Anlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 160. Dienstag, den 21. August. 1906 (Nachdruck ucifioteit.) 301 Kinder der Gaffe. Roman von Charlotte K n o e ck e l. Die Luis sah das Gefängnis. Visionär zog es an ihr vorbei. Gitterfenster sah sie, und dahinter-- Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Und dann sank sie ohnmächtig in des Bruders Arme. Der trug sie ins Bett, rieb ihre Schläfen mit Wasser und wartete, wartete in zitternder Angst, bis sie die Augen aufschlug. Es dauerte lange. Den Christian dünkten es Stunden. Als sie zum Bewußtsein kam, umkrampfte sie des Bruders Arm.„Bleib bei mir!" flehte sie,„bleib bei mir, bis Dein Zug führt!" Er willfahrte ihr, und sie schloß die Augen und hielt seine Hände. „Kommt der August heut nicht?" fragte der Christian nach einer Weile. Sie schüttelte den Kopf. „Er is mit cn paar Kamerade en weite Tour inache...!" Und dann schlviegen sie wieder. Den Christian quälte das Verlangen nach der Paula. Es war wilder denn je, während er still ani Bett der Schwester saß. Ob sie auf nnch wartet? dachte er. Oder ob ihr die Zeit lang geworden ist und sie mit... mit...? Aber nein! Das tat sie nicht! Sie beschwor's ihm jedesmal, und dabei sah sie ihm fest in die Augen! Es war lächerlich, so etwas nur zu denken...! Und er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Wieder saß er eine Weile Herrgott, kann ich das aushalten? fragte er sich. Es war ihm, als müsse er zur Paula stürzen. Und er stellte sich ihre Augen vor, diese schwimmenden blauen Augen, in die er nicht schauen konnte, ohne daß ihn ein Zittern durchrann. Und dann sah er ihre ganze volle Gestalt. Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Wozu diese Vorstellungen, diese Phantasien? Sie inachten ihn ja rasend! Sollte er sich von den dünnen Fingern befreien, die sich so fest und heiß um seine Hand spannten? Er dachte an die Emma, und dabei kam ihm det Blick der Paula in den Sinn. Dieser Blick, der ihn damals rasend gemacht hatte. Ja die! Die ist zu allem fähig! schrie es laut in ihm. Und ich Hab den Schwüren dieses Mädchens geglaubt! Ich! Ich! Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Ich Hab ihren Schwüren geglaubt! Was mag sie sich gefreut haben, über den dummen Christian! Wie hat sie sich wohl lustig gemacht über mich bei ihren anderen Liebhabern! Andere Liebhaber, ha! Ihm schwindelte doch bei dem Gedanken! Die Qual hetzte ihn vom Stuhl auf. Er machte eine Bewegung, um seine Hand von den Fingern der Luis zu be- freien. Da schlug sie die Augen auf. „Chrischan— ," sagte sie und schaute ihn flehend an. Und er setzte sich. „Ja, ja...!" sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn, seine Stimme klang rauh. Und auch über die Luis kam wieder die Angst. Was kann ich tun, was kann ich tun? Wie kann ich das Unglück verhüten? dachte sie in einem fort. Die eine Frage hetzte im Kreise durch ihr Hirn, immerfort, immerfort! Ob sie jetzt wohl mit einem andern läuft, die Paula? dachte der Christian, und er glaubte ihr Lachen zu hören. Ter Chrischan, hahaha! der dumme! Läßt sich an der Nas' herumführen! Er ballte die Faust und knirschte mit den Zähnen. Der Chrischan, der dumme! Hahaha! In der Küche tickte die Uhr gleichmäßig. Es war, als verhöhne sie den Gcdankengalopp der beiden Menschenkinder, die wortlos beisammensaßen. Hin-her! Hin-herl— 4 „Ah!" Draußen begann es zn dämmern, in der Stube wurde es Nacht. Und dann kamen die Kinder heiin und die Marie. „Chrischan, um alles in der Welt, Tu mußt auf die Bahn!" rief der Johann. Er brachte dem Bruder Stock und Hut.„Darf ich Dich begleite?" fragte er. Der Christian nickte und reichte der Luis die Hand. „Es tut mir leid, daß Du Dich aufgeregt hast wege mir! Und grüß den Vater," sagte er. „Chrischan!!" flehte sie und sah ihn an.„Du weißt, ich mein's nurc... Ach Gott, ich möcht ja alles für Dich tun!" Sie schluchzte auf. Er fuhr mit der Hand über ihr weiches Haar. Sie waren sonst nie zärtlich zu einander. Dann ging er in die Nacht, die angstvollen Gedanken der Luis hetzten hinter ihm her. Wenn er ihr begegnen tät mit dem Härter am Arm, oder init sonst einem? Was dann?