ZlnterhaltMgsblatt des Horwürts Nr. 184. Sonnabend, den 22. September. 1906 Hans Nicolaus Kraust. Ein Mann, der seit nahezu zehn Jahren an dieser Stelle für den„Vorwärts" und seine Leserschaft mit Liebe und Sorgfalt gearbeitet, ist nicht mehr. Kans Nicolaus Krauß, der Redakteur des„Unterhaltungsblattes", starb in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag im Berliner St. Äedwigs-Krankenhause. Vor ungefähr drei Monaten trat er seinen Sommerurlaub an, der ihn aber nur bis in seine Wohnung führte. Widerwillig gab der an einem Kerzleiden und an Wassersucht Erkrankte dann später dem Drängen des Arztes auf Uebersiedelung ins Krankenhaus nach— wider- willig und doch nicht ohne Koffnung auf eine Wiederherstellung seiner Gesundheit, denn noch Ende August ließ er die Mitteilung hierher gelangen, daß er am 15. September seine Tätigkeit am „Vorwärts" wieder aufzunehmen gedenke. Es ist anders gekommen. Der Tod hat.den im rüstigsten Mannesalter Stehenden nieder- geworfen. Genosse Krauß war noch nicht ganz 45 Jahre alt. So früh schloß hier ein Dasein ab, von dem wir, von dem die volkstümliche Literatur noch viel Gutes und Schönes erwarten durfte. Denn über seine ausgezeichnete Redaktionstätigkeit hinaus reicht die Bedeutung des Schriftstellers, des Dichters und Künstlers, der Menschen und Dinge zu gestalten wußte. Im Aussätze Wilhelm Kolzamers werden unsere Leser mehr darüber finden. Nicolaus Krauß entstammt einer Försterfamilie; er wurde-am 26. September 1861 zu Neu- Haus geboren. Den ersten Unterricht gab ihm die Dorsschule. Später besuchte er das Gymnasium in Eger, diente dann als Einjährig- Freiwilliger in Wien und studierte gleichzeitig Philosophie, vor allem Germanistik. Aber„er auch war ein Proletar"— Frau Sorge kam und rief ihn ab zum Brotverdienen. Bald erschienen in Eger unter seiner Leitung die„Deutschen Blätter", eine Zeitschrift wesentlich literarischen Charakters, an der viele der inzwischen berühmt gewordenen„Modernen"— so Dehmel, Liliencron, Bahr, Kartleben u. a.— mitwirkten. Das Blatt brachte aber auch gute Aussätze über österreichische Politik mit stark arbeiterfreundlichem, sozial- und agrarreformerischem Ein- schlag. Dadurch wurde man in Berlin auf ihn aufmerksam. Er wurde Mitarbeiter an der„Volks- tribüne" und einigen anderen Arbeiterblättern. Die„Deutschen Blätter" stellten gar bald wieder ihr Esscheinen ein. Krauß kam nach Berlin. And über ihn kam eine harte Zeit. Eine Zeit, von der er gelegentlich sagte, daß sie ihn oft mit einem täglichen Ausgaben-Etat von fünf Pfennigen— glücklich gemacht habe. Er hungerte wie so viele, und schrieb sich die Finger wund. Manche seiner Arbeiten erschienen auch nun in der„Volkstribüne", zu deren leitendem Redakteur er im Jahre 1890 aufrückte. Die Freude war nicht von langer Dauer. Die„Tribüne" ging ein. 1891 wurde ihm die Stelle eines Redakteurs am„Volksblatt für Teltow-Nieder-Barnim" übertragen, ein Amt, das er bald wieder aufgab, um von neuem sein Keil als„freier Schriftsteller" zu versuchen. Vom Oktober 1894 bis Ende 1895 war Krauß redaktionell am„Sozialdemokrat" tätig, um nach einer nochmaligen kurzen „freien Schriftstellerei" am 15. November 1896 in die Redaktion des„Vorwärts" einzutreten. Am 1. Januar 1897 erschien zum erstenmale unser Anterhaltungsblatt, das sich in den seitdem verflossenen Iahren unter der Kand des Genossen Krauß zu dem entwickelte, was es heute ist. Sein„Blattl" war ihm alles. Mit