Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 170. Dienstag, den 4. September. 1906 (Nachdruck verboieu.) Die Sandinger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. 1. Draußen vom Meeresstrand aus schob sich eine breite Wiese zwischen dürre, kahle Hügel ins Land hinein. Flach wie ein Wasserspiegel lag sie zwischen den Abhängen, hell- schimmernd mit ihrem saftigen Gras. Wenn der Wind im Sommer durch das Tal strich, führte er bis weit auf das Meer hinaus einen Duft von Heu und frisch gemähten Wiesen. Ein Stück landeinwärts auf dieser Wiesenstrecke lag ein Dorf mit großen, reichen Gehöften und fröhlichen, wohl- habenden Bauern. Das war Sandinge. Wie ein rotkämmiger Hahn zwischen seinen Hennen ragte die Kirche inmitten der Schar strohgedeckter Häuser auf und sandte jeden Morgen ihr Kikeriki durch die Schallöcher des Turmes über die Gegend hinaus. Zu beiden Seiten an den Hügeln aufwärts erstreckten sich die Aecker in breiten Feldern, die zur Zeit der Reife der Gegend ein buntes Gepräge verliehen. Wenn der Hafer noch grün war, strahlte der Roggen schon in seinem gelben Ge- wand, und die Gerste hatte einen rötlichen Schimmer, während das Brachfeld schwarz gepflügt dalag. Hier und dort, an steilen Stellen, war der Abhang mit struppigem, kriechendem Gesträuch bedeckt, in dem eine Heerschar von Singvögeln ihre Nester hatten. Wenn die Wind im Sommer durch das Tal hinabstrich, führte er außer dem Heuduft auch einen Chor von verliebten Vogeltönen aufs Meer hinaus, wo ihn freilich das Wogengebrause bald verschlang. Oben aus den Hügeln selbst sing die Heide an. Finster und leer und schweigend erstreckte sie sich bis an den Himmels- rand mit vielen kleinen, schwarzen Erderhöhungen. Eine stechende Sonne ging gerade in weiter Ferne in einem Dampf von Rot unter. Hie und da tummelte sich eine Schar magerer Schafe zwischen den Hügeln umher und warf riesenlange Schatten über das Heidekraut. Irgendwo weit draußen im Westen, von wo unaufhörlich schwere Wolken von Sand und Staub aufstiegen, die im Sonnenuntergang wie durch eine Feuersbrunst gefärbt er- schienen, war man damit beschäftigt, eine neue Eisenbahn durch die Hügel hindurchzuarbeiten, hinab in das Wiesental. Man war gerade dabei, eine tiefe Durchgrabung vor- zunehmen. Hunderte von krummrückigen Männern schoben pfeifende, knirschende Schubkarren auf einer doppelten Reihe von Laufbrettern entlang, die vorläufig die Bahnlinie be- zeichneten. Während die eine Hälfte der Männer die schweren Lasten vor sich herschoben, nach einem Moorloch hin, kam die andere Hälfte zurück, die leeren Karren hinter sich herziehend. In der Mitte des Weges begegneten sich die beiden Arbeiter- scharen mit programmäßiger Regelmäßigkeit wie die Eimer in einem Brunnen. Seit fünf Uhr des Morgens hatten diese lebenden Tret- Maschinen dort gestampft, die brennende Sonne im Nacken, — nur getröstet durch die Branntweinflasche und den Bier- krug und die zolldicken Schwarzbrotscheiben, die sie halb schlafend in den Ruhepausen verzehrt hatten. Die vierzehnte Stunde gingen sie jetzt dort, einander auf den Fersen folgend, auf derselben Linie hin und her. Die Holzschuhe klapperten aus den Brettern, die Räder kreischten: sonst aber hörte man keinen Laut. Niemand sprach. Niemand war imstande zu irgend einer unnötigen Kraftentfaltung. Alles war Schweigen und krummrückige Unterordnung. Und hoch oben in der Luft hing die Lerche und sang ihr altes Spottlied: wir spinnen nicht, wir ernten nicht.— Unten über der Wiese fing es schon an zu dunkeln. Rote Flammenzungen leckten über den westlichen Himmel hin, als die Sonne untergegangen war. An den Wiesengräben ent- lang fing es schon so leise an zu dampfen. Die Kühe da draußen hatten sich erhoben und sehnten sich, gemolken zn werden. Alle standen sie in derselben erwartungsvollen Stellung, den B.lick nach dem Dorf gerichtet, ein Brüllen im Halse bereit, für den Fall, daß sich da drinnen zwischen den großen, gelbgetünchten Gebäuden eine Gestalt zeigen sollte. Aber es zeigte sich noch immer nichts. Das Dorf schien wie ausgestorben. Eine Katze schlich sich an einer steinernen Un, zäunung entlang und blieb plötzlich stehen, um sich zu er- brechen. Sonst war nichts auf der Dorfstraße zu sehen. Und mich in den Häusern war es leer. Hier und da saß ein Mütterchen auf dem Winterplatz am Ofen und hechelte: oder ein alter Mann machte sich draußen im Holzschuppen zu schaffen. Sonst war niemand zu Hause, außer wo kleine Kinder zu warten oder Kranke zu Pflegen waren. Da ertönte plötzlich ein festlicher Gesang von vielen und starken Stimmen. In der stillen Abendstunde schallte er weit über die Wiesen hinaus, wo das Vieh sofort anfing, vor Un- geduld aus vollem Halse zu brüllen. Der Gesang kam aus einem größeren, einsam gelegenen Hause am Rande des