Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 153. Freitag, den 10. August. 1906 (Nachdruck verboten.) � I�mcler der Gaffe. Roman von Charlotte Knoeckel. An der Tür auf der letzten Stufe der hohen Treppe stand Kamp mit der Pfeife. Bedächtig nahm er sie aus dem Mund.„Sie kommen all!" rief er in die Küche hinein, und rauchte dann weiter. Als die Paula mit dem Minchen ins Haus trat, nickte er ihr zu. Beim Christian nahm er die Pfeife aus dem Mund. „Na. Herr Lehrer?" sagte er und lachte. Der Luis aber streckte er die Hand hin:„Das is recht. daß Du auch kommst!" und er zerdrückte ihre Finger fast in seiner schwieligen Faust. «Na. na!" sagte Frau Kamp, die unter die Tllr>getreten war.„nit cso rauh. Vater!" Und sie führte das Mädchen ins Haus. „Ach, was is es schön bei Euch!" rief die Luis und tat einen tiefen Atemzug.„Tie groß Skub und eso in der schöne Luft!" „Ja, und unser Kuh, Luis!" Kamp stampfte mit dem Fuß auf den Boden:„Da drunte is sc!" Der Mann lachte übers ganze Gesicht. „Und da hinten naus is unser Gärtche...!" „Mit me Birnbaum, der schon blüht," warf das Minchen drein. „Und sechs Schemel Weinberg dahinter nauf," ergänzte der August. Die Luis muß alles sehen. Das Gärtchen und die Stuben und den Stall. Aber als es halb sieben war, stand sie auf.„Ich muß heim, Chrischan," sagte sie. Der wollte sich erheben. Die Paula aber hielt ihn am Nocke fest:„Geh, bleib Du doch noch. Es is eso schön allhier, der August kann ja mit dem Luis gehn!" Sie blinzelte dabei dem August mit den Augen zu, und als er eilig aufgestanden und mit der Luis zur Tür hinaus war, stieß sie den Christian an. „Merkst denn nit, daß de: en Bekanntschaft mit em Luis anfange will! Hä?" „Soo...!" sagte der Christian. Es war ihm seltsam beklommen zumute an der Seite der blonden Paula.-- Unterdes schritten die beiden schweigend in den Abend. Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden und aus dem Walde reckten sich dunkle Schatten. Rot leuchteten die Geranien an den Fenstern der rebcn- umrankten Häuser. Die Rebe war noch kahl. Die Luis dachte an die Paula: die will en Liebschaft an- fangen mit dem Christian, sagte sie sich und ein Gefühl des Unbehagens stieg in ihr auf. Es ist ja nur, weil se so en Mutter hat, daß mer so denkt, meinte sie. Das arme Tier, so en Mutter zu habe...! Aber wenn se nure sauber wär, und nit all ihr Geld so an Staat hänge wollt...! Da räusperte sich der August.«Was hast denn, Luis?" fragte er. „Ich dacht an es Paula, die will en Liebschaft anfange mit em Chrischan I" „Se sind noch e bisse! jung, meinst?" „Aber wenn se Spaß an enander habe.»>1" Sie schwiegen beide. Die Luis fühlte ihr Herz klopfen.„Ja, wenn se Spaß an enander habe!" wiederholte sie dann. Ihre Stimme klang rauh. Der August aber nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn. „Hm!"— Ihm war heiß, obwohl ein kühler Luftzug aus dem Tal kam. „Was denkst denn, Luis?" fragte er mit einem Male. „Ich?" Das Mädchen schrak zusammen. DaS Blut schoß ihr in die Stirn. „Ich weiß nit recht! Ich Hab an Euer Haus gedenkt und an es Gärtche und wie's mir so heimlich da war." „Möchtst auch eso wohne?" fragte der August. „Ja," nickte sie und tat einen tiefen Atemzug,„ich möcht Wohl... aber--!" »Na..." der August legte seinen Arm um des Mädchens Leib. Die überkam bei der Berührung eine Empfindung, als ob sie den Arm wegstoßen müßte, dann aber bemächtigte sich ihrer ein wohliges Behagen und raubte ihr die Kraft zu einem Widerspruch. Sie schloß die Augen und schritt langsam, von Augusts Arm gehalten, wie im Traum. Während einer ganzen Weile sprach keins ein Wort, dann plötzlich beugte sich der August zu ihr herab. Der Hauch seines Mundes berührte ihre Wangen. Sie öffnete die Augen erschreckt und weit.„Du, Luis," sagte er,„möchtest kein Bekanntschaft mit mir anfange?" „Ich...! Ach Gott...!" Sie löste seinen Arm von ihrem Leibe mit einem raschen, festen Ruck....„Ich... ich Hab ja kein Zeit!" „Na deshalb...! Ich mein ja nure so mal am Sonntag Nachmittag! Da könnten mer doch als mal zusamme gehn!" „Wo's Emma krank is und die Mutter-- du lieber Gott, Du weißt ja...!" „Ja!" Der August nickte, aber er legte aufs neue seinen Arm um des Mädchens Leib und zog sie dichter zu sich heran. Der Weg war schmal und die Dämmerung wuchs. „Ich weiß, daß De nit viel Zeit hast," sagte er,„aber für die Lieb, weist-- 1" Ein Schauer rieselte durch des Mädchens Leib bei den Worten. Sie biß die Zähne zusammen. Was war das in ihr? Es strömte so weich und warm auf und ab, daß sie am liebsten die Augen geschlossen hätte. Es kam etwas wie Müdigkeit über sie. Sie hatte eine Empfin» dung, als ob