Mnterhalllmgsblatt des Horwärts Nr. 188. Freitag� den 28 September. 1906 lNachdruck verbot«?.) is. Die 8anämger Sememäe. Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann- Da war jedoch einer, der sich durch Jensens Anwesenheit heute abend unangenehm berührt fühlte,— nämlich Knud. Er wußte nicht weshalb, aber er hatte einen Verdacht, daß dieser Mensch, der seine Augen überall hatte, auch sein Ver- hältnis zu Boel ausspioniert hatte und nun den Grund ahnte, weshalb sie fortgekommen war. Er glaubte sogar zu wissen, daß der Bursche selber ein Auge auf Boel geworfen hatte und war sich nicht sicher,� ob nicht eine tüchtige Portion boshafter Mißgunst hinter seinem demütigen und kriechenden Wesen lauere.— Der Geheime Etatsrat Drehling ging im Zimmer um- her. die eine Hand hinten auf dem Rücken, die andere in den Brustaufschlag seines zugeknöpften Rockes gesteckt, und in dieser napoleonischen Stellung unterhielt er sich eine kurze Weile und nach einer bestimmten Reihenfolge mit jedem ein- zclnen der Gäste. Als er auf diese Weise schließlich auch zu Jcnsen-Tam- gaard kam, wurde der Seminarist vor lauter Ehrerbietung so krummrückig wie ein Fragezeichen und zog den Mund bis an die Ohren heran, so daß die tabakgelben Zahnreihen in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar wurden. „Wie mar es doch gleich?-- Ihr Name war—?" fragte der Geheime Etatsrat mit einer wohlwollenden Hand- bewcgung. „Jensen-Damgaard,— Exzellenz!" „Ach ja,— ja!" Der Geheime Etatsrat hatte eigentlich die Absicht gehabt, ihn mit einer ganz kurzen Bemerkung stehen zu lassen(er war durchweg kein Freund von diesen„ge- bildeten Bauern")— aber als er ihn nun näher betrachtete, fühlte er sich doch ganz angenehm berührt von der Persön- lichkeit. „Ich höre soeben, daß es Ihre Absicht ist, zu studieren, — möglicherweise sogar Pfarrer zu werden. Ein wirklich lobenswertes Bestreben." „Wenn es mir nur gelingen möchte, Exzellenz!" „Das wird es schon!" Ein wirklich angenehmer— bescheidener und monier- lichcr— junger Mann, dachte der Geheime.Etatsrat und nickte freundlich. „Wie alt sind Sie, mit Erlaubnis zu fragen?" „Achtundzwanzig, Exzellenz!" „Hm,— ja freilich—" «Das ist ja ziemlich alt für jemand, der erst ansangen will. Aber es hat mir an Unterricht gefehlt,— ich bin ja nur ein einfacher Bauer. Exzellenz." „Ach was! Was bin ich denn? Was sind wir alle!" sagt� der Geheime Etatsrat und klopfte ihn ermunternd auf die Schulter.„Ich vermute, die Hochschule hat in Ihnen den Wunsch erweckt, Ihre Fähigkeiten weiter auszubilden?" „Ja, ich war zwei Jahre Lehrer an der Balderödcr Hochschule." „Lehrer? S— o?— In welchen Fächern haben Sie denn da unterrichtet?" „Ach, so durchschnittlich in allen,— hauptsächlich aber in der Erdbeschreibung und in der Geschichte des Geistes." „Ja, namentlich das letztere ist ja ein sehr umfassendes Fach. Sic konnten im Laufe eines Kursus wohl nicht weit darin kommen?" „Ja, sehen Exzellenz, das nahmen wir beim Singen durch. All der Hand der Lieder geht das so prächtig und so leicht." „Ach s— o'." Aber nun wurden die Türen zum Eßzimmer aufgerissen, und man ging zu Tische. Veini Nachtisch schlug der Geheime Etatsrat an sein Glas und erhob sich. Es ward still rings umher. Was würde jetzt kommen? Würde die Verlobung schon heute abend veröffentlicht werden? Es ward sehr still rings umher. Alle sahen Fräulein Drehling und Knud, lind dann wieder den Geheimen Etats- rat an, der jetzt das Wort ergriff: „Meine Damen lind Herren! Gestatten Sie mir, in ganz wenigen Worten das Wohl unserer hochverehrten Wirtin und Freundin auszlibring�t, — mit einem herzlichen Tank, daß sie uns heute so freundlich versammelt hat.� Und gestatten Sie mir, an diesen auf» richtigen Dank die Aeußerung eines Wunsches zu knüpfen— eines Wunsches, der— das weiß ich ganz sicher— von Ihnen allen hier geteilt wird— nämlich des Wunsches, daß die ideale Bestrebung— oder Sache, der unsere liebe Frali Gylling in so hochherziger nnd großartiger Weise ihr Leben und ihre Kräfte gewidmet hat, init Glück und Erfolg gekrönt sein möge. Wenn lvir— vielleicht— meinen, unserer lieben Frau Wirtin nicht in allen auf ihren zuweilen ein wenig kühnen— und wenn ich mich so ausdrücken darf— unerforschten Wegen zu dem großen Ziele folgen zu können, so tragen wir hieran — möglicherweise— die größeste Schuld. Doch, wie sich dies nun auch Verhalten mag— es sei ferne von inir, richten zu wollen— so glaube ich, versichern zu tonnen,— nicht allein für meine eigene Person— natürlich— sondern im Namen aller, die hier anwesend sind— daß wir uns— jeder auf seine Weise— als Glied in dieser mächtigen, segens» reichen Bewegung fühlen: uns— wenn ich mich des Aus» drucks bedienen darf— im Bündnis mit der großen Ge- meinde fühlen, die durch das ganze Land für die Auf» erweckung des Volkes gewirkt hat und noch immer wirkt � vielleicht nicht allemal mit dem gleichen Erfolg, immer aber mit einem ehrlichen, redlichen und aufopfernden Willen. In dieser Gemeinde ist— um im Bilde zu bleiben— unsere liebe Frau Wirtin eine der Hohenpricsterinnen. Nnd in letzter Zeit hat es sich ja gezeigt, daß ihr Sohn— unser gemeinsamer, liebenswürdiger Freund, Herr Kandidat Knud Gylling— würdig in die Fußstapfen der Mutter treten zu wollen scheint." Es war, als verpflanze sich bei diesen Worten ein galvani- scher Stoß durch die um den Tisch versammelten Gäste. Jetzt kommt's! dachten sie. Deswegen war es eine große Enttäuschung, als der Ge- Heime Etatsrat mit folgenden Worten schloß: „Empfangen Sie also— liebe Frau Gylling!