nach Zürich zurückgekehrt. Die vorhin erwähnten Briefe stammen aus dieser Zeit seines schweizerischen Aufenthaltes. Es sind im ganzen 23 Stück: IL von Herwegh an Emma, 13 von ihr an ihn. Man wird sie aus mehr- fachen Gründen willkommen heißen. Einmal, weil sie Dokumente aus der glücklichsten Lebenszeit des Dichters sind. Wie ein Triumphator war er ja durch Deutschland gezogen, gefeiert wie selten einer. Und er blieb der Held des Tages, als nach der Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. seine Exilierung erfolgte; er hatte doch auch zugleich ein hochherziges Mädchen errungen. Von diesem höchsten Glück der Erdcnkinder reden Herwcghs und Einmas Briefe. „Und nun magst Du mich für verrückt halten," schreibt er an seine Verlobte.„Es ist meine Art, was ich bin, ganz zu sein. Ich habe niich oft und lange gegen die Liebe gewehrt; nun hat mich's gepackt, nun will ich auch von keiner Teilung meines Wesens zwischen der Welt und meiner Liebe wissen, nun will ich lieben, nichts als lieben— bis zum Wahnsinn lieben, Dich, Dich, mein Schatz!" Eine Woche später:„Unsere Liebe ist eine erfüllte Liebe, erwachsen auf dem Boden der Begeisterung. Ich bin selig, ein Wesen gefunden zu haben, an dem ich hinaufblicken muß und das sich mir doch so ganz, so ganz hingeben will. Die Liebe ist nichts so Zufälliges, daß man, wenn sie einen ergriffen, auch ohne sie vegetieren könnte. Nur das kann einen so übermenschlich glücklich mache», wie Du mich, dessen Verlust uns auch übermenschlich elend machen würde." Emma aber bekennt immer wieder, wie alleins sie sich mit Georg wisse:„Ich fühle klar, daß ich in Dir zehnfach wiederfinde, was ich ausgebe und wünschte mir Hindernisse, um sie Dir zuliebe beseitigen zu können. Zwischen uns gibt's aber keine Opfer, nicht so, mein einziger Georg?" Sie„kennt nicht Liebe, die der Wand- lung fähig ist". Ein echtes Weib, ein Mensch ohne Bescheidenheit und Sentimentalität, crmißt sie das Glück, zu lieben und sich ge- liebt zu wissen.„Ich kann den Tag nicht erwarten, da ich Dich fest, unentreißbar, in meinen Armen halte und mit Dir der ganzen Welt Trotz bieten will. Welch ein Leben wird mir aufgehen? Welches Leben war mir schon aufgegangen!" Und wenn Herwegh beichtet:„Glaub' mir, ich bin, da ich Dich nun einmal gefunden, zu Ende, rein zu Ende ohne Dich und kann und will nur etwas werden mit Dir und durch Dich", so wird sie manchmal von Zweifel erfaßt: ob sie auch des Geliebten wert erscheine:„Je näher die Zeit unserer Vereinigung heranrückt, desto größer ist einerseits mein Verlangen nach Dir, aber auch wieder die Besorgnis, Dich dauernd fesseln und befriedigen zu können, wie ich es möchte und überhaupt ein Weib es soll, wenn sie Deiner würdig ist. Du glaubst nicht, wieviel mir noch fehlt, wieviel Geduld Du auch wirst mit mir haben müssen und wie arm meine Natur in geistiger Be- ziehung im Vergleich zu der Deinen ist. Nimm, was ich Dir schreibe, nicht für eine Superbescheidcnheit, ich bin nie bescheiden gewesen med halte diese Eigenschaft für ebenso einfältig als die entgegen- gesetzte. Das Beste in uns ist die Gabe der Götter, und für Ge- schenktes kann man dankbar sein, aber sich nichts darauf einbilden. noch die Bescheidene spielen. So oft ich aber uns beide vergleiche. so oft ich mit einer wahren Andacht Dein ganzes tiefes Wesen still beschaue, kommt mir unwillkürlich das Bewußtsein eigener Armut und Kleinheit, und ich bedarf aller Kraft, mich durch mein Glück nicht beugen, statt stählen zu lassen. Wärst Du ein Mann wie die anderen, welche