Wnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 187. Donnerstag� den 27. September. 1906 (Nachdruck verboten.) ts] Die Sandinger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung auZ dem Dänischen von Mathilde Mann. Boel � saß zusammengekauert auf dem Bettrande, mit schlaff herabhängenden Armen und geschlossenen Augen. Madam Jakobscn war gerade herausgegangen, nach- dem sie sie an Olinens Stelle als Kellnerin gedungen hatte. Boel hatte nicht nein sagen können. Sie war so müde und schlaff. Alles war ihr gleichgiiltig. Sie wünschte nur, sie hätte ihren Vorsah, zu sterben, ausgeführt. Sie blieb sitzen, ohne sich zu regen. Aus dem Zimmer nebenan, wo ganz vor kurzem jemand hineingeführt war, hörte sie Flüstern und Kichern. Vom Gang her erschollen hin und wieder schleichende Schritte, die regelmäßig einen Augenblick vor ihrer Tür Halt machten. Und während alledem umwogte sie wieder Hcuduft, und sie sah die tauscndblumige Wiese daheim und hörte vor ihrem Ohr den fröhlichen Gesang der vielen, heiteren Stimmen: „Klein GotteZkind, was ficht dich cm? Wo doch dein Vater alles kann, Er ist so gut, er ist so reich. Kommt nichts doch seiner Allmacht gleich? O, Gott sei Tank!" Es wurde leise an ihre Tür gepocht. Die kleine ein- geschrumpelte Frau steckte den Kopf herein. �„Entschuldigen Sie," flüsterte sie.„Darf ich mir die Frage erlauben— erwarten Sie einen Herrn?" „Ich— nein'." „Ja, denn da unten auf der Treppe steht ein Herr. Ich glaube, er möchte gern mit Ihnen sprechen." „Mit mir?" rief Boel treuherzig aus. „Es ist solch netter Herr. Mit einem blonden Schnurr- bart." Knud!— durchzuckte es Boel wie ein Blitz vom Himmel. Konnte es möglich sein! Sollte er sie ausfindig gemacht haben--! „Ist er hier?" rief sie aus. „Nun will ich ihn rufen—„Vit! Pst!" rief die Alte und zog sich darauf zartfühlend zurück. Auf der Treppe und dem Gang wurden schwere Schritte hörbar, die Tür wurde ganz zurückgeschlagen und herein trat ein blonder, vom Bier aufgeschwemmter Schlachtergesell, den Hut im Nacken, die Zigarre im Mundwinkel. „Tag. kleine Zuckerpuppe!— Ne. was für ein liebes kleines Siißmilchkalb!" Boel taumelte zurück. „Nahrung und Kleidung, Heim und Haus, » Macht sich sein Kind wohl Sorge draus? Halt nur zu ihm, der droben thront. Ein Kind wohnt, wo der Vater wohnt» O, Gott sei Tank!" 16. Einige Tage später gab Frau Gylling eine Abcndgesell- schaft,— ein kleiner, auserlesener Kreis, so verschieden von den großen volkstümlichen Versammlungen, die zu anderen Zeiten ihre Zimmer füllten, daß man glauben konnte, man befände sich in einem ganz anderen Hause. _ Ta war die schöne Frau Bang in einer rosa seidenen Bstise. die entzückend zu dem strahlenden braunen Augenpaar stand. Da war eine ältere, fchlagslüssig aussehende Dame in schwarzem Moires mit langer Schleppe, über die ihr Gatte— ein älterer, stocksteifer Herr mit einem hölzernen Gesicht- auf ein Paar lauge«, grauen Zirkelbeinen hinwegbalanzierte. Da war der berühmte Kandidat Boserup irr langem, schwarzem Tuchrock und mit einer wolkenumhüllten Tenkcrstirne. Und da war eine junge, lebenslustige Dame in den Vierzigern, mit frischen Rosen im Haar. Für mehrere von diesen Gästen war es eine große Ent tmischung, daß Boel, von deren fremdartiger Schönheit sie so viel gehört hatten, nicht mehr dort im Hause war,— sie habe sich— so drückte Frau Gylling sich verblümt aus—„des ihr erzeigten Vertrauens nicht würdig erwiesen." Namentlich die junge Dame mit den Rosen, die, wie sie sich ausdrückte, bis zur Raserei für alles schwärmte, was ländlich und patür- lich war, erging sich in tiefem Bedauern. Bald aber hatte man an etwas anderem zu denken. Die Tür zum Vorplatz wurde aufgerissen, und herein trat der Geheime Etatsrat Drehling, seine Tochter am Arm. Das war eine große Ucberraschung für alle Anwesenden, mit Ausnahme der Hausbewohner. Der Geheime Etatsrat war allerdings schon früher Frau Gyllings Gast gewesen, aber nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten. Auch glaubte man zu wissen, daß in letzter Zeit eine kleine Entfremdung zwischen ihnen eingetreten sei, auf Gnind von Knuds öffcnt- lichem Auftreten. Ta war nun auch etwas in dem Eintreten des Geheimen Etatsrats, was darauf hindeutete, daß er seinem Erscheinen bei dieser Gelegenheit eine mehr als ge- wohnliche Bedeutung beilegte. So durchzuckte denn alle der Gedanke, daß hier eine Verlobung im Gange sein müsse,— und die neuigkeitslüsternen Blicke der Damen scharten sich um Knud, der sich ein wenig verlegen erhoben hatte, um die Herrschaften zu empfangen. Der Geheime Etatsrat Drehling war ein kleines, glatt» rasiertes Männchen mit einem puderweißen Kopf und einem imponierend breiten und bunten Band im Knopfloch. Trotz» dem war?s deutlich