— unsere besten Wünsche für die Zukunft. Seien Sie überzeugt, daß wir— wie wir uns auch zu den einzelnen Fragen stellen mögen— Ihre idealen Bestrebungen stets mit dem größten Interesse verfolgen werden und— wie bisher— die höchste Achtung und Ehrfurcht für Ihren begeisterten Glauben und die großen Aufopferungen empfinden werden. Frau Gylling! Gott schütze Sie und Ihr Haus!" Alle erhoben sich. Frau Gylling war bewegt. Sie lächelte halb verschämt, als sie ihr Glas den vielen hinhielt, die ihr über den Tisch cntgcgcngereicht wurden. Denn alle ihre Gäste fühlten sich betroffen von der Wahrheit, die in den Worten des Gehciincn EtatSrats lag. Ein tiefes und warmes nnd begeistertes Gefühl für die Sache des Volkes schwellte in diesen Augenblicken die Herzen der kleinen auserwählten Gesellschaft. Ter vierzigjährigen Jungfrau mit den Rosen im Haar traten vor Ueberzeugung und Aufopferungsdrang sogar große Tränen in die Augen. Diese schöne Stimmung fand noch mehr Nahrung, als Jensen-Damgaard sich gleich darauf am untersten Ende des Tisches erhob und um Erlaubnis bat,„ein kleines Wort reden zu dürfen." Er fing— so einnehmend bescheiden— an zu sagen, daß es gewiß sehr kühn von ihm sei, die Aufmerksamkeit in einem solchen Kreise auf sich zu lenken. Er sei ja nur ein ganz einfacher Bauer, und es sei wie ein wunderbarer Traum für ihn, daß er, der geradewegs aus dem Torfmoor kam, nun hier zwischen allen diesen ausgezeichneten und berühmten Männern und Frauen stünde. Wenn seine alte Mutter, die daheim in ihrer ärmlichen Stube an ihrem Spinnrocken saß. ihren Sohn sehen könnte, würde sie gewiß glauben, daß so etwas unmöglich sei, und er wollte doch auch meinen, daß es sicher nicht viele Länder gäbe, wo feine Damen und Herren sich nicht schämten, mit einem ganz gewöhnlichen Bauern, der geradeswegs vom Torfmoor kam, zu Tische zu sitzen. Und er Eolle sich hiermit die arosze Ehre geben, ein Wohl mif Kandidat Knud auszubringen und ihm für die brüderlich aus- gestreckte Hand zu danken, die der dänische Student durch ihn der ländlichen Demokratie zu gemeinsamem Wirken für das Wohl des kleinen Mannes gereicht habe. Diese wenigen, so herzergreifenden Worte lösten völlig die volkstümliche Begeisterung in der kleinen Gesellschaft aus. Ttister allgemeiner Verherrlichung von Jensen-Damgaards armer Mutter in der kleinen, niedrigen Stube— die Dame mit den Rosen meinte, die alte F-rau müsse geradezu ent- zückend sein— hielt man dem Redner von allen Seiten die Gläser hin, und der Geheime Etatsrat äußerte unVorbehalten und mit Wärme, er— Jensen-Damgaard— habe ihm den Glauben an den Kern des dänischen Volkes wiedergegeben. (Schluß folgt.) (Nachdruil uevbolen.) Reinbold Segas. Allmählich wird es Mode, die Kunstgeschichte der letzten Jahr- zehnte zu rekapitulieren. Nachdem das junge Geschlecht sich energisch durchgeietzt hat, halten es die Alten für ihre Ehrenpflicht, die An- gehörigen ihrer Generation wieder in gebührende Erinnerung zu bringen, sie gewissermaßen zu rehabilitieren; zu zeigen, daß sie nicht so ganz schlecht sind, wie ihr Ruf. N e i n h o l d Begas ist in diesem Jahr füusilndsiebzig Jahre alt geworden. Ihn zu ehren findet in den Räumen der alten Hoch- schule(Potsdamerstraße 120) eine Ausstellung statt, die in der Hauptsache einen Ueberblick über das Schaffen des Künstlers gibt und aus allen Stadien seiner Entwicke- lung Werke enthält. Begas gilt uns als typischer Vertreter jener schlimnien Deukinalskunst, die es schließlich fertig gebracht hat, die Berliner Plastik zu einer berüchtigten Kunstübung zu machen. Er kann schließlich verantwortlich gcinacht werden für die Berliner Siegesallee, die kein ernsthafter Kunstfreund mehr zu verteidigen wagt. Tiergartenkunst ist ein Schlagwort geworden, das alle guten Geister verscheucht. Jusofern ist der Künstler zugleich günstig und ungünstig gestellt. Ungünstig: man wird ihn schnell aburteilen wollen.