Nnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 183. Freitag, den 21. September. 1906 (Nachdruck verboten.) � Die SaneUnger Gemeinde» Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann- 13. Nachdem die Männer, die den stöhnenden Kasper Kappcr die Treppe hinaufgetragen, ihn zu Bett gebracht hatten, stellte es sich heraus, daß noch mehr Leben in ihm war, als man an- fänglich geglaubt. Es war mehr die Angst als die Krankheit selber, die seine Ohnmacht hervorgerufen hatte; und nachdem er ein wenig Wasser bekommen, und Madame Fuß— die endlich auch erschienen war— ihm ein Paar Hoffmanns- tropfen verabfolgt hatte, fühlte er sich so wohl, daß er sich für ganz gesund hielt. Er hatte nicht einmal gewollt, daß nach einem Arzt geschickt werden sollte— er wisse sehr wohl, sagte er, was ein Nachtbesuch koste— und so beruhigte man sich dabei, ihn ohne Aufsicht den Rest der Nacht liegen zu lassen. Aber gesund war er nun doch nicht. Die Eitelkeit hatte sich gerächt. Die kalte Abendwanderung in den dünnen Sommerkleidern hatte er nicht vertragen können. Als Madam Fuß früh am Morgen bei ihm einsah, trat ihr ein Anblick entgegen, der sie veranlaßte, vor Entsetzen die Hände vor das Gesicht zu schlagen. In einem Bett, wo Bettücher und Decken eine zusammen- gerollte Verwirrung bildeten— auf einem Kopfkissen, das dunkel von Schweiß war, lag Kasper Kapper und starrte zu ihr auf wie eine Leiche. Das dunkle Haar saß an die Stirn fest- gekleistert, um den Mund und ganz über die Nase hinauf und iiber den eingefallenen Wangen war das Gesicht bläulich von Todeskälte. Die mageren Hände mit den langen Fingern bewegten sich über die Steppdecke, als suchten sie noch etwas, das sie umklammern wollten. Unter dem rotränderigen, auf- geschwollenen Augenlid lag das große, braune Auge wie mit einer Haut überzogen, es sah Madam Fuß mit einem er- starrten Blick an, der voller Angst gleichsam das Mitleid ab- zuwehren suchte. „Herr Du meines Lebens!— Was ist dies hier?" rief sie fast mit einem Schrei aus. „Sie müssen entschuldigen, Madam Fuß," antwortete er mit einer tiefen, klanglosen Stimme, die kaum zu hören war. „Es sieht hier nicht schön aus. Ich bin wieder krank ge- Wesen.— Ich habe mich gebrochen. Ich versuchte, Sie zu wecken— ich habe an die Wand geklopft— aber Seine Stimme verschwand jetzt gänzlich und sein Auge schloß sich und sank wie in einer neuen Ohnmacht in den Kopf hinein. Sobald Madam Fuß in Anzug kommen konnte,— das heißt in einen engen, hinten beschleiften, im übrigen von Alter grünen, faserigen Mantel, eine blankgetragene, wattierte Nebelkappe und ein paar schwarze über und über gestopfte baumwollene Handschuhe, ohne welche sie sich geschämt haben würde, sich auf der Straße blicken zu lassen,— ging sie aus, um einen Arzt zu holen. Gegen Mittag kam denn auch endlich ein kleines, graues Männchen mit grauem Zylinderhut, grauem Ueberrock und kleinen, grauen, zwinkernden Augen, mit denen er das Zimnwr interessiert und sehr umständlich musterte, sobald er ein- getreten war. Dann setzte er den Hut aus den Tisch, nachdem er zuvor mit dem Finger die Platte untersucht hatte, zog ein paar Handschuhe von den Händen, rollte sie zusanimen und legte sie in den Hut hinein, zog darauf ein Brillenfutteral aus der hinteren Rocktasche, öffnete es vorsichtig und setzte mit großer Sorgfalt eine Brille auf, nahm sie wieder ab und holte sein Taschentuch heraus, hauchte auf die Gläser und fing an, sie zu putzen,— alles ohne ein Wort zu sagen und ohne dem Patienten auch nur einen Blick geschenkt zu haben. Als er endlich die Brille wieder auf die Nase gesetzt hatte, be- trachtete er das Vogelbauer unter der Decke genauer, das während der ganzen Zeit seine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, und fragte: „Ist es ein Hänfling?" ..Ja," antwortete Kasper heiser. „Ein Weibchen?" „Ja, ein Weibchen P „Ganz nett. Wirklich ganz nett.— Na!" unterbrach er sich endlich selber und machte sich daran, den Patienten zu untersuchen. Während der sehr langwierigen und sorgfältigen Untersuchung gab Kaspar genau acht auf den Ausdruck in dem Gesicht des Arztes, und als das graue Männchen einmal bedenklich den Kopf schüttelte, ward es ihm einen Augenblick schwarz vor Augen. Als der Doktor fertig war, nahm er die Brille ab, steckte sie mit großer Umständlichkeit wieder in das Futteral und sagte: „Es wird am besten sein, wenn Sie ins Krankenhaus kommen." Kasper, dessen Blick unverwandt an dem Antlitz des Arztes hing, antwortete, indem er die Lippen bewegte. Der Doktor stand wieder eine Weile vor dem Vogelbauer. während er seine Handschuhe anzog: „Piep!