großer Liebe, mit Eifer und außerordentlichem Verständnis hat ers Tag für Tag fertiggestellt. Da war ihm„das Beste gerade gut genug". Auch für die„Neue Welt" und für den „Neue Welt-Kalender", die er von 1899—1904 leitete. Eine Ansumme von Arbeit, getragen von einem hohen Verantwortlichkeitsgefühl, hat der Ver- storbene für den„Vorwärts", für seine Leser, für die Partei geleistet— ungekannt eigentlich. Denn wer von denen, die außen stehen, wußte etwas von Nicolaus Krauß? Wenige. And diese wußten Weniges. Trotzdem er einst auch als politischer Fechter seine Feder in den Dienst der Arbeiterklasse estellt, konnte er doch nicht mit seinem Namen hervortreten. Denn Krauß war Oesterreicher, also Ausländer, der stets die Gefahr vor Augen sehen mußte, ausgewiesen zu werden. Aber Krauß ist sogar Denen, die enger mit ihm zu tun hatten, in gewissem Sinne ein An- gekannter geblieben. Das lag meist an ihm. Er war„halt ein einsamer Vogel"— wenigstens in den letzten Iahren, da ihm die Krankheit wohl schon im Blut stecken mochte. Er suchte die Einsamkeit, die Abgeschlossenheit; recht„akklimatisiert" hat er sich bis an sein Lebensende nicht in unseren nord- deutschen Verhältnissen. Mancher stieß sich an den Ecken und Kanten seines eigenartigen Charakters— aber mancher freute sich auch an der derben Angezwungenheit, die ihn auszeichnete. Noch im Tode aber hat seine nach Einsamkeit strebende Charakterneigtmg sich geäußert: sein Begräbnis soll, so hat's der Sterbende gewünscht, in aller Stille begangen werden. Mag's drum sein. Nicht die äußeren Zeichen sind's ja im Grunde, die einen Toten ehren. Was er getan, geschaffen, das lebt und ehrt ihn, das bleibt bestehen und zeugt von ihm, wenn auch der Leib zurückgekehrt ist zum ewigen Staube.— Der«Wd.*) Von Nikolaus Krautz. � �» Der Wald! Er war der Nährvater alter. Arbeit Un8 Brot gab er ihnen, und sie opferten ihm ihre Kraft, ihren Schweiß, oft ihre geraden Glieder, nicht selten ihr Leben. Seit Generationen gehörten sie zusammen, sie und der Wald. Der Dienstbote im Flachlande konnte weiter gehen, wenn es ihm nicht mehr gefiel; sie hielt das kleine Haus, der Acker, der ihnen Kartoffeln trug, und der Wald. Als unsterblich erschien er ihnen; wo das eine Geschlecht Jung- föhren sah, fand ein anderes schlagbaren Hochwald. Immer war er ihnen der Gütige. Beeren und Pilze bot er ihnen und Moos und dürre Nadeln für ihre Felder. Er ließ heil- kräftige Kräuter wachsen und spendete wohlriechendes Harz und frische Sprossen für die Kranken und Bresthaften. Und sie liebten ihn, liebten ihn mit jener Liebe, in der unerschütter- liches Vertrauen beschlossen ist. Und aus diesem Vertrauen, aus dieser Liebe heraus fanden sie ihr Verhältnis zum Förster. Er war der Vertraute des Waldes, sein Priester; er wußte alles, was ihm frommte, und tat es. Wie konnte der ihnen Feind sein? Für den Förster war der Wald alles. Er hatte, keine Götter neben ihm. Alles andere, mochte es sein, was es wollte, kam erst in zweiter Reihe. Der Wald und der Dienst! Der Dienst, der nicht nach der„Vorschrift" fragt, sondern der Sache um ihrer selbstwillen sich widmet, der jede Faser und jeden Blutstropfen beansprucht. Von ihnen ging die letzte Rede am Abend, und ihnen galt am Morgen der erste Gedanke. Ein stolz-freudiges Gefühl stieg in dem Förster empor, wenn er sich den Wald betrachtete, seinen Wald! Wie der Mitschöpfer kam er sich vor seines Gottes. Lange fand Lene keine Stellung