Hlnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 162. Donnerstag, den 23. August. 1S06 (Nachdruck verboten.) 321 Kinder der Gaffe» Roman von Charlotte Knoeckel. Der Paula schoß das Blut in die Stirn. Wenn er das erfährt, ja, ja-- ha! Aber sie lachte gleich darauf: ach was, ich Hab en einmal rumgekriegt--! und dann wandte sie sich an die Luis. „Was geht Dich das eigentlich an?" sagte sie,„kümmer Dich doch um Dein Kram!" Sie stand vom Stuhl auf. „Paula!" Die Luis hielt ihre Hand,„Du mußt nit-- aber weißt, ich mein halt, der Chrischan und Du, Ihr zwei, das taugt nix!" „So!" höhnte die Paula. „Ja." Die Luis richtete sich wieder auf. Note Flecken brannten auf ihren Backenknochen.„Siehst Du... Du kannst... doch all andere habe, und der Chrischan, der laßt nit mit sich spaße!" Die Paula biß sich auf die Zähne: andere? Der Chrischan läßt nit mit sich spaße! Das Blut schoß ihr wieder in den Kopf. Andere?— Nein!... die sie nehmen würden,'' die anderen.. nein!... nein! Das gab dann so en Wirt- schaft wie daheim! Und das hatte sie satt! Sie wollte raus! Wozu war sie schön! Wozu?— Sollte sie am Ende wie ihre Mutter--? Der Ekel stieg in ihr auf. Nein, nein! So nicht! das nicht! Der Christian! Der Christian! Es war ihr, als müsse sie sich an ihn klammern. Ich will auch gewiß mit keinem andern mehr anbändeln, wenn ich en erst Hab. Und ich will putze... en sauber Wohnung soll er habe, alles... alles! Aber ihn fahremlassen?! nein, nein! Lieber, lieber-- Sie atmete tief. Und wenn er's hört... wenn, wenn— Sie dachte an die Drohung, die er ihr häufig wiederholt. Sie sah seine blitzenden Augen, und eine Sekunde lang überkam sie das Zittern. Dann aber lachte sie... ah was, das is eso geredt! Er wird's schon nit höre und wenn-- Ich muß en habe! ich muß en habe! mag's komme wie's will! „Paula... der Chrischan tut der was zu leid... wenn, wenn-- ," sagte die Luis.„Guck, und wenn De en laufe läßt, wenn De em einfach sagst: ich habe andere und ich mag Dich nit mehr, dann, dann tut er Dir doch wenigstens nix...! Es muß Dir doch was am Lebe liege, Paula!— Herrgott, am Lebe!" Mit glühenden Wangen und fieberhaft leuchtenden Augen hockte die Luis da, mit eingefallener Brust und gekrümmtem Rücken, mit wcitabstehenden Ohren und hohlen Schläfen. Ihre Finger zitterten und krümmten sich wie im Krämpfe. „Am Lebe, Paula, hängst Du denn nit am Lebe, ah!" stieß sie hervor mit einer Stimme, die völlig heiser geworden war. „Am Leben...1" Die Paula fröstelte es bei dem Anblick, und die heiseren Worte der Luis trieben ihr den Schweiß auf die Stirn. Aber der Chrischan, der Chrischan muß, er muß mich heirate! schrie es immer wieder in ihr. Er muß! er muß! Die Luis lag ganz erschöpft in den Kissen. „Paula," sagte sie kaum hörbar, als die aufstand, „Paula!" und sie preßte ihre Hand in den glühenden, zuckenden Fingern. „Ich muß gehn," sagte das Mädchen. „Und?—' „Ich will mer's überlegen! Adieu auch!" Und sie ging yus der Kammer, darin die Luis reglos und sterbensmatt zurückblieb. Als der Christian am nächsten Sonntag kam, erschrak er über den Anblick der Schwester. „Luis!" sagte er, und die Tränen liefen ihm an den Backen hinab. „Ja, so is es," meinte die,„wenn mer im Bett liegt... dann kommt mer so schnell nit mehr raus! Für letzte Freitag Hab ich cm Vater schon Fastnachts- küchle versproche, und heut lieg ich als noch!" Sie atmete ein paarmal kurz hintereinander, dann, als sie Müting sah, der den Kopf in die Kammer steckte, sagte sie: „Aber nächste Freitag, Vater, da mach ich die Küchle!" und sie verzog das Gesicht zu einem Lachen.„Nächsten Freitag!" Dann wollte sie mit dem Christian über die Paula reden, aber die Aufregung überfiel sie schon bei dem Gedanken. Das Zittern überkam sie, und sie drückte dem Bruder stumm die Hand, als er von ihr fort zu seinem Mädchen ging Er ging mit zusammengepreßten Lippen. „Heut laß ich mich nit von ihr zum Narren halte! Heut leg ich ihr die Fall!" sagte er. Bei Eckels traf er die Paula allein zu Hause. Sie hatte ein schlichtes, schwarzes Kleid an, und ihr schweres, blondes Haar hing ihr in zwei langen Zöpfen iiber den Rücken hinab. Wie schön sie doch ist! dachte der Christian. Wie schön! Das Herz krampfte sich ihm zusammen. „Na, laßt Dich heut mal wieder sehn?" fragte sie und wandte sich nur halb nach ihm um. „Letzte Sonntag, hin, da war's em Luis nit gut," sagte der Christian. „Aso ja, das liegt all im Bett," nickte das Mädchen. „Warste bei em?" „Jnja!" Dann schwiegen sie. Ter Christian hatte wieder die Zähne zusammengepreßt. Er atniete laut durch die Nase. Mit dem Fuß schob ihm das Mädchen einen Stuhl hin. Er fetzte sich und drehte den Hut zwischen den Fingern. Eine Weile sah sie ihm zu, dann nahm sie ihm den Filz aus den Händen und hängte ihn an den Nagel. „So!" sagte sie, verschränkte die Arme über der Brust und setzte sich auf den Tisch, ein paar Schritt von ihm weg. Was hat er nur? dachte sie dabei. Das schweigen wurde ihr imheimlich. Sie nahm einen ihrer Zöpfe und begann damit zu spielen. Was hat er nur? Will er?... Hat das Luis ihm am End überred und weiß er nit wie er's anbringe soll? Sie sann einen Augenblick. Sie sah ihn von der Seite an. Er will— will mer de Abschied geben?! Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Den Abschied! Nein, nein, das darf er nit! Das darf er nit! Ich will nit! Sie warf den Kopf zurück. Ich will sehn, wer von uns der stärkst is, dachte sie, und ihre Augen funkelten. „Ich war beim Luis, Chrischan," Hub sie jäh an. „Ja, Du hast's schon gesagt." „Aber ich bin nit von selber Hingegange!" „Soo...1" Er hob den Kopf. „Sie hat mich rufe lasse...!" „Und?" „Sie hat gesagt, ich soll von Dir lasse...1" „Soo...?" „Sie sagt, Du tätst Dein Stell verliere, wenn De mich heiratst, weil... weil ich katholisch bin, und tveil, weil früher, eh ich mit Der gegange bin..." Da sprang der Christian auf.„Eb Du mit mer gegange bist?! Ha! und jetzt? hä, jetzt?!" Er trat dicht vor sie hin und sah sie mit wilden Augen an.„Gehste jetzt vielleicht nit mit andere, trotzdem De mer's immer geschwore hast, jede Sonntag, wo ich da war, ge- schwöre...1" Sie saß ohne sich zu regen. Sie zuckte nicht mit dex Wimper und sah ihn gerade an. „Von wem haste Dir das vorlüge lasse?" fragte sie kalk« Ihre Ruhe brachte ihn außer Fassung. Wenn sie ein schlechtes Gewissen hätte, könnte sie dann so ruhig sitzen bleiben? Herrgott, sie hätte doch zusammen- zucken müssen bei dieser Anschuldigung! Die Furcht hätte ihr das Blut aus dem Gesicht jagen müssen! Ein Zittern, ein leisestes Zittern wenigstens hätte sie durchrüttelt!— Aber nichts von alledem. Mit starrem, gleichgültigem Gesicht saß sie. Um den Mund nur hatte sie ein spöttisches Lächeln. Das Lächeln machte ihn rasend. Er packte sie an den Armen und schüttelte sie.„Gehst vielleicht mit keinem andern mehr, seit... seit? hä! oder—?" Er schaute sie durch- dringend an. Sie zuckte die Achseln und hob den Kopf. „Antworte!" rief der Christian. „Was soll ich sage. I Wenn Du Deine Lügner mehr glaubs wie mir!" „Paula!" Wieder zuckte sie mit den Achseln.„Ich weiß wohl, daß es Deine Leut nit gern habe, daß De mit mer gehst! Sie haben Angst, daß, wenn De mich heiratst, Du am End nit mehr genug für Deinen Vater hergebe tatst. Na ja! Mir is recht! Ich will Der nit im Weg sein! Aber deshalb brauchen se mich nit schlecht zu mache! Nit schlechter wie ich bin! Was ich Ter geschworen Hab vor cme Jahr, Chrischan, das Hab ich gehalte bis heut! Was vorher war... Ich Hab Dir nir vorgeloge...!" Ihre Stimme hatte zu zittern begonnen, bei den letzten Worten schluchzte sie aus. Und der Christian ließ seine Arme sinken. „Paula," sagte er.„Is... is das wahr?" „Frag doch nit! Wenn ich Der drauf antwort, wie ich kann und muß, dann glaubste ja doch nit, druni--!" Er tastete nach ihren Händen. „Laß mich!" sagte sie. Sie sprang vom Tisch herunter und wich ein paar Schritte zurück.„Laß mich! Ich geh Dich nir an! Du hast für Dein Vater zu sorge und für de Johann und dem Marie sein Kinner und da...," vor- sichtig forschte sie im Gesicht des jungen Mannes—„da hast kein Recht an Dich zu denke... und dann... Es Luis hat sich ja auch immer nure geplagt für die andere und weil's da drüber zugrund geht, mußt Du Dich halt vor de Wage spanne... Und das is es," sie fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen,„das is es, was mer eso leid tut!... Denn es Luis, na ja, es tut eim schon in der Seel weh zu sehn, wie das sich abgeschafft hat. für Leut, die em kein Tank wisse, aber daß Du Dich auch noch--!" Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ter Christian lief schweigend in der Stube auf und ab. Kann man aus der klug werde? Kann man klug aus ihr werden? dachte er einmal übers andere. Lügt sie oder redet sie die Wahrheit? Rascher raste er auf und ab. Lügt sie oder redet sie die Wahrheit? Lügt sie oder redet sie die Wahrheit?! Eine lange Weile hallten nur des jungen Mannes Schritte durch den Raum. Dann hob der Christian den Kopf.„Von mir is jetzt nit die Rede," sagte er. „Soo...? Von wem denn sonst? Das Luis hat mich gerufe, um mit mir von Dir zu rede und von niemand anders! Um mich kümmert sich das doch nit! Hahaha!" Sie lachte laut. „Um mich!" „Und Du vielleicht? Willst Du vielleicht jetzt nochmal von mir anfange? Hä! Ich geh Dich von heut ab nix mehr an! Ich kann jetzt tun was ich will! Und gleich, wenn ich Dich zur Tür drauße Hab, da putz ich mich und hol mer einen fiir heut nacht, und wenn Tu cmal-- für drei Mark tu ich's!" Sie lachte wieder. Es tvar dasselbe verzweifelte Lachen, das ihm schon ein- mal so weh getan hatte. Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Kalter Schweiß. Und seine Finger brannten wie im Fieber. „Paula!" Er wollte sie am Arm fassen, aber sie stieß ihn von sich. „Geh zur Luis, geh, geh! Ich will der nit mehr im Weg fein. Ich geb cm ja auch recht! Wie's mer gesagt hat... daß der Chrischan hat Lehrer werde dürfe, das verdankt er ja doch nure mir! da Hab ich halt mit em Kopf genickt. Du verdankst's cm, das is wahr, und dafür mußt cm auch was zulicb tun. Dafür kannst mich schon fahre lasse...1" Sie ging an ihm vorbei ans Fenster und schaute hinaus. Ohne sich zu rühren, stand sie. Sie horchte auf des Christians lauten Atem. Ein selbstzufriedenes Lächeln war auf ihren Lippen. Hab ich Dich weich? dachte sie. Da hörte sie den Christian ein paar Schritte tun. Und ihr Gesicht wurde ernst. „Gehst de?" fragte sie mit dumpfer Stimme, ohne sich umzudrehen. lvortsetzung folgt. r tNachdruck verboten.) Valparaiso unck clie Sräbebenkataltropken in SüclamenKa. Kaum daß sich die Aufregung über das gewaltige Erdbeben gelegt hat, das im April dieses Jahres die glänzende Stadt am goldenen Tore und die Küste Kaliforniens verwüstete, meldet der Telegraph eine neue Katastrophe gleicher Art, die in dem klassischen Erdbebenlande Amerikas, an der chilenischen Küste die Stadt Pal- paraiso und weite Gegenden der genannten Republik verheert hat. Das Valle paradiso, das Tal des Paradieses, wie die Kon- quistadoren die von den Fittichen des lächelnden Frühlingsgottes umwehte Bucht an der sonst so hafenarmen, pazifischen Küste nannten, wo sie um das Jahr 1540 eine Niederlassung gründeten, hat durch ein volles Vicrteljahrtausend das Los so vieler anderen spanischen Niederlassungen geteilt, die Dank der Gleichgültigkeit des Mutterlandes und seiner räuberischen.Kolonialpolitik nicht gedeihen wollten. Es blieb ein elendes hispanisches Torf, in dem Spanier- stämmlingc, die Indianer knechtend, ein träges Dasein führten, und noch 1820 zählte man in dem Orte knapp(5000 Einwohner. Schon aber hatte im Anfange des 10. Jahrhunderts die große süd- amerikanische Freiheitsbewegung das fruchtbare Land der Arau- kaner ergriffen. Die von den La Platastaaten und den Engländern unter Lord Cochrane unterstützten Chilenen führten siegreich ihre Revolution durch, nach den Schlachten im Tale von Chacabuco und am Mahpu mutzten die Spanier das Land räumen und in den seit- dem verflossenen 80 Jahren hat sich Chile zu dem bestgeordneten Staatswesen des an politischen Umwälzungen überreichen süd- amerikanischen Kontinentes, Valparaiso aber, obwohl ihm neuer- dings die Salpeterhäfcn hinsichtlich der Warenausfuhr eine scharfe Konkurrenz bereiten, zu einer glänzenden Hafenstadt von 150 000 Einwohnern entwickelt, in der die deutschen Niederlassungen die für den Handel wichtigste Rollc� spielen. Nähert man sich der Stadt von der Sccseite auf einem der aus Valdivia, Concepcion oder La Serena kommenden Dampfer, so däucht dem Reisenden der Titel eines paradiesischen Tales wohl etwas übertrieben. Aber nach dem unerquicklichen Anblick der bäum- und strauchloscn nordchilenischcn Küsten und den Schreck- nissen der sturmuniwchten, regentricfenden, südchilenischen Gestade entzückt das reiche, saftige Grün, das die Natur hier in ver- verschwenderischem Ucberflusse ausgestreut hat, das der malerischen Eindrücke lange entbehrende Auge, und wenn der so oft über den Hoch-Andcn liegende Wolkcnvorhang sich hebt und über den niedrigere» Ketten der Kordilleren der Steilkegel des als Vulkan längst erloschenen 7030 Meter hohen Aconcagua, des höchsten süd- amerikanischen Berges, sichtbar wird, entfaltet sich ein unbestreitbar großartiges Landschaftsbild. Was im Vordergrunde liegt, entbehrt aber sehr der pittoresken Linien. Von der Zitadelle oberhalb des Bueras- und Valdiviaforts zieht sich im weiten, 5 Kilometer langen Halbkreisbogen jenseits eines schmalen, nur an der Nueva Malecon und der Gran Avenida etwas breiter werdenden Strandes eine hätzlich graue, verwitterte Flucht ebenso schmaler wie hoher Häuser hin, die den Ausblick auf die dahinter liegende Stadt verdecken. Auf der Gran Avenida und auf den nächsten Parallelstratzen, der Calle de Iungai, der Calle de Chacabuco, der Calle de Mapvu und der Calle de la Jndependenca, die sämtlich im Osten an der breiten und prächtigen Avenida de las Delicias enden, wickelt sich mit merkwürdiger Geräuschlosigkeit das geschäftliche Leben