ihre Füße schwer würden wie Blei. Und dann plötzlich kam die Angst über sie. Die Angst vor diesem seltsamen Zittern und Beben ihres Leibes. Was war das nur? Sic kannte sich nicht wieder. Und sie richtete sich steil auf. Das Blut schoß ihr in Wangen und Stirn. Wenn er mich geküßt Hütt, jetzt?... Sic fühlte, wie ihre Wangen brannten vor Scham. Ich hätt's mir gefallen lassen, dachte sie, ich hätt's mir gefallen lasse, ich hätt am End gar—!! Sie dachte nicht mehr weiter. Sie quälte sich nur, seine Hand von ihrem Kleid zu lösen und dabei schluckte sie ein paarmal hintereinander, denn sie hatte die Empfindung, als säße ihr etwas fest und schwer in der Kehle. „Geh, las mein Hand doch," sagte der August und seine Stimme klang weich. Sie fühlte wieder die aufsteigende Mattigkeit in ihren Gliedern, aber sie biß die Zähne zu- sammen. „Ich will nit," fajjte sie,„ich mag das Scharwänzeln nit!" Da gab er sie frei. Und sie senkte traurig den Kopf und seufzte. Es war doch schön vorhin! dachte sie. „Willst also nit mit mir gehn?" fragte der August nach einer Weile. Da sah sie ihn erschrocken an. „Doch, aber Du mußt mich nit anfasse, des... des mag ich nit!" „Na dann-- 1" Der August lachte.„Aber am Sonn« tag gehst als mal mit mer spaziere, gelt?" Sie nickte. „Und als emal abends unter der Tür stehn tust auch mit mer?" Sie nickte wieder. Und dann waren sie in der Stadt. Zwischen den Häusern lag die Nacht, spärlich erhellt vom Laternenlicht. Und als fürchte sie sich, schritt die Luis rascher aus. „Was hast denn?" fragte der August. „Ich muß machen, daß ich heimkomm," sagte das Mädchen und ward rot dabei. Die Furcht, daß er sie an sich ziehen und sie küssen möchte, hatte sie gepackt. Ein Kuß vom August! Ein Schauer, ein seliges Beben durchfloß ihren Leib bei dem Gedanken, aber ein zähes Widerstreben reckte sich dagegen. Nein, nein! Keinen Kuß! Keinen Kuß! Und dann standen sie unter der Einfahrt. „Gut Nacht," sagte die Luis und streckte dem Burschen die Hand hin. Er empfand ihren kurzen heißen Atem. „Gut Nacht," sagte er und preßte ihre Hand, aber nur eine Sekunde lang hatte er ihre kalten Finger gefühlt, da war sie auch schon verschwunden. Einen Augenblick starrte er vor sich nieder. Jetzt is es Luis meine Liebste, dachte er und eine tiefe Wehmut war in ihm bei dem Gedanken. Er hätte weinen können. Meine Liebste is se, ja... aber— sie hätt mir doch en Kuß vergönnen könne, oder hätt ich se packe solle, so um die Schultern und er einfach en Kuß geben müsse? Aber wenn sie sich's nit gefallen gelassen hätt?-- Eine Träne kam in Augusts Augen. Eine Weile stand er noch in der dunklen Gasse, dann ging er zurück auf die Haardt. Hinter der Maxburg stieg schon der Mond auf, als er sich auf der Höhe des Burgwegs uniwandte. Die Stadt zu seinen Füßen lag im Lichtflimmer von tausend Laternen. Da drunte versorgt die Luis jetzt es Emma. Es fiel ihm ein, daß er am Ende hätte zu der Kleinen hineingehen und ihr gute Nacht sagen können. Es hätt sich gefreut! dachte er, und während er seinem Elternhaus zuschritt, kamen seine Gedanken nicht von der Emma los. Das macht Wohl nit mehr lang mit, en paar Woche vielleicht...? Daheim traf er den Christian und die Paula nicht mehr. „Aber ich Hab se doch nit begegnet!" sagte er. „Kein Wunder! Es Paula wollt ja über de Ludwigs- platz," antwortete das Minchen, mit Tränen in den Augen. „Hm!" Ter August räusperte sich.„Das Paula...1" brummte er,„is en ander Sort wie die Luis, en bequemere, aber-- 1" Er schnippte mit den Fingern. (gortsetzuiifl folgt. 1 Mchdruck verboten) Der paragrapbcn-Sepp. Von Lina Leibi. „Paragraphen-Sepp,"— diesen Spitznamen haben die Leute dem Joseph Ueberacher, seine? Zeichens Kleingiitler, gegeben, weil er in Strafsachen gar so gut bewandert war. Heber alles und jedes, über jede Handlung oder Unterlassung hat er Bescheid gewußt und hat die Dörfler drüber aufklären können, welcher Paragraph da grad passend war. Eigentlich wäre nun des Sepp paragraphische Wissenschaft nicht so verwunderlich gewesen, da er Gelegenheit hatte, diese Wissenschaft direkt aus der äCuelle zu schöpfen, d. h. sich im Besitze eines D. R.-St.-G.-B.(Deutschen Reichs-Straf-Gesetzbuches) befand. Das Interessante an der Sache war nur, wie er zu diesem für ihn so wertvollen Buche gekomme». Kommt er da einmal in die Stadt, woselbst er auf dem Gericht was zu tun hatte. Wie er im Amtsgerichtsgebäude sorgenvoll über den Ausgang seines Prozesses die alte, steinerne Stiege hinanstapft. sieht er in der Fensternische des Treppenabsatzes ein Buch liegen. Neugierig und wißbegierig, wie der Sepp schon von klein auf ist. nimmt er das Buch in die Hand und blättert ein wenig drin rum. Da findet er zu seiner größten Befriedigung heraus, daß es ein D. R.