sich freilich mit Unrecht so nennen, würde ich Dich nie geliebt haben, aber nun Du das bist, was ich als das Allein» wahre anerkenne, hinsichtlich Deines Strebcns und Deiner ganzen Richtung dünkt mich, müßte Dir auch etwas Ebenbürtiges werden." In der Tat bestand zwischen den Beiden, was man Harmonie des Geistes und der Seele nennen darf. Herwegh ganz Sturm und Begeisterung für die Ideale der Volksbcglückung durch Frei- heit; Emma hingebend, empfänglich, ganz voll Bewunderung für den geliebten Dichter und für die Sache der Nation.„Das einzige, was alle meine Kräfte und mein Interesse ungeteilt in Anspruch nimmt, ist das Geschick, eigentlich die Entwickelung meines Volkes und meine Liebe, in allem übrigen bin ich Stümper, Dilettant, und ich hasse den Dilettantismus. Nur in der Liebe fühle ich mich ganz fertig und gestählt zum Größten." Wem das Herz voll ist von der Menschheit großen Gegenständen, nur der, meint Emma mit Beziehung auf den Geliebten, könne auch wahrhaft lieben.„Ja. mein Herz, Tu kannst lieben, das fühl ich. Nur wer das Elend der Menschheit in allen seinen kleinsten Be- wegungen mit durchlebt, nur wer das jammervolle Geschick des einzelnen ganz mitzufühlen, ganz zu würdigen weiß, der kann lieben im Vollgewichte des Wortes." Und wie tief ihr eigenes Herz für das Volk schlägt, das beweist wohl eine Briefstelle vorher: „Mit dem Armen Jakob Hab ich heute meinen Gottesdienst ge- halten. O schreib immer zu, das sind die Klänge, die bis ins Mark des Volkes dringen; daß ich imstande sein möchte, zu solchen Liedern Dich zu begeistern I Wenn man statt alberner Predigten solch Gedicht dem Volke von der Kanzel vortrüge, es würde anders wirken, als tausend Sermone." Als Herwegh Emma den Ent- Mutz bekannt gibt, den 2. Band seiner„Gedichte eines Lebendigen" früher zu veröffentlichen, jubelt sie:„Ich bin sicher, sie werden eine grohe Wirkung aus das politische Volksbewutztsein haben, und wer wcitz, ob sie nicht die Vorläufer einer grotzen bewegten Zeit werden. Wenn der Eindruck eben nur Eindruck bleibt, dann hol der Kuckuck die ganze Schreiberei; aber Du wirst sehen, die kranke Life und der arme Jakob finden den Weg zu den Hütten der Aermsten, und ist erst das Volk gewonnen, dann kann man das beste erwarten. Nur aus den Massen der Prole- tarier ist jetzt ein Ostern zu erwarten, datz es aber kommt und wir es noch feiern, steht klar in meiner Seele. Ich fühle es, wir werden noch, wenigstens ich, gewaltige Zeiten erleben, und ich erflehe sie mit der ganzen Glut meines Wesens. Dann sollst Du sehen, ob ich lieben kann, mein einziger Schatz." Emma Herwegh hat Wort gehalten. Keinerlei Verleumdung, keine Verspottung und keinerlei Anfechtung haben diese Frau jemals in ihrem freien Fühlen und Denken irre zu machen vermocht. Sie will, datz Herwegh von ihr denke:„Mein Mädchen ist kein Philister". Braut eines Republikaners, bekennt sie sich frank und frei als Republikanerin.„Unsere Liebe ist wie das stolze, hehre Freiheits- banner, unbefleckt von dem Schmutze der gemeinen Menge und un- verletzt mitten im Zwiste und Kampfe der Völker, über ihnen wie ein ewig Gebot fortrauschend." Ein Glaube beseelt die beiden, einem Ziele streben sie mit allen Kräften zu: so rasch als tunlich miteinander vereint zu sein. Abgesehen von allerhand niedrigen Verleumdungen Herweghs, die aber bei Emma nichts auszurichten vermögen, erfahren wir da auch näheres über den Widerstand, den die Züricher Kantonatsrcgicrung der Ansässigmachung des Dichters entgegenstellte. Wohl oder übel mutz sich Herwegh entschlietzen, nach Baden im Aargau, zwei Meilen von»Zürich, auszuwandern.