von Valparaiso ab. Leise gleiten die elektrischen Straßenbahnen durch die breiten, sich im rechten Winkel schneidenden Straßen und auch in den zum Teile glänzend eingerichteten Kaufläden merkt man nichts von der bastcndcn Nervosität, die das Treiben mancher weit kleineren anicrikanischen Hafenstadt verunziert. Erst weiter im Westen, wo die krummen und engen, vom El Blanco überragten Gätzchen des Stadtteils El Puerto beginnen, wird es lebhafter. Hier drängt sich das Publikum zu den Zollspeichern, den groß- artigen �.Imacenes fizcales, zur Hauptpost, zur Intendanz, zum Rathause und zum Justizpalast, zum Hauptbahnhof, zur Börse und den Banken. Nicht weit davon haust in den Seitengätzchen hinter der Plaza de Echaurrcn der Geist des Branntweins und das in allen größeren Hafenstädten üppig wuchernde Laster. Bei einer Wanderung durch die Stadtteile stützt man auf manchen architektonisch bemerkenswerten Platz mit Monumental- gebäuden, unter denen das Teatro Municipale auf der Plaza de la Viktoria und das Nationaltheater sowie das Logengebäude be- sonders bemerkbar sind. Auf steil ansteigenden, schmalen Gassen, in denen man der Göttin Hhgieia noch keine Tempel erbaut hat, gelangt man hinauf zum Ccrro de Concepcion. Schöne, fast horizontale Spaziergänge und Fahrwege bieten imponierende Ausblicke auf den Hafen und das dalnnter sich dehnende, unendliche Meer. Weniger schön da- gegen sind die Villen- und Wohnäuser mit ihren nüchternen Well- blechdächern. Ein wirklich harmonisches Bild bietet sich erst, wenn man auf der nach Santiago führenden Eisenbahn nach der eine halbe Bahn» stunde entfernten Station Vina dcl mar fährt, wo sich die Fremden und wohlhabenderen Einheimischen angesiedelt haben, die nicht in der Stadt wohnen mögen. Vina del mar ist keine eigentliche Sommerfrische, die in einem Klima kaum notwendig ist, wo die mittlere Temperatur des Winters von 11,4 Grad C. von derjenigen des Sommers(10,0 Grad C.) nur um 5 Grad übertroffen wird. Es ist bielmehr ein Vorort, in dem man jahraus, jahrein wohnt. Hier vermählt sich die Pracht des dunklen Tropengrüns mit dem flachen sandigen Strand und den schaumgekrönten Wogen des stillen Ozeans zu einer berauschenden Farbensinfonie. Es ist jetzt nicht das erstemal, daß Valparaiso von einem mit zerstörender Gewalt auftretenden Erdbeben heimgesucht�wurde. Nach vielen, den vergangenen Jahrhunderten angehörenden Beben, die nichts zerstören konnten, weil der Ort damals ein aus erbarm- lichen Hütten bestehendes Nest war. warfen am 20. Februar 1835 furchtbare Erdstöße die damals in ihrer ersten, kräftigen EntWicke- lung befindliche Stadt fast zur Hälfte um. Sie vernichteten damals dasjenige, was seit dem Erdbeben vom November 1822, das die ganze chilenische Küste verheerte, erbaut worden war und leiteten damals einen neuen Abschnitt der in fast regelmäßigen Absätzen er- folgenden säkularen Hebung der langen Küste zwischen Copiago im Norden und der Insel Chiloe im Süden ein. Während Las Meer bis zur Robinsoninsel Juan Fernandez wild erbebte und der Vulkan Osorno seine Laven ergoß, hob sich die Küste in über- raschend schneller Zeit um zwei Meter, von denen allerdings später ein Meter wieder durch langsame Senkung verloren ging. Es gibt überhaut keine andere Erdgegend, in der sich in geschichtlicher Zeit so viele Niveauveränderungen vollzogen haben, wie hier; denn dreizehn Jahre vorher hatte sich der Boden an der Küste während der Erdstöße vom 19. November 1822 bis in den September 1823 um zwei Meter erhöht, während das Emporsteigen im Binnenlande einen Betrag bis zu 3 und 4 Metern erreichte. Ueber die geologische Natur dieser Erdbeben herrscht, obwohl sie in Südamerika nach einem Ausdruck Alexanders von Humboldt wegen ihrer großen Häufigkeit, wenn sie als kleine Erschütte- rungcn austreten, so wenig beachtet werden wie ein Hagelwetter, noch manche Dunkelheit, in die vielleicht durch die Tätigkeit deS gerade jetzt in Mendoza mit geologischen Forschungen beschäftigten deutschen Gelehrten Dr. Richard Stappenbeck einige Klarheit ge- bracht wird. Im allgemeinen läßt sich darüber nur folgendes sagen: Südamerika beginnt an der dem Atlantischen Ozean zu- gewendeten Ostküste mit flachen Gestaden, die sich sowohl in den La-Platastaaten wie in dem ungeheuren Stromgebiet des Rio Amazonas in die weitesten Tiefebenen des Erdballes fortsetzen, bis der Wall der südamerikanischen Kordilleren plötzlich jäh empor- steigt. Ihr höchster Kamm fällt dann nach Westen zu in steilem Absturz zur pazifischen Küste herab und dieser Absturz findet sein Ende noch nicht einmal am Meresufer, sondern setzt sich in den Ozean hinunter fort, so daß man schon 100 