Dorfes, vor dem eine hohe Flaggen- stange mit lustig flatternder Flagge stand. Es war die so- genannte„Volksfreischule", deren Schulstube der Gemeinde als Versammlungssaal diente. Alle Fenster nach der Dorf» straße hinaus waren geöffnet, und aus ihnen heraus hingen üppig gefornite Hinterteile von Männern und Burschen, die auf den Fensterbrettern Platz genommen hatten. Hier drinnen waren die Bewohner des Dorfes in diesem Augenblick zu finden. Alte und junge Männer und Frauen saßen zusammengestaut auf den Bänken in dem niedrigen Zimmer und schwitzten mit jener bewunderungswürdigen Energie, die das dänische Volk an den Tag legen kann, wo es sich darum handelt, sich empfänglich zu verhalten. Un- gefähr drei Stunden hatten sie dort mit offenen Mündern und Ohren gesessen. Aber es war auch eine ungewöhnlich wichtige Sache, die sie diesmal versammelt hatte: und es war wirklich verzeihlich, wenn Pastor Momme, der als Wortführer fungierte, seinen einleitenden Vortrag nicht kürzer hatte ab- fassen können. Aber jetzt fand auch ein kleiner Aufbruch von Leuten statk, die notwendigerweise fort mußten, um das Melken zu be» sorgen, oder die zu Hause andere unaufschiebbare Arbeiten zu verrichten hatten. Sie taten es ungern, und mehrere von ihnen blieben in der Tür stehen, um doch wenigstens noch den ersten Vers des angefangenen Gesanges mitzusingen. Und doch hatten sie durchaus keinen Grund zu der Befürchtung, daß die Versammlung vor ihrer Rückkehr aufgehoben sein könne. Es lag nicht die geringste Veranlassung vor, zu glauben, daß nicht noch verschiedene aus der Versammlung das Bedürfnis empfinden würden, sich mit großer Gründlich- keit auszusprechen. Man war hier gar nicht gewöhnt, irgend etwas, geschweige denn eine so ernste Sache zu erörtern, ohne eine allseitige Beleuchtung folgen zu lassen. Außerdem war gleich bei Eröffnung der Versammlung verkündet, daß hinter- her, wenn die Verhandlungen für diesen Abend abgeschlossen waren, ein Spiel und Tanz für die Jugend folgen solle. Oben auf dem Katheder, der als Rednerbühne diente, stand der alte Pastor Momme noch immer und leitete den Gesang. Er war ein kleiner, untersetzter Mann ohne Bart, aber mit einem kräftigen Haarwuchs, der ihm in Engellocken über die Schultern fiel. Die Hände mit dem Gesangbuch hielt er auf dem Rücken und wiegte sich auf den Absätzen, während er sang. Die Augen waren hinter der Stahlbrille geschlossen, die immer ziemlich weit vorne auf der Nase saß und über deren Rand er so schelmisch und argwöhnisch zu den Leuten hinüberzugucken pflegte, mit denen er sprach, wobei er sie auf den Arm oder den Bauch klopfte. Neben dem Katheder saß der Freischullehrer, Hans Povelsen, der in bezug auf das Aeußere einen vollständigen Gegensatz zu dem Pfarrer bildete. Er war groß und starkknochig, namentlich das letztere, und hatte einen Bart so lang und so breit, wie nur ein Prophet in dem alten Judenland. Eine besondere Aufmerksamkeit erregte eine städtisch ge- kleidete Dame, die einen Ehre.iplatz in einem Korbstuhl an der anderen Seite des Katheders einnahm. Es war die be- kannte Frau Lene Gylling aus Kopenhagen, eine wohlhabende Witwe, die sich zu der Beschiitzerin der volkstümlichen Er- leuchtungsbestrebungen aufgeschwungen hatte. Ueberall wo ein Versammlungssaal gebaut oder eine Freischule errichtet werden sollte� nahm man Zuflucht zu ihrer Hülfe: und auch hierher, nach Sandinge, haHe man sie in dieser Absicht ge- rufen, denn man empfand das Bedürfnis, hier eine Hochschule zu errichten, als Gegengewicht gegen die Eisenbahn, die in Arbeit war, und gegen das fremde Leben, das durch die Bahn voraussichtlich aus der großen, unruhigen Welt in diese Gegend hineingetragen werden würde.— Oben auf dem Hang des Hügels, eine Strecke außerhalb des Dorfes lag eine einsame, kleine armselige Hütte mit niedrigen Mauern und zusammengesunkenem Strohdach. Alt und gleichsam müde lag sie da in einem Mittelding von Mist- hausen und Kartoffelgarten und starrte durch ein paar kleine, lichtscheue Fenster auf das Tal hinab. Eine große, plumpe, schmutzige Frau stand draußen vor Leni Giebel und zerkleinerte Reisig, während ein paar stille, blasse Kinder neben ihr an der Erde lagen und zwischen altem Stroh und Topfscherben wühlten. Als der Gesang da hinten in der Schule begann, hatte die Frau einen Augenblick die Axt ruhen lassen, um zu lauschen. Gleichzeitig war oben in der offenen Bodenluke in dem anderen Giebel ein Kopf zum Vorschein gekommen. Es war der Kopf eines ganz jungen Mädchens, fast eines Kindes. durch dessen dunkles, spiegelblankes Haar sich ein kreideweißer Scheitel zog. Sie blieb da oben liegen, die Hand unter der Wange, und sah träumend zu den Wolken auf, während sie dem Gesänge lauschte. Hell und frisch tönte es weit hinaus in die stille Abendluft: „Wir Vögel sind