Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 181. Mittwoch, den 19. September. 1906 (Nachdruck verboten.) 121 Die 8anämger Ckmeincle. Novelle von Henri! Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann- Boel hatte sich in ihr Zimmer geschlichen und war ins Bett gekrochen. Sie lag unter der Decke und zitterte. An Knud dachte sie kaum mehr. Ihr Gedanke war wie gelähmt vor Entsetzen über alles, was sie auf der Flucht durch die Stadt gesehen und erlebt hatte. Sie hatte diese Frauen gesehen, die auf den Straßen umhergingen und sich Männern feil- boten, die sie gar nicht kannten. Und— was das Schlimmste war— sie selber war von mehreren Herren angetastet, die die schrecklichsten Dinge zu ihr gesagt hatten und mitten auf der Straße handgreiflich gegen sie geworden waren. Das erste Mal, als sie angeredet wurde, hatte sie in ihrer Unschuld den Gruß beantwortet und sich gefreut, jemandem zu begegnen, dem sie sich anvertrauen, und der ihr den Weg nach Hause zeigen konnte. Es war so ein netter, älterer Herr gewesen, der auch gleich versprochen hatte, sich ihrer anzunehmen, worauf er sie in einen dunklen Torweg gezerrt und an- gefangen hatte--- Boel drückte das Gesicht in das Kissen und schluchzte vor Scham bei dem Gedanken an das, was er sich erlaubt hatte. � Wie ein gehetztes Wild war sie dann durch die Straßen geeilt und war überall Gegenstand der schändlichsten Ver- solgung gewesen. Sogar ein Schutzmann, an den sie sich wandte, war frech gegen sie gewesen und hatte mit einer nach Branntwein stinkenden Stimme gesagt, sie solle nur machen, daß sie nach Hause komme, denn sonst könnte sie noch riskieren, daß man sie beim Kanthaken nähme und mal ein bißchen genauer untersuchte, ob— Von neuem Preßte sie das Gesicht in das Kissen und schluchzte bei dem Gedanken an das, was er gesagt hatte.— * Am nächsten Morgen stand sie allein im Eßzimmer und wusch die Teetassen ab, als die Tiir sich auftat und Knud hereinkam. Sie machte ihren Rücken steif und sah ihn starr an, sie hatte sich vorgenommen, ihm ohne Scheu ihre Ver- achtung zu zeigen. Aber als er sich nun näherte und sie seine reuige Miene sah, schlug sie die Augen nieder. Ja, sie konnte es nicht einmal verhindern, daß er seinen Arm um sie legte und ihr über das Haar strich. „Bist Du sehr böse auf mich, Boel?" fragte er und hob ihr Gesicht zu sich empor. Auch auf ihn hatte das Wiedersehen ganz anders gewirkt, als er berechnet hatte. Er hatte an gar keine erneute Annäherung gedacht,— im Gegenteil. Aber sie sah allerliebst aus, wie sie in ihrer weißen Schürze hinter der Mesiing-Tee- Maschine stand, von der hellen Morgensonne beleuchtet. Es war Plötzlich eine Rene in ihm aufgestiegen, die ihn zwang, sich seinen Gefühlen hinzugeben. „Bist Du sehr böse auf mich?" wiederholte er, wußte eigentlich aber selber nicht, was er sagte. Es liefen in diesem Augenblick so viele sonderbare Gedanken rund in seinem Kopf herum. Hingerissen von Boels frischer Schönheit, von ihren samtdunklen Augen und dem roten Blut der Lippen, faßte er verwegene Pläne, wie er auf die ganze Welt pfeifen und sie zu seinem rechtmäßigen Eigentum vor Gott und Menschen machen wollte. Plötzlich sichren sie auseinander. Ohne daß sie es gehört hatten, war die Wohnstnbentür aufgegangen und Fräulein Rosalie eingetreten. Jetzt fing sie an, sich zu räuspern. „Die verdammte alte Hexe!" murmelte Knud rasend und stürzte hinaus. Nach einer Weile kam auch Frau Gylling aus dem Wohn- zimmer, um die Blumen vor dem Fenster zu begießen. Fräulein Rosalie sagte nichts, sie kramte im Zimmer umher und wischte Staub ab. Aber als Boel mit ihrer Verwirrung und ihrem Teebrett in die Küche hinaus verschwunden war, wandte sie sich nach der Schwester um und fragte mit ihrer groben Männerstimme: „Was bedeutet das eigentlich?'Haben Boel und Knud sich verlobt?/ Frau Gylling sah sie verständnislos an. „Was meinst Du damit?" „Ja, ich überraschte sie vorhin in einer sehr zärtlichen Situation."- Frau Gylling stellte die Gießkanne auf das Fensterbrett nieder, so daß es dröhnte. „Was sagst Du?" Sie starrte die Schwester an wie ein Gespenst. Das konnte ja gar nicht möglich sein! Das durfte nicht wahr sein! „Bist Du auch ganz sicher?