Anterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 161. Mittwoch, den 22. August. 1906 (Nachdruck verboten.) 311 Kinder der Salle. Roman von Charlotte Knoeckel. Am andern Morgen, als die Luis sich trotz dem Verbot des Arztes ankleiden wollte, ward sie sogleich wieder ohn- mächtig. „Der Herr Doktor weiß doch besser, wie's mit Dir steht!" meinte die Marie. Und das Mädchen nickte mit Tränen in den Augen. „Wenn nure von's Kampe jemand käml" sagte sie. „Daß der August gestern abend nit da war!" „Er war da, aber Du hast geschlafe. Er kommt heut mittag!" Da lächelte die Luis „Was wachste für Sache," sagte der August am Mittag, als er mit dem Müting in des Mädchens Kammer kam. Sie streckte den beiden ihre Hand hin. „In drei, vier Tag kann ich wieder aufstehn," sprach sie. „Zum Freitag, Vater, dann mach ich Dir all Fastnachts- küchle!" Der Mann fuhr sich mit dem Nockärmel über die Augen und ging hinaus. „Grad wie sein Mutter," sagte er und nickte mit dem Kopf. Als der Alte die Kammertür hinter sich ins Schloß ge- zogen hatte, setzte sich die Luis auf. „August, weißt, ich Hab mich e bißche aufgeregt am Sonntag!" „Ah inja! Du hast mit em geschwätzt!" Sie nickte. „Und?" „Es wird schon gehn! Ich muß nure noch mit em Paula rede...! Aber vorher... Dein Mutter...! Sag er doch, daß se zu mcr kommt heut nachmittag!" „Ja!" Der Bursch nickte.„Und sonst?" fragte er,„is der's sonst all gut?" „Ach ja! Das is nix wie die Aufregung, wo ich in de letzte Zeit grad immer eso müd war!" „Ich bab's ja gesagt. Du plagst Dich zu viel!" Er runzelte die Stirn.„Du hast's übertriebe...!" Sie faßte seine Hand.„Wenn ich wieder aufstch, behalt ich nure den eine Stundeplatz l" Da lachte er zufrieden. „Und wie war's am Sonntag?" fragte sie. Er lachte.„Vierzig Kilometer haben mer gemacht! En Türche, sag ich Der! Und ich war kein bisse! müd davon!" Sic schaute ihn strahlend an.„Ja Du!" Sie sah seine breite Brust, über der sich die gestrickte Joppe spannte. Sie sah seine festen Arme. Wenn der erst mein Mann is! Sie schloß eine Sekunde lang die Augen. Sie schwieg, und der August schwieg auch. Eine Weile blieben sie so, dann gab er ihr die Hand und ging. Ein paar Stunden später saß Frau Kamp am Bett der Luis. Sie hatte die Hände gefaltet und hörte kopfschüttelnd auf das, was das Mädchen ihr erzählte. „Das Paula!" sagte sie plötzlich, nachdem die Luis schon eine Weile geschwiegen hatte, und dann nach einer langen Pause noch einmal:„Das Paula!" Tränen waren in ihren Augen. „Weißt, Luis," meinte sie dann,„wie das Paula damals eso krank war, da Hab ich immer gewünscht, wcnn's nure nit sterbt, nit sterbt...! Was aus ihrem Vater dann werde sollt, Hab ich gedenkt...! Du lieber Gott, und jetzt all...? jetzt möcht ich wünsche, es wär gestorbe damals! Der Herr- gott mag mer's verzeihe, ich möcht's wünsche..., denn daß es Euch das antut mit em Chrischan...1" „Weißt!" fuhr sie nach einer Weile fort,„wie die dem Chrischan de Kopf verdrehe muß...!" »Ja, ja," sagte die Luis,„aber wenn er sie mit eme andere erwischt!" Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Herrgott, Herrgott!" Frau Kamp' ließ die Arme schlaff herabhängen.. � „Ich Hab drum mit dem Paula rede wolle," sagte das Mädchen,„aber...!" Sie seufzte.„Und da Hab ich halt gemeint, Ihr...!" Sie sah der Frau in die Augen. „Ich, ach Gott, ach Gott...! Was kann ich mit dem Paula, aber... wenn ich's Dir schicke tät, daher ans Bett...!" Frau Kamp wischte sich mit dem Schürzzipfel über die Augen. „Weißt, wenn's Dich eso daliege sieht, so... so schwach und eso... das... aber Wege Dir, Herrgott!" Sie rang die Hände. „Wege mir is es nit!" meinte die Luis.„Mir macht's nir! Und wenn auch!" Die Röte schoß ihr in die Wangen. „Wenn es nure em Chrischan was nütze würd, was meinen er?" „Ja," sie nickte. Das anzutfucke, das Luis wie's da lag. abgezehrt bis auf die Knoche und eso totebleich, das mußt einem ja ans Herz greife! dachte sie. „Ihr meinen also?" fragte das Mädchen noch einmal. „Ja," sagte Frau Kamp,„ich mein... wenn Du em zurcdst, da vom Bett, da müßt's ja schon... schon, ich weiß nit was sein, en Vieh, kein Mensch mehr, wenn...!" Sie hatte ihr Taschentuch vorgeholt und schluchzte laut. „Ach Gott, Luis, Luis, warum muß es all eso komme...! Du im Bett...! Und ich Hab immer eso gedacht, Du und der August...!" Mit vorgerecktem Kopf saß die Luis. Sie zog die Schultern hoch, und ihre Augen quollen aus den Höhlen. „Wie Tu mit unserni Bub en Bekanntschaft angefange hast," fuhr die Frau fort,„izas war uns eso- en Freud und jetzt...!" „Und jetzt?" Das Luis ihre Hände bobcn sich von der Decke. Sie krainpften sich zusammen und ihre Gestalt schien zu wachsen.