Anterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 154. Sonntag, den 12 August. 1906 (Nachdruck verboten.) 241 Kinder der Gaffe. Roman von Charlotte Knoeckel. Derweilen waren die Paula und der Christian das Tälchen hinein in die Dunkelheit des Waldes geschritten. Die Akazien blühten. Ihr schwerer betäubender Duft lag in der Luft. Das Wässerlein in der Tiefe des Tales plätscherte leise. Sachte, wie auf Filzschuhen ging der Abendwind durch die Baumwipfel. Zwischen den Stämmen war's still. Lautlos entrollte sich das Farn. Lautlos wirkte der Frühling in den Blättlein der Heidelbeeren und im Heidekraut, das seine ersten Sproß- linge trieb. Die beiden jungen Menschenkinder stiegen dicht neben- einander den Zickzackweg hinan. Sie atmeten beide kurz und ruckweise. Sie fühlten das Frühlingsquellen in der Natur rings um sie her und in ihrem Blute. Das wogte so ungestüm in Christians Leib, daß ihm war, als müsse das Herz ihm springen oder die Kehle bersten, und doch nichts als das kurze, ruckweise Atmen. Und dann eine Berührung der Paula... Wie elektrische Funken sprühte es in ihm auf. Er war dem Zittern nahe. „Mir gruselt, es is eso dunkel," sagte das Mädchen und hakte den Burschen unter. Dem trat der kalte Schweiß auf die Stirn und glutheiß strömte es seinen Rücken hinauf und herab. Als sie am Aussichtsturm angekommen waren, hielten sie an. Der Christian atmete tief. „Wollen mer enauf?" fragte er, seine Stimme war rauh. „Natürlich!" Die Paula stand schon auf der dritten Stufe, da kam er ihr nach. -Vom Aussichtsturm hatte man einen weiten Blick hin über die Stadt bis zur Maxburg, die ragte schwarz in den monderhellten Himmel. Ter Mond stand klar und hell gerade über der Burg. Der Christian räusperte sich. Er zeigte nach der Max- bürg hinüber. „Dort droben haben vor einci.l halben Jahrhundert die freigeistigen Deutschen ihre schwarz-rot-goldenc Fahne— Fahne..." Des Christians Stimme hatte gezittert, als er angefangen hatte zu sprechen, dann war der Stolz über ihn gekommen, die Freude, daß er das alles wußte, die Freude darüber, daß ihm die Marburg nicht nur die paar Trümmer auf dem Bergkegel drüben, sondern noch was anderes war, das hatte ihn sicher gemacht, und daß er der Paula etwas von dem Erworbenen abgeben konnte, machte ihn froh. Wie aber sein Blick der Paula ihr Gesicht streifte, starben die Ge- danken,„schtvarz-rot-goldene Fahne... Fahne.. Er wußte plötzlich: die will von meinem Wissen nichts... die will... er stand zitternd. Er mutzte sich Gewalt antun, daß seine Zähne nicht aufeinander schlugen, daß seine Arme sich nicht nach dem Mädchen reckten. Die saß rücklings auf dem Geländer dicht neben ihm und heiß schlug ihr Atem ihn, an die Wangen. „Chrischan, wenn ich fallen tät!" sagte sie und beugte sich weit hinten über. „Paula!" Es war ein heiserer Schrei, den der Bursch hervorstieß. Das Mädchen aber hatte die Hände in die Luft gereckt. Da umfing er sie mit den Arnien, und wie er den jungen Leib an seine Brust preßte, kam ein heißer Wonnerausch über ihn und er schlang seine Arme fest und fester um das Mädchen:„Paula... Paula...!" Seine Stimme war halb erstickt, vor seinen Augen flimmerte es, und dann küßten sie sich. Lange verharrten sie in schweigenden Küssen. Nacht war um sie und Stille. Nur der Wind schlich leise wie auf Filzschuhen durch die Wipfel der Bäume. Plötzlich aber riß sich die Paula aus des Burschen Um» armung. „Komm," sagte sie und eilte ihm voran die Holztreppe hinunter. Sie raffte den Rock zusammen. Zitternd folgte ihr der Christian. Sie ging quer über den Weg, hinein ins Gebüsch. Unter. ihrem Fuß knisterte das rostrote Laub verjährten Herbstes« Ein paar dürre Acste knackten unter ihrem Tritt. Sie bog die Zweige auseinander und lief voran. Am ganzen Leibe zitternd, schlich der Christian hinter ihr drein. Und dann machte sie Halt. Mitten im Dickicht. Ueber einen Birkenstamm in der Nähe flimmerte das Mondlicht, und die Luft war kühl und feucht und dabei schwer vom Blütenduft und fruchtschwanger. Milliarden Blütenstaub- atome schwirrten darin. Es war ein wildes Strömen von Keimen und Säften in der friihcn Frühlingsnacht. Die Paula aber warf sich aufs Moos. Sie nahm den Hut ab und legte ihn auf ein niederes Gebüsch, das ihr zur Seite wuchs. „Komm," sagte sie zum Christian, der schlotternd neben ihr stand.„Komm!" und sie reckte die Arme zu ihm auf. „Paula...!" Des Burschen Gesicht war totenbleich. Er kniete neben dem Mädchen nieder.„Pou—Ia...!" Sein Atem ging kurz und heiß.„Pau... la...1" Heiser und bang kam das Wort aus seiner Kehle. Und dann schluckte ex ein paarmal hintereinander.