zu den Anschauungen, Gefühlen und Stimmungen. Ihr, dem Kinde des Flach- landes, erschien der Wald als etwas Tüster-Geheimnisvolles. DaS Sturmes-Aechzen in den Föhrenkronen jagte ihr Schauer über die Haut; das sausende Krachen stürzender Stämme ließ sie bis ins Mark erzittern. Wenn man von einem Fenster, hinten bei der Pumpe hinaussah, erhob sich knapp hinter den wenigen Feldern die dunkle Wand. Wie ein schtvarzes, lauerndes Ungetüm lag er da. Und was war denn Schönes an ihm? Tausend und abertausend Bäume standen nebenein- ander, hohe und niedrige, dicke und dünne, alte und junge. Das mußte Brennholz in die Million geben! Schon recht! Aber dieser Holzhaufen trug ja die Schuld, daß sie hier trotz aller Anstrengungen, Mühen, trotz des besten Willens nicht festen Fuß fassen konnte! Wie kam das nur? Lene wurde eifersüchtig auf den Wald. Mählich lernte sie sehen. Sie unterschied die tief- greifende, ernste Föhre von der freundlicheren, etwas ein- förmigen Fichte und diese wieder von der stillen, hohen Tanne. Und sie schaute und sie fand immer neue Gesichter. Nicht ein Baum war dem anderen gleich. Alte Murrköpfe gab's da, die sich einzeln hielten, und Spaßmacher wieder, die nie zu Ruhe kamen, erschöpfte Greise und sich emporreckende Jugend; Jungvolk kicherte, und die Töne crstarben in einem zerstießen- den Gewisper. Jeder Baum hatte eine besonders Stimme Und jede Art ihre eigenen Töne... An eineni Sonntag Nachmittag, in der Zeit, da der Sommer scheidet, ging Lene auf dem Sträßchen, das am Forsthaus vorbei nach dem Gebirge führt, in den Wald. Der Tag war still. Neben dem Wege, dessen Löcher man mit Steinen. Prügelholz und Reisig zu stopfen versucht, zog sich zu beiden Seiten der Wald. Kaum das Stangenholz erschien noch geschlossen, der Hochwald war stark gelichtet; es war Bauernwald. Langsam schritt Lene dahin, über breite Sonnenbänder und unter überhängenden Aesten, wo es fast kühl war. Hie und da leuchtete unter Jungfichten ein Fliegen- fchtvanun hervor, nian spürte deutlich den etwas strengen Duft bcS Preiselbeerkrautes. Nach einer halben Stunde trat zur Rechten der Wald Krück. Knapp am Wege erhob sich ein Gemäuer, eine Bet- nk stand davor, den Zwischenraum füllten ein Dutzend Ki ücken. In Lenes Brust war Frelide, ein stiller Jubel, dem sie keinen Namen geben konnte. Fast gleichgültig ging ihr Blick über das Bethäusl, über das auf Holz gemalte Bist) der heiligen Barbara, über die langschwänzigen Teufel, die das Bett des„sterbenden Sünders" umlauerten. Es war ihr nicht *) Aus dem Roman.Ter Förster von Konrads- »e»th".(Verlag Egon Fleische! u. To., Berlin). nach Beten; das mochte die erleichtern, die bedrückten Herzens. herkamen. Auf einen Stein unter einer Eberesche ließ sie sich nieder. Ihre Blicke suchten den Wald. Ein sanftes Fließen zog durch ihre Glieder, als sie ihn sah. Vor ihr ein langer Hau mit Jungföhren, in lindes Licht getaucht von der sich abwärts neigenden Sonne. Als wären sie aus grauer Seide, erschienen die Maitriebe der Kiefernbüsche, freundliche Birken tauchten auf, da und dort glomm das rote Blatt der Waldbrombeere. Links zog sich eine Fichtenwand hinab, llnd gerade aus, weit unten, die Föhren. Zu dunklen Kuppeln schoben sich die Kronen zusammen. Und an den Stämmen lief, züngelte, loderte es empor bis unter die nestähnlichen Nadelbüschel, rot, orange und gelb, bunt und doch den Augen ein Labsal: das milde Licht des sterbenden Sommers. Und nirgends