„Und jetzt...?" stöhnte sie noch einmal und ihr Mund verzerrte sich. Ihre Augen wurden starr „Herrgott!" Frau Kamp faltete die Hände. „Luis!" schluchzte sie.„Um Gottes Wille, Luis!" „Mutter," sagte das Mädchen, und ihr Kopf sank in die Kissen zurück,„is es denn all... all... eso...?" „Ach Gott Luis! wo denkst Du denn hin, wo denkste hin!" Frau Kamp tastete nach des Mädchens Händen. „Ich... lieg doch erst seit zwei Tag! Und des is nure von dere Aufregung..., aber die nächst Woch...!" er- schöpft hielt die Luis inne. „Die nächst Woch is all wieder alles gut, alles gut!" „Meinen er?" forschend sah die Kranke zu der Frau.auf. „Aber gewiß," sagte die,„gewiß, gewiß!" Die Luis seufzte. Tann preßte sie die Lippen fest zu- sainmen.„Mit dem Emma," sagte sie,„das war doch was anderes, ein halb Jahr hat das gelegen! Und was Hab ich doch schaffe könne noch bis vorgestern, und es Emma, aH Gott!..." Sie atmete kurz und laut, während sie die Worte her- vorstieß und umklammerte mit ihren dünnen, fieberheißen Fingern die Hand der Frau. „Ja, ja!" sagte die,„mit dem Emma, das war was anderes!" „Meinen er wirklich?" „Inja! Aber sicher!" „Ach gelt! Ja! Was Hab ich schaffe könne! Ich hab'S nure c bißche übertriebe in der letzte Zeit, und dann die Auf- rcgung...! Aber wenn ich jetzt en paar Tag gelege Hab, dann is wieder gut, gelt?!" Rote Flecken brannten auf des Mädchen Wangen. „Wissen er, der Vater wird all eso alt, er gefallt mer nit, und eso müd is er, wenn er des Abends von der Arbeit kommt! Das geht ja nimmer lang. Und dann... Und dann...! Nein, nein, das kann ja nit sein!" sie richtete sich jäh auf.„Ich kann nit...1 ich Hab noch eso viel zu tun! Ach Gott und dann...!" Ein sehnsüchtiges Schimmern kam in ihre Augen.„Ich möcht doch eso gern de August noch... noch...!" En verrecht Liebschaft möcht. ich gern haben, dachte sie. und cm August sein Frau noch werde... sein Frau...! Sie fühlte, wie der Schiveiß ihr aus den Poren sickerte. Seine Frau!... dann... ja dann meinetwegen...! Sie schloß die Augeft. Sie fühlte sich so fterbensmüde. Line lange Weile lag sie so, während Frau Kamp leise weinte. Dann richtete sie sich plötzlich auf.„Aber es Paula I" sagte sie.„Herrgott, ich vergeß alles!" Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Draußen wühlte der Wind. Der Regen schlug gegen die Scheiben des Kammerfensterchens. „Gelt, Ihr gehen bei ein vorbei, Mutter, und schicken's zu mer, eh Ihr auf die Haardt gehn!" Sie faßte Frau Kamps Hand. Die nickte, steckte ihr Taschentuch ein und ging. Wenn's Paula da nit windelweich wird, dachte sie, dann müßt's en Stein statt eine Herz habe! Auf dem Küchentisch stand Frau Kamps Körbchen. Sie griff es und ging noch einmal in die Kammer zurück. „Fast hätt ich's vergesse," sagte sie, holte ein paar Eier hervor und legte sie auf das Tischchen neben der Luis ihrem Bett. „Da, die Marie soll der se koche, aber se sind für Dich allein, gelt...! Es Minche hat se heut morge geholt!" „Dank schön!" sagte die Luis. Sie lächelte- Tann war Frau Kamp fort. 24. Andern Tags kam die Paula zur Luis. Sie kam in einem dunkelblauen Kleid mit stramm- sitzendem Jäckchen und einem Hut mit Feder Die Luis war allein. Tie Marie war wie gewöhnlich des Nachmittags, zu den Nachbarsleuten„maien" gegangen. „Tag, Luis," sagte das Mädchen und kam auf knarrenden Schuhen"heran.„Wie geht es Dich...?" „Oh, krank bin ich ja nit, nure en paar Tag liege muß ich." „So, hm... ja!— Na und mer gehen ja all aufs Früh- jähr zu...!" Die Luis nickte.„Setz Dich, Paula," sagte sie dann. Die tat wie ihr geheißen und dreht an ihrem Jackenknopf. Krank sein und im Bett liege müsse, brrr! dachte sie. Wenn mir nure das nit passiert! Und wie mager die Luis war! Die Arm! Das war ja nur noch e bißche Haut um die Knoche, und Backe hatte sie auch keine mehr. Nee, nee... Wenn mir das nure nit passiert! Und dann dachte sie an den Christian. Ha der...? Wenn mir der auch enial so daliege tät, wenn ich en geheiratet hätt? Es T leg etwas wie Abscheu in ihr auf. Aber sie überwand das Gefühl. Der, der sieht ja eso gesund aus...? nee, nee! Aber — mit dem wird's wohl was sein! Wege dem hat mich es Luis doch gewiß hole lasse! Was se nur will? dachte sie. Sie drehte noch immer an ihrem Jackenknopf und guckte in der Stube umher. Wenn so nure was sage tät, wünschte die Luis und suchte nach den Worten. „Paula, Du... ich wollt Dich all emal..." Der Luis schoß das Blut in die Stirn,„wegen eni Chrischan mein ich, Paula...!" „Was is mit em Chrischan?" fragte das Mädchen. Sie reckte den Kopf und setzte sich gerader. „Paula, Du kannst doch de Chrischan nit heirate...!" Die Luis zerrte an der Bettdecke. Sie hatte die Stirn ge- senkt und wagte nicht, die Paula anzusehen.