Anterhattungsblatt des vorwärts Nr. 159. Sonnabend� den 18. August. 1906 (Nachdruck verboUu.) 291 Kinder der Gaffe. Roman von Charlotte Knoeckel. Franz hatte einen heißen Kopf und atmete kurz und laut. „Was gibt's?" fragte die Luis, und sie nahm die Kinder der Marie bei der Hand und schob sie in die Kammer neben- an:„Da spielen weiter!" befahl sie und zog die Türe hinter ihnen ins Schloß. „Na, was gibt's?" fragte sie dabei den Franz noch einmal. Der stand am Tisch und drehte den Hut in der Hand. „Der Christian, der saudumm Kerl!" sagte er dann und warf den Filz in eine Ecke. „Was is mit cm?" Die Luis faltete die Hände, und das Minchen stand zitternd mit weitoffenen Augen. „Was is?" Da lachte der Bursch.„'s könnt einem ja schließlich egal sein! Mer hat ja doch kein Dank von em... aber... aber--! Es ist halt Wege Dir, Luis, Du warst immer eso ordentlich zu mer... und Du... Du kannst em viel- leicht... noch helfe...!" „Was is denn um Gottes Wille?" die Luis stand ganz dicht vor dem Franz. Der setzte sich.„Na, eso arg wie de meinst! An de Krage geht's eni noch nit, aber...! Na, hören nure! Ich wollt ins„Schiff", die Wirtschaft, weißt, wo der Peter ver- kehrt mit seine Kamerade. Wie ich an der Tür bin, hör ich se diskutiere! Sie haben's vom Chrischan und der Paula. .Dein sauber Schwester, die geht ja jetzt mit em Herr Lehrer,' sagt der ein. �nja l' nickte der Peter. ,Und das läßt Der gefalle?' fragte cn der Johann Fischer. ,Das läßt Der gesalle von dem hochmütige Kerl, der ganz vergesse hat, daß er emal tiefer drin gesteckt hat, wie mir all zusammen?" Da lacht der Peter und rückt sich de Hut aus de Stirn in de Hals enein. ,Er will se ja heirate!' Und das Gesicht hätten er sehn solle," rief der Franz, „und die Gesichter von de andre! Aufgesprunge sind se von ihre Stühl... ,Was?' haben se gerufe und immer wieder:.Was? was?' ,Er will se heirate!' hat der Peter da noch mal gesagt. .Heirate!' Und dann die andere:.Der Chrischan, die,. ,Es Paula will er...?' ,Ja, weiß er denn nit?' Und der Peter ganz frech: ,Ja, er weiß...!' Des haben se em nit glaube wolle, aber er hat geschworen, daß er's em gesagt hätt! Er selber! Das Paula hätt en hinterher wieder rumgekricgt, hat er gemeint. Wie se's angefangen hätt--?." Der Franz zuckte die Achseln. „Er weiß es!" schrien die Luis und das Minchen zugleich: „Er weiß und doch...!" „Ah!" sagte der Franz,„und Ihr hätten das höre müsse, wie se dann über den Chrischan gelacht haben, all die dreckige Kerle!" Er ballte die Faust. „.Der Chrischan bleibt am Paula hänge, hahaha!' Und sie haben sich die Händ geriebe. .Möchtst Du se?' hat einer den andere gefragt:.tätst Du es Paula heirate?' Und dann haben se sich wieder geschüttelt vor Lachen..Die Huri' haben se gesagt..Und der Herr Lehrer mit so einer!' .Vielleicht...?. die hat sich schon was zusammen- verdient!' .Sie tät nure mit feine Leut verkehre, hat se mal zu mir gesagt, wie ich se angesproche Hab...!' Und so is es fort- gegange...1" Der Franz wischte sich den Schweiß von der Stirn:«Aber ich... ich weiß nit! Mich hat die Angst ge- packt! Ich Hab an Dich gedentt, Luis, und, und--!" Der Atem ging ihm aus. „Wenn De em helfe könntst! Er darf doch nit eso zum Gespött werde, als Lehrer.. „Franz...!" Die Luis gab dem Stiefbruder die Hand. „Ich dank Der...!" sagte sie. Sie hatte Tränen in den Augen. Der Bursche wurde rot. „Ach Du, weißt," sagte er.„Du warst all immer eso ordentlich zu mer... und ich...1" Er verschluckte sich, drehte dem Mädchen den Rücken zu und fuhr sich mit dem Nockärmel über die Augen. „Was is da zu mache?" fragte die Luis und sah das Minchen an. „Du mußt mit em rede!" sagte die. „Ja, aber wenn er's doch schon weiß!" „Ah, glaub doch den Schwindel von dem Peter nit! Wenn der Chrischan das all wüßt!" Das Minchen lachte. Dann kloptte sie dem Franz auf den Buckel:„Du bist en ordentliche Bub!" sagte sie.„Gut Nacht auch!" Und da- mit war sie aus der Küche. Als am nächsten Sonntag der Christian nach Hause kam. trat die Luis aus ihn zu. „Chrischan, ich muß mit Der rede," bat sie. Er machte eine ärgerliche Bewegung.„Is es wegen dem Paula" fragte er.