Nnterhaltmgsblatt des vorwärts Nr. 185. Dienstag, den 25. September. 1906 (Nachdruck verboten.) 16] Die Tanämger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersctzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann Aber nun öffnete sich die Tür zum Gang und eine andere dicke Madam mit bloßen Armen und weißer Latz- schürze rief nach der Wärterin. „Kaffee!" sagte sie nur und verschwand. Die Frau am Fenster beeilte sich, hinauszukommen. Ehe sie ging, kam sie jedoch zu Kasper, um sich zu er- kündigest, wie es ihm gehe. „Danke,— danke, gut!" sagte er und lächelte,— er war so glücklich, daß er ihrem mütterlichen Busen so nahe war. „Sie denken doch an das, was der Doktor gesagt hat,— nur ganz still liegen und sich gar nicht rühren!" Kasper nickte und folgte ihr mit den Augen, als sie hinausging. Dann lag er eine Weile da und sah in die Ltift hinauf und dabei versank er in eine eigentümliche Seligkeit. Er fühlte seinen Körper gar nicht. Die Wände mit den beiden Reihen Bettelt schienen sich mehr zu entfernen. Der ganze Raum lag schließlich wie in einen niystischen Nebel gehüllt. Plötzlich aber zuckte ihm ein Schmerz durch die Brust, als werde er von einem Spieß durchbohrt. Er warf sich un- willkürlich auf die Seite herum, von wo der Schmerz ge- kommen war, nach einer Weile aber überwältigten ihn die Qualen mit einer solchen Heftigkeit, daß er sich ini Bett auf- richten und den Kops in die Hände pressen mußte, um nicht zu schreien. Es war entsetzlich. Es war ihm, als gäben die Rippen nach und sprengten die Brustmuskeln— und endlich kam der Husten—-- er konnte ihn nicht zurückhalten, obwohl er alles tat, uin die neben ihm Schlafenden nicht zu wecken,— er drängte nach— umspannte seinen Hals, wie ein Paar eiserne Hände, die ihn ersticken wollten. „Na, wie lange soll denn das Konzert noch dauern?" hörte er eine Stimme sage». „Das kann ja nett werden!" sagte eine andere. Einer nach dem anderen erhoben sich die Kranken iin Bett und betrachteten halb ärgerlich, halb mitleidig die ge- spenstcrhafte kleine Person, die plötzlich unter ihnen auf- getaucht war, und deren Husten kein Ende nehmen wollte. Jetzt erwachte auch der Mann init dem großen, struppigen Bart und dem fürchterlichen Geschnarche. „Wer bellt da eigentlich so?" brummte er in das Kissen hinein. Und als der Husten noch immer nicht schwieg, wälzte er sich auf den Rücken' herum und richtete sich auf, so daß das Bett krachte. „Den Deubel auch!— Seht doch den armen Menschen Hat er sich nicht einen Buckel angehustet?— Wo ist denn die Madam?" „Ja, wo ist die Madam?— Wo ist die Madam?" riefen sie jetzt alle.' Nur der junge Mann in der Ecke lag noch immer in seinen Ficberphantasien da und redete wirres Zeug. Kasper bemühte sich vergebens, eine Entschuldigung zu lallen, die Worte erstarben ihm unter dem Husten. Nur das Auge,— das große, brechende— vermochte zu reden. Es war, als ob sein angstvoll umherschweifender Blick alle zu Zeugen seiner Qualen anrufen wolle. „Mit dem sieht es bös aus," sagte einer. „Wir müssen ihm doch helfen," meinte der große Mann mit dem Bart. Und ohne weitere Formalitäten stand er auf und ging im bloßen Hemd zu Kasper hinüber. „Na, Dir geht es wohl recht schlecht, Kamerad?" sagte er und legte seinen Arm zur Stütze um ihn. „Ja," flüsterte Kasper heiser. „Lehn Dich man gegen meinen Arm, Kamerad! Du brauchst nicht bange zu sein,— der Arm hält noch! Das ist ein Weberbaum, weißt Du!— So!— Das ist eine kleine Erleichterung, nicht?" Kasper tat, wie ihm geheißen wurde, ja, er sank ganz zusammen in dem großen, sehnenstarken Arm. Das Auge schloß sich, er wurde so blaukalt um die Nase. Inzwischen hatte man nach der Wärterin und dem wachthabenden Arzt geschickt. Aber noch ehe jemand von ihnen erschienen war, hatte sich Kasper Kappers kleiner Köper plötzlich ausgestreckt und war dann in dem Arm des fremden Mannes schlaff zusammengefallen. Mit einem Ausdruck des höchsten Staunens und der maßlosesten Bestürzung wandte sich dieser zu den anderen und sagte: „Aber zum Deubel auch!— Er ist ja gestorben!" 15. Frau Gylling hatte eine Stunde in ihrem eigenen Zimmer gesessen und auf Boel gewartet, aber sie kam nicht. Dann ging sie hinaus, um sie zu rufen, und nun stellte es sich heraus, daß sie verschwunden war, daß sie das Haus ver- lassen hatte, um nicht wieder zurückzukehren. Auf dem Bett in ihrer Kanimer lagen alle die Kleidungsstücke, die sie bei ihrer Ankunft erhalten hatte, sorgfältig geordnet. Keine Faser fehlte. Sie war in denselben alten Kleidern aus dem Hause gegangen, in denen sie gekommen war, hatte nur das- selbe kleine Bündel mit Wäsche mitgenommen, das sie aus der Heiinat mitgebracht hatte. Als der erste Schrecken sich gelegt hatte, war Frau Gylling im Grunde ganz froh, sie auf eine so bequeme Weise losgeworden zu sein. Sie hätte sich ja sonst