frei Und fröhlich dabei!" Die Frau hatte ihre Arbeit sogleich wieder aufgenommen. Mit einem Fluch ließ sie die Art auf den Block niederfahren und begleitete die Worte mit einem bösen Lächeln, das ihr schmutziges Gesicht erschloß und ein paar große, geschwollene, zahnlose Gaumen entblößte, die einer schrecklichen Wunde glichen. Tann blieb sie eine Zeitlang stehen, gleichsam mit sich selber zankend, worauf sie plötzlich brüllte: „Na, wo bleibst Du denn eigentlich,— Dir»!" Der Kopf verschwand aus der Giebelluke. Ein Paar Socken liefen drinnen iiber den Boden, und eine Stiege knarrte. Und aus der Tür heraus kam jetzt das Mädchen und eilte an den Reisighaufcn, wo sie sich daran machte, in ihren Sack zu sammeln, stets darauf bedacht, der Mutter den Rücken zuzuwenden, damit diese nicht sehen ssflte, daß sie geweint hatte. Die Mutter merkte es aber doch;, sie sagte aber nichts, bis das Mädchen den Sack vollgesammelt hatte. Dann sagte sie ruhig und ohne die eigene Arbeit zu unterbrechen: „Häuf nur ordentlich auf, Boel,— um so besser liegt es!" Und als das Mädchen getan hatte, wie ihr befohlen, und sich mit dem Sack auf dem Rücken schon auf deni Wege zur Tür befand, fügte sie hinzu, während sie selber mit der Axt drauf loshieb, so daß die Holzsplitter weit weg flogen: „Hier heißt es das Maul halten und in die Hand spucken, wenn wir Lumpen auf dem Leib haben wollen, ver- stehst Du mich?" Die Tochter antwortete nichts. Sie beeilte sich nur, hineinzukommen, obwohl sie nahe daran war, unter der schweren Last umzusinken. Sie war nicht groß von Wuchs und kaum ausgewachsen. Und dabei war sie hohlwangig und blaß infolge von Mangel an Nahrung. Jetzt kam ein altes.zusainmengesunkenes Mütterchen in die Türöffnung gekrochen, wo sie einen Augenblick stehen blieb, die runzelige Hand gegen den Türpfosten gestützt, und auf die Wiesen hinabsah. Der große dicke Kopf saß tief zwischen den Schultern. Die farblosen Augen starrten stumpf- sinnig in tierischer Gedankenleere. Sie niurmelte etwas Un- verständliches vor sich hin und schleppte sich dann wieder in die Stube zurück, während der jubelnde Refrain des Liedes in die stille Luft klang: „Wir Vögel sind frei Und fröhlich dabei!" Währenddes brach der Abend herein. Die Frau, die jetzt mit dem Brennholz fertig war, rief die kleinen Kinder herbei und ging hinter-der Alten in das Haus hinein. Hie und da am Himmel schlug ein Stern das Auge auf und sah gleichsam in leiser Verwunderung durch die Wiesen hinab, von denen jetzt die weißeir Dämpfe aufquollen wie aus einem undichten Köchtopfdeckel. Des Weges daher kam ein Mann. Er trug eine Schaufel auf dem Nacken und ging mit schweren, müden Holzschuh- schritten— durch das leere Dorf hindurch und auf der anderen Seite wieder heraus. Er kam' von der Eisenbahnarbeit draußen auf der Heide. Ein Hund fuhr aus einem Gehöfte heraus und verfolgte ihn unter wütendem Gekläff die ganze Dorfstraße entlang: ohne aber darauf zu achten, trabte er weiter mit gebeugtem Nacken und schlaffen Knien, als schlafe er inwendig. Als er das baufällige kleine Haus oben am Abhang er- reichte, setzte er die Schaufel vor der Tür hin und ging hinein. Nach einer Weile wurde da drinnen Licht angezündet. Aber da war es auch schon fast finster geworden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbolen). Der Garten des Laubenkoloniften. September. Im nassen Dreieck lrar es hoch hergegangen, tas Erntefest wurde mit Ponip gefeiert. Prietzke hatte ein Festprogramm zu- sammengestellt, das sicher reichhaltiger als die Ernte selbst war. Festreden, Konzert, zu nvlchem die angrenzenden Laubenkolonien ihre besten Solisten gestellt hatten, Festzug, in welchem die dicke Frau Prietzke als Blumengöttin Flora die Führung übernommen batte, Kaffeekränzchen, Preisschießen und ein Tänzchen auf freiem Felde wechselten miteinander, und ein kleines Feuerwerk bildete nachts 12 Uhr den Schluß des Erntefestes. Herr Prietzke bekundete bei dieser Feier, an welcher die ganze Freundschaft und Verwandt- schüft von Nah und Fern teilnahm— auch die vornehme Tante Röschen war aus Französisch-Buchholz herbeigeeilt—, wieder einmal seine Vielseitigkeit: cr führte die Polonaise an, kommandierte die Franeaise, führte den Taktstock, obwohl er selbst nicht musikalisch ist und keine Note kennt, und ärgerte sich nur im Stillen darüber, daß die Musikanten beharrlich nach der entgegengesetzten Seite sahen. Nber noch nicht genug mit diesen Leistungen, hielt Prietzke auch eine fachmännische Ansprache, die vielen Beifall fand. Im langjährigen Verkehr mit Frau Rosine, seiner Gattin—(sie bereiten sich eben. auf die Feier des dreißigjährigen Ehekriegcs vor)— hat cr ihr etwas von ihrem rednerischen Talent abgelernt. Doch darf sie, wenn er spricht, nicht in seiner Nähe bleiben, denn sobald er ihrer ansichtig wird, fängt er an zu stottern und zu stocken; die Sprache geht ihm aus.