— Sie zitterte. Aber nein, nein! beruhigte sie sich, die Paula is schlau! Wo sie weiß, daß er da is! Und wenn's am End wahr wäre, was sie dem Christian geschworen hatte? Doch sie verlachte den Gedanken. Sie kannte die Paula. Aber der Christian, der Christian?! Wenn der sie mit einem trifft! Wenn der weiß, daß sie ihn betrügt-- ha! Der kalte Schweiß stand auf ihrer Stirn, und ihre dünnen sieberheißen Finger krumpften sich ineinander. Was kann ich tun! Wie kann ich ihm helfen! Wie kann ich das Schrecklichste verhüten, das Schrecklichste?... Lange wälzte sich die Luis an jenem Abend schlaflos im Bett. Ihre Wangen brannten, ihre Stirn und ihre Finger. Und ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Wenn sie die Augen schloß, war ein wildes Sprühen von Funken rings um sie her. Die wirbelten erst wild durcheinander, wurden zn einer Garbe und drehten sich dann im Kreise wie ein Rad. Und sie preßte die Hände an die Stirn. Aber die Hände waren ebenso heiß wie die Stirn. Langsam hörte das Rad auf sich zn drehen. Es wurde still. Und die Luis wußte nichts mehr. Als sie nach einer Weile plötzlich erwachte, faltete sie die Hände und setzte sich im Bett auf. Ich muß die Paula überreden, daß sie voin Christian abläßt. Die Paula muß em sage, oder schreibe, daß sie en nit heirate will, dann wird alles gut! Sic legte sich um und schlief ein, die Hände auf der Brust gefaltet. 23. Als die Luis am andern Morgen aufstehen wollte, taumelte sie. Die Aufregung von gestern liegt mer halt noch in den Gliedern, dachte sie mit müdem Lächeln. Ich bin überhaupt gar nir mehr wert, die letzt Zeit! Sie zog sich an und begann zu arbeiten, aber überm Kartoffelschälen ward sie schwindlig. Die ganze Küche drehte sich im Kreise um sie, und dann wußte sie nichts mehr. Als sie zu sich kam, lag sie mit offenen Kleidern auf ihrem Bett und aus der Küche tönte der Marie Stimme zu ihr herüber. „Es geht all schlecht mit ein," sagte sie. Tie Luis horchte auf. War von ihr die Rede? „Ja, ja...! Ich Hab se die letzt Zeit als mal bctracht!" Das war Frau Hampcl.„Sic gefallt mer nit, und ich muß dann immer an die Emma...!" Mit vorgestrecktem Hals, atemhaltend saß die Luis. Ihre Augen quollen hervor.,«ie hatte die Zäbne fest auf- einander gepreßt.„Die Emnia!" hörte sie noch, dann ver- wirrte sich alles um sie her. Ein paar Töne vernahm sie noch, die kamen wie aus weiter Ferne, und dann ward Nacht rings um sie. Als sie wieder zu sich kam, stand der Arzt an ihrem Bett. Er fühlte ihren Puls.:i/T x„Wie geht'sl" fragte ex dabei. „Ach!" Sie fuhr sich mit der Hand über Augen und Stirn.„Es war mir e bißche schwindelig, aber jetzt.. Sie richtete sich auf.„jetzt is mer's gut, ich kann aufstehn!" „Nein," sagte der Toktor,„aufstehn! Sie sind nicht ganz klug! Ein paar Tage müssen Sie mindestens im Bett bleiben!" „Ein paar Tage?" Sie sah den Mann mit entsetztem Gesicht an.„Ein paar Tag?" wiederholte sie. Und dann kamen ihr die Tränen. „Ich Hab ja kein Zeit!" sagte sie und zerrte mit ihren zitternden Fingern an j>er Bettdecke herum. „Ich Hab kein Ztitf Kein Zeit!" Ich muß doch zun. ss aula, dachte sie, ich muß mit dem doch rede, eh der Christian kommt! Sie muß cm noch schreibe, eh er kommt... Sie zitterte ärger und schluchzte lauter.„Ich muß auf- stehe, ich muß aufstehn! Ich Hab kein Zeit im Bett zu liegen! Nein, nein, ich Hab kein Zeit!" Ihre Wangen brannten. „Sie dürfen nicht!" sagte der Arzt kurz und hart. Tiefes schwindsüchtige Mädel anch noch hysterisch! und er zuckte die Achseln. Tie Luis aber schlug die Hände vors Gesicht und weinte fassungslos. Ihr ganzer Leib bebte. „Wir müssen was zur Beruhigung geben," sagte der Toktor zur Marie und verschrieb Morphium. Tie Frau schickte den kleinen Ludwig gleich in die Apotheke. Und das Morphium tat seine Wirkung. Tie Luis ward still. Sie lag in wohligem Halbschlaf und verlangte nicht mehr aufzustehen an dem Tage. iFarts-tzirng folgt. js lNachdnick verboien.) Austen und fjordc. Wohl nur wenigen Besuchern der Meeresküsten, ja selbst nicht einmal den Küstenbewohnern selbst dürfte es so recht �nm Bewußtsein kommen, aus welchem Grunde die Küstengegcnden einen so eigentümlichen Reiz ausüben. Zweifellos bietet der unermeßliche rzenn mit seinen Wogen und Wellen dem Äuge und dem Gcmütc so viel Reizvolles und Erhebendes, daß man immer wieder mit staunender Bewunderung den Blick über die Wasserfläche schweifen läßt. Aber dies ist doch nur ein Moment, das uns den Aufenthalt an den Küsten lieb und wert macht, ein anderes weniger zum Bc- wußtsein gelangendes Moment bildet die Harmonie der Küsten, und' gerade sie ist es wohl, die den dauerndsten Eindruck zurückläßt. Diese so sanft gebogenen Linien rollen sich mit einem wunder- baren Rhythmus ab, der das Auge erfreut und entzückt. Sic haben in ihrer geometrischen Entwickelung so viel natürliche Anmut, daß man bei ihrer Betrachtung ein instinktives Wonnegefühl empfindet, das noch durch die auf- und niedergehende Wellenbewegung an der Küste erhöht wird. An welchem Punkte der Küste man sich immer befindet, stets steht man die große, von den Fluten gebadete Sand- krümmung sich nach einem regelmäßigen Profil bis zu einem mehr oder