gezwungen ge- sehen, sie wegzuschaffen, was so leicht von den Leuten hier wie in Sandinge hätte mißverstanden werden können. Wenn das Mädchen dahingegen ans eigenem Antrieb das Haus verließ, sogar ohne ein Wort zu sagen, ja ohne Ab- schied, so war ihr Gewissen entlastet. Es lag ihr fern, jemanden zu zwingen, gegen seine Lust und Neigung in ihrem Hause zu bleiben. Der freie Wille war bei ihr in allem die Hauptsache, das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen durfte nicht gekränkt werden. Im übrigen ging ja aus dieser Flucht ganz deutlich hervor, daß Boel eiu schlechtes Gewissen hatte. Die Be- kannten von auswärts, mit denen sie am gestrigen Abend ausgewesen war, hatten sicherlich Schuld an dem Ganzen. Jedenfalls hatte sie jetzt zweifelsohne bei ihnen Zuflucht ge- sucht. Sie kannte ja sonst niemand hier. „Gott halte seine schützende Hand über ihr," sagte sie liebevoll und nachsichtig, während die Haushälterin wie auch das Stubenmädchen vor Empörung die Hände zusammen- schlugen. Fräulein Rosalic, die auch herbeigekommen war, trippelte von bannen— wie gewöhnlich einige Worte murmelnd, die niemand verstehen konnte. Indessen war Boel nach Christianshafen hinausgelangt. Es war noch immer ihre Absicht, den kleinen Uhrmacher- gehlllfen aufzusuchen, dessen Namen und Wohnung sie nun in Erfahrung gebracht hatte. Sein Kollege aus derjlßerk- statt hatte ihr freilich nur mitteilen können, in welcher Straße er wohnte, die Hausnummer hingegen hatte er nicht gewußt: und deswegen mußte sie nun in dem strömenden Regen von Haus zu Haus gehen und alle, denen sie in den Haustüren und Treppen beguete, fragen, ob sie nicht wüßten, wo Herr Kappcr wohnte. Nein, den kannte niemand. Die meisten gaben un- höfliche, einige sogar unverschämte Antworten. In ein paar Wohnungen,' wo sie sich erkühnte, zu schellen, warf man ihr die Tür vor der Nase zu, einen Fluch ausstoßend: Sie solle sich zur Hölle scheren mit ihrem Kapper! Oder: Das mag der Satan wissen! � Endlich traf sie eine gutmütige Person, dw Bescheid wußte. Es war eine Frau, die den Krankenwagen in der Straße gesehen und sich dann erkundigt hatte, wer es sei, der da weg- gefahren würde. Sie konnte Boel sogar den Namen des Hospitals sagen, nach dem Kasper gebracht war: und sie gab ihr den Rat, falls sie noch heute mit dem Kranken zu sprechen wünsche, sofort dahin zu gehen. Es sei gerade jetzt Besuchs- zeit, sagte sie, um sechs würde aber geschlossen. Boel wußte nichts weiter zu tun. Sie kannte keinen anderen Menschen in der großen Stadt, bei dem sie hätte Rat oder Beistand suchen können. Aber das Krankenhaus lag Bett weg, an dem anderen Ende der Stadt, und der Regen strömte noch immer herab. Ihre Schuhe waren schon ganz durchnäßt, und sie war so ermattet und verwirrt von allem, was sie in den letzten viernndzwanzig Stunden erlebt hatte, daß sie sich kaum mehr aufrecht halten konnte. Hätte sie nur ein Stück Brot gehabt. Aber sie hatte kein Geld, besaß keinen Schilling, und sie schänite sich, in einen Bäckerladen zu gehen und zu betteln. So schleppte sie sich denn vorwärts durch die nasse Stadt mit ihrem Stroni vonJOJIenschen, ihrem Meer von Regen- schirmen. Häuser und Straßen tanzten rund herum. Einige Herren grinsten sie an, aber das war ihr ganz gleichgültig, ihr war so sonderbar stumpfsinnig zumute, sie fühlte in diesem Augenblick fast nur ihren Hunger, ihre Müdigkeit und ihre eiskalten Füße. Die Uhr war über fünf, ehe sie nach dein Krankenhanse hinauskam. Die Torwache fragte sie, wen sie besuchen wolle, und nachdem sie Wohl ein Dutzend Mal von einem Gang nach dem anderen und von emein Beamten zum anderen geschickt war, gelang es ihr doch endlich, einen Menschen zu finden, der ihr den zeigen konnte, den sie suchte. „Sie gehören also zur Fainilie?" fragte dieser,— ein Beamter in der Uniform des Krankenhauses. „Nein,— bloß eine Bekannte," sagte Boel. „Ach so.— Am Ende die Braut?" „Nein!" „Na ja, dann kommen Sie man mit." Sie waren über einen Hofplatz mit ein paar Baumen gekommen und standen nun vor einem niedrigen Gebäude, dessen Eingang halb unter der Erde lag, so daß man vier, fünf Stufen hinab mußte, um dahin zu gelangen. Ter Mann holte ein Schlüsselbund heraus, öffnete ein Hänge- schloß und schob die Tür zu einem halbduntlen, kellerartigen Raum niit gekalkten Mauern und steinernem Fußboden ans. Ein durchdringender Karbolgestank schlug Boe! von da drinnen entgegen und niachte sie ganz schwindelig. Tie UnHeimlichkeit des Raumes flößte ihr auch Angst ein. Konnte dies wirklich eine Krankenstube sein? Im Halbdunkeln gewahrte sie drei, vier Bahren, die von der einen Wand in den Raum hineinstanden, wie Betten mit weißen Laken bedeckt. „Warten Sie mal," sagte der Mann, trat an die zunächst- stehende Bahre und hob das Laken in die Höhe, wobei der stark eingebundene Kopf eines marmorbleichen, rotbärtigen Mannes zum Vorschein kam.