„Ich merk ja wohl, daß Euch das nit recht is!" und er wollte sich jäh umwenden, aber dabei traf sein Blick die todmatten Augen der Luis. „Herrgott!" Er fuhr sich über die Stirn. Wie sieht sie aus! dachte er. War ich denn blind? Und dann hörte er ihren Husten, diesen kurzen, trockenen Husten, den er noch von der Emma her kannte. Er sah ihre tief in den Höhlen vergrabenen Augen und ihr bleiches Ge- ficht, das in den letzten Wochen noch viel bleicher und niagerer geworden war. Herrgott, wollt ich denn wieder—?! Mit einem kurzen Gedanken, der ihm das Blut in Stirn und Wangen trieb, dachte er, wie er damals zu der Emnia Sterben gekommen war. „Das...1" Er schluckte ein paarmal kurz hinter- einander, und dann kreuzte er die Arme. „Na?" fragte er. Mit gesenkter Stirn und indem sie verlegen an der Schürze zupstc, erzählte ihm die Luis, was ihr der Franz und das Mincheu gesagt hatten. „Ach was! Die wollen es Paula schlecht machen," sagte der Christian, und dann nagte er an der Unterlippe. Zwischen seine Augenbrauen hatte sich eine Falte geschoben, und er atmete laut durch die Nase. Die Luis aber schiittelte den Kopf.„Nein," sagte sie, „was die beiden gesagt haben, is wahr! uinsonst geht das Geschwätz nit in der Stadt! Und dann mein ich auch, daß Du... Du... mit eso eme Mädel—— Um mit eso eme Mädel zu laufe, dazu biste zu gut, Chrischau...!" „Zu gut!" Die Glut schoß dem Burschen in den Kopf bei den Worten.„Zu gut! hahaha!" Ich bin zu gut für sie. zu gut für sie! das war's ja, was er sich in unzähligen schlaflosen Stunden des Nachts schon vorhergesagt hatte! Es war ihm dann, als sauge sie mit ihren wilden gierigen Küssen ihm alle Kraft aus den Gliedern, allen Verstand aus dem Hirn, alles Gute aus dem Herzen! Aber wie er auch tobte gegen sie in solchen Stunden— wenn er sie wiedersah, faßte ihn das heiße Begehren, und er ward schwach... feige, und der Vorsatz, sich von ihr los». zureißen, den er gefaßt, starb in ihm. Nicht denken, nicht denken! war alles, was er wünschte in solchen Augenblicken...! „Tu bist zu gut für sie," sagte die Luis noch einmal,„sie hält es ja mit jedem...!" „Nein!" donnerte da plötzlich der Bursche los.„Seit se mit mir geht...1" Starr sah die Luis zum Bruder auf. Sie faltete d,e Hände und beugte den Rücken. Die Wildheit in seinem Blich ängstigte sie, und sie zitterte. Der Christian aber fuhr fort, und seine Stimme wurde weicher.„Seit se mit mir geht, geht sie mit keinem anderen mehr, das hat sie mir versprochen, geschworen hat sie mir's« kind ich Hab ihr gedroht...1" Er krampfte die Finger, als wollte er jemanden würgen. Die Luis wich einen Schritt zurück.„Crischan!" rief sie. „Ja, und sie weiß, daß ich ernst machen würde!" fuhr der junge Mann mit grimmem Lachen fort.„Darum schon und überhaupt...!" Er tastete mit der Hand über die Stirn, aus der der Schweiß stand.„Sie schwört mir jedes- mal, wenn ich sie seh...1 Nein, nein!" „Ja," sagte die Luis,„dann.,. dann-�1" Ihre Stimme war heiser,„aber---?" „Das ist von früher, wo die Leut halt noch reden," sprach der Christian und senkte den Kopf, denn das Blut schoß ihm in die Stirn. Er empfand den Schimpf, der ihn zugleich mit dem Mädchen traf. Und er nickte mit dem Kopf. Das würde also immer an ihr kleben, der Flecken da..., den konnte man nicht wegwischen.— Man würde immer mit Fingern auf sie deuten, auch wenn er sie zu seiner Frau machte!-- Zu seiner Frau? Ja!— dann?— Es ward ihm, als müsse er ersticken in dem Rock mit dem engen Kragen.„Ah!--" Und plötzlich schoß ihm ein jäher Verdacht durchs Hirn. Er fühlte, wie er bebte bei dem Gedanken. Er fühlte den Schweiß, der auf seiner Stirn stand. Und wenn sie nun doch.. Wenn sie ihn belügen, betrügen würde...? Mit starren Augen sah er die Luis an.„Du," sagte er, und seine Stimme klang rauh.„Du...?" und er griff mit zitternden Fingern nach dem Aermel ihres Kleides.„Weißt Du... am End...? haben Ihr...? Ist...? hat man sie in der letzte Zeit—?" Er keuchte, und dann fuhr er fort:„Hat man sie in der letzte Zeit mit einem anderen ge- sehen...?" ..Chrischan I" Des Mädchens Augen weiteten sich, die Glut trat auf ihre Backenknochen, und sie rang die Hände. ,, Chrischan, um Gotteswille! Was is...! was is mit Dir?" „Ja... nix!----- Nure... Ich Hab Dir ja gesagt, was sie mir geschworen hat...! Und... und wenn sie trotzdem-- 1" Seine Augen rollten. Seine Stimme klang fürchterlich. >, Herrgott!" Die Luis sank auf einen Stuhl. Sie reckte die Arme lang über den Tisch, und ihr Kopf schlug hart auf die Platte.„Wenn er erfährt...! erfährt... daß sie... dann?... dann... schlägt er sie tot!" Das wußte sie plötzlich, und das Grauen packte sie. Und die Angst. Die Angst, Herrgott, Herrgott, was nun?!— was nun? Sie lag und rührte sich nicht. Was... was ist da zu machen?— Was kann ich machen?-- Was?— Was?— Sie wußte nichts. Ihr Kopf war dumpf und schwer. Wie ausg>.vrannt war er. Was machen?— Was machen?