zu merken, daß er eine Ehre darein setzte, ganz und gar nicht vornehm zu erscheinen. Er ging umher und gab ii dcm in der Gefellschaft die Hand, so liebenswürdig ungeniert und natürlich, als sei er noch ein ganz gewöhnlicher Etatsrat. Er eroberte denn auch im Sturm alle Herzen. Seine Tcckter dahingegen— sie trug eine heraus- fordernde Samttoilette aus metbrauner Farbe, stramm wie ein Trikot«nd mit Hnsa renschnüren über der Brust— erregt? trotz ihrer unbestrittenen Schönheit keine Bewunderung. Sic sah nun auch wirklich nicht aus, als erwarte sie, daß sie sich in dieser Gesellschaft amüsieren würde: selbst wenn sie Knud ansah, lag eine verzweifelte Hoffnungslosigkeit in ihrem verliebten Blick. Die junge Dame hatte überhaupt nicht viele Freunde, und man war nicht weit davon entfernt, zu finden, daß Knud viel zu gut sei für diesen raffinierten Starrkopf mit der schonungslosen Zunge. Es wurde bald sehr lebhaft im Zimmer. Wie überall in der Frühlingszeit sprach man hauptsächlich über die Ge- mäldeaüsstellung. Unter den Damen, die sich— beinahe entheiligend— mit ihrem Seidcnstaat und Gesellschaftsklatsch unter Grundtvigs Bild angebracht hatten, ward ein viel be- wundertes Bild:„Ein junges Mädchen, das niest", Motiv aus Laaland, sehr laut beredet. Da man sich nicht einigen konnte, bat man schließlich Kandidat Boserup um sein Urteil, worauf dieser Mann, der als Autorität auf allen möglichen Gebieten galt,. die sokvatische Stirn runzelte und einen Vortrag hielt, der so gelehrt und so mit Zitaten gespickt und so vollsrändig unverständlich war, daß sie sich sämtlich befriedigt fühlten. Zwischen diesem ganzen Gewimmel schlich ein junger Mensch hemm, der sich auf eine sonderbare Weise von der übrigen Gesellschaft abhob. Er war vierschrötig und ein wenig hochschultrig, trug einen kurzen, rrindschößigen Rock von ganz veraltetem Schnitt und enge Manschetten, die das Blut in die großen Hände preßten. Die eine davon— die wie ein großer, roter Schinken aussah, umfaßte das aus roten Bart- stoppeln bestehende Gestrüpp seines Kinns: die andere weilte unablässig aus seinem breiten Hintern. Tie kleinen Augen, die wie Fett glänzten, waren lebhast überall zugegen, während um die dicken, halbgeöffneten Lippen ein stillstehendes, ehr- erbietiges Lächeln lag. das eine jede seiner Bewegungen mit einem stummen„Bitte um Verzeihung" zu begleiten schien. Ties war der vortreffliche Jensen-Tamgaard— ein Name, den man in diesem Zimmer häufig in einer Tiskussion angeführt hören konnte, wenn es sich darum handelte, mit einem schlagenden Beweis für die Bedeutung der volkstüm- lichen Erleuchtung ins Feld zu rücken. Er war ein armev Häuslersohn.(Einige behaupteten sogar, und zwar mit zart- licher Begeisterung in der Stimme, daß er Schweine gehütet habe.) Ivan Gylling hatte ihn irgendwo in Nordseeland ent- Zeckt: sie war ihm nun dazu bchülflich, einmal Schullehrer oder vielleicht gar Pfarrer zu werden, und, wie das natürlich war, verkehrte er viel in ihrem Hause. Es war jedoch keine Rede davon, daß er auch heute abend zu den Eingeladenen gehörte. Aber der junge Bauer hatte ein eigentümliches Glück, sich gerade an den Wenden bei ihr einzufinden, wo sie ihren feinsten Verkehr erwartete: und wenn er einmal gekommen war, konnte sie es nicht übers Herz bringen, ihn wieder gehen zu lassen. Sie liebte es im Grunde auch, ihn vorzuzeigen. Und, mein Gott, er richtete ja keinen Schaden an. Er ging immer so still und bescheiden umher, so rührend glücklich und dankbar, seiner Geringheit sich so wohl bewußt, daß er alle für sich einnahm, (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die automatifcbc Verbreitung cler Zeitangabe und der Mettervorberlage. Im Gegensatz zu dem bei der NeichZpost- und Telegraphen- Verwaltung eingeführten sogenannten„Uhrenzeichen", das vor längerer Zeit an dieser Stelle beschrieben worden ist, kennt die Technik auch noch die automatische Verbreitung der Normalzeit und der Wettervorhersage, die namentlich in Bayern in einer solch voll- kommenen Weise und umfangreichen Ausdehnung besteht, wie in keinem anderen Staate. Bekanntlich wird in der Reichstelegraphen- und Eisenbahn- vcrlvaltung an jedem Tage zu einer ganz bestimmten Zeit samt- liehen Verkehrsämtern mit Telegraphenanlage das Uhrenzeichcn gc- geben, d. h. sämtliche Aemtcr des Reiches erhalten durch den Tele- graphcnapparat von ihren vorgesetzten großen Telegraphenämtcrn ein gewisses Zeichen, wonach sie ihre Amtsnhr zu stellen haben. Die Wettervorheransage war bis vor kurzem nur auf dem Wonne- mentswege in Form des„Wettcrtelegramm" zu beziehen. Letzteres ist jetzt vorschriftsgemäß in jedem Postschaltervorraum auszuhängen und hat für die betreffenden Aemtcr eine nicht zu unterschätzende Mehrarbeit im Gefolge gehabt. Ta nun auch das„Uhrenzeichen" mit vielen Umständen verknüpft ist, so hat sich mit der Zeit ein System herausgebildet, das die automatische Verbreitung des Zeit- jignalS und der Wetterborheranfage in sich schließt. Hierzu sind naturgemäß ganz besondere Apparate nötig gc- Ivorden. Das Telegraphenamt hat zu diesem Zwecke eine eigens konstruierte Uhr mit mehreren Relais und einem ein Thpenrad ent- haltenden Apparat aufgestellt, welcher einige Minuten vor 3 Uhr das zehnmalige Erscheinen der Zeichen dl. E. Z.