„De Chrischan nit heirate!" „So...? und warum denn nit!" fragte die. „Paula... weil de... weil de..." die Luis sah das höhnische Lächeln auf den Lippen der Paula und sie konnte nicht weitcrreden. Es drehte sich alles um sie im Kreise. Tie Paula aber tippte mit dem Fuß auf. „Na...!" sagte sie. „Weil de... Ich niein, mein... Ihr passen nit zu- samme!" „Das müssen mir am beste wisse...!" „Ja... aber..." Der Schweiß stand auf der Luis Stirn.„Der Chrischan, der muß für de Vater sorge und für em Marie sein Kinder und für de Johann!" „Für em Marie sein Kinder kann der Franz sorge...1" „Und der Vater und der Johann?" „Das kann er ja meinetwege...1� „Aber Dein Staat!" „Den...!" Die Paula lachte,„für den kann ich mer schon selber...l" „Paula— I" Der Luis Gesicht verzerrte sich, ihre Finger tasteten nach des Mädchens Hand. Ihre Augen waren starr und weit.„Paula, wenn De sein Frau bist— I" Sie hatte sich in den Kissen aufgereckt, nun sank sie zurück.„Das is es ja," sagte sie,„wenn er das erfährt, Paula, wenn eiz hört, daß de trotzdem daß de mit ihm gehst, auch noch.., noch andere., I" lFortsetzung folgt.j! sNachdruck verboten.) Das Leuchten im Alaläe. Nach Einbruch der Dunkelheit erscheint es nicht nur den kleinen Leuten, die voll Märchen- und Gespensterfurcht stecken, sondern auch manchem Erwachsenen im Freien nicht recht geheuer. Zum mindesten, wenn nichts Schlimmeres passiert, kann man sich den Schnupfen holen. Nun aber gar eine Nacht, sei es auch die herrlichste Sommer- oder Frühherbstnacht, wachend im Walde ver» weilen— ach, auf dies Ansinnen Hab ich schon so manchen Korb bekommen, daß ich lieber nicht mehr anfrage. Und doch ist gerade zur Nachtzeit der deutsche Wald so voller Zauber wie kaum jemals am Tage, und zu den schönsten Wundern, die er alsdann vor uns auftut, gehört das Leuchten im Walde, das lebende Licht, wie man's auch nennen könnte. Schon Plinius hatte die Glocken läuten hören, und berichtet uns daraufhin die Sage von dem nächtlicherweile leuchtenden Vogel. In'Deutschlands herzynischen Waldgebirge, heißt es bei ihm, sollen ganz seltsame Vogelarten leben, deren Gefieder nachts wie Feuer leuchte. Leider läßt sich außer diesem durch die Ent- fernung erzeugten Renommee nichts Nennenswertes von ihnen berichten.— Wir sind also, wenn wir diese Notiz des alten Natur- forschers nicht ganz in das Reich der Sage verweisen wollen, hin- sichtlich dieser leuchtenden Vögel auf Vermutungen angewiesen, und da kommt unserem Bemühen eine neuere Nachricht zu Hülfe. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden nach glaubwürdigen Mitteilungen in einem Dorfe unweit RegensburgS in einer dunklen Nacht zufällig leuchtende Nester in den Chaussee- bäumen bemerkt. Das Erstaunen über die wunderbare Er- scheinung war anfangs nicht gering, bis einer den Mut fand, sich durch Hinaufklettern Gewißheit über die Ursache des Leuchtens zu verschaffen. Er fand Krähennester voll von Fischresten, die einen phosphorartigen Schein ausstrahlten. Nahe gelegene Weiher waren gerade abgelassen und ausgefischt, was den Vögeln Gelegenheit zu einem billigen und ausgiebigen Fratze gab. Nun ist aber bekannt, daß Fische, vor allem Seefische, aber auch Fleisch, Knochen, Eier und ähnliches infolge der Ansteckung mit einem ursprünglich wohl im Mecrwasser heinnschcn Bakterium leuchten. Wir können uns den Anblick dieses Leuchtens sehr leicht verschaffen, indem wir den Knochen eines rohen Koteletts aus- lösen und zwei Tage lang in einer bedeckten Schale liegen lassen. Betrachten wir ihn dann in völliger Finsternis, so setzt uns das besonders von den noch mit Fleischrcsten behafteten Knochenteilen ausgestrahlte milde, magische, bläulich-weitze Licht in Verwunde- rung. Da das Eactenum phosphoreurn, die Quelle dieses Lichtes, auch im Binnenlande schon allverbrcitet ist, so hat die Erscheinung der leuchtenden Krähennester nichts Auffälliges an sich. Wir sind also vom leuchtenden Vogel auf das leuchtende Nest, vom leuchtenden Nest auf die leuchtenden Fischreste und von diesen auf des„Pudels Kern", das Leuchtbakterium, gekommen. Aber was hat das alles mit dem Leuchten im Walde zu tun? Nun, ab- gesehen davon, datz uns ja wohl