-- Hätt ich doch gar nit geredt! stöhnte sie. Gar nit geredt, denn wenn... wenn...1 Besser doch noch, er tat sie heiraten.,, als-- lForts-tzung folgt. Zj lNnihdrilck vkibaliN.) Die Gütcrlottcrlc in preußen. Einer der„Edlen von Zülow", kurmärkischcr Rittergutsbesitzer, schrieb 18l)9 an den damaligen Minister Altenstcin, daß doch eigent- lich nichts gerechtfertigter wäre, als denjenigen Grundeigentümern, die„durch den Krieg schwere Schädigungen" erlitten hätten, durch außergewöhnliche Maßnahmen ein bißchen aus die Beine zu helfen. Es waren gewohnte Klänge, die an Altensteins Ohr schlugen; mau konnte nicht umhin, diesem zarten Wink Folge zu leisten, um so weniger, als man die schönsten„Begründungen" zur Hand hatte. Die indirekte Slaatsunterstützung durch Genehmigung von Güter- lottcrien hätte— so sagte man— eine große Zahl verschuldeter Gutsbesitzer über Wasser halten können, dabei hätte das spielende Publikum durch Hergabe kleiner Bareinlagen Großgrundbesitz er- werben und Mitmenschen vor dem sonst sicheren Ruin bewahren können — und was an dergleichen schönen„Gründen" mehr vorhanden war. Als ob jeder aus dem Publikum durch Ausspielen eines Grundstücks Aleich Großgrundbesitzer geworden wäre! Man hatte sogar aus- sindig gemacht, es sei die Möglichkeit vorhanden, daß mal Aus- länder gewinnen könnten, daß diese vielleicht ihr Heimatland ver- lassen würden und mit Kind und Kegel, Hab, Gut und allem Ver- wögen— notabenc wenn sie welches hatten— nach Preußen über- jiedel.i uW jo dM nationale Vermögen permehren könnten! I Ran operierte tatsächlich auch mit dieser„Begründung" und hatte mit alledem den Boden hervorgezaubert, auf welchem der Erfolg her- vorschießen sollte. Üebrigens war schon damals die Güterausspielung nicht mehr neu, denn im Jahre 1712 hatten schon Leute Konzessionen zu Güterausspielungen erhalten, für die sie als„Gegenleistung" ein paar Pfennige an einige milde Stiftungen zu zahlen hatten. Auch 1791 durften ein schlesischer und ein märkischer Großgrundbesitzer ihre Güter ausspielen, jedoch unter dem Vorbehalt, daß die Lose nicht in Preußen verkauft werden dürften. Die Folge des Verbotes ivar, daß die Unternehmer für ihre Lose in Preußen einen rasenden Absatz fanden und einen großen Haufen Geld einsackten. In Preußen wußte man wohl um diese Vorfälle,, und der uns schon aus unseren Erörterungen über die Quinenlottcrie her sympathisch bekannte damalige Chef der preußische» Staatslotterien. Wilckens, berichtete folgendes an den Staatskanzler Hardenberg: „Die Güterausspielung allgemein freizugeben, kompromittiert die beste Regierung, kann den Staat nichts einbringen, versetzt den Ausspielenden in eine schlechtere Lage als er bisher war, weil er seine Lose nicht los wird, mithin die Ausspielung nicht zustande kommt, und bringt das spielende Publikum in Gefahr. Ich halte es mindestens für unmöglich, daß die Sache durchgeführt werden kann, und ich sehe nicht ab, warum erst ein Versuch gemacht werden soll, wo es keines Versuches mehr bedarf." Wo das Profitinteresse der Junker in Frage kam, hörte natür- lich die Sachkenntnis der Sachverständigen auf. Wilckens bekam eine schnoddrige Abfuhr und Friedrich Wilhelm III. hatte eine Kabinettsorder(17. 3. 1819) zu unterschreiben, die die Güteraus- spielungcn in Preußen prinzipiell genehmigte. Daß die Sache tatsächlich wie geschildert ablief, beweift der Wortlaut dieser an Altenstein gerichteten Kabinettsorder: „Zur Ausspielung von Privatgütern will Ich, weil das Publi- kum so allgemein sie wünscht(!), und in der Hoffnung, daß die große Konkurrenz der Ausspielenden deren Zweck selbst zerstören würde, hierdurch eine allgemeine Erlaubnis dahin erteilen, daß dabei keine ausschließlichen Begünstigungen stattfinden, die Grundsätze des dazu Mir von Euch vorzulegenden Planes genau befolgt und von den auszuspielenden Güterpreisen 15 Proz. Abgabe an den Staat ent» richtet werden sollen." Bevor man irgend eine Ahnung hatte über die wichtige Form der Ausspielung, sicherte man sich den vermeintlich fetten Happen. Es wurde schließlich die Form der Klassenlotterie für geeignet be- funden. Nach dem Lotterie-Edikt vom 28. Mai 1819 hatte die Be» rcchtigung zum Ausspielen eines Grundstückes nur dessen Eigen- tümer, nachdem er den finanziellen und rechtlichen Stand seine? Grundstückes klargelegt und vom Finanzminister die Erlaubnis zur Ausspielung erhalten hatte. Die technische und geschäftliche Aus- führung lag der königl. preußischen General-Lotteriedirektion ob, die dafür und für die Abstempelung der Lose 1b Proz. des Ein- nahmebetrages der abgesetzten Lose erhielt. Das Grundstück selbst mußte dem Gewinner schuldenfrei überlassen werden. Um zum Mitspielen anzureizen, wurde dem Ausspielenden überlassen, auch Geldprämien auszusetzen, die jedoch den fünften Teil des ganzen