„In Baselland," murrt er,„bekommen sie am Ende auch noch Manschetten, und des Menschen Sohn, das heitzt Dein fürchterlicher Schah, hat bald keinen Stein mehr, wo er sein Haupt hinlegen kann. Lorbeeren die Hülle und Fülle, und keine Heimal! Prächtig! Gefällts Dir nicht auch, mein Schatz? lieber zu viel Ruhe wirst Du Dich Dein Leben lang nicht beklagen müssen." Emma ist über die Herwegh angetane Infamie ausgebracht. Gleichwohl weitz sie, er bedarf nicht ihrer Zuspräche,„um, wie es kommen mag, den Kopf oben zu behalten. Ja, lah sie es aufs äutzerste treiben. Dich können sie ebensowenig stumm machen, als mich hörend auf das feile Geschwätz der Menge. Lah sie Dich ver- folgen, o, diese freien Republikaner! Sie werden fühlen, mit wem sie es zu tun haben, denn Dein Hätz wird wachsen wie unsere Liebe, nicht so, Schatz? Warum kann ich im Augenblick nicht zu Dir? Ich bin Wut durch und durch, aber noch mehr als empört, in Liebe zu Dir.— Wollen sie Dich nicht in Zürich, nun wohlan, dann gehen wir in einen anderen Ort, hat er nur Raum für Dich und mich... Glaub's: jc mehr man Dich verfolgt, desto größer, desto schneller der Sieg, und wir wollen doch die Freiheit um jeden Preis!" Roch mehr Plackerei hatte das Paar zu überwinden, um alle notwendigen Papiere zur Ehesckilietzung uad Naturalisierung in der neuen Heimat zu erlangen. Aber die unerschrockene Energie des Mädchens überwand alles. Immer sehnsüchtiger, immer stürmischer werden die Briefe. Zuletzt finden beide Menschen, datz sie sich brieflich nickts mehr sagen können und datz ihre Vereinigung in kürzester Frist heilsam und notwendig sei. Alle Fragen hinsichtlich der häuslichen Einrichtung sind erledigt; das Möblement steht fertig. Emma reist ab. Herwcghs letzter Brief aus Zürich trägt als Datum den 20. Februar. Wenige Wochen darauf, anfangs April des Jahres 1843, macht das glückliche Paar seine Hochzeitsreise nach der Herr- lichen Provence.... Dieser neue Briefwechsel aber bedeutet eine Bereicherung unserer Llenntnisse über Georg Herwegh und seine allezeit so tapfere Frau. Wir werden diese Manifestationen nun nicht mehr vermissen wollen. Sie sind äocuments humain im vornehmsten Sinne des Wortes.— Ernst Kreowski. Kleines f einlleton. kn.„Leben und leben lassen." Ort der Handlung: Das kleine, dunkle Kontor des wohlgenährten Herrn Martin. Herr Martin steht vor dem Ladentisch und zeigt einem Kunden eine hübsche kleine Brieftasche. Diesem gefällt die Tasche; er frägt:„Was kostet sie?" „Diese Tasche? O. die ist sehr billigl Zwei fünfundsiebzig." Dabei lächelt Herr Martin recht freundlich. Ter Kunde lächelte nicht. Im Gegenteil, er stutzt und sagt: „Ja, aber vor einem Jahre habe ich eine gleiche Tasche bei Ihnen schon für 2 Mark 50 gekauft I" Herr Martin kommt etwas aus der Fasiung.»Hm, jal Leider können vir die Ware jetzt nicht mehr so billig herstellen. Die Lederpreise steigen. Und dann die Arbeitslöhne, die wir jetzt zahlen müssen— o, die Arbeitslöhne— es ist grauenhaft! Bei diesem Artikel komme ich nicht mehr auf die Kosten." „Aber Ihre Konkurrenz liefert diesen Artikel doch schon für 2 Mark 50." „Meine Konkurrenz?" „Jawohl, Ihre Konkurrenz!" „Unmöglich!" „Keineswegs. Man sieht diese Tasche überall dafür aus- liegen." „Na", sagt Herr Martin und seine Stimme zittert,„sehen Sie sich doch mal das Geschäftsgebahren solcher Firmen an! Weshalb können sie denn so billig liefern? Deshalb, weil sie ihren Arbeitern wahre Hungerlöhne