— Piep!" sagte er und steckte eine Fingerspitze zwischen die Stäbe,— er hatte den Kranken bereits vergessen und lächelte munter. Jetzt aber raffte Kasper allen seinen Mut zusammen und fragte, ob der Doktor glaube, daß Gefahr vorhanden sei. Ter graue Mann wandte sich nach ihm um und sah ihn mit einem Blick an, der ihm wie ein eisiger Schauer durch das Mark ging. Es way» als habe er seinen eigenen Geist gesehen. „Gefahr? Ja, das kann man nie wissen. Ucber Leben und Tod wissen wir Menschen nichts. Auch die Acrzte nicht. — Ich will jetzt dafür sorgen, daß einer von den Krankenhaus- wagen Sie holt, liegen Sie nur so lange ganz still.— Adieu!" Als Kaspar Kapper allein geblieben war, lag er lange unbeweglich da und ließ angsterfüllt seinen Blick durch das Zimmer gleiten,— von den roten Kattun-Fenstervorhängen mit der weißen Einfassung, die das Werk seiner eigenen Hände waren, und deren schwieriger, aber glücklich beendigter Herstellung er sich plötzlich mit sonderbarer Klarheit er- innerte— hinweg über die Bauer unter der Decke mit dem Dompfaff und dem Hänfling, die auf ihren Stangen hüpften, und den weißen Mäusen, die an einer Brotkruste nagten und an dem Wasser in dem gerissenen Uhrglas schnüffelten, das er selber einmal laput gcinacht hatte— zurück über den Kleiderschrank mik seinem guten, fast neuen, immer so sorg- fältig abgebürsteten Sonntagsanzug— und schließlich an die Wand über dem Bett zu dem kleinen viereckigen Bilde von seiner wehmütig lächelnden Mutter, dieser Mutter, die er nie gesehen, die aber die einzige Frau war, die ihn ge- liebt hatte. Und von dem allen sollte er sich jetzt für ewige Zeit trennen! War das möglich?— Nein, nein! Er konnte nicht verstehen, daß er nichts mehr voin Leben zu erwarten hatte. Es würde doch zu unverständlich sein, wenn seine Mutter ihr Leben hätte lassen müssen, um ihm ein Dasein wie das zu schenken, das bisher sein Los gewesen war! Ach, hätte sie nur gelebt! Nie hatte er gewußt, was es heißt, geliebt zu werden! Nie hatte er ein liebevolles Wort in seinem Ohr gehört, nie eine weiche, warme Hand auf seiner Wange gefühlt.* Der Regen schlug in Strömen gegen sein Fenster, und der Sturm klapperte mit den Dachsteinen über seinem Kopf— und doch hätte er gerade jetzt so gern gelebt. Er faltete seine zitternden Hände und betete so flehentlich, so demütig. so bitterlich verzweifelt zu Gott, daß er ihn nicht möge sterben lassen. Er gelobte, fortan ein besseres Leben zu führen, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und auf der Straße nie mehr nach den Mädchen zu sehen oder sich in das Gedränge zu stürzen, um Gelegenheit zu haben, sich an die Damen heranzudrängen. Auch kleinen Kindern wollte er nie wieder nachstellen, und er versprach, seinem Prinzipal prompt die fünf Kronen zurückzubezahleu, die er sich einmal unrechterwcise von dem Betrag einer Rechnung angeeignet hatte, und er wollte weitere fünf Kronen für den Umbau des Heiligengeistkirchturms geben,— wenn er nur am Leben bleiben durfte.. Und das Leben war doch so schön! Es konnte unmöglich alles für ihn vorbei sein! Wenn er alle diese Sachen ansah, die ihm gehörten, ihm und niemand sonst in der Welt, für sein Geld gekauft, mit seiner sauren Arbeit bezahlt, so wollte er nicht daran glauben, daß irgend ein anderer sie in Zukunft sein Eigentum nennen würde. Gott konnte das nicht wollen. Sollte er nie mehr den Dompfaff Zeus rufen oder mit dem Finger über Philippinens weiche Federn streichen? Wer sollte dann den Mäusen Brot geben— und— ja, wer sollte dann im Sommer einen frischen Kranz um das Bild hier über dem Bett hängen? Das hatte er nun doch so getreulich alle die vielen Jahre getan.— und das mußte ihm doch ein wenig zugute kommen, meinte er, so daß Gott Barmherzigkeit üben mußte. Aber wenn es nun doch nicht anders werden konnte? Wenn er wirklich von all seinem Reichtuni davon mußte? Ja, dann müßte es also geschehen. Er entsann sich, daß geschrieben stand, mit Gott solle man nicht ins Gericht gehen. Und dann hatte er ja auch wohl einen großen Trost, eine große Freude in Aussicht— dann würde er seine Mutter sehen. Ach, wie oft hatte er sich nicht in seinen vielen schwer- mütigen Augenblicken zu ihr gewünscht! Wie hatte er sich nicht zeitenweise danach gesehnt, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen und zu weinen. Und nun würde das vielleicht geschehen.— Nach Verlauf von einigen Stunden kam der Kranken- wagen. Madam Fuß öffnete die Tür, und man hörte schon die Leute aus dem Krankenhause unten auf der Treppe. „Madam Fuß," sagte Kasper, er war plötzlich merkwürdig ruhig und gefaßt geworden,„falls— ich sterben sollte—" „Ach Gott, Kappcr, Sie nmchen mich so bange," jammerte sie. � „Falls ich sterben sollte—Ho wollte ich gern, daß Sie Zeus und Philippine ihre Freiheit geben. Und die Mäuse--" „Herr Du meines Lebens, was soll ich mit denen machen, Kapper?— Die ersäufe ich!" Kasper nickte. „Und dann ist da noch das Bild meiner Mutter. Das— das— das—" „Na ja," fiel Frau Fuß hülfsbcreit ein und trocknete ein klein wenig Feuchtes niit ihrer Schürze aus den Augen- winkeln,„ich kann mir denken, was Sie wollen, Kapper--- Sie woll'n es mitnehmen— so in den Sarg hinein, nicht? Ach ja, das ist auch so nett." Kasper schloß die Augen ganz fest. In der Tür standen die Krankenwärter mit der Tragbahre. 