Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 182. Donnerstag, den 20. September. 1906 lRach druck verboten.) Die Sandinger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Knud antwortete nicht. „Es ist also Dein Ernst. Du willst-- es ist wirklich Deine Absicht, daß—" „Ja, ich will mich mit Boel verloben. Ich schulde es ihr." Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. „Ktiud! Das ver— biete ich!" „Du hörst doch, daß ich sage, ich schulde es ihr, Mutter!" „Unsinn! Davon kann keine Rede sein. Das darf nicht geschehen! Es ist ja Wahnsinn! Wo hast Du Deine Ver- nunft gelassen, Knud? Willst Du Deine Karriere ganz ruinieren? Du, mit Deiner Zukunft— mit Deinen Verbindungen!— Es ist ja nichts als Uebereilung. Du hast Dich überreden lassen, das weiß ich. Das Mädchen hat es auf Dich abgesehen. Aber ich will kein Wort mehr davon hören.— Wie hast Du Dich nur so dumm verblenden lassen?" Jetzt war die Reihe zu starren an Knud,— er saß da wie aus den Wolken gefallen und wußte nicht, was er von dem Erguß der Mutter denken sollte. „Ich wundere mich eigentlich recht über Dich," sagte er schließlich.„Daß Du gerade nicht entzückt sein würdest, hatte ich mir ja allerdings gedacht,— ich bin es vielleicht selber nicht einmal. Aber was kannst Du mit Deinen Anschauungen im Grunde an Boel auszusetzen haben. Sie ist ja ein an- ständiges Mädchen, freilich aus armer, aber doch aus guter Familie—" „Aus guter Familie'— Ihre Eltern leben in den elendesten Verhältnissen, die man sich denken kann." „Jetzt übertreibst Du doch wohl. Ter Vater ist ja Parzellist!" „Wer hat Dir das gesagt?" „Das hat mir Boel selbst erzählt." „Dann hat sie gelogen. Der Vater ist ein armseliger Krüppel, der nichts verdient, und die Mutter ist ein wahres Scheusal von Zigeunerabstammung, zweifelsohne diebisch und versoffen, jedenfalls von allen ordentlichen Menschen ge- mieden. Das war ja gerade der Grund, weshalb ich seiner- zeit das Mädchen zu mir nahm.— Aber es verhält sich so, wie ich vorhin sagte. Du hast Dich verlocken lassen. Boel ist ja in vieler Hinsicht ein gutes, tüchtiges Mädchen, aber ich habe es doch aus allerlei herausgefühlt, daß auch in ihren Adern Zigeunerblut fließt." Knud sah die Mutter ungläubig an. Er traute ihr nicht recht. Boel konnte sicher nicht lügen. Aber um der Unter- Haltung jetzt ein Ende zu machen, bat er die Mutter, ihn allein zu lassen, damit er über das nachdenken könne, was sie ge- sagt hatte. 12. Boel befand sich wieder allein im Eßzimmer, wo sie be- schäftigt war, Lampen in Ordnung zu machen. Das Herz schlug ihr bis an den Hals, und sie war ganz schwindelig vor Angst und Spannung. Sie hatte Frau Gylling zu Knud hineingehen sehen, und nach dem, was sich bier heute morgen zugetragen hatte, konnte sie sich denken, miorüber nun da drinnen verhandelt wurde.— Wie würde die Sache aus- fallen? Würde sie gezwungen sein, mit Schimpf und Schande von hier zu fliehen?. Oder--? Oder--? Die Stube drehte sich um sie herum. Ihr wurde so matt in den Beinen, daß sie sich setzen mußte.-- Sollte ein großes, großes Glück ihr beschieden sein? Sollten ihre kühnsten Träume doch noch in Erfüllung gehen? Sie fuhr in die Höhe. Draußen auf dem Gang kam jemand. Es war Frau Gylling. Ihr wurde schwarz vor Augen, als die Tür sich auftat. Sie sah nur wie bei dem Aufflammen eines Blitzstrahls das lila Band auf Frau Gyllings Haube. „So, hier stehst Du, Boel?— Wenn Du mit den Lampen fertig bist, möchte ich gern ein Wort mit Dir reden. Ich bin in meinem Zimmer." Sie ging in die Wohnstube hinein. Die Tür schloß sich hinter ihr. Die j�üge in Boels Antlitz erstarrten. Der Klang in Frau Gyllings Stimme hatte ihr alles gesagt. Sie war ge- richtet. Sie war verworfen. Sie mußte also fort von hier. Und zwar noch heute. Ja, nicht einen Tag länger wollte sie unter einem Dach mit dem bleiben, der sie verraten hatte.— Aber wohin sollte sie nun fliehen? Sie kannte keinen Menschen in der ganzen Stadt. Draußen im Flur schellte es. Im selben Augenblick fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, daß es der kleine Uhrmacher- gehülfe sein müsse. Es war gerade der Tag und die Stunde, um die er zu kommen pflegte.