-St.-G.-B. ist.„Wem gchört jetzt wohl dies Büachl?" frägt er sich.„EinemfHerrn vom Gericht einmal nit. Die haben extra einen Schrank, wo sie ihre Schriften und Bücher drin aufheben können. Hätten somit keine Ursach, so ein wertvolles Büachl heraußen rum fahr'n zu lassen. Wenn es aber keinem Gerichtsherrn g'hört, nachher muß es einem Andern g'hören, der es in seiner Vergeßlichkeit da liegen hat lassen. Na, ich schätz, der hat es zum letzten Mal g'sehn, sein Büachl. Denn wenn ich es nit mitnehm, nachher schiebt es halt einfach ein anderer ein, der gerade zufällig darüber kommt." Also steckt es der Sepp ein. Versteht sich hat ihm die Lektüre des Buches, in die er sich bei seiner Nachhausekunft sofort vertiefte, große Freude gemacht und versteht sich hat er auch später immer wieder fleißig drin nach- geschlagen. Es hat ihn auch einmal einer geftagt, wo er denn das Buch her hätte? Da wär' er bald in schöne Schlamassen kommen. weil man doch nicht lügen darf; dies wär doch eine große Sünd' g'wesen. Sagen hat er's aber aucb nicht gern wollen, auf welch' unverhoffte Weise er dazu kommen ist. Weil man's halt doch nicht wissen könnt', ob nicht am Ende gar da drüber, über eine so seit- fam Besitzergreifung, ein Paragraph im Buch drin angeführt wäre. Zum Glück hat er dann doch einen Ausweg gefunden, indem er dem fürwitzigen mit der unschuldigsten Miene von der Welt zur Antwort gegeben hat:„Wo ich dies Büachl her Hab? Dies Hab' ich mir mitg'uommen, wie ich's letztinal in der Stadt drin g'wesen bin." Bei dieser Auskunft hat also der Sepp nicht gelogen. Wenn der fürwiyige Fragesteller gemeint hat, er hat das Buch von einer Buch- Handlung mitgenommen bezw. gekauft, so ist dies seine Sach g'wesen. Meinen kann ein jeder Mensch was er mag. Eines schönen Tages kommt der Sepp zum Lehrer. In seine Privatwohnung, weil es sich auch um Privatangelegenheiten ge- handelt hat, nicht wie sonst um Gemeindesachen, die immer in der Schulstnbe erledigt wurden. Also der Sepp kommt in die Wohnstube, sieht dies und sieht das, bewundert dies Stück Möbel und gefällt ihm ein anderes gar wohl, denn bei so einem Lehrer, da gibt's halt alleweil was zum Schaue«! der hat halt doch eine viel schönere Einrichtung, als wie sie bei den Bauern heute der Brauch ist; da geht's schon ein bißl „herrisch" zu. Auf einmal aber, da schaut und schaut der Sepp und seine Augen werden schier so groß wie ein paar Salzbüchseln. Und dabei reißt er auch's Maul sperrangelweit auf und vergißt vor lauter Schauen ein schönes Zeitl auf's Zumachen. Sieht er da an der Wand dran ein Bild hängen— ein Bild, ein großmächtiges.— „Sakrati— da muß ich gleich ins G'setzbüachl einischau'n, wann ich heimkomm!" nimmt der Sepp sich vor, nachdem er sich vom größten Staunen ein wenig erholt gehabt hat. Und richtig, wie er dann heimkommt und sein Borhaben aus» führt, wie er im D. R.-St.-G.-B. unter den Verbrechen und Ver- gehen wider die Sittlichkeit nachschlägt, findet er den K 184. Der paßt, wie wenn er extra für den Fall gemacht wär! Na, vorderhand will er noch stad sein bei der Sach. Ans freien Stücken will er keinen Unfrieden anfangen. Aber merken will er sich's I Sobald der Lehrer seinen Kasperl wieder einmal scheel anschaut oder gar beim Ohrwaschel packt, oder sowie er sein Vikerl wieder mitten unter der Schul heimschickt mit dem Austrag, sie soll sich waschen und kämmen lassen,— nachher kann er sich aber g'freunl „SchnNehrer, da wirst eS nachher inne, wegen was der Para- graph 18 4 g'macht ist! So ein'Schandbild in eine Wohnstube hineinhängen I Wo eine junge Mutter drauf abgebildet ist, wie sie grad ihr Kind stillt I Wenn so was kein öffentliches Aergernis wär! Muß ja einem jeden ganz heiß auffteigen, wenn er einen solchen„Saustall" anschau'n muß!" • Ein paar Tage d'rauf geht der Sepp am Großwirt seinen Kuhstall vorbei, aus dem eben der große„Preisstier", der zugleich Gemeinde- bulle ist, heraus- und in den.Stierstand" hineingetrieben wird, der an der Außenwand des Kuhstalles angebracht war und woselbst eine Kuh, auch ein wahres Prachtexemplar, laut blökend seiner harrt. Ein ganzer Haufen Dorfkinder steht herum und folgt höchlichst interessiert dem Vorgang. Auch der Sepp bleibt nun stehen und ergötzt sich an dem Anblick„der Prachttiere". Für ihn, als gewiegten Viehkenner, hat die Sache doppeltes Interesse. Steigt auch der Schneider- Girgl daher, der erst kürzlich von den Soldaten zurückkommen ist und der sich deshalb einbildt hat, er ist ein ganzes Trum gescheiter wie die andern Dörfler. Der ftagt den Sepp, verschmitzt auf die Gruppe blinzelnd: „Du, paß auf— Sepp— unter was für einen Paragraphen g'hört denn dies Schaustück?" „Dies?