14. Der große Krankensaal, in den Kasper Kapper gebracht Wurde, war fast ausschließlich mit Patienten belegt, die sich in der Besserung befanden. Sie lagen bei seiner Ankunft und schlummerten und schliefen nach der eben eingenommenen Mittagsmahlzeit, und öffneten kaum die Augen, als er herein- getragen wurde, so ungern rissen sie sich von ihren Träumereien und Hospitalphantasien los, die sich alle um mehr Essen bewegten. Nur in der einen Ecke lag ein junger Mann und wälzte sich unruhig im Fieber. Als Kapper erst in seinem Bett zur Ruhe gekommen war, fühlte er sich ganz behaglich. Nach �er Trennung von den irdischen Tingen, an die sein ganzes Leben geknüpft war, hatte er gewissermaßen mehr Ruhe gefunden. Dieser große, lustige Raum und der stille Friede, der ihn hier umgab, taten seineni Herzen wohl. Es war, als habe er schon den ersten Schritt in die Ewigkeit getan. Mit einem eigenen, halb überirdischen Interesse lag er da und lauschte den Atemzügen der vielen Schläfer. Ihm gerade gegenüber, an der entgegengesetzten Wand, lag ein Mann mit mächtigem Bart und Haarwuchs und schnarchte gewaltig. Am Fenster saß die dicke Wärterin, ein Strickzeug im Schoß. Auch sie schlief. Er konnte hören, wie der Atem in ihrer Brust arbeitete, so still war es da. (Fortsetzung folgt.; (Nachdruck verSolen.) Der JVIceresbodcn. Wenn man von einem durch die Windstille mitten auf dem Meere zurückgehaltenen Schiffe über Bord irgend einen schweren Gegenstand wirst, so sieht man ihn in das blaue Wasser hinab- steigen, das ihm seine Färbung mitteilt; der Glanz des Gegen- standes erblaßt und verschwindet, aber wenn er seinen Sturz fort- setzt, so muß er früher oder später den festen Boden erreichen. In welcher Entfernung befindet sich dieser Boden? Ist er überall unter der gewaltigen Ausdehnung der Fluten gleichweit von der Ober- fläche entfernt? Seit Jahrtausenden beschästigen solche Fragen die Menschen. Sie sind heute, wenn auch nicht vollständig, so doch hinreichend genug gelöst, um unseren ersten und wichtigsten theoretischen Bedürfnissen zu genügen. Dazu waren 3000 Jahre Arbeit nötig. Die Frucht der Wissenschast reift langsam. Die Gesamtmasse der ozeanischen Gewässer wird auf 1 27g 000 000 Kubikkilometer geschätzt. Diese Ziffern sagen unserem Verstände nichts, aber eine Vergleichung wird ihre Tragweite in das richtige Licht rücken. Seit der Geburt Christi bis zum Jahre 1901 ist genau eine Milliarde Minuten vergangen. Unter der An- nähme, das augenblickliche Meeresbassin sei leer, würde ein gewal- tiger Fluß, der in der Minute ein Kubikkilometer Wasser abgeben und seit Beginn der christlichen Aera fließen würde, noch etwa 600 Jahre weiter fließen, bevor er jenes Bassin so ausfüllte, wie es heute ist. Wie sieht es nun auf dem Meeresboden, über dem sich so gc- waltige Wasscrmassen lagern, aus? Wir haben durch das Tics- seelot und durch die Tiefsecnetze eine, wenn auch nicht erschöpfende, so doch ziemlich genaue Kenntnis über das Bodenrelief des uner- gründlichen Meeres und seiner Tiefen. Hier auf die Lotungen und die Forschungen mit den Schleppnetzen genauer einzugehen, ist nicht unsere Absicht. Wir berichten hier lediglich, was die Tiessee- Untersuchungen über die Gestalt, die Ablagerung und die Tiefen- Verhältnisse ergeben haben. Während jeder einigermaßen Unterrichtete das Relief der Erd- oberfläche der Kontinente im wesentlichen kennt und weiß, in welchen Gegenden der Erde die höchsten Erhebungen zu suchen sind, die etwa 6000 Meter Höhe übersteigen, pflegt die Kenntnis von der Boden- gcstaltung der Meere und der vorhandenen Meerestiefen in der Regel auf den kleinen Kreis der Fachleute beschränkt zu bleiben. Die meisten Menschen vergegenwärtigen sich kaum, daß das Meer nicht minder bedeutende Niveauverschiedenheiten ausweist als das Land, und stellen sich womöglich unter dem Boden der Ozeane eine große, ebene Fläche vor, die nur an den Küsten ein sanftes Auf- steigen bezw. Absinken aufweist. Tatsächlich sind die Nivcauuntcr- schiede in den Meeren zuweilen noch weit grotesker als auf dem Lande; an manchen Stellen findet man aus den größten Meeres- tiefen plötzlich, fast ohne jeden vermittelnden Uebergang, Inseln an die Oberfläche emporragen. Ties gilt z. B. für eine Reihe der Koralleninsejn im Stillen, aber auch für die Bermudainseln im Atlantischen Ozean u. a. Wenn an diesen Stellen der Meeres- boden sich plötzlich heben würde, daß er in seiner Gesamtheit über das Wasser emporragte, so würden die betreffenden Inseln als viele tausend Meter hohe spitze Gebirgsnadeln von einer auf allen Seiten unerhörten Steilheit sichtbar werden, gegen die etwa das Matter- Horn wie eine unbedeutende, sanfte Erhebung erschiene, und mit deren seltsamem Aussehen