weniger entfernten Punkte entwickeln, gegen den die Fluten anstürmen. Man sieht den mächtigsten Arbeiter der Welt, den Ozean, an seinem Werke, und man wird verwirrt bei dcni Ge- danken an die Unermeßlichkcit der Zeitalter, die die Kräfte der Natur gebraucht haben, um eine so vollendete Harmonie zwischen Flut und Ufer, zwischen Meer und Kontinent herzustellen. Die Küsten der meisten Bergländcr, die von den Fluten des Meeres seit Tausenden von Jahrhunderten gepeitscht werden, sind nicht weniger graziös gezeichnet als die Ufer der niedriger ge- legencn Länder. Bemerkenswerte Beispiele jener regelmäßigen Formation zeigen sich auf allen Felsküsten des Mittelmeers, in Spanien, in der Provence, in Ligurien, in Griechenland; dort richtet jedes Vorgebirge als hohes Riff seinen Endpunkt auf; jedes Tal, das zu dem Meer herabsteigt, endet in einer feinen Sand- küste mit vollkommen runder Krümmung. Steile Felsen und sanft geneigte Küsten wechseln so am Strande in harmonischer Weise, während im Innern die Spitzen und Abhänge der Gebirge, die Kulturen der Täler, die auf den Höhen oder Abhängen zerstreuten Städte und der unaufhörlich wechselnde Anblick des Wassers eine große Mannigfaltigkeit in die grandiose Einförmigkeit der Land- schaft bringe»... Höheren Reiz aber noch gewöbrcn jene Länder, deren Ufer tiefe Einschnitte in das Land aufweisen. Unter Kennern der Natur lautet heute das Urteil vielfach dahin, daß die schönsten und inter- essantestcn Erbiete von Europa neben den Alpen und Italien die- jenigcn seien, die solche Einschnitte aufweisen. Sämtliche Länder mit einer derartigen Küstcnbildung liegen in großer Entfernung vom Aequator. in der Nachbarschaft der Polarzone. In Europa find die westlichen Küsten Skandinaviens vom Vorgebirge LindcnäS bis zum Nordkap durch eine Reihe bon Fjords oder derzweigter Golfe zerfetzt. Nicht nur das Ufer des Festlandes, sondern auch alle Inseln, die eine Art Parallelkette zu den norwegischen Plateaus bilden, sind von kleinen Fjords durchschnitten, die sich in ungeheuren Alleen drehen und wenden. Unter den Einschnitten, die den Küsten eine Einfassung von unzähligen, mehr oder weniger parallelen Halbinseln geben, sind die einen ziemlich einförmig von Anblick und gleichen gewaltigen, in den Kontinent gegrabenen Kanälen, während die anderen sich in mehrere Seitenfjords teilen, die mit den inneren Gewässern ein fast unentwirrbares Labyrinth von Kanälen, Meer- engen und Buchten schaffen. Die Gesamtcntwickelung der Küsten ist durch jene zahnartigen Einschnitte so angewachsen, daß die West- lichc Küste der Halbinsel, deren Länge in gerader Linie nicht ganz lM!) Kilometer beträgt, sich auf mehr ais 13 000 Kilometer, d. h. auf die Entfernung von Paris nach Japan, beläuft. Die Plateaus Skandinaviens, die gewissermaßen brüsk über den nördlichen Meere auslaufen, die Abhänge, die die düsteren Täler der Fjords beherrschen, sind fast alle steil; es gibt deren, die sich als senkrechte oder überhängende, den hohen Bergen als Piede- stal dienende Mauern erheben. So erreicht der im Süden von Bergen an den Ufern des Hardangerfjord gelegene Thorsnuten eine Erhöhung von mehr als 1000 Meter. In mancher Bucht des West- lichcn Norwegens sieht man Wasserfälle von der Höhe der Riife herabstürzen und sich in das Meer ergießen, so daß die Schiffe zwischen die Felswände und den Strahl der brausenden Katarakte gleiten können. Güßfeldt charakterisiert die Fjorde mit den Worten:„Fjord ist ein Zwischending zwischen Fluß, Alpensee und Meeresbucht. Vom Fluß haben sie die Längcnausdehnung, ge- wundcne Läufe und Nebenarme." Wir wollen hier einschalten, daß z. B. der Longnefjord so lang wie die Ems oder die Themse ist. „Vom Alpcnsee haben die Fjorde den Landschaftscharakter, Blicke auf Schnee und Gletscher, von der Meeresbucht das Salzwasser, die Ebbe und Flut." Je weiter man sich von der Mündung eines Fjords entfernt. je tiefer man in ein solches eindringt, um so mehr ändert sich sein Landschaftscharakter. An dem Eingangstor erscheinen die grauen Felsen nackt und kahl. Wenn hoher Seegang ist, wenn die Dünung ungebrochen bleibt durch vorgelagerte Küsteninscln, so brandet die See an dem starren Gestein auf; das Dampfvoot erscheint wie ein Fremdling; der Geist versetzt sich ein Jahrtausend zurück und späht nach dem Drachcnschiff der Wikinger, welches einst diese Fluten teilte. Zu dieser Ocde paßt nur die heulende See und der Sturm- wind, welcher die Wolkciifctzcn vor sich hcrjagt. Sie ziehen vom Meere heran, den Mond bald verhüllend, bald freigebend, ein Spiel mit seinem bleichen Lichte treibend; regellos leuchten die weißen Wellenkämme auf, und der Gischt der