— Ihm wollte sie sich ander- trauen. Er war immer so freundlich gegen sie gewesen. Er mußte ihr behülflich sein können, einen Ort zu finden, wo sie bleiben konnte, bis sie sich eine andere Stellung verschafft hatte. >sie eilte hinaus, um zu öffnen. Aber an Kasper Kappers Stelle stand dort ein ganz anderer Mann, der, den Hut in der Hand, sich als Abgesandter des Uhrenfabrikanten vorstellte. Boel fragte, ob denn der andere nicht komme. Nein, Herr Kapper habe sich heute in der Werkstatt nicht blicken lassen; er sei wohl krank geworden. „Ist er krank geworden?" fragte Boel tonlos. � „Ja, oder er hat andere Verhinderung gehabt. Gestern war sein Geburtstag, der hat sich vielleicht ein wenig in die Länge gezogen," sagte der Fremde und lächelte.--- Aus seinem Zimmer heraus hatte Knud zufällig diesen Wortwechsel gehört. Unter anderen Verhältnissen würde er kaum weiter darüber nachgedacht haben; jetzt aber ward sein Mißtrauen rege. Ein wenig ernüchtert, wie er nach der Unterhaltung mit der Mutter schon war, spähte er halb un- bewußt nach einem Ausweg, um sich mit Anstand aus dieser gewagten Affäre zu ziehen, in die er sich eingelassen hatte. Was für eine Mannsperson konnte es sein, nach der sie so interessiert fragte? dachte er. Der kleine Uhrmachcrgehülfe mit der Klappe vor dem Auge?— Er entsann sich, daß er einmal, als er nach Hause gekommen war, diesem Jüngling auf der Treppe begegnet war, und er meinte sich jetzt auch zu erinnern, daß er bei derselben Gelegenheit Boel sehr errötend angetroffen hatte. Sollte es denkbar sein, daß irgend eine Liebelei zwischen den beiden bestand— oder bestanden hatte? Diese erbärmlichen Wichte sollten ja eine sonderbare Macht auf Frauen ausüben können. Das las man ja in den Romanen. Hm! Die Mutter hatte Boel geradezu zur Lügnerin stempeln wollen. Wenn sie nun auch in erotischer Beziehung nicht ganz zuverlässig war, wenn überhaupt dieser Schimmer von ländlich frischer Unschuld, der sie so anziehend für ihn und für sie alle gemacht hatte, ein falscher Schein war, so--- . Er erhob sich entschlossen und öffnete die Tür. Boel stand noch da draußen auf dem Flur, nachdem sie den Uhr- macher in die Wohnstube hineingelassen hatte, und sie hörte ihn nicht, bis er dicht hinter ihr stand. Als sie ihn entdeckte, hätte sie fast einen Schrei aus- „Boel," sagte er.„Hören Sie doch einen Augenblick." Sie war auf die Eßstubentür zugeeilt, um ihm zu ent- weichen. Aber sein Ausruf hielt sie zurück. Es lag trotz des befehlerischen Tones etwas darin, was von neuem die Hoffnung in ihr entfachte. Sie blieb stehen, abgewendet, dw Hand auf dem Schloß,— gehorsam, willenlos, wie ein mit Füßen getretener Hund, der bei dem leisesten Wink seines Herrn still steht, in der Hoffnung, wieder zurückgerufen zu werden., „Sagen Sie mir doch, Boel.— ich mochte Sie gern nach etwas fragen,— möchte Dich gern etwas fragen. Es»st etwas, das an und für sich von untergeordneter Bedeutung ist, aber trotzdem—" Et ftflfetft Sbrvttig und war so verlegen, daß Boels Hoffnung wieder wuchs. Sie wandte sich halb um und sah ihn unsicher an. „Ja, wie gesagt, es ist nichts von Bedeutung," fuhr er fort.„Aber sag mir doch einmal,-- ich erinn.ere mich, Du hast mir von Deinen Eltern erzählt,— daß sie Parzellisten wären und in g«nz guten Verhältnissen lebten, und daß ihr eine schöne Häuslichkeit hättet und dergleichen. Wie verhält es sich eigentlich damit? Mutter teilt mir nämlich etwas ganz anderes mit. Aber Du bist doch diejenige, die am besten Bescheid wissen müßte." Boel war blutrot geworden. Gleichsam vor Scham zu Boden gedrückt, stand sie da und sah vor sich hin. Dann schlich sie leise von dannen, ohne ein Wort zu sagen. Knud kehrte in sein Zimmer zurück. Er wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er schlug sich vor die Stirn. Ja> wahrhaftig, er war blind gewesen! Eine durchtriebene Heuchlerin alio!— O, ländliche Unschuld! So also siehst du aus! (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) freucten der rtöusUcbkclt. Von C a m i l I e M e ch a n t. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. Paul Vermont, 30 Jahre alt, Ministerialbeamter und Bühnen- schriftstellrr. Anna Vermont, 25 Jahre alt, seine Frau. Georges Vermont, 3 Jahre alt, ihr Kind.— Es ist sieben Uhr abends. Paul kommt, erschöpft von der drückenden Hitze, die den ganzen Tag geherrscht hat, nach Hause. Paul(eintretend):„Uff I Die Hitze!" Anna(spitz):„Glaubst Du vielleicht, mir ist nicht auch heiß?" Paul:„Uni 3 Uhr zeigte unser Thermometer 34 Grade im Schatten I" Anna:„Nun, ich bin überzeugt, daß hier..." Paul:„Hier waren gewiß noch keine 25 Grade I Unsere Wohnung liegt nach Norden, folglich..." Anna(gereizt durch den Widerspruch, nervös):„Du hast rechtl" Paul(sie betrachtend):„Nanu? Du scheinst ja heute in einer Laune..." Anna:„Durchaus nicht I Ich bin bei ausgezeichneter Laune I ... Ich glaubte, mir sei heute heiß gewesen. Du versicherst mir das Gegenteil— als gehorsame Frau füge ich mich sofort Deiner Ansicht." Paul(lachend):„Welche Unterwürfigkeit! Die bin ich ja gar nicht an Dir gewohnt! Und Georges? Wo steckt der Junge?" Anna:„Im Schlafzimmer... zur Strafe I" Paul:„Ach! Was hat er denn verbrochen?" Anna:„Was er verbrochen hat? Er ist ein ungezogener Schlingel!