(mitteleuropäische Zeit) auf den Papierstreifen der Morseapparate veranlaßt. Mit diesem Zeichen wird die kurzfristig zu erwartende Zeit- angabe(Uhrenzeichen) angekündigt. Zugleich bewirkt dieser Um- stand das Anziehen der Apparatanker durch die beiden Elektro- niagncten und die Folge davon ist, daß auf den Streifen ein langer Farbstrich entsteht und das Telegraphieren für diesen Zeitraum (zirka 23 Sekunden) vollständig unmöglich gemacht wird. In dem- selben Augenblick jedoch, wo die Anker von den Magnetrollen wieder abfallen und demzufolge der Strich sein Ende findet, erscheinen auf den Streifen die bereits angedeuteten Buchstaben dl. E. Z.r welche das eigentliche Zeitsignal angeben. Unmittelbar darauf findet dann die Uebermittelung des Wettertelegramms statt, was mittels eines zu den Zeitsignalapparten geschalteten„Generaltasters" geschieht. Es liegt auf der Hand, daß eine direkte Uebermittelung der Zeit- signale usw. nur auf solchen Telegraphenlcitungen stattfinden kann, welche direkt von dem Hauptamtc ausgehen. Um daher die Zeichen auch auf die innerhalb des anderen Bereiches liegenden kleineren Acniter übertragen zu können, ist eine Anzahl von Verkehrsanstalten mit UebertragungSapparaten verschen worden. Diese Apparate er- möglichen in derselben Weise die Wcitcrvcrbreitung der Signale lvie die auf den großen Acmtcrn und sind natürlich stets in der Anzahl zu errichten, wie Tclcgraphenübertragungsämter bor- Händen sind. Nun erhalten viele Tclegraphenanstaltcn in Anbetracht ihres verhältnismäßig geringen Betriebes oder ihrer ungünstigen bau- lichen Lage keinen Anschluß an die Uebertragungsanstalten. Auf diesen Acmtcrn wird daher vorzugsweise noch das alte System bei- behalten, indem das erwähnte„Uhrenzeichen" und die Wettcrvorher- ansage mittels Morsetastcrs weitergegeben wird. Die Telegraphen- anstalten mit Telephonbetrieb erhalten Zeit- und Wcttcrtelegramme auf telephonischem Wege. Wie bereits im Anfange erwähnt itmrde, ist die automatische Einrichtung hauptsächlich von der bayerischen Telegraphenverwaltung ins Auge gefaßt. Hier ist das System in solch eminent feiner und exakter Weise ausgearbeitet worden, daß es im Verhältnis zu den anderen Staaten geradezu als mustergültig hingestellt zu werden verdient. Im Jahre 1903 loaren von den amtlich festgesetzten 23 Uebertragungsanstalten bereits elf im Betriebe, im Hinblick auf die erst kurz zuvor entstandene Erfindung eine beträchtliche Anzahl. Kiese Anstalten vermittelten das Zeitsignal und das Wetter- telcgramm auf 123 Morseleitungen, während z. B. von München aus schon allein 63 direkte Leitungen abzweigten. Mit der Zeit ist die Einrichtung dann weiter ausgebaut worden, so daß von München und den in Betracht kommenden Uebcrtragungs- anstalten aus das Zeitsignal und die Wettertelegramme gleichzeitig auf 216 Morfeleitungen automatisch übermittelt werden. Tie Generaldircktion der bayerischen Posten und Telegraphen ist in dieser Beziehung' der preußisch-deutschen Telegraphen- verlvaltung vorbildlich vorangegangen, und letztere ist bemüht, die automatische Einrichtung nach und nach in derselben Weise den in ihrem Bereich liegenden Verkchrsanstalten zugänglich zu machen. Vorerst ist Bayern aber noch von keinem anderen Staate übertroffcn worden. Mit der geschilderten Einrichtung ist notwendig der Umstand verknüpft, daß zu einer gewissen Zeit— für gewöhnlich 3 Uhr nachmittags— Tausende von Telegraphen- und Telephonapparaten sich in Tätigkeit befinden, die wiederum Tausende von Beamten zur Be- dienung erfordern. Ter Stand der Amtsuhren muß mit dem an- kommenden Zeitsignale verglichen und nötigenfalls reguliert werde», das Wettertelegramm ist auf hierzu vorgesehenen Formularen zu schreiben und dergleichen mehr, und all diese Arbeit erfordert ein Heer von Beamten. Einige Minuten bor und nach der Ankunft der betreffenden Signale wird mit dem Telegraphieren aufgehört, da sonst die Weiter- gäbe der Telegramme unterbrochen würde und eventuelle Vcr- stümmelungen nicht immer vermeidlich wären. Man wird deshalb auch nie finden, daß Telegramme als Aufgabezeit die Ankunft des Uhrenzeichens oder des Wettertelegramms tragen. Sämtliche Apparate sind während jenes Zeitraumes für den Verkehr eben vollständig ausgeschaltet._ R. Zieme. Kleines feuiUeton. clc. Sinekure». Ruheposten gibt es bei den Franzosen überall. Manche Abgeordnete erscheinen niemals im Parlament und manche Senatoren wissen kaum, wo sie im Luxembourg ihren Platz haben. Ein sehr würdiger Abgeordneter, der seit dreißig Jahren seinen Wahlkreis vertritt, kam immer nur von Zeit zu Zeit nach Paris und lebte im übrigen auf seinem Landgute. Seine Wähler aber, anstatt über diese Form der Vertretung entrüstet zu sein, waren mit ihrem Abgeordneten höchlichst zufrieden.