„Was....! Was...Z." Da zog sie ihn zu sich herab. Der kalte Schweiß stand auf seiner Stirn. „Herrgott...!" Knirschend preßte er die Zähne zu- sammen und versuchte, sich auszurichten. Sie aber zwang seinen Kopf zu ihrem Gesicht und seine Lippen auf die ihren... „Ich... will..." Ihre Stimme war dumpf. Heiß ging ihr Atem und ihre Wangen glühten. Da schwand dem Christian die Kraft. Eine halbe Stunde spater gingen sie Hand in Hand über den Ludwigsplatz heim. Der Christian war still. „Wenn aber.. Er sah die Paula an und eine Blut- welle schoß ihm in die Stirn. Das Mädchen lachte.„Brauchst keine Angst zu haben.. und dann sang sie: Von der Wanderschaft zurück Führt den Jüngling sein Geschick, Der nach vielen Jahren kehrt Zu dem heimatlichen Herd. Eilt mit sehnsuchtsvollem Sinn Zu des Liebchens Wohnung hin. Blickt zum Fenster stumm hinein, Wo die holde Braut mag sein. Sie hatte eine helle Stimme. Und seltsam klang dem Christian das Lied im Ohr, wi(S sie durch die Mondnacht nach Hause gingen. 18. Vom August weg war die Luis flinken Fußes über dort Hof gelaufen. Aber che sie die Tür zu ihrer Wohnung aufklinkte, machte sie Halt. Sie mußte Atem schöpfen, es war ihr so eng um die Brust. Und dann seufzte sie. Sie seufzte und horchte. Wenn er mir am End nachkäm? Es regte sich etwas wie Hoffnung in ihr und gleichzeitig tastete ihre Hand nach der Türklinke.,< Sie nickte mit dem Kopf: Jetzt Hab ich en Liebsten,— ja, ja, aber... Ich Hab immer gedacht, da wär mer dann eso glücklich und statt dessen...? Ich möchte heule.,. ja, heule...!" Das Häuschen ans der Haardt! An diesen Gedanken versuchte sie sich zu klammern. In so eine Häusche werd ich cmal wirtschafte, und dann is der August mein Mann... mein Mann...! Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen und in die Stirne stieg, und ihre Finger, die auf der Türklinke lagen, zitterten. Der. August mein Mann...! Da schreckte ein Schrei hinter der Türe sie auf« Mit Merndet Hand drückte sie die Tür- klinke herab. Das war der Mutter ihre Stimme. Und„es Emma, es Emma!" schrie sie plötzlich auf. Sie trat in die Küche. Die kleine Petroleumlampe flackerte auf im Windzug. Sie aber stürzte in die Kammer. „Emma, Emma!" rief sie. Und dann stand sie vor dem Bett der Kranken. Am ganzen Leibe bebend stand sie, mit weitgeöffneten, starren Augen. „Emma Aufrecht saß das Mädchen im Bett und versuchte mit dem Taschentuch das Blut aufzufangen, das ihr aus dem Munde stürzte. Es rieselte an ihren dünnen Fingern herab, das weiße Leintuch war blutdurchtränkt. Mit starren, verglasten Augen saß sie da, und das Blut strömte, strömte leicht schäumend aus ihrem Munde. Die Luis stand noch inimer zitternd, ohne sich zu rühren. War das die Emma, die da in ihrem Blute saß? Die Emma? Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Dann sah sie, wie ihre Mutter taumelte und zurück aufs Bett sank. Da wich der Bann von ihr. Sie riß ihren Hut vom Kopf und eilte auf die Emma zu. Sachte legte sie das Mädchen in die Kissen zurück. Dabei schaute sie scheu nach der kleinen Marie hinüber. Die lag im selben Bett, dicht an die Wand gedrückt, und schlief. Tann wandte sie sich an die Frau.„Essig, Mutter!" Und das Weib wankte hinaus und holte den Essig vom Schaft. Die Luis tränkte ein Tuch damit und legte es der Emma auf den Mund. „Soll ich zum Doktor gehn?" fragte die Marie und be- trachtete scheuen Auges das stilliegende Kind. „Wie weiß es is, wie der Tod," sagte sie und machte große, verängstigte Augen. Und da das Kind sich nicht regte, kam sie noch einen Schritt näher:„Es is doch nit...? Doch nit...?" „Schwätzen jetzt nit, Mutter," sagte die Luis.„Se muß Ruh Habel" Da ging die Marie hinaus. Sie band eine Schürze um und ein Tuch übern Kopf. „Daß auch gar niemand daheim is!" sagte sie.„Wenns jetzt sterbe tät, während ich zum Doktor geh-- 1" Sie lief schnell über den Hof und überlegte dabei, daß sie doch rasch die Eckels holen könnte:„Die kann gleich mit Hier zum Doktor gehn...1" (Jortsetzmig folgt.Z! (Nachdruck verboten.) �lunckenef Kunstausstellungen 1906. II. Der Glaspalask. Tic diesjährige Ausstellung im Münchener Glaspalast bc- schränkt sich auf Deutschland. In dem retrospektiven Teil, der der Ausstellung eigentlich den Charakter gibt, sogar auf München. So sondern sich von selbst die Bilder in drei Gruppen: die der rctro- spektiven Abteilung angehörenden Gemälde, dann die einzelnen Gruppen der deutschen Verbände in den einzelnen Städten, und als Schluß sondert sich die„Scholle" ab, die für München charak- tcristischc, neueste Vereinigung der jüngeren Künstler, die für die „Jugend" tätig sind.