(Die Schlafzimmertür öffnend.) Komm mal heraus, Du kleines Ungeheuer!(Das„Ungeheuer" tritt mit einer wahren Armensündermine ins Zimmer.) Erzähle Papa, was Du ge- macht hast!" Paul:„Was habe ich eben gehört? Du bist unartig ge- Wesen?"(Das„Ungeheuer" wirft einen bösen Seitenblick auf seine Mutter.) Anna(den Kleinen schüttelnd):„Willst Du wohl gleich Mama ein anderes Gesicht zeigen!" Paul(zu Georges):„Na, Kleiner, erzähle mal, was Du ge- macht hast!" Georges(mit Nachdruck):„Gar nichts habe ich gemacht'" Anna(böse):„Oh! Das ist aber zu stark... Wer hat die schöne, ganz neue Hose»aß gemacht, die ich eben erst geplättet halte? Ich vielleicht, ja... Dn garstiger Junge!" Georges:„Ich hab's nicht niit Absicht getan...." Anna:„Nicht mit Absicht getan! Nicht mit Absicht getan!" Georges:„Werd's nicht wieder tun. Mamachen!" Anna:„Ach! ich will nichts mehr von Dir wissen! Eine ganz neue Hose... die ich eben erst geplättet hatte..." Paul(lächelnd):„Solch ein Schlingel!" Georges:„Werd's nicht wieder tun, Papachcn!" Paul(heiter):„Na, schon gut!....Komm, schenk' Küßchen, kleines Ungeheuer I" Anna:„Ja, wenn Du darüber lachst..." Paul:„Ich lache? Ich bin der personifizierte Ernst!(Feier- lich) Georges, mein Sohn, höre mich genau an!(Das Kind richtet seine großen Augen fragend auf den Vater.) Wenn Du wieder ein- mal die schöne, ganz neue Hose naß machst, die Deine Mutter keine fünf Minuten vorher geplättet hat, schneide ich Dich in kleine Stücke und stecke Dich in den Ofen.(Streng:) Hast Du verstanden?" (Georges macht ein so entsetztes Gesicht, daß sein Vater nicht länger ernst bleiben kann, sondern m Lachen ausbricht; und das Kind wirft sich jubelnd in seine Anne.) Anna(wütend):„Du bist blödsinnig I" Paul:„Warum? Du hast ihn schon gescholten. ES ist nicht nötig, das Und derselben Sache wegen zweimal zu tadeln." Anna:„Es ist aber noch weniger nötig, seine Unarten zu beschönigen." Paul:„Ich begreife, daß Du Grund hattest, böse zu sein: eine schöne, ganz neue Hose, die Du erst eben geplättet hattest...' Anna:„Oh I keine Ironie, bitte! Glaubst Du vielleicht, das Kind versteht nicht, daß Du Dich über mich lustig machst, daß Du ihm beistehst? Sie ihn nur an!(Georges ohrfeigend): Da, da hast Du eins... weil Dein Vater gelacht hat!... Das wird Dich lehren..." Georges(heulend):„Nicht wieder tun!... Nicht wieder tun!"... P a u l(entrüstet):„Bist Du ganz von Sinnen? Ist das eine Art und Weise, ein Kind zu behandeln?(Zu Georges): Weine nicht, mein Junge!(Der Kleine heult stärker.) Weine nicht, ich kaufe Dir auch einen schönen Hampelmann!" Anna:„So ist's recht! Verziehe ihn nur gehörig! Versprich ihm Spielzeug! Du armer, kleiner Märtyrer! Deine Mutter hat Dich geschlagen, aber Dein guter Vater kauft Dir dafür einen Hampel- mann I" Paul:„Meine liebe Anna, Du bist heute abend unausstehlich mit Deiner Laune! Ich weiß nicht, ob es die Temperatur ist, die so auf Deine Nerven wirkt, aber tatsächlich..." Anna:„Es ist nicht die Temperatur,— Du bist's! Du ganz allein!" Paul:„Ich? Was habe ich getan? Was habe ich gesagt?" Anna:„Nichts hast Du getan, nichts hast Du gesagt, Du Unschuldslamm! Ich bin allein schuld I Ich bin verrückt I Du hast es ja eben erklärt. Und eines Tages wirst Du Dich meiner ent- ledigen und mich einsperren lassen, nicht wahr?(Georges packend.) Aber einstweilen marsch ins Bett, Du I Es ist Zeit für Dich l (drohend, da der Kleine Miene macht, zu protestieren):„Und schweige, rate ich Dir!"(Artig, ohne ein Wort zu sagen, läßt das Kind sich ausziehen.— Paul zuckt die Achseln, seufzt und geht sich umkleiden. — Langes Schweigen.) Paul:„Anna, es ist schon 8 Uhr!" Anna(schweigt). Paul(die Stimme erhebend):„Anna I" Anna:„Was? Warum schreist Du so? Ich bin doch nicht taub?" P a u l(an sich haltend):„Speisen wir bald?" Anna:„Wir speisen, wenn das Essen fertig ist." Paul:„Sehr fteundlich!