auch nur ein Hauch... Lene stockte der Atem. Als müßte sie dem pochenden Herzen, den klopfenden Pulsen wehren, erschien es ihr. Und immer weiter wuchs das Bild. Ueber den Wald empor reckte der Till'n sein massiges Haupt. Und weit über die Föhren hinweg drang der Blick, über helle Waldwiesen und glitzernde Wasserflächen; enge Schluchten tauchten auf, die das Lickit durch den Wald gerissen zu haben schien, einsame Weiler und Sicdelungen auf weiter Rodung; über Hügel und Berge, Hänge und Lehnen zog sich der Wald bis hinauf, wo das Kaisergebirge mit blauem Gedämmer den Rahmen schloß. Mit emporgehobenen Händen schnellte Lene empor. Das war der Friede!.. Das Glück!.. Sie hatte ihre Heimat gefunden.--- Oer Dichter Krauß. Vor fünf Jahren machte ich seine literarische Bekanntschast, vor drei Jahren seine persönliche. Ich kam damals von Paris und war betroffen, als ich ihn sah.„Sie find Hans Nicolaus Kraust?"— „Jjoh I Warum moanens?" Und ich meinte, weil er nicht mehr jung war. Weil ich mir ihn jung vorgestellt hatte. weil in seinen Büchern so viel Jugend war. Jugendlich ist sein literarisches Bild. Jugendlich wie es damals war. ist es heute noch, nicht deshalb, weil er uns seit Anfang der neunziger Jahre nichts Geschlossenes mehr gegeben hat. sondern auch, weil das, was er sporadisch im Laufe der Jahre gab, den gleichen Stempel der Jugend wie seine groste Roman- Trilogie „Heimat" trug. Dieses Wort nur gesagt, ergänzt sich schon das Bild. Er war der echte Sohn seiner Heimat geblieben und hatte ihr nicht nur literarisch, sondern auch menschlich die Treue gehalten. Er war ein Sohn jenes Waldes, den er im„Förster von Konradsreuth" so wunderbar geschildert hat, und er war wie dieser Förster so gerade und aufrecht, so trotzig und fest. Und er war wie seine„Lene" so hart und ausdauernd. so frei und unabhängig und so ganz und gar ein Mensch, der sich sein Schicksal selbst gezimmert hat. Und er war wie der Egerländer überhaript, den er in seinen Büchern geschildert und den er zum erstenmal in die Literatur eingeführt hat: freiheitstrotzig und mund- faul; radikal und konservativ; schimpffroh und empfindlich; ernst und schwerfällig und voll groteskerHumore; heute hinter dem Ofen sitzend und morgen als Wandervogel auf allen Sttasten;„zäh wie ein Kronawettstecken. im Besitz eines Dialektes voll weicher Vokale, voll altdeutscher Worte und Wendungen". Er war stolz darauf, und wenn man im Scherz von seinem Egerland als vom Böhmerland sprach, stihr er wütend ans und fluchte alle Wetter vom Himmel, betonend, dah er ein Franke sei und die Egerländer nicht Böhmen, sondern Franken seien. Hans Nicolaus Kraust hat in seiner Jugend nicht nur den Wald so vollkommen erlebt, dast wir ihn als Schilderer des Waldes getrost neben Adalbert Stifter stellen dürfen, er muh auch in jungen Jahren viel Oual, viel Not und Bitterkeit ertragen haben. Denn nur so einer kann es fertig bringen, ein ganzes Buch über die Leiden einer Jugend zu schreiben, wie es„Lene", der erste Teil der Roman- Trilogie.Heimat" ist. llnd wieder must ihm die Gabe der Helläugig- keit verliehen gewesen sein, denn nur so einer kann das bewegte Leben der Heimatstadt schildern, wie es Kraust im Schlustteil seiner Roman- Trilogie, in„Die Stadt" getan hat. Und es inusttc eben einer ein Dichter sein, um das Ethnologische seines Stoffes so vollkommen im Epischen aufgehen zu laffen, um das Einzelne bedeutungsvoll zum Typischen zu erheben, wie