auf einem nächtlichen Wald- spaziergange ein leuchtendes Nest erschrecken könnte, besitzt auch der Wald Stoffe, die zur Herstellung solcher phosphoreszierenden Niststätten beitragen könnten. Ter Naturforscher Okcn hat daraus schon vor 70 Jahren hingewiesen, indem er bei Besprecbung der Singdrostel bemerkt: Sie macht ein halbkugelförmigcs Nest auf niedere Baumäste aus Moos, Lehm, Kuhmist und feuchtem Holze, das vielleicht des Nachts leuchtet. Man vermutet daher, datz es zu der Sage der Alten vom leuchtenden Vogel im Harzwalde Ver- anlassung gegeben habe. Man erkannte schon bald darauf, datz dieses Leuchten faulenden Holzes nicht dem verwesenden Holze selbst, sondern einem das Holz mit seinem Gewebe oder Myzel durchwuchernden Pilz zukommt. Gelingt es uns, nächtlicherweile im Wald den vermodernden, von Pilzsträngen durchsetzten Stumpf einer Fichte oder Weide zu treffen, so können wir das prächtige Phosphores- zenzlicht nicht nur an Ort und Stelle beobachten, sondern auch mittelst eines Splitters solcher Holzpartien nach Hause tranä- Portieren und hier, wenn wir das Holz ein wenig feucht halten, an den folgenden Abenden wieder aufglühen sehen. Ja die Natur veranstaltet mittelst dieser Pilze noch ein weit eigentümlicheres Feuerwerk. Als ein Greizcr Botaniker, Professor Ludwig, einmal mit Stücken leuchtenden Holzes versehen aus dem Walde heimkehrte, bemerlie er auf da.i Wege leuck'tende, von anderen Personen verlorene Splitter am Boden und dazwischen eine Stelle, die sich durch ganz besonders starkes Licht auszeichnete. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, datz dieses Leuchten von einem Tausendfüßler ausging, von dem auch bald ein zweites, ebenso intensiv leuchtendes Exemplar gefunden wurde. Wahr- scheinlich hatten die Tierchen von dem leuchtenden Pilzmyzcl oder dessen Ausscheidungen gefressen, und die phosphoreszierende Sub- stanz, die die Lichtsäule des Holzes erzeugt, leuchtete nun in dem tierischen Körper fort. So findet man auch am Strande des Meeres bisweilen leuchtende Krebstierchen oder andere Meer- bewohner, deren Licht wahrscheinlich der Anwesenheit zahlreicher Leuchtbakterien in ihren Körperteilen seine Entstehung verdankt. Aber nicht nur das faulende Holz, auch die verwesenden Blätter des Waldes können Licht aussenden. Professor Molisch, der das Leuchten der Pflanzen zum Gegenstand besonderen Studiums gemacht hat, behauptet, daß in einem Eichen- oder Buchenwald ein nicht geringer Teil des abgefallenen Laubes sich im Zustande des Leuchtens befindet, und daß der Waldboden allenthalben von dem Lichte verwesenden Laubes bestrahlt wird. Die Blätter müssen in einem mätzig feuchten, der Zersetzung nahen Zustande sein. Namentlich solche Blätter, die infolge der Verwesung eine tnehr weitzliche oder weitzlich-gelbe Farbe haben oder gelb und braun gefleckt erscheinen, leuchten besonders schön. Auch hier ist die Ursache nicht der Zerfall der Blattsubstanz, sondern der darin lebende Pilz, dessen Entdeckung leider noch nicht gelungen ist. Dagegen ist von den leuchtenden Holzpilzen wenig- stens einer, der Halliniasch, erkannt. Aber auch von ihm Phos- phoresziert nur das Myzel, nicht der Pilzhut, und in unseren Gegenden scheint überhaupt kein Pilz vorzukommen, dessen Frucht- körper leuchtete. Sonst könnte man vermuten, datz die leuchtenden Vögel und Nester dem Dasein solcher auf Bäumen wachsender Hutpilze ihren Ruf verdankten. Nun hat aber ein schwedischer Naturforscher vor Jahrzehnten die Entdeckung gemacht, datz an der Unterseite eines Lächerpilzes, des Zunderpilzes oder Feuerschwammes, sich nicht selten die Larven einer Schwammmücke aufhalten. Sie sehen fast aus wie kleine Blutegel mit vielen Ringeln und leben auch unter dem Hute der holzigen Blätterpilze der Eichen. Sie überziehen nicht nur die untere Fläche der Pilze, von deren Feuchtigkeit sie wahrscheinlich leben, mit einem glänzenden, vom Munde ausgesonderten Schleim, sondern verbreiten auch selbst im Dunkeln ein schönes, Phosphor- artiges Licht um sich, und zwar nur während des Larven- und Puppenzustandcs. Sind ihrer mehrere an einem Pilz vereinigt, so können sie ihn wohl wie selbstleuchtend erscheinen lassen. Mit diesen Tierchen sind wir nun schon bei einer zweiten. leichter erklärlichen Art des Leuchtens im Walde angelangt, bei den lebendigen Laternen, den Leuchtkäfern. Wenn es bei den leuchtenden Tausendfützen, Zuck- und Schwammmücken noch frag- lich erscheinen kann, ob das Leuchten ihrer eigenen Organisation angehört oder auf einer Infektion