„Das ist keiner, der immer in Paris herumlungert," sagten sie,„der ist immer zu Hause und man weiß, wo man ihn finden kann." Besonders die Bibliothekarstellcn waren immer als Sinekuren beliebt. So wurde Alfred de Musset Bibliothekar im Ministerium des Innern und bezog sein Gehalt, ohne sich um sein Amt zu kümmern. Armand Silvestre wurde Bibliothekar im Finanzministerium. Einst kam ein Schriftsteller, der seine Adresse nicht wußte und mit ihn, sprechen wollte, ins Ministerium und fragte nach der Bibliothek. „Bitte, im vierten Stock." Der Mann klimmt eine große Anzahl Treppen hinauf und fragt endlich schnaufend nach Silvestre.„O, mein Herr," antwortet ihm ein kleiner Beamter, der sehr be- schäftigt ist, Zettel zu ordnen,„wenn Sie mit Herrn Silvestre sprechen wollen, da dürfen Sic ihn nicht hier suchen." Oktave Feuillet wurde zum Bibliothekar des Schlosses Fontainebleau ge- macht, wo es wirklich eine sehr schöne Büchersammlung mit äußerst seltenen Werken gibt. Aber Feuillet war nie in seiner Bibliothek zu finden und kam überhaupt nur nach Fontainebleau, wenn der Hof dort war und er eingeladen wurde. Sein Nachfolger in dieser anstrengenden Stellung war der geistvolle Schriftsteller Weise; ganz im Gegensatz zu Feuillet war er beständig im Schlosse, führte hier ein behagliches Träumerdasein und nahm sich häufig ein Buch ans der Bibliothek, um lesend im Park spazieren zu gehen. Das war aber auch seine ganze Tätigkeit. Der Komponist Rcyör war Bibliothekar der alten und der neuen Oper. Er begnügte sich damit, regelmäßig sein Gehalt zu beziehen. Das schien ihm' eine genügend� Beschäftigung. Eines Tages bekommt er plötzlich Lust, einmal in die Bibliothek der neuen Oper zu gehen. Er tritt durch das Portal und wird sofort von einem Diener angehalten.„Wo wollen Sie hin?"„Nach der Bibliothek."„Sie ist geschlossen." „Ist mir ganz gleichgültig, ich bin der Bibliothekar."„Sie! Der Bibliothekar?... Machen Sic, daß Sic augenblicklich wegkommen, sonst werde ich Ihnen Beine machen!" Der junge Albert Cave, vielfach geschäftig in künstlerischen und literarischen Angelegen- heiten, genoß während des zweiten Kaiserreiches hohe Protektion. Man hatte ihm eine Stellung im Ministerium der schönen Künste verschafft, in dem er sich auch am Letzten jeden Monats pünktlich einfand. Eines Tages geht der Marschall Vaillant, Minister des kaiserlichen Hauses und der schönen Künste, durch die Bureaus und trifft hier— es war in der Mitte des Monats— den jungen Mann.„Sie hier, mein Freund?"„Ja, Herr Marschall, ich ging gerade vorbei und da..."„Das ist hübsch von Ihnen; ich werde Sie für das Kreuz der Ehrenlegion vorschlagen." Wirklich wurde Albert Cave kurz darauf dekoriert. Gambctta war ein Freund der Sinekuren. In Cahors kannte er einen Hufschmied, der sich in der Ausübung seines Berufes verletzt hatte und unfähig zum Arbeiten war. Was für einen Posten konnte man für einen solchen Mann ausfindig machen? Gambctta ernannte ihn zum„In- spektor der Kunstschmiedearbeitcn". Der Direktor einer großen Zeitung wollte sich einem Manne erkenntlich erweisen, der der Vater einer niedlichen Schauspielerin war. Da er sich weder zum Re- dakteur noch zu sonst einer Beschäftigung im Betriebe der Zeitung eignete, so stellte er ihn mit einem Gehalt von 500 Fr. monatlich an, uni an den Mauern von Paris Stellen aufzusuchen, Ivo man Reklamen für die Zeitung anbringen könnte. Und der gute Mann lief wirklich herum und kam alle Augenblicke zu dem Direktor: „Ich habe einen Bretterzaun in Bugnolet gefunden..