(seufzend) Ja, ja, das ist ein Da- sein I" Anna:„Wie beliebt?" Paul:„Tagüber muß man eine geisttötende Arbeit verrichten und sich von einem idiotenhaften Chef schikanieren lassen. Dann, wenn man die Tretmühle des Bureaus verlassen hat, muß man stundenlang in den Vorzimmern der Theaterdirektoren warten, um zu hören, das eingereichte Stück sei noch nicht gelesen. Und schließ- lich, wenn man müde und matt nach Hause kommt, winkt einem als Erholung das Geplärr eines ungezogenen Bengels und die schlechte Laune eurer nervösen Frau. Nein, das ist wirklich kein Leben!" Anna:„Ist es vielleicht meine Schuld, daß die Direktoren Deine Stücke ablehnen und daß Dein Bureauchef Dich schikaniert?" Paul:„Davon ist ja gar nicht die Rede! Ich klage nur darüber, daß ich hier nicht die Erholung finde, auf die ich ein Recht habe." Anna(ironisch):„Oh! Du bist in der Tat sehr unglücklich I Wenn die Sorge um die Wirtschaft mir eine Minute Zeit ließe, würde ich Dich bedauern. Leider habe ich keine Zeit dazu!" Paul:„Hast Du vielleicht Zeit, den Tisch zu decken? Ich habe schon Magenschmerzen vor Hunger!" Anna:„Du sollst sofort bedient werden!(pathetisch) Ich werde Dich sofort bedienen!" Paul:„Oh! bitte, nicht diese Märtyrermiene I" Anna:„Märtyrermiene? Warum denn? Muß ich niich nicht im Gegenteil glücklich preisen, daß ich die Frau eines großen,— — verkannten Schriftstellers bin? Aber ernsthaft gesprochen_— ich wollte Dir das immer schon einmal sagen: bei Deinen schrift- stellerischen Versuchen hast Du auf Schritt und Tritt Aergcr und Verdruß, und die verbittern Dich und verderben Deinen Charakter!" Paul:„Ausgezeichnet! Ick, hätte also..." Anna:„Jawahl! Mama hat erst eben noch gesagt:„Warum hat Dein Mann auch die Schrulle, durchaus ein großer Schrift- steller sein zu wollen?" Paul(aufspringend):„Die Schrulle!" Anna:„Gott! Du weißt, Mama wägt ihre Ausdrücke nicht sehr." Paul:„Ja. ich weiß. Sie kennt nicht den Smn der Worte. Mso Deine liebe Mutter war da? Das hättest Du gleich sagen müssen! Dann verwundert mich Deine schöne Laune auch nicht weiter. Sie hat Dich wieder einmal gegen mich aufgehetzt!" Anna:„Ich schwöre Dir.. Paul:„Ja, ja. schon gut I... Ich sehe sie deutlich vor mir, wie sie sagt:„Statt schlechte Stücke zu fabrizieren, die kein Mensch aufführt, sollte Dein Mann sich lieber nach einer kleinen Neben- beschäftigung umsehen, die ihm ein paar Frank im Monat einbringt. Dann könntest Du Dir doch ein Mädchen halten!" Anna:„Kein Wort davon hat Mama gesagt!" Paul:„Schon gut! Ich weiß, wessen sie fähig ist, diese..." Anna:„Ich verbiete Dir, Mama zu beschimpfen I' Paul:„Jetzt wundere ich mich auch gar nicht mehr, daß das Essen noch nicht fertig ist! Sie hat Dir Deine Zeit gestohlen mit ihrem ekelhaften Papageigeplapper I" Anna:„Ich verbiete Dir.. Paul(schreiend):„Jawohl, Papageigeplapper I 8>/z Uhr und noch nicht einmal Tisch gedeckt I Unglaublich I"(Anna antwortet nicht. Sie stürzt ans Büfett. In wenigen Minuten ist der Tisch gedeckt.) Anna(eisig):„Bitte zu Tisch!" Paul:„Na endlich! Was gibt's denn heute?" Anna:„Hammelfleisch mit grünen Bohnen."(Sie trägt auf.) Paul(den Tisch betrachtend):„Das Salzfaß fehlt." Anna(erhebt sich und holt das Salzfaß.) Paul(nachdem sie fich wieder gesetzt hat):„Ach, wo ist doch der Korkenzieher?" Anna(erhebt fich von neuem und holt den Korkenzieher). Paul(mit affektierter Liebenswürdigkeit):„Und das Brot? Möchtest Du nicht, bitte, das Brot bringen?" Anna(erhebt sich zum drittenmal mit ungewohnter Folg- samleit, ohne Widerspruch vom Tisch):„Hast Du jetzt alles, was Du brauchst?" Paul:„Ja." Anna:„Na, dann gute Nacht und guten Appetit!"(Sie läuft hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu.) Paul:„Mir auch recht!(Er beginnt zu essen. Nach einer Minute, da seine Frau nicht zurückkehrt, ruft er) Anna!(Keine Ant- wort.) Anna, Dein Fleisch wird kalt!(Wieder keine Antwort. In gebieterischem Ton) Anna, ich ersuche Dich, zu Tisch zu kommen! (Absolutes Schweigen. Er springt auf, stürzt ins Schlafzimmer und stößt einen Schrei des Erstaunens aus) Wie? Du hast Dich ins Bett gelegt? Das ist aber doch zu stark! Du wirst so freundlich sein und zu Tisch kommen, verstanden?" Anna:„Ich bin nicht hungrig"...