Betrages der auszuspielenden Immobilien nicht überschreiten durften. Die Beträge in Bar und die kündbaren Hypotheken mußten in Kapital und Zinsen bei der Lotteriedirektion hinterlegt werden, die nach ihrem Ermessen Ausspielungen zuließ und festsetzte. Die Ausspielung fand spätestens vier Monate nach dem Beginn des Lofeverkaufs statt. War innerhalb dieser Zeit die Einnahme durch den Losverkauf nicht groß genug, um die Hypothekenschulden und Geldprämien oder die an den Fiskus zu leistenden Abgaben zu decken, so konnte die Ausspielung des Grundstücks nicht erfolgen. Nach der Bekanntgabe des„Publicandums" vom 15. August 1819 wurde das Finanzministerium nun so bombardiert mit Ge- suchen um Konzessionierungen: innerhalb ganz kurzer Zeit waren 349 Bewerber vorhanden, von denen vorläufig 4 städtische und 7 ländliche Besitzer die Konzession zur Ausspielung erhielten. Die erste Ausspielung betraf ein Grundstück in Berlin, das in bester Gegend der Stadt belegen einen Wert von 17 999 Talern besaß und 899 Taler Mietszins abwarf. Es sollten 9299 Lose zu 5lh Tälern ausgegeben werden, denen das Grundstück und 599 Geldprämien gegenüberstanden. Die Ausspielung mußte jedoch wegen voll- ständiger Teilnahmlosigkeit des Publikums aufgegeben werden. Die zweite städtitche Lotterie hatte mehr Erfolg, die dritte kam wieder nicht zustande und aus der vierten zog der Unternehmer wieder ein glänzendes Fazit. Denn obgleich der bei weitem größte Teil der Lose nicht abgesetzt war, fand doch die Ausspielung statt. Der Haupt- gewinn fiel aber auf die unverkauften Lose, der Gewinn selbst also an den Unternehmer zurück, und nur ein paar kleine Geldgewinne kamen den Spielern zugute. Bei der Ausspielung der ländlichen Grundstücke kam noch ein weiteres erschwerendes Moment hinzu, nämlich die Unklarheit der Spielpläne. Jedem Spieler mußten direkt die Tränen in die Augen treten, wenn er sah, wie jemand, dessen Gut die beste und fetteste Ackerkrume besaß, dessen Wälder den Reichtum an Wild nicht zu fassen vermochten, dessen Teiche von Fischen nur so wimmelten, es über das Herz bringen konnte, sich von solchem Be- sitze zu trennen! Das erste ländliche zur Ausspielung gelangende Grundstuck war die im Besitze des Jnfanteriegenerals von Rüche! gelegene HerrAaft Amalienburg, die aus zwei Gütern, einer jiolonie und einem Vorwerk bestand. An lebendem Inventar waren 18 Pferde, 7i) Stück Rindvieh und 1200 Schafe vorhanden; die 2254 Geld- gewinne repräsentierten 08 000 Taler. Es sollten 20 000 Lose je zu 18 Taler» ausgegeben werden. Jeder Unbefangene wird meinen. daß ein derartig hoher Einsatz aussichtlos sei; dennoch wurden 19 000 Lose abgesetzt und die Lotterie mit Erfolg durchgeführt! Auch die zweite Lotterie, betreffend das Gut Niedergießmannsdorf in Schlesien, bei der 12 000 Lose zu I6V2 Talern Einsatz ausgegeben werden sollten, lvar von Erfolg begleitet; nicht weniger als 11771 Lose wurden verkauft. Hierbei hatte der Unternehmer einen fetten Gewinn gemacht. Damit aber nicht genug. Er kaufte das Gut später um den Betrag von 20 000 Talern wieder zurück. Der an- gegebene Zweck dieser Ausspielungen war damit natürlich voll- kommen verfehlt; man hatte durch Schröpfung Vieler einem Einzigen grotze Profite in das hungrige Maul geworfen. Nach diesen„Erfolgen" wuchsen nun die Pläne in den Himmel. Die„Große vereinte Güterlotterie" sollte eine Ausspielung der Allodial-Rittergüter Dahlwitz, Zackenzien nebst Luisenhof, Neu- Vorwerk, Kurow und zehn im Wartebruch gelegener Grundstücke zusammen veranstalten. Wie man volkswirtschaftlich die Erwer- bung derartiger Güter seitens eines einzelnen rechtfertigen wollte, darüber lieh man sich keine grauen Haare wachsen. Die Hauptsache war das Geschäft. Das ging aber diesmal schon wegen seiner Dimensionen total schief. Die Ausspielung wurde deshalb geteilt, und nun erst wickelte sich die Sache glatter ab, aber auch nur zum Nutzen der Unternehmer, denn die Güter selbst fielen an die Aus- spieler zurück, da die Hauptgewinne auf die unverkauften Lose trafen. Der Zufall hätte es aber auch anders bringen können, und der Effekt wäre dann der völlige Ruin der Besitzer gewesen. Die noch folgenden Ausspielungen, welche sogar viel bessere Güter betrafen, so z. B. das auherst ergiebige Erbpachtgut Nieder- schönhausen, das bei Berlin ganz nahe vor dem Schönhauser Tor lag— jetzt ist diese Gegend ein Teil des ungeheuren Häuser- meeres—, verliefen ganz kläglich. Nicht einmal die ISprozentige Abgabe war durch den Losabsatz gedeckt, so dah für zwei Güter- lotterten eine Geldlotterie gestattet wurde, die den Einnahmen entsprechende Geldgewinne aussetzte. Damit war man glücklich bei einer Geldlotterie zugunsten Privater angelangt! Mit diesen Ausspielungen aber hatte man selbst in Preußen genug. Es waren die letzten gewesen. Wilckens Vorhersage hatte sich bis auf das Tipfelchen über dem i verwirklicht. Das schönste dabei war, daß, während der Staat auf Einnahmen aus seinem Lotteriemonopol verzichtet hatte, andere sie für ihre Privatinteressen weggefischt hatten. Wilckens berichtete vom Jahre 1811 einen Ausfall an Lotteriegefällen von 350 103 Taler, woraufhin eine Kabinettsorder vom 31. März 1812 der Güterlotterie unter Zurückziehung aller schon erteilten Konzessionen ein jähes Ende bereitete.