— I. Ucbcr den Ursprung der Null machte Jules Michel kürzlich die folgende Mitteilung: Die Bequemlichkeit der Dezimalrechnung ist einer der Hauptgründe für die Volkstümlichkeit des metrischen Systems. Aber, wird man fragen, wie kommt es, daß die Ge- lehrten des Altertums es nicht verstanden und auch nicht angewendet haben? Die Alten hatten Wohl die Art der Zehnerzählung, wie wir, aber sie konnten die Dezimalrcchnung nicht anwenden, weil sie die Null nicht kannten. So erstaunlich uns dies erscheinen mag, die wir gewöhnt sind, die Null als wesentlichen Teil unserer Zahlenreihe zu sehen, so läßt sich nicht leugnen, daß die Null eine neuere Er- findung ist. Es war der philosophische Geist der Hindu, vielleicht mit Unterstützung des Handelsgeistes der Chinesen, nötig, um ein Zeichen zu erfinden, dazu bestimmt, das Nichts, das, was nicht existiert, darzustellen. Bei diesen beiden Völkern findet man gegen das Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr. die erste Erwähnung eines runden Zeichens, um die Ziffern in der Dezimalreihenfolge, die ihnen eigen ist, zu ordnen; von hier ist die Null durch Vermittclung der Araber erst gegen das 11. oder 12. Jahrhundert zu uns gelangt. Vor dieser Zeit war es also nicht möglich, ein Dezimalsystem zu ersinnen, und es ist nicht erstaunlich, datz es mehrerer Jahrhunderte bedurfte, um den Vorteil verstehen zu lernen, den man aus der Dezimalteilung der jetzigen Matze ziehen konnte. Im Jahre 1070 hob ein Lyoner Astronom namens Mouton den ganzen Vorteil dieser Teilungsart hervor, und alle Gelehrten, die sich seither mit der Reform der Matze und Gewichte beschäftigten, haben niemals diesen Umstand, eine der wesentlichsten Grundlagen der Reform, aus den Augen gelassen.— Theater. NeuesTheater.„D erJubiläum sbr un nen." Drama in 4 Akten von Walter Bloem. Der Herr Verfasser hat in Berlin vor einigen Jahren mit einem waffenrasselnden Ritterspiele „Schuapphähne� im kgl. Schauspielhause debütiert. Seine Puppen sind dadurch, daß er sie jetzt in gebügelte Hemden und schwarze Röcke gesteckt hat, um keinen Gran menschenähnlicher und interessanter geworden. Im Gegenteile I Die Aufhebung der zeitlichen Distanz, wodurch diese wunderlichen Dinger nun in unmittelbarste greif- und kontrollierbare GcgenwartSnähe gerückt werden, der- schlimmert den Fall. Bei Hellem Tageslicht nehmen sich die bemalten Wachsfiguren noch gespenstiger aus. Felix Philippi galt eine Zeitlang als besonders markanter Vertreter einer hohen Theatralik und wurde grimmig angegriffen; aber vcre gleicht man den„Jubiläunisbrunnen" mit Philipps„grotzem Licht" — beide Stücke entnehmen ihre Konflikte, dem Künstlerleben— dann wirkt dies vielgeschmähte Werk neben dem neuen noch immer wie eine stattliche Berghohe neben märkischen Sandhiigeln. Wenn dort gelärnit wird, geschieht es wenigstens in einer Weise, datz man unwillkürlich aufhorcht, während hier die großen Worte abwechselnd bald zuni Gähnen, bald zum Lachen reizen. Bei dem unaufhörlichen Gerede über Kunst, welches die vier Akte ausfüllt, kommt einem die menschenkundige Bemerkung der klugen Lessingschen Franziska ins Gedächtnis, daß wir von den Tugenden, die wir am wenigsten besitzen, ani meisten zu sprechen pflegen. Zwei Pfarrer gibt es in dem Drama, einen sehr humanen, auf- geklärten, der die Kunst, sogar die, welche die unverhüllte Schönheit des menschlichen Körpers nachbildet, für eine gute Gabe Gottes hält, und einen von der ganz rabiaten Sorte, der alle Nacktheit in Stein und Worte als teuflische Verführung zur Weltlust am liebsten gleich mit Feuer und Schwert vertilgen möchte. Hier weiß, hier schwarz! Das Brnnncnmonument eines unbekannten Meisters, das als private Schenkung der Stadt übergeben werden soll, läßt hitzig den Prinzipienkampf entbrennen. Der Rabiate schlägt, entrüstet über das heidnische Najadenvolk am Sockel, die Werbetrommel, auf datz die Gemeinschaft der Gläubigen sich mit flammendem Proteste gegen die Schmach erhebe, während der Humane sich harmlos an der Herrlichkeit der Formen erbaut. Einen armen Schuster, der herbeizitiert wird, die Gefährdung der Volksseele durch daS Bildwerk zu bezeugen, hat der Anblick der Marmor- grnppe dermaßen überwältigt, daß die fromme Seele in einen Anfall von religiöser Anarchistelei gerät! Er gebärdet sich zu Ehren des Brunnens auf einmal ganz revolutionär. Wenn die Welt so über- schwänglich schön ist, so viel Freude und Lust in sich schließt, als diese Schöpfung verkündet, was sollen dann die Predigten vom Jammertale und der JenseitSglaube, warum dann nicht hier schon in vollen Zügen genießen? Selbst dieses doch wirklich schrecken- erregende Gegenargument macht den guten Pfarrer nicht wankend. Deni Reinen ist alles rein, die Kunst ist unschuldig, selbst lvenn sündige Seeleu am Ende gar sozialistische Gedanken aus ihr ziehen sollten! Endlich erscheint der Urheber aller Stürnie auf der Bildfläche und wird vom Brunnenpastor als entlaufener Brudersohn wieder- erkannt. Das ist der dritte Redner über Kunst und seine renommistischen Kraftphrasen Hingen beinahe so läppisch wie das eifernde Gezeter des Fanatikers. Den Ueberschuß an Bildhaucrgenie gleicht der Dichter durch ein entsprechend starkes intellektuelles Defizit seines Helden in allen übrigen Beziehungen harmonisch aus. Sein Helmuth führt sich als ein rücksichtslos brutaler Rowdy ein, was den Alten aber keinesloegs beirrt; auch als er endlich die rohe