(weinend):„Und Du bist so garstig I" Paul:„Anna, ich bitte Dich..." Anna:„Nein, laß mich! Ich habe Dich bedient. Du hast alles, was Du brauchst. Nun lasie mich!" Paul(wütend):„Ach! hol' Dich der Teufel!" Er kehrt inS Speisezimmer zurück und setzt sich wieder an den Tisch. In wenigen Minuten ist er mit dem Essen fertig. Dann geht er in sein Arbeitszimmer und setzt sich an den Schreibtisch. Aber die Inspiration fehlt. Jede Zeile, die er schreibt, wird sofort wieder ausgestrichen. Schließlich wirst er die Feder fort und ergreift ein Buch. Die Lektüre übt eine beruhigende Wirkung auf ihn. Er unterbricht sie, um nachzudenken. Er überlegt, daß auch er nicht un- schuldig ist an dem soeben stattgehabten Zank. Er hat sich ein Ver- gnügen daraus gemacht, seine Frau zu reizen. Und er überhäuft sie mit Vorwürfen. Ein Geräusch an der Tür veranlaßt ihn, sich um- zudrehen. Anna(im Nachtgewand, mit nackten Füßen; schmollend):„Ich habe Hunger!" Paul:„Du hast Hunger? Oh. Du Aermste, ich habe alles aufgegessen I" Anna(eigensinnig):„Ich habe Hunger I" Paul:„Ich bin trostlos...(Da sie in Träne» ausbrechen will) Nein, nein, ich habe Dein Essen beiseite gestellt."(Er führt sie zu Tisch. Anna beginnt mit Appetit zu essen. Er betrachtet sie gerührt. Ihre Blicke kreuzen sich. Madame lacht.) Anna:„Du bist trotzdem garstig I" Paul:„Na. mein Liebchen, gestehe, daß Du..." Anna:„Ich habe unrecht gehabt, aber Du auch!" Paul:„Soll ich Dir etwas sagen? Das Wetter ist an allem schuld." Anna:„Fa...(Pause.) Findest Du nicht, daß es dumm ist, sich zu zanken?" Paul:„Dumm und lächerlich l" Anna:„Statt sich recht lieb zu haben, vergeudet man das bißchen Lebenszeit in törichten Streitigkeiten." Paul(melancholisch):„Das ist wahr!" Anna:„Wenn Du mich erregt siehst— gleichgültig, ob mit Recht oder nicht— mußtest Du dem Verlangen widerstehen, mich noch mehr zu reizen, müßtest Du der Kliigere sein,(lächelnd) Du bist doch der Aeltere I Und wenn Du ruhig bist, würde auch ich meine Ruhe schnell wiederfinden. So aber— ein Wort gibt das andere und man sagt schließlich das Gegenteil von dem, was man denkt. Nicht wahr, Mama ist kein giftiger Papagei?" Paul:„Nicht ivahr, es ist keine Schrulle, Stücke zu schreiben?" Anna:„Du warst heute im Ghmnasetheater?" Paul:„Ja... Immer noch kein Bescheid I" Anna:„Das ist ärgerlich!(Pause.) Worüber lachst Du?" Paul:„Ich denke an den armen Georges, den Du gestraft hast, weil ich lachte." Anna(beschämt):„Oh!... Ich..." Paul:„Das wird er nie vergessen. Solche Ungerechtigkeiten prägen sich dem kindlichen Gemüt für alle Zeiten ein!" Anna(verzweifelt):„Glaubst Du?" Paul:„Aber nicht doch I Ich sage das ja nur, um Dich zu necken I" Anna:„Komm! Wir wollen sehen, wie er schläft." Zärllich aneinandergeschmiegt, betrachten beide ihr Kind. In seinem weißen Bettchen schläft es sanft, die Züge von eine», glück« lichen Lächeln verklärt. Paul:„Er träumt vielleicht von dem Hampelmann, den ich ihm versprochen habe?" Anna:„Ich werde ihm auch einen kaufen/— Kleines Feuilleton. fl. Stadt, icbel. In Reisebeschreibungcn liest man oft von der „dicken Rauchwolke, die über der fernen Stadt lagerte". Das ist wohl meist übertrieben; denn eine Stadt mutz schon sehr groß sein, um über sich eine dicke Wolke zu haben oder wenigstens so liegen. dah die auft'teigenden Dünste und die Nebelbildungen schlechleu Ab- zug haben. Als ich kürzlich im Stratzenzuge der Bismarckstratze von dem erhöht liegenden Westend auf das ganz naheliegende Häuser- meer von Charlottenibiirg und Berlin blickte, habe ich eigentlich zum ersten Male eine„dicke" Wolke über der Stadt wahrgenommen. An sich braucht die Wolke gar nicht so dicht zu sein; blickt man aber ans die schmale Kante, so mutz mau der Länge nach hindurchsehen und dann ist sie undurchsichtig, wie eine Fensterscheibe undurchsichtig wird, wenn nran durch die schmale Kante in der Längsrichtung hin- durchblickt. Es dürfte wohl schon jedem aufgefallen sein, datz die Atma- sphäre der Städte häusiger von Wolken getrübt ist als die de« freien Landes. Das kommt in erster Linie von der Anwesenheit des Staubes. Staub und Nebel hängen nämlich sehr eng zusammen. Durch physikalische Versuche kann man das unschwer nachweisen. ES ist ja leicht, künstliche Nebelbildungen in einer Glasglocke zu er- zeugen. Ist nun die in der Glocke eingeschlossene Luft staubfrei, so ist es viel schwerer, eine kräftige Nebclbildung hervorzurufen, als Ivenu man nicht gereinigte staubhaltige Zimmerluft unter der Glocke hat. Gerade Zimmerluft ist nämlich autzerordentlich staub- haltig. Zählt man die in einem Kubikzentimeter enthaltenen Staub- teilchen— das ist durch physikalische Methoden möglich—, so findet man darin leicht 2 000 000 Teilchen, an der Zimmerdecke sogar leicht 6 bis 6 000 000, während die Äutzenluft viel weniger, kurz' nach den Regen oft nur 20 000 bis 30 