zahlen! Ich dagegen, ich bezahle sehr an- ständige Löhne, außerordentlich anständige Löhne. Ich darf behaupten, daß ich gerade für diesen Artikel in ganz Berlin die besten Löhne gebe. Ja, sehen Sie, bei mir sollen die Arbeiter auch was verdienen! Mein Wahlspruch ist: Leben und leben lassen!" Der Kunde ist von so viel Humanität vollständig überwältigt. Er sagt kein Wort mehr, sondern greift, vollständig besiegt, in die Tasche, holt sein Portemonnaie heraus und legt 2,75 Mark auf den Tisch. Herr Martin lächelt wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht, nimint das Geld und wickelt die Ware ein. Der Kunde ent- fernt sich.— Bald darauf erscheint der bescheidene und fleißige Herr Krämer, langjähriger Hausarbeiter der Firma, mit einem umfangreichen Kasten. Rasch wird der Kasten geöffnet; man sieht schöne, sauber gearbeitete Brieftaschen von derselben Art wie der Kunde eben ge- kauft hat und für die Herr Martin so gute Löhne bezahlt. Herr Martin nimmt sich die erste, eine zweite, dann noch eine dritte Tasche aus dem Kasten, mustert sie mit kritischem Blick und sagt:„Brav gemacht, Herr Kramer! Die Ware ist gut!" Und in väterlich-wohlwollendem Tone:„Na, Ihre Arbeit ist ja über- Haupt gut!" Das ist Sphärenmusik für Herrn Kramer. Er hat nämlich etwas auf dem Herzen. Nun faßt er Mut und beginnt:„Herr Martin, ich wollte mal wegen der Preise..." Herr Martin sehr erstaunt:„Wegen der Preise?" „Ja. ob Sie nicht etwas mehr geben wollten?" „Mehr geben? Aber ich zahle doch Durchschnittspreise I Kriegen Sie denn für diese Arbeit irgendwo mehr?" Herr Martin blickt den schüchternen Heimmeister herausfordernd an. „Ja, bei Herrn Wagner." Zaghaft kommts heraus. „So? Wieviel denn?" „Drei Mark pro Dutzend, Herr Martin." „Sooo!" Herr Martin reißt entsetzt die Augen auf.„Bei meiner Konkurrenz?" „Jawohl. Herr Martin." „Woher wissen Sie denn das?" „Ich? Ach, ich hab's blos von meinem Freund gehört. Der arbeitet nämlich dort." „So!" sagt Herr Martin und atmet schwer.„Ja, wissen Sie, Herr Kramer, das sind dann eben Ausuahmcpreise. Ich kriege für die Ware auch bedeutend weniger als Herr Wagner. Grade für diese Dinger I Ach wenn ich Ihnen nral vorrechnen ivollte! Ja. soll ich denn aus meiner Tasche zulegen?!" Ein vorwurfsvoll-trauriger Blick trifft Herrn Krämer. Dieser ist schon halb besiegt. „Sehen Sie mal, Herr Kramer. mein Wahlspruch ist: leben und leben lassen I Ja wohl, leben und leben lassen! Sie kennen mich doch und wissen: was ich machen kann, das nmche ich. Aber was nicht ist, das ist nicht. Tut mir ja sehr leid, aber ruinieren? Soll ich mich ruinieren?" Herr Krämer wagt nicht mehr, ihn anzublicken. „Sie haben gar keine Ahnung, wie wir armen Geschäftsleute gedrückt werden I" Herr Martin seufzt tief.„Ich gebe ja bei diesen Sachen überhaupt zu I Ja, wahrhaftig I Ich kann's Ihnen aus meinen Büchern beweisen!" (Herr Kramer gibt seine letzte Hoffnung auf.) „Um Ihnen ein Beispiel zu geben: wie ist es mir svorhin ge- gangen? Da kommt ein Herr und kauft sich so eine Brieftasche. Diese Brieftasche kostet bei mir gewöhnlich 2,50 M. Wissen Sie, was er mir dafür gegeben hat? Sage und schreibe 2,75— ich wollte sagen 2,35 M.! Jaloohl 2,35 M. I Das macht beim Stück 15 Pf. Nun denken Sie mal, das geht mir beim ganzen Gros so, dann gebe ich zu: 144 X lä! Das macht— das macht— 21,60 M. Nun, was sagen Sie dazu? Wo bleibe ich! Wenn ich Ihnen da noch zulegen soll— na! Nee, lieber Mann. dann macheich schon lieber die Bude zu, verkaufe den janzen Krcnipel und fange selbst an zu arbeiten! Dann habe ich mehr von meinem Leben, das können Sie glauben!" iHerr Kramer bedauert den armen Herrn Martin und verflucht die Stunde, wo er an Zulage gedacht hat.) »Ja, Herr Kramer, so leid wie mirs tut, aber ich kann diesmal nicht, wirklich, beim besten Willen nicht! Aber, wenn Sie wieder mal Wünsche haben und es ist mir möglich, irgend möglich, dann, das wissen Sie ja— 1" Herr Kramer nimmt still seinen Kasten und entfernt sich schleunigst. SA.