— Prietzke feierte den Laubenkolonisten als den Kulturpionicr der Großstadt. Im fernsten Osten. Süden und Norden, nur den Westen meidend, so führte er aus, noch weit hinter den letzten Hänserreihen, schafft der Kolonist mit schwieliger Hand, ringt er als Beherrscher der Sandwüste dem unfruchtbaren mär- kischcn Boden, der sich in nichts von dem Sande der Sahara unter- scheidet, die kostbarsten grünen Gemüse, wie Rotkraut, Weißkohl, und gelbe Rüben ab. Aber nicht freiwillig gibt der Boden diese und andere Schätze, wie aromatische Erdbeeren, Erbsen und Bohnen, Gurken und Kürbisse her; die Laubenkolonie, so sagte der Redner, ist kein Schlaraffenland, nicht Tauben, ja nicht einmal Staare fliegen da gebraten herum, die Tomaten hängen nicht geschmort an den Stauden, Blatt um Blatt, Frucht um Frucht müssen wir in harter Pionierarbeit dem Boden abzwingen, um dann später, wenn wir die unfruchtbare Heide in eine blühende Aue verwandelt haben, uns daraus vertreiben zu lassen wie Adam und Eva aus dem Paradiese. Tann sehen wir aus dem von uns verbesserten Boden gelvaltigc Mietskasernen emporschießen mit tiefen Höfen, auf welchen hier und da ein schwindsüchtiger grüner Hollunder- oder Birken- busch steht, von welchen der Hausherr das Recht ableitet, die sonne- und lichtarmen Hofwohnungcn zu teueren Gartenwohnungcn zu er- heben. Die gutbcsctzte, mit lauter Stimme vorgetragene Rede Prietzkes fand allerseits Anerkennung. Je mehr er sich dem Ende näherte, um so stärker klopfte mein Herz. Ich bin nämlich von Natur aus etwas schüchtern veranlagt, und Prietzke hatte mich, ohne lange zu fragen, als zweiten Redner auf die Tagesordnung gesetzt. Er ist nämlich seit vier Waben auch erster Vorsitzender im Kolonistenverein zum nassen Treica, und zwar wurde er dort fast einstimmig gewählt. Tic einzige Stimme, die gegen ihn abgegeben- wurde, war seine eigene, da cr aus Bescheidenheit nicht für sich selbst stimmen wollte. Er ist sich seiner Würde voll bewußt, und da ihn Frau Prietzke zu Hause selten zum Sprechen kommen läßt, sucht er sich im Verein schadlos zu halten, wo er das große Wort führt und einfach dekretiert; irgend welchen Widerspruch, und mag er noch so berechtigt sein, läßt cr nicht gelten. Da ein Erntefest versöhnlich stimmt und mir alles Sträuben aussichtslos erschien, so mußte ich, wohl oder übel, in den sauren Apfel beißen. Ter Versuch, ein 5iäpitcl aus meinem praktischen Taschenbuch für Gartenfreunde vor- zulescn, stieß auf allseitigen Widerspruch, da es die Kolonisten lange schon selbst, besitzen, und so entsprach ich dann der Bitte, aus dem Stegreif herastS diejenigen Arbeiten zu besprechen /die jetzt in den Gärten zur Ausführung gelangen müssen. Ich führte zunächst aus,.. daß trotz der Feier des Erntefestes mit dem Abernten der Beete nicht allzucilig verfahren werden dürfe, wenn auch in der Landwirt- schaft das Einheimsen im Juli beginne und mit dem Ausnehmen der- späten Kartoffeln längstens in den ersten Oktobertagen sein Ende erreicht habe, und während der Landwirr nur im Herbst und Frühling sät, hört das Säen, Pflanzen und Ernten beim Garten- Wirt im ganzen Jahre nicht auf. Wo etwas heruntergeholt ist, wird gleich wieder gegraben, gesät und gepflanzt; erfordert in der Landwirtschaft jede Kulturpflanze zur Erlangung ihrer Reife ein ganzes Jahr, mindestens einen Sommer und Herbst, so geht im Garten bei den Kulturgewächscn des Gemüse- und Blumengartens EntWickelung und Reife oft schon im Verlaufe weniger Wochen vor sich; zumal zur gegenwärtigen Jahreszeit gibt es nur wenige Ge- wüchse, die ein langes Stehen nicht vertragen können. Im Sommer schiebt's bald in allen Ecken und Enden, in den Spargelreihen, auf den Kohl« und Salatfeldern; das Gemüse wird dann wertlos, wenn es nicht zur rechten Zeit eingebracht und verarbeitet wird. Anders jetzt: die spät gesäten Kohlrabi werden nicht mehr holzig, spät gepflanztcr Salat bildet überhaupt keinen Kopf mehr. Wirsing und Rotkraut halten die Köpfe lange geschlossen, und so nimmt man immer nur das in die Haushaltung, was man momentan braucht. Viele Gemüse können überhaupt bis in den November hinein im Freien bleiben. Im vorigen Winter habe ich versuchsweise Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln, Rettige und Kohl unbedeckt den Winter über draußen gelassen, nichts ist davon erfroren. Dieser Winter und sein Vorgänger lvar aber ein ausnahmsweise milder Herr, und bei strenger Kälte wären alle diese Gemüse dem Frost zum Opfer ge- fallen. Das Einwintern hat aber Zeit, bis wirklicher Frost ein- tritt, und dann wird nur das eingewintert, was strenger Külte nicht stand hält, das sind Wirsingkohl und Blumenkohl, Karotten, Kops- salat und ähnliches. Wie diese Gemüse eingewintert