-- Du kannst Dich ja geirrt haben, Rosalie." „Ich habe doch Augen im Kopf, so viel ich weiß." Frau Gylling griss sich nach der Stirn. Hier also war die Lösung des Rätsels! Sie hatte schon vor mehreren Monaten ein paar anonyme Briefe erhalten, in denen ihr versteckterweise mitgeteilt war, daß es nicht weit her sei mit der Sittlichkeit in ihrem Hause, weshalb sie ersucht werde, ein scharfes Auge auf ihre Umgebung zu haben. Sie hatte geglaubt, daß sich dies auf ihre Dienstmädchen beziehen sollte, und sie hatte ihnen den ganzen Winter gut aufgepaßt, ohne jedoch die geringste Unregelmäßigkeit entdecken zu können. Jetzt, mit der Morgenpost, hatte sie dann wieder einen anonymen Brief bekommen, mit derselben verdrehten Hand wie die anderen geschrieben und mit derselben Beschuldigung, „daß sie unsittliche Elemente in ihrem Hause beherberge". Boel also war damit gemeint! Als sie sich einigermaßen wieder besonnen hatte nach dieser schrecklichen Nemgkeit, ging sie zum Zimmer hinaus, um sofort mit Knud zu sprechen, der in seine Stube hinüber- gegangen war. Hier mußte unverzüglich gehandelt werden. In der Wohnstube wanderte sie noch einige Male auf und nieder, um ihren Fcldzugsplan zu überlegen. Dann ging sie resolut über den Vorplatz und zu ihm hinein. Er stand, eine noch nicht angezündete Zigarre in der Hand, am Fenster und sah nervös und erregt auf. „Ich möchte gern ein Wort mit Dir reden, Knud," sagte sie und setzte sich in einen Schaukelstuhl mitten im Zimmer. Es kam sogleich ein ängstlicher Ausdruck in fein Gesicht. „Was wünschest Tu. Mutter?" „Setze Dich und lasse uns ruhig zusammen reden. Ich habe Dir etwas Wichtiges zu sagen." Knud setzte sich. Frau Gylling betrachtete ihn einen Augenblick schweigend mit einem Blick, in dem die sittliche Entrüstung doch gar bald der nuitterlichen Nachsicht, schließlich sogar dem Mitleid Platz machte. „Knud— mein Junge! Dich bedrückt etwas. Ich habe es schon seit längerer Zeit bemerkt, Du bist nicht so wie sonst. Ist Dir etwas Unangenehmes begegnet?" „Nicht das Geringste." „Du darfst mir nichts verbergen. Bedenke, ich bin Deine Mutter. Erzähle mir ehrlich und aufrichtig, was Dich so in Anspruch nimmt." „Aber ich versichere Dich—" „Das ist nicht wahr. Knud. Warum willst Du mir wehe tun? Kannst Du denn kein Vertrauen mehr zu mir haben?" Knud suchte die Sache ins Scherzhafte hinüberzuziehen. Er zündete die Zigarre an und lachte. Aber seine Mund- Winkel bebten. Die Mutter betrachtete ihn wieder eine Weile schweigend. Dann beugte sie sich zu ihm hinüber und senkte die Stimme ein wenig.,,- „Ich kann mir übrigens denken, was es'st, sagte sie. „Du bist verliebt, Knud." „(5i, ei!" lun'd ich kann Dir auch sagen, in wen." Knuds Gesicht erblaßte. Er sah das Feuer in seiner Zigarre an und sagte nichts. „In Agnete Drehling— nicht wahr?" Da sprang ein Band um Knuds Herz. Er muyte lächeln. „Nein.— das glaube ich denn doch nicht," sagte er. „Freilich verhält es sich so! Wer sollte es sonst wohl sein. Ihr habt euch von Kindheit an gekannt, und ich will Dir sagen, Knud, ich habe mir eigentlich immer gedacht, daß aus euch beiden ein Paar werden würde. Ich finde, dah ihr trotz aller Verschiedenheit der Temperamente und Ansichten doch so gut zu einander paßt. Und es ist ja auch vom rein praktischen Standpunkt aus eine gute Partie für Dich. Knud. Der Geheime Etatsrat hat einen großen Einfluß. Ist auch Wohl bei Hofe gut angeschrieben,— was von großer Be- deutung für Deine Zukunft iverdcn kann." „Ja, aber ich versichere Dich, Mutter, ich denke gar nicht an Agnete Drehling." „freilich tust Tu das, Knud! An wen solltest Du sonst Wohl denken?— An Gudrun Blomberg?— Oder an Bergliot?" Knud lachte höhnisch. „Aber wer ist es denn?'So sprich doch!" „Es nützt nicht, daß wir davon reden, Mutter. Du wirst es doch nicht verstehen können. Und vielleicht hat es auch gar nichts zu bedeuten." Jetzt wurde Frau Gyllings Antlitz fahl. „Aber eine Verliebtheit ist also doch vorhanden?" fragte sie. „Vielleicht." „Knud! Du denkst doch nicht etwa im Ernst an--- Es kann doch nicht Deine Absicht sein?" „Was, Mutter?" „Ich meine,— es ist doch nicht— nicht etwa Boel, an die Du denkst?" Knud saß einen Augenblick schweigend da und sah auf seine Zigarre nieder, die er in der Hand hielt. Dann nickte er. Frau Gylling sprang auf, setzte sich wieder, um- klammerte die Lehnen des Schaukelstuhls. „Das kannst Du doch nicht im Ernst meinen, Knud!— Du scherzest, nicht wahr?" (Fortsetzung folgt.) -) IVaturwirrenfcbaft und