(So werden die Anhänger sagen.) Günstig: weil schließlich nicht viel dazu gehört, gegenüber dieser Vcrwildernng in den späten Jahren von seiner früheren Kunst eineir besseren Begriff zu geben. Das Niveau ist so niedrig, daß es ein leichtes ist, nun auf die Jugend zu deuten und zu sagen: Seht, was der Mann geleistet hat! Urteilt gerecht I Urteilen wir also gerecht. Vor Begas begegnen wir in der Geschichte der Berliner Plastik zwei Nanien, die Epochen kennzeichnen: Schlüter, Ranch. Schlüter repräsentiert die Kraft; er wirkt durch die Wucht seiner Schöpstingen. Rauch ist nicht so eigen-gewaltig. Er sieht sich nach Anlehnung um. Er findet die Antike. Und strebt danach, die stille Größe der Antike, wie man sie zu seiner Zeit auffaßte, in seinen Arbeiten wieder ans- leben zu lassen. Ihnen gesellt sich Begas zu. Er bricht mit dieser Art Antike. Er nähert sich ivieder Schlüter. Auch er folgt der Plastik des siebzehnten Jahrhunderts. Aber er durchsetzt diese Kunst mit stark persönlichen Elementen, die mehr Auflösendes als Zu- sammenfassendes haben. Während bei Schlüter die Kraft zur Konzentration wird, wirkt sie bei Begas auflösend. Sie zerstört die Forin, die sie bei Schlüter zusammenfügt. Schlüter gibt ein Ganzes, Gebändigtes. Begas gibt Teile. Dasist der Unterschied. Der Pan, der die weinende Psyche tröstet, die um ihren ver- lorenen Gatten trauert, ist eines der ersten Werke, die Aufsehen er- regen. Man muß hier, loie überhaupt bei fast allen Werken von Begas, sich künstlich zurückschrauben, unr zu begreifen, daß man seinerzeit vor diesem Werk von Naturalismus sprach. Die Vorbildung der Zeit diente Begas als Folie und er erschien als Neuerer. Es ist eine genreartig aufgefaßte Szene, der Humor eigen ist. Die Psyche ist niedlich, der Pan ist tapsig, hat etlvas Onkelhaftes. Die Bewegung ist gut beobachtet. Die Linien sind alle mäßig und gehalten. Das Lässige darin ist bezeichnend. ES ist der Nachklang der Ranchschen Antike. Aber ein gemäßigter Realismus durchbricht diese Schablone. Man denkt an Böcklin. Noch auffallender ist da? der Fall bei der folgenden Gruppe: Pan lehrt einen jungen Faun Flöte blase». Böcklin malte damals gerade den flötespielenden Pan. Man muß bei Begas die Tüchtig» keit der Arbeit, das Können anerkennen. Die technische Behandlung ist bei dieser letzteren Gruppe sehr gut. Alles ist natürlich, bewegt und doch rührend. Man merkt das Nachwirken der römischen Welt, die in Begas vorübergehend den Plastikcr weckte. Es entsteht hier ein in seiner Art besonderer Stil, ein Neuklassizismus, dem eine nmurwahre Beobachtung Bedeutung gibt. Das Persönliche fehlt. Die Arbeit tritt in den Vordergrund. Das ist das Erstculiche in dieser Epoche. Dann aber ineldet sich, nach der Rückkehr aus Ron: nach Verlin, das Selbstgefühl in bezeichnender Weise. Das Maßvolle verliert sich. Die Gubelgruppen an der Front der Börse lassen den künstigen Begas ahnen. Die Mittclfigur streckt wagerecht nach beiden Seiten die Arme aus, trotzdem sie aus der Gruppe herausragt. Die Ge- stalten der Knieendcn sind nicht giebelförniig abgesteift. Es ist etwas Wild-Regelloses in der Anordnung. Schwer lasten die Glieder. Die Gewänder sind mit Wucht drapiert. Das Malerische rückt schon in den Vordergrund. Die Ausführring nähert sich dein Skizzenhaften. Immerhin auch hier ist eine eigene Kraft benrerkbar. Diese beiden Tendenzen, die Bewegtheit, die Böcklinschen Note, gehen dann in der Gruppe zusammen, die eine Fauns- familie darstellt. Die Mutter schwingt das Kind jauchzend hoch. Bezeichnend ist, wie Begas immer die übliche Schablone über- nimmt, ihr aber durch einige realistische Noten neues Leben zu geben vermeint. Z. B. seine erwähnten Gruppen, die doch noch im Grunde das alte, genremäßige Arrangement zeigen, aber durch die feine Beobachtung über das Niveau des Gewohnten herausgehoben sind. So auch benutzt Begas in üblicher Weise das Relief. Er zeigt uns da in gewohnter Art allegorische Szenen, natürlich beobachtet. Sie sind nicht eigen. Aber ein wenig freier, als es sonst üblich war. Wie er den Körper drapiert, wie er hinten Laubwerk als Grund anbringt, das ist das Alte, das im wesent- lichen die Form beherrscht. Aber in Gesicht, Gestalt, Gliedern merkt man Beobachtung. Als Begas von Weimar zurückkam, erhielt er— er war damals immer unter den schwächlichen Rauch-Epigonen eine signifikante Er- scheinung, die Leben brachte— für sein Kupferstandbild Friedrich Wilhelms Hl. in Köln den ersten Preis. Hier schon finden wir das Typische seiner Kunst: Löwen bilden den Schmuck des Sockels, Kerle von ungebundener Gewalt räkeln sich herum. Diese forcierte Pose schwächt er in dem Schiller-Denkinal wieder ab. Auch hier siegte er in der Konkurrenz. Hier merkt man plötzlich wieder Rauch und die gezähmte Antike: sanfte Linien, Allegorien am Sockel. Doch wirken diese Allegorien lebendig. Es spricht Realismus, Beobachtung aus diesen weiblichen Figuren, dem „Drama", der„Geschichte", der„Lyrik", der„Philosophie". Neben Rauchs blassen Scheinen sind das hier wirkliche Frauenkörper. Der rücksichtslos das Leben genießende Künstler konnte sich nicht dazu zwingen, einen leblosen Frnuenkörper hinzustellen. Seine Frauen haben das volle, animalische Leben, Iveitcr allerdings auch nichts. Das Gewand ist kleinlich, knittrig behandelt, mehr malerisch als plastisch. Etwas zuviel Schwung stört. Aber in den Gesichtern ist Ausdruck, inneres Leben, Ausdruck ohne Pose. Im Widerspruch dazu ist der Schiller ganz