— Da drüber, da gibts keinen Paragraphen. Dies ist a natürliche Sach!" bescheidet der Sepp im Bewußtsein seiner unanfechtbaren Sachverständigenwürde den Wißbegierigen. Heut ists gefehlt gewesen! Heut hat richtig der Paragraphen- Sepp selber einen Strafzettel kriegt. Drei Mark haben sie ihm naufpelzt und zwar wegen Uebertrewng des§366, Abs. 10—„wer die zur Erhaltung der Reinlichkeit auf öffentlichen Plätzen und An- lagen usw. erlassenen Polizeiverordnungen übertritt"—. Die Strafe an und für sich hätte der Sepp nun gar nicht ein- mal so ungerecht gefunden. Er weiß, daß er sich gegen den an- gegebenen Paragraphen versündigt hat und das Gewissen hat ihn auch schon gedrückt darüber. Von dem Augenblick an schon, wo er und der Bergbauer den gemeinschaftlichen Heimweg von der Stadt aus angetreten haben und wo sie alle zwei mit einander noch ein wenig unter dem Torbogen stehen geblieben find. Und woselbst sie dann von der Stadtpolizei auf frischer Tat ertappt und auf- geschrieben wurden; eben wegen Uebertrewng des genannten Para- graphen. Der Sepp fügt sich daher auch im großen Ganzen in sein un- vermeidliches Schicksal; bloß dies will ihm nicht in seinen Kopf hinein, daß er, der notige Häuter, der er gewesen ist, grad so viel Strafe zahlen sollt, wie der geldige Bergbauer. „Muht jetzt Du wirklich auch nit mehr Straf zahl'n, als wie ich?" erkundigte er sich zweifelnd bei seinem Schicksalsgenosien. „Warum sollt denn ich mehr zum zahlen haben?" hält der Bergbauer ihm entrüstet entgegen.„Ich Hab doch auch nit mehr ang'stellt, wie Du! Sind wir ja in einem Eck drin g'standen, schau|" Seil schon. Sie haben das gleiche Vergehen begangen, aber gestraft, im eigentlichen Sinne des Wortes, das ist nur er. der Sepp, gewesen. Eine Strafe soll nach des Seppens Anschauungen doch den Zweck haben, datz man fie auch empfindet, daß man was „g'spürt" davon. Und das hat nur bei ihm allein zugetroffen. E r hat seine Strafe gespürt, während sie an dem Bergbanern völlig spur- und eindruckslos vorüber gegangen ist. Ihm, bei seinem geringen, schon mehr dürstigen Einkommen, haben die 3 M. Strafe, die er zahlen hat müssen, iveher getan, als dem reichen Bergbanern 30 M. getan hätten. Bei solchen und ähnlichen Erwägungen ist der Sepp sogar noch ins Philosophieren hineingekommen. „Dies ist grab das nämliche Verhältnis, als wie wenn man einen Hund mit der Gerte eine imbersalzt," hat er dem Bergbauern zum befferen Verständnis auseinandergesetzt.„Dem luts weh, dem Hund. Währenddem einen Ochsen, den juckts grab ein bihl auf der Haut und ein Elefant, der g'spürt überhaupt nix mehr davon." Nach diesem untrüglichen Schlüsse ist der Sepp dann auch noch zu dem weiteren Schlüsse gekommen, datz das D. R.-Str�G-B. irotz seines gediegenen, reichhaltigen Inhaltes doch noch recht viele Fehler und Mängel aufzuweisen hätte, und er hat sich daraus dann auch seine Nutzanwendung gezogen, die in dem Ausspruche gipfelte: „Sell seh ich schon, daß alle Paragraphen miteinander nit viel laugen. Ich schätz halt: der Hauptparagraph und der einzig richtige wird der sein: Latz dich nit erwischenl"— Kleines f emlletom hg. Frauenpoesie bei den Naturvölkern. Ueber dieses Thema sprach Professor Dr. Andres- München auf dem Deutschen Anthropologentag in Görlitz. Zunächst betonte er, datz das Epos und Drama unberührt bleibe, die Frage nach einem weiblichen Homer, Goethe oder Shakespeare ist noch eine Frage der Zukunft. Bei den Naturvölkern finden wir Frauen in derselben Weise dichterisch tätig, wie die Männer; freilich ist der nur selten vorkommende Reim und der Rhythmus von besonderer Art, aber bei Frauen und Männern in gleicher Weise. Die poetischen Erzeugniffe sind immer improvisiert, nur bei den Kultushandlungen findet sich traditionelle Poesie vor; bei den improvisierten lyrischen Gedichten ist der Dichter und die Dichterin gleichzeitig auch immer Sänger und Komponist. Bei einzelnen Völkern treten lediglich Frauen und Jungfrauen dichtend auf, so bei den Guyana-Jndiancrn und den Kamschageli; berühmt ist die„Goldblume" auf Haiti, die bei ihrem Volk zu hohem Ansehen gelangte; weil sie durch ihre Gesänge zum Kampf gegen die weitzen Eindringlinge aufforderte, wurde dies Heldenweib im Jahre 1535 von den Spaniern gehängt.