«inte Herr Mnrtin ruft sei» Faktotuin, läßt sich ein Paar Zigarren hole», das Stück für 25 Pfennige, steckt sie sich in sein sctteS Gesicht und munnelt dor sich hin:.Ja, lver's nicht versticht, der konunt eben zu nichts!"— „Wenn die Rais muhrt". Die„Frankfurter Zeitung' bringt eine Schilderung' aus Obcrmais bei Mcran, der wir das folgende entnehmen: Ein Naturereignis von nicht gewöhnlicher Bedeutung ist es, wenn die Rais anhebt zu«muhren"; heute hatten wir das zweifelhafte Vergnügen, mit einem solchen Pröbchcn bedacht zu werden. Schwarz hatte sich in den Höhen des Jsinger im Winkel des steil abschließenden Naistals ein dichter Knäuel gcwitter- schwangerer Wolken zusammengeballt, der einen tüchtigen Guß in Aussicht stellte. Ueber Meran war noch heiterer Himmel, während im oberen Naistal ein heftiges Gewitter mit Donnerschlägen und Blitzen niederging. Ohne naß zu werden, konnte ich meine bei Trautmannsdorf gelegene Wohnung erreichen— es war%5 Uhr nachmittags—, da hörte ich plötzlich ein Brummen und Sausen, als ob eine Dampfwalze oder Lokomotive die Straße vor meinem Hause passierte, und da ruft auch schon meine Hausfrau, die den Vorgang kennt und fürchtet:„Ums Himmels willen, die Naif!" Ich vcr- suche sie zu beruhigen, da ja das Bett der Naif.erst gründlich eingedämmt worden sei, und eile selbst zur unteren Naifbrücke. Von weitem schon sehe ich, wie die dort bereits versammelten wenigen Zuschauer bei jedem Krach von der Brücke wegspringen und dann sich wieder langsam nähern; es geschieht dies bei jedem neuen Schub, der ein besonders lautes Getöse verursacht; ich komme zur Brücke selbst und sehe, wie eine unheimlich anzusehende Masse von rotem Sand, Steinen und Wasser, dick wie ein steifer Brei, mit un- glaublicher Geschwindigkeit und unter tosendem Lärm das hoch- ummauerte Bett hinabsaust. Diese Masse mag in einer Tiefe von zwei Metern und fünf Meter breit sich vorbeibewegen; aber da kommt schon eine Sturzwelle von 1% bis 2 Metern Höhe unter Hangemachendem Gebrüll und Krachen über diese Masse hinweg- gefegt, ebenfalls Sand und Steine, aber verschwindend wenig Wasser in der Farbe von neuem Rotwein(Most) mit sich führend und gischtsprühend nach allen Seiten. Es ist ein gefahrdrohender An- blick, man glaubt selbst mit fortgerissen zu werden und springt bei jedem neuen Schub unwillkürlich zur Seite. Auf die Brücke wagt sich niemand; sie ist aus Holz und so leicht gebaut, daß man fürchtet, eine Sturzwelle könne sie mit fortreißen, wie dies ja im Jahre 1889 auch der Fall war. Immer neue Wogen kommen in Zwischenräumen von 20 bis 50 Metern mit Schncllzugsgeschwindigkeit den Bach herab; doch ist das Bett heuer glücklicherweise dem Ansturm ge- wachsen; die Seitenmaucrn, die zu beiden Seiten einen hohen Damm bilden, sind in jahrelanger, fleißiger Arbeit solide und hin- reichend widerstandskrästig erbaut worden, so daß ein Ueberbord- treten der Flut und Mitfortreißen ganzer Häuser und herrlicher Obstgüter wohl für immer ausgeschlossen ist, wenn schon auch heute am unteren Ende ein unbedeutender Austritt in eine neue Obst- anlage