mit pflanzlichem Lichtstoff be- ruht, so ist diese Frage bei den drei Arten unserer Leuchtkäfer gelöst: sie und die Glühwürmchen, wie man ihre im Grase um- beckriechenden, assclförmigen Larven nennt, erzeugen ihr Licht selbst. Und doch setzen sie uns durch ihr plötzliches Auftauchen und Verschwinden meistens noch mehr in freudiges Erstaunen als die Leuchtpilze. Es gewährt einen merkwür�'gen, anziehenden, ja/ fast poetischen Anblick, in der Finsternis dej> märkischen Kiefernwaldes so einen kleinen Kobold plötzlich sein Laternchen anzünden und uns in kühnen Schwenkungen umflattern zu sehen. Wie macht er das? Ganz genau wissen's die Gelehrten auch noch nicht. Eine einfache Oxhdationserschcinung, d. h. also eine Verbrennung des Inhalts der an den Seiten der Hinterleibsringe be' Richen knolligen Leuchtorgane, scheint die Lichterzeugung der Leuchtkäfer nicht zu sein. Auch scheint sein Aufflammen und Erlöschen nickst von dem Willen des Tierchens abzuhängen; denn in allen Fällen/ wo die Käfer das Licht anscheinend nach Willkür verschwinden lietzen, stellte sich heraus, datz sie es nur auf geschickte Weise durch Bewegen des Hinterleibs gegen die Brust oder durch Herabglciten von ihrem Sitz auf die Erde, verbargen. Ist auch anzunehmen, datz die Absonderung eines Leuchtstoffes der Willkür des Tieres bis zu einem gewissen Grade unterworfen ist, so scheint doch nach der Ausscheidung dieser Stoff eben zu leuchten, gleichviel ob der Käfer es will oder nicht will. Der Hauptzweck des Leuchtens der „Glühwürmcheü" ist jedenfalls ein recht poetischer und zweck- mätziger: das gegenseitige Sichanlocken und Finden der Ge- schlechter, die allmächtige Liebe, die hier im eigentlichen Sinne Licht und Flammen sprüht. Die Dichter benutzen, seit Klopstock den„Sohn des Mai's", das goldene Wttrmchen, in die deutsche Literatur eingeführt hat, die Leuchtkäferchen nicht selten zur Belebung nächtlicher Situa- tionen. Aber sie haben noch eine zweite Lichterscheinung, die uns häufig im Walde begegnen soll, literaturfähig gemacht: die Irr- lichter. Wegen dieser ihrer Schützlinge ist sogar ein heftiger Streit mit den Männern der Wissenschaft entbrannt, der bis heute noch nicht endgültig ausgetragen ist, aber kaum zugunsten der Dichter enden dürfte. Dagegen ist der Wald wohl imstande, dem von der Stunde Begünstigten eine unbestrittene physikalische Illumination vorzu- führen, die aber auch nicht zu den oftgcsehenen gehört. Denn die Zeiten, in denen sie zumeist aufzutreten pflegt,— trockene, mit etwas Schneefall ausgestattete Winternächte— zählen nicht zu denen, die der Mensch gern nn Freien zubringt. Diese Er- scheinuilg ist das Elmsseuer, das in ruhigen Nächten bei mit Elek- trizität geladener Atmosphäre aus den Zweigenden der Baum- Wipfel, besonders aus den Nadelbüscheln der Nadelhölzer aus- strahlt. Sein mildes, bläulich-weitzes Licht macht, besonders autzerhalb des leuchtenden Waldkomplexes von einer Höhe aus betrachtek, einen wunderbaren Eindruck. Die Forstleute sind ihn» neuerdings gram, da es die früher gewissen Forstinsekten zu». geschriebene Wipfeldürre der Fichten und anderer Waldbäume verursachen soll. Doch ist auch in dieser Angelegenheit ebenso wie in der Jrrlichterfrage noch nicht das letzte Wort gesprochen, und so brauchen wir uns von den Bedenken der Praktiker den Geuutzj nicht verkümmern zu lassen, den uns etwa der Himmel einmal durch den unverhofften Anblick eines Elmsfeuers spendet.— Hans Brendel, Kleines f eirilleton* gl. Kinder.„Mama ist zur Bendler anpassen", sagte Lucie. „aber setz Dich nur, Tante, komm auf dcn Balkon, sie mutz ja bald wieder hier sein." „Na, wenn sie zur Beudler ist, dauert's eine Weile." Frau Hegner zog die Augenbrauen hoch.„Die wohnt ja jetzt am Ende der Welt, da kann man ja kaum noch hingehen. Auch'ne Idee, nach der Petersburgerstratze zu ziehen I" „Die Damen bleiben ihr aber alle treu." Lucie lachte:„Ja, 'ne Schneiderin, die was versteht, kann sich heute auch was er- lauben." „Tut sie ja auch reichlich." Frau Hegner gähnte und setzte sich in den Korbstuhl, den Lucie ihr hingeschoben hatte: „Na. ich werde warten, vielleicht kommt Mama doch bald. Nein Lucie danke, mach' Dir keine Mühe, ich nehme jetzt nichts." „Ach wohl, die paar Johannisbeeren rutschen." Lucie schob ihr das feine Krystallschälchen hin,„erfrisch Dich nur ein bitzchen nach dem Weg." „Na ja, danke." Frau Hegner begann zu löffeln und lehnte sich behaglich zurück:„Aber Ihr habt es wirklich zu schön hier." „Ja, es ist ein hübscher Platz, nicht wahr?" nickte Lucie.