— Auch bei den Völkern, bei denen Männer als Dichter auftreten, sind den Frauen allein vor- behai en zunächst die Wiegenlieder. Ebenso sind die Spiellieder allen Sache der Frauen. Hier finden wir eine ganze Reihe von Parallelen, die uns zeigen, wie manche Spiele und Lieder durch weite Länder hindurch gehen. So finden wir das bekannte euro- päischc Spiellicd:„Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen usw." etwas abgeändert, aber unverkennbar wieder bei den Suaheli in Südost-Afrika und bei den Kurbsch in Ostindien. Ebenso finden wir das bekannte Gänsespiel auch bei den südostafrikanischen Ba- ronga und bei den Tschuitschen an der äutzersten Nordspitze Asiens, an der Behringstratze.. In dem grotzen Kapitel der Liebesgedichte finden wir alle Uebergänge von den einfachsten Anfängen bis zu den zartesten Blüten der Empfindung. Wir finden Ausdrücke, die an die feinsten Empfindungen erinnern. Selbst bei den Indianerinnen, die in bezug auf die Liebeslieder nicht be- sonders hoch stehen, sind die Ausdrücke für Liebe so mannigfaltig, daß wir kaum mit unfern europäischen Ausdrücken heranreichen. Diese Liebeslieder beginnen schon im zarten Alter, da das Mädchen bei den Indianern zwanglos und frei ist, bis sie als Frau in das Eigentum eines Mannes übergeht. Auch der schwarzen Rasse fehlt nicht das poetische Talent.— Unter den afrikanischen Völkern stehen die Hamiten über den Negerinnen, und speziell zeichnen sich die Somali-Frauen durch tiefe Liebesgedichtc aus; sie bevorzugen die Krieger, haben also wie unsere Mädchen Interesse für zweierlei Tuch.— Ich übergehe die Rache- und Eifer- suchtslieder; das menschliche Mitleid hingegen macht sich besonders bei vielen Frauen bemerkbar. Mungo Park erzählt, oatz er einst am Niger beraubt und fast verhungert am Wege lag; eine alte Negerin fand ihn und brachte ihn in ihre Hütte. Als er wieder zu sich kam, hört« er die Alte singen, und zwei andere in der Hütte anwesende Weiber fangen den Refrain mit. Das einfache Lied lautete:„Der Wind heulte, der Regen fiel, der arme weitze Mann lag natz unter unserm Baum; er hatte keine Mutter, die Milch zu ihm brachte, kein Weib, das Korn für ihn mahlte. Refrain: Habt Mitleid mit dem weitzen Mann!"— Von den Klageliedern, die nicht nur Totenklagen, sondern auch durch den Glauben an Dämonen veranlatzt sind, erwähnte der Redner ebenfalls einige. Eine Negerin singt an der Leiche deS Manne?:„Verlassen hast du mich, mein Gatte. WaS soll ich nun beginnen? Du hast mich er- nährt; jetzt werde ich verachtet." Eine Maori-Frau auf Neusee- land klagt:„Ich weine um die Kinder, die nun an mir hängen, beraubt ihreL Vaters, dex still jetzt und tot. Kehr wieder, kehr wieder zu deiner Behausung, der Stätte, wo mein Herz so fest dich umschlang. Dahin ist der Sänger, der den Morgen begrüßt, ver- lassen für immer, die heitz ihn geliebt."— Den Schlutz in der Stufenfolge mögen Arbeitslieder bilden, die nach einer freilich be- strittenen Theorie bei den Frauen am meisten auftreten, weil die Frau die am meisten arbeitende ist, und der Rhythmus der Arbeit mit dem des Liedes zusammenfällt. Am stärksten treten Lieder hervor, die sich auf das Nahrungsmittel bezichen; ein Beispiel sei das Lied der Araukanerinnen:„Wir reihen den Weizen für den Fremden, der von weit hergekommen ist; möge das Mehl recht weih für ihn werden und angenehm schmecken; denn er brachte UNS Glöckchen und gab uns Perlen für unser Haar."— Wenn wir das vorhandene Material sichten, so finden wir neben recht ein- fachen Sachen tiefere und feinere Empfindungen, die bei den Natur- Völkern zu vernehmen wir uns freuen. Jedenfalls aber ist eine Skala vorhanden: Am tiefsten stehen die Australierinnen; dann folgen die Negerinnen und Indianerinnen; höher stehen die drawi- dischen Eingeborenen Ostindien?, und am höchsten stehend finden wir die Polynesierinnen.— — Nrwalb-Neservationen. Auf der letzten Jahresversamm- lung des Schweizerischen Forstvereins regten zwei hervorragende Kenner des Forstwesens, Henri Badoux und Robert Glutz, an, nach dem Beispiele anderer Länder auch in der Schweiz einige typische Waldgebiete(je etwa 20— 100 Hektar) dauernd jedem menschlichen Eingriffe zu entziehen und im Urwaldzustande den kommenden Zeiten zu erhalten. In der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen findet sich nun eine interessante Begründung dieser Anregung.