— Die retrospektive Ausstellung umfaßt die Jahre 1800— 1850 und ist der Elaspalast-Ausstcllung angegliedert. Wir sehen die zwei Stadien in Münchens EntWickelung, das alte, kleinstädtische München und das München Ludwigs I. Von diesen macht das letztere hier keinen günstigen Eindruck. Die verhimmelnden Tiraden eines K a u l b a ch, der den König wie eine überirdische Erscheinung, von kniccndcn Pagen begrüßt, behandelt, berühren uns nur widerlich; sie sind auch schlecht gemalt, glatt, charakter- los. Man sieht wieder, wie. fragwürdig es ist, wenn Könige die Kunst protegieren. Das Gute, Einfache sah Ludwig I. nicht. Den Phrascuren in der Kunst, den posierenden Maulhelden galt seine Gunst, sie hat er unterstützt. Den besten Eindruck ruft noch die Bauweise dieser Zeit hervor. Die Monumentalbauten fehlen natürlich hier. Man muß in München herumgehen, sich die Gebäude ansehen, dann hat man das Gute, das diese Zeit geschaffen, das zwar nicht neu und eigen, wohl aber in gutem Sinn nach- geschaffen ist. So schneidet gerade diese gerühmte Epoche Ludwigs l. hier schlecht ab. Dagegen fallen manche Namen auf, die bisher nicht genannt wurden, Da sind zp nennen E d l i n g e r(1741—1319) als feiner Porträtist, der manchmal an Lcnbach denken läßt; er hat Sön Rembrandt die Schönheit des Tons, von Franz Hals das un- bekümmerte, derbe Zupacken gelernt. Außerdem blühte in München von jeher die Tiermalcrei(Wagenbauer, Schnitzler), die Landschaftsmalerei(vor allem der schlichte Heinlein). Mit einem Schwind- und Spitzweg-Kabinctt schließt die Abteilung. Beide sind schlecht ausgewählt. Es ist viel Ueberflüssiges da, das nichts Neues sagt, vielmehr das Bild, das man von diesen Malern hat, verschlechtert. Wo sollen auch all die vielen guten Bilder her« kommen? Die„M ü n ch c n e r K ü n st l e r g e n 0 s s c n s ch a f t" ist, was Frische der Anschauung, neuartige Gestaltung im Technischen anlangt, am rückständigsten. Es ist die Vereinigung der alten Generation. Man findet hier am ehesten jene alten Genre- und Anekdoten- bilder, die Salontiroler nach Defreggers Art. Diese Säle haben. namentlich in gewissen bescheidenen Landschaften, in romantischen Episoden und theatralischen Posen die meiste Aehnlichkeit mit dem in der retrospektiven Abteilung aufgehäuften Kleinkram, den pietätvolle Münchener wohl als lokalcharakteristisch auffassen werden. Als Landschafter gibt G a a m p e r t schöne Ausschnitte aus der Natur, die in ihrer farbig lockeren Manier das Eigen- tümliche der Umgebung gut zum Ausdruck bringen. Bunte Wiesen in stumpfgrünen Farben, zerrissene, grautrübe Wolken am Himmel. An die Schotten mit ihrer Malerei in Braun gemahnt O'L h n ch, der breit, dunkel malt und das Farbige nur düster mit- sprechen läßt. Eine eigenartige Erscheinung ist Nikutowski, der feine, landschaftliche Stimmung aus der Rheingegend festhält, in eigentümlicher Manier, leicht, beinahe miniaturenhaft. Farbig herrscht ein Helles Gelbbraun, dem Lokalkolorit entsprechend, vor; die bunten Farben sind frisch hincingesctzt. Stumpfgrüne Hütten stehen tief am gelben Hügel, und das tiefblaue Wasser leuchtet. Das alles ist klein, fast zierlich gegeben. Die Luitpold-Gruppe steht künstlerisch im ganzen höher. Die Bilder sind auch besser gehängt, die Wände passen besser zu den Bildern. Durchweg merkt man hier Geschmack, der aller- dings gemäßigt, nicht burschikos sich geltend macht. Es ist etwas Ruhig-Ausgeglichcncs in diesen Bildern. Diese Künstler haben eine Tradition, die sie pflegen und weitergeben. Sie lernen von einander, sie erziehen sich. Es gibt hier alte Künstler, die wie Junge malen. Der engere Zusammenhang in München bringt das zuwege. Man muß seinen Ruf wahren, darf sich nicht gehen lassen. Fast immer wird man auf dem einzelnen Bild irgend etwas Künstlerlsch-Jntcressantes finden, das nicht verblüfft, wohl aber befriedigt. Man spürt oft die Nachwirkung irgend welcher Anregung der Sezession. Motive, Farben, die in der Sezession Aufsehen machen, wirken hier nach. Und diese Werke sind aus- nahmslos gut gehängt, so daß das Tüchtige trefflich zur Wirkung kommt. Von kräftigster Wirkung ist die„Waldschcnke" von Baer, eine Waldlichtung in gelblich-sonnigcm Licht; die Bäume bilden einen höhen Wall, die Menschen wirken klein und erscheinen mit ihren bunteren Farben nur undeutlich, so daß der breite. schöne Eindruck voll wirkt. Die kleinen Landschaften von Ernst Liebermann haben in der leichten Art, wie die hellen Farben in das dunkle Grün getupft sind, etwas