nichts bekanntes sich würde vergleichen lassen. Aber dennoch ergeben die Messungen, daß weite, fast ebene Flächen am Meeresgründe durchaus vorherrschen und ein leb- hafterer Wechsel der Bodenneigung immerhin zu den Seltenheiten gehört. Ganz abgesehen von den als Vulkan- oder Koralleniüseln aufragenden Pfeilern sind viele Gegenden des Meeres reich an vulkanischen Aufschüttungen, aber was an zusammenhängenden Er- Hebungen die benachbarten großen Senkungen überragt, trägt durch- aus den Charakter der Landsckwellcn oder des Tafellandes an sich, die nnt sanften Böschungen sich zu den großen Tiefen neigen. Wir sprechen diese Erhebungen als unterseeische Plateaus lRücken) an. Treten sie dem Meeresspiegel näher, so bezeichnet man sie als Bänke(Neufundland-Bankj. Die tieferen Senkungen zwischen jenen zerfallen dann in Becken und Mulden oder bei steil gestellter Umrandung in Kessel und Rinnen. Jedoch hat sich daneben auch für jegliche beträcktlichcr« Einsenkung der Name Tiefe eingebürgert. Ter wesentliche Unterschied der Formen des Meeresbodens gegenüber der trockenen Landfläche besteht, wie Guthe-Wagner richtig hervorhebt, in dem Vorherrschen größter Formen, in der Abwesenheit jener die Oberfläche im einzelnen aus- gestaltenden Kleinformen, wie sie wesentlich den atmosphärischen Einflüssen zu verdanken sind; es fehlt die Ausfurchung des Bodens durch strömendes Wasser. Abgesehen vom Gebiet der Flachsee, deren ausgesprochene Ebenheit der ausreichenden Arbeit der Mcereswellcn entstammt, und der Mcercsstraßen, wo Unter- strömungen oft bis zu bedeutenden Tiefen den Ablagerungen ent- gegenarbeitcn und die Zugänge offen halten, ist in den Tiefen des Meeres keine den Boden benagende Kraft wirksam. Derselbe ist die Stätte unausgesetzter Ablagerung und Auflagerung. Hier- durch werden mit der Zeit auch die durch vulkanische Kräfte hervor- gerufenen Unebenheiten gemildert. Aber eben der große Reichtum an unterseeischen Vulkanbergen und Ausbrüchen beweist, daß am Meeresboden in tektonifcher Hinsicht von völliger Ruhe nidht gesprochen lverden darf. Manche Bänke lassen sich daneben unschwer auf Senkungen des Meeresbodens zurückführen, durch die Inseln unter Wasser gesetzt werden(Tschagos-Bank im Süden Indiens). Es entzieht sich nun freilich der unmittelbaren Forschung, in welcher Weise die den tiefen Meeresboden zusammensetzenden Schichten gelagert sind. Im allgemeinen aber sind die Höhenunterschiede zwischen unterseeischen Plateaus und benachbarten Becken zu groß, als daß sich erstere durch einen verschiedenen Grad von Sediment- Auflagerung erklären ließen. Man wird die Mehrzahl der Er- Hebungen wie Einscnkungen auf schwache Verbiegungen der Erdrinde itnb längs der steilen Abfälle auf Biegungen und Brüche zurück- führen dürfen, ohne, wie gesagt, den Nachweis wie auf dem Lande durch Aufschlüsse und Bohrungen liefern zu können. Alle Kontinentalränder begleitet ein bald breiterer, bald schmalerer Gürtel von Flachsee, eine meist sehr ebene Stufe, deren Grenze im allgemeinen 200 Meter vom llferrande angenommen werden kann, weil dort sich eine steilere Böschung einzustellen pflegt. Aber manchmal findet diese Randstufe schon bei 50— 100 Meter ihre Grenze, mitunter zieht sie sich mit verschwindender Neigung bis zu 3— 400 Meter hinab, um erst dann rasch in die Tiefe zu fallen. Bei Steilküsten Kinn die vorgelagerte Flachsce oft als eine durch die Brandungswelle bei positiver Strandvcrschiebung entstandene Strandterrasse angeschen werden. Wo der Flachsecboden beträcht- licherc Unebenheiten zeigt, hat man es dagegen zumeist mit einer über Wasser umgestalteten, dann aber untergetauchten Landschaft zu tun; häufig ist diese vor Flußmündungen noch von Talsenken durchzogen, die bis zu gewaltigen Tiefen in ihre Sohle ein- geschnitten sind. Nur wenige Stellen hat man im Meer gefunden, bei denen der Boden aus festem Felsgestein besteht. Im großen und ganzen ist der Meeresboden nicht nur die Heimat einer großen Anzahl von eigenartigen Vertretern der Tierwelt, sondern auch die Grabstatt für alles, was an der Oberfläche lebt. Bekanntlich sind das Ge- schöpfe, die im Rahmen einer einzigen Zelle das Leben in denkbar nacktester Form repräsentieren. Viele scheiden Schalen aus, die meist aus kohlensaurem Kalk oder aus Kieselsäure bestehen. In den kalten arktischen Strömungen überwiegen diejenigen Protozoen, die Kieselskelette ausscheiden. Vor allem imponieren hier durch die Massenhaftigkeit ihres periodischen Auftretens die dem Pflanzen- reiche zuzählenden Diatomeen. Die Schalen aller dieser mikrosko- pischen kleinen Organismen sinken allmählich auf den Meeresgrund nieder und häufen sich dort im Verlaufe der Jahrtausende zu mäch- tigcn Bänken an. Bis zu einer Tiefe von 4000 Meter baut sich der Untergrund der Ozeane im Bereiche der kalten Stromgebiete aus fast reinem Kieselguhr aus, während in den wärmeren Regionen der