„Der Gedanke, jeden Fleck Erde von Menschenhänden umgewühlt zu sehen, hat für die Phantasie jedes natürlichen Men- schen etwas grauenhaft Unheimliches", schrieb W. H. Riehl schon vor 40 Jahren,„und wenn sich der Volkswirt noch so sehr sträubt und empört wider diese Tatsache, so muh der volksforschende Sozialpolitiker trotztwjn beharren und kämpfen auch für das Recht der Wildnis". Den bosnischen Urwald nennt Dimitz„einen klassischen Zeugen dafür, datz die Natur der beste Baumeister des Waldes ist, und datz, wenn wir ihr in dieses edle Handwerk pfuschen sollen, wir ihr Meisterzeichen zu ehren und ihr zu folgen haben". Aber wie können wir das Beispiel der Natur studieren. wenn in lveiten Landstrichen kein natürlicher Wald mehr zuf finden ist, sondern nur der Kulturwald, wie er durch die Tätigkeit des Forstmannes, durch Schlagführung und Pflanzung entsteht? Ur» waldgebiete, von denen jeder menschliche Eingriff ferngehalten wird, würden zu einem ungemein wertvollen Studienobjekte für den Waldbau. Gradmann, einer der scharfsinnigsten unserer Pflanzengeographen, hält für den sichersten Weg, das Problem der Urvegetation zu lösen, den Weg des Versuchs... Was nun die Schweiz betrifft, so wird man den Einwand erheben, datz dort eigentliche Urwaldhestände nicht mehr zu finden sind. Das dürfte auch richtig sein, insofern man unter Urwald völlig unberührtes Waldgebiet versteht. Das Wesen des Urwaldes liegt aber— worauf schon Rotzmätzler aufmerksam machte— in erster Linie. in seiner Selbstverjüngung an der Stelle, wo er entstanden, ohne datz durch künstliche Schlagstellung, Saat oder Pflanzung einge- griffen worden ist. Das schönste Beispiel eines solchen Urwaldes bieten die amerikanischen Nationalparks, wo die heimische Pflan- zen- und Tierwelt, geologische Merkwürdigkeiten und malerische Landschaftsbilder den kommenden Generationen unverändert er- halten werden; Kanada hat vier solcher Parks, die Vereinigten Staaten sechs, wovon der älteste und hekannteste der Velloivstone- Park ist, der in der Größe von mehr als ein Fünftel der Schweiz auf Initiative des Geologen Hahden 1872 durch Gesetz jeder Be- siedlung und Kultur entzogen worden ist. Im grotzartigcn Matz- stabe der Amerikaner läßt sich natürlich in Europa nichts machen; in bescheidenerem Rahmen sind aber doch verschiedene bemerkens- werte Versuche zu verzeichnen. In England hat eine Gesellschaft den Brandlchow-Park in Cumberland, einen Urwald von zirka 50 Hektar, um mehr als 120 000 M. angekauft, um ihn als Nationaleigentum zu erhalten. Frankreich hat Waldgebiete, die wegen der Schönheit der Bäume oder der Landschaft von der Axt verschont bleiben, bis ein natürlicher Tod die Stämme zu Boden wirft. Solche Bestände finden sich z. B. in den Waldungen von Fontainebleau(1616 Hektar, doch nicht zusammenhängend), von Cvmpiegne(700 Hektar) usw. Aus Oesterreich ist der Urwald' deS Fürsten Schwarzenberg am Kubanh im Böhmerwald bekannt (zirka 50 Hektar). Seit zwei Jahren hat auch der Fürst von Liechtenstein in seinen Waldungen am Altvatergebirge eine Fläche von 172 Hektar ganz dem Betriebe entzogen und zum Urwald be- stimmt. In einem kleineren Waldgebiet am Eichberg in Böhmen ist seit einigen Jahren die Natur ebenfalls völlig sich selbst über- lassen. In Deutschland gibt es ursprüngliche Waldflächen in Oldenburg. In Preutzen bleiben urwaldartige Bestände in einigen Staatswäldern wenigstens vom Kahlhieb verschont. Auch bei Tegernsee in Bayern gibt es Urwaldbestände. Was in anderen Ländern verwirklicht wurde, wird nun auch für die Schweiz an- geregt. In Betracht kämen hier vor allem einige Gebiete im Jura und in den Voralpen, wo Fichte, Tanne und Buche natürlich vor- kommen; sodann BestckMc an der oberen Waldgrenze mit Lärchen» oder Arvenwuchs, vielleicht auch mit einem Stück bisheriger Weide; ferner etwa ein Bestand der aufrechten Bergföhre oder der gemeinen Föhre, die mit so großer Zähigkeit die unfruchtbaren Schuttkcgel in den größeren Alpentälern besiedelt; vielleicht endlich ein typischer Auenwald oder Erlenbruch längs einem noch nicht verbauten Flußufer.— Physiologisches. hl. Der Wert des Schlafes. In der Jahresversamm- lung der„British Association" hielt Dr. T. Dyke Acland einen Vortrag über den gesundheitlichen Wert der Ruhe, der allgemeines Interesse verdient. Seine Ausführungen gipfelten in der Forde- rnng einer längeren schlafzeit, besonders für die noch in der Entwickelung begriffenen Schulkinder. Seine Schlußsätze lauteten: 1. Genügende Ruhe ist eine physiologische Notwendigkeit, vor allem für die, die die körperliche Reife noch nicht erlangt haben. Kurze Schlafzeit führt zu einer Herabsetzung der Lebenskraft des Körpers und zur Verlangsamung der körperlichen und geistigen Entwickelung. 