Brandung. Ein Dümmer- schein zeigt die grauen Massen des Festlandes in verwaschenen Um- rissen; dann wird es plötzlich wieder Nacht, eine dunkle Wolke mit versilberten Rändern zieht unter dem Monde her, mit ihrem schnellen Fluge ein neues Aufleuchten vorbereitend. Es ist ein Schauspiel, das den Seefahrer an die Paeificküste Amerikas bcr- setzt, wenn er, die Magcllandstraße verlassend, in die stürmische See des stillen Meeres tritt; ein Schauspiel, das man bewundert, während man sein Ende herbeiwünscht. Binncnwärts steuernd, gelangen Fjordfahrer bald in ruhigere Gewässer. Die Kraft des Sturmwindes ist gebrochen durch das feste Land, und die Windungen des Tales stellen eine ruhigere, rings von Bergen eingeschlossene Landschaft her. Dadurch löst sich der Fjord zu einer Reihe von Scebecken auf, die durch Verengungen des W.-sscrspiegcls miteinander verbunden sind. Der Reisende empfindet wohltätig das Abnehmen der häufigen Bewegungen von Waffer und Luft; auch mindern sich Niederschläge und Bewölkung, und der Sommer hat Tage von mehr südlichem als nördlichem Charakter. Dazu kommt ein anderes entscheidendes Moment: die Zu- nähme der Vegetation. Erscheinen uns die Mündungsufer der Fjords oft kahl und steif, so treffen wir im inneren Fjord dagegen Wiesen, Felder, Gärten, Baumbestände und Gebüsche, eine reiche Vegetation von Moos, Farnen, blühenden und beerentragcnden Kräutern. Hier ist eine stärkere Humusschicht vorhanden, den Fels- hängen des durchrissencn Massivs ist oft sanftes Vorland ange- lagert, das von dem Wasser des Fjord bis zu dem Fuß des eigcnt» lichcn Absturzes reicht. Deshalb können hier Menschen wohnen, die Ackerbau und Viehzucht treiben, während an der Küste Pflug, Hacke und Spaten durch Boot, Segel und Ruder ersetzt sind. Bon dem inneren Endpunkte der sich am längsten erstreckenden Fjords gehen Fahrstraßen aus und durchschneiden das Land. Sie erstrecken sich über das hohe Fjeld, durch welches Norwegen in eine atlantische und eine Binnenhälfte geteilt wird, und setzen die West- küstcn in Verbindung mit der Hauptstadt Ehristiania und den be- nachbarten Landschaften. Die wichtigsten dieser Fjords sind der Hardanger, der Sogne, der Romsdal und der Drontheimfjord, denen bekannte, auch durch landschaftliche Schönheiten berühmte Straßen- zügc entsprechen. Die vielfach erörterten Fragen und Entstehung der Fjords feie.. hier kurz nach Sophus Rüge(„Norwegen") berührt. Ein Ver- gleich mit ähnlich zersprengten Küsten hat gezeigt, daß die Fjorde fast nur an Längsküsten vorkommen, d. h. an solchen Küsten, an denen Gebirge entlang ziehen, im Gegensatz zu solchen Küsten, an denen Gebirgsketten nur in Vorgebirgen auslaufen und Täler oder Ebenen zwischen sich freilassen. Solche Längsküstcn finden sich zwar in allen Erdteilen und in allen Zonen, aber Fjordbildungcn gibt es nur an der Westküste GrönkaildZ, an den nördlichsten und südlichsten Strichen der Westseite Amerikas und an der Westseite der südlichen Inseln von Neuseeland. Vielleicht läßt sich dazu auch noch die Westseite Großbritanniens rechnen. Man findet demnach die Fjorde nur in dem kühleren Teil der gemäßigte» Zone, nie in dem heißen Erdgürtel, und ferner stets auf der Westseite. Die Westseite ist in allen genannten Gegenden die Regenseite. Man weiß aber auch, daß die Fjordküsten ehemals vergletschert waren. Ferner sind diese schmalen Meercsarme stets in sehr hartes Gestein eingeschnitten. Also werden die fließenden Gewässer und die Gletscher an der Aushöhlung der steilwandigen Täler mitgearbeitet haben. Aber da man nur die inneren Teile großer Fjorde als reine Erosionstäler ansehen kann, so müssen auch noch andere Ursachen für die Entstehung dieser merkwürdigen Talbildung gesucht werden. Die größeren Täler sind schon im Aufbau des Gebirges, also tck- tonisch vorgezeichnct, oder durch einen Wechsel der Gesteine oder durch Riffe und Spaltungen bedingt. Hier sammelten sich die Wasseradern zu Flüssen und schufen die Flußtälcr schon vor der Eiszeit und zwischen den Eiszeiten. Aber in den Eiszeiten wurden durch die stärkere Gewalt der Eisströme die Täler noch bedeutend vertieft und erhielten im Querschnitt ein Profil, das dein Q gleicht, während das Profil der Alpentälcr dem V ähnelt. So sind die Fjorde, bei denen auch noch eine Senkung der ganzen Gesteins- masse angenommen werden mutz, um den unteren Teil der Täler unter das Meeresniveau zu versenken, aus dem Zusammenwirken verschiedener Kräfte entstanden.