sogenannte Globigerinen-Schlick, gebildet aus den Kalkschalen von Foraminiferen, überwiegt. In größeren Tiefen werden die letzteren aufgelöst, und es bleiben nur noch die unlöslichen an- organischen Bestandteile der Schalen übrig, die den für die Tiefen von unterhalb 4500 Meter charakteristischen roten Ton bilden. An manchen Stelleu vermischen sich die Schalenreste der Protozoen mit den Gehäusen von Flügclscknecken(Pteropodcn) und Keilschneckcn (Heteropoden). Sogar Haifischzähne, Gchörsteinchcn von Fischen, Gehörknochen von Walen können mit den Skelettrestcn festsitzenden Tiefsecorganismen nicht unwesentlich zum Ausbau der abhssalen (unterhalb 500 Faden liegenden) Schichten beitragen. Milliarden von Leichen sinken täglich und stündlich in die Tiefe und gleichzeitig mit ihnen der Schlamm, den die Flüsse mitführen, vulkanische Asche und der Geschiebelehm arktischer und antarktischer Gletscher, die, an ihrem Rande in Gwberge zerschellend, sich südlich bis zum 40., nördlich bis zum 00. Breitengrade zerstreuen. Die Geologie belehrt uns darüber, daß ein Teil der Erdrinde, auf dem wir unsere Lebensarbeit verrichten, ursprünglich den Untergrund von Ozeanen bildete. Ter Nachweis, daß der Tiefsec- schlämm, der den Meeresboden überlagert, in letzter Linie dem organischen Leben seine Entstehung verdankt, ist eins der groß- artigsten Ergebnisse der neueren Tiefseeforschung. Wir fangen jetzt an, einen Einblick in die verblaßten Urkunden der Erdgeschichte zu gewinnen und überzeugen uns, daß jene uralten Blätter nur die Vorrede zu einem Schauspiel bilden, das sich heute noch vor unseren Augen vollendet. Wenden wir uns nunmehr den Tiefseeberhältnissen zu. Auch von der großen Tiefe der meisten Meere macht man sich eine ganz falsche Vorstellung. Bekanntlich sind zwei Drittel der Gesamtober- fläche der Erde von Wasser bedeckt, und in diesem ungeheuren Raum weist nicht weniger als die Hälfte mehr als 3000 Meter Tiefe und 7 v. H. der Fläche mehr als 5400 Meter Tiefe auf. Was das zu bedeuten bat, erkennt man, wenn man sich vorstellt, daß die Hälfte des gesamten Landes Gebirge von mindestens 3000 Meter Höhe und der 14. Teil solche von mindestens 5400 Meter Höhe aufweisen würde. Bekanntlich kommen derartige Erhebungen von 5400 Meter nur recht vereinzelt vor, in Europa überhaupt nicht, und die einzige Gegend der Erde, wo ein großer Landkomplcx in seiner gesamten Masse 5400 Meter Höhe erreicht und übersteigt, ist das tibetanische Hochland. Im Meer hingegen erstrecken sich die Senkungen von mindestens 5400 Meter über ungeheure Gebiete, deren Flächeninhalt man allein auf insgesamt 715 200 Quadrat- meilen schätzt. Nicht weniger als 43 meist sehr ausgedehnte Sen- kungcn, die diese Tiefe erreichen, kennt man bisher in den Meeren der Erde, davon entfallen 15 auf den Atlantischen, 3 auf den Indischen und 24 auf den Stillen Ozean. Unter den genannten drei Hauptozeanen der Erde erreicht der Indische die am wenigsten großen Tiefen, die sich merkwürdiger- weise nicht etwa nahe der Mitte des großen Seebcckens finden, sondern nahe dem Rande, in der Gegend der Sunda-Jnseln. Sudlich der Insel Sumbava, unter 11° 22' südlicher Breite und 110° 50' östlicher Länge sinkt die Meerestiefc bis auf 0205 Meter, und noch erheblich größer, nämlich 7300 Meter, ist die Tiefe in der Nähe der Insel Amboina inmitten der im übrigen ziemlich flachen Celcbes-Sec, deren Meereszugangsstraßen sonst nur etwa 1500 Meter tief sind. Im Atlantischen Ozean findet sich eine Senkung, die lange Zeit für die zweitgrößte der ganzen Erde galt. Sic liegt im Norden von Portorico unter 10° 39' nördlicher Breite und 06° 20' westlicher Länge und wurde am 27. Januar 1883 von dem amerikanischen Dampfer„Blake" aufgefunden. Nach den nahe- gelegenen Jungfern-Jnscln ist sie das Jungfern-Tief benannt worden. Noch größere Tiefen gibt es im Stillen Ozean. Die 8513 Meter tiefe Stelle, die von dem Dampfer„Tuscarora" am 19. Juni 1874 unter 44° 55' nördlicher Breite und 152° 20' östlicher Länge aufgefunden wurde und nach ihm ihren Namen erhielt, galt über 20 Jahre als die größte Senkung, die der Meeresboden überhaupt aufzuweisen habe. Aber im Juli 1895 ließ der Dampfer„Penguin" im Osten der Tongo-Jnseln, wo man schon früher 8264 Meter gelotet hatte, das Senkblei bis auf 8900 Meter hinab, ohne auf Grund zu stoßen. Diese Feststellung führte zu genaueren Nach- forschungen in der genannten Gegend. Alsbald fand man hier— in der sogenannten Fossa Aldrich— mehrere benachbarte Stellen von mehr als 9000 Meter Tiefe, am 31. Dezember 1895 lotete man ebendort im Osten der Kermadec- und Tonga-(Freundschafts-) Inseln sogar 9427 Meter. Einige Jahre hindurch galt nun diese Tiefe für die größte, bis anläßlich der Lotungen für die von den Amerikanern geplante Verlegung eines quer durch den Stillen Ozean von St. Francisco bis nach den Philippinen laufenden Kabels Ende November 1899 durch das Vermessungsschiff„Nero" eine noch um 200 Meter tiefere Stelle gefunden wurde. Bemerkenswert ist, daß die eigentlichen Tiefbeckcn nicht in der Mitte oder der Mittelachse der großen Ozeane liegen, sondern mehr den Festlandsrändern genähert sind. Für einige Meere seien schließlich noch die Mitteltiefen und die bisher bekannt gewordenen größten Tiefen angegeben. Mittcltiefe Größte Tiefe Großer Ozean.... 