Kilometer westlich von Valparaiso eine Tiefe von 5051 Meter und 00 Kilometer westlich von Kap Ballena sogar eine Tiefe von 7035 Meter lotet. Vom Aconcagua und dem Vulkan Llullaillaco senkt sich also die Erde auf einer Strecke van 200 5tilometer um 13 000 bis 14 000 Meter. Aehnliche Verhältnisse herrschen auch an der pazifischen Küste von Nordamerika, so daß die ganze 14 000 Kilometer lange Strand- linie von Patagonicn bis hinauf zum Mount Elias nichts anderes ist als eine ungeheure Bruchlinie rm Erdball, an der das östlich gelegene Land als himmelanragendes Kettengebirge stehen blieb, während daneben eine schmale, aber tiefe Rinne im Ozean ent- stand. Das vom Druck hier entlastete Erdinnere verflüssigte sich zum Teil und führte zur Bildung der zahlreichen, teils noch tätigen, teils erloschenen Vulkane, von denen sich die Zahl der noch tätigen in Ecuador, Peru, Bolivia und Chile allein aus nicht weniger als 37 beläuft. Schon die durch den Bergdruck erzeugten Verschiebungen, daneben aber auch das Eindringen von Wasser aus dem Meere in dabei entstehende Spalten bewirken das Auf- treten zahlreicher Erdbeben. Sehr ähnliche Verhältnisse herrschen dann noch in dem zweiten großen Erdbebenherd Südamerikas, in Venezuela und Columbia, wo hart neben der 5000 VMer hohen Sierra Nevada de Santa Maria und den Ploniabcrgcn oer Tief- schlund des Karibischen Meeres sich öffnet. Aus der langen Reihe der hier beobachteten Erdbeben seien hier nur folgende, durch den Umfang der Katastrophe bedeutsame, Hervorgehoben. Am 28. Oktober 1740 wurde Lima, die Hauptstadt von Peru, vom Schicksal ereilt. Dem ersten um lOVi Uhr abends stattfindenden Stoße folgten innerhalb 24 Stunden noch 200 weitere. Dabei stieg das Meer 20 Meter über seinen höchsten Stand und vernichtete die damals 5000 Einwohner zählende Hafen- stadt Callao so gründlich, daß nach seinem Zurücktreten nur noch die Grundmauern der Festungswerke die Stelle anzeigten, wo die Stadt gestanden hatte. Die Mannschaften einiger im Hafen liegenden Schiffe, die von der Springflut über die Hausdächer hin- weggetragen wurden und eine Meile landeinwärts in Gärten strandeten, waren fast die einzigen, die mit dem Leben davon- kamen. Nicht weniger entsetzlich war das Erdbeben von Riobamba in Ecuador am 4. Februar 1797, wobei an 30 000 Menschen ihr Leben verloren und das auch dadurch bemerkenswert ist, daß am Orte, wo der Stoß am stärksten auftrat, keinerlei unterirdische Geräusche gehört wurden, während 150—250 Kilometer weiter weg in der Umgebung von Quito und Jbarra 18 bis 20 Minuten später die Erde zu brüllen begann. Aehnliches beobachtete man bei dem schrecklichen, 20 000 Menschenleben vernichtenden Erdbeben von Neu-Granada, am 10. November 1827, bei dem im Caucatale keine Erschütterungen, dafür aber in Abständen von je einer halben Minute gewaltige unterirdische Detonationen auftraten. Schon acht Jahre später wurde dieselbe unglückliche Gegend von einem neuen, ebenso schweren Erdbeben heimgesucht, dessen Donner in Popayan, Bogota, Santa Maria und Caracas, ja sogar bis all» Entfernungen gehört wurden, die der Strecke vom Vesuv bis ing südliche Frankreich gleichkommen. Die eben genannte Stadt Caracas, die Hauptstadt von Vene, zuela war am 20. März 1812 der Schauplatz eines unbeschreiblich verheerenden Erdbebens, das durch die packende, von Alexander von Humboldt gegebene Beschreibung in seinen Einzelheiten be, kannt ist. Schon im Dezember 1811 hatte ein Erdstoß die sorg, losen Bewohner erschreckt. Dann kam der 20. März 1812, ein drückend heißer Tag mit stiller Luft und unbewölktem Himmel, Da es Gründonnerstag war, befand sich ein großer Teil der Be, völkerung in den Kirchen, als um 4 Uhr 7 Minuten der erste Erd, stoß erfolgte, der so stark war, daß die Kirchenglocken anschlugen, von des Schicksals Hand zum Grabgeläute für die Menschen ge» schwungen. Gleich darauf erfolgte ein zweiter, etwa 10 Sekunden langer Stoß, bei dem sich die Erde wie wallendes Wasser bewegte, Und als man nun nach einigen Augenblicken der Ruhe glaubte, daß alle? vorüber sei, begann sich aufs neue die Erde unter schreck» lichem Brüllen in allen Richtungen von oben nach unten und in allen Strichen der Windrose zu bewegen. Solchen Kräften konnte kein Gebäude standhalten. Die größten Kirchen, darunter die Kathedrale de la Trinidad und die Alta Gracia fielen zu flachen Schutthaufen zusannnen, unter ihren einstürzenden Gewölben an 4000 Menschen begrabend. Ein ganzes Regiment, das eben im Be» griff war, die Kaserne El Quarte! de San Carlos zu verlassen. um sich der großen Prozession anzuschließen, wurde fast bis auf den letzten Mann von den Trümmern ihrer Kasernen erschlagen« Weitere 7000 Menschen lagen unter den Mauern ihrer Häuser, Gegen Abend senkte sich die ungeheure, finstere Staubwolke, und als der fast volle Mond die stille, schöne Tropennacht zu erhellen begann, beleuchtete er an den Ufern des stark angeschwollenen Rio Guaire ein Bild unsagbaren Jammers. Aus neuerer Zeit ist noch das Erdbeben vom 13. bis 15. August 1808 zu erwähnen, bei dem in Peru und Ecuador 25 000 Menschen erschlagen wurden.