— I. W i e s e. Kleines f eirilletom a. Totenbrcttcr. Die Benutzung des Sarges bei der Toten- bestattung ist in den ländlichen, besonders den Gebirgsgegenden Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz verhältnismäßig neueren Datums. Früher wurde der Tote entweder in einer oben offenen Truhe aus fünf nackten Brettern, wobei der Kopf durch über- gespannte Leinwand oder ein darübergenageltes Brettchen geschützt wurde, oder überhaupt nur auf einem Brette fest gebunden, zum Friedhof getragen. Bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts kannte man z. V. in dem Städtchen Weilheim nur die rop gezimmerten Totentruhen,'und selbst als der Sarg allgemeiner eingeführt war, war ein solcherdoch bis zurMitte des vorigen Jahrhunderts in den ländlichen Be- zirken Oberbaherns noch ohne Deckel, sodaß das Gesicht des Toten wie bei der Truhe beim Einlassen in das Grab durch ein Brett oder Tuch geschützt werden mußte. Fand das Begräbnis auf einem bloßen Brette statt, so wurde der Tote auf diesem Brette festgebunden und auf dem Friedhofe wieder losgeschnitten. Bon dem schräg gestellten Brette ließ man ihn in das Grab gleiten. Daher findet sich im Salzbnrgischen, Oberbayrischen usw. noch oft der Ausdruck„Brettel- rutschen" für Begräbnis.„Der ist �chon längst hinuntergerutscht", ist die Umschreibung für längst gestorben. Vereinzelt, so in den Ge- bieten des Salzkammergutes, wird der Tote wohl mit dem Brette selbst begraben. Der Leichnam war bei einem derartigen Begräbnis, wie wohl auch heute überall noch auf dem Lande, in seine besten Kleider gehüllt, obwohl auch das Einnähen in Leinwand vorkam. Nach Stendels Chronik war ein solches Einnähen in Leinwand 1742 in Ravensburg gebräuchlich. Wie der Tote auf einem Brette zu Grabe getragen wurde, so mußte er auch bis zur stattfindenden Beerdigung ans einem Brette ruhen. Diese Sitte, altgermanischen Ursprungs, ist von dort in das Mittelalter mit hinübergenommen worden. Bei rittermäßigen Leuten übernahm dann der Schild die Rolle des bäuerlichen Brettes; im schweizerischen Landesmuseum in Zürich sind solche Totenschilde zu sehen. Ist auch das Begräbnis auf einem bloßen Brette mehr und mehr abgekommen, an der Totenruhe auf dem Totenbrette hält das Landvolk in den Gebirgsgegenden nach wie vor unvermindert fest. Sobald der Sterbende den letzten Atemzug getan, wird er gewaschen und dann angekleidet auf das bercitgehaltene Brett gelegt, auf welchem er mit einem weißen Tuche bedeckt liegen bleibt. Erst wenn der Weg zum Friedhofe angetreten werden soll, wird der Tote in den Sarg getan. Im Salzburgischen geschieht dies mit den seit altersher gebräuchlichen Worten:„So werden wir jetzt halt den ehrsamen Mitbruder vom Brett heben und werden ihn einlegen in die Truhen und werden ihn in Gottes Namen ans den Freithof tragen. Ruck auf!" Das Brett nun, auf dem der Verstorbene geruht, wird von den Hinterbliebenen zur Erinnernng und zum Andenken an den Toten aufbewahrt und aufgestellt. Diese Ausstellung geschieht entweder am eigenen Hause oder sonst auf öffentlichen Plätzen. Von Steicr- mark sagt z. B. Rosegger, daß die über Türen und Fenster der Bauernhäuser angenagelten Totenbrcttcr wahre bäuerliche Auen- galcrien bilden. Im bayerischen Walde, in Tirol, an der böhmischen Grenze, im Salzburgischen, im schweizerischen Appenzell usw. erfolgt jedoch diese Aufstellung an öffentlichen Orten und Plätzen. Man kann sie da reihenweise nebeneinander an Friedhofsmauern, Weg- kapellen, am Waldcsrand, an einzclstehenden Bäumen, an Feld- und Wegkreuzungen, Wegscheiden, an Zäunen und Gehöften, an Fluß- Übergängen, Brücken usiv. finden. Otto Nieder beschreibt eine Linde aus einer Aussichtshöhe bei Bad Jägershof an der böhmischen Grenze, die bis in die obersten Beste mit Totenvrettern förmlich gepanzert fei.. Im bayerischen Orte Lam zählte jener neben dem Friedhof an einer Gartenmauer 2S, bei Kötzting, ebenfalls in Bayern. an einer Scheuer 27, ein paar Schritte weiter noch 19 Totenbretter Häufig ist auch das Benutzen der Totenbretter als Gangsteige über feuchte Wiesen und als Brücken über lleine Bäche. So sind die zwischen Lcrmoos und Ehrwald in Tyrol durch den Moosgrund führenden Wege mit Leichenbrettern besät. Was die Form der Totenbretter anbetrifft, so finden sich solche vom einfachsten rohen Brette bis dem schreiend buntesten, air die der bäuerliche Schreiner und Maler sein ganzes Können gesetzt; rund, rechteckig, mit Giebeldach versehen usw. Allen aber ist ihr Zweck aufgeschrieben.