es ihm in den drei Büchern in drei so verschiedenen Stoffen wie Land, Wald und Stadt gelungen ist. Diese Werke wurzeln im Heimatlichen, sie gewinnen ihre Bedeutung in der Heimatlunst, aber sie erheben sich über das Heimatliche hin- aus in das Typische des Lebens, sie sind Lebenskunst. AIS Kraust seine Bücher schrieb, war das Wort Heimat- kunst noch nicht zur allgemeinen Geltung gelangt, wenn es überhaupt schon aufgekommen war. Als der letzte Band kam, war schon fiir unsere gegenwärtige Dichtung, und auch, damit zusammenhängend, für unser Publikum, eine Zeit des mehr Problematischen in der Kunst gekommen..Und wie er so einer- seits etwas zu früh, andererseits ein weniges zu spät kam, kam er um feinen großen momentanen Erfolg. Ms er seine„Lene" schried, mußte die Leserwelt erst lernen, daß auch eine einfache Dienstmagd ein Mensch sei, wert, zur Heldin eines Romans gemocht zu werden. Krauß selbst ließ sich von der Schnelllebigkeit unserer Zeit auch in literarischer Beziehung und der Ungunst des Geschmackes nicht beirren— lächelnd sprach er davon und so führte er durch die drei Bände seines„Heinmt'-Romans den prächtigen Charakter der Lene durch, einer der stärksten, wahrsten und aufrichtigsten Frauen- charaktere, echt realistisch, voll strotzender Gesundheit und Klarheit deS Empfindens, wie sie unsere neuere Dichtung selten aufzuweisen hat. Eine Gestalt, die neben den Gestalten Gottsried Kellers bestehen kann. Wie alles Starke niemals verloren gehen kann, so muß auch diese Schöpfung einmal ihre richtige Bewertung finden und sich die Gunst der Leser erzwingen zum Ruhme ihres Schöpfers. Schade, daß dieser Ruhm, nun der Dichter tot ist, nur ein Nachruhm sein kann!— Wir gehen mit Lene den Lebensweg von früher.Kindheit an durch Jugendleiden, durch Armut und die Zwitterstellung des Waisenkindes bis zur Selbständigkeit der Diensimagd, ihre Ver- folgungen und Versuchungen, ihrer entsagenden Liebe bis zu ihrem endlichen Entschluß, die Frau des verwitweten Försters von Konradsreuth zu werden. Und wir sehen sie an der Seite ihres Mannes, wie sie ihm beisteht als treuer Kamerad und mit ihm ohne Sentimentalität den Wald lieben lernt, der den Stadtleuten nur ein Spekulationsobjekt, den Förstern und Holzern aber ein Stück ihrer Seele ist. Und wir sehen sie in schwerer Stunde, da der Förster, halb gebrochen durch eine falsche Anklage, sich verzweiflungs- voll den Tod geben will, den Mann aufrichten und ihn ins Leben weisen. »Bor ihnen lag der Hau, stumm standen die Kiefernbüsche, als leuchte jede Nadel der Nacht entgegen. Hoch über sie hob sich eine alte starke Föhre, in ihrer breiten, gesunden Krone lohte die sinkende Sonne. .Lene wies mit der Hand nach dem Baume.... .Das bist du!... Und ich deine Sonne I... Wo Mann und Weib zusammensteh'n, kein Teufel kann's dernrachen l.. So klingt der Band„Der Förster von Konradsreuth" aus, in dem neben dem Lied des Waldes auch das Lied de« ForsthauseS und der Förstertreue gesungen worden. Und wir sehen im dritten Bande die Lene die Tragödie der jungen Witwe erleben, an die die Versuchung herantritt, durch eine neue Heirat sich ihrer ärmlichen Verhältnisse zu entledigen. Aber sie entsagt. Klar und groß steht das Bild ihres Mannes vor ihr, der ihr immer noch den letzten und besten Rat weiß.