000 enthält. Da nun jedes Staub- teilchen als Kondensationskern gilt, d. h. es dem in gasförmigem Zustande in der Atmosphäre schlvcbenden Wasserdampf unter sonst gleichen Umständen erleichtert, sich abzusetzen, so sieht man ein, datz die Anwesenheit des Staubes die Nebotbildung begünstigt. Je mehr und je feiner der Staub ist, desto dichter sind die Nebel und desto länger halten sie sich in der Lust. Daher sind die Stadtnebet dichter als die ländlichen. Ter andauernd grötzere Staubgehalt ist aber auch die Ursache der grötzeren Häufigkeit der Nebel in der Stadt. Da besser« Verbrennungseinrichtungen die Staubmeng» wenigstens teilweise verringern können, so ist durch deren Ver- besserung zu hoffen, datz die Häufigkeit, Tauer und Dichte unserer Städtenebel verringert werden kann Vollkommenere Verbrennung würde sicher die Dichte der Londoner Nebel beseitigen und st« wenigstens reiner und weitzer machen. Denn dadurch würde der Rauch beseitigt, der sich gegenwärtig mit dem Stadtnebel mischt und ihn verhindert, sich aufzulösen, selbst wenn er ins Zimmer eindringt. Rauch fällt während des Nebels nieder, denn die Rauchteilchen besitzen ein gutes Strahlungs- also auch Wärmeausstrahlungs» vermögen, kühlen sich rasch ab und bilden so die schon erwähnten Kondensationskerne für den Wasserdampf. Dadurch iverden die Rauchteilchcn schlverer und fallen nieder. Niedersinkender Rauch wird daher häufig als ein Zeichen baldigen Regens aufgefatzt, denn er zeigt an, dah die Atmosphäre mit Wasserdampf gefätngt ist. Die Menge des in der Luft schwebenden.-taubes ist natürlich in den Höhenschichten sehr verschieden. So stellte Aitken am 2». Mai 13S0 Untersuchungen auf dem Eifelturm in Paris an. Das Wetter war wolkig und stürmisch bei Südwind. Tic meisten Beobaayungen wurden ans dem Gipfel des Turmes gemacht, oberhalb der obersten Plattform und gerade unter der Laterne für das elektrische Licht. Dort änderte sich die Zahl der Staubteilchen sehr schnell, ein Bewei» dafür, datz die unreine Stadtluft sehr ungleichmätzig verteilt ivar, und datz sie in grötzeren Mengen in die reinere obere Luft aufstieg. Zwischen 10 Uhr vormittags und 1 Uhr nachmittags wurden die Grenzzahlen beobachtet von 104 000 und 226 Staubteilchen pro Kubikzentimeter. Die letztere Zahl wurde erhalten, während eine Regenwolle über dem Turm stand und der herabfallende Regen die Städtluft niederzuschlagen schien. Die niedrige Zahl hielt einige Zeit an. Als man am selben Tage die Pariser Luft zu ebener Erde im Garten des meteorologischen Instituts untersuchte, schwankte dorr die Staubzahl zwischen 210 000 und 160 000 pro Kubikmeter. Am 1. Juni untersuchte Aitken die Londoner Luft. Die vom Battcrsea bei frischem Südlocslwinde kommende Luft enthielt zwischen 116 000 und 48 000 Staubteilchen pro Kubikzentimeter. Man darf übrigens auf die Untersuchungen der Stadtluft nicht viel Wert legen, weil die Luftzirkulation mit der Umgebung die Verhältnisse nicht genau er- kennen lätzt. Um nur einen ungefähren Begriff von der Gewuhtsmeuge des über einer Stadt schwebenden Staubes zu geben, sei bemerkt, daß Ahmann durch seine Beobachtungen, die er 1882 über dem west- lichen Teile von Magdeburg, also an der weniger staubreichen Wind- feite anstellte, in 31 Meter Höhe im Mittel 3 bis 4 Gramm Staub im.Kubikmeter Lust fand. Er berechnete daraus, datz über der damals etwa 2 Quadratkilometer großen Stadt in einer 3l> Meter hohen Luftschicht mindestens 300 Kilogramm Staub(6 Zentner) fchwebten. Durch Regen wurde die Staubmenge auf ein Zehntel vis ein Zwanzigstel jenes Wertes herabgemindert. Der Staub besteht vornehmlich aus feinen Sandteilchen, die durch die Abnutzung des Pflasters entstehen, aus den Abnutzungs- Produkten des Schuhwerkes, dem Kote der Tiere. Rauch usw. Auch organische Bestandteile wie� Bakterien finden sich darin in großer Menge. Tie durch diesen Staub bewirkte Trübung der Atmosphäre ist hauptsächlich mechanischer Art, d. h. es werden viele Strahlen durch die kleinen Körperchen abgehalten, während die optischen Er- scheinungen in der Atmosphäre hauptsächlich an das Vorhandensein von Waper geknüpft sind. Der Staub ist natürlich wegen seiner ge- sundheitSschädlichen Eigenschaften ein großes Uebel, namentlich in den Städten. Dennoch übt er auch einige günstige Wirkungen. Denn der Rauch als Bestandteil des Standes ist ein gutes Mittel, übel- riechende Stoffe zu absorbieren. Aehnliches gilt vom Schwefel, der sich als besonders reiche Quelle für atmosphärischen feinen Staub erwies und in den Kohlen in großer Menge vorhanden ist. In London werden täglich 300 bis 400 Tonnen Schwefel in der Kohle verbrannt! Im Rauch tritt das in Form der schivefeligen Säure hervor, die die unangenehmsten Eigenschaften besitzt, dennoch aber ein vorzügliches Desinfektionsmittel ist.