Selbstsucht des Menschen bemerkt, hält er an seinem früheren Enthusiasmus fest, trotz angedrohter Amtsentsetzung. Im Schlußakte geht es hinter und vor den Kulissen stürmisch her: Protest- Versammlung der Gläubigen, die in einer provozierenden Rede des Bildhauers mit Prügeln endet,— Zerstörung des Brunnens durch die aufgeregten Massen unter Führung des dämonischen inzwischen wieder fromm gewordenen Schusters,— große Abschiedsszene des Künstlers, des Unwiderstehlichen, der die Pfarrerstochter(Per- spektive auf seine künftige Veredelung in der Ehe) mit sich fortreißt. Bei aller Leere und Unnatur, die teilweise auch die Schauspieler zu recht fatalem Deklamieren verleitete, fand das Stück eine Menge Bewunderer. Wenigstens wurde heftig applaudiert mit dem Er- folge, daß Herr Bloem sich mehrmals dem Publikum zeigen konnte. cht. Musik. Komische Oper. Das junge Haus an Friedrichstratze und Wcidendamm hat von Anfang an nach Einführung modernster Spiel- und Szencnkunst in die Opernwelt gestrebt. Neben be- merkenswerten Fortschritten gab cS da so viel abstoßende Künstelei. datz wir der angekündigten Neueinstudierung von B i z e t s „C a r m e n" mit Bangen entgegensahen. War doch sogar zu hören, datz der Szenenmaler Karl Walser eigens nach Spanien gereist sei, um Kostüme zu studieren und Lokalkolorit einzukaufen! Dazu noch unsere Bekümmernis, datz die Berliner Opernbühncn fast immer nur halbalte Zugopern neu aufputzen, jedoch äußerst selten für gegenwärtige Produktion eintreten und so gut wie nie- mals aus der Vergangenheit vergessene Schätze heraufholen. Mit diesen Bangnissen hörten wir vorgestern(Dienstag) die erste Ncuaufführung. Bald mutzte sich auch wieder der Unmut übcv die forcierten Spielereien der Regie einstellen, und bis zum Ende war darüber nicht wegzukommen. Datz nun trotz dieser berechtigten Vorurteile und trotz aller weiteren Abstotzungen dennoch das Ganze den mächtigen Eindruck eines historisch bedeutsamen Fortschrittes machte, zeugt für das Gewicht des Dargebotenen. Wir haben hier den teilweise wirklich gelungenen Versuch, die Weise des Konzertes und speziell Oratoriums zu überwinden, die sonst immer noch unsere Musikdramatik des Alltages beherrscht, und an Stelle des steifen Stilisierens eine Natürlichkeit zu setzen, die dem Zuschauer mit anschaulicher Kraft ein Wirklichkeitsbild vorführt. Mögen die Gaffenbubenspätze noch so läppisch sein, mit denen die„Volksszenen" ausgestattet werden, und die schon vor Jahrzehnten vorübergehend auf Bühnen aufgetaucht sein dürften; mag noch anderes berechneter Parterrefang sein: die Kunst mutz doch anerkannt werden, mit welcher die Handlung engeren Sinnes aus dem Volksleben und der Gesang aus der jeweiligen Situation herausgearbeitet wird. Der Chor nicht Paradetruppe, sondern ein Häuflein ineinanderwirkender Personen; die Duette und größeren Ensembles(wie besonders das Schmugglerquintett des 2. Aktes) nicht Gesangspiecen, sondern Ergebnisse der Umstände, der Stimmung, der Temperamente und Gemütsbewegungen! Dazu eine durchgehends erfreuliche Kunst des Gesanges, speziell deL gesanglichen Ausdruckes, und überwiegend eine beträchtliche Kunst der mimischen Darstellung! Die lyrische Tenorpartie des Don Jose und die ähnliche Sopranpartie der Micaela waren wohl am besten vertreten: jene durch Willi Merkel, der immerhin noch vorsichtiger mit seiner Stimmfülle umgehen könnte, diese durch Lola Artöt de Padilla, die im besten Sinne des Wortes schlicht und rührend war. Den Stierfechter Escamillo gab Desider Zador ohne irgendwelche Reste jenes Renommier» Pathos, das sonst an diese Rolle verschwendet wird. Wir könnten das gesamte Personsnverzeichnis rühmend widerholen, begnügen uns aber mit der Bemerkung, datz die Titelpartie von Frida F e l s e r zwar sehr gut gesungen, nicht jedoch so überzeugend ge» spielt wurde, wie man es von mehreren berühmten Vertreterinnen dieser Rolle gewöhnt ist.— Das Orchester spielte unter Cgisto Tango namentlich dort gut, wo zarte, geheinmisvolle Stimmungen vertont sind, blieb aber besonders an den rauschend kräftigen Stellen bei der üblichen acccntlosen Einförmigkeit. Für die Inszenierung zeichnete HaNs Gregor, für daS niehr Technische eine Reihe weiterer Namen. Ohne Namensnennung blieb die„Einrichtung" des Stückes für die Komische Oper in Berlin. Wieweit sie in den Bestand des Stückes eingegriffen hat, müßte ein gründlicherer Vergleich, als der im Augenblick mögliche, lehren. Allein den neuen Text zeigt bequem das eigens ausgegebene Textbuch. Mag hier nun immerhin vielleicht manche Wortfügung und Betonung gesanglich bequemer sein: der Stil ist so, als ob die Mode, alles just anders zu machen, als es bisher war, und ein all- mähliches Einleben in mühevoll Erreichtes zu