erfolgt« und im oberen Laufe auch ein Teil der neuen Mauer mitgerissen wurde. Von der Gewalt der Naif in diesem Stadium kann man sich einen Begriff machen, wenn man ficht, wie gewaltige Steine von der Größe eines kleinen Hauses im Moränenfand wie ein Federball leicht durch das eng« Bett zu Tal geflößt werden; da begreift man denn auch, mit welch banger Furcht die Anwohner diesem in gewissen Zeiträumen mit Regelmäßigkeit eintretenden großartigen Naturschauspiel entgegensehen. Unabwendbar wie ein Verhängnis ist ein„Naifgang', denn immer liegt Moränenfand im obersten Naiftal oder Naifjoch aufgespeichert. Da ragt eine rot- schillernde nackte Moränenwand von riesenhafter Ausdehnung. Ausgetrocknet durch eine Reihe regenloscr Tage, muß diese den Sonnenstrahlen ausgesetzte gewaltige kahle Wand beim Eintritt eines ausgiebigen Regens in sich zusammenstürzen, in der äußeren Schicht wenigstens, was vollauf genügt, um eine Katastrophe zu zeitigen, wie wir sie heute im Tal vor Augen hatten. Diese rote Wand bildet das linke, obere Naisufer, während zur Rechten der mächtige Jsinger fein leicht bröckelndes, weißes Gestein zu Tal sendet. Nicht ohne ein leichtes Grausen zu verspüren, sah ich, gerade als ich auf dem roten Boden nach der Pissinger Alm zu aufgestiegen war, einen gigantischen weißen Felsblock vom Massiv des Jsinger sich lösen und mir gegenüber unter betäubendem Getöse in die Dal- schlucht stürzen,—• Aus dem Tierreiche. is. Die Sinne der Insekten. Die Sinneswahrneh« mungen der Tiere lassen sich nur aus einem Umwege erforschen. Die anatomische Beschaffenheit der menschlichen Sinneswerkzeuge und der physiologische Vorgang, der sich in ihnen abspielen muß, dannt eine Sinueswahrnehmung zustande komme, ist der Maßstab für das, was wir von den Leistungen der tierischen Sinnesorgane zu erwarten berechtigt find. Soweit die Tiere unter ähn- lichen Bedingungen leben wie die Menschen, entwickeln sich auch die anatomisch- physiologischen Grundlagen ihrer SinueSwahinehmungen in ähnlicher Weise. Ein niederer Ent« Wickelungsvorgang eine« Organs berechtigt zu der Vermutung unvollkommener Leistungen. In einem Vortrag in„Ouekett Mikroskocial Elub' setzte Lewis feine Auffassung über den Vorgang des Hörens und Sehens beim Menschen auseinander, um dann einen Vergleich mit dem Tiere zu ziehen. Nach der Ansicht dieses Ge- lehrten versetzen gewisse Bewegungsvorgänge, die sich in der Außen- Welt abspielen, und die wir als Schall oder Licht bezeichne», bestimmte Teile des Ohres und AugeS in Mitschwingungen und leiten den physiologischen Borgang des Sehens oder Hörens ein. Es liegt nahe, anzunehmen, daß die Siimesorgane der Insekten z. B. aus Reize anzusprechen im stände sind, die beim Menschen nicht mehr wirksam werden. Die wesentlichen Teile des menschlichen Auges, die Hornhaut, die Linse, die Netzhaut, der Sehnerv und die für Sinneseindrücke empfänglichen Nervenzellen sind auch bei den Insekte» nachweisbar und zahlreiche Beobachtungen machen es wahrscheinlich, daß die Wahrnehmungsfähigkeit des Jnsektenauges sehr groß mrd deu Lebensbedingungen des betreffende» Tieres angepaßt ist. DieJnsekten haben zweifellos auch Gehörorgane, doch ist ihre Beschaffen- heit eine sehr voneinander abweichende. Viele haben mehrere Augen, andere scheinen mehrere Ohren zu haben. Zu letzteren gehören die Grad- flügler, doch wechselt die Zahl und Lage der Gehörorgane in den verschiedenen Familien. Bei einigen Familien finden sich zwei auf der Vorderseite jedes Beines, bei anderen ,tur zwei aus dem Rücken. auch gibt es zusannnengesetzte Gehörorgane, die zweifach vertrete» aus dem Schwänze sitzen. Außer dem Gesichts« und Gehörsinn ver- fügen die Insekten auch über Geruch-, Geschmack- und Tastsinn Die Wahrnehmung von Richtungen soll einigen Tieren durch einen be- sonderen Sinn vermittelt werden, der dem Menschen angeblich fehlt.