Rcizvoll-Jntimcs. Effekt- voll ist das Bild„In herbstlicher Sonne" von Fr. Hoch, das eine hellgrün gekleidete Dame auf der Wiese hingclagcrt zeigt. ES ist Frische in der Farbe, Schwung in der Linie. Großzügig baut sich die Mcerlandschast„Stille" von Eugen Bracht auf; ein weiter Strand, in sonnig blauem Licht, stille Fläche des Wassers, zartrosa Licht über dem Wasser. Still und groß wirkt der Raum, und namentlich die Wolken, die sich dunstig hoch auftürmen, kommen prachtvoll zur Erscheinung. Im Stilleben ist manch Gutes gc- leistet. Die Künstlerinnen Brockhuscn und P 0 l l a k haben in ihrer Art Grau und Violett geschmackvoll zusammenzustimmen. Aehnlichkeit. Als Interieur ist die„Sterbende bretonische Bäuerin" von Bartels eine imponierende Arbeit. Mit wenig Mitteln ist ein wuchtiger Eindruck erreicht. Die Bäuerin liegt am Fenster, das Licht fällt voll in das farbige Bauerninterieur. Der Verein Berliner Künstler steht auf gleichem Niveau ungefähr mit der Künstlergenossenschaft. Der Durchschnitt überwiegt so sehr, daß man schneller durch die Säle geht. Eine gute Arbeit ist die„Alte Mutter" von Bennewitz v. L 0 e f en, zeichnerisch eine gründliche und genaue Arbeit. Besser sind die Vere in igten Berliner Klubs. Klohß stellt eine märkische Landschaft im Tauwetter aus, in schönen, farbig auf- gelösten Tönen(rot und braun). Die„Augustusbrücke in Dresden" gibt Kolbe Gelegenheit, in bunten, flüssigen Farben das hin- strömende Gewimmel der Menschen lebhaft zu schildern, während der blaue Himmel, die schwärzlich-graue schwere Brücke, als ruhige Massen dagegen stehen. In tiefen Farben leuchtet das gclbgrüne „Gewand einer Bäuerin", die P a c z k a malt, vor der grauen Wand, die die Farben gut zur Wirkung bringt. Hamacher stellt ein Secbild aus; auf der weiten Fläche des Wassers stehen leicht die rotbraunen Segel in der Luft. Düsseldorf stellt ebenfalls kollektiv aus. Liesegang und Ackermann bringen die feinen Reize der rheinischen Land- schaft zur Darstellung; kleine Bilder, die aber geschmackvoll an- gelegt sind. Graues Licht verdämmert über den Ufern des Flusses. Und die Schiffe liegen still. Grau, locker erscheinen alle Farben. Eine gewisse Kraft zeigt Stern in einer Gruppe von Trinkern; die Bauernköpfe sind charakteristisch modelliert. Ein Künstler von besonderer Prägung ist jedoch C l a r e n b a ch, der die Dämme- rung so eindringlich malt, in der die Schiffe als große Massen unheimlich am Ufer liegen. Grau fließt das Wasser. Schnee am Ufer. Und prächtig baut sich im Hintergrund das alte Gemäuer auf. ein riesiger, dicker Turm, eine graue Masse, Schnee in den Fugen und auf dem Dach. Feiner, leichter ist das Stadtbild ge- malt in Schnee und Reif. Es ist die flüssige Stimmung eines Wintertags darin, in der das Harte zu schmelzen beginnt. Clären- hach versteht es, den Eindruck prägnant zusammenzufassen. Der Karlsruher Künstlerbund hat zwei gute Arbeiten aufzuweisen, eine Landschaft von Nagel, ein Interieur von Schulze-Rose. Nagel zeigt den Rhein am Abend. Graue Wasser. Die Bäume stehen leicht und wie Schatten am Ufer. Das Innere des Zimmers ist fein auf Grau gestimmt; eine alte Frau sitzt in der Ecke am Ofen, kaum noch erkennbar, eine stille Stimmung. Auch die Württembergische Künstlervereinigung hat im Landschaftlichen besonderen Wert. Diese Landschaft ist hier anspruchslos, aber voll fteier Stimmungen. Am eigensten ist Starker mit einer großen Brücke, über die ein Zug fährt; der Nachthimmel überwölbt den Raum und die Ufer ruhen schweigend. Zu einer charakteristischen Erscheinung prägt sich die S ch l e s w i g- Holsteinische Vereinigung aus, auch vornehmlich durch die besondere Art der Landschaft, die diese Maler wiedergeben. Meer, Sumpfland, und die bäuerische Bevölkerung gibt den« Ganzen Charakter und Eigenart. Das Meer reizt überdies den Maler»im der schönen Luftstimmung willen. Dieses Leichte, Zerflatternde über der großen Meeresfläche gibt L e i p o l d auf feinen Bildern gut wieder. Die rotbraunen und grauen Segel stehen so fern im Raum; indem der Maler sich auf möglichst wenig Farben beschränkt, gibt er seinen Bildern eine besondere Note. A l b e r t s malt immer wieder die blühende Heide, mit der einfachen Schönheit, die das Unaufdringliche des Eindrucks, das Unendliche des Ausblicks am besten wiedergibt. Frische Lebhaftigkeit zeichnet den„Herbstmorgen" von Vurmester aus, ein Kahn am Ufer, bewegtes Wasser, leuchtende Farben. Dagegen dämpft Eitner wieder in seinen Fischerbildern das Krasse ab, er stilisiert leicht, blasse Farben wählt er Kähne im Fluß; Fischer mit ernsten