„Hier auf diesem Brette hat einst geruht"—„Hier ruhte nach seinem Hinscheiden bis zur Be- erdigung"—„Hier lag als Leichnam"— oder einfacher„Zur Er» innerung an"—„Denkmal des", so lauten diese Aufschriften. Sehr scharf werden dabei der Stand und die bäuerlichen Ztangverhältnisse auseinandergehalten. Ob der Verstorbene Jüngling oder Jungfrau. verheiratet oder verwitwet, Bauer oder Häusler war, wird'weit- schweifig angegeben. Oesters findet man den Toten auf dem Brette wie im Leben abgebildet, nur mit dem Todeskreuze auf dem Haupte. Auch gewerbliche Attribute, so zwei Mühlräder für einen Sägschneider. eine Brezel für einen Bäcker, fehlen dabei nicht. Ebenso finden sich Grabgedichte in irgend einer Form bei den meisten. Natürlich sind die poetischen Ergüsse außerordentlich un» gleich. Von tiefem Ernste über die irdische Vergänglichkeit sprechen folgende Zeilen: „Ich lieg im Grab und muß verwesen. Was du jetzt bist, bin ich gewesen, Was ich jetzt bin, das wirst auch du, Drum steh und bet für meine Ruh." Gutgemeint, aber überaus holperig sind die Verse auf einem Toten- breit auf dem Friedhofe zu Grödig sSalzburg). Sie erzählen den im Jahre 1872 während des Kirchganges durch Schlagfluß erfolgten Tod einer Mutter: „Hinfällt sie in des Waldes Gras Leichen- und totenblaß Straße auf, Straße ab l Alles rufet, rennet, betet In Reihen um sie gekettet." Ms zur unfreiwilligen Komik steigert sich jedoch die„Poesie" bei einem Grabgedichte, das Hörmann mitteilt und das da lautet; „Hier liegt ein junges Occhselein, Des Meisters Ochsens Söhnelein. Der liebe Gott hat nicht gewollt, Daß er ein Ochse werden sollt. Drum nahm er ihn aus dieser Welt Zu sich ins ftohe Himmelszelt, Der alte Ochs hat mit Bedacht Kind, Sarg, Vers alles selbst gemacht." Bei dem abergläubischen Sinne der ländlichen, zumal der in Frage kommenden Gebirgsbevölkerung wäre es seltsam gewesen, wenn sich nur die Erinnerung und nickt auch Zauberspul undAberglauben an diese Totenbretter geheftet hätten. Und in der Tat finden sich derartige Sitten und Gebräuche in den verschiedenen Gegenden reichlich. Viele der- selben sind sicher uralt und klingen noch an den altgermanischen Seelenkult an. So bettet man ganz allgemein den auf den» Toten» bette Liegenden so, daß dessen Füße derHaustür zugekehrt sind, um ein Wiederkommen des Toten zu verhindern. In der Oberpfalz nimmt man, während der Tote hinausgetragen wird, das dem Haupte untergelegt gewesene Stroh und zündet es in einem großen alten Topfe an, damit die Seele im Grabe Ruhe findet. Mir dem Brande eilt man dann auf das nächste Feld, wo das Stroh vollends in Rauch aufgeht. Auf diese Stelle im Feld wird das Leichenbrett gestellt. Die Seelen halten sich dann in der Nähe ihrer Totenbretter auf und erscheinen als Lichtlein. Durch ein reckt prosaisches Mittel suchte man in dem oberfränlischen Marktorte Gefrees das Wiederkonimen der Toten zu verhindern. indem man sich nämlich mit dem bloßen Hinteren auf das Brett setzte, von dem soeben der Tote genommen. Ganz direkt dem Ge- biete des Seelenkultes gehört der in einigen altbayerischen Gegenden übliche Gebrauch an, den Nudelteig zum Leichenschmause auf dem Totenbrette aufgehen zu lassen. Die arme Seele soll wenigstens auch was vom Schmause haben.— — Ter Osuabrückcr Schnatgang und die Laisckaftcn. In Osnabrück ist, wie die„Tägl. Rdsch." berichtet, nach langjähriger Pause am 1Z. August ein Fest gefeiert worden, das sich rühmen darf, das einzige seiner Art in Teutschland zu sein. In der alten Stadt Osnabrück gibt cS sogenannte Laischaften, aus dem Mittel» alter stammende Vereinigungen von Laien, die die Erhaltung städtischen Grundbesitzes in bürgerlichen Händen bezweckten und nach den sechs Toren der Stadt Hegerlaischaft, Martinianerlat» schnft, Natruperlaischast usw. benannt werden. Diese Laischaften besaßen mehr oder minder umfangreiche Grundstücke, deren Er- trägnissc den sogenannten„Interessenten" zugute kamen. Sic ver- walteten ihre Angelegenheiten selbst und genossen mancherlei Gerechtsame und Vorrechte. Man führt die Entstehung der Lai» schaftcn vielfach sogar auf die Zeit Karls dcS Großen zurück, des Gründers des Bistums und der Stadt. Tie Schnatgänge(schnatj ;= Grenze) stellten und stellen große Volksfeste dar, die unter Teil- nähme der ganzen Bürgerschaft vollzogen wurden. Ein großer Zug bewegt sich an den Grenzen des Landschaftsbczirks entlang. Die Häuser und Straßen sind aufs festlichste und absonderlichste geschmückt, und der Humor kommt in unverfälschter Weise zur Geltung. Wo irgend eine Beeinträchtigung der Grenzen durch einen Nachbarn stattgefunden har, da hieb man ini Wege stehende Bäume, Sträucher usw. ab. Damit, wie es hieß, die Jugend sich die Grenzverhältnisse besser merken sollte, wurden den Jungen regelrechte Ohrfeigen verabfolgt, die später in Gestalt zahlreicher Schnatgangs-Kringel wieder versüßt wurden. Das ganze Fest stand unter dem Zeichen des alten Laischaftsrufes„Olle usc", d. h. „alles unser". Die älteste der Laischaften war die Hegcrlaischaft, fast die einzige, die überhaupt iwch besteht und die noch ausgedehnte Waldgrundstückc, das Hegerholz, besitzt. Man hat es verstanden, die alten Traditionen aufrecht zu erhalten und so vollzog sich auch jetzt das Schnatgangsfcst in einem reizvoll belegenen Ausflugs- orte in althergebrachter Weise. Die alte, schöne Fahne erschien im Zuge, ebenso das geschichtliche Hirtcnhorn, das über 3(10 Jahre alt ist, die Trommel, die einstmals zum Verscheuchen der Wölfe diente u. a. m. Die Hegcrlaischaft darf sich rühmen, die älteste tätige Feuerspritze im Deutschen Reiche zu besitzen, die etwa 200 Jahre alt ist und nach wie vor die besten Dienste leistet.