2. Einem Kinde den schlaf beschränken, heißt sein Wachstum beschränken. Es ist dies ein sehr schädlicher Weg, ihn Selbstbeherrschung zu lehren, der sicher keinen Erfolg haben wird. 3. Einem Kinde genügenden Schlaf gewähren, heißt nicht, es an ein Sichgehenlassen gewöhnen, sondern nur, es lehren, wie es für seinen Körper zu sorgen hat. 4. Es ist genau so grausam, ihm den Schlaf zu verkürzen, als wollte man ihm nicht genügende Nahrung gewähren. Wenn ein Knabe, so führte der Vortragende dazu etwa aus, eine öffentliche Schule besucht, so hat er gewöhn- lich seiner Körperlänge noch einen Fuß hinzuzufügen, und zur selben Zeit soll sich sein Geist entwickeln; aber die Schlafperiode ist die Zeit, in der die körperliche Entwickelung sich vor allem voll- zieht, und wenn sie über das natürliche Maß verkürzt wird, so leideu Körper und Geist gleichermaßen; die Folge kann ein völliger Zusammenbruch sein, oder die geistige und körperliche Leistungs- fähigkeit kann fiir das ganze Leben beeinträchtigt werden. Acland führte eine Reihe von Tatsachen an, die beweisen, daß die Folgen � eines zu kurzen Schlafes Abgespanntheit, Reizbarkeit und Un- gcnauigkeit der Arbeit sind. Er zeigte z. B. die Schrift eines Schülers, der allzu früh in die Schule kommM mußte; sowohl in der Schönheit der Schrift wie in der Orthographie machte sich deutlich eine Verschlechterung bemerkbar, so lange der Knabe nicht genügenden Schlaf hatte, während sofort eine allgemeine Besse- rung eintrat, als ihm eine genügende Ruhezeit zugestanden wurde. Andere Gelehrte haben Experimente mit Erwachsenen mit dem gleichen Resultat gemacht. Dr. Couston behauptet, daß sich im Laufe der letzten dreißig Jahre im Leben des Volkes deutlich eine Abnahme der körperlichen Ausdauer bemerkbar mache, die auf den- selben Grund zurückzuführen sei. Die öffentlichen Schulen bil- beten in dieser Beziehung eine große Gefahr. Von vierzig Schu- len, von denen Acland Auskunft erhalten konnte, kamen nur acht • auf das richtige Maß. Der Redner hat auch 27 Schulärzten die Frage vorgelegt, welche Schlafzeit sie für Schulkinder für ge- nügend hielten; elf forderten zehn Stunden Schlaf, acht bis 10, sechs 9— 10% und vier 9 als Minimum. Keiner sah weniger als 9 Stunden als genügend an. Acland hat sich ferner an eine Reihe verdienter englischer Gelehrter gewandt, um ihre eigenen Ersahrungen auf diesem Gebiete kennen zu lernen, und er er- hielt von allen Seiten dieselbe Antwort; sie alle forderten, daß den Schulkindern die Schlafzeit nicht beschränkt werden dürfte. Es ist schwer zu entscheiden, ob wir überhaupt zuviel schlafen können— Schulkinder können es sicher nicht. Acland wandte sich sehr encr- gisch gegen den„Aberglauben vom Frühaufstehen". Es wäre auch ein beklagenswerter Irrtum, anzunehmen, daß körperliche Ucbun- gen den Mangel an Schlaf ersetzen könnten. Körper oder Geist zu üben, ohne der nötigen Ruhe zu pflegen, hieße die Kerze an beiden Enden anzünden. Nicht weniger wichtig als die Quantität des Schlafes ist seine Qualität; ein durch Lärm, Kälte, Licht oder Schmerzen gestörter Schlaf gewährt natürlich nur geringen Nutzen. Im Winter braucht man mehr Schlaf als im Sommer, und auch die alte Erfahrung ist richtig, daß der Schlaf während der ersten Stunden der gesündeste ist. Der alte Volksglauben an den Schlaf vor Mitternacht, so schloß der Redner, ist eine sehr richtige Physio- logische Erkenntnis.— Ethnographisches. \v. Das Tragen der kleinen Kinder wird von den verschiedenen Völkern auf sehr verschiedene Art vollzogen. Wäh- rend die deutsche Mutter im allgemeinen ihr Kleines einfach auf den Arm setzt, haben die Frauen niedrigerer Rassen allerhand Vorrichtungen erfunden, das Jüngste auch während der Arbeit bei sich zu haben. Um im Gebrauch der Hände unbehindert zu sein, steckt die Mutter das Kind in Tücherschlingcn oder in auf dem Rücken befestigte Korbgeflcchte; auch läßt sie es auf der Schulter oder dem Nacken reiten. Die Guajaraja-Jndianer setzen die Säug- linge in ein breites Tuch, das wie eine Schürze überschlagen wird. Die Toba-Frauen in Paraguay binden eine aus Rinden gefertigte Matte um den Oberkörper, setzen das Kind hinten hinein und stützen es von unten mit der Hand. Bei den Malayen auf Mada- gaskar trägt die Mutter ihr Kind in einer Leibbinde. Die Chinesin legt das ihre in ein viereckiges Tuch, von dem zwei Zipfel über der Brust, zwei über den Hüften der Mutter festgebunden werden. Ein sehr praktisches Traginstrument ist die Kaffernwiege. Sie wird aus Antilopenhaut in Form einer Kiepe gefertigt. Um den Hals des Kindes wird sie zugeschnürt. Die Vorderseite ist mit bunten Glasperlen verziert. Vier Riemen dienen zur Befestigung. Die Mutter schnallt den Behälter quer über den Rücken. Diese Trageart ist überhaupt in ganz Afrika verbreitet; nur die Suda- nesen. die Niam-Niam und Araber lassen das Kind auf der Hüfte reiten. Noch seltsamere Tragarten findet man bei den Nomaden- stämmen. Die Lappen hängen das Kind in der Wiege an die Seite des Renntiers, das die Mutter am Zaum führt. Die Eskimofrau trägt ihr Kleines sogar im warmen, weichgefütterten Stiesel, und zwar steckt sie es seitwärts am Bein hinein. Die Kamtschadalin legt den Säugling in die am Nacken hängende Kuklunka, eine große Kapuze. Die Sioux-Jndianerin hat wieder eine Art Kapsel, in der sie das Kind über den Rücken und an die Wände des Zeltes hängt. Selbst Europa kennt noch verschiedene Tragarten. Die Schweizer Sennerin hält das in der Wiege ruhende Kind im Gleichgewicht auf dem Kopfe. Die Römerin hält den festgebündclten Säugling im Arm, aber— mit dem Gesicht nach unten. Die Serbin hängt ihn in einer wollenen Tasche über den Rücken, die Norwegerin macht es ebenso, benutzt jedoch einen Lederbeutel.