Gesichtern bei der Arbeit; die Gestalten stehen groß und eindringlich auf der grünen Wiese. Diesen ruhigen, großen Eindruck weiß Feddersen in seinen Bildern, die von schleswig-holsteinischen Dörfern erzählen, bis ins Dekorative zu steigern. Er holt den wuchtigen Eindruck heraus. Eisflächen, rotleuchtende Bauernhäuser. Ein weiter, grauwolkiger Himmel; alle Farben breit und fast grell. Das Charakteristische der Landschaft erfährt somit künstlerische'Verwertung und damit rechtfertigen die Künstler ihre Sondervereinigung. Sie lernen von der Natur. Die Graphik und die Radierung findet in München in den ver- schicdensten Vereinigungen rege Pflege. Auch in dieser Ausstellung sehen wir reichliche Proben davon. Das Vielseitige, Frische, dabei immer Künstlerische und technisch Einwandfreie kommt hier ungebrochen zum Ausdruck. Die Stoffe sind dem Leben ent- nommen. Besonders lebhaft betätigt sich der Bund zeichnender Künstler, unter denen Kreidolf mit seinen phantastisch- intimen Bilderbuchentwürfen eine eigenartige Erscheinung ist. Erwähnt sei auch der Verein Münchener Aquarellisten, dessen Arbeiten auf gutem Niveau sich halten. Breit und kräftig ist die malerische Wirkung betont, das violette Blühen der Heide bringt G i e s e fein zum Ausdruck. Auch gute Interieurs sind hier zu finden, da die Technik sich hierzu besonders eignet. Uth weiß die Abendstimmung in einer kleinen Stadt feinfarbig abzutönen und im Bild zur gc- schlossencn Stimmung erstehen zu lassen.— Die Säle der„Scholle", die immer den Hauptanziehungspunkt der Ausstellung bilden, da die junge Generation hier zum Wort kommt, machen auch schon äußerlich einen guten Eindruck. Sie sind in schwarz, violett und weiß gehalten, eine kräftige, dekorative Wirkung. Die Bilder stehen ausgezeichnet auf diesen großen Wand- flächen. Leider muß man zugeben, daß diese Bilder selbst nicht so nach- drückliche Wirkung haben. Ohne daraus gleich eine allgemeine Er- kenntnis zu machen und etwa zu dekretieren, die Scholle geht zurück, muß doch betont werden, daß die eigene Kraft dieser Vereinigung dies- mal nicht so ursprünglich in die Erscheinung tritt Einmal nähern sich die Maler auffällig an einander an, sie kopieren einander. Das liegt nahe, da sie sich nicht zusammengeschlossen hätten, fühlten sie nicht Uebercinstimmung. Speziell in München, Ivo einer vom anderen absieht, liegt diese Gefahr der Uebereinstimmung nahe, sie ist hier eingetreten und nimmt dem Bild im ganzen das Markante. Als Folge dieser Beobachtung tritt ein: man sieht das Schema, die Mache;' die Schablone sieht hindurch; und diese Schablone hat sogar Beziehung zu der alten Malerei. Dann lassen sich diese Maler zu sehr gehen. Es fehlt an Zucht. Sie gebärden sich genialisch und meinen, damit das Künstlerische zu erschöpfen. Du lieber Himmel, es soll ihnen nicht verargt werden, wenn sie uns immer wieder ihre Modelle zeigen, bekleidet und unbekleidet. Womöglich gleich nebeneinander gestellt, wie M ü n z e r es tut. Auf dem einen Bild das elegant gekleidete Modell im Walde zwischen Bäumen, daneben dasselbe Modell und die Kleidungsstücke liegen am Boden. Aber es müßte 5— etwas mehr Kunst darin sein. Das Stoffliche allein tut'S nicht. Und das überwiegt sehr stark. Auf die Dauer wirkt das lang- weilig. Erler ist noch der eigenste in der Gruppe. Aber seine großen, dekorativen Entwürfe leiden stark an dem mangelnden, großen Ausdruck. Sie erscheinen leer und füllen die Wand nicht. Am besten ist Erler in Porträts, die in strengem Sttl gemalt sind und in den Farben viel Apartes haben. Außer Erler ist E i ch l e r noch zu nennen und Erler-Samaden, weil beide frisch die Natur anschauen und ihre Schönheit unbekümmert wiedergeben.— Ernst Schur. kleines femlUtoti« e. k. Aberglaube vom„jüngsten Tage". Daß alles, was be- steht, einmal vergehen müsse, ist ein unverrückbares Naturgesetz. Auch ein„Weltende" mag einst kommen. Ueber den Zeitpunkt, wann es eintreten werde, hat man sich seit jeher die Köpfe zerbrochen. Eusebius, der alte Kirchenvater, berichtet, daß ums Jahr 147 n. Chr. eine Prophetin namens Maximilla geweissagt habe: sie würde die letzte ihrer Art sein, weil das Weitende' nahe wäre. ArnolduS de Villanova prophezeite den jüngsten Tag auf das Jahr 134S. Melchior Hofmann, ein bekannter religiöser Schwärmer, verschob ihn auf 1S27. Ein Geistlicher namens Stiefel, der ein Zeitgenosse Luthers war, weissagte, die Welt würde 1534 am Lukastage. morgens um 8 Uhr, untergehen. Trotzdem Luther ihn, seinen Unsinn widerlegte, predigte Stiefel den Bauern, sie möchten mit allem, was sie besitzen, um jenen Zeitpunkt reinen Tisch machen. Als der Tag des vermeintlichen Weltendes heranrückte, versammelte er die Pfarrkinder in der Kirche um seine Person und wartete. ES traf aber nichts ein und so wurde er mit seiner Prophezeiung gründlich zuschanden. Johannes Regiomontanus(Müller), der be» rühmte Mathematiker, bildete sich ein, es würde 1588 entweder der jüngste Tag kommen, oder doch wenigstens in der Welt eine große Verwirrung entstehen: Wenn man wird zählen achtzigacht, Das ist das Jahr, das wohl betracht t Geht alsdann die Welt nicht unter, So geschehen doch große Wunder. Keines von beiden traf ein.