4100 Meter 9033 Meter Atlantischer Ozean... 3300„ 8015„ Indischer Ozean.... 3000„ 0200„ Mittelmeer..... 1450„ 4400„ Nordsee....... 90# 808„ Ostsee....... 70, 430„ ___ I. Wiese. kleines feirilleton. gm. Tie Regerhaut. Im Kampf ums Dasein haben Pflanzen und Tiere durch eine fortgesetzte Vererbung sich in der Weise ent- wickelt, daß ihr Aeußeres sich zu ihrem Nutzen der Umgebung ange- paßt hat. Das bekannteste Beispiel dafür liefern die in arktischen und antarktischen Gegenden lebenden Tiere; ihre Haut hat eine weißliche Farbe, so daß sie, aus einiger Entfernung betrachtet, von dem umgebenden Eis und Schnee kaum unterschieden iverdrn können. Hierdurch sind sie ihren Feinden weniger auffällig und werden von ihnen weniger leicht erkannt, sind also gegen Angriffe besser gesichert. In ähnlicher Weise entwickeln sich bei vielen Lebe- wefen Schutzorgane gegen klimatische Schädigungen; viele der in tropischen Gegenden lebenden Pflanzen schwitzen z. B. Salz aus. das sich auf ihnen ablagert. Das Salz saugt begierig Feuchtigkeit aus der Luft an; dadurch wird in regenarmen Landstrichen den Pflanzen die Möglichkeit gegeben, wenigstens die geringen Spuren von Feuchtigkeit anzusammeln, die als Wasserdampf in der Lust ent- enthalten sind, und auf diese Weise wird ihnen.doch etwas Wasser zugeführt, wenn auch der erquickende Regen ausbleibt. Rur beim Menschen scheint die Güte und Weisheit versagt zu habe», denn gerade die Bevölkerung der heißen Länder, die Neger, sind mit einer schwarzen Haut ausgestattet. Wir wissen aber, daß die schloarz- gefärbten Körper die Wärmcstrahlen mit größter Energie in sich aufnehmen und an sich behalten. Darum erscheint uns ja ein schwarzer Körper schwarz, weil er das auf ihn fallende Licht nicht zurückwirft, und ebensowenig wie die Lichtstrahlen, wirft ein solcher Körper die Wärmestrahlcn zurück. Auch ohne physikalische Unter- suchungen haben die Menschen das durch Erfahrung festgestellt und durch praktische Anivendung nach Möglichkeit ausgenutzt. So kleiden wir uns in der heißen Jahreszeit in möglichst helle Stoffe, weil diese die auffallenden Wärmestrahlen viel energischer zurücklverfen als dunkle, und die in heißen Landstrichen lebenden Araber kleiden sich aus demselben Grunde in weiße Gewänder. Die Natur scheint also, indem sie die Neger schwarz färbte, einen großen Fehler gemacht zu haben. Aber es scheint nur so; in der Tat liegt der Fehler nicht an der Natur, sondern an unserer oberflächlichen Beobachtung; in der Tat ist gerade die schwarze Haut ein wichtiges Schutzmittel der Neger gegen die starke Erwärmung durch die Sonne. � Es handelt sich nämlich weniger darum, daß die Oberfläche der Haut möglichst wenig crtvärmt wird, als darum, die unmittelbar unter der Haut liegenden Körperteile und Organe gegen die Wärme zu schützen. Wenn Menschen, etwa Soldaten, durch lange Märsche bei heißer Sonne erkranken und sterben, so ist das nicht auf die Er- wärmung der äußeren Hautfläche zu schieben, sondern darauf, daß die Blutgefäße der starken Erwärmung ausgesetzt sind und sich da- durch in krankhafter Weise verändern. Die Hautfarbe nicht nur der Neger, sondern aller Menschen wird hervorgerufen durch gewisse Farbstoffe, die in die Haut eingebettet sind. Die schwarzen Pigmente oder Hautfarbstoffe der Neger bestehen allerdings aus Substanzen, die die Wärme mit recht großer Kraft an sich behalten; dadurch wird aber bewirkt, daß sie die Wärme nicht nur nicht nach außen zurücksenden, sondern sie auch an der Weiterwandcrung nach innen und zu den innen liegenden Organen hindern. Dieses Pigment Wirkt also direkt als ein Schirm, hinter dem namentlich die Blut- gefäße gegen die Wärmesirahlen vorzüglich geschützt sind. Der Neger wendet ja auch nicht die Schutzmaßregeln an, die ein Europäer unbedingt nötig hat, der im tropischen Afrika reist— die Natur hat dem ersteren eben das beste Schutzmittel in seiner Haut geliefert. Also selbst wenn die Oberfläche der Neger wirklich sehr erwärmt würde, so wäre der Schaden, den der Neger dadurch erlitte, immer noch geringer als der Nutzen, den seine Hautfarbe ihm bringt. Aber es ist nicht einmal wahr, daß die Oberfläche der Neger durch die Sonnenstrahlen so sehr erwärmt wird, vielmehr ist auch dagegen von der Natur Fürsorge getroffen. Das schwarze Pigment bewirkt nämlich, daß sich in der Haut reichlich Fett ansammelt; das Fett seinerseits strahlt die Wärme recht lebhaft aus, und zwar so lebhaft, daß schließlich die Wärmeausstrahlung noch kräftiger ist, als wenn sie nicht durch das Pigment gehindert worden wäre. Um dies festzustellen, bedarf es keiner großen physikalischen Apparate oder Versuche; es genügt vielmehr, einem Neger einmal die Hand zu geben; man wird dann mit Erstaunen bemerken, daß die Hand des Negers sich viel kühler anfühlt, als die von Europäern.