— Kurt Rudolf Kreuschner. kleines f cirilleton* gc. Wie Odessa gepflastert wurde. Erst etwa um die Mitte der sechziger Jahre hat die zweitschönste Stadt Rußlands, als Weichs Odessa gilt, Pflaster erhalten, trotzdem sie diese Wohltat bereits fünfzig Jahre zuvor erstrebt hatte. Im Jahre 1815, nach dem großen Kriege, wurde zum ersten Male eine Pjlastersteuer erhoben, Aber die Tschinowniks hielten es für zweckmäßiger, das Geld in die eigenen Taschen fließen zu lassen, als in Steinen anzulegen Etliche Zeit später erhob der Gouverneur Woronzow abermals eins derartige Abgabe; aber nach reiflicher Ueberlegung beschloß er, den Ertrag lieber für den Bau einer monumentalen Treppe zu ver- wenden, die von der am Meere sich hinziehenden Promenade nach dem Strande hinabführt. Es scheint dann eine ganze Weile ke>n Bedürfnis für das Pflaster vorhanden gewesen zu sein, bis sich ein Engländer einfand, der die Durchführung der Pflasterung zrx einem unglaublich billigen Preise übernehmen wollte. Da er sich mit den höheren Beamten vortrefflich zu stellen wußte, so erhielt er einen Vorschuß und verschwand. Wieder zog ein Jahrzehnt übet die ungepflasterte Stadt dahin. Da faßte ein mutiger Bürger» mcister von Odessa in Gcmeinschaft�mit einigen wohlhabenden Ein» wohnern den kühnen Plan, der'stadt durch freiwillig Beiträge ein Straßenpflaster zu verschaffen. Es kam eine hübsche Summe ein. Da aber der Bürgermeister vergessen hatte, an geeigneter S..lle seinem Plan klingenden Nachdruck zu geben, so wurde er als ein Mann, der sich in Sachen mischt, die ihn nichts angehen. vom Gouverneur seines Amtes enthoben und die freiwilligen Bei» träge wurden„eingezogen". Als der Fall vergessen war, wandtr sich die Bürgerschaft an das Departement der öffentlichen Arbeiten in Petersburg, und pünktlich nach zwei Jahren traf der Bescheid ein, daß die Stadt gepflastert werden müsse. Die Steucrcrheber machten also wieder ihren Rundgang, und in den nächsten zwei Jahren wurden mächtige Wagenladungen mit Steinen angefahren, die, ihrer Bestimmung harrend, den Straßenverkehr beinahe un» möglich machten. Da traf eines Tages im Frühjahr die Nachricht ein, der Zar Alexander II. wolle der Stadt im Herbst einen Besuch machen. Nun ging ein gewaltiges Buddeln los und das schöne Odessa bekam wirklich sein Pflaster, das zwar etwas teuer und nicht besonders gut, aber doch immerhin Pflaster war!— w. Die Dänische Hcidegesevschnft. Ein glänzendes Beispiel der auf den inneren Ausbau des Landes gerichteten Bestrebungen ist die Tätigkeit der Dänischen Heidegesellschaft, welche sich im Jahre 1866 bildete. Ihre ursprüngliche Aufgabe war die Fruchtbarmachung der jütländischen Heide. Die Mittel dazu sollten Bewäsjerungs» anlagen, Waldkultur und Wegebauten sein. Die zu Forst» kulturen bestimniten eigenen Flächen der Gesellschaft umfasse» 5575 Hektar, während sich die Wirksamkeit der Gesellschaft im ganzen über 55 000 Hektar Forstboden erstreckt. Ferner betreibt die Gesellschaft in Jütland drei feste Versuchsstationen für Moor- und Wiesenbau, von denen die eine 110 Hektar ausgeprägte Hochmoor» flächen, die zweite 390 Hektar Niederungs- und Hochmoor, die dritte 75 Hektar Rieselwiesen und 28 Hektar Ackerland bearbeitet, Außere dem sind auf fremdem Grund 458 Moor-Prodestatioueu angelegt, welche zum Teil auch auszerhalb Jiitlands auf den Inseln liegen. Die Bemühungen der Gesellschaft, das Interesse der Heidebcwohncr für Wiescnknltnr zu beleben, fielen auf sehr günstigen Boden. Es sind im Laufe der Zeit von ihr selbst oder nach Anweisung ihrer Ingenieure mehr als IVO verschiedene Kanalanlagen ans- geführt und etwa MOV Hektar Wiesenflächen gewonnen. Eine wichtige Frage bei der Gründung dieser Anlagen war die Versorgung der Wiesen mit Mergel. Es wurden Mcrgelsucher angestellt und drei Bahnen gebaut, welche in der Hauptsache der Mergelbeförderung dienen sollten. Die Länge derselben macht zusammen 60 Kilometer aus. Zur Tätigkeit der Gesellschaft gehört ferner die Austeilung von Forstpflanzen und Sämereien an etwa 50 Pflanz- vereine, welche sich die Aufgabe gestellt haben, kleine Pflan- zungen zum Schutz der Acilcr und Gehöfte gegen Wind an- zulegen, eine in dein windigen Jütland außerordentlich