— Das lateinische Wort Tuäioiun» besteht aus lauter Buchstaben, welche Zahlen bedeuten. Die Summe dieser Zahlen ist 1613. Das brachte damals manche Leute auf den Glauben, der jüngste Tag oder das Weltgericht(lludicimn= Gericht) würde in jenem Jahre anbrechen. Ein gewisser Eustachius Poyssel setzte das Jahr 1623 fest. Um 1736 liefen mehrere„Weissagungen" um, die„der ganzen Welt Zerrüttung und Untergang" für 1777 an» zeigten. Ein jüdischer Rabbi namens Elias meinte, weil Gott in sechs Tagen Himmel und Erde erschaffen hätte, so würde die Welt 6060 Jahre stehen und dann ein Ende nehmen. Vorher aber, so glaubten und weissagten andere, werde noch erst das „Tausendjährige Reich" komnien. Einige gingen so weit, dessen Zeitpunkt zu bestimmen. Jurieu, ein reformierter Theologe, hatte das Jahr 1715 dafür angesetzt. Der Magister Stübel in Leipzig fertigte einmal sogar schon einen Kurier an einen seiner Freunde ab und ließ ihn wissen, daß über drei Tage das Tausend» jährige Reich eintreten werde. Der Bote kan, zwar an, aber seine mitgebrachte Mitteilung war falsch. Augustinus v. Steube, der als erster reformierter Prediger zu Brandenburg an der Havel amtierte, verfaßte 1730 bei Gelegenheit des Jubelfestes der Augsburgischen Konfession ein Oarmon ssculari(Jahrhundertlied), das er Friedrich Wilhelm l. von Preußen widmete. Er sagte darin, daß im Jahre 1740 Christus mit seinem Anhang erscheine, um den„Antichrist" zu richten und 45 Jahre mit der Reformation der Welt zuzubringen. Völlige Ruhe werde 1785 eintreten, und dann werde zugleich das Tausenjdährige Reich beginnen.— Die Idee geht heute noch lebendig um und ist mehrfach gerade von Dramatikern der Gegenwart, so von Henrik Ibsen(Baumeister Solneß) und Max Halbe(Das tausend- jährige Reich) poetisch behandelt worden, freilich mehr im Sinne menschheitlicher als religiöser EntWickelung.— hl. Vom Buche. Wer stutzt noch bei diesem Namen des Weis- heitsträgers? Und doch trägt der Name in seinen paar Buchstaben die Geschichte des Dinges mit sich. Von den Runen, den Schrift- zeichen, die die alten Germanen ritzten, hat wohl mancher gehört; zu diesen Runen aber dienten Stäbchen von den Zweigen der Buche, Buch-Stabcn. Eine andere— freilich weniger wahrscheinliche— Erklärung könnte die sein, daß BudjcnHolzplatten zum Einbände benutzt wurden. Aber nicht vom Beginn des Schrifttums an kannte man die uns geläufige Form des Buches. Wir nennen heutzutage ein umfangreiches Buch einen dicken Wälzer, ohne uns des wenig Zutreffenden dieses Namens bewußt zu werden. Einstmals paßte er besser, als nämlich noch zum Schreiben Paphrusblätter benutzt wurden; diese klebte man zu einem langen Streifen zusammen, be- festigte die Enden an dünnen Holzstäben und rollte sie um diese zusammen; so war das Buch in seiner ältesten Form eine Rolle, eine Walze, wenn es stark war also ein dicker Wälzer. Erst im vierten Jahrhundert bürgerte sich die Benutzung des Pergaments zum Be» schreiben mehr ein; die Pergamentbogen wurden zu mehreren Lagey zusammengelegt und gebrochen und damit die jetzt übliche F.�m des Buches gewonnen. Mit der Benutzung dcS Pergainentcs wurde dann auch die Bcrbreitung des Buches großer. Im Altertum, das in seinen Sklaven dillige Arbeitskräfte hatte, gab es einen nicht unbeträchtlichen Buchhandel; wir nennen als römischen Buchhändler nur Ciceros Freund Titus Pomponius Atticus. Die Büchcrarmut des Mittelalters, die hohen Preise des Pergaments, die veranlagten, dag in den Klöstern Handschriften griechischer und römische Schrift- stellcr ausgeschabt wurden, um den teuren Stoff neu verwerten zu können, die Erfindung des Buchdruckes, die natürlich in ihrer weiteren Ausgestaltung einen völligen Umsturz des einstigen gc- lehrten Betriebes herbeiführen mugte, seien hier nur erwähnt. Für einen notwendigen Bestandteil eines jeden Buches sehen wir jetzt den Titel an; jedes Kind und jedes Buch will doch seinen Namen haben. Zur Zeit der Buchrollc war dem nicht so; wohl war an der geschlossenen Rolle ein Pcrgamentstrcifen angebracht, auf dem der Raine des Verfassers zu lesen war, ebenso wie ein kurzes Stich wort über den Inhalt; doch sind solche Bezeichnungen wie„lieber die Natur" sehr häufig wohl nicht vom Verfasser geprägt und kaum zu vergleichen mit den heutigen Aufschriften, die die Aufmerksamkeit auf das Buch lenken sollen.