- Humoristisches. — Aus der. Jugend': Sitzt da mit sorgenvoller Miene ein Rechtskandidat im Bahnhofrestaurant der alten Musenstadt H. Zufällig erscheint auch Professor£, der bei den Studenten beliebte Lehrer des Rechtskandidaten, und erkundigt sich teilnahmsvoll nach dessen Sorgen. .Ja Herr Professor, ich soll in vier Wochen in das Referendar- eramen steigen und in meinem Kopfe ist alles eine große Wüste." „Aber, mein Lieber," erwidert Professor 3E,.in einer Wüste gibt es doch auch Oasen." .Die gibt eS auch bei mir. Herr Professor, aber wenn die Kamele bei der Prüfung nur die Oasen finden wollten."—• Notize«. —.Ein Volks-Theater des Westens" soll Anfang September am Nürnberger Platz eröffnet werden.— —„Kinder", eine Schülerkomödie in vier Akten von Robert Misch, wird Anfang November im Reuen Theater ihr« Erstaufführung erleben.— —.Wo ist der Papa?", Burleske in drei Akten von Kolb und Coille» soll im Trianon-Theater aufgeführt werden.— —„Bor dem Schöffengericht", ein von Rechtsanwalt Armer verfaßter Einakter, sollte vom Breslauer Sommer- t h e a t e r aufgeführt werden. Die Zensurbchörde verbot die Aufführung ohne Angabe von Gründen.— —. Salamandra". ein Drama der italienischen Schrift- stellerin Clarice Tartufari, wurde vom Stuttgarter Hoftheater zur Aufführung angenommen.— — Ein neues Verfahren für die Ein st udierung von Musikaufführungen wendet der New Dorker Theater« Unternehmer Charles Frohmann an. Er hat in England eine Anzahl phonographischer Aufnahmen erfolgreicher Stücke an» fertigen lassen und sie nach New Dork geschickt, damit die Angehörigen seiner Bühnen danach ihre Rollen einstudieren. Mit den Ergebnissen ist er so zufrieden, daß er auf dem Kabelwege weitere phonographische Aufnahmen in London bestellt hat.— c. In New Dork gibt es etwa 100000 Kinder, die nicht zur Schule gehen, sondern auf den Straßen herum» laufen oder arbeiten und in den Fabriken beschäftigt sind. Bei einer in Cleveland angestellten Prüfung konnte von 144 Schülern im Durchschnittsalter von 14 Jahren nur ein einziger, ein Mädchen, eine Liste von 50 gebräuchlichen Worten ohne Fehler schreiben!— — Die Weinernte ist im südwestlichen Deutschland sehr gefährdet. Neben anderen tritt besonders die Blattfall- krankheit, deren Ursache ein kleiner parasitischer Pilz ist, außer- ordentlich stark aus. Von der Mosel wird berichtet, daß die Krank- heit sich in allen Gemarkungen verbreitet und durchweg schon drei Viertel des Traubenbehanges, teilweise bereits die g a u z e Ernte vernichtet hat. In einzelnen Bezirken ist sie auch auf die Kartoffel- felder übergesprungen.— — Bedeutende Schäden richtet in den Forsten Schlesiens die Nonne an. Zur Verbrennung der sfchädlichen Schmetterlinge werden nächtlich in den betroffenen Gebieten große Feuer an- gezündet.— — Upton Sinclair, der Verfasser von„Dds ckunxls", will in der Nähe New Dorks eine Kolonie gründen, deren Mitglieder zwar in separaten Häusern leben, aber Küche, Speise- und Gefellschastssäle sowie auch Dienstboten gemeinsam haben würden. Als Mitglieder find alle Klassen gedacht, die von eigener Arbeit leben müssen.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».Verlagsanstalt Paul Singer LcTo..BerlinLW.