— Technisches ie. Das Zersägen von Metallen. Metallsägen werden jetzt in der Industrie vielfach benutzt, beispielsweise in den Werkstätten von Krupp sogar zur Zerkleinerung von Panzerplatten. Das Verfahren besteht darin, daß große eiserne Scheiben, die am Rande nicht Zähne tragen, wie sie die eigentlichen Sägen besitzen, mit großer Geschwindigkeit in Drehung versetzt werden, so daß sie selbst den härtesten Stähl rasch zerschneiden. Bisher ist angenommen worden, daß der Amerikaner Reese in Pittsburg vor etwa 25 Jahren solche Scheiben zuerst benutzt hat. Bei seinen Versuchen gebrauchte er eine Scheibe von 1 Meter Durchmesser und i1/� Millimeter Dicke, die sich mit solcher Geschwindigkeit drehte, daß ein Punkt ihres Umfanges in einer Minute 760 Meter zurücklegte. Bei jenen ersten Experimenten zerschnitt eine solche Scheibe einen Stahlbarren von 4 Zentimeter Durchmesser in der Zeit von 2 bis 10 Sekunden. Jetzt werden bei Krupp Panzer« platten von 15 Zentimeter Dicke und 3 Meter Breite durch eine Scheibe mit einer Geschwindigkeit von 80—135 Metersekunden in etwa einer Stunde zersägt. Eine Verbesserung dieser Metallsägen ist eigentlich nur insofern erfolgt, als man heute dem Rand der Scheibe eine leichte wellige Biegung gibt, wodurch ihre Wirkung verstärkt wird. Ein Mitarbeiter des„KoSmos" macht darauf aufmerksam, daß die Erfindung eigentlich auS dem Jahre 1823 stammt und einen Tischler aus Cornwallis zum Urheber gehabt hat. Ein Jahr später unternahm dann der Physiker Colladon in Genf zu- sammen mit Darrier eine Reihe von Experimenten, um die auf- fällige Erscheinung zu untersuchen. Dieser Forscher stellte fest, daß eine Scheibe von 20 Zentimeter Durchmesser bei einer Umlaufs- geschwindigkeit von 10 Metersekunden ihrerseits durch ein Stück Stahl, das mit ihr in Berührung gebracht wurde, an- gegriffen und abgeschliffen wurde. Steigerte man aber die Ge- schwindigkeit mehr und mehr, so verringerte sich diese Wirkung auf die Scheibe, und bei einer Geschwindigkeit von 21 Metersekunden an blieb die Scheibe selbst unbeschädigt und nunmehr wurde das Stahlstück angegriffen. Die Theorie dieser sonderbaren Fähigkeit einer einfachen Scheibe ist bisher noch nicht ergründet worden; das wird dadurch begreiflich, daß sich der Vorgang überhaupt schwer beobachten läßt. Es spritzen nämlich bei dieser Sägcarbcit nach allen Richtungen so viele blendende Funken umher, daß es unmöglich wird, das Auge ans die betreffende Stelle, wo die Arbeit erfolgt, zu fixieren. Erklärungen hat mgn zivar gesimden, aber sie sind nicht vielmehr als Vermutungen. Das Wunderbare besteht eben darin, daß infolge der hohen Umdrehungsgeschwindigkeit eine weichere Maffe imstande ist, eine weit härtere durchzuschneiden. Am ehesten kann man sich den Borgang wohl so vorstellen, daß durch die Reibung eine so große Erhitzung entsteht, daß das in Ruhe bleibende Metall an der betreffenden Stelle anschmilzt und auf diese Weise allmählich zerschnitten wird, während sich die Scheibe selbst immer wieder abkühlt, indem die Erhitzung nacheinander verschiedene Stellen ihres Umfanges angreist. Voll befriedigend ist freilich auch diese Deutung nicht. ES sei noch erwähnt, daß man die Eisen- scheide bei einer Umlaufsgeschwindigkeit von 60 Metersekunden auch zum Zerschneiden von Achat und Quarz gebrauchen kann.— Humoristisches. — Spekulativ. Fremder:„Warum nötigen Sie Ihr Beschwerdebuch den Gästen förmlich auf?" Wirt:„Wal's ma recht wär, wenn'S scho v o ll wurd', Wal hiaz bald wieder der Herr kommt, der'S ma donn a l l w o l abkafll"— — Die Hausfrau.„Ei, Frau Meier, was häkeln Sie denn da Schönes?' „O, das gibt Schutzdeckchen über meinen Sofa« schöner."— — JnderKüche. Herr:„Meine Frau hat mir erzählt daß Ihnen Ihr Bräutigam untreu geworden ist, Anna 1" Dienstmädchen sschluchzend):„Ach, heute schon wieder einer!"— t.Meggendorfer-Blätter'.) Vcrantw. Redakt.: CarlWermutH» Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin