Zlnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 179. Sonnabend, den 13. September. 1906 (Nachdruck verbot«».) 101 Die Sandinger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann- Ueber der ganzen großen Stadt liegt der Nebel dicht und schwarz. Obwohl es nicht spät ist, ist es beinahe leer und still auf den Straßen. Von Zeit zu Zeit klingelt eine Straßenbahn vorüber. Sonst sieht man nur Läden mit herabgelassenen Jalousien, nasse Fliesen und qualmende Laternenflammen. Hier eilt eine einsame Gestalt, den Kragen bis über die Ohren gezogen, vorüber. Dort stehen ein Paar Schutzleute unter einer Laterne und glänzen mit ihren nassen Regenmänteln. In der inneren Stadt ist es freilich bedeutend lebhafter. Hier bewegen sich die Leute über die schlüpfrigen Bürgersteige, und in dem verdichteten Nebeldampf hört man die Stimmen weithin. Dort gehen junge Serren mit glühenden Zigarren. Dort schleichen alte, unbehülfliche Damen aus einer Gesell- schaft, die Kleider hochaufgeschürzt, die Schirme aufgespannt. Caf�s und Kellerwirtschaften werfen breite Lichtkreise bis auf den Fahrdamm hinaus, und aus erleuchteten Wohnungen in den oberen Geschossen, die man infolge des Nebels nicht sehen kann, ertönt Musik und Gesang. Hin und wieder rollt eine Droschke mit einem klappernden Pferd vorüber und der- schwindet mit widerhallendem Genunmel zwischen den Häuser- reihen. Als Kasper Kapper sich unter einer Laterne auf dem Königs-Neuinarkt befand, strich gerade ein solches Fuhrwerk an ihm vorüber, mit einer alten, weißen Kracke bespannt: in dem großen, viereckigen Bauch rummelte es hohl wie in einer leeren Tonne. Als der Laternenschein beim Vorüberfahren in den Wagen fiel, gewahrte er einen jungen, blonden Mann in einem Künstlermantel und neben ihm ein junges Mädchen, das sich vertraulich an ihn lehnte. Ein Zucken ging durch Kasper Kapper. Er blieb dort unter der Laterne stehen und starrte der Droschke, nachdem sie schon in die Oestergasse verschwunden war, noch lange un- verwandt nach. Dann setzte er in furchtbarer Erregung seinen Weg nach der Knippelsbrücke fort. 9. Es waren Knud und Boel, die der kleine Mann in der Droschke gesehen und erkannt hatte. Sie sind nun schon ein gutes Stück in die Stadt hineingekommen. Boel sitzt ein wenig verlegen mit niedergeschlagenen Augen da und streicht die Finger von Knuds eigener Hand, die in ihrem Schoß ruhen. Ihre Wangen glühen vor Glück: von Zeit zu Zeit aber schließt sie halb erbleichend die Augen ganz, während ein Lächeln wie in fernen Gedanken über ihre Lippen huscht. Knud hat seinen Künstlermantel zurückgeschlagen und den Hut auf den Rücksitz geworfen. Er ist warin und sieht nervös und erregt aus— riecht auch ein klein wenig nach Spiritus, lim sein Gewissen zu betäuben, hat er ein Paar Gläser Portwein getrunken, spürt aber noch Verlangen nach etwas Anregendem. Sie sprechen nicht viel. In dem wechselnden Licht der Laternen, die bald von der einen, bald von der anderen Seite durch die Fenster fallen, betrachtet er sie mit einem unsicheren — bald brutalen, bald scheuen— Blick, beobachtet den Busen, der unter dem Kleide fällt und steigt, und die Röte, die auf ihren Wangen konimt und schwindet. Währenddes klappert die alte Kracke weiter über das nasse Straßenpflaster,— durch halbdunkle Straßen, um Ecken und über hallende Marktplätze. Laternen gleiten vor über. Einen Augenblick sitzen sie in vollem Licht, aber bald gleiten sie wieder in ein vertrauliches Dunkel hinein. Er kann die Arbeitsrauheit an ihren Händen fühlen, die mit seinen Fingern spielen— und im selben Augenblick steigt vor ihm das Bild einer großen Wiese und eines grünen Hügels mit einem hübschen weißen Haus in einem Garten mit einer Flaggenstange auf. Sie hat angefangen, mit ihm von ihrer Häuslichkeit zu sprechen. Sie erzählt von ihrem Pgter, daß er Parzellist ist und seine eigene Scholle besitzt und in guten Verhältnissen leben könnte, wenn er jetzt nicht krank geworden wäre. „Aber er gehört nicht zw denen, die mit dem, was sie haben, protzen, darum glauben die Leute auch, daß wir arm sind," sagt sie und sieht mit einem forschenden Blick zu ihm aus.„Das hat Deine Mutter wohl auch gesagt." „Ja. ich glaube fast." „Ich konnte es mir beinahe denken. Aber so schlimm ist es denn nun doch nicht,— Gott sei Dank!" sagt sie und lacht. Knud will das Thema wechseln, aber es liegt ihr offen- bar sehr viel daran, ihm den Glauben beizubringen, daß sie eigentlich nicht das Kind armer Leute ist. Deshalb erzählt sie von ihren kleineu Geschwistern, die zur Schule gehen, und von der alten Großmutter, die einstmals sogar sehr wohl- habend gewesen ist. Aber von ihrer Mutter spricht sie nicht. „Wenn ich nun nach Hause schreibe, wie gut es mir er- gangen ist, und daß ich mich verlobt habe, so werden sie sich alle freuen: aber ich glaube eigentlich nicht, daß Du zu ihnen hinausfahren sollst, eö wird so sonderbar für sie sein. Aber von Dir grüßen will ich sie." Knud beißt sich auf die Lippe. Er hat ihr seine Hand entzogen und fühlt, ivie ihn» der Schtveiß auf der Stirn perlt. Aber jetzt verläßt der Wagen das Pflaster und biegt in einen weichen Weg ein. Nach einer Weile steht er still. Sie halten in einer langen, nassen Allee vor einem der großen Vergnügungsgärten in Fredcriksberg, wo es im Sommer von Menschen wimmeln kann. Sie gehen hinein. Es ist entsetzlich leer. Ein paar Laternenflammen schlafen in dem Nebel, und überall hört man ein einförmiges, inelancholisches Tropfen der Feuchtigkeit, die von den Bäumen auf die Kieswege herabregnet. Boel sieht sich scheu um und schmiegt sich an Knud, der mit einer plötzlichen, ungeduldigen Bewegung, die sie veran- laßt, aufzusehen, seine schritte beschleunigt und sie mit sich in die große Finsternis hineinzieht. Der Garten ist lang und schmal. Aus dem einen fernen Ende, wo der Nebel einen etwas rötlichen Ton hat, hört man ein verwirrtes Brausen von einein Tingeltangel her. Händeklatschen und Donnern von Stiefelabsätzen, Violinen und ein Horn, das hin und wieder mit drei, vier gellenden Tönen einfällt. Im übrigen vernimmt man keinen Laut aus dem großen, schlumincrnden Garten. An dem Bretterzaun entlang, der ihn von der Allee trennt, liegt eine Reihe kleiner Lauben aus Gitterwerk mit Schlingpflanzen über dem Dach und einem kleinen, viel- farbigen Fenster nach der Allee hinaus. Sie sind alle leer. Aber Knud und Boel lassen sich in einer derselben nieder, nachdein der crstcre in die Restauration gegangen ist und einen Kellner bestellt hat. Nach einer Weile stehen zwei Gläser und eine halbe Flasche Champagner vor ihnen auf einem Teebrett. Und der Kellner tründelt init einem leeren Grinsen von dannen. Knud steckt seinen Arm unter den Mantel heraus und schenkt ein. Aber sein Hand zittert, so daß der Wein über den Rand der Gläser fließt.— sein ganzer Körper ist in einer Bewegung, die er nicht zu beherrschen vermag. „Trinke, Boel!" sagt er und preßt sie heftig an sich und setzt ihr schließlich das Glas an bei» Mund, als sie es mcht selber nehmen will.„So sei doch nicht so albern! Wir sind ja doch gute Freunde und haben uns lieb. Trinke doch! � Dich friert ja,— der Wein wird Dich erwärmen. Sieh einmal her. Es kommt die Maus, es kommt die Maus, in ein kleines Haus, Haus, Haus!-- Aber zum Kuckuck auch! Du bist doch kein Kind mehr! So trink' doch!" Aber Boel trinkt nicht. Sie starrt in Knuds glühendes Gesicht mit einem gleichsam erwachenden Ausdruck in ihren weitgcöffneten Augen. Ihre Wange ist bleich: die Hände stemmt sie gegen seinen Busen, um ihn sich vom Leibe zu halten. Und doch überwiegt noch das Bittende in rhrer Stimme, als sie flüstert: „Warum tust Du das, Knud?" Aber plötzlich taumelt Knut mit einem Krach gegen vle Rücklehne der Bank, und sein Hut saust auf dem Kiesweg entlang. Er hat eine unziemliche Annäherung gemacht, und mit einer Kraft, die er nicht erwartete, hat sie ihn von sich ge- schleudert und steht nun an der anderen Seite des Tisches— aufrecht und leichenblaß, mit wogendem Busen und flammen- den Augen. Keines von beiden sprach ein Wort. Verwirrt, empört steht Knud wie ein begossener Pudel da und knirscht mit den Zähnen. Ein Tropfen aus dem Laubwerk über ihnen fällt mit einemjsorbaren Aufklatschen auf die Tischplatte. Drinnen im Lokal fallt gerade das Horn mit seinen drei, vier gellenden Tönen in den Lärm ein. „Boel!" stammelt Knud endlich. Aber bei dem Ton seiner Stimme zuckl sie zusammen und stößt einen verzweifelten Schrei aus. Und als Knud, hierdurch geängstigt, sich ihr wieder nähern will, flüchtet sie in wildem Schrecken über die Bank, zerbricht das Gitterwerk der Laube, macht sich Bahn durch das Gewebe der Schling- pflanzen-- „Boel!— Aber Boel!" —— entwirrt sich aus dem Netze, springt über die Bank in die nebenan gelegene Laube—— „Aber Boel— Boel!" schreit Knud ihr nach. Sie aber ist schon in der Dunkelheit verschwunden. 10. Kasper Kapper, der sonst, wenn er des Abends auf der . Straße ging, sich sehr langsani bewegte und sich wie eine Katze an dem Kleide der Damen hinstrich, an denen er vorüberkam, eilte an diesem Abend nach seiner Wohnung in Kristianshafen, ohne weder nach rechts noch nach links zu sehen. Hier draußen hatte es angefangen, ein wenig zu wehen. Als er über die Knippelsbrücke ging, hätte ihm ein Windstoß fast den leichten Strohhut vom Kopfe gerissen, und im selben Augenblick befiel ihn ein Schiittelfrost, er fühlte, wie ihm ein plötzlicher Schmerz durch die Brust und in den Hals hinaufjagte. Er knöpfte seinen Rock fester zu und eilte von danncn. Eine einsame Frauengestalt, die nach einer Weile an ihm vorüberstrich, konnte er aber doch nicht ungeschoren lassen. „Pst!" rief er, bekam aber ein Schimpfwort zur Antwort. Dann eilte er weiter. Ungefähr in der Mitte der langen Prinzeßstraße bog er in einen Torweg ein und gelangte nun in die Mietskaserne, in der er wohnte. Er kam über einen dunklen, stinkenden, mit Kehrichtbehältern und Aborten angefüllten Hofraum und stieg eine steile Treppe im Hintergrund hinan. Ein ver- wirrter Lärm von Kindergeschrei, Männergeschimpf und Härmonikamusik und Gesang und keifenden Frauenstimmen drängte sich rings um ihn aus allen den vielen ein- und zwei- zimmerigen Wohnungen, an denen er vorüberkam; aber all- mählickp je höher er kam, ließ der Lärm nach, und als er das dritte Storkwerk unter dem Dach erreicht hatte, daß er kaum mit dem Hut auf dem 5topf aufrecht stehen konnte, war alles um ihn her still. Nur eine Nähmaschine ging ihren stillen Gang irgendwo in seiner Nähe, und der Wind pfiff mit sonderbaren Lauten �durch die Dachöffnungen. Er zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, tastete sich im Dunkeln nach einer Tür hin, deren Hängeschloß er vorsichtig öffnete, strich ein Streichholz an und murmelte, während er eine winzig kleine Lampe aus dem Tische anzündete, lächelnd wie zu jemand im Zimmer gewendet: „Nun, nun, Ihr alten Freunde!— Wie geht es denn? — Bist Du hungrig, Zeus? Na, na, alter Junge. Jetzt gibt es gleich Kaffee! Und Tu, Philippine! Tu bist auch schon auf den Beinen, Du kleine Zuckerpuppe!— Na, wart' nur einen Augenblick, dann ist Natter mit dem Abend- brot da." Tann wandte er sich von der Lampe ab und sah sich mit dem stolzen und glücklichen Musterungsblick um, mit dem er jeden Abend von neuem nach der langen Trennung des Tages seine Herrlichkeit in Besitz nahm. Es war nun auch ein— trotz seiner Beschränktheit— sehr gemütlicher Raum, lieber dein schrägen Fenster hing eine diiiikelrote Kappe mit weißer Einfassung, die Kaspers eigenhändiges Werk war. � Tie Wände waren hübsch tapeziert kcbcnfalls von ihm) und über dem Bett hing ein Bild seiner verstorbenen Mutter. Ein Dompfaff und ein Häusling hingen unter der Decke zusammen mit zwei weißen Mäusen. init roten Augen, und das Wiedererkennungskrabbeln dieser kleinen Tiere und ihr Gehüpfe auf den Stangen hatte er gleich gehört und seiner Gewohnheit gemäß beantwortet. Als er sich ein wenig mit ihnen zu schaffen gemacht mck ihnen Futter gegeben hatte, holte er Briefpapier und Tinten- flasche hervor und setzte sich hin, um zu schreiben. Im selben Augenblick fiel es ihm ein, daß er kein Wasser geholt hatte, und daß es die höchste Zeit war, es zu tun, da seine Wirtin, Madam Fuß, sonst zu Bett ging. Er nahm nun einen kleinen Blecheimer, der auf einem dazu eingerichteten und von ihm selber angefertigten Schemel neben der Tür stand, und ging hinaus, um Wasser von dem Hahn in der Küche zu holen. Um dahin zu gelangen, mußte er indessen durch die Stube der Wirtin, und ein solcher Eintritt erheischte gewisse Vorbereitungen. Madam Fuß war eine Frau, die— wie sie selber sagte — nur eins von ihren Mitmenschen verlangte, nämlich Rück- ficht. Ihretwegen könnten— wie sie gottergeben hinzufügte — die Leute gern fluchen und trinken und Dompfaffen halten und Wäsche zum Trocknen auf das Treppengeländer hängen, wenn man ihr nur die ihrem Rang und ihrer Stellung ge- ziemende Rücksicht erweisen wollte. Sie war eine kleine, blasse, verwelkte Frau, konnte aber, wenn die Wut sie auf- blähte, dick wie eine Trommel erscheinen. Wenn jemand vergaß, daß sie die Tochter von Sr. Majestät König Friedrich VI. hochseligem Leibkutscher war, so packte sie eine Raserei, gegen die ihr verstorbener Mann, der Bolzenschlager Fuß auf der Holmer Schiffswerft, nur ein wirksames Mittel kannte, nämlich einen kräftigen Aderlaß oder vier Blutegel, und man wollte wissen, daß dies der Grund sei, weshalb sie so ein Spierfix geworden war. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.» „Zu ßockn mit Deiml" „Kümmere Dich nicht um bellende Hunde. Der Mond wird noch immer im selben Glänze leuchten, wenn längst die Hunde verstummt sind, die ihn an- bellten. Sein Goldschimmer erstreckt sich über die ganze Erde. Aber wie weit erstreckt sich die Stimme eines Hundes?" (Heine an Friedrich Steinmann.) Solange eine gesellschaftliche Gruppe, die im nationalen Pro- duktionsprozeß eine besondere Rolle spielt und sei es auch eine bloße Handlanger- oder Vermittlerrolle, ihre Interessen noch in den luftigen Höhen rein literarischer Ideologien verficht, kann sie sich sehr woh! auf aufsteigendem Aste befinden. So lag die Sache mit dem deutschen Bürgertum, dessen erste Marksteine in feinem Klassen- kämpf ja die literarischen Daten der Lessing und Schiller und Goethe sind, spater stieg es erst in die Arena der Realität, des politischen Kampfes herab. Wenn aber umgekehrt eine Wirtschaftsinteressen- gruppc ihre politischen Waffen an de» Nagel hängt und nunmehr in dem Wolkendunst literarischer Ideologien ihr letztes Heil sucht, so ist das der untrüglichste Beweis, daß sie auf den Hund gekommen ist. Gegenwärtig ist solches der Fall beim Antisemitismus; die künstlich ausgepuffte politische Rolle, mit der er in seinen Flegel- jähren sich gebrüstet, ist ausgespielt; sogar in Sachsen, seinem einstigen Staminland, ist er sanglos, klanglos in die Binsen ge- gangen; auf dein Redaktionsdach der„Deutschen Wacht" horstet der Plcitegeier und nur eine geborstene Säule kündet von längst ent- schwundcner Pracht. Diese sciule ist oder besser auf dieser Säule sitzt als ein literarischer Säulenheiliger seltsamster Prägung Herr Adolf Bartels, macht trübselige Verse und hat jüngst den Versuch unternommen, die griechische Mythologie umzukehren: er, ein Marsyas, wollte den Apoll schinden, er, Herr Adolf Bartels, den toten Weltstadtsänger Heinrich Hein«. Diesen Schindversuch hat er in einem leidlich umfangreichen Werke") niedergelegt, das unter dem schönen Motto segelt i„Zu Boden mit Heine!" Ter Mann ist gewiß nicht ohne Meriten und hat auch bessere Tage gesehen. Daß er aus Wesselburcn in Dithmarschen, dein. Geburtsort seines Abgottes Friedrich Hebbel stammt, dafürkann er schließlich nichts, wenn er aucki ganz gewaltig stolz darauf ist. Aber in einer zweibändigen dickleibigen Literatur- geschickte hat er in ztuar unwesentlichen Einzelheiten manches scharfsichtige und ästhetisch feine Urteil abgegeben, allerdings auch sein bodenloses literar-historisches Unvermögen dargctan, indem er die deutschen Dichter sonderte in s) rassereine Germanen und b) Juden, Halbjuden und Judenstämmlinge, die er pflichtschuldigst und schonungslos niedersäbclte. Seit fünfzig Jahren schon hat Heinrich Heine, der„süßeste Liedermund nach Goethe", einer der größten und furchtlosesten Bekenner der Weltliteratur und gewaltigen Aufrüttler, seine un- ruhvolle Matratzengruft in der rue d'Amsterdam mit der stilleren auf dem Märtyrerberg zu Paris vertauscht, und ist damit längst allen widerwärtigen Gehässigkeiten entrückt. Von dem Grabe #) Heinrich Heine. Auch ein Denkmal, von Adolf Bartels. S. A. Kochs Verlag, Dresden und Leipzig, 1306. dessen, der zu Lebzeiten manchem Wiedehopf die Federn ausgerissen hat, die Hyänen wegzuscheuchen, erübrigt fich eigentlich. Aber Herr Bartels wird sich immer triumphierender gebärden und sich für „unwiderlegt" halten, solange man ihm nicht nachweist, daß sein Pamphlet nicht nur niederträchtig, sondern auch leichtsinnig und schludrig ist, von einer respektablen Unkenntnis der behandelten Materie zeugt, und dazu noch mit Mitteln zusammengestöppelt ist, die weit unterhalb der Grenzlinie literarischer Ehrlichkeit liegen. Herr Bartels bringt nicht eine Silbe Neues über den Dichter bei; nur die Art, wie er längst Bekanntes aufmacht und drapiert, dient ihm zu seinem Schelmcnstück. Um zunächst Herrn Bartels Männerstolz vor Fürstenthronen und weiterhin sein abgrundtiefes historisches Verständnis festzulegen, was immerhin für die Be- trachtung des Mannes wesentlich ist, genügt es, folgende Stellen zu zitieren: „Wir sind ein sehr loyales Volk, wir opfern, wenn es sein muh, auf Befehl unserer Fürsten noch heute Gut und Blut, wir lassen uns in kritischen Zeiten sogar die Beschneidung (Aber Herr Bartels! D. V.) unserer Rechte gefallen; denn die Verantwortlichkeit des Fürsten für das Bestehen des Staates ist tausendmal größer als die jedes einzelnen von uns, und im Notfall muh er handeln und wir haben einfach zu gehorchen... Andererseits ist es ein Vorrecht der Fürsten, sich in ihren Privatmeinungen von uns ohne weiteres respektiert zu sehen, und höchstens nur dann darf man diese, aber wieder nur in allerloyalster Weise, bekämpfen, wenn die Privatmeinung zu einer das gesamte Volksintercsse schädigenden Handlung zu führen droht." „Das alte absolutistische Deutschland hat die Freiheit der Philosophie und auch die Freiheit der Kunst in weit höherem Grade respektiert, als es aller Voraussicht nach ein sozialdemokratisches tun würde, als es die radikale Welt, sobald man ihr entgegentritt, heute tut. Dafür kann ich Beweise liefern."(Er läßt sie aber wohlweislich in der Tasche.) „Da tut man denn, als ob unter Preuhen eben auch nur die den Staat angeblich beherrschenden Kreise, der Adel, die Offiziere, die Bureaukraten zu verstehen seien und von diesen alles Unheil komme. Aber auch das ist Unsinn: wir haben keinen deutschen Staat, in dem von jeher, trotz des früheren absoluten Regiments, Volk und Bürgertum einen so stabilen Einfluß geübt hätten wie in diesem, Preußen ist trotz seiner adeligen Offiziere und Beamten geradezu der Staat des Bürgertums, und zwar weil seine Ideale bürgerliche wäre n."— Welch politischen Geistes Kind Herr Bartels ist, weih man jetzt. So leicht wird man sich nun auch über seine Methode, Heine abzuschlachten, nicht mehr wundern. Das Buch ist in drei sehr willkürliche Kapitel geteilt: Heines Leben, Heine, der Dichter und Macher seines Ruhmes, das Rätsel Heinrich Heines. Mit eherner Stirn behauptet Herr Bartels, seine Darstellung von Heines Erdengang sei ein„Lebensabrih, in dem kaum etwas Wesentliches fehlt", aber in Wahrheit ist jeder Zug mit kluger Bosheit ausgemerzt, der Heine dem Leser sympathisch machen könnte: das Unsympathische dagegen, das schwarze Farben auf sein Bild trägt, wird mit Wollust breitgewalzt. Von tatsächlichen Unrichtigkeiten, die lediglich aus die Oberflächlichkeit und Unkenntnis des Verfassers zurückzuführen sind, wimmelt es in dem Buch. Um nur einige zu erwähnen: von Heines Aufenthalt auf der Handels- schule zu Düsseldorf weih Herr Bartels offenbar nichts und ton- struiert deshalb willkürlich ein zweijähriges Verweilen in Frank- furt a. M. Daß Heine von der roten Uniform seines Vaters spricht, die auf Hannoversche Dienste schlichen lasse, verdrießt den militärfrommcn Herrn Bartels und er erklärt deshalb keck, die rote Uniform sei die der Düsseldorfer Bürgerwehr; die Düsseldorfer Bürgergarde aber trug dunkelblaue Uniformen mit hellblauen Auf- schlagen. Um Heines Undankbarkeit zu beweisen, läht er Köchy die Aufführung des„Almansor" in Braunschweig veranlassen; ent- weder kennt Herr Bartels den Brief Köchys an Grabbe nicht, aus dem sich das Gegenteil ergibt, oder er unterschlägt ihn. Alles das sind gewiß nur Kleinigkeiten, aber weil Herr Bartels mit staats- anwaltlichcm Raffinement Kleinigkeiten mit dem Anschein, als messe er ihnen keine Bedeutung bei, an eine auffällige Stelle rückt, wird man ihn zuerst hier festnageln müssen. Sind aber Unrichtigkeiten dieser Art, deren Reihe man beliebig verlängern kann, noch hinlänglich harmlos, so kommen wir im folgenden direkt auf das Gebiet literarhistorischer Fälschung. Herr Bartels erklärt, daß er Heine grundsätzlich nichts glaubt, eine für den Literatursorscher sehr bequeme Methode, die aber für Herrn Bartels offenbar noch zu unbequem und mühsam ist. Er macht sich die Sache entschieden leichter, indem er alles, was Heine schlechtes über sich aussagt, durch an den Haaren herbeigezogene„Tatsachen" „belegt" und jede Aeutzerung, die seinen Charakter in günstige Be- leuchtung rücken könnte, für„Schwindel" oder„Komödie" ansieht. Ein anderer Trick des Herrn Bartels ist, Vermutungen gehässigster Art, die lediglich Phantasieblüten sind, mit„wohl" und „vielleicht" auszusprechen, sie nachher aber als Tatsachen wieder anzuführen, indem er die einschränkenden Zusatzwörtchen einfach wegläßt. So macht er es mit einer Krankheit, die Heine nach den bisherigen Forschungen nur vorgeschützt hat, um nach seiner Rele- gation noch einige Wochen in Göttingen bleiben zu können; Herr Bartels aber erklärt sie aus dem Handgelenk heraus für eine Ge- schlechtskrankheit und sieht sie auch als Ursache für das spätere Leiden an. Wie„wissenschaftlich" Herr Bartels übrigens bei den Vorstudien zu seinem Buch vorgegangen ist, zeigt gerade in diesem Zusammenhang folgender Satz: „Es existiert eine besondere Schrift„Heines Krankheit und Leidensgeschichte" von S. Rahmer; da der Verfasser Jude ist, glaubte ich' sie ungelesen lassen zu können..."! Auch ein Beispiel sei zitiert, wie er dem Gehaßten zwischen den Zeilen, ohne zu einer bestimmten Verdächtigung den Mut zu haben, einen Makel anzuhängen sucht: „Das Duell selbst war nicht zustande gekommen, weil es dem Universitätsgerichte vorher verraten worden war, von wem. läßt sich natürlich nicht mehr ausmachen." Der Leser soll natürlich glauben, Heine habe aus Feigheit selbst den akademischen Behörden Anzeige von dem bevorstehenden Duell gemacht, um nicht ganz mit Unehren„kneifen" zu können. Feigheit ist überhaupt eine jener Unterstellungen, die Herr Bartels am häufigsten gegen den Dichter in Anwendung bringt. Neben der Faulheit, obwohl gerade Heines Fleiß dokumentarisch festgelegt ist. Doch was scheren derlei Kleinigkeiten einen teutschen Mann, dem auch das Niedrigste zum besten dienen muß! Heinrich Heine strahlt nun gewiß nicht im Tugendglanz eines Erzengels— glücklicherweise!— und es gibt hier und da einen Punkt in seinem Leben, der auch mit dem eindringlichsten Ver- ständnis für die Seele des Dichters nur halbwegs entschuldigt werden kann, aber wir lieben den ganzen Kerl mit seinen Fehlern und Schwächen, wie er leibt und lebt, als einen prachwoll Irdischen. Es kann uns nicht einfallen, diese„dunklen" Punkte aus dem Leben Heines ausschalten zu wollen, aber sie allein unter die Lupe zu nehmen und von allem anderen zu schweigen, ist eine derart eng- herzige und gehässige Betrachtungsweise, daß wir sie gern Herrn Bartels und seinesgleichen überlassen. Aber die Gehässigkeit dieser Betrachtungsweise wird noch durch ihre Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit überboten. So führt Herr Bartels als Beweis dafür, daß Heine sich in der Matratzengruft nicht„gebessert", nicht„in christlichem Sinne Buße getan oder in unserem deutschen Sinne sich in reinere Höhen hinaufgeläutert habe", eine an sich überdies nichtssagende Anekdote an, die leider zeitlich vor die Leidenszeit der Matratzengruft fällt. Und in seinen qualvollsten Schmerzensstunden, die der todkranke Dichter souverän überwindet, indem er mit Sternen und Schicksalen Ball spielt und die Schöpfung nicht nur, sondern auch den Schöpfer verhöhnt, ist er für Herrn Bartels nur der„zähe Jude". Man sieht: Herr Bartels weiß zu hassen. Weiß aber nur zu Haffen mit jenem kleinlichen, und versteckten Magisterhatz, der Schüler wegen ihres Genies mit Bosheiten peinigt. Besonders offenbar wird das in dem zweiten Teil des Buches, über den man füglich schneller hinweggehen kann, da das krankhaft ge- steigerte Selbstbewußtsein des Herrn Bartels nach sehr subjektiven ästhetischen Gesetzen auf den Dichter Heine losdrischt, nachdem er den Menschen abgetan zu haben glaubt. Man merkt deutlich, wie Herr Bartels hier synthetisch anstatt analytisch vorgeht: er hat sich einen Popanz von Heine auch aus ästhetischem Gebiet zusammen- konstruiert und sucht ihn nun zu„beweisen", indem er zitiert, was ihm patzt und auch, w i e es ihm patzt. Auch dabei sind ihm Irr- iümcr und schlimmeres auf Schritt und Tritt nachzuweisen. Ein Beispiel mag für viele genügen; er sagt:„Goethe lernte dichten, um es so auszudrücken, durch die Rokotopoeten, die seine unnuttel- baren Vorgänger waren, etwa durch Gellert, Chr. Felix Weiße, Joh. Georg Jakobi und etwa noch Wieland; den Lehrmeistertausch oder, wenn man lieber will, die elektrische Berührung, die Er- weckung ergab für den Lyriker Goethe die Bekanntschaft mit dem Volkslicde, die durch Herder vermittelt wurde, und nun schuf Goethe auch sofort etwas diesem Gleichwertiges wie„Sah ein Knab' ein Röslein stehn". In der apodiktischen Unbedingthcit, mit der Herr Bartels das hinlegt, stimmt es nun keineswegs: 177V schrieb Goethe bereits ein Gedicht, in dem ganz der eigengoethische Rhythmus lebt, wie„Willkommen und Abschied", 1771 das„Heideröslein", 1774 aber noch„Schäferpoesien" wie„Amadis",„An Belinden" u. a. Herr Bartels sucht nun nachzuweisen, daß das Echte und Gute in Heines Dichtkunst anempfunden sei; in jedem einzelnen Fall ist seine Beweisführung indes zu widerlegen: so leben z. B. Heines „Nordseebildcr" vollständig durch sich, durch ihren eigcn-heinischen Rhythmus und haben weder mit Hölderlin und Novalis noch mit Goethe und Tieck etwas zu schaffen. Dieselbe heimtückische Methode wie bei der Darstellung von Heines Leben wendet Herr Bartels auch hier an: er unterschiebt willkürlich, schmuggelt„Vermutungen" ein(„woher er sie zusammengelesen hatte, ist jetzt natürlich schwer zu sogen") und wenn ihm gar nichts einfällt, sucht er Heine um den Nuhni der Originalität zu bringen, indem er z. B. von den beiden Gedichten, die er für die schönsten hält, erklärt: sie seien gewissermaßen Lcnau vorweggenommen!!! Die Prosaschriften läßt er vollkommen fallen und meint, außer unreifen Tertianern, bestenfalls Sekundanern fände heute wohl kein Mensch mehr Gefallen an ihnen. Im dritten Teil sucht Herr Bartels dann hauptsächlich das Deutschtum Heines abzuleugnen, indem er alle die Stellen, in denen Heine sich selbst für das Deutschtum einlegt, für„Komödie" oder „erlogen" erklärt und sich dafür auf einen Brief Heines beruft — obwohl er ihm grundsätzlich nichts glaubt!—, in dem dieser noch dazu aus dem Gefühl tiefster Niedergeschlagenheit heraus sich über das hurra-nationale, chauvinistische Deutschtum - 716— hart ausläßt Hierauf näher einzugehen, erübrigt sich. Wir wollen Herrn Bartels nur mit einem zwingenderen und logischeren Beweis gegen daS Deutschtum Heines zur Hand gehen. An Moser schreibt der Dichter am 21. Januar 1824: .Eigentlich bin ich auch kein Deutscher,' wie Du wohl weißt. Ich würde mir auch nichts darauf einbilden, ivenn ich ein Deutscher wäre. O ce sont des barbares! Es gibt nur drei gebildete, zivilisierte Völker: die Franzosen, die Chinesen und die Perser. Ich bin stolz darauf, ein Perser zu sein. Daß ich deutsche Verse mache, hat seine eigene Bewandtnis. Die schöne Gulnare hat nämlich von einem gelehrten Schafskopfe gehört, daß das Deutsche Aehnlichkeit habe mit ihrer Muttersprache, der persischen, und jetzt sitzt das liebliche Mädchen zu Jspahan und studiert deutsche Sprache. und aus meinen Liedern, die ich in ihren Harem hineinzuschmuggeln gewußt, pflegt sie zur grammatischen Uebung einiges zu übersetzen in ihre fjjtze, rosige, leuchtende Bulbul-Sprache." Da steht es klipp und klar: Heine war kein Deutscher, sondern ein— Perser. Herr Bartels! Aber im Ernst mag noch eine andere Stelle aus einem Briefe an Christiani angeführt werden, die Herr Bartels natürlich ver« schweigt: .Ich weiß, daß ich eiaeder deutschesten Bestien bin, ich weiß nstr zu gut, daß mir das Deutsche das ist, was dem Fische das Wasser ist, daß ich aus diesem Le b ense l e m c n t nicht heraus kann, und daß ich— u m das Fischbeispiel beizubehalten— zum Stockfisch vertrocknen muß, wenn ich— um das wässerige G l e i ch>n i s beizubehalten— aus dem Wasser des De u t sch t u m l i che n heraus- springe."(Im Briefe unterstrichen.) Das Gesamturteil des Herrn Bartels über Heine ist. daß«in Heine-Denkmal die ärgste Beschimpfung wäre, die man uns antun könnte, Schmach und weiter nichts als Schmach— und unser Gesamturteil über sein durchaus unhistorisches Heine-Pamphlet, daß eS für Mediziner mehr Interesse hat als für Literaturforscher. Wenn man es im ganzen überschaut, die hahncbüchenen Schimpf- Worte erwägt, die Herr Bartels Heine anwirft(»jüdischer Lump", „Kanaille",»Halunke",»das Jüdchen",»der Elende",»Komödiant", „Gaukler",.Henker",„Meister Dirncnlob",»bissiger Hund"), wenn man in Betracht zieht, daß er mehr als einmal Prügel empfiehlt, ihm»an die Brust springen" möchte und damit droht,'daß das Heine-Denkmal in die Luft fliegen könnte, dann kommt auch der Laie dazu, Herrn Bartels in eine Parallele mit dem Dreschgrafen Pückler zu stellen, trotzdem er sich gegen diesen als Vorkämpfer seiner Sache ängstlich verwahrt. Und der Literaturforscher erkennt. daß es nicht seines Amtes ist, sich länger mit ihm abzugeben,— er erteilt dem Psychopathologen das Wort.— Hermann Wendel. Kleines Feuilleton. en. Altertümliche Landwirtschaft in den Bogese». Wenn ein Einsiedler in ein bisher von der Kultur nicht beansprucht gewesenes Gebiet kommt, um dort zum erstenmal den Boden zu bebauen, be- dient er sich häufig des Mittels, die wild wachsenden Pflanzen auf einem Stück Land, soweit sie nicht besonders ausgerodet werden, einfach niederzubrennen, wobei die entstehende Asche noch als Düngemittel dient. Dies System kommt für eine hochstehende Land- Wirtschaft selbstverständlich nicht in Frage, und doch gibt es im Deutschen Reich noch Gegenden, wo diese sogenannte Brandwirt- schaft ausgeübt wird, nämlich im Bereich der Vogesen. also in den gebirgigen Teilen von Elsaß-Lothringen. Auch dort nimmt sie eine nur untergeordnete Stellung ein. ist aber als ein kulturhistorisches Ueberbleibsel, das zumal einer gewisien ökonomischen Bedeutung in jenem Gebiet nicht entbehrt, von Interesse. Der Landwirt- fchaftslehrer Dr. Krzymowski hat auf einer Reise durch die Vogesen die dortige Brandwirtschaft studiert und darüber einen fesielnden Aufsatz in„Fühlings Landwirtschaftlicher Zeitung" geschrieben. Am stärksten vertreten hat er sie in den Tälern der oberen Breusch und ihrer Zuflüffe gefunden, während sie in den südlichen Vogesen seltener zu sein scheint. Die Breusch entspringt bei Saules an der französischen Grenze und ergießt sich unmittelbar bei Straßburg in die Jll. Die Berghänge des oberen Breuschtals sind größten- teils Gemeindeland oder, wie die alte Bezeichnung lautet. Allmenden und dienen gewöhnlich als Viehweide. Diese Art der Verwertung wird aber vielfach unmöglich gemacht durch die Ansiedelung des Bcsenginsters, der den Rasen mit mächtigen, mehr als mannshohen Büschen bedeckt und so das Wachstum anderer Pflanzen schädigt. Wenn eine solche Fläche als Weideland unbrauchbar geworden ist, wird sie von der besitzenden Gemeinde entweder kostenlos oder gegen eine geringe Pacht an einen Gemeindcbürger. gelegentlich auch wohl an einen Auswärtigen vergeben, der sich bereit erklärt, dort Brand- Wirtschaft zu betreiben. Die Ginsterbüsche werden dann mit den Wurzeln herausgehackt und der Rasen umgegraben. Sind Stauden und Gras trocken geworden, so wird alles zusammen abgebrannt. Die zurückbleibende, von Eiscnoxyd rot gefärbte Asche wird nun als Dünger auf der ganzen Fläche verteilt, ohne daß jemals noch ein anderer Dungstoff zugesetzt wird. Meist kann nun der Boden zwei Jahre lang für den Anbau von Roggen oder Kartoffeln ver- wertet werden. Dann bleibt er wieder liegen, bis genug Gras für Rinder oder Ziegen gewachsen ist. Wirtschaftlich kann das Ver- fahren nicht genannt werden, vielmehr ist es nach der Lehre von Liebig eine Raubwirtschaft. Bald wird es vielleicht ganz ver- schwunden sein, weil die Leute auch in jenen Gegenden lieber in die Fabriken gehen, als sich auf solche Weise mühsam einen vor- übergehenden kärglichen Unterhalt zu verschaffen.— Kunst. «. s. An der Spitze der belgischen Malerei steht Fernand Khnopff. Merkwürdig ist eS. daß das Land. daS einen Meunier hervorbrachte, der so wirklichkeitsstark in seiner Gegenwart stand, zugleich einen Künstler aufweist, der so entschieden wie Khnopff die Wirklichkeit flieht. Er baut sich eine Welt auf, die voll leiser Geräusche und flüchtiger Stimnmngen ist. Seine Farbe ist so zart, seine Linie so zitternd angedeutet, daß man unwillkürlich fühlt, hier redet ein ganz persönliches Enipfinden. Wie die Ausstellung bei Schulte zeigt, hat diese scheu sich zurückziehende Kunst auf das junge Geschlecht nachdrücklichen Einfluß ausgeübt. ES stellen hier drei junge Künstler aus, di« olle dem Symbolis- mns huldigen. Sie geben keine WirklichkeitSstinst, sondern bauen eme Welt der Phantasie auf. die von der Gegenwart hinweg strebt, die aber ebenso wahr ist. weil daS Fühlen der Zeit auch in diesen Werken lebt. Degouve-de Nunques gibt Schilderungen aus alten Städten, aus Venedig, au? Brügge. Er bleibt nicht in der Nach- schilderung stecken. Indem er die Stimmung solcher alten Städte. die ganz in Vergangenheit leben, im Bilde konzentriert, gibt er uns die wahre Suggestion des Gesehenen, Empfundenen, er verdichtet den Gehalt dieser von Vergangenheit umwobene» Stätten. Der alte Palast an der tiefgrün schimmernden Wiese, über der graner Hinimel lastet. mit den zertrümmerten Fenstern, ist eine tüchtige Leistung. Es liegt in der Natur der Sache, daß alle Linien pointiert hervortreten. alle Farben deutlicher, schärfer hervortreten, um die suggestive Wirkung hervorzubringen.— Montald ist noch zarter, Phantasie- voller. Er verdichtet ganz stille Stimmungen zur Anschauung, wie etwa in dem Bild, da? er die»Lerche" betitelt: ein hellgrünes Feld, eine schreitende, nackte Gestalt, aufblickend zum Krühlingshimmel. daS alles ganz zart und andeutend, beinahe mit Schüchternheit ae- malt. Lebhafter sind seine Friese, in denen er die mensch- liche Figur zu freien, phantastischen Entwürfen verwertet. Auch die drei beieinander stehenden Frauenfiguren in Grau haben diese Zartheit der feinen Farben.— Bei Beauck merkt man am ehesten die Schwäche. Seine kleinen Zeichnungen, grau in grau. Straßen, still« Winkel, haben noch Einheit. Aber seine Köpfe, die grausig wirken sollen, entsetzte Menen, aufgeriflene Augen(Titel: Bor dem Tode u. dergl.) streifen schon das Gebiet der Komik. Er weiß nicht die Grenze zwischen Realistik und Phantastik innezuhalten und zerstört sich dadurch selbst die Wirkung. Doch ist bei allen drei Künstlern Talent zu spüren. Wenn sie sich auch noch in den Bahnen eines anderen Künstlers, der ihnen Vorbild ist. bewegen, so wird man doch von ihnen eigene Proben noch erwarten können.— Hygienisches. u. Seife als Desinfektionsmittel. Der Satz, am Scifenvcrbrauch könne man die Kulturhöhe eines Volkes bc- messen, bezieht sich nur auf die Verwendung der Seife als Reini- gungsmittel; er bekommt aber� verdoppelte Geltung in der Zeit der Hygiene dadurch, daß die Seife auch ein sehr wichtiges Des- infektionsmittel darstellt. Man hatte dies schon vor längerer Zeit behauptet, aber andere hatten die Richtigkeit der Behauptung be- stritten und gemeint, die Seife wirke durckaus nicht auf die unS schädlichen Mikroorganismen. Um den Streit zu entscheiden, wurden jetzt umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, und ihr Ergebnis war, daß die Seife in der Tat imstande ist, schädliche Organismen zu töten, und zwar zeigt sich diese Wirkung schon dann, wenn nur wenig Seife zugesetzt wird und wenn sie nur geringe Zeit hindurch wirkt. Selbst die an und für sich sehr lebcnS- fähigen Typhusbazillen wurden durch Seife schnell zum Absterben gebracht. Es ist also nicht nur eine Forderung der Sauberkeit. sondern auck eine der Gesundheit, sich sorgfältig und möglichst häufig mit Seife zu waschen.— Humoristisches. — Beim Fahrradhändler.»Fünfzig Mark soll dieses schöne Rad kosten? Wirklich billig! Da können Sie doch nichts dabei verdienen!" »Das ist allerdings richtig l" »Wie machen Sie aber da Ihr Geschäft?" »Mit den Reparaturen!"— — Trost.»Herr Doktor, ich habe beständig mit meinem Magen zu tun und leide immer an Appetitlosigkeit!" »Sind Sie froh, jetzt ist sowieso alles furchtbar teuer� — Ja so!»Gut, wenn Ihr schon die Dame, die ins Wasser gesprungen ist, wegen verbotenen Baden« be- st r a f t, warum auch den Herrn, der sie herausfischt?" »Ja, hier ist auch das Fischen verboten!"— (»Fliegende Blätter.') Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anstaltPaul Singer LeCo..Berlin LlV.