— — Die alte(Smbcr Bürgerwache, 1691 zwischen dem Rathause und dem Ratsdclft, in dem sie sich spiegelt, gebaut, die einen Hauptbestandteil des dortigen malerischen Altcmder Stadtbildes ausmacht, ist neuerdings ihrer Bestimmung entzogen worden, in- dem die zuletzt darin untergebrachte Stadtpolizci anderswohin verlegt wurde. Sie hat manchen interessanten Vorgang über- dauert, wurde sie doch in den Tagen des Großen Kurfürsten ein- mal eine Zeitlang zugleich von kurbrandcnburgischen, holländischen und Stadt-Emder Wachsoldaten bezogen; fortan aber kennzeichnet nur noch die originelle altholländische Türübcrschrift„Slacpt nict die daer waekt" ihre einstige Bestimmung. Diese Wache ist aber auch jetzt das einzige, was noch an die bitteren Fügender leb- nissc S c u m e s in Emden erinnert. Der nachmalige Verfasser des„Spaziergangs nach Syrakus" wurde bekanntlich vom da- maligen Landgrafen von Hessen zweimal„als Soldat" verkauft, erst nach Amerika, dann an Preußen und kam so als Musketier nach Emden. Eines Tages schrieb er hier ans Tor der Wache einen lateinischen Vers, der einem Offizier auffiel(Scume war vormals Student der Theologie), und seitdem besserte sich sein Los, indem ihm der damals in Emden anwesende General Courbiere, wie auch mehrere wohlhabende Bürger die Erziehung ihrer Kinder übertrugen. Gleichwohl unternahm er, vom Heimweh übermannt, zwei Fluchtversuche, die zwar beide mißglückten, aber seine Lage nicht allzu sehr verschärften, denn man hatte allgemein Mitleid mit seinem Schicksal. Das eine Mal(1784) verirrte er sich im Nebel, so daß er am anderen Morgen, nachdem die Glocken und die auf dem Stadtwalle aufgestellten Kanonen die Flucht des Deserteurs bekanntgegeben hatten, dicht vor den Toren der Stadt, wahrscheinlich in der Gegend der jetzigen Scumestraße wieder fest- genommen wurde. Das andere Mal(1787) schleppte er sich durch Schnee und Morast bis Detern an der oldenburgifchcn Grenze, von wo er dann wiederum zurückgeholt wurde. Die Spicßrutcngängc, denen er eigentlich verfallen war, wurden ihm beide Male infolge seiner sonst guten Führung in mehrwöchige Haft bei Wasser und Brot gemildert, und letztere sogar nnt dem Hinzufügen: der Arrestant werde wohl nichts dagegen haben, wenn ihm die Bürger zuweilen ein Stück Braten senden möchten. Diese diskrete Mahnung war nicht vergebens, und selten hatte hier ein Ge- fangcner so gute Tage. Nachdem die Zeit der Haft verstrichen war, fragte ihn obendrein ein Bürger, Kaufmann Tappcrncn: „Warum bitten Sic nicht einmal um Erlaubnis, Ihre Heimat (Sachsen) wiederzusehen?"—„Ich würde nicht wiederkommen." —„Gewiß nicht", sagte der Kaufmann,„aber bieten Sic eine Kaution."—„Das kann ich nicht, denn ich habe nicht so viel Geld." —„Aber ich, bieten Sic 180 Taler."—„Ich komme nicht wieder..."—„Was geht das mich an; das Geld liegt für Sic bereit." Scume bat um die Erlaubnis, erhielt sie und entkam diesmal glücklich. Aus der Pflanzenwelt. Im.„S a i s o n- D i m o r p h i s m u s". Jene eigenartige Erscheinung im Tierreich, daß von einer bestimmten Art zwei vcr- schiedcne Generationen vorhanden sind, die durch Zeugung eine aus der anderen entstehen, die als Saison-Dimorphismus lange bekannt ist, hat der Botaniker Wcttstein auch für das Pflanzen- reich nachgewiesen. Da aber bei den Pflanzen die eine Form nicht aus der anderen hervorgeht, sondern beide Formen für sich fortpflanzungsfähig sind und stets dieselbe Form wieder erzeugen, so schlägt Behrcndsen für diese Erscheinung den Ausdruck„Saison- Diphylismus" vor. Die Botaniker haben aber einstweilen die Be- Zeichnung Saison-Dimorphismus beibehalten. Beobachtet wurde diese Erscheinung im Pflanzenreiche nur bei Wicscnkräutcrn, so beim Klappertopf, Augentrost, Enzian, Glockenblume usw. Sic äußert sich in folgender Weise: Es sind von einer Pflanze zwei parallele Reihen von Arten oder Formen. die sogenannte Sommerform und die Herbstform entstanden. Beide kommen im selben Gebiete bor und haben neben einer Reihe übereinstimmender