—„Nein, das ist er nicht," murmelte er und schritt über die Bahre hinweg nach der nächsten.—„Fa, hier haben wir ihn." Aber Boel hatte angefangen, Unrat zu ahnen. „Ich will hinaus!" rief sie. Die Hände vor dem Gesicht, stürzte sie davon. Sie war kaum in die freie Luft hinausgelangt, als sie auf der Treppe umstürzte, und ungefähr eine Minute war sie bewußtlos. lFortsetzung folgt.') (Nochdimt DerOoten.) flüssige und scheinbar lebende Kristalle. Auf der Naturforsche rversammluug in Stuttgart ist zweifellos eines der bedeutsamsten Ergebnisse die Vorführung der sogenannten flüssigen Kristalle gewesen, die Professor Lehmann- Karlsruhe und Professor V o r l ä n d e r- Halle in der physikalischen und chemischen Abteilung zeigten. Auch sprach Professor Lehmann in der letzten allgemeinen Versammlung unter Vorzvgung von Projektionsbildern über diesen Gegenstand, der deni größeren Publikum wohl noch völlig unbekannt ist. Die ersten Beobachtungen LeH- manns darüber liegen zwar schon 30 Jahre zurück, begegneten aber in den Kreisen seiner Fachgenossen vielfachen Zweifeln; die Ve- griffe„Kristall" und„Flüssigkeit" schienen nach allen unseren Anschauungen derart entgegengesetzt, daß die Beobachtungen von Lehmann mehrfach für die Folgeerscheinungen unreiner Versuche (Versuche mit unbeachteten Fehlerquellen) angesehen wurden. Ob die Deutungen Lehmanns für die Versuche überall richtig sind, kann erst die Zukunft lehren; die Realität(Wirklichkeit) der von ihm angegebenen Erscheinungen steht aber jetzt wohl außer Frage. Wir lassen einen Auszug aus dem intereßanten Vortrage Lehmanns folgen: Nach der gewöhnlichen Auffassung besteht jedes Lebewesen aus zwei Faktoren, speziell der Mensch aus Leib und Seele. Freilich stoßen wir auf eigenartige Schwierigkeiten, wenn wir jedem Lebewesen eine Seele zusprechen wpllen. Wir haben z. B. im Garten einen Regenwurm herausgeschaufelt und ihn zufällig mit dem Spaten entzwei geschnitten. Welche Hälfte enthält nun die Seele? Beide Hälften kriechen fort und heilen wieder zu normalen Würmern aus. Ist die Seele ebenso teilbar wie die Materie? Wovon nährt sie sich beim Wachstum? Oder es fällt ein nahezu reifer Apfel vom Baum— anscheinend tote Materie. Aber im Keller reift er weiter aus, notwendig mutz auch er Leben enthalten. Freilich ist es ein recht unvollkommenes Lebewesen; schließlich tritt Fäulnis ein, er zerfällt in Moleküle und Atome. Sind diese tot oder besitzen auch sie etwa noch Leben, wie der vom Baum gefallene Apfel? Manchem mag die Frage mützig erscheinen, da ja überhaupt noch niemand Atome gesehen hat. Aber trotzdem brauchen wir sie notlvendig, um die Natur- erscheinungen zu begreifen. Begriffen haben wir sie erst, wenn wir sie ausfassen können als Wirkungen von Kräften von der Art unserer Muskelkraft, die ausgeübt werden von Wesen, ebenso un- teilbar wie unser eigenes Ich. und dies sind eben die Atome. Wohl sind die Atome nur Spiegelbilder unseres eigenen Ich, doch hindert das keineswegs, datz sie wirklich existieren, und selbst wer auf ein Begreifen der Naturerscheinungen verzichtet, mutz die Existenz der Atome hypothetisch annehmen, weil ohne sie unser Wortschatz nicht ausreichen würde, eine grotze Anzahl von Naturerscheinungen zu beschreiben. Im menschlichen Leben ist die Bildung einer Vereinigung von Individuen keine besonders schwierige Sache, in der Natur aber beobachten wir niemals die Aggregation(Ansammlung) einfacher Individuen oder gar die Aggregation von Atomen auch nur zu Bakterien. Zwar zeigen sie häufig das Bestreben, sich zusammen zu lagern, aber dann entsteht nicht ein Lebewesen, sondern ein Kristall. Oder sollte vielleicht auch ein Kristall als Lebewesen aufgefaßt werden können? Sicherlich gibt es im Verhalten von Kristallen und einfachen Lebewesen manche Analogien, die sich besonders dem- jenigen darbieten, der die Kristalle nicht in einem mineralogischen Museum studiert, sondern während ihrer Bildung. Ihre Fähigkeit zu wachsen ist eine solche Analogie. In einer Flüssigkeit aufgelöste Kristalle ergänzen sich wieder beim Abkühlen der Lösung, sie zeigen also Negenerattonsvermögen; jedes noch so kleine Fragment eines KristalleS kann als Kristallisationskern dienen, vergleichbar dem Keim bei Organismen. Weitere Analogien bieten das gegenseitige sich Aufzehren von Kristallen sowie daS Aufnehmen fremder Stoffe. Aber umgekehrt kann man auch weitgehende Unterschiede zwischen Kristallen und Lebewesen konstatieren. Vor allem sind Lebewesen weiche, manchmal eiweißartige flüssige Gebilde, während Kristalle als typisch starre Körper gelten, derart, datz das Fließen eines Kriställes völlig ausgeschlossen erscheint. Datz es flüssige Kristalle nicht geben kann, lehrt anscheinend auch dir Theorie. Im Gaszustände beweget sich die Moleküle