— Später (1825) wurden sogar hohe Strafen auf die Ausspielung inländl» scher Grundstücke in ausländischen Lotterien gesetzt. Aber wie noch heute die modernsten deutschen Staatsmänner keine.Konsequenzenmacher" sind, so war es schon damals. Man hatte gerade die Güterlotterie zum Leidwesen manches Speku- kanten, der in der Hoffnung auf eine profitable Ausspielung sich nach dem Erlast des Ediktes schleunigst mit Gütern versehen batte, mit Sang und Klang zu Grabe getragen, als man im Schoste weiser Finanzkünstler schon wieder daran dachte, den bereits 1810 ins Auge gefastten Plan einer staatlichen Domäncnlotterie aufzu- nehmen und zu verwirklich'», um größere fiskalische Besitze rentabel zu versilbern. Die privaten Güterausspielungen standen aber doch noch zu frisch vor der Erinnerung der Oeffcntlichkcit; man vcr- zichtete schließlich doch auf die Ausführung des Planes. Ten privaten Unternehmern hatten die Güterausspiclungen eigentlich einen ganz schönen Batzen Geld gebracht; so fielen bei der Ausspielung der Herrschaft Amalienburg, deren Erwcrbspreis 80 000 Daler betrug, für den General von Nüchel 200 000 Taler(l) ab. Dabei erließ der Staat diesem Manne die Ibprozentige Abgabe in der Höhe von 51 000 Talerl Der edle Herr soll sich gar nicht geschämt haben, dieses Geschenk von dem leereu Staatssäckel des reduzierten Preusten anzunehmen. Auch sonst sielen ganz nette Gewinne in der Höhe von 102 844 Taler, 85 000 Taler, 54 000 Taler usw. für den Ausspieler ab. Der Staat gewann im ganzen eine Einnahme von 61 126 Taler, wofür er die Ausführung der Ausspielungen vorzunehmen hatte. Es blieb an Reingewinn also so gut wie nichts übrig. Auf der anderen Seite wurde das Publikum ganz gehörig geschröpft, denn die Bereicherung des Aus- spielers konnte ia nur durch die von den Spielern stammenden Summen geschehen. Auch die Ibprozentige Abgabe mutzten die Spieler bezahlen. Die Unkosten waren bei der Güterlotterie sehr hoch, sie beliefen sich auf 30 bis 40 Proz. der Einnahmen, während sie bei der Klassenlotterie noch nicht einmal 10 Proz. betrugen. Die Gewinnchancen waren daher noch geringer als bei jeder anderen Lotterie, und was sollte schliestlich der glückliche Gewinner eines Gutes in Lstpreutzen mit seinem Gewinne anfangen, wenn er selbst als Kausmann oder dergleichen an Berlin gefesselt war? Wie sollte man auf diese Weise die Landeskultur heben, wenn ein Gut in die Hände von Personen geriet, die weder Zeit noch Geschick oder Lust zur Bewirtschaftung hatten? Man hätte eben wie Wilckens einsehen können, datz Güter- lotterten damals nicht florieren konnten. Die Gesamtheit erlitt nur Schaden; ein paar verkrachten Siaatsstützen wurde auf die Beine geHolsen und der Staatssäckel hatte das Nachsehen. Die Interessen schlecht situicrter Grundbesitzer konnten nur gefördert werden durch zahlreiche gleichzeitige Ausspielungen und für dkh fehlte das Aktionsfeld. Wer hätte wohl alle die teuren Lose kaufen sollen?— Eine Lotterie kann eben niemals volkswirtschaftlich segenbringend wirken, weil sie keine Werte schafft, sondern nur verzehrt. Sie nimmt auf der einen Seite viel und gibt auf der anderen weniger, noch dazu nach dem altbewährten Prinzip, datz die Armen die eigentlichen Kosten zu tragen haben.— Franz Woclmantv Kleines feinlleton. Eine liebe Kundin. Wenn die Frau Geheimsckretär Kräkel in ein Geschäft kommt, wo man sie kennt, entsteht eine Panik unter den Verkäufern. Jeder zeigt das menschenfreundliche Bestreben, die Ehre,„Frau Rätiu" zu bedienen, seinen Kollegen zu überlassen. Heute ist Frau Kräkel mit Jettchcn, ihrer siebzehnjährigen Tochter, unterwegs, und da gehen sie zunächst in ein Spezialgeschäfr für Stereoskopbilder. Ahnungslos eilt ihnen der Chef selbst entgegen und fragt sehr höflich:„Sie wünschen, meine Dame»?" Frau Kräkel wirft durch ihren Kneifer einen strengen Blick auf ihn und sagt kurz:„Ich möchte Ihren Chef sprechen." „Ich bm der Chef." „Ach Pardon!" Die Frau Gcheimsekretär wird etwas freund» licher.