— Wie alle Teile des lebenden Menschen, bedarf auch der Farbstoff der Haut einer beständigen Erneuerung, weil er stets verbraucht wird. Die Stoffe, aus denen sich das Hautpigment bildet, sind, wie alle Stoffe, aus denen sich Körperteile aufbauen, im Blut enthalten und werden der Haut durch die Blutgefäße zugeführt. Es scheint aber, daß nur die Blutgefäße der Negerhaut imstande sind, diese Pigment bildenden Bestandteile des Blutes an die Haut abzugeben. Denn es sind einige Fälle vorgekommen— freilich nur ganz wenige—, in denen große, durch Unfälle hervorgerufene Hautdefekte bei Weißen dadurch beseitigt wurden, daß man die Lücken durch Stücke von auf- genähter Negerhaut ausfüllte; diese. schwarzen Hautstückc wurden dann, sobald völlige Verwachsung eingetreten tvar, von den darunter liegenden Blutgefäßen des Europäers weiter ernährt, und in allen Fällen trat in kurzer Zeil eine Entfärbung der aufgenähten Haut- stücke ein; das heißt, das schwarze Pigment starb bald aus und die Adern des Weißen waren nicht imstande, es weiter zu ernähren. Auch diese Tatsache beweist, wie zweckmäßig die Haut des Negers mit ihren Blutgefäßen den Anforderungen angepaßt ist, die daS heiße Klima des von ihnen bewohnten Landes an sie stellt.— — Der Reger als Operationsobjekt. Je feiner der Mensch organisiert und entwickelt ist, desto mehr scheint sich seine Empfind- lichkeit gegen Schmerzen zu steigern, und nicht viele erreichen die Willensstärke eines Kant, der Schmerzen allein durch Energie des Vorsatzes zu unterdrücken fähig tvar. Im allgemeinen ist der Kultur- mensch empfindlicher als der Naturmensch, der Erwachsene empfind- lichcr als das Kind. Wo verschiedene Rassen nebeneinander leben, haben sich solche Gegensätze besonders deutlich gezeigt. Vorzugstveise hat sich einem Arzt in den Vereinigten Staaten von Amerika Ge- legenheit geboten, Beobachtungen über die Unterschiede der Empfind- lichkeit bei Weißen und bei Negern zu machen. Dr. Losten hat auf Grund einer umfangreichen Erfahrung darauf aufmerksam gemacht, daß er als Chirurg nie glänzendere Erfolge gehabt habe als in Regerhütten, die sonst für die Tätigkeit eines Arztes wenig ein- ladend sind und sich besonders weit von den Bedingungen entfernen, die für die Ausführung einer Operation mit Bezug auf Sauberkeit heute als durchaus unerläßlich betrachtet werden. Sonderbar ist vor allem, daß beim Neger eine Blutvergiftung völlig ausgeschlossen zu sein scheint. Außerdem ist auch seine Unbildung für die Genesung vorteilhaft, denn je weniger jemand von seiner Krankheit weiß, desto weniger wird er durch Grübeln oder durch Niedergeschlagenheit die Heilung erschweren. Ter Neger ist gewöhnlich ein unbedingt ge- horsamer Patient und außerdem ein geborener Optimist. Es scheint völlig gleichgültig zu sein, wie viel Fett oder Schmutz auf seiner Haut gewesen ist und in eine Wunde hineingelangt. Dieser Umstand ist besonders auffallend, weil andererseits der Neger für ansteckende Krankheit entschieden mehr anfällig ist als der Weihe. Schnitt- wunden schließen sich bei einem Neger gewöhnlich schon nach ein- maligem Verband. Wahrscheinlich ist die Beschleunigung des Heil- Vorgangs sowohl dem Blutreichtum als der schivarzen Haut des Negers zuzuschreiben. Seine träge Gemütsart läßt es nicht zu, daß er selbst über schwere Wunden am Kopf, an der Brust oder am Unterleib in sonderliche Aufregung gerät. Ein schwarzer Farmer, der von einem anderen Neger einen Pistolenschuß in den 5topf er- halten hatte, so daß die Kugel über dem linken Auge eindrang und hinter dem Ohr stecken blieb, verlor durchaus nicht die Besinnung. Ihm wurde nicht einmal„schlecht" danach, und er behauptete nachher noch, daß er an seinem Angreifer sofort Vergeltung geübt haben würde, wenn ihm das Blut nicht in die Augen getreten wäre. An dem Tag nach dem erlittenen Unfall ging der Verwundete bereits wieder auf seinen Baumwollfeldern umher, als wenn nichts geschehen wäre. Der Neger wurde auch mehr durch Neugierde als durch einen anderen Beweggrund dazu veranlaßt, sich dem Arzt zu stellen. Dieser nahm die Kugel heraus und ermittelte, daß das Geschoß um ein gutes Teil nachgiebiger gewesen tvar als der Schädel. Beim Anprall gegen die Knochen hatte es sich derart abgeplattet, daß es aussah wie eine Nickelmünze, während die Knochen nicht im geringsten zersplittert waren. Wenn einmal bei einem Neger ein Knochen vcr- letzt ist. scheint er allerdings schwieriger zu heilen, aber immer noch schneller als bei einem Weißen. So hat Dr. Losten an einem Ar- 1 beiter, der gleichzeitig eine schwere Verletzung am Stirnknochen. einen Bruch eines Oberarms und einen schweren Schenkelbruch er- litten hatte, eine geradezu wunderbare Kur gemacht. Trotzdem der Neger mit seinen gebrochenen Gliedmaßen, anstatt sie ruhig zu halten, alle möglichen Experimente ausführte, um zu erfahren, in- wiciveit sie sich bereits gekräftigt hatten, war er nach noch nicht vier Wochen eigentlich schon völlig geheilt.