„Ihr Inneres war ruhig. Sie wußte, daß der Sturm, der sie die letzten Tage durch- wühlt, der letzte gewesen." Wir nehmen Abschied von Lene, aber es ist kein trauriger. Er hat einen schönen und hohen Aufklang. .Aus den Essen stieg der Rauch kerzengrade in die Lust. Ein neuer, schöner, klarer aber kühler Tag stand in Aussicht. Der Herbst war da I „Auch meiner ist gekommen I" dachte Lene. Wer mit leuchtenden Augen ging sie hinab, an die Arbeit. In den Kreis des Kulturhistorischen dieser Romantrilogie fügen sich auch die übrigen Bücher von Krauß, die aber dem Romanwerke an Bedeutung nachstehen, ein. Echte Poesie in Humor und Tragik enthalten noch die fünf Skizzen und Geschichten, die er unter dem Titel„Im Waldwinkel" vereinigt hat. Dem gleichen Boden ent- wachsen, werden in ihnen die Förster und Heger, die Holzhaner, Beerensammler und Pilzesucher in den Sitten ihres Landes und dem Merglanben, der ihr Empfinden beherrscht, lebendig. Als eine sprachliche Vorstudie für seine poetischen Werke dar? man die Dialektstudie.Eghalandrischs" persönlich bewerten. Zum erstenmal ist in ihr der Egerländerdialekt literarisch verwertet worden.— In letzter Zeit sprachen wir viel von dem neuen Buche, daS Krauß diesen Herbst herausbringen wollte. Seine Schreibweise war immer knapper, sogar bis zur Abgerisjenheit gediehen. Ich wies auf die Gefahr hin, die darin liege. Er lächelte und bat, Vertrauens- voll das Ganze abzuwarten. Die Beziehungen, die im einzelnen ver- loren gingen, werde schon das Ganze wieder herstellen. Im übrigen sei er soweit gekommen, daß er nur darstelle und alles erklärende Sagen unterlasse. Die Art der Darstellung hatte schon der Roman„Die Stadt" in hohem Maße, und ich wiederhole hier den ersten Gruß, den ich ihm literarisch dargebracht, als den letzten, weil ich glaube, daß darin enthalten ist, was das Wesentliche seines literarischen Bilde? abgibt:„WaS wollte dieser Dichter?— Dichten! Das Leben und Treiben, Klatsch und Arbeit, Planen und Feiern, ehrliches Erringen und heimliches Erschleichen, ernste Gänge und lustige Tänze, Jung und Alt und viel tüchtige Menschen einer ganzen Stadt uns vor Augen führen. Jedenfalls aber, und ganz besonders einen prächtigen, kernfesten Charatter in der Försterswitwe Lene Gruber. Dieser Dichter, kommt ohne„Geschichte", ohne eigentliche Fabel ans, der stigt nur einfach Geschehnis an Geschehnis, läßt Menschen auf den Plan treten und das Herz auf der Zunge tragen, läßt sie abtreten, weil das Leben sie abtretet« heißt und leitet alles ganz unmerklich, ganz unabsichtlich zurück zu der Einen, die so ganz und gefestet im Leben steht, im Schloankenden sich aufrankend am Vorbild deö toten Mannes, im Zweifelnden sich tiefer in sich selbst versenkend, zu der Einen, die das Leben nicht verlieren, den Menschen Kch nicht abwenden kann, weil jede ihrer Handlungen nur der Beweis und Ausdruck der Treue zu sich selbst ist.[Die Treue zu uns aber ist allemal ganz von selbst die Treue zum Leben. Hier freilich— hier erhebt selbst in dieser Dichtung das Problem sein Haupt. In allem ist diese köstliche Wirkung des Herzens, des Dichterherzens, das tiefer ins Leben führt und in desien Pulsen der Puls der Welt schlägt. Hier ist diese „Welt" zwar nur die engere Heiniat— aber was ist uns alle Heimat und Heimatkunst, wenn sie sich in einem engen Krähwinkel selbst genügt und nicht der Spiegel der Weite, des Weiten und Allgemeinen geworden ist! Ein Dichter dieses Spiegelnden ist Nicolaus Krauß— und darin ohne jede Eiirschräiikung ein D i ch t e r I" Die Heimat hat ihren Sohn, der Wald hat seinen Bruder ge- rufen. Nun werden wir seine Seele grüßen, wenn der Wald rauscht, wenn die Bäume grünen und die Sonn» durchs Gezweigs tropft. Da wird Liebe sein. Und lvir werden sie grüßen, wo ein Baun, aufrecht ragt über Gestrüpp und Unterholz, denn da wird Geradheit sein und Festig- keit,— Widerstand und Treue, und wir werden sie grüßet«, wo die Finken schlagen und Kernbeißer schwätzen und die Baumläufer, die er liebte, quirren, denn da wird Jugend sein und Lachen.