werden müssen, darüber Ivollen wir im nächsten Winter sprechen, das hat jetzt noch Zeit. Draußen im Freien hleiben unter allen Umständen Blätter- kohl, Rosenkohl, Spinat und Feldsalat. Ausnehmen müssen wir jetzt die Herbst- und Winterkartoffeln und zwar sobald das Kraut im Absterben ist; wohl können sie länger im Boden bleiben, aber in nassen Jahren, überhaupt bei andauerndem Regen zeigen sie große Neigung zur Fäulnis. Deshalb ist es geboten, sie bei Zeiten in Sicherheit zu bringen. Ebenso verhält es sich mit den Wjnter- zwiebeln, auch diese müssen ausgenommen werde», sobald das Kraut abstirbt. Man wählt möglichst trockene Witterung dazu und läßt die ausgcnommenen, von aller Erde entblößten Zwiebeln, Ivenn kein Regen zu erwarten ist, einige Tage frei auf den Beeten liegen, damit sie abtrocknen, dann bindet man sie'zu Bündeln von lO— 12 Stück an den Blättcrresten zusammen und hängt sie zum Nachtrocknen in lustiger Kammer auf. Von den zwiebclartigcn Gewächsen ist neben dem bekannten Schnittlauch auch der eine gute Suppenwürze bildende Breitlauch ganz winterhart und kann draußen bleiben. Nur einen kleinen Wintervorrat muß man sich frostfrei einschlagen,� denn wenn der Boden steinhart gefroren ist, kann man Wurzelgemüse nicht aus- nehmen; in strengen Wintern wird es oft Mltte März, bis das wieder möglich ist. Auf den Blumenrabatten sieht es jetzt auch recht traurig aus. Die Sommerblumen find verblüht, es blühen nur Herbstastern und Edeldalien. Die oberirdischen Teile der letzteren fallen aber auch bereits dem ersten Nachtfrost zum Opfer, und dann ist es Zeit, die empfindlichen Knollen auszunehmen und im Keller auf einer Sand- Unterlage zu überwintern. Im Zimmer lassen sie sich nicht über- wintern, sie leiden hier durch die Lusttrockenheit, schrumpfen zu- sammen und sterben ab. Tie Stauden sind mehrjährige Gewächse, sie werden nach dem Abblühen dicht über der Erde abgeschnitten. soweit sie nicht, wie Nelken, Weihnachtsrosen und andere immer- grünet Laübtverk haben. Die einjährigen Pflanzen sterben jetzt ab und wandern auf den Komposthaufen, sie tragen zu dessen Vermehrung bei. aber nicht viel zu seiner Verbesserung, denn Laub und Unkraut sind taub, so behauptet wenigstens der Bauer, der damit sagen will, daß es. mit der Dungkraft dieser Abfälle nicht Iveit her sein kann. Wer des- halb praktisch zu wirtschaften glaubt, wenn er die Parzelle aus- schließlich Mit den eigenen Gartenabfällen düngt, der wird keine Er- träge erzielen. Der September ist die beste Zeit zum Pflanzen von Stauden; manches davon findet man bei den Nachbarn im Uebcrfluß und mancher wieder wird etwas haben, was der Nachbar nicht besitzt. So kann man denn gelegentlich durch Tauschgeschäfte eine reichere Ausstattung der Parzellen bewerkstelligen. Außerdem ist es jetzt beste Zeit, nachdem die Blumenrabatten gedüngt und gegraben sind, dieselben gleich mit harten Gartensommerblumen, unter Umständen auch mit harten Gartenstauden zu besäen. Die Samen dieser Sie- wüchse trotzen dem stärksten Winterftost, sie keimen, jetzt gesät, im Frühling aus und entwickeln sich dann weit kräftiger als. die erst im Frühling gesäten. Vielfach ist es auch üblich, die ganz staub- feinen Samen, wie solche der Schlüsselblume und des Mohnes, nach- dem die dafür bestimmten Beete im Herbst gegraben wurden, im Winter recht weitläufig auf den frisch gefallenen Schnee zu streuen; sie heben sich auffällig von der lvcißcn Schneedecke ab, was das gleichmäßige Ausstreuen erleichtert, dringen später mit dem schmel- zenden Schnee in das Erdreich ein und beginnen dann unter dem Einfluß der Märzsonne freudig zu sprießen.— Max Hesdörffer. Kleines femlleton* '— Eine Balzac-Anekdote wird im„Figaro" erzählt: Der Irrenarzt Blanche, der ein großes Sanatorium leitete, hatte eines Tages die berühmtesten Irrenärzte. Frankreichs zur Besichtigung .feines Instituts eingeladen. Nach der Besichtigung fand ein festliches Essen statt, zu welchem auch einige Patienten des Doktors Einladungen erhalten hatten, und zwar solche Patienten, auf deren Heilung er stolz sein konnte. Als einziger nicht zur„Zunft" ge- höriger Gast wohnte Balzac, ein intimer Freund des Gastgebers, dem heiteren Mahle bei. Alles verlief in schönster Ordnung. Die Ex-Jrrcn zeigten sich so vernünftig wie nur irgend ein noch nicht verückt gewordener Mensch: sie beteiligten sich lebhaft an der Unter- Haltung und benahmen sich so reizend, daß die Anwesenden nicht aus dem Staunen herauskamen. Die Perle der Tafel aber war Balzac, der mit seinen geistreichen„mots" sWitzworten) und mit seiner blendenden Untcrhaltungsgabe die ganze Tischgesellschaft bezauberte; er war wie immer bei solchen Gelegenheiten, etwas aufgeregt, und da ihm der gute Wein die Zunge gelöst hatte, setzte er seiner ungebundenen Fröhlichkeit keine Schranken. Als man sich lange nach Mitternacht verabschiedete, machte einer der Gäste Herrn Blanche sein Kompliment wegen des so prächtig ver- laufenen Abends.„Besonders aber, Herr Kollege," sagte er,„be- wundere ich die geradezu phänomenalen Ergebnisse Ihrer Methode. Sie haben uns hier Leute vorgeführt, die durch Sie so gründlich geheilt worden sind, daß selbst ein geschulter Fachmann nicht auf den Gedanken gekommen wäre, es hier mit früheren Irren zu tun zu haben. Nur einen sollten Sie nach meiner persönlichen Ansicht noch für längere Zeit einsperren und beobachten, weil er mir noch nicht ganz normal zu sein scheint: ich meine den auf» feregten dicken Kerl, der bei Tisch neben Ihnen aß..." Der„aufgeregte dicke Kerl" war aber kein anderer als Balzac.— Theater. Freie Volksbühne(im Berliner Theater):„Die Kreuze! fchr eiber" von Ludwig Anzengruber. Aufs glücklichste ist das neue Spieljahr des zielsicher seine bewährte künstlerische Führung behauptenden Vereins am letzten Sonntag durch die vorgenannte Baucrnkomödie des größten BoltsdramatikerS eingeleitet worden. Durch wen anders wäre die Tendenz der Freien Volksbühne: Licht zu verbreiten, die Gemüter der Arbeiter für den innigen Genuß aller wahren, reinen Kunst empfänglich zu machen und so das Werk der Erziehung zu höchster Freiheit an ihnen zu vollenden, besser gerechtfertigt, als eben durch Anzen». gruber! War gerade doch er ein Kämpfer und Aufklärer von un- gewöhnlicher Art. Wie schreibt er doch einmal an Peter Rosegger: „Wenn wir, die wir uns cmporgerungen aus eigener Kraft, über die Masse, heraus aus dem Volke, das doch all unsere Empfindungen und unser Denken grotzgesäugt hat, wenn wir, sage ich, zurück- blicken auf den Weg, den wir mühevoll steilauf geklettert— in die freiere Lust, zurück auf all die tausend Zurückgebliebenen, da er- faßt uns eine Wehmut, denn wir, wir wissen zu gut, in all diesen Herzen schlummert, wenn auch unbewußt, derselbe Hang zu Licht und Freiheit, dieselbe Äletterlust, dieselben, wenn auch ungelenken Kräfte." DieS Wort kann gewissermaßen als Motto über seinem Schaffen, wie über dem Aus- und Fortklang seiner Persönlichkeit stehen. Gewiß! Anzengruber ist ein„Tendenzdichter"— und doch ein Großer im Reiche der Poesie, ohgleich er sie als Kampf, mittel verwendet. So ist denn auch seine„Kreuzelschrciber", Komödie ein Tendenzstück— freilich der reinsten Art, weil hier Stoff und Kunst sich zu unlöslicher Einheit verbinden. Es mag hierbei, was die äußerliche Zufälligkeit des Stofflichen angeht, an Aristophanes' Satire„Lysistrata" erinnert sein. Ein satirisches Stück sind nun aber die„Krcuzelschreiber" durchaus nicht, es wäre denn, daß Anzengruber nur die unsichtbar bleibenden pfäffischen Mächte verspottet hätte. Wohl schimmert so etwas wie heimliches Behagen an der Vereitelung der jesuitischen Bestrebungen durch; aber dominierend wirkt doch die Glorifizierung der ewig un- verrückbarcn Naturkräfte, die bei Anzengruber über die Absichten einzelner menschlicher Individuen Sieger bleiben. Die beiden Geschlechter: Mann und Weib, sie können niemals über sich hinaus, das steht ewig fest, daran vermag keinerlei Einmischung, möge sie nun von der Pfaffheit oder von der Staatsgewalt, oder sonst woher kommen, das geringste zu ändern. Betrachten wir die„Krcuzel- schreiber" als Drama an sich, so werden wir es nicht so sehr als Lustspiel, eher aber als großzügige Komödie mit tragischem Ein- schlag bezeichnen können. Man denke nur an den alten Breuningerk Im vollen Gegensatz zu diesem unterliegenden Typus steht der Steinklopferhans: er verkörpert, nicht wie jener die Verneinung, sondern die sonnenfreudige Bejahung des irdischen Daseins. Man mag manches an dem Stück zu bemängeln haben, beispielsweise die Aufteilung der ganzen Handlung in einzelne szenische Vor- gänge, die dann allerdings immer wieder einen hochdramatischcn Anschluß an die bei der Aktion beteiligte Volksmasse finden. Aber hie köstliche Gestalt des Philosophen vom Steinbruch wirft über alles eine sonnige Verklärung. Natürlich liegt an der lebensvollen Verkörperung dieser Figur alles. Unwillkürlich wird man dabei an die unübertrefflichen Ludwig Martinelli und Karl Langtammer denken müssen. Mit ihnen will ich'Claudius Mertens aber auch gar nicht in Parallele stellen. Es ist sein Steinklopferhans, und er gibt ihn echt in jeder Nuance, wozu eben der wurzelständige Dialekt gehört. Nicht bloß in dieser letzteren Hinsicht allein, sondern auch besonders darstellerisch genommen, wird man sich fsir den gelben Hofbauern Anton Huber und sein Weib Joscpha kaum geeignetere Vertreter wünschen, als Magnus Stift und Lilly von Helling es sind. Sehr gut verstand sich auch Hermann Picha auf den schlichten, alten Brcuninger, der— und in dieser tragischen Episode zeigt sich wieder einmal Anzengrubers poetisches Genie!