„Aber, mein Herr, was haben Sie mir bloß für Bilder ge- schickt! Ich bin sehr enttäuscht. Die Ansichten gefallen mir ganz und gar nicht." „O, das tut mir leid I" Der Chef sieht sich die Bilder an und meint verwundert:„Diese Aufnahmen aus dem Riesengcbirge sind doch aber gut. Die Bilder gefallen sonst sehr." Frau Kräkel lächelt spitz, wendet sich an ihre Tochter und sagt mit rronischem Nachdruck:„Das ist Geschmacksache. Nicht wahr. Jettchcn, nieinst Du nicht auch?" Jettchen, die die Länge und den GefichtsauSdruck hat wie ein Strauß, ftöstt ein kurzes, kullerndes Lachen aus, nickt heftig mit dem Kopfe und meint auch. Der Geschäftsinhaber, ein junger Anfänger, dem daran liegt, sich möglichst jeden Kunden zu erhalten, sagt verbindlich:„Ich tausche Ihnen natürlich die elf Bilder gern um." Er bringt den Damen Stühle und einen Stereoskopapparat und holt die ge« wünschte Serie vom Harz herbei. Aber Frau Kräkel sieht sie kaum, so mäkelt sie auch schon: „Hier die Partie von Gernrode ist ja so weit ganz nett, aber ich vermisse die Kirchturn, spitze. Warum haben Sie denn die Kirch» turmspitze nicht mit auf dem Bilde?" Sie faßt es beinahe wie eine persönliche Beleidigung auf, datz die Kirchturmspitze fehlt. Ein drohender Blick trifft den erschrockenen Mann, und sie fragt in eisigem Tone:„Sie sind wohl nicht sehr religiös?" Natürlich beteuert der Chef das Gegenteil. Dann turnt er von neuem die Leiter hinauf und wieder hinunter und schleppt Bilder über Bilder herbei. Aber Frau Kräkel hat überall etwas zu bemängeln. Wenn sie ein Bild gesehen hat, zeigt sie es ihrer Tochter: „Nicht wahr, Jettchcn, solche große Wolke haben wir da nicht ge» sehen?" oder:„Meinst Du nicht auch, Jcttchen, auf diesem Bilde hat die Bäuerin eine zu dicke Nase?" Und jedesmal läßt Jettchen ihr kullerndes Lachen hören, nickt lächelnd mit dem Kopte und meint auch. Atemlos und in Schweist gebadet sucht sich der Chef schließlich zu drücken. Er ruft seinen Gchülfen herbei:„Bitte, Herr Krause, bedienen Sie die Damen weiter. Entschuldigen Sie mich, meine Damen, ich bin leider verhindert." Er geht schleunigst hinaus. Erst nach einer Stunde kommt er zurück und siehe da: Frau Kräkel und ihre Tochter sehen sich immer noch Bilder an. Erschöpft, blast lehnt der Gehülfe an der Leiter; erleichtert atmet er auf, als beim Eintritt des Chefs Frau Kräkel sich erhebt und sagt:„Nun schön, dann wollen wir Schluß machen. Zählen Sie die Bilder, die ich gewählt habe, bitte zusammen." Herr Krause zählt und notiert:„12 Bilder, elf davon im Um» tausch— macht 25 Pfennige." „Wie, zwölf Bilder? O nein, hinzukanfen wollte ich jetzt keine) Erst im Winter, zu Weihnachten I Da lasse ich also das eine zurück." Frau Geheimsckrctär Kräkel nimmt»och einmal Platz. Wieder dauert es eine halbe Stunde, bis sie sich entsckieden hat, welche» Bild sie zurücklästt. Dann lächelt sie huldvoll und sagt:„Ich danke schön, ich werde Ihr Geschäft empfehlen." Der Chef verbeugt sich und dankt auch. Aber kann, ist Frau Kräkel zur Tür hinaus, da kommt sie, gerade als er ihr einen kräftige» Fluch nachsenden will, noch ein» mal zurück und ruft ihm zu:„Mir fällt eben ein, wir könnten in der Elektrischen das kleine Paket leicht verlieren; denn wir müssen noch weiter. Sie haben wohl die Liebenswürdigkeit, mir die Bilder morgen durch Ihren Laufburschen zuzuschicken." Der Chef verbeißt seine Wut:„Sehr wohl, gnädige Frau, Wie ist, bitte, die werte Adresse?" „Frau Geheimsekretär Krälel, Hoferstr. 117, Hof 3 Treppen." „Schön, Madame!" Da richtet sich Frau Kräkel hoheitsvoll auf. Sehr energisch sagt sie:„O bitte, Sie könne» ruhig weiter gnädige Frau zu mir sagen Wir wohnen auch nach vorn heraus. Nur die Boten sollen über den Hof gehen." Ohne Grub, mit stolz erhobenem Haupte— Jettchen macht's ebenso— verläßt sie das Geschäft.— Hugo Fründ. — Die Bekämpfung des Straßenstaubes. Jene Staubmassen, die wir als Strabenstnub bezeichnen, bestehen meist aus zermalmtem Erd- und Steinreich und verdanken ihren Ursprung dem modernen, rasenden, nimmer rastenden Weltgetriebe. In erster Linie ist es nun. wie Dr. Büttner-Pfänner zu Thal in der„Schweizer Monatsschrift für Medizin" ausführt, das rollende Rad, das den Strabenstaub er- zeugt; und je dringender die Bedürfnisse der Zeit das rollende Rad vermehren, desto stärker wächst die Staubmenge. Die Staubplage aber ist erst so recht durch das Automobil hervorgerufen worden, das die Staubschicht durch seine regelwidrig schnelle Bewegung in die Höhe bläst und die Straßenluft damit füllt. Diese Staubwolken sind der Gesundheit im