entmenschlicht. Er steht da als ein Schemen, ein blasser Gedanke, keine Lebensmacht. Immerhin hat Begas eine geistige Konzentration hier gefunden, wie sie ihm selten wieder ge- lang. Unter leichter Hülle aber ist schon der künftige Begas ver- borgen; nur gemäßigt, abgedämpft. ' Für die damalige Zeit war dieses Formen aus dem Rohen, dieses Durchscheinen des Modells, dieser malerische Schwung neu. Auf Details verzichtete Begas. Er ging mit Verve auf das Charakterkstische, die Idee los. Der weibliche Akt war im speziellen für Vegas ein Ge- biet, auf dem man ihm die Kennerichaft anmerkte. Auch hier liebt er das Superlativische, die Wucht der Glieder, das Fleischige. Zur Form dringt er auch hier nicht durch. Einige Werke dieser Art': die„Badende", die„Toilette" zeigen noch in Spuren das Genremäßigc, das Betonen des Inhalts, sind aber in der Haltung vielleicht die ursprünglichsten, einfachsten und darum solidesten von Vegas' Werken. Uebcrhaupt wo Begas sich auf die Einzelfigur beschränkte, ist er am ehesten z» vertragen. Zum Beispiel der Stier, den er für das Budapester Schlachthaus herstellte, ist ein imponierendes Werk. Voller Kraft, verhaltener, dumpfer Wut in der stumpfen Bewegung des D'.-res. Der Körper ist machtvoll herausgearbeitet. Es ist eine Einheit darin, die Begas selten sonst erreicht. Bei seinen Frauenakteu z. B. stört neben dem Animalischen der Glieder die süßliche, kokette Haartracht. Das Haar ist gewellt, hoch» gesteckt. Mit einem gewissen plumpen, sinnfälligen Raffinement ist dieses Gegensätzliche vereint. Am eindrucksvollsten gelang Begas die Vereinigung eines männlichen und weiblichen Körpers iii dem „Raub der Sabinerin", wo die gegeneinanderstrebenden Kräfte mit voller Wucht wirken. Der Mann gewaltige Ruhe, die Frau sich windend. Ein Kräftespiel, dem Wahrheit innewohnt, dem nur die formale, stilistische Vollendung fehlt. Diesen Mangel bemerkt man oft. Auch bei dem bekannten„Elektrischen Funken", den ein sich küssendes Menschenpaar trägt. Die kleinen Körper sind gut durchgebildet. DaS Arrangenrent ist aber das übliche, wenn e? auch mit einer getvisfen, sicheren Eleganz behandelt ist. So ist es bei den Bildnissen ebenfalls. Die Büste hat eine ge- lvisse Lebendigkeit der Erscheinung. Sie ist sogar mit offensichtlichem Fernhalten alles Kleinlichen, mit einer gcwiffen Strenge gearbeitet. Doch die Drapierung, die alte Art des Komponierens, das Arrange- ment stört. Die gute Einzelbeobachtung hilft darüber nicht hinweg. Hier und da Einzelheiten, die befriedigen. Im Ganzen stört das Effektvolle. Er übernimmt wieder die alte Form, wie er auch bei den Sarkophagentwürfen sich an den bisherigen Stil hält, den Rauch prägte. In Einzelheiten erfreut dann ein gelvisser Realismus, der aber auch loiederum nicht entschieden betont ist. Begas lvill immer noch in seinen Porträtbüsten das Festliche, das Außer- gewöhnliche prägen, die Bedeutung. Man merkt immer noch das Räuspern: Seht, welch ein Mann! Zum Charakter drang er nicht durch. Es brauchte nur zu all den angegebenen Bedingungen, die in BegaS' Persönlichkeit lagen, das äußere Moment der Gunst der Uni- stände koinmen, dann war dieser Künstler verloren. Dieses Moment kam. BegaS wurde der Bildhauer Berlins. Als solcher hat er es fertig gebracht, die Berliner Plastik in einen schlechten Ruf zu bringen. Er hat Berlin mit Denkmälern versehen, die der Stadt nicht zum Ruhm gereichen. Er ist damit in die Nähe eines Anton v. Werner gerückt und seine schwülstigen Monumente ähneln verzweifelt der Pseudo-Architektur unserer protzcnhaften Mietskasernen. Sein Kaiser Wilhelm-Denkmal, das von keinem Standpunkt aus zu übersehen, das als architektonische Schöpstmg eine Monstrosität ist, sein Bismarck- Denkmal, dessen vollständig auSeinanderfallende Einzelteile ein deut- liches Zeugnis für die Ohnmacht des Plastikers, sind typisch ge- worden. Sie wirken wie fossile Neste einer veralteten Anschauung, die ihre Bedeutungslosigkeit fühlt und darum in Superlativen redet. Auch künstlerisch trifft das Verhältnis zu. Eine alte Form wird benutzt. Die forcierte Phrase des Vortrags soll die Ohnmacht ver- decken.— Ernst Schur. Kleincd fcirilleton. hl. Bilder auS dem altäghptischcn Leben. Würden eines Tages unsere Kultur, die Werke unserer Kunst, die Zeugnisse unseres individuellen Lebens von einer Katastrophe vernichtet, so daß nichts von alledem übrig bliebe als Reste einiger besonders dauerhafter Bauten etwa von Festungen, Kanälen, Kirchen, so würde ein künftiger Archäologe kaum eine Ahnung von der Fülle des Strebcns und der Gegensätze erhalten, die unsere Zeit bewegen. Aehnlich erscheint uns das alte Aegypten als totes Land, dessen Grösse, dessen starre Unbewcglichkeit uns nur fremdartig berührt, aber keine ver- wandte Seite in uns anklingen lässt. Jedoch welch überflutendes Leben, welche Fülle von Tönen und Leidenschaften in diesem Lande der Mumien herrschten, davon entwirft E. Revillout auf Grund neu entdeckter Papyri in der„Revue" ein