wichtige Sache. Schon Ende der Achtziger Jahre hatte die Heidegesellschaft ungefähr alle in den jütländischeil Heiden sich darbietenden Ge- legenheiten zur Anlage von Bewässerungswiesen ausgenutzt. Es kam deshalb ganz von selbst, daß die Meliorationsbestrcbungen sich nun aucki anderen Aufgaben zuwandten. Dazu boten die zahlreichen Hoch- und NiedernngSmore Dänemarks ein reiches Arbeitsfeld. Es wurden Moorversuchsstationen eingerichtet und die Privatbesitzer von Moorflüchen mit Rat und Tat bei deren Nutzbarmachung unter- stützt. Auch mit den ticfgclcgenen fruchtbaren Marschböden befaßten sich die Techniker der Heidegesellschaft mehrfach. So arbeiteten sie nach und nach die Pläne von etwa 40 größeren Wässerstandsregulierungen aus, nicht selten unter Benutzung von laugen Deichen und Dampfpumpen für etwa 17 000 Hektar Bodenfläche. Wenn die Heidcgescllschaft bisher auch recht Erhebliches erreicht hat mit der Gewinnung von 54 000 Hektar zur Forstkultur, so bietet Jütland trotzdem noch ein ungeheures Feld für ihre fernere Betätigung.— hl. WaS der Mensch braucht.„40000 M. im Jahre sind gerade genug, um das zum Leben Notwendigste zu kaufen!" DaS ist die Erkenntnis, zu der die ehrwürdige„Times" in einem Leit- artikel kommt. Ja, bei genauerem Zusehen erweist es sich, daß 40 000 M. zwar zum Sterben zu viel, aber zum Leben eigentlich zu wenig sind, und daß die armen Leute, die über dieses Jahres- Einkommen verfügen, im Grunde zu den Unglückseligsten aller Londoner gehören. Jedenfalls meinen sie, daß die„Times" mit .ihrer Behauptung ins Schwarze getroffen hat. Es sind ungewöhn- lich gut situierte jüngere Söhne reicher Familien, mäßig vom Glück begünstigte Advokaten und Aerzte und— unglückliche Spekulanten, die ein solches Einkommen haben; und wenn diese nicht Schulden machen wollen, so„können sie wirklich nur das Notwendigste zum Leben kaufen", wie das City-Blatt es so glücklich herausgebracht hat.„Und nun sehen Sie," sagte ein Arzt z. B.,„warum die Mehr- zahl der Männer mit einem Einkommen von etwa 40 000 M. im Jahre zu den armseligsten Mitgliedern der Menschheit gehören. Wir haben eine gesellschaftliche Stellung zu behaupten. Wir müssen Diners geben und uns in den Theaterlogen sehen lassen. Wir müssen mit Frau und Kind die Ferien in der Schweiz zubringen. Die Frauen und Töchter wollen gut gekleidet sein und zum Sonn- tag aufs Land gehen, und die Söhne müssen die Universität Oxford besuchen. Da können Sie sich vorstellen, was solch ein Leben auf sich hat. Wir können uns nie in Gemütsruhe unseres Lebens freuen. Jeder Tag bringt uns in die Gefahr, daß wir Schulden mache» müssen oder andere Schwierigkeiten haben. Jede un- vorhergesehene Ausgabe hat eine Nervenkrisis zur Folge. Es bleibt nichts für die Anforderungen der Wohltätigkeit, nichts für die ljuten Freunde, die eine Fünfpfundnote von uns bovgen wollen, nichts für die vielen kleinen Freuden des Lebens. Und dabei tun wir nichts, was wirklich über unsere Mittel hinausginge oder sich von dem unterschiede, was unsere Nachbarn mit demselben Ein- kommen auch tun. Ich behaupte daher, daß ein Londoner mit einem Einkommen von vierzig- bis fünfzigtansend Mark im Jahr und einer Familie für gewöhnlich zu den ärmsten und bemitleidens- wertesten Leuten in der Stadt gehört." Die Armen! Hoffentlich versagt die Welt ihnen das Mitleid nicht.— Aus dem Ticrleben. ck. Vom Gefühlsleben der Spinnen. Welche seltsamen Formen der Mutterinstinkt bei den Spinnen annimmt, darüber hat eine Untersuchung des französischen Forschers Lecaillen interessante Aufschlüsse gebracht. Lecaillen hat, wie einem Bericht der„Zeitschrift für Psychologie" zu entnehmen ist, mit einer Abart der Feldspinnen, die an Getreideähren und Gräsern taubeneier- große Nester spinnt, Versuche angestellt. In diese Nester legt das Muttertier seine Eier und brütet sie so lange, bis die Brut selbst- ständig geworden ist und das Nest verläßt. Der Gelehrte wollte riun feststellen, ob die Spinnen zu ihrer Brut eine Art von persön- tichem Verhältnis haben; deshalb entfernte er die Muttertiere und bohrte kleine Löcher in die Gespinste. Wurde nun ein Tier in ein fremdes Nest gesetzt, so ergriff es sofort davon Besitz und begann die Schäden zu reparieren, es adoptierte also gewissermaßen die fremde Brut, doch war sein Verhältnis zu derselben kein sonderlich inniges. Dann wurde die alte Mutter in ihr richtiges Nest zurück- gesetzt, so schritt sie sofort zum Angriff gegen die Adoptivmutter. Diese aber ließ es niemals zu einem Kampf kommen, sondern »nachte sich schleunigst aus dem Staube. Der Selbsterhaltungs- trieb war also stärker als die Anhänglichkeit an die Jungen. Die leibliche Mutter