höchsten Mab« schädlich. Sie sind nicht nur Träger von allerhand Infektionskrankheiten, sondern die scharfen fplitterigen Körperchen ritzen die feinen Luftwege, in die sie beim Einatmen dringen, an und impfen so gleichsam die mitgeschleppten Bazillen in die Lunge ein. Zur Bekämpfung des Staubes bediente man sich von altersher des Wassers. Wer Wasser hält nicht lange vor, weil eS sehr schnell verdunstet. Diese Eigen- schaft besitzen die nicht trocknenden Oele, besonders die Erd- und Mineralöle, nicht. Zuerst wurde die Sprengung der Straßen nnt billigeren Erdölen in Amerika versucht, weil dort das Rohöl so gut wie nichts kostet. Dann folgten verschiedene und umfasiende Versuche in Europa, die zu einer ganzen Anzahl Systeme führten, ohne aber das Ziel der Vollkommenheit zu erreichen. Als das beste erklärt Pros. Dr. Büttner zu Thal den Makadam. aber mit Oeleiubettung I Geölter Sand, KieS oder Stein wird niemals Staub geben. Reibt man zwei Steine trocken oder mit Wasser, so geben sie Substanz ab, die nach Verdunsten des Wassers zu Staub wird. Zwei geölte Steine vermindern sich nickt, weil das Oel die Reibung verhindert. Auch das eiserne Rad reibt nichts vom geölten Stein herunter; ein einfaches Beispiel gibt der Schleisitein. Auf nassem Stein bildet sich zum Beispiel beim Rasiermesscrschleifen bald ein Brei� aus Wasser und der abgeriebenen Steinmasse. Ein geölter Schleifstein nimmt dagegen nur vom Stahl weg. ohne selbst angegriffen zu werden. Die andere Seite des Erfolges liegt darin. daß die ölige,_ nie ganz erhärtende Riasse immer noch fähig ist, von außen hinzukommenden Staub, der also hcrgeweht oder an den Rädern von den Landstraßen herbeigeschleppt wird, zu binden. Sollte die Masse wirklich dadurch nach Jahrzehnten ihre Bindekraft schwächen, so läßt sie sich leicht mit geringen Kosten wieder ersetzen. Eine Bedingung wird freilich Haupterfordernis sein, nämlich die, daß nach Fortschaffung des vorhandenen Staubes die gesamten Straßen einer Stadt und die Chausseen auf etwa fünf Kilometer vor ihr imprägniert werden, denn alles fleckenweise Behandeln wird durch die Massen des um diesen Fleck entstehenden Staubes stets seines Erfolges beraubt; man kann einen großen Brand nicht mit ein paar Kannen Wasser löschen. Die in London in größerem Maß- Jtabe gemachten Versuche mit dem Büttnerschen Asphaltiiiverfahren laben einen guten Erfolg zu verzeichnen.— Ii. Die Berdiiiiimgskraft der saftigen Früchte. Neben ihrem säuerlichen, durstlöschenden Geschmack besitzen die ineisten Fruchtsäfte noch eine bestimmte Wirkung auf Magen und Darm. Bekannt ist ihre anregende Wirkung auf die Darmtäligkeit. Was ihren Einfluß auf die Verdauung anlangt, so gelten gekochte Früchte für leicht verdau- sicher als rohe, weil durch das Kochen die Zellstoffhüllen zersprengt werden. Bei empfindlichen Verdauungsorganen reicht man daher Aepfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Heidelbeeren nur gekocht. Dar- über, wie saftige Früchte direkt die Verdauung beeinflufsen, hat der Engländer Dr. Sharp Untersuchungen angestellt. Die Fruchtsäure der S saftigen Früchte verbindet sich mit dem Eisen der festen Nahrungs- 'offe, und letzteres wird dadurch zur Aufnahme ins Blut vorbereitet. uch enthalten viele saftige Früchte Fermente szersetzende Stoffe). Untersuchungen über die Wirkung frischer Früchte auf geronnenes Eiweiß ließen bei Erdbeeren, reifen Kirschen, Apfelsinen, bei Birnen und Apfelsaft verdauende Eigenschaften nachweisen. Bei Büchsen- früchten waren diese Eigenschaften ganz, bei gebackenem oder ge« dämpftem Obst teilweise zerstört. Am gesundesten ist demnach der Genuß von saftigen Früchten am Schlüsse der Hauptmahlzeit wegen ihrer die Verdauung unterstützenden Eigenschaften.— Aus dem Tierleben. g. c. Der amerikanische Kuhvogel. Während der amerikanische Kuckuck in rühmenswertem Gegensatz zu seinem nahen Verwandten in Europa sein eigenes Nest baut, gibt es doch auch in Nordamerika einen Vogel, der es vorzieht, seine Eier in fremde Nester zu legen und von fremden Vögeln ausbrüten zu lassen, statt selbst ein Nest zu bauen und das langweilige Geschäft des Ausbrütens selbst zu besorgen. Das ist der sogenannte Kuh- Vogel llAolutlirus ater), der auf dem größten Teil des Gebiete? der Vereinigten Staaten angetroffen wird. Wie bei unserem Kuckuck, so herrscht auch bei den amerikanischen Kuhvögeln Viel- männere», auf ein Weibchen kommen durchschnittlich drei Männ- chcn. Da» Weibchen der gewöhnlichen Art legt in Zwischenräumen von mehreren Tagen 8— 10 Eier von verschiedener Größe und Zeichnung. Major Bendire. der Verfasser eines vielgclesenen