geradlinig, etwa wie Erbsen, die in einer Schachtel geschüttelt werden; im Flllssigkeits- zustande kriechen sie ohne jede Ordnung durcheinander wie Würmer. Bei der amorphen(gestaltlosen) Erstarrung hört das Kriechen auf, aber sie bleiben ungeordnet; findet jiristallbildung statt, so ordnen sie sich zu einem vegelmätzigen Punktsystem oder Raumgitter. Manchmal sind zweierlei Raumgitteranordnungen möglich, es ent- stehen zwei verschieden gestaltete Modifikationen(verschiedene Zu- stände desselben t-loffes). Erhitzt man z. B. rotes Quecksilber- jodid, so klappt das System der Moleküle in ein anderes Raum- gitter um, die Masse wird gelb; beim Abkühlen wird sie wieder rot. Wenn ich Eisen schmiede, so zerstöre ich das Raumgitter der Eisenkristalle, das Eisen wird amorph lgestaltlos). Durch Er- schütterungen kann es im Laufe langer Zeiträume wieder kristal- linisch werden, damit verändert es seine Eigenschaften, es wird brückig. Gäbe es also Kristalle von solcher Weichheit, datz sie fliehen könnten, so wäre dieses Fliehen kein wahres Fliehen, sondern eine beständige Umlagerung in andere Modifikationen, verbunden mit fortwährendem Wechsel der Eigenschaiten. Schon im Jahre 1876 hat aber Professor Lehmann beobachtet, datz eine in der hdhen Temperatur von mehr als 146 Grad be- stäudige Modifikation des Jodsilbers, die man bis dahin für eine zähe Flüssigkeit gehalten hatte, in Wirklichkeit aus äußerst weichen Kristallen besteht, welche ohne die geringste Slenderung ihrer Eigenschaften fliehen können wie eine Flüssigkeit. Hiernach mühte die bisherige Raumgittertheorie, nach welcher die Eigenschaften eines Stoffes von der?lrt der Aggregation der Moleküle(Anordnung der Moleküle) abhängig sein sollten, nicht ganz zutreffend sein, die übliche Vorstellung, es könne nicht fliehende Kristalle geben, liehe sich mit diesen Beobachtungen nicht vereinigen. Mit der Zeit ist eine Reihe weiterer Beispiele zutage gefördert worden, erst in der letzten Zeit durch sehr schöne Beobachtungen von Vorländer. Die wachsenden Kristalle befinden sich hierbei in lebhaftester Bewegung, die dadurch entsteht, datz, sobald zwei Kristallindividuen in Berührung kommen, sie zu einem neuen ein- Zeitlichen Kristall zusammenflietzen wie zwei Flüssigkeitstropfen. Einige sind so leichtflietzend wie Wasser und treten loie dieses frei schwebend in kugelförmigen Tropfen auf, die hier jedoch eine innere Struktur besitzen. Man kann diese bei der Betrachtung im gewöhnlichen Lichte erkennen, da je nach der Richtung, in welcher man hindurchblickt, verschieden gestaltete dunkle Gebilde auftreten, die in Wirklichkeit nicht existieren, sondern durch die Lichtbrechung vorgetäuscht werden. Zwei Kristalltropfen in Berührung gebracht, fliehen zusammen wie zwei Wassertropfen, haben für einige Zeit noch zwei Kerne, Mischen welchen sich ein dritter abweichend ge- stalteter dunkler Punkt geltend macht, nach und nach aber wird die Struktur vollkommen einheitlich, man sieht dann nur noch einen Kern. Beim Zusammcnsliegen mehrerer Kristalltropfcn cherden die Erscheinungen komplizierter, doch ist die Kristallnatur durch die im sogenannten polarisierten Lichte zu beobachtenden Er- schcinungen ganz unzweifelhaft festgestellt. Außer den kugel- förmigen treten auch flüssige Kristalle mit ebenen Grenzflächen auf. Stört man die Struktur eines flüssigen Kristalls und über- läßt ihn sich selbst, so nimmt er alsbald wieder seine normale Struktur an, ein Analogon zu der Erscheinung, daß eine Amöbe z. B. auch durch beliebige Verzerrungen nicht ihre Struktur der- liert und zu einem amorphen Eiweißklumpen wird. Das Zu- sammenflictzen zweier Kristalltropfen zu einem einheitlichen In- dividuum kann als Analogon zwischen der Kopulation(Vercini- gung) niederer Lebewesen betrachtet werden. Auf biologischem Gebiet führt solche Slopulation zwischen verschieden gearteten In- dividuen zur Bastardbildung; auch auf dem Gebiet der flüssigen Kristalle erhalten wir Kreuzung oder Mischkristalle, gekennzeichnet durch eigentümliche Strukturstörungcn. Höchst nierkwürdige Erscheinungen zeigen sich bei einem von Vorländer aufgefundenen flüssigen Kristall. Die einzelnen In- dividuen erscheinen hier in der Form einseitig abgeplatteter Kugeln. In übereinstimmender Stellung kopuliert geben zwei solche Kugeln einen einheitlichen Tropfen; bei abweichender Stellung dagegen entsteht ein Tropfen mit zwei Abplattungen (oder mehr, wenn mehr als zwei Tropfen zusammenfließe»';. Treffen sich die beiden Tropfen mit den Abplattungsflächen, so bleiben sie einfach aneinander haften, einen Zwilling oder Doppcl- tropfen resp. Toppelkristall bildend. Auch von selbst können solche entstehen, aus der Abplattungsfläche kann eine Knospe hervor- wachsen, die abfällt, wenn sie die Größe dcS Muttertropfens erreicht hat, ein Analogon der Vermehrung durch