hemmen, sich selber verspotten wollte. Wir stellen von der alten Uebersetzung(Julius Hopp, f 1880) und von der neuen als Beispiel den Beginn deA 3. Aktes kommentarlos untereinander: Alt: Nur mutig die Schlucht hinab, ihr Kameraden; Dem, der waget, reicher Lohn gebührt, Doch behutsam auf rauhen Pfaden! Ein falscher Tritt zum Abgrund führt, Reu: Bedenket, brave Kameraden, Glück erblüht uns hier am Felsenwall. Doch verloren ist auf diesen Pfaden, Wer strauchelt und dann kommt zu Fall. sr- Knust. Der Kunstsalon Schulte stellt eine Reihe von Werken deutscher Maler aus, deren neue Versuche, einen Stil zu finden, interessant sind. Es sind Künstler aus Westdeutschland; vom Rhein, aus Westfalen. Am eigenartigsten ist H o fer, ein junger Künstler, der bisher für moderne Kinderbücher arbeitete. Seine primitive Note liest ihn dafür als besonders geeignet erscheinen. Auch das Buntfarbige brachte er in kräftigen Kontrasten heraus. Er hatte originelle Einfälle. Hier nun zeigt er' sich als dekorativer Künstler. Man kann etwa an Böcklin denken. Diese Art, Figuren so grast zu'sehen, erinnert an Böcklin. Die matte Farbe lästt an Puris de Chavannes, den französischen Freskotiinstler, denken. Dazu komint die seltsame Phantastik Hofers. Das alles bringt er zusammen. Und seine Werke erscheinen nicht unruhig. Sie haben Größe und Ruhe. Er hat einen fast typischen GefichtSausdruck bei seinen Figuren; kurze, gedrückte Nase, Schlitz- äugen. WaS aber feine Werke interessant macht, das ist der eigen- artige, fahle Ton, der über dem Ganzen liegt. Farben schimmern darin auf wie seltsame Schönheiten. Bei Röhls s interessiert die Frische des Technischen. Rohlfs setzt Strich neben Strich. Punkt neben Punkt. Ost ziehen sich seine Farbenstriche schlängelnd neben einander. Er erreicht damit ein überraschendes Leuchten des Kolorits. Am besten sieht man das an Bauten, etwa an dem in Weist, Grün und Braun geradezu leuchtenden Haus Freiligraths in Soest. Auch Palmis löst den farbigen Eindruck in kleinste Einzel- teilchen auf. Auch er malt hauptsächlich Bauten und schildert daran das Spielen des Lichts über den Fassaden. Er ist weicher, nicht so eigenwillig wie Rohlfs. Routinierter ist Butler, dessen Schilderungen von New Dork Viele Härten haben. Das Gegenständliche drängt sich stark hervor. Von dem Schweden Axel Gallun sind ani interessantesten die Bilder, auf denen er ganz ins Dekorative übergeht. Da er- reicht er eine Kraft und Eindringlichkeit, die an die alte nordische Kunst erinnert, von der er sich auch bceinflustt zeigt. Während Hofer in seinen dekorativen Werken höchste Ruhe und Plastik anstrebt, ist Gallon im Dekorativen bewegt, lebhast, von einer grimmigen Verbisienheit. Prachtvoll ist, wie Gallön den Schnee malt, dick, in Klumpen geballt, den Wald beinahe zudeckend. Etwas Gewaltsames hat auch das Porträt Gorkis. das ohne Schmeichelei gemalt ist; das Stürmische, Fanatische, zugleich etwas Berechnendes, Lauerndes liegt in den Zügen. Von dem Russen Leonid Pasternak interessieren kräftige, lebendige Zeichnungen aus Rustland. Viele betreffen Tolstoi, sein Leben; oder sind Illustrationen zu seinen Werken. Pasternak charak- terifiert mit Kraft, doch ohne Uebcrtreibnng. Er weist volles Leben darzustellen. Wo er dem schwarzen Ton noch etwas Farbe zumischt. erreicht er am ehesten eine reife, künstlerische Art in der Technik, die ihm am meisten liegt. Denn seine Oelbilder sind langweilig.— s. s. Aus der Pflanzenwelt. b. Industrielle Verwertung der Sonnen- b l u m e n. Die Sonnenblume, Ileliantbus anmuis, die in kaum einem Arbeitergärtchen fehlt und die beim Bahmvärterhäuschen als unentbehrliche Begleiterin erscheint, wird bei uns allgemein nur als Zierpflanze angesehen, von der man hin und wieder auch wohl ein paar Blumen abschneidet, um damit eine große, massige Vase im Zimmer zu füllen. In Mittelrustland denkt man über diese Pflanze anders, dort wird so ziemlich alles verwertet, was die Pflanze produziert. Die jungen Blätter werden als Vieh» futter benutzt. Aus den Samenkörnern wird ein Oel gewonnen, das in den ärmeren Volksklassen vielfache Verwendung findet, und aus den bei der Oelgewinnung sich ergebenden Preßrückständen wird ein Futtermehl hergestellt, das in Formen gepreßt als Futterkuchen verhandelt wird. Die übrigen Teile der ausgereiften Pflanze werden verbrannt, worauf die Asche in den Pottaschefabriken Ver- Wendung findet. Neuerdings hat man auch begonnen, das Mark industriell auszubeuten. Dieses Mark hat ein äußerst leichtes spezifisches Gewicht; Kork ist etwa siebenmal so schwer als Sonnen- blumenmark, daher wird die Verwendung des letzteren für Rettungsgürtel in Erwägung gezogen, wobei es unzweifelhaft beffere Dienste leisten wird als Kork. Da die Sonnenblume