Buches über die nordamerikanischen Vögel, ist der Ansicht, daß höchstens die Hälfte dieser Eier ausgebrütet werden; es kommt nicht selten vor, daß das Weibchen seine Eier alten und verlassenen Nestern anvertraut oder eben erst vollendeten, in welche die recht- lichen Eigentümer noch keine Eier gelegt haben und es in diesem Falle vorziehen, die fremden Eier im Stich zu lassen oder sie unter neuem Baumaterial zu begraben. Wenn das Weibchen im Begriff ist seine Eier zu legen, geht es auf die Suche nach passenden Nestern, wobei es im allgemeinen diejenigen kleinerer Vögel vor- zieht und vor allen Dingen solcher, die ihre Nester auf die Erde bauen. Bis zu sieben Eiern von Kuhvögeln sind in fremden Nestern gefunden, und nicht weniger als 80 Arten, deren Nester auf diese Weise heimgesucht werden, macht Bendire namhaft. Nach seinen eigenen Beobachtungen und denen anderer treibt das Weib- chen nicht die rechtmäßigen Besitzer aus den Nestern, die es mit Eiern beglücken will, sondern wartet dazu den günstigen Augenblick ab, wenn sie unbewacht sind, indem es einen Teil der Eier, die eS in dem fremden Nest vorfindet, hinauswirst, um für seine eigenen Platz zu machen. Die auf diese Weise Hintergangenen Vögel merken im allgemeinen den Betrug nicht, sondern brüten fleißig darauf los, bis ihre eigenen Jungen mit den fremden daS Licht der Welt erblicken. Schon nach wenigen Tagen haben sie nur noch für diese zu sorgen, aus dem einfachen Grunde, weil die rechtmäßige Brut dann von dem stärkeren Pflegebruder schon entweder erdrückt, au? dem Neste gestoßen oder verhungert ist. Der junge Kuhvogel hält sich nämlich als der größere und kräftigere Sprößling des NesteS für berechtigt, die Fürsorge seiner Pflegeeltern allein in Anspruch zu nehmen.— Humoristisches. — Hinausgeyeben..Die Hausierer sind wirklich unaus- stehlich I.. Machen Sie. daß Sie fortkommen, sonst rufe ich meinen Mann I" „Rufen Se ihn nur— der is doch net zu Haus I" „Woher wissen Sie das?" „E' Mann, der s o e' Frau hat w i e S i e, is n i e zu Haus-- höchstens zum Essen l"— — Dankesschuld. Schrift st eller:.... Wieso bist Du dem Doktor Beißer zu ewigem Dank verpflichtet?" Kollege:„Das ist der Kritiker, der mich in erster Linie berühmt geschimpft hat!"— — Im Eifer.„... Wissen Sie, dieser Kerl ist nämlich so 'n richtiger Halunke!" .Wieso?" „Nun, einmal spricht er s o und einmal spricht er so... a b e r ich mach''s jetzt oochsol"— («Fliegende Blätter".) Notizen. — Ein Preis für ein niederösterreichisches Dialektbuch war vom Verein für Landeskunde von Niederster- reich ausgeschrieben. Es ging nur ein Manuskript ein, und diese? wurde vom Autor selbst nur als Beitrag für ein derartiges Dialektbuch bezeichnet. Man verlängerte die Einreichungsfrist für Preisarbeiten um zwei Jahre.— o. U p t o n Sinclair schreibt, wie aus New Dork berichtet wird, an einem neuen Roman„The Financier". DaS Werk soll zeigen, wie die ungeheuren amerikanischen Vermögen zusammen» gebracht und verwendet werden.— —„Der Letzte", ein Fischerdrama in vier Akten von Paul G o t t s ch a l k, wurde vom Deutschen Theater in Han» nover zur Aufführung erworben.— —„Der Dieb" heißt eine neiw moderne GesellschaftSkomödie von Henri B e r n st e i n, die im Pariser G y m n a s e- Theater aufgeführt werden wird. Das Stück soll scharfe Schlag» lichter auf gewisse soziale Zustände der Gegenwart werfen.— — Der japanische„Faust". Nach dem Italienischen Theateralmanach von ISOö hat der Goethesche„Faust" in japanischer Uebertragung seltsame Gestalt angenommen. Danach ist Mephisto — der„Böse"— die einzige Figur, die durch einen weißen Mann von der kaukasischen Iiasse dargestellt wird. Die übrigen Personen sind durch Japaner vertreten. Gretcken, verführt, verlassen und zur Mörderin geworden, wird vom japanischen Tribunal frei» gesprochen. Sie muß jedoch schwöre», daß sie niemals mehr mit einem Westländer eine Liebesbeziehung anknüpfen werde. Zum Schluß wird sie dann von einem japanischen Offizier, derssieg» reich aus der Mandschurei zurückgekehrt ist, geheiratet, und alle Not hat ein Ende.— — Mumpitz. Müller-Fraureuth sagt darüber m seinem Buche„AuS der Welt der Wörter":„Diese? Wort hat zwar von Berlin au? seinen SiegeSzug angetreten, es sagt aber nicht« Neues; der Mumpitz ist lediglich der alte Mummputz oder (hessisch) Mombotz, das heißt das Gespenst.... Der Begriff der Schreckgestalt ging über in den eines erschreckenden oder bloß ver- blüffenden Geredes, der noch mehr verflachte in leere? Geschwätz, Unsinn."— Lerantw. Redakt.: Earl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltKaul Singer LcTo..Berlin