— wahrhaftig an der Einmischung des Pfaffen„zwischen Mann und Weib" zerschellt. Diese Figur erschien in liebevoller Durcharbeitung, wie auch die Szene der dösigen Kreuzelschreiber nebenher und namentlich später die Rauferei. Die war nicht„gemacht", sie war zum Mitraufen echt. Die Regie des Herrn Adolf Steinert ver- dient für das alles aufrichtiges Lob. Wenn jedoch die Breuninger- Rolle einige Striche erführe, würde sich das Interesse am ganzen steigern. Etwas outriert nahmen sich— 2. Akt 2. Szene— die beiden redenden Bauern aus; auch störte ihre mangelhafte Be- hcrrschung des Dialektes. Im übrigen agierte das Ensemble gut. Der einmütige, starke Beifall des Hauses galt neben den Vortreff- lichcn Hauptdarstellern dem großen Dichter. Wie er einst ge- wünscht und gehofft: Wir behalten sein Andenken! e. lc. Musik. Das neue Lorhing- Theater. Allmählich wird die Eröffnung neuer Institute für musikalische Dramatik in Berlin etwas einförmig und beinahe langweilig. Ungefähr in jedem Jahre kommt eine neue Unternehmung für Oper oder für Operette oder für beides; dazu dann die Sommeropern; und endlich oder erstens hatten wir ja schon mehrere derartige Bühnen. Mit Ausnahme des königlichen Opernhauses müssen alle diese Theater sich selber unterhalten; auch das„Theater des Westens" erhält unseres Wissens keinen Zuschuß von den Städten Berlin und Charlottenburg, dessen Dringlichkeit und Gerechtigkeit doch so nahe liegt. Dadurch sind nun die Direktionen angewiesen, mit mäßigen Mitteln nach einem größtmöglichen äußeren Erfolge zu streben� Wohin das führt, merkt man namentlich an dem Vorherrschen der leichteren, be- quemeren Oper auf allen Bühnen außer der Hofbühne. Der größte Teil der Berliner Musikfreunde bekommt auf diese Weise von den größeren und ernsteren Opern so gut wie niemals etwa? zu hören. Wie viele haben beispielsweise in Berlin einen Gluck gehört?! Dagegen ist um so bequemer der Komponist Albert Lortzing, vor langem in Dürftigkeit gestorben, und jetzt dazu berufen, die Operntheater über ihre Dürftigkeit hinauszuheben. Man kann mit ihm nach allen Seiten Staat machen, kann sich auch darauf berufen, daß seine Ensembles ganz besonders künstlerisch wertvoll sind und ein scharfes Einstudieren verlangen. Im übrigen geht alles, was er darbietet, wohl jedem Publikum so leicht ein und wird durch seine Vorführung komischer Philister und dergleichen so kassenpraktisch, daß man sich als Direktor auf ihn ziemlich sicher verlassen kann. Nun spielt bei jenen neuen Anläufen eine Hauptrolle das Be- streben, etwas sogenanntes Volkstümliches darzubieten. Ueber ihnen waltet ein eigentümlicher Unstern, sei es zufällig, sei es aus der Natur dieses Bestrebens heraus. Bequeme Stücke und billige Preise, das soll die Volkstümlichkeit hauptsächlich ausmachen, führt aber in der Tat gewöhnlich nur zu recht„billigen" Leistungen. Vielleicht der günstigste Anlauf in dieser Beziehung war da? National-Theater am Weinbergsweg; doch auch dieses konnte sich gegen die, kurz gesagt, Unmöglichkeit einer privaten Opernbühne nicht halten. Mit frischem Mut ist Direktor Max Garrison daran ge- gangen, aus dem alten„Bclle-Alliance-Theater" in der gleich- namigen Straße ein volkstümliches Opernunternehmen zu schaffen. Am 1. September(vergangenen Sonnabend) wurde es eröffnet und trug auch bereits einen beträchtlichen Erfolg ein. Wenn dabei von dem„Gründer der Berliner Volksoper" zu lesen war. so möchten wir doch den Kopf darüber schütteln, daß ein solcher Ruhm bereits vor dem weiteren Verlaufe der Sache gespendet, wird, während man sonst derlei doch lieber aufspart, bis sich die Sache wirklich in Uebereinstimmung mit den Absichten erfüllt hat. Zu den Gleichförmigkeiten der Eröffnungen, von denen wir oben gesprochen haben, gehört auch das sehr begreifliche Verhalten der Kritik in einem solchen Falle. Gewöhnlich wird das neue Unternehmen mit Samthandschuhen angefaßt; wohl deshalb, weil erstens die Kritik mithelfen will, künstlerische Wege erfolgreich zu gehen, und weil zweitens die äußeren Verhältnisse, zumal der Appell an Volkstümlichkeit und dergleichen wirklich Nachsicht verlangen. In diesem Sinne scheint denn auch über jene Eröffnungsvorstellung günstiges laut zu werden. Auch wir wünschen nicht nur das Beste, sondern sind auch gerne bereit, für gute Absichten mitzuhelfen, was immer sich nur helfen läßt. Ueberdics gab es bei jener Eröff- nungsvorstellung manches recht Gute, so daß wir nur mit vielen Einschränkungen sagen können, es eji doch erst ein unsicherer Anfang. Aufgeführt wurde Lortzings„Zar und Zimmer- man n". Dieses vielleicht berühmteste Werk des Komponisten und jedenfalls eine der bedeutendsten komischen Opern Deutschland im 13. Jahundcrt, gibt ganz besonders viel Gelegenheit zu äußerlichen Bühnenspäßdn. In