anschauliches Bild. Eine Generation nach der anderen zieht an uns vorüber. Da gab es einen König, der„revolutionärer Sozialist in des Wortes strengster Bedeutung" war, und, nachdem er es vom Provinzbeamtcn zum Schwiegersohn des Pharao gebracht und König geworden ist, die unermcsslichcn Reichtümer des Landes in den Dienst seiner Pläne stellte. Es war Horemhcbi, der den Kampf gegen das Aussaugungs- system der Beamten aufnahm, als soziales Ideal Heimstätten auf- stellte, die jedem Bewohner eigenen Grundbesitz zusicherten und unter vielen anderen ebenso menschenfreundlichen wie kühnen Mass- nahinen jedem Bedürftigen das Recht verlieh, von der Behörde die Zuteilung von Lebensmitteln zu verlangen. Er wurde das Opfer seiner Bestrebungen, eine Verschwörung der Reichen stürzte ihn, der Palast wurde umzingelt und die königliche Familie ermordet. Auch zarte, romantische Geschichten sind in diese blutigen Thron- kämpfe verwebt. So die rührende Episode von dem Prinzen Amcnophis, der unbccrdigt liegen blieb, und dem eine arme, kleine Tänzerin, der er einst seine Gunst geschenkt hatte, die letzte Ehre erwies, indem sie den Leichnam heimlich begrub und so dem Gc- liebten Ruhe und Seligkeit im Totenrcichc gab. Eine Leinwand, die die Mumie des Amcnophis umhüllt, trägt die Abbildung des liebenden Mädchens, wie sie dem Lebenden ihre Huldigungen dar- bringt und den Toten feierlich bestattet. Durch viele Jahrhunderte hin führt uns dann Revillout in die Zeit, da Aegypten dem Unter- gange seiner staatlichen Unabhängigkeit entgegenging. Es sind uns da Seiten der offiziellen Zeitung des Landes erhalten, deren ehr- würdiges Alter nur durch das chinesischer Zeitungen übertroffen wird. Diese Blätter und die demotische Chronik der lZibliothegue nationale gewähren uns Einblicke in eine interessante Periode ägyptischer Geschichte. Das Land war in zwei Lager gespalten, die Reichen auf der cinen, die Priester und ihre Anhänger auf der anderen Seite; die jüdischen Propheten greifen mit ihren Weis- sagungcn in den Kampf ein und verkünden den Sturz des Königs Aprics gerade so wie sie im Königreich Juda den Sturz des Reiches vorhergcsagt. Amasis, das Haupt der Antiklerikalen, der die auf- rllhrerischen Truppen befehligte, handelte nicht aus eigene Ver- antwortung. Eine Art Nationalversammlung stand über ihn als oberste Instanz; dieses altägyptische Parlament, da-Z bereits seine Vorgänger hatte, tagte durch fünfzehn Jahre, führte den Kampf gegen die Priester, bcschloss die Einziehung der geistlichen Güter, die vollständige Loslösung des Staates von der Kirche und die Zu- lassung fremder Kulte. So wurde zugunsten der Griechen der Be- schluh gefasst,„dass sie ihre Götter ins Land mitbringen dürften". Als eine Art Konvent, dessen Austreten fast an Zustände der fran- zösischcn Revolution erinnert, verlangt die Versammlung den Tod des gefangenen Apries, und seine Abgesandten töteten den cnt- thronten König. Den Kaufleutcn wurde gestattet, Land anzukaufen, und das Privileg der Bauern abgeschafft, denen der Grundbesitz bis dahin vorbehalten gewesen lvar. Die Familienhäuptcr erhielten unumschränkte Gewalt über ihre Familien, und die Angehörigen wurden in die rechtliche Stellung von Sklaven hcrabgcdrückt, ganz im Gegensatz zu den alten Traditionen, die in dem Vater das Haupt einer freien Gemeinschaft und in der Gattin ein vcrehrungs- würdiges Wesen gesehen hatten, das durch einen religiösen Akt mit ihrem Gatten verbunden, ihm gleichgestellt war und mit ihm das Familienvermögen in völliger Gemeinsamkeit besass. Und wieder qieht ein anderes Bild in dem Spiegel dieser alten ägyptischen Funde an uns vorüber. Es ist die Zeit des Eindringens des Christentums. Wie sehr die neue Lehre das Land aufrührte, wie sie siegreich, Familicnbande sprengend, um sich griff, und wie sie von den frommen Gläubigen des Osiris verabscheut wurde, zeigt folgender Brief einer Witwe, in dcni sie in einem erschütternden Herzensschrei gegen den getauften Sohn ihren mütterlichen Fluch ausstösst:„Ich habe Dich genährt, und Du hast nun Deine Mutter in Verzweiflung gestürzt. Der Gott, den Du Dir gemacht hast, er tötet. Stirb nur weit entfernt von der Bahn der Isis, damit ich mein eigen Fleisch und Blut nicht erkenne... Du hast in Freuden dahingelebt und gesungen, wie es die Menschen tun. Aber Du wirst sehen: Es vergeht der Mensch, und er erwacht nur mit Osiris nach dem Schlummer zu dem Zustande der Seligkeit. Du hast den Ahnen den schuldigen Zoll versagt. Du hast getrunken mit den Gottlosen. Ich aber sage Dir: Ter Untergang ist für Dich gekommen. Der Zeitpunkt meines Flehens, der Tod, wird mich nnt meiner Mutter vereinigen. Er lebt aber auch für Dich, der Gott Osiris. Du wirst eingehen zur Stunde des Scheidens in seine Grabeswohnungen, verfolgt von den bösen Dämonen. Du bist trunken, aber sie werden Dich erwecken. Die furchtbaren Boten des Osiris entführen den Menschen zum ewigen Feuer." Aber nicht nur in Worten tobt der Kampf der Religionen, lieber die Ver- folgung erbittert, dachten die Christen an Rache; so wenigstens lässt sich aus dem Schluh unseres Briefes schliessen.