„Die wundervolle ruhige Stratze und überall Gärten: man kann sich manchmal weit weg denken von Berlin; man hat Sommer- und Winterwohnung in Einem."„Na, bei Euch ist es ja ebenso." „Ja, unser Blick auf den Park ist auch herrlich. Ich niöcht' auch nicht anders wohnen als so. Da kommt übrigens Deine Mutter." Lucie lief der Kommenden entgegen. Durch die offene Balkon» tür hörte man ihre helle Stimme:„Mama, Mama, Tante Lina ist hier." „Jetzt latzt mich aber erst zu Atem kommen," rief Frau Doktor Meitzner, nachdem sie Tochter und Schwägerin bcgrützt und es sich im Sessel bequem gemacht hatte:„Kinder, ich bin ja kaput." „Es ist ja auch fast eine Reise," bedauerte Lucie die Mania. „Ach, die lange Fahrt— da will ich noch nichts sagen, aber die Gegend, in der die Bendler jetzt wohnt— Kinder, nein die Gegend k Ob sie denn wohl gerade dahin muhte? Ob sie nicht am Alexander» platz wohnen bleiben konnte? Man wird ja schon rein von der Gegend krank." „Ist sie so hählich?" fragte Lucie.„Ich denke, die Pendler ist grade hingezogen, weil da so schöne moderne Häuser stehen." Die stehen auch da," nickte Frau Hegner, und Frau Meitzner stimmte ihr zu:„Ja die Stratzrn an und für sich— gegen die lätzt sich gar nichts sagen, aber das Volk, das' drautzen wohnt, und die Kinder, nein, sowas von Kindern habe ich überhaupt noch nicht gesehen!" „Ja, einfach scheutzlich," bekräftigte Frau Hegner. „DaS kribbelt und wimmelt" fuhr Frau Meitzner fort,„das tollt auf»en Ströhen und fleezt sich vor den Haustüren herum, stürmt über die Treppen und macht Skm.oal auf den Höfen,— und alles solche ordinären Gören, nein, ich habe keine Worte!" „Dafür ist es der Osten— Arbeiterviertel." Frau Hegner zuckte die Achseln. „Datz die Arbeiter alle so viel Kinder haben", sagte Lucie naiv. „Ja. es sind eben unfeine Leute". Frau Hagner zuckte noch einmal die Achseln.„Ich verstehe blas die Wirte nicht, datz die in ihre schönen Häuser da drautzen solche Menschen hineinnehmen." „Sie nehmen sie aber nur in die Hinterwohnungen", meinte Frau Meitzner. „Ich würde sie überhaupt nicht nehmen", gestand Frau Hcgner, „nein, wenn ich Wirt wäre, ich hielte mir mein Haus als feines Haus. Da dürften keine Leute mit Kindern hinein." „Wenigstens keine Arbeiter mit Kindern", verbesserte Frau Doktor Meitzner.„Wenn man ein niedlich angezogenes Kind auf der Treppe sieht, freut man sich, das ist was Hübsches, aber die Gören da drautzen im Osten— nein!" Sie schüttelte sich förmlich.„Mrnichs gehen sogar barfutz I" „Dabei machen sie einen Skandal, als ob Hof und Stratze ihnen gehört. Ist die Stratze ein Kinderspielplatz? Man sollte es ver- bieten!" „Sie müssen doch aber spielen I Wo sollen sie denn spielen?. fragte Lucie. „Das soll uns sehr egal sein". Frau Doktor Meißner sah ,n die Luft. „Sieh Dir mal unsere Stratze an!" Frau Hegner wres nach unten.„Alles still— siehst Du hier e i n Kind?" „Nein, die haben ja auch die Gärten zum Spielen", antwortete Lucie,„und'ne ganze Menge sind noch in der Sommerwohnung.' �Vor allen Dingen wohnen hier nicht soviel", fiel Frau Hegner ein,„und das ist das beste, dadurch sieht man eben, daß es eine vornehme Straße ist." „Ja", nickte Frau Doktor Meißner.„Es hört sich vielleicht nicht gut an, aber ich kann mir mal nicht helfen: wenn es nicht g'rade ein feiner Spielplatz ist, machen Kinder die ganze Gegend ordinär."— ck. Die Jahrhundertfeier des Dampfschiffes. Aus Paris wird berichtet: Die„Liguc Maritime Franeaise" bereitet eine Hundert- zahrfcier des Dampfschiffes vor. In Erinnerung an die Tatsache, daß im Jahre 1807 das erste, von Fulton gebaute Dampfschiff dem Werkehr übergeben wurde, soll im nächsten Jahre ein Jnter- nationale Ausstellung veranstaltet werden. Fulton ist zwar der Schöpfer der Dampfschiffahrt, er hat das erste Dampfboot, den „Claremont", gebaut, das im August 1807 von New Uork bis Albany, 1L0 Seemeilen stromaufwärts in 32 Stunden fuhr; aber er hat zahlreiche Vorgänger gehabt, die teils in Vorschlägen, teils in praktischen Ausführungen seine Idee, Schiffe durch Dampfkraft zu bewegen, schon früher zu verwirtlichen suchten. Auch der Vor- läufcr Fultons soll bei dieser Ausstellung gedacht werden. Be- sonders erinnert man an den französischen Mathematiker und Physiker Denis Papin, der gerade vor 200 Jahren eine, wenn auch noch sehr unvollkommene Dampfmaschine und ein Dampf- schiff konstruiert hat; mit diesem Dampfboot hat er angeblich bereits im Jahre 1707 auf der Fulda— er hatte als Calvinist Frankreich verlassen und wirkte