— Die Luftverhältnissc in den Tunnels der Untergrundbahn in New fwrk bilden den Gegenstand eingehender Untersuchungen, welche der Ingenieur Georg A. Soper kürzlich angestellt hat. Die steten Klagen über die schlechte Luft in der Untergrundbahn hatten die Behörden veranlaßt, Soper mit diesen Untersuchungen zu be- auftragen, die fich auf Temperatur, Feuchtigkeits- und Staub- gehakt der Lust, schlechten Geruch und Bakterien erstreckten. Die Temperatur war, wie„Prometheus" nach der„Zeitschr. d. Ver. Deutsch. Eisenb.-Verw." berichtet, in den Tunnels stets merklich höher als auf der Straße; in den Monaten Juni, Juli und August durchschnittlich 20,5 Grad Celsius gegenüber der Straßentempe- ratur von 22,65 Grad Celsius. Als Ursache der Temperatur- erhöhung nimmt Soper die große Zuggeschwindigkeit(40,4 Kilo- meter in der Stunde durchschnittlich), dann aber besonders die Energiemenge an, die durch den Bahnbetrieb auf verschiedene Weise in Wärme verwandelt wird, so durch die Motoren und durch die Reibung der Räder auf den Schienen und an den Bremsklötzen. Da diese Wärmeerzeugung sich nicht vermeiden läßt, empfiehlt Soper gute Bentilationseinrichtungen und Schaffung direkter Ocffnungen nach der Straße oberhalb der Stationen, um so den Tunnels stets frische, kühle Außenluft in ausreichender Menge zu- zuführen und dadurch die Temperatur möglichst der Straßen- temperatur zu nähern. Die Feuchtigkeit der Luft in der Unter- grundbahn ist meist geringer als die auf der Straße. Zu ernsten Bedenken gibt der schlechte Geruch in den Tunnels und besonders der dort herrschende Staub Anlaß. Den Geruch führt Soper auf die großen Menschenansammlungen, Anstrichfarben, Maschinenöl und die zur Verwendung gelangenden Desinfektionsmittel zurück; ausreichende Ventilation würde auch hier Besserung schaffen. Der Staub in den Tunnels ist geradezu gesundheitsgefährlich; er ent- hält nach der Analyse etwa 03 Proz. Eisen, welches häufig in großen, dem bloßen Auge sichtbaren Teilchen vorkommt. Dieser Eisenstaub dürfte durch die Reibung der Räder an Schienen und Bremsen entstehen; dagegen hilft nach Sopers Ansicht nur häufige und gründliche Reinigung der Tunnels. Bakterien hat Soper weniger gefunden als auf den Straßen. Medizinisches. ss. Nierenleiden und Augenleiden. Die Unter- suchung der Augen liefert dem Arzte häufig Anhaltspunkte für das Erkennen von Krankheiten, die mit den Augen scheinbar in keinerlei Verbindung stehen. So ist die Augenuntersuchung z. B. bei der Syphilis und bei gewissen Gehirnerkrankungcn ein wich. tiges diagnostisches Hülfsmittel. Die„Central-Zeitung für Optik" erwähnt, daß mindestens 20— 25 Proz. aller Nierenerkrankungen von krankhaften Veränderungen im Auge begleitet sind. Der Zu- sammenhang zwischen Augenleiden und Nierenleiden ist erst vor ungefähr 50 Jahren erkannt worden. Man erklärt fich diesen Zu- sammenhang dadurch, daß gewisse Stoffe, die infolge des Nieren- leidcns im Blute abgelagert werden, in die feinen Gefäße des Augeninnern gelangen und dort Veränderungen bewirken. Ge- wöhnlich treten diese erst dann auf, wenn das Nierenleiden bereits längere Zeit bestanden hat. Als eine Folge von Nierenleiden sind vor allen Tingen die Entzündungen der Netzhaut anzunehmen, in zweiter Reihe kommen die Entzündungen des Sehnervs in Be- tracht. Andere Erkrankungen, wie Augenmuskellähmungen, der Star,- die Sehschwäche, stehen meistens nicht mit Nierencrkrankun- gen im Zusammenhang. Wenn eine Netzhautentzündung besteht, so haben die Patienten den Eindruck, durch einen Schleier zu sehen, zuweilen erscheinen auch einzelne Flecken vor dem Auge. Gleich- zeitig pflegt die Sehschärfe abzunehmen. Aehnlich äußert sich die Sehnervcncntzündung, doch kommen in diesem Falle gelegentlich plötzliche Erblindungen vor. Im Verlauf eines Nierenleidens stellen sich auch weniger ernste Augenerkrankungen ein, z. B. Lid- schwellungen und Blutungen in der Bindehaut, seltener Regen- bogenhautentzündungen.— Hydrographisches. dt.„Neuere Versuche über die Bewegung des Grundwassers" hieß das Thema, da? Direktor Haedicke aus Siegen am Dienstag auf der 78. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Stuttgart(in der Abteilung für an- gewandte Mathematik und Physik) behandelte. Der Redner wendete sich gegen die immer noch vielfach aufrecht erhaltene Theorie des Aristoteles, wonach das Grundwasser lediglich ein- gesickertes Regcnwasser sei, und erläuterte die Unmöglichkeit dieses Vorganges durch eine große Zahl von Beispielen sowie durch ver- schieden« Versuche. Schon vor 200 Jahren habe de la Hire durch Versuche nachgewiesen, daß unter gewöhnlichen Umständen kein Regenwasser in die Tiefe gelangen könne, und habe die Entstehung des Grundwassers auf die Kondensation der aus dem Boden auf- steigenden Dämpfe zurückgeführt. Diese Annahme würde auch heute noch stellenweise zugrunde gelegt. Der Erste, welcher die anscheinend richtige Erklärung gegeben habe, sei Dr. Otto Volger, Frankfurt a. M., gewesen; eine in seinem Nachlaß vorgefundene Handschrift sagt klar und deutlich: Die Luft durchdringt den Boden, wie sie nach längst bekannten Versuchen sogar Steine zu durch- dringen vermag, und nimmt die in ihr enthaltene Feuchtigkeit mit hinein. Diese muß sich dort nach bekannten Gesetzen nieder- schlagen, wie che Fensterscheiben beschlagen und das mit frischem Wasser gefüllte Glas sich mit einem Tau überzieht. Volger hat aber keine Beweise für seine Theorie erbracht und konnte daher keine Anerkennung erlangen. Redner führte nun einen Versuch vor, welcher während des Vortrages gewichtsmäßig nachgewiesene Feuchtigkeit liefert, und zeigte durch weitere Versuche, wie diese Erscheinung, ganz abgesehen von der sich daraus von selbst ergeben- den Erklärung des Grundwassers, des Taues und Reifes, technisch zur Wassergewinnung verwertet werden kann. Er belegte dies durch den Hinweis auf verschiedene von ihm angestellte Versuche sowie durch einige Experimente und wies so nach, wie man dem Boden Wasser entziehen kann, auch ohne daß eine natürliche An- sammlung stattgefunden hat.— Notizen. —„Mutter und Tochter" heißt ein neues Drama von Paul H e h s e; die ersten beiden Akte dieses Stückes sind im Oktoberheft der Zeitschrist„Nord und Süd" veröffentlicht.— — Scribes Lustspiel„Ein Glas Wasser" wird noch vor Weihnachten im Reuen Schauspielhause in einer Neu- bearbeitung herauskommen.— — Erfolg hatten: Ernst Klein? Schwank„Die Er- ziehung zum Don Juan" im Wiener Raimund-Theater und Ludwig Wolffs Einakter„Andulka" im Wiener Lustspiel- Haus.— — Eine Theateraus tu nftei soll zu Beginn der Winter- spielzeit 1907 ins Leben gerufen werden. Das Institut will Theaterdirektoren genaue Auskunft über zu engagierenden Bühnen- küststler geben.— — Franz Liszt soll in seinem Geburtsort Doborjan(Un- garn) ein Denkmal erhalten; das Monument soll zu seinem 100. Geburtstage(1911) enthüllt werden.— —„Rigoletto" wird im O p e r n h a u s neu einstudiert; Solopartien und Chor gelangen in italienischer Sprache zur Auf- führung.— — Die Erstaufführung der Operette„Madame Gogo" im Theater des W e st e n s, die am 25. September stattfinden sollte, ist verschoben worden.— — Die Herausgabe einer„Geschichte de? Institut de France" ist von den fünf Akademien, die dieses Institut bilden, beschlossen worden. Mit der Ausführung des Werkes wurden die Sekretäre der Akademien bettaut.— — Ein deutscher Erziehungstag wird am 2. und 3. Ottober in Weimar abgehalten werden.— a. AuS der mittelalterlichen Rezeptküche. Wie weit in das 18. Jahrhundert hinein der Tiefftand der Mittelalter- lichen Heilkunde und der Verbrauch der unglaublichsten und wieder- wärtigsten Heilmittel anhielten, beweisen folgende Rezepte, die der im Jahre 1743 in mehr als 40 Bänden zu Leipzig und Halle erschienenen Encyklopädie von Zedier entnommen sind. Es heißt da unter„Slotani Oleum":„Nehmt im Frühlinge 6 Pfund Baumöl, 2 junge Hunde, 12 Frösche, 4 Hände voll gereinigter Regenwürmer und 3 Pfund ohne Wein destilliertes Wachholderwasser, kocht dieses miteinander, bis alles versotten und die Feuchtigkeit fast verzehret, seiget es durch und tut dazu: Menschenfett, Skorpionen, Murmeltier und süß Mandelöl, von jedem Va Pfund, mischt es und verwahret es in einem weiten Glase".— Gegen Sodbrennen wird folgendes Shmpathiemittel empfohlen:„Hänget in einen Winkel des Hauses einen Strick, so mit Wagenschmiere, die rniS einem Rade gelaufen, beschmieret worden, und wenn der Sod brennet, so gedenket an diesen Strick, so vergehet das Sodbrennen."— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagsanstallPaul Singer öcTo..Berlin SW,