Artmerkmale einige Unterscheidungsmerkmale. die sich meistens im äußeren Wuchs zeigen. Die Sommcrform ist lang und unverzweigt, während die Hcrbstform gedrungen und mehr oder weniger stark verzweigt wächst. Die Wettstcinschcn Untersuchungen haben ergeben, daß beide Formen für sich charak- teristische Nachkommen zeugen und durch die Entstehung dieser beiden Formen auf eine Anpassung an die Heumahd zurückzu- führen ist. Die Stammform der jetzigen zwei Formen muß den höchsten Grad ihrer Entwickclung gerade zur Zeit der Heuernte erreicht haben. Aus abnorm früh, vor der Ernte, und aus abnorm spät, nach der Ernte sich entwickelnden bezw. fruchtenden Exem- plarcn sind durch natürliche Auslese die beiden Formen entstanden. Möglich wäre die Entstehung der beiden Formen aber auch so: Pflanzen von der Art der jetzigen Sommerform, also ungegliederte Exemplare, sind nach vollzogener Samcnrcifc mit dem Grase ab- gemäht worden. Aus dem auf der Wiese verbleibenden Stock treiben dann neue Schößlinge hervor, so daß ein verzweigter Busch entsteht, der nochmals zur Samcnreife gelangt. Diesem zweiten Samen könnten dann die Eigenschaften später Entwickclung und verzweigten Wuchses innewohnen. In" manchen Fällen tritt neben den beiden saison-dimorphen Formen auch noch die Stammform auf, die monomorphe Urform. Auch sind Beispiele bekannt, daß sich saison-dimorphc Arten in die monomorphe Urform zurückverwandelt haben, dann nämlich, wenn die Formen an Orten auftraten, wo die den Saison-Dimorphis- mus bedingenden Verhältnisse(Mähen des Grases) fehlten/— Humoristisches — Ein kleiner Irrtum. Ein eigenartiges Mißgeschick hat kürzlich, so erzählt ein Leser der„Tägl. Rundschau", einen über- eifrigen Regierungsbeamten ereilt. War da in einem rheinischen großen Jndnstrieorte behördlicherseits eine K e s s e l r e v i s i o n an- gesetzt. Bei der Untersuchung stellte einer der besichtigenden Ingenieure fest, daß ein großer Kessel noch keinen fcstgelvordencn Niederschlag, den sogenannten K e s s e l st e i n. aufwies. Er be- richtete dementsprechend an seine Behörde:„Kesselstein war nicht vorhanden." Nicht wenig erstaunt und erheitert war jedoch die Direktion der betreffenden Fabrik, als ihr wenige Tage darauf ein amtliches Schriftstück zuging, da-Z die Aufforderung enthielt: „ F e h l e n d e r K e s s e l st e i n ist binnen acht Tagen zu beschaffen!"— — Trost in Tränen. Meister Schulze ist von seiner Reise, die er sich aus„Standesrückfichren" leisten mußte, zurückgekehrt, macht es sich auf dem Sofa bequem und harrt der ersten kühlen Blonden, die ihm die Gattin spenden soll. Da kommt sein Jüngster, Maxe, in die Stube und schreit:„Vater, Mutter bat mir schon wieder mit dct olle Holz jchauen!"—„Na," sagt Vater Schulze tröstend,„beruhige Dir man, Maxe, von morgen an verhaue ick Dir wieder."— Notizen. — Zur Errichtung eines Rentermuseums in Mecklenburg, und zwar zum 100. Geburtstage deS Dichters am 7. November 1910. hat sich cm Komitee unter Vorsitz des Professors Gaedertz- Greifswald gebildet.— —„Helden von ehemals", ein dreiaktiges Drama von A u g u st o N o v e l l i, wurde in Turin zum erstenmal auf- geführt. Das Stück behandelt die Stellungnahme eines Revolutionärs von 1853, späteren Staatsanwalts, zu den sozialen Kämpfen der Gegenwart.— — D i e Errichtung einer deutschen National- btthnc wird für Weimar geplant. Ende September sollen dort Beratungen größeren Stiles stattfinden, als deren nächstes Resultat die Grüiidung eines Nationalausschusses gedacht ist.— — Das Lortzing-Thcatcr wird am 1. September mit „Zar und Zimmermann" eröffnet.— —„Die drei P i n t o s", eine wenig gespielte komische Oper Karl Maria von Webers, soll im Züricher Stadttheatcr zur Aufführung kommen.— — D i e b a y e r i s ch e L a n d e§ a n S st e l l u n g in N ü r n- b e r g Hai mit einem großen Fehlbetrag abgeschlossen. Der Hauplausschuß veranschlagt ihn aus rund eine Million M a r k.- — Eine schön erhaltene röniische Heizanlage fand man bei Ausschachtungsarbeitcn vor der Licbfrauenkirche in Trier. In unmittelbarer Nähe der Anlage stieß man auf einen mit großen Quadern ausgebauten tiefen Kanal.— — Musik und Arbeit. Um die beim Bau deS Panama- kanals beschäftigten Arbeiter zu beschleunigter Tätigkeit anzuspornen, nimmt die Bauleitung die Musik zu Hülse. Sie ist dahinter ge- 'kommen, daß s i n g e n d e A r b c i t e r die h ö ch st e n L e i st u n g e n erzielen. Darum'werden guten Vorsängern unter den Eid- arbeitern besondere Prämien bewilligt. Den Profitjägern müssen eben alle Dinge zum besten dienen.— Verantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstaltPaul Singer ücCo.,BerlinLsV.