— Ethnologisches. k. Die Bewohner des Nigergebietes. Bemerkenswerte neue Mitteilungen von einer Forschungsreise zum Zentral- Nigerplateau hat Leutnant Desplagnes, der von der„�.caäömis des Inscriptions" zur Untersuchung der vorgeschichtlichen Ueberreste in jenem Teil Nordwestafrikas ausgeschickt war, der Pariser Gesell- schaft für Anthropologie gemacht. Es handelt sich um die Gegend südöstlich von Timbultu, die im Westen vom Niger begrenzt ist, ein Land, das in sehr alten Zeiten bevölkert und zivilisiert gewesen zu sein scheint. Ein Beweis dafür sind megalithische Denkmäler, Grabhügel und Inschriften. Den Bozo- Fischer hält Des- plagues für den Typus der Bewohner des Nigergebietes. Die Behausungen sind aus Ziegeln und Stein und haben gewöhn- lich mehr als ein Stockwerk; die im ersten Stock gelegenen Schlaf- zimmer erreicht man durch eine Leiter. Die Häuser der Häuptlinge und angesehenen Männer sind mit Säulengängen und Sparrenwerk verziert und erinnern an die Architektur von Zimbabwe. In jeder Dorfgruppe wählen die Familienvorstände einen Häuptling, der „hogon" genannt wird, während die„hogons" in einer General- Versammlung einen obersten Häuptling„har-hogon" wählen, dessen Autorität früher in politischen und Rechtssachen absolute Geltung hatte, jetzt aber mehr eine unbestimmte, religiöse Macht darstellt. Die Leute glauben an eine allmächtige Gottheit, die sich aber nach ihrer Meinung nicht viel um die Angelegenheiten der Menschheit kümmert, sondern diese den untergeordneten und oft boshaften Gottheiten überläßt, die nun ein Zauberer oder„laggam" versöhnen muß. Bei religiösen Festen bringt der„hogon" auf einem Altar, der die Form eines Dreifußes hat, Tieropfer einer göttlichen Dreiheit dar. die ein männliches und auch ein weibliches Prinzip einschließt. Die jungen Leute führen rituelle Tänze in Masken aus. Den Tod hält man für das Werk böser Gottheiten; in den Begräbniszeremonien gelangt diese Anschauung zum Ausdruck. Der Handel und der Sinn für Sicherheit bewirken allmählich eine Veränderung in diesem Volke. Die großen Märkte sind manchmal von 6000—7000 Personen besucht.— HunioristischeS. — Im Ministerium. Erster Rat:„Was ist denn das? Auf diesem Schriftstück hat sich Exzellenz Podbielsky unterzeichnet; wieso schreibt er sich denn auf einmal mit y?" Zweiter:„Na, er hat jedenfalls genug von dem Tippel auf dem i."— — Geschäftsprinzip. Ich kaufe in einer Buchhandlung zwei Stück Ansichtspostkarten, die ich mit 20 Pf. bezahlen muß. Ich mache den Händler darauf aufmerksam, daß die Karten bei seinem Konkurrenten nur 1ü Pf. kosten, worauf er mir schlau lächelnd zur Antwort gibt:„Ja, der verdient auch nicht so viel daran."— („Lustige Blätter".) Notizen. — Für die mittellosen Hinterbliebenen des jung- verstorbenen plattdeutschen Dichters Fritz Stavenhagen wird gesammelt. Etwa 9000 Mark sind bis jetzt eingekommen.— — Nikolaus P a n o w, ein aus dem Volke hervorgegangener russischer Dichter, der in den letzten Jahren auch lebhaften Anteil ain politischen Leben genommen, starb, 4ö Jahre alt, in Petersburg.— —„Der Herr Patron", Charakierschauspiel von Hein- r i ch G a h l. wurde vom Schiller-Theater zur Aufführung mrgsnommen.— — Emanuel Reicher wird in der Spielzeit 1906/7 nicht nur am Lessing-Theater auftreten, sondern an hundert Abenden auch an den Vorstellungen deS Kleinen Theaters mitwirken.— — Das Düffel dorfer Stadttheater will Arbeiter- v o r st e l l u n g e n veranstalten.— —„Lohndiener" heißt eine vieraktige Komödie von Adolf Paul, die am Hoftheater in Dresden aufgeführt werden soll.— — Am 7. Oktober soll in C h a r l e r o i der e r st e ö f f e n t- liche FeuerbestattungSkongreß für Belgien unter Leitung der Freideukergesellschaft stattfinden.— — Neue T r o p f st e i n y ö h l e n. Eine Forschungsexpedition deS naturwissenschaftlichen Vereins für Steiennark(Graz) unter- nahm eine Einfahrt in das 60 Meter tiefe„wilde Loch" und das„große D r a ch e n l o ch". eine bisher noch unbetretene 41 Meter tiefe schachtartige Höhle, und entdeckte hierbei mehrere von herrlichen Tropfsteingebilden erfüllte ausgedehnte Grotten.— — Eine G I a s b r ü ck e. Uebcr die große Felsenschlucht des ArkansaS-Flusses in der Nähe von Canyon City ist eine Hänge- brücke gebaut worden. Der Fluß liegt 2600 Fuß unter der- selben. Um einen Blick in diese Tiefe zu haben, wurde der Fußweg über die Brücke aus starkem Tafelglas hergestellt.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo.Berliü S W.