Knospenbildung bei Lebewesen. Der Doppeltropfen kann sich auch' zu einem bakierienartigen Stäbchen oder eineni sehr langen'schlangenartigcn Gebilde verlängern, er wächst wie ein Organismus durch eine Art Innenaufnahme, während ein gewöhnlicher Kristall durch Anlage- rung neuer Teilchen sein Wachstum erhält. Ganz wie Bakterien können solche Stäbchen oder Schlangen vorwärts oder rückwärts kriechen und sich gleichzeitig hin- und hcrschlängeln oder um ihre Achse drehen. Das allermcrkwürdigste aber ist, daß sie sich ähnlich wie Bakterien von selbst in zwei oder mehr Teile teilen können, die nun selbst wieder als vollkommene Individuen sich verhalten und weiter wachsen. Man sieht, die von der bisherigen Physik und Kristallographie für unmöglich gehaltenen flüssigen Kristalle haben die Zahl der Analogien zwischen Kristallen und Lebewesen beträchtlich erhöht. Befriedigt werden die Anhänger dei Monismus ausrufen: Wir haben es ja vorher gesagt, eine solche Brücke zwischen Kristallen und Lebewesen mußte notwendig gefunden werden, die Entdeckung bildet eine glänzende Bestätigung unserer Theorie! Mit nichten! werden die Anhänger des Dualismus(Lehre von der Verschieden- heit von Stoff und Geist) entgegnen, denn der Umstand, daß zwischen festen und flüssigen Kristallen kontinuierliche Uebergänge bestehen, beweist, daß die fraglichen bilde nicht wirkliches, sondern nur scheinbares Leben besitzen. 2ae sind ein vortrefflicher Beweis für die Richtigkeit unserer Lehre, sie zeigen, daß wohl manches, was bis jetzt als Lebcnsäußerung aufgefaßt wurde, auf rein physikalischen und chemischen Wirkungen beruht. Dadurch wird es möglich sein, die Schwierigkeiten, welche die Annahme einer Seele in jedem, auch dem kleinsten Lebewesen bereitete, zu beseitigen, man wird durch weitere Erforschung der neu aufgefundenen Kräfte dahin gelangen können, genau zu präzisieren, welche Wirkungen lediglich durch Kraft und Stoff in toter Materie hervorgebracht werden, und wo das eigentliche Leben beginnt. Wie dieser Streit auch endigen mag, den Physiker wird es freuen, wenn er zu recht gründlicher Untersuchung der Er- scheinungen führt, denn sie sind recht sehr geeignet, einen tieferen Blick zu gewähren in das Wirke» der inneren Kräfte und in die innere Zusammensetzung der Mu.�rie. Bt. Kleines f eiillletcm* ie. Russische„Mustergefäugnisse".„Tie Gefängnisfrage ist in Rußland seit etwa einem Jahre außerordentlich aktuell. Gibt es hier doch wohl kaum einen mehr oder minder anständigen Menschen, der nicht bereits Gefängnisluft geatmet und Gefängniskost genossen hätte, sintemalen uns durch das Allerhöchste Manifest vom 30. Oktober tllvö eine Reichsvcrfassung und Volksvertretung gewährt und sämt- liehe bürgerliche Freiheiten, darunter auch wirkliche Unantastbarkeit der Person feierlichst zugesagt worden ist." Mir diesen bitteren Worten leitet Dr. Dworctzky aus Moskau eine briefliche Mitteilung über die Hygiene der russischen Gefängnisse an die„Miinchener Medi- zinischc Wochenschrift"-in. Der Inhalt, der eine auch jetzt noch er- schreckende Summe von Scheußlichkeiten ausdeckt, läßt sich kaum besser charakterisieren als durch die Schilderung eines unlängst in Peters- bürg für Einzelhaft errichteten und von der Regierung als muster- aültig bezeichneten Gefängnisses. Die auf diese Anstalt bezüglichen Angaben stützen sich borzugZlveise auf den Bericht eines Arztes, der wegen irgendwelcher„Verbrechen" ein volles halbes Jahr in dieser Strafanstalt zuzubringen gezwungen war, ehe er in einen Bezirk des zwar in Europa gelegenen, aber vule Gegenden von Sibirien an Oeds und Kälte noch übertreffenden Gouvernements Archangelsk verschickt wurde. Der eigentliche Zweck dieses Gefängnisses, nämlich die Einzel- hast, hat sich wegen Ueberfüllung sehr selten durchführen lassen; vielmehr hat man sich damit helfen müssen, daß man in eine Einzel- zclle, die jedenfalls kaum für einen Insassen wirklich ausgereicht hätte, zwei bis drei hineinsteckte; ferner haben die Gefangenen unter chronischeni Hunger zu leiden, was nicht zu verwundern ist, da für ihre Verpflegung nur 2ö bis 30 Pf. pro Tag und Kopf ausgesetzt sind, woran jedenfalls noch„Ersparnisse" gemacht werden. Selbst das verabreichte Brot, das die Hauptspeise bildet, wird fast nie durch- gebacken und befand sich nach den Erfahrungen jene? Arztes während eines vollen halben Jahres nur zweimal in einem befriedigenden Zustand. Auch die auderezi Speisen vermögen weder die Eßlust an- zuregcn noch den Hunger zu stillen. Das Schlimuiste ist aber doch die Luft, in der die Gefangenen leben müssen. Sie ist mehr oder weniger pestilenzialisch verunreinigt und macht den Aufenthall in den Zellen, namcnrlich an warmen Sommertagen, völlig unerträglich. Tie Reinigung der Räume, die jeden Morgen erfolgen soll, geschieht mit trockenen Lappen und