keine großen Ansprüche an Grund und Boden stellt und in der Kultur keiner sonderlichen Pflege bedarf, so ist der Anbau nur mit geringen Kosten verknüpft. Es ist des- halb auch schon in Deutschland der Versuch gemacht, die Sonnen- blumenkultur im großen zwecks industrieller Ausnutzung zu be- treiben. So vor etwa 6 Jahren auf einem Gute in der Mark. Wenn dies Unternehmen auch wieder zugrunde ging, so ist damit durchaus nicht bewiesen, daß eine Ausbeutung der Sonnenblume bei uns nicht möglich ist. Die Wachstumsverhültnisse sind bei uns die nämlichen wie in Rußland, wo diese Pflanze in großen Massen stngcbaut wird. Neuerdings hat ein Nixdorfer Kiesgrubenbesitzcr Perciftwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: die Sonnenblume in großen Mengen angepflanzt und mit seinem Erfolg den Nachweis erbracht, daß die Großkultur bei uns sehr wohl möglich ist. Es mangelt also vorläufig nur an den technischen Einrichtungen zur Verwertung der Produkte.— Humoristisches. — Keine Schwarzseher. Lattenfritze dichtet in den „Lustigen Blättern": Nee. nee, ick nehme mir in acht, Ick will von Schwarz nischt wissen, Sonst wer' ick noch bei schwarzer Nacht Aus Deutschland rausjeschmissen; Ick beuge mir dem Machtjebot Und sträube mir jcwiß nich, Mir flimmert's weist un rosenrot, Un Schwarz— pfui! Spinne— is nich! Ick seh' vor mir de Tinte steh'n Und sage: Det is Sahne, Wo andre eenen Raben seh'n, Da rede ick vom Schwane; Und kommt mir etwa in de Näh' So'n oller Jesuwiter, Ick seh' den Kerl so weiß wie Schnee Und halt' ihn vor'n Kondihter. Kommt mir bei einem Bahnhof heut Een Kohlenplatz ins Sehfeld. So sage ick, hier hat's jeschneit, Det Janze is n' Schneefeld; Un wenn ick mir ooch innerlich Im Ooge wat verknaxe, Der sckuvärz'ste Neger is für mich Der allerhellste Sachse. Ins Kaffeehaus bejab ick mir, Der Kellner bracht''ne Tasse: „Ein großer schwarzer Kaffee hier, Macht 30 Femnje Kasse." —„Nanu, wat fällt denn Ihnen ein," Sag' ick,„Sie Nörgelpreiße? Det soll'n jrotzer Schwarzer sein? Det is'ne kleene Weiße!"— Notizen. —„Verwehte Spuren", Lustspiel von S a r h o u, be- arbeitet von Blumenthal, soll seine erste Aufführung im Lust- spielhause am 12. Oktober erleben.— — Starken Erfolg hatten im Wiener Lustspiel» Hause die„Fremden Mütter" von Brieux.— — Eine neue ungarische Nationaloper soll ge- schaffen werden. Zu diesem Zweck hat die Verwaltung der B u d a- pester Opernbühne ein Preisausschreiben erlassen, das dem glücklichen Sieger einen Preis von 3000 Kronen verheißt. — Die Nationalgalerie hat mehrere Gemälde Menzels erworben; außerdem werden aus dem Nachlaß des Künstlers für den preußischen Staat angekauft: 4414 Zeichnungen, 115 Aquarelle, 27 Oelstudien usw. 73 Skizzenbücher schenkte die Erbin Menzels.— — Der Polarforscher Ch aro t in Paris erklärte, 750 000 Mark zu einer Expedition nach dem Südpol zusammen zu haben. Er ist überzeugt, einen Kontinent von der Ausdehnung Australiens und Europas zu entdecken.— — Heringseier im Magen von Schellfischen. Im Jahrgang 1003 der„Mitteilungen des deutschen Seefischerei» Vereins" wird über reiche Fänge von Schellfischen berichtet, welche Anfang Oktober 1903 auf der kleinen Fischerbank gemacht worden waren. Diese Schellfische waren alle sehr vollgeftesscn und enthielten im Magen große Mengen von Laich, der sich bei näherer Unter- suchung als von Heringen herstammend erwies.— — W i e ein Ober m ei st er sein soll. Hierüber bringt die„Wiener Möbelhalle" folgende Aufklärungen:„Der Obermeister (einer Innung) soll sein wie ein Vogel, so frei und unabhängig; er soll sein wie ein Hund, treu dem Grundsatz, über das gemein- same Wohl der Jnnungsmitglieder zu wachen. Der Obermeister soll sein wie ein Roß, um mutig über alle Hindernisse hinwegsetzen zu können. Der Obermeister soll sein wie ein Fuchs, wenn es gilt. die Interessen seiner Innung wahrzunehmen; e» soll sein wie ein Nashorn, damit ihn eine dicke Haut gegen alle Anwürfe schützt. Der Obermeister soll sein wie eine Biene, so fleißig in der Er- füllung seiner Verwaltungspflichten; er soll sein wie ein Fisch, um stets kaltes Blut in den Versammlungen bewahren zu können. Der Obermeister soll sein wie eine Schlange, damit er sich durch. alle Parteiströmungen hindurchwinden kann; er soll sein wie ein Elefant, um genügende Gelehrigkeit für die Auffassung aller be- hördlichen Erlasse und Vorschriften zu besitzen. Der Obermeister soll sein wie ein Löwe, der König aller Tiere; er soll sein wie ein Schwein, da ihm manchmal auch recht schmutzige Angelegenheiten vorkommen. Dieses alles soll der Obermeister sein,— in Wirk- lichkeit ist er nur ein— Esel, der eine große Last auf seinem Rücken zu tragen hat."— Vorwärts Buchdruckcrei u.VerlagSanstaltPanl Singer L-Co., Berlin SW.