— Wilhelm Holzamer. Kleines f eullleton» o. k. Der Herbst im Volksglauben. Nach dem Kalender nintint der Herbst am 22. September seinen Anfang. Wie er sich gestalten wird, ob warn« oder kalt, ob naß oder trocken, wissen wir nicht. Das war zwar zu allen Zeiten so. Gleichwohl hat das Landvolk, das ja im unmittelbare!, Kontakt mit der Natur steht, seit jeher seinen prophetischen Drang zu betätigen versucht, indem es auf Grund direkter Wahrnehmungen oder unkontrollierbarer lieber- liefernngen seiner Altvordern ein Tabularium von sogenannten Wetter- regeln zusammengebracht hat. Sie bilden sein Horoskop in jeder Jahreszeit zur mutmaßlichen Boransbestimmung der kommenden Witterung. Ein Märlein hängt an diesen Regeln, das ist wahr; aber es steckt eben doch auch oft ein Körnlein Wahrheit und Witz darin. Wenn, so heißt eS, der Anfang des Herbstes<22. September) klar ist, folgt darauf ein„windiger" Winter.„Hart" werde dieser sein, wenn das Laub„ungern" von den Bäumen fällt, und„ge- meiniglich lang", wenn ihm ein ivarmer, nasser Herbst vorangegangen. Dagegen währt die Kälte nicht lange, wenn das Laub„bald" lrasch) abfällt. Gibt es un, Michaelis<29. September) viel Eicheln, so fällt viel Schnee um Weihnachten. An den gleichen Tag knüpft sich noch mancherlei anderes. Sind um diese Zeit z. B. die Eichäpfel in- wendig schön und frisch, so bedeutet's, daß künftige» Sommer die Früchte„wohl" geraten werden; sind sie inwendig naß und faul, so verkündigen sie einen nassen, sind sie mager und dürr, einen heißen und schlechten Sommer. Findet man darin eine Mücke, so bedeutet's ein mittelmäßiges Jahr. Eine Fliege läßt Krieg und ein nicht allzu fruchtbares Jahr befürchten. Eine darin befindliche Made oder ein Wurm bedeutet Mißwachs und teuere Zeit; aber eine Spinne.drohet mit Pest und sonst einem bösen Jahr". Der Oktober pflegt zwar um seine Mitte herum noch einige warme Tage, den sogenannten„Gallen-Sommer", zu bringen; er ist aber doch schon viel krittlicher als der September. Wenn nämlich die Kraniche und Mldgänse wegfliegen, so bleibt auch der Winter nicht lange.außen". Von Bedeutung ist ferner derjenige Tag im Oktober, an welchem eS zum erstenmal schneit. Es wird im nach- folgenden Winter gerade so viel mal schneien, als Tage vor dem ersten Schneefall verflossen find. Schneit es beispielsweise am 30. Oktober, so sei demgemäß ein dreißigmaliger Schneefall zu er- warten. Nach der Art des ersten Oktoberschnees läßt sich aber auch auf den Winter oder seine Dauer schließen. Bleibt jener lange liegen, so wird dieser lange anhalten. Dagegen wird es so viel Mal Tauwetter geben, als man vom ersten Schneefall im Oktober bis zum„nächst-künfttgen" Neumond Tage zählt. Gewitter in diesem Monat haben für die Menschen traurige Zeiten im Gefolge. Wenn eö nämlich donnert, während Sonne und Mond im Zeichen des Skorpion stehen,.so soll ein großer Hunger entstehen".— Die„Ob» servationes" der Alten und Bauern für den November lauten nicht günstiger. Allerheiligen