Bürsten, so daß danach die Luft des ganzen Gefängnisses erst recht mit Staub und Gestank gesättigt ist. Rechnet man dazu noch, daß es selbstverständlich unter den Häftlingen viele Schwindsüchtige gibt, so kann man sich eine Vorstellung davon machen, was für Gesundheitszustände in diesem„mustergültigen" russischen Gefängnis herrschen. Ferner erhält man dadurch einen vielleicht zu- treffenden Begriff von den Verhältnissen, die in den anderen von keiner Seite als mustergültig in Anspruch genommenen Strafanstalten zu finden sind. Selbst Dr. Dworctzky fließt die Bemerkung in die Feder, daß das Zarenreich an Stcinsäckrn, lvie man dort die Ge- fängnisse nennt, keinen Mangel leide, und doch muß er diese Aussage alsbald zurücknehmen. Obgleich die Regierung an zahlreichen Stellen für den Bau neuer Gefängnisse gesorgt hat, ist die Ueberfüllung sämt- licher Strafanstalten eine geradezu fürchterliche. Tworctzky kennzeichnet den gegenwärtigen Zustand in den Sätzen:„In eine Zelle werden so viele Persotten hineingcpfercht, alS nur irgend hineingehen. Oeffner man die Tür, so quellen die Gefangene» heraus. An Liegen. oder Sitzen ist unter solchen Bedingungen kein Gedanke-— die Häftlinge sind froh, lvenn sie einen Platz an der Wand erobern, wo sie sich wenigstens anlehnen können." Schon Ende April dieses Jahres waren nach den statistischen Erhebungen der Hauptgefänguis- Verwaltung die Gouvcrnement-gcfängnisse um 00 bis Oö vom Hundert überfüllt.' Diese Zahl gibt nur einen Durchschnitt, der in vielen Strafanstalten übcrtroffen wurde. Im Gefängnis von Saratow, das allerdings den Gipfel erreichte, waren in einem Raum für 400 Ge- fangene deren 1008 untergebracht! Daß unter solchen Verhältnissen in vielen Gefängnissen und auch in der Petersburger Musteransialt der Flecktyphus ausbrach, ist natürlich kein Wunder.— hl. Niederdeutscher Aberglauben. Trotz der zunehmenden Auf- klärung haben sich aus der Zeit des Aberglaubens für allerlei Krankheitsfälle geheimnisvolle Mittel erhalten, die voin Volke noch hocb in Ehren gehalten werden. Sehr verbreitet ist der gransame Aberglaube, daß die Hand eines Toten, wenn man mit ihr über einen kranken Körperteil streicht, die Krankheit annimmt; im Lande Wursten, der Wesermarsch nördlich von Bremerhaven, schleicht der Kranke nachts heimlich in die Kammer, in der die Leiche aufgebabrt liegt, und berührt mit der bloßen Hand des Toten die erkrankte Stelle; in der Lüneburger Heide wird die Berührung der Leichen- Hand besonders gegen Warzen und gegen Magenkrämpfe angewendet. Nicht so grausig� aber desto seltsamer ist ein Heilmittel gegen den Bruch, das im oben genannten Lande Wüsten noch angewendet wird: Der Kranke muß in der JohnnniSnacht durch eine gespaltene Esche gezogen werden; dabei müssen drei Leute, die den Vornamen Johann.tragen, tätig sein, und ähnlich lvie bei Schatzgräbercicn darf kein Wort dabei gesprochen werden. Im Gegensatz zu der Schweigepflicht bei diesem Milte! beruhen andere Mittel gerade auf dem Wort. So lautet ein Kinderreim, der gegen das Schlucken (Sink— op) hilft folgendermaßen:„Snik�op und ik gungcn öbcr dat Steg; Snik�-op fult Herin un K gimg weg."„Schlucken und ich ging iiher einen Steg; Schlucken fiel herein und ich ging weg." Der Spruch muß gesprochen werden, wenn man über einen Steg geht, wozu man ja in den gräbcnreichen Marschen genug Gelegen- heit hat. Zur Heilung der Kopfrose wird folgender Spruch ange- wendet: „De Floekasch un de Flech, De gungen öber dat rode Meer, De Floekasch kein toriig Up, de Flech niinmerinehr." Dabei wird Feuer geschlagen und Asche ans dem Herd über die kranke Stelle geblasen. Sympathische Sprüche gibt es noch eine Menge. In der Lüneburger Heide z. B. vertreibt man die Warzen, indem man den zunehmend:n Mond ansieht, drennal kreuz- weise über die Warzen streicht und dazu spricht: „Wat ik anseh, dat gewinn, Wat ik wasch, dat verswinn." Im Gegensatz zu diesem letzten Spruch sind die beiden ersten in die Form einer Geschichtencrzähiung gekleidet, genau wie es die alten Heilssprüche aus der heidnischen Zeit unseres Volkes sind. Die heilenden Sprüche werden übrigens nicht immer gesprochen, sondern in den Wesermarschen wird bei Fieber ein Spruch auf den Zettel geschrieben und der Zettel dann verbrannt. Auf deni Schreiben beruht auch ein in der Lüneburger Heide gebräuchliches Fiebermittel, jedoch wird kein Spruch aufgeschrieben, sondern Name, Geburtsjahr und Geburtsort des Kranken und zwar an einsamer Stätte in drei Nächten, Gebräuchliche Fiebermittel sind ferner das Verschlucken einer Kreuzspinne oder von Spänen, die von einer Kirckenglocke abgefeilt sind; auch kann man das Fieber in eine Weidenrute einbinden. Gegen Zahnschmerzen hilft kreuzweiscs Nägelschneiden an Händen und Fützen, also etwa in der Reihenfolge: linke Hand, rechter Futz, rechte Hand, linker Fuß