— Vom Bucheinband ist zu erwähnen. dag als erster Buchbindername uns der irische Mönch Dagäus um SSV begegnet, dag einer der ersten kostbar eingebundenen Bände (mit Gold- und Silberdcckel und kostbaren Edelsteinen) der Textus sanetuz Cuthbeni war, der von den Mönchen bei ihrer hastigen Flucht vor den Dänen aus Versehen in die See geworfen, aber um der Verdienste des heiligen Cuthbert willen unversehrt gerettet wurde. Als Beispiel absonderlichen Geschmacks beim Buchbinden seien nock die Zwillingsbände genannt, bei denen zwei Werke zu- sammengefügt sind in der Art wie bei den Eauseusen, den Doppcl- fesseln, und die Bände in Menschenhaut, wie z. B. der Astronom Flammarion ein Exemplar seines Werkes„Cid et lerre" in die ihm vermachte Haut einer von ihm bewunderten� schönen Gräfin binden lieg. Sonst sind meistens die Häute von Mördern die Opfer dieser Geschmacksverirrung gewesen.— — Sächsische Volkswörter. Unter den„Fressalien" steht in Sachsen das„liebe" Brot obenan. Auch schlecht gcbackcnes, schliffigcs Brot wird wie mangelhafte Egware überhaupt be- schönigend als liebes Gut bezeichnet.(Freiberg):„Aber hörnse, das Brot ist doch recht liebes Gut, es ist ja ganz klanschigl" Achnlich wird ein gefahrdrohendes Gewitter ein liebes Gewitter genannt. als möchte man es dadurch begütigen. Unter Brot(Brät) versteht man in der Regel Sckgvarzbrot, d. h. Roggenbrot; wer(im Gebirge) ausdrücklich Schwarzbrot verlangt, erhält gröberes Roggenbrot, von dem das feinere als weig Brut unterschieden wird; das eigentliche Weitzbrot in runder Form heißt Stcllicn, Dreirstölla— Stöllchcn (Augustusburg) oder Stolljcn(Frankenbcrg) oder Stempel (Ocderan), auch Wecken oder Meckel(Mittwcida, Lauenstcin), vergl. mittelhochd.«'ecke— keilförmiges Brot, während das längliche, daS aus Eckchcn besteht, allgemein als(Zeiln-) Semmel, im Gebirge auch als Zeppcl gebacken wird. Nur im Vogtlande scheinen Röckeln vor- zukommen, zwei aneinander gcbackene Semmelwccken. Allgemein verbreitet siild die Schuster, d. h. Dreierbrötchen, während Schneider nur in Lauenstcin für Semmel üblich zu sein scheint. Wenn die erstereu auch Wullweckchen heißen(um Glashütte), so sind diese wohl den Bullteibchcn gleichzustellen, die aus einem niederdeutschen doli := unterhöhlt, hohl, schwammig(Gegenteil: dicht und fest) und mißverstandenem taub— leer, gehaltlos, dürr zusammengesetzt sind, dem Bäcker also doppelt sagen, woran er es hat fehlen lassen. Zu- gleich ist wohl auch ein- Anspielung auf ein minderwertiges Mehl beabsichtigt, das früher sogenannte Bollmehl, worauf noch jetzt im Gebirge vorkommendes ballenes Mehl zurückgeht. In Böhmen sind Wullcbrutel von schwärzerem Mehl gebacken. In Freiberg aller- dings gehörten(oder gehören?) Bullbrotchcn nicht zum„lieben Gut", sondern stellten ein besonderes weiches Gebäck aus Wassertcig neben den Dreierbrötchen dar, das manchmal sogar Rosinen enthielt. Tag der Genug des Weißbrots im sächsischen Volke minder verbreitet ist als in Süddeutschland, ergibt sich aus der Redensart, die man in feinem Spotte an einen sich groß oder wichtig Tuenden richtet: „Wenn wir dich nicht hätten und daS liebe Brot, dann müßten wir lauter Semmeln essen." Achnlich sagt man um Zwönitz:„Wenn wir dich nicht hätten un de Löffeln, do müßt mr de Supp hamfcln" (— handvollweise essen). Für Zeiten der Not fördert der Sachse übrigens zum Sparen auf mit dem Sprichwort:„Spare in der Zeit, so hast du in der Not altbackne Semmel und Dreierbrot." Von einem schnell und lebhaft Sprechenden heißt es im Gebirge: Dan gihts zum Maul raus wie fchimmlch Brut— jedenfalls ein zweifelhaftes Lob. Kann aber jemand mehr als Brot essen, so ist daS kein Zeichen von Reichtum, sondern von Zauberkräften.— Aus der Pflanzentvelt. 