von 1687 bis 1707 als Professor der Mathematik an der Universität Marburg— Fahrten unter- nommcn; aber die Flußschiffcr sollen über das seltsame Fahrzeug, von dem sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlen mochten, so in Wut geraten sein, daß sie es zerstörten. Im Laufe des 18. Jahr- Hunderts wurden verschiedene Versuche der Konstruktion eines Dampfschiffes gemacht, so besonders von dem Amerikaner John Fitch im Jahre 1787 und im folgenden Jahre von Patrick Miller, dessen Dampfboot alle Erwartungen übertraf, aber dennoch nicht benutzt wurde. Die Franzosen nehmen für einen fast vergessenen Landsmann Jouffrcy d'Abbans den Ruhm in Anspruch, der erste Erfinder eines brauchbaren Dampfschiffes gewesen zu sein. Sind so auch viele Versuche vorher gemacht worden, der wirkliche Schöpfer der Dampfschiffahrt ist doch der Amerikaner Robert Fulton; denn von seiner Erfindung aus beginnt die ununter- brochcnc EntWickelung der Dampfschiffe bis zu den Triumphen der Schiffsbaukunst, den modernen Ozeanriesen, die in wenig mehr als fünf Tagen den Atlantischen Ozean durchqueren. Fulton hftjpe bereits in den Jahren 1802 und 1803 während seines Aufenthaltes in Paris ein Dampfboot gebaut, aber der Rumpf hatte sich für die schwere Maschine zu schwach erwiesen, und das Boot ging in der Seine unter. Die Maschine wurde gehoben, und im August 1803 dampfte das kleine Fahrzeug in Anwesenheit einer Kommission der französischen Akademie sowie zahlreicher Gelehrter mit Erfolg stromaufwärts. Trotzdem gelang es Fulton nicht, die Unter- stützung Napoleons für sein Unternehmen zu erlangen. Dagegen erhielt er von dem Staat New Dork das Monopol für die Dampf- schiffahrt auf den nordamerikanischcn Flüssen und verlegte nun- mehr den Schauplatz seiner Tätigkeit in die neue Welt. Mit einer in England gebauten Maschine von 18 Pferdekräften wurde der „Claremont", ein Schiff von 160 Tonnen, ausgerüstet und mit ihm im August die Dampfschiffahrt eröffnet. Fulton baute auch eine Dampffrcgatte mit 32 Kanonen, die eine Maschine von 120 Pferkräften hatte und seinen Namen trug. Es war ein Doppclschiff von 66 Meter Länge, mit einem Schaufelrade, das sich zwischen beiden Schiffen befand. Seine Erfolge ermutigten zur Nachahmung, und in den nächsten Jahren wurden in England, Frankreich und Deutschland eine große Anzahl Dampfschiffe gebaut. Zur Erinnerung an ihn beabsichtigt nun die französische„Ligue Maritime" in Paris nahe der Seine ein Denkmal zu errichten, das zugleich auch dem Andenken von Denis Papin und Jouffrcy d'Abbans gewidmet sein soll.— hl. Seltsame neue Sekten. Tie Sekten der„heiligen Wälzer" Und der„Rniebeuger" sind die neuesten Formen religiöser Ge- meinschaft in dem an merkwürdigen Kulten schon so reichen Amerika. Die„heiligen Wälzer" bestehen seit etwa sechs Jahren im westlichen Teile des Staates New Uork, an den Ufern des Canandaiqua-Secs. Ihr Hauptglavbcnssatz ist die Hölle, und zwar eine höchst realistisch ausgemalte Hölle mit allen Schrecken mittelalterlicher Bilder, mit kochendem Schwefel und einem Flammenmeer, in dem der Körper des Verdammten nie verzehrt, aber unerhörten Folterqualen unterworfen wird. In diese Hölle kommt jeder, der den Glauben nicht annimmt. Die Wiedergeburt wird auf verschiedene Art bewirkt; die Behandlung umfaßt Gebet, Wädcr, Bekleidung und Taufe durch Untertauchen. Wenn dadurch die Seele des Sünders noch nicht gereinigt ist, so beginnt das „heilige Wälzen". Der Sünder legt sich an dem einen Ende des Gebäudes auf den Boden und wälzt sich solange hin und her, bis alle Anwesenden überzeugt sind, daß der Teufel herausgewälzt ist. Manchmal dauert die Zeremonie eine Viertelstunde, aber wenn es sich um einen zähen Sünder handelt, kann sie vier bis fünf Stunden erfordern; die knienden Zuschauer können nach Gut- dünken Fragen stellen, und der Wälzende muß befriedigende Ant- Worten geben, ehe er aufstehen darf. Die während seines Lebens begangenen Sünden muß er im einzelnen beichten und dabei die innersten Geheimnisse seiner Seele offenbaren. Die heiligen Wälzer haben im Zentrum und Westen des Staates New Jork mit Erfolg gearbeitet, einige kleine Gemeinden befinden sich in einem Zustand religiöser Erregung, wie er sich vor Beginn des Mormonismus zeigte. Vielleicht noch merkwürdiger ist aber die Begründung der Sekte der Kniebeuger, einer kleinen Gemeinde am Ostufcr des Scncca-Sees, von der die New Uorker„Tribüne" berichtet: Vor fünf Jahren behauptete ein schwedischer Farmer namens Bursen, daß er Visionen gehabt hätte. Er