z die abgeschnittenen Nägel werden vergraben, Nutzer dem eben mitgeteilten Besprechen ist gegen Warzen auch das kreuzweise Bestreichen mit gestohlenem Speck, der dann vergraben wird, gut. Fällt einem ein Zahn au-s, so mutz man ihn rückwärts über den Kopf werfen und es wächst wieder ein neuer. Ausgekämmte Haare darf man nicht jjum Fenster hinausiverfen, denn sobald Vogel sie wegtragen, geht dem Betreffenden das Haar aus. Nutzer sympathischen Mitteln spielen pflanzliche eine grotze Rolle in der Volksmedizin. Aus dem Tierreiche. — Die Haustiere auf den Balearen wurden auf einer Frühjahrsreise von Professor Konrad Keller aus Zürich einer näheren Untersuchung unterzogen, die einige wichtige Ergebnisse zeitigte, worüber ein vorläufiger Bericht in der„Neuen Züricher Zeitung" Kunde gibt,„Uralte Gestalten, die mau längst verloren glaubte, tauchten auf der Insel Malorka in voller Lebenssülle auf," Das schöne Pferd der Insel erwies sich als das unveränderte altgriechische Rotz, wie es auf den Vasen und Münzen abgebildet ist. Unter den Hunden ivaren es besonders die Windhunde, die die Aufmerksamkeit des Zoologen fesselten, zumal der eigentümliche Usrro ibizenco, der auf die Balearen beschränkte„Jbizahund", der dem russischen Windhunde(Barzoi) gleicht und vollkommen übereinstimmt mit dem großen Pharaonenwindhunde des alten Aegypten. Wahrscheinlich ist er von dort durch die Karlhager nach der Insel Jbiza eingeführt worden, Ivo sie frühzeitig die Herrschaft ausübten. Die Aegypter jagten mit ihm Wild, und auf den Balearen jagt man henie noch mit ihm söhne Schußwaffe) Kaninchen, deren häufiges Vorkommen dort die Erhaltung des alten Pharaonenhnndes bedingte. Die Schweine gehören einer alten romanischen Rasse an, dagegen fand sich nichts von alten Rinder- raffen auf den Inseln wegen Mangels an Weiden.— t. Wohlriech endeSchmetterlinge, Einige Schmetter- linge aus der Familie der Tagfalter besitzen die Eigenschaft, einen ziemlich durchdringenden Geruch auszuströmen. Zuerst ist diese Tat- fache beim Männchen der Art Gmiori» napi, eines ziemlich häufigen weihen Schmetterlings, bemerkt worden. Der diesem Insekt an- haftende Geruch ist sehr deutlich bemerkbar und wird mit dem der Verdens verglichen. Der Vermutung nach hat diese Parfümierung des Alännchens den besonderen Zweck, das Weibchen zur Zeit der Paarung anzulocken. Vor einigen Jahren entdeckte dann Dr. Dixley an einigen Tagfaltern einen etwas ähnlichen, wenn auch nicht so starken Geruch, und zwar ivaren es immer nur die Männchen, die diese Eigetümlichkeit aufwiesen. In anderen Ländern außerhalb Europas scheint es aber noch viel mehr wohlriechende Schmetterlinge zu geben, denn Dixley hat bei einem Besuche in Südafrika unter den dortigen eingeborenen Schmetterlingsarten eine ganze Anzahl cnt- deckt, die einen starken und dabei sehr angenehmen Geruch von sich gaben. In einigen Fällen erinnerte dieser an gewisse aromatische Pflanzen, namentlich an Vanille und Schokolade, in anderen Fällen an die Gerüche verschiedener Blumen. Auch unter den afrikanischen Schmetterlingen war diese merkwürdige Eigenschaft nur beim männ- lichen Geschlecht verbreitet mit einer einzigen Ausnahme, die noch als zweifelhaft gelten muh. Außer diesen im eigentlichen Sinne parfümierten Schnietterliugen gibt«3 noch andere, die gleichfalls Ge- rüche ausströmen, aber solche von oft recht unangenehmer Art, die wohl auch den Zweck haben, andere Tiere zurückzuschrecken. Mit dieser Erklärung würde die Tatsache übereinstimmen, daß der Besitz un- angenehmer Gerüche beiden Geschlechtern gleichmäßig zukommt. Endlich gibt es auch noch einige wenige Formen, die gewöhnlich einen schlechten Geruch haben, bei denen aber die Männchen zur Paarung-- zeit außerdem noch einen süßen Lockgeruch für die Weibchen an- nehmen.— Meteorologisches. en. Taifun, Zyklon und Zyklone sind sämtlich Be- zeichnungen für Luftwirbel, die aber eine verschiedene Bedeutung be- sitzen. Unter einer Zyklone versteht man in der Witterung-kunde den allgemeinsten Fall eines mehr oder weniger ausgedehnten Luft- Wirbels, der sich in einem Gebiet von verhältnismäßig niedrigem Luftdruck bildet, indem die Luft von allen Seiten dorthin strömt, um den Unterschied des Luftdruckes auszugleichen. Für uns am wich- tigsten und am bekanntesten sind die Zyklonen, die in den gemäßigten Breiten der nördlichen Erbhalbkugcl von West nach Ost zu ziehen pflegen und den Gang der Witterung in Mittel- und Nordcuropa borzugslveise bedingen. Diese Zyklonen sind an Zugstrahen ge- bundcn, die sich zwar mannigfaltig verzlveigen und mit verschiedener Häufigkeit gewählt werden, aber doch im bestimmten Verlauf fest- gelegt lverden können, was für die Wettervoraussage von größter Bedeutung ist. Im Gegensatz zu der Zyklone ist der Zyklon ein eigentlicher Wirbelsturm, also ein Luftwirbel von