bewahrte ihr lebhaftes Interesse für ihre Brut bis zu einem Zeitraum von drei Tagen, später kümmerte sie sich nicht mehr um sie, während die Muttergefühle der Adoptivspinne im Laufe der Zeit derart erstarkten, daß sie das Nest so energisch ver- tcidigte, als wäre es ihr eigenes. Eigentümlich, ist, daß sich der Mutterinstinkt nur aus Nest und Brut als Ganzes bezieht; die Spinne kümmert sich nicht um die herauskriechenden Jungen, wenn das Nest verletzt wird, und sucht lediglich das Nest zu stopfen. Wird das Nest vollständig zerrissen, so verläßt die Brut die Ueberreste; die Mutter läßt sie ruhig gewähren, ohne ihnen die geringste Auf- merksamkeit zu schenken. Nach einigen vergeblichen Versuchen, das Nest instand zu setzen, bleibt sie, ohne sich zu rühren, auf der Ruine sitzen, bis sie stirbt.— Technisches. u. Telegraphen drähte aus Aluminium. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat man jetzt damit be- gönnen, das Monopol, das der Kupferdraht zur Verwendung zu Kabeln und elektrischen Leitungsdrähten besaß, zugunsten des Aluminiumdrahtes zu durchbbrechen. Der Kupferdraht hat aller- dings eine bessere Leitfähigkeit für Elektrizität, als der Aluminium- draht, so daß dieser zum Ausgleich etwa um die Hälfte dicker ge- nommen werden muß, als der kupferne; aber dieser Nachteil wird mehr als ausgeglichen durch das geringere Gewicht und den größeren Widerstand gegen Zerreißen, den das Aluminium besitzt. Diese beiden Eigenschaften ermöglichen es, daß die Telegraphen- stangen bei Aluminium in viel größeren Entfernungen von ein- ander aufgestellt zu werden brauchen. Dazu kommt der Preis- unterschied. Der Preis für Kupfer ist im beständigen Steigen bc- griffen, der für Aluminium dagegen im Sinken.— Humoristisches. — Neues vom Serenissimus. Bei einer Rundreise durch sein Ländchen läßt sich Serenissimus auch auf ein huldreiches Gespräch mit einem Bauern ein. Der erzählt ihm, daß er mit großen Schwierigkeiten bei der Ernte zu kämpfen, habe, da der Boden seiner Felder sehr sumpfig und moorig sei. „Aeh, lieber Kindermann", wendete sich S e. Hoheit an seinen Reisebegleiter,„wirklich bedauerliche Zustände, aber gibt doch ganz einfaches Mittel dagegen, verstehe nicht, warum— äh— pflastern die Leute nicht solche Wiesen?"— — Abrechnung. Geliefert: Khakis im Stück und in Röcken; Geliefert: Zelte mit Segeltuch-Decken; Geliefert: Konserven in blechernen Dosen; Geliefert: Stiefel; geliefert Hosen; Geliefert: Papiere; Geliefert: Biere; Geliefert: Tornister; „Geliefert": ein Mini st er!— Christlicher Wunsch. Pfarrer: Wie ich höre, hat der Blitz bei Euch gezündet, Huberbauer; das ist die Strafe für Euren gottlosen Lebenswandel! Bauer: Na, so a Straf' möcht' ich n o ch m a I haben— viertausend Mark Hab' ich ausgezahlt'kriegt von der Assekuranz!"—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Das Deutsche Theater eröffnet seine neue Spiel- zeit am Freitag mit dem„Kaufmann von Venedig".— —„Ortrun und Jlsebiel" heißt ein neues Märchen- drama von Otto Ernst. Es wird die Wintersaison des Hamburger Thalia-Theaters eröffnen.— —„Oedipus und die Sphinx", Tragödie von Hugo v. Hoffmannsthal, erzielte beim Publikum des Schau- spielhauses in Frankfurt a. M. nur eine matte Wirkung.— —„Der E h e k ä f i g", ein dreiaksiges Lustspiel von Bruno Köhler, hatte am Zentral-Theater in Dresden einen starken äußeren Erfolg.— — Köln erhält Anfang September ein neues Theater, das ausschließlich die Operette pflegen will.— —„Die drei Rolandsknappen", ein Opcrnmärchen von L o r tz i n g, das in Berlin noch nicht aufgeführt wurde, soll im Theater des Westens zur Darstellung kommen.— —„Dotscheri Luny'(„Die Töchter des Mondes") ist der Titel eines neuen Stückes, das Maxim G orki geschrieben.— — Ein Verdi-Denkmal soll im nächsten Jahre in M a i- land enthüllt werden.— — Eine hübsche Methode, um mit seinen Schauspielern gut auszukommen, hatte nach der„Berl. Volksztg." der Theater- direktor F r ö b e l. der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts mit seiner Truppe in Süddeutschland umherzog. Er verteilte die Rollen nicht lmter die Künstler, sondern er v e r st e i g e r t e sie. Die Folge davon war, daß es keine Streitigkeiten gab und der pfiffige Direktor eine nette Nebeneinnahme hatte. Wieviel ihm die Sache eintrug, geht daraus hervor, daß er einmal bei der„Besetzung" von Schillers „Räubern" die folgenden Preise erzielte: Karl Moor 2 Gulden, Amalie 1 Gulden 30 Kreuzer, Franz Moor 46 Kreuzer, Spiegclberg 45 Kreuzer und Schweizer 30 Kreuzer.— Vexantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: LZorlvärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LeCo.. Berlin L W.