wollte nicht weiter arbeiten und verbrachte seine Zeit meist auf einer Berg- kuppe in der Nähe des Sees. Er kniete ständig und antwortete auf alle Fragen, Jchovah hätte ihn befohlen, den Nest seines Lebens in dieser unbequemen Stellung zu verbringen. Bald danach be- gann er zu predigen. Allmählich wurden seine Verwandten von der Ausrichtigkeit seiner Predigten überzeugt und» traten für die seltsame Religion ein. Die ganze Familie lebte bald auf den Knien. Jetzt beträgt die Zahl der Anhänger über 200. Die Knie- beugcr leugnen das Vorhandensein der Strafe in der anderen Welt und behaupten, die Hölle kommt auf Erden in Form großen Leidens über die Missetäter. Sie beten zur Natur, der alle Ver- änderungcn in den Elementen und alle durch Feuer, Wind und Wasser verursachten Unfälle zugeschrieben werden. Der erste Grundsatz dieser seltsamen Sekte ist Kommunismus. Die Felder werden gemeinsam bestellt, und alles Jäten, Pflanzen und Hacken wird kniend ausgeführt. Kniebeugcgottesdicnstc werden fünfmal täglich auf der Bcrgkuppe abgehalten, auf der Bursen„in- spiriert" wurde; dabei wenden alle die Gesichter der Sonne zu. Jede Woche findet eine Wiederbelcbungsversammlung statt, und so lächerlich ihr Gebaren den Ungläubigen auch erscheinen mag, säst stets werden der Sekte neue Bekehrte zugeführt.—?__ Medizinisches. irr. Ein neuer Tee gegen Husten. Die zahlreichen Mittel, welche dem Arzte zur Behandlung des Hustens zur Verfügung stehen, zerfallen in drei Klassen. Die einen sind die auswarf- befördernden Mittel, wie z. B. der Salnsiak, welche dadurch wirken, daß sie die stockende Absonderung in besseren Gang bringen und den Auswurf lösen. Ist der Katarrh schon älter, so wendet man Mittel an, welche nicht nur die Absonderung vermehren, sondern auch zum Husten, zur Herausbeförderung reizen sollen. Die bekanntesten dieser Mittel sind der Anis und der Fenchel. Eine zweite Gruppe von Hustenmitteln sind die örtlich wirkenden schleimigen Mittel, welche einhüllend auf die wunde Luft- röhrenschleimhaut wirken und damit den Hustenreiz mildern. In diese Gruppe gehören die Eibischwurzel, das isländische Moos und der Huflattich. Gelingt es mit diesen Mitteln nicht, den Hustenreiz zu bekämpfen, dann muß man oft zu narkotischen Mitteln, zum Morphium oder zu Bittermandelwasser greifen. Die zahlreichen heilkräftigen Kräuter haben vielfach chemischen Reindarstellungen der wirkiamen Substanz weichen müssen, im Volksgebrauch haben sie sich dagegen als Hausmittel gegen Husten vielfach erhalten. Neuerdings hat Dr. Bergmann in Berlin den natürlichen Pflanzen- stoffen wieder das Wort geredet, er meint, daß die Pflanze in ihrer Gesamtheit ganz anders wirke, wie das chemische Produkt, das erst nach der Zerstörung des natürlichen Zusammenhanges künstlich auS ihr gewonnen wird. Bergmann setzte daher gegen Husten einen Tee zusammen, der aus Isländisch MooS, Fenchel, Anis, Huflattich, Lakritz, Krcuzblumenkraut und Hohlzahn besteht. Jedes einzelne dieser Mittel soll von schwacher und unsicherer Wirkung sein, zu- sammen aber wirken sie auf den Husten lindernd oder sogar heilend. Mit Erfolg wurde der Tee angewendet beim Husten der Schwind- süchsigen, Reizhusten, Influenza, Bronchial- und Kehlkopfkatarrh.— — Den Keuchhustenbazillus zu isolieren und Reinkulturen von ihn, zu erhalten, ist nach dem„XX. Siöcle" dem Arzt Borbet, Direktor des Seruminstituts zu Brabant, gelungen. Im Sekret der Kehle kleiner Kranken hat Borbet während des Anfangsstadiums der Krankheit den Bazillus in große; Zahl entdeckt. Später findet er sich nur spärlich und vermischt mit anderen Parasiten im Munde und Rachen. Das Serum kleiner Keuchhustenkranker lvirkt auf den Bazillus heilend ein.— Humoristisches. — Nachhülfe. Richter:„Warum haben Sie dem Kläger, nachdem Sie ihn ein Rindvieh und einen Schafskopf nannten, auch noch eine Ohrfeige versetzt?" Bauer:„Weil er net guat hörtl"— — Aufklärung. Fräulein(zu einer Freundin bei einem Verlobungsfeste):„Ich weiß nicht, bei Deinen eigenen Verlobungen da bist Du nicht so l u st i g? I" Freundin:„Das ist doch ganz einfach! Der, der sich mit einer anderen verlobt, kann immer noch'mal mein Bräutigam werden, aber meine Bräutigame, die haben immer andere geheiratet I"— — Fatale Folge..Ihr Sohn stüdierte fünfJahre in München und Wllrzburg— da hat sich sein Gesichtskreis wohl wesentlich erweitert?"** .Der nun gerade nicht— aber sein Magen!"— („Meggendorfer-Blätter".) Werantw, Nedakt.: CarlWermuth. Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LlV.