„Du bist dazu cnt- schlössen, die Grundlagen des Tempels und die Statuen der Götter zu zertrümmern. Bevor dies geschieht, werde ich selbst alles daran setzen, werde bewirken, dass sie Dich zertrümmern... Bevor dies geschieht, wirst Du sterben, Du Schlechtester der Schlimmen. Be- vor dies geschieht, wirst Du zu Boden geschmettert werden, Dein Glück wird vergehen und damit auch meine Not..."— gc. Tie ältesten Uhren. Die Zeiteinteilung in zwölf Tages- und zwölf Nachtstunden ist uralt. Schon in der Vorzeit Aegyptens bestand diese Einteilung; es hatte damals jede der 24 Stunden ihren eigenen Namen; auch findet sich auf den Bildwerken jede Stunde durch eine besondere weibliche Figur symbolisch ausgedrückt (Stundengöttinnen), von denen die der Nacht auf dem Haupte cinen Stern, diejenigen des Tages eine Sonnenschcibe tragen. Ebenso alt wie diese Stundenzahl ist die Erfindung der Uhr. Die Acgypter und die alten asiatischen Kulturvölker besahen nicht nur Sonnen- uhren, sondern auch schon Wasser- und Sanduhren. Die Er- findung der Wasseruhr schrieb man dem ägyptischen Gottc Phot zu. dem Erfinder der Schreibekunst, der eine Maschine hergestellt haben soll, welche zwölfmal des Tages in gleichen Zwischenräumen Wasser ablicss. Genauere Nachrichten über Uhren haben wir zuerst aus Platos Zeit(400 v. Chr.), wo von einer Wasseruhr die Rede ist, die mit einem Flötenwcrk in Verbindung stand und den Verlauf jeder Stunde durch ein Musikstück anzeigte. Später baute der Techniker Ktesibios in Alexandrien(250 v. Chr.) Wasseruhren, von denen Vitruv erzählt, dass sie durch gezahnte Räder getrieben worden und mit einem Schlagwerk versehen gewesen seien. In Rom wurden die ersten Uhren um das Jahr 145 v. Chr. durch den Zensor Scipio Nasica eingeführt, und später war die Uhr im römischen Reich nichts Seltenes mehr; nicht blos die Reden vor Gericht wurden nach ihr bemessen, es besass auch jede grössere Post- station eine Amtsuhr, nach welcher der Postenwechscl geregelt wurde. Von den berühmten ältesten Uhren unserer Zeitrechnung ist zn nennen die des Ostgotcntönigs Theodorich, ein Werk des Severus Boetius, welche mit automatischen Figuren versehen war und auch die Bewegungen der Himmelskörper anzeigte; ferner die Wasser- uhr Karls des Grossen, die dieser vom Kalifen von Bagdad zum Gc- schenk erhalten hatte, und die in der damaligen Zeit bedeutendes Aufsehen erregte. Die erste Uhr. welche einzig und allein durch gezahnte Räder mittels Kraftumsetzung getrieben wurde, soll vom Erzbischof Pacificus zu Verona im neunten Jahrhundert gebaut worden sein. Mit der Vervollkommnung der Räderuhren ver- schwanden die Wasseruhren bald ganz, und geblieben ist nur die Sonnenuhr als Schmuckstück für unsere Gartenanlagcn und die Sanduhr da und dort als Zierrat auf einem Schreibtisch.— en. WaS der Mensch an Beleuchtung verschwendet, hat Pro- fcssor Silvanus Thompson gelegentlich eines Vortrages vor der Britischen Vereinigung der Wissenschaften vorgerechnet. Er gab zunächst eine geschichtliche Uebersicht darüber, wie der Mensch von den frühesten Zeiten an Licht„gemacht" hätte, kam dann zu der Unterscheidung von Flammen- und Glühlicht und erörterte deren beiderseitige Eigenschaften. Die Behauptung, es sei eines der grösstcn wissenschaftlichen Probleme der Gegenwart, eine Lampe zu erfinden, die Licht ohne Wärme gibt, ist nicht mehr neu, aber die näheren Angaben, die Thompson über den Grad der Energie- Verschwendung durch unsere heutigen Bcleuchtungsarten machte, sind doch überraschend. All unsere Mittel zur künstlichen Be- leuchtung sind elend verschwenderisch. Ob das Licht nun durch Petroleum oder durch Gas oder durch elektrischen Strom erzeugt wird, immer geht ein mehr oder weniger grosser Teil der Energie- quelle durch die Entstehung von Wärmestrahlcn verloren, die man gar nicht erzeugen will und gar nicht braucht. Man darf geradezu sagen, dass eine Lampe, die nur Licht ohne Wärme zu liefern ver- möchte, rund hundertmal Heller als alle jetzigen brennen würde, weil gegenwärtig im Durchschnitt 50 vom Hundert der verbrauchten Energie als Wärme nutzlos oder gar mit unangenehmen Folgen in die Luft ausgestreut werden. Ganz unbekannt ist Licht ohne Wärme nicht, aber seine Erzeugung ist ein©djeimnis der Glühwürmchen, das noch niemand diesen Tieren abzulauschen vermocht hat. Thompson berechnet, daß in Groß-Britannien die enorme Summe von 200— 400 Millionen Mark in der Belcuchtungsindustrie ausgegeben und daß etwa 09 vom Hundert dieses Riesenkapitals auf die nicht erwünschte Erzugung von Wärme statt Licht fort- geworfen wird. Welch ein Ruhm erwartet danach den Mann, der eine wirklich praktische Glühlampe ohne Wärme erfinden würde! Vielleicht wird das Radium einmal die Möglichkeit dazu geben. Wäre es billig erhältlich, so würde es auch die sparsamste Licht- auelle sein. Leider aber würde es heute ungefähr 800 Mark kosten, um mit Radium etwa die Helligkeit einer Stearinkerze zu erzielen, außerdem hat das Radiumlicht auch die fatale Eigenschaft, daß es auf erhebliche Entfernung Brandwunden verursacht.