dieser Richtung wurde leider etwas viel getan, während man gerade darin schon recht übersättigt ist. Dazu kam, daß die Regie nicht eben jenen großen und eingreifenden Zug merken ließ, der den Kritiker mitreißt zur Begeisterung darüber, daß hier auch nur der Kunstpraxis neue Wege erschlossen seien. In einer überraschend guten Weise hielt sich der Chor. Unter den Solisten ragte wohl am meisten der Darsteller des jungen Zimmcrgcsellen Peter Iwanow hervor: Adalbert Lieban. Mit seinem bescheidenen, doch trefflich behandelten Buffotenor und seinem erfreulichen Spiele hob er die Gesamtaufführung in be- trächtlicher Weise. Der Sänger des Saardamer Bürgermeisters, Emil Greder, erfreute durch einen wirklich profunden Baß, störte aber durch seine Komik am meisten. Die Hauptrolle des Zaren lag in den Händen von Theo Go e r g c r. Er besitzt einen gut klingenden, stark tenoralen Baryton, spielte aber wie ein sehr gewöhnlicher Tenor und brachte in das berühmte Lied „Sonst spielt ich..." so gut wie keine Innigkeit hinein. Es ist jammerschade, wie dieser herrliche Sang regelmäßig zu einem sentimentalen Brettlstück herabgewürdigt wird, während doch gerade hier so viel an einer bis ins Visionäre vertieften dramatischen Kunst zu leisten sein würde.— Unter den übrigen Sängern ist Hans Brunow zu nennen: er sprang im letzten Augenblick in eine Lücke ein, mit Ersuchen um Nachsicht für Indisposition. Man kann in einem solchen Falle nicht dankbar genug für die Hingebung sein, mit welcher ein Künstler vielleicht sein Renomee aufs Spiel setzt. Aufallend wars aber immerhin, daß wir hier einen so hell kreischenden Tenor zu hören bekamen, wie er sonst eher aus Vcreinschören herauszuhören ist.— Die einzige beträchtliche Frauenrolle war in den Händen von Johanna Martin gut aufgehoben, zumal infolge ihres gewandten Spieles. Die Neueinrichtung des Theaters(Georg Hartwich u. C o.) macht sich für das Sehen und Hören recht gut, für das Gehen und Sitzen jedoch durch Ucberenge>o ungünstig, daß es bcispiels- weis- auf unseren Plätzen beinahe nicht auszuhalten war.— sz. Humoristisches. — Aus der„Jugend". Der Herr Ortspfarrer in- spiziert die Schule und läßt sich von den Kindern verschiedene Vögel aufzählen. Der Pfau ist noch nicht genannt worden. Er sucht da- her die Kinder darauf zu bringen: „Nun, wie mag dieser Vogel heißen? Er geht immer sehr stolz umher und kümmert sich um niemand. Na? Ueberlegt Euch, wer ist denn das, der immer so aufgebläht herumläuft? Ihr kennt ihn alle. Er läuft oft über den Gutshof und tut, als wenn er der liebe Herrgott selber wär?— Na, seht der kleine Karl wirds Euch sagen."— Der kleine Karl(der den Finger erhoben hat):„Das ist der Herr Pfarrer."— — S ch u l h u m o r. Lehrer(zu den neueingetretenen Vor- schülern):„Was ist denn Dein Vater?' Karlchen:„Mein Vater ist bei der Postl* Lehrer:„Und Dein Vater, Fritz?" F r i tz ch e n:„Mein Vater geht ins Geschäft I" Lehrer:„Was tut denn Dein Vater, HanS?" t ä n S ch e n:„Mein Papa, tut gar nichts!" ehrer:„Was ist er denn?" Häuschen:„Oberleutnant."--- Notizen. — Der italienische Dichter Giuseppe Giacosa starb, SO Jahre alt, in seinem Geburtsort Parella.— — Peter Rosegger soll schon zu seinen Lebzeiten ein Denkmal in Form eines Märchenbrunnens erhalten— und zwar in Kapfenberg(Steiermark).— —„Die Feinde" heißt daS neueste Drama von Gorki. Der Verlag Ladyschnikow bezeichnet die Nachricht, daß der Dichter ein Schauspiel unter dem Titel„Die Töchter des MondeS" geschrieben habe, als unzutreffend.— — Mit Erfolg aufgeführt wurden: Rudolf Herzogs Schauspiel„Die Condottieri" im Wiesbadener Residenztheater;„Ortrun und Jlsebill", Märchen- komödie von Otto Ernst, im Hamburger Thalia« theater; im Kölner neuen Stadttheater:„DaS süße Gift", musikalisches Lustspiel von Martin Frehsee, Musik von G o r t e r; und das soziale Drama„Der Phönix" von Friedrich Elbogen im Wiener deutschen Volks« theater.— —„Baccarat", ein Schauspiel von Henry Bernstein, wurde vom Münchener Hoftheater zur Aufführung an« genommen.— — Eine Krähenkolonie. In Loiz bei Sternberg i. M. fand man auf 407 Bäumen 4378 Krähennester, die 463 Eier, 9533 Junge und 87S6 Krähen enthielten. Die Krähenstadt wurde zer- stört.— — Die Erfindung der Feuerwaffen. In einer Polemik zwischen dem englischen Chemiker Oskar Guttmann und dem deutschen Sanskritforscher Professor Oppert macht der letzt- genannte darauf aufmerksam, daß Feuerwaffen in indischen und arabischen Schriften erwähnt werden, lange bevor Feuerwaffen in Europa bekannt waren. Die älteste Erwähnung von Feuerwaffen geschieht in den alten indischen Epen, so in der Mahabharata, einem im zweiten Jahrhundert n. Chr. vollendeten Epos. Nach Oppert wäre also Indien als Heimat der Feuerwaffen anzu- sprechen.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin L�V.