berhälrnismäßig geringem Durchmesser. Dem Wesen und der Wirkung nach kommt er mit dem Tornado und dein Taifun übercin, wenn auch von manchen Seiten noch gewisse Unterschiede zwischen diesen Ausdrücken gemacht werden müssen. Das Wort Taifun stammt au- dem Chine- fischen und heißt eigentlich Taisung, Die Taifune haben gewöhnlich eine kurze Dauer und sind in ihrer Wirkung und in ihrem schnellen Vorübcrgang fast einem Erdbeben vergleichbar. Daß aber wie jetzt in Hongkong mehrere Wirbelstürmc einander folgen, ist auch nicht selten. Das Wettcrburcau auf den Philippinen hat jetzt eine wissen- schaftliche Beschreibung einer tropischen Zyklone, wie sie in diesem Fall genannt wird, herausgegeben, die im September vorigen Jahres über die Philippinen fegte und sechs Tage lang zu beobachten war, Diese Zyklone wurde von den dortigen Meteorologen als so merk- würdig beurteilt, daß sie ihr einen besonderen Namen(Cantabria) beilegten, nach einem der Schiffe, die dabei zugrunde gegangen waren. Der Bericht gewährt die Möglichkeit, gleichsam in die Werkstatt de- Lnftmccres für die Erzeugung von Wirbelstürmen hineinzusehen. Das Entstehungsgebiet lag in diesem Fall zwischen den Inseln Guam in den Marianen und Aap in den Westkarolinen. Die Zugstraße folgte also einer Richtung von Ost nach West, umgekehrt wie die uord- atlantischen Lnftwirbel, Der Weg der Zyklone richtete sich zunächst auf die Philippineninsel Samar und dann nordtvestlich nach der Hauptinsel Luzon. Da- Zentrum aller Wirbelstürme wird als Auge bezeichnet, und es gehört zu den eigentümlichsten Entscheidungen dieser Luftbewegungen, daß innerhalb dieses Auges völlige Windstille herrscht. Der Kapitän eines in den Philippinen vor Anker liegenden Kutters beschreibt mit eindrllcklichen Worten den Borübergang des Wirbels einschließlich seines Auges:„Zwischen 8 und 9 Uhr abends wurde es in der Luft und auf dem Meere plötzlich totenstill, der Himmel klarte sich auf und die Sterne wurden sichtbar. Diese Stille dauerte 15 Minuten, während das Barometer auf dem äußerst niedrigen Stande von 690 Millimeter blieb. Nach der Stille brach der Wind von Südost mit der Gewalt eines Orkans herein, und das Barometer begann wieder zu steigen," Diese Angaben bezeichnen die Eigenschaften eines Wirbelsturmes mit seinem Auge durchaus zu- treffend, doch hatte sich das genannte Schiff nicht genau im Zentrum des Sturmes befunden. Ein anderes Fahrzeug hatte eine Windstille von nur drei Minuten verzeichnet, und das wahre Auge des Sturmes war vermutlich zwischen beiden hindurchgegangen und von sehr kleinem Durchmesser gewesen. In der Hauptstadt Manila, die gegen 40 Kilo- meter von dem Sturmauge entfernt war, wurden Windgeschwindig- leiten bis zu 160 Kilometer in der Stunde beobachtet. Ferner wurde festgestellt, daß sowohl aufsteigende wie absteigende Luftströme vor- handen waren. An einem Ort brachen Dächer zusammen, wie unter der Ueberlastung durch ein große- Gewicht, Das Meer schwoll un- gewöhnlich heftig auf und veranlaßte den Verlust einer ganzen An- zahl von Schiffen, Die Abbildungen, die der Veröffentlichung des Wetterbureaus der Philippinen beigegeben sind, geben eine treffliche Anschauung von der Art und der Wirkung eines solchen ostasiatischen Wirbelsturmes,— Notizen. — In der Biographie des verstorbenen Genoffen K r a u ß (vorige Nummer des Unt.-Bl.) ist der G e b u r t s m o n a t falsch angegeben: Krautz wurde am 26. Dezember 1861 geboren.— — Der schwedische Dichter und Literarhistoriker OSear L e V e r t i n starb. 44 Jahre alt, in Stockholm,— — Heine kriegt nun sein Denkmal— auf dem Gute einer reichen Berliner Dame, die dem Bildhauer v. U e ch t r i tz einen entsprechenden Auftrag gegeben hat, 150 000 M, soll's kosten,— — Verboten wurde in Prag die Aufführung eines Berg- mannsstückes von Maximilian Böttcher:„Schlagende Wetter".— —„Die Hochzeitsfackel", Lustspiel in vier Akten von Max Dreher, soll nächstens im Neuen Schauspielhaus die Erstaufführung erleben.— —„ D i e Kr a l le", Schauspiel von Henri Bernstein, wurde vom Kleinen Theater zur Aufführung erworben,— — Der Gründer des Neuen Theaters, Schauspieler Max L ö w e n f e l d, ist gestorben,— — M i t Erfolg aufgeführt: Am Münchener Residenz-Theater„Das LebenSfest" von Karl Rötzler; Philipp Bergers Schwank„Das letzte Mittel" am Deutschen Theater in Hannover;„Wanjuschins Kinder", Drama von Naidjonow, am Hamburger Schau- spielhaus; im Volks- Theater zu Kopenhagen ein Lustspiel von Emma God:„Das mystische Erb e",— — Die siebente Internationale Kunstausstellung der Stadt Venedig dauert vom 22. April bis 31. Oktober 1907.— — Eine internationale hygienische Ausstellung soll im September 1907 mit dem Hygienekongreß in Berlin verbunden werden.— Verautwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u,VerlagSanstaItPaulSingcrLrCo..Berlin?;vv.