— Theater. Schiller-Theater N.:„DieHoffnung auf Segen". Schifferdrania in vier Bildern von Hermann H e i j e r m a n s jr. Uebersetzung und Bühneubearbeitung von Karl Heine und Helene Riechers. Die ergreifenden Szenen des Heijermansschen Schifferdramas, das vor einem halben Jahrzehnt in einer trefflichen Aufführung der Heineschen Truppe zuerst über eiue Berliner Bühne ging, prägen sich mit einer Deutlichkeit dem Gedächtnisse ein, bleiben dem Zuschauer so gegenwärtig, daß er wohl zweifeln mag, ob eine Erneuerung des Bildes ihm mehr als er von vornherein in der Erinnerung besitzt, wird bieten können, ob sie nicht am Ende die nachwirkende Kraft jenes ersten Eindrucks gar stören werde. So ging ich mit herabgespannten Erwarlungen in das Theater. Aber nach wenigen Minuten schon, als Barend, der arme furchtsame Junge, zur Türe hereintrat, war ich im Bann der Dichtung, ja durchlebte nun Szene um Szene bis zu dem Schlußakt hin mit ' einer stärkeren Jntensivität als bei dem ersten Sehen. Ich konnte oft von mittleren und guten Vorstellungen des Schiller-Theaters berichten, hier aber wurde ein Grad von künstlerischer Abrunduug des Spiels erreicht, der nahe an Vollendung streifte. Man hatte die Empfindung, daß jede kleinste flüchtigste Nuance des poetischen Gemäldes in dieser Spiegelung zu ihrem Rechte kam. Und noch voller wäre der Nachklang des Ganzen gewesen, wenn man in dem letzten Akte auf dein Kontor des Reeders sich zu einigen größeren Streichungen entschlossen hätte. Die Fülle des Details, die bis dahin ein Mittel ist, die Stimnumg zu steigern, wird hier zum hemmenden Momente. Die Schurkerei des Reeders, die Angst und furchtbare Verzweiflung der Frauen bei der Nachricht von dem Untergange des Schiffes, die gegen den Schuldigen jäh sich aufbäumende Wut— alles das verträgt und verlangt einen gedrängteren Ausdruck. Das gemächliche Tempo, die breite, beim Milieu verweilende Ausmalung in diesen Szenen schwächt durch die lang hingezogene quälende Nervenspannung die seelische Erschütterung ab. Von den Hauptdarstellern verschmolz ein jeder so mit seiner Rolle, daß sich Rangunterschiede der Leistung kaum konstatieren lassen. K ö st l i n S Barend mit dem hübschen apathisch drein- schauenden Kindergesicht, dem gedämpften Tonfall und trägen Phlegma der Bewegungen erschien so rassenecht wie I w a l d s prächtiger Hitzkopf Geerd und Klara Rabitows urwüchsigkernige Schifferbraut. Guido H e r z f e l d, der vor einigen Tagen in der Shawschen Komödie einen von Sanftmut und Diskretion über- strömenden alten Kellner mit glänzendem Gelingen spielte, bewies in der diametral entgegengesetzten Gestalt des Heijermanschen Reeders die gleiche Meisterschaft. In jedem Zuge spürte man den bissigen Kettenhund. Eine Skizze, die in ihrer Feinheit an Bassermannsche Episodenkunst erinnert, gab K i r s ch n e r in der Rolle des Annen- Häuslers CobuS. Auch Marie G und ra als alte Fischerswitwe Kniertje verdiente reiches Lob, desgleichen das Ensemble in den personenreichen Auftritten des zweiten und dritten Aktes. Der Dialekt der Waterkant, den die Schauspieler gemäß der Heineschen Ueber- setzung sprachen, erhöhte die Lebendigkeit des lokalen Kolorits.— dt. Aus dem Tierreiche. — Die Altersbe st immun g der Fische ist, so schreibt „Prometheus", bisher praktisch nur schätzungsweise möglich gewesen. Erst Hensen hat in dem schalenartigen Wachstum der Gehörsteinchen lOtolpthen), d. h. in den Jahresringen auf dem Querschnitt der- selben, ein Kennzeichen gefunden, welches eine genaue Alters- bcstimmung ermöglicht. Hoffbauer hat dann ein ähnliches Merk- mal zur Altersbestimmung des Karpfens in dessen Schuppen ge- funden, nämlich gleichfalls„Jahresringe", aus deren Zahl das Alter ersichtlich ist. Die Schuppen der Fische stecken zu etwa Drei- viertel in den sogenannten Schuppentaschcn, die von der Haut gc- bildet werden, und nur ein Viertel der Schuppen ist äußerlich ficht- bar. Dieser kleinere Teil ist pigmentiert(gefärbt) und kommt für die Altersbestimmung nicht in Betracht, sondern nur der hornartig durchscheinende größere Teil, der unter den vorderen Schuppen ver- borgen in seiner Tasche steckt. Dieser Teil zeigt auf seiner Ober- fläche ein ganzes System vieler feiner, konzentrischer, mehr oder weniger ringförmiger Linien. Nach der Mitte zu sind diese Linien weitläufig und unregelmäßig, in einiger Entfernung vom Zentrum werden sie schärfer markiert, sehr deutlich und rücken dichter anein- ander. Dann folgt wieder eine Zone unregelmäßig verlaufender Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Linien mit größeren Abständen, die sich dann aber wieder einander nähern und auch wieder schärfer und klarer werden. Diese Zonen wiederholen sich je nach dem Alter des Karpfens