8.0. Der Ginster hat Aussicht, sich auS einem lästigen Unkraut zu dem Range einer Jndustricpflanze emporzuschwingen. Der Ginster wächst überall in trockenen Wäldern, auf Hügeln, Sandböden und torfigen Heiden und bedeckt stellenweise ausgedehnte Flächen. Dieser Strauch, der bisher nur zu Besen, als Zannbusch oder zur Fr'uerüng verwendbar schien, besitzt unter seiner Rinde eine derbe Gespinstfaser, die ein gutes Ersatzmittel für Hanf abgibt. Tatsache ist. daß die Fischer an der Küste Kleinasiens schon seit langer Zeit ans der Ginsterfaser ein Gespinst gewinnen, daS sie jedem anderen Stoff zur Herstellung ihrer Netze vorziehen und zwar aus dem Grunde, weil diese Faser im Wasser keiner Veränderung unterworfen ist. Auch in anderen Ge- genden wird die Ginsterfaser zur Herstellung von Seilen und Geweben benutzt. Der Ginster, welcher für solche industriellen Zwecke statt des HanfeS verwendet werden kann, gehört den Arten behaarter Ginster(Llornstu piloss.), deutscher Ginster(G. germanica) und englischer Ginster(G. anglica) an. Die Faser wird aus der Rinde der Ziveige gewonnen, nachdem sie einer besonderen, wenig kostspieligen Röstung unterworfen worden ist. Während des Winters werden die gerösteten Pflanzen gebrochen und die gekämmten, ge- reinigten und geglätteten Fasern mit dem Spinnrade gesponnen. Gewöhnlich läßt sich aus dem Garn nur grobes Zeug für den Hausgebrauch oder zu Packzwecken weben; aber es scheint, daß sich aus der Ginsterfaser, wenn sie entsprechend geröstet und bearbeitet wird, auch femeres Zeug und geschmeidige Bellcidungsstoffe her« stellen lassen.— Humoristisches. — Im Eifer. Richter:„Es wird Ihnen zur Last gelegt. daß Sie bei der Rauferei dem Kläger das linke Ohr zur Hälfte abgebissen haben!" Angeklagter:„Das dürfen S' ja nicht glauben, Herr Richter! Der HiaS ist ein schlechter Mensch— das hat er sich g'wiß selber ab'bissenl"— — Immer derselbe.„Herr Professor haben drei Brillen?" „Allerdings l Eine gebrauche ich zum Lesen, eine für die Ferne, und mit der dritten suche ich gewöhnlich d i e anderen zwei!"— — Verfehlte Mahnung. Sie:„Na— jetzt hast Du aber g'rad' g'nug Bier getrunken!" E r:„Recht hast D' l Kellner, die Weinkarte!" („Fliegende Blätter.") Notizen. Eine offizielle«Geschichte des VurenkriegeS" wird demnächst in England herauskommen. Die Herstellungskosten des vierbäudigen Werkes übersteigen 540 000 M.— — Der Blätterwald in Amerika. Nach einer Statistik, die von dem offiziellen statistischen Bureau in Washington aufgestellt wurde, sind im Jahre 1005 in den Vereinigten Staaten täglich 10624 757 Zeitungsnummern gedruckt worden! An Sonn- tagen und Festtagen, an denen sich der Amerikaner gar nicht um die Geschäfte und nur sehr wenig um die Politik kümmert, war die Durchschnittszahl imr 11530 521 Zeitungen. Die Tageszeitungen haben in dieser Zeit 600 Millionen Mark eingenommen, und daS gesamte Kapital. daS im Zeitungsbetriebe angelegt ist, erreicht die phantastische Höhe von 1456 Millionen Mark.— — Mus olino, ein„berühmter" Straßenräuber Süditalicns, beschäftigt sich im Gefängnis zu Portolomono besonders gründlich mit dem Studium des Griechischen. Er will Homers, I l i a s" übersetzen.— —„Die Frau ohne Lächeln" wird bereits am Dienstag zum ersten Male im Trianon-Theater auf- geführt.— — Das Lessing-Theater beginnt seine Vorstellungen mit dem ständigen Personal der Bühne am 16. August. Zur Auf- ftihrung kommt Hauptmanns:„Und Pippa tanzt".— —„Brüderchen", ein dreiaktiges Kadettendrama von Robert Overweg. wurde vom Schiller-Theater zur Aufführung angenommen.— — Das Opernhaus beginnt seine ireue Spielzeit am 15., das S ch a u f p i e l h a u s am 19. August.— —„Flickwort, der arme Teufel". Unter diesem Titel hat der Mannheimer Bibliothekar MaxOeser ein Schauspiel gc« schrieben, das Schillers Leiden in Mannheim nach seiner Flucht aus Stuttgart schildert.— — Dramen ohne„Ehebru ch". Der belgische Senator. Advokat und Literat Edmond Picard hat 25 000 Frank als Preise für belgische Dramatiker ausgeschrieben. Rur ungedruckte und unaufgesührte Werke kommen in Betracht, die„die Phänomene des Lebens in ihren pathetischen und erhabenen Offenbarungen schildern, das öffentliche, das private, daS historische und das soziale Leben". Ein Gebiet ist ausgeschlossen: das Ehebruchsproblcm. Der Pariser „Figaro" bemerkt dazu:„Wieviel belgische Autoren werden sich finden, die ohne Ehebruch dichten können?" — Ein L o r tz i n g- D e n k m a l soll im Oktober auf der Rousscau-Jnsel im Tiergarten enthüllt werden.— — Kolumbus soll in Rom ein Denkmal kriegen � und zwar in den Gärten des Vatikans.— — 5400 Hektar Land wurden in den letzten fünf Jahren an der holsteinischen Westküste dem Meere abgewonnen. Im letzten halben Jahrhundert find im ganzen 15 000 Hektar angelandet worden, von denen bereits 9000 Hektar bewohnbar sind. Annähernd 600 Wohnstätten mit 3500 Menschen fanden bisher Platz auf ihnen. Der Rest wird vorläufig als Weideland benutzt.— Verantw. Redakt.: CarlWermuth» Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LVl.