öfter, so zwar, daß jedes Jahr einer solchen Zone entspricht. Während des langsamen Wachstums im Winter nimmt die Schuppe nur unmerklich an Um- fang zu; in dieser Zeit entstehen die engen Zonen der Jahresringe. Mit der reichlicheren Nahrungsaufnahme im Frühjahr schreitet auch das Wachstum erheblich fort, und nun bilden sich die unregelmäßiger und in breiteren Abständen verlaufenden Jahresringe. Dieselben sind nicht immer gleich klar, so daß oftmals mehrere Schuppen durch- mustert werden müssen, um eine sichere Angabe zu gewinnen. Am geeignetsten sind die Schuppen direkt unter den seitlichen Mittel- linien. Zweifelhafte Fälle sind selten und betreffen dann immer verkümmerte Tiere, die auch in der günstigen Jahreszeit entweder aus Nahrungsmangel oder aus sonstigen Ursachen nicht recht ge- wachsen sind. Dieser Befund Hoffbauers hat I. St. Thomson ver- anlaßt, daraufhin die Gadiden oder Schellfische einer Untersuchung zu unterziehen, und er hat gefunden, daß auch hier die Wachstums- intensität periodisch mit den Jahreszeiten wechselt, was sich bei den Schellfischen gleichfalls in der größeren oder geringeren Entfernung der konzentrischen Linien ausspricht. Thomson hat mehrere Tausend Schuppen untersucht, die Jahrringe gezählt und das Alter der Fische daraus berechnet, und es spricht für die Richtigkeit der Methode, daß seine Resultate recht gut mit der in der Praxis üblichen Schätzung übereinstimmen.— Auffallend ist der Befund Thomsons, daß sich auch bei T i e f s e e f i s ch e n die Jahresringe feststellen lassen, ob- wohl dieselben einerseits Sommer und Winter in einer annähernd gleichen Temperatur leben,, so daß bei ihnen andererseits auch der Nahrungsvorrat Sommer und Winter gleich bleibt und deshalb nicht so erhebliche Wachstumsunterschiede eintreten können, wie bei den Süßwasserfischen und den Seefischen in der Oberflächenregion in- folge der spärlicheren Nahrungsvorräte im Winter und der reicheren im Sommer. Welche Ursachen hier die Periodizität im Wachstum im Laufe des Jahres bewirken, ist noch nicht festgestellt; vermutlich kommt die Laichzeit dabei in Betracht. Alternde Fische, die keine Eier mehr erzeugen, wachsen auch nicht mehr und setzen auch keine neuen Jahresringe an. Wahrscheinlich erleiden sie alsdann bald einen natürlichen Tod.— Notizen. — Maria HolgerS beginnt die Reihe ihrer diesjährigen volkstümlichen Vortragsabende am M. September mit einem „Ibsen- Abend". Die Vorträge finden, da das Gewerkschafts- haus bei der Nachfrage schon besetzt war, in„DräselS Festsälen", Neue Friedrichstraße 35 statt. Zum Vortrag gelangen einige nach dem Tode des Dichters von Georg Brandes veröffentlichte Briefe; Eugen Brieger singt Jbsensche Lyrik in der Vertonung von Grieg; der zweite Teil des Programms bringt die gekürzte Vorlesung der „Nora".— — Mommsens schriftlicher Nachlatz ist in den Besitz der königlichen Bibliothek übergegangen.— —„ E r n st",„eine lustige Komödie ftir serieuse Leute" von Oskar Wilde, hatte im Wiesbadener Hoftheater einen guten Erfolg.— —'Die Internationale Konferenz für Krebs» forsch ung beschloß, eine Internationale Vereinigung zur Bekämpfung der Krebskrankheit zu begründen.— — Eine Professur für Nationalökonomie will die Hamburger Bürgerschaft schaffen.— — AufJ s l an d, das jüngst eine telegraphische Verbindung mit Dänemark erhielt, sollen meteorologischeStationen errichtet werden.— — Im masurischen Seengebiet sinkt das Land. Große Flächen, die früher Land waren, sind jetzt vom Wasser bedeckt. Im Spirdingsee find sogar 1500 Hektar Wald versunken.— t. Ein Preisausschreiben für elektrische Batte- r i e n u n d A k k u m u l a t o r e n hat die Vereinigung französischer Industrieller(Paris, Rue de Lutece) erlaffcn. Der Wettbewerb wird international sein. Als Haupterfordernis für die Akkumulatoren wird eine Verringerung des Gewichts bezeichnet. Dazu sollen als weitere Vorzüge Einfachheit der Installation, Leichtigkeit der Prüfung und namentlich Sicherheit für die Arbeiter kommen. Einsendungen zu den, Wettbetoerb müssen bis zum 31. Dezeinber 1006 in Gestalt von Zeichnungen eingereicht werden. Die ausgesetzten Preise sind auf eine Gesamthöhe von 8000 Fr. bemessen worden.— is. Alzen, ein neues Metall. Der Name Alzen ist einer neuen Legierung gegeben worden, die ans zwei Teilen Alu- minium und einem Teil Zink gebildet wird. Es soll an Stärke dem Gußeisen ebenbürtig, diesem aber an Elastizität erheblich überlegen sein. Ferner wird dem Alzen nachgerühmt, daß es eine feine glatte Polittir annimnit und nicht leicht rostet. Seine Farbe ist weiß. ES schmilzt bei einer niedrigen Rotglut und nimmt dann einen hohen Grad von Festigkeit an, sodaß es die feinsten Hohlräume einer Form ausfüllt. DaS spezifische Gewicht des Alzen wird von der Zeitschrift„Eisernes Zeitalter" auf 8,3, seine Zugfestigkeit auf an- nähernd 22 000 Pfund auf den Ouadratzoll angegeben.— Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagsanstaltPaul Singer&Eo..Berlin SW,