Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 189. Sonnabend� den 29 September. 1906 (Nachdruck verboten.) 201 Die SancUnger Gemeinde, Novelle von Henrik Pontoppidan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. (Schluß.) Noch während der Nachsiausefahrt>var der Geheime Etatsrat ganz erfüllt von diesem jungen Bauern und sprach darüber mit seiner Tochter, die indessen seinen Geschmack nicht teilte. „Mir gefällt er gar nicht," sagte sie mit ihrer harten Stimme.„Er war so widerwärtig kriechend." „Ach was,— der richtet sich schon gerade auf!" „Ja, das ist's ja, was ich füichte. In zehn Jahren ist er Rcichstagsabgeordneter. In zwanzig Jahren vielleicht Minister.— Warte nur, der Holzschuhfuß wird schon aus den Leistenschuhen zum Vorschein kommen." „Nun, nun!— Tu bist auch immer so schonungslos, Agnete!" Sie zuckte die Achseln. „Ich begreife nicht, daß Ihr nicht sehen könnt, wie er sich vor Euren Augen lustig über Euch niacht. Ihr glaubt, daß er naiv ist. Ich danke! Er ist klüger als Ihr alle mit- einander. Das werdet Ihr schon merken!" „Ach, Tu redest!" sagte der Vater.„Du inußt doch zu- geben, daß er hübsch und warm von Knud sprach!" Hierauf erwiderte sie nichts. Der Klang von Knuds Namen brachte ihr Tränen in die Augen. Sie hatte es heute abend deutlicher denn je empfunden, daß er unwiderbringli--' für die gute Gesellschaft verloren war. Die Macht, die die Mutter auf ihn ausübte, war zu stark.— Und doch konnte sie nicht auf ihn verzichten. Trotz allem bewahrte sie ihm ihre Liebe. Wahrscheinlich würde er jetzt den graben Weg Zur Erniedrigung einschlagen. Er würde Volksführer werden, Rednertribünen-Tenor, Popularitätsjäger, um schließlich wie Jensen-Tamgaard als Rcichstagsabgeordneter und vielleicht als Minister zu enden.— Und trotz alledem würde sie ihn lieben! 17. In der kleinen Lehmhütte am Abhänge der Sandinger Hügel waren die Tage unter kümmerlichen Kämpfen um das tägliche Brot dahingegangen. Ten Tod hatte mau soeben von der Tür zu verscheuchen vermocht, aber der Hunger, sein Schatten, war der tägliche Gast des Hauses geworden. Es hatte Zeiten gegeben, wo das trockene Brot fehlte. Damals, als der Winter von bannen schmolz, und der Frühling anfing, tvieder Fuß zu fassen, war Lavs soweit zu- sammengeflickt, wie es sich machen ließ. Aber ein Krüppel würde er sein Leben lang bleiben, und seinen Verstand bekam er auch nicht wieder. Er war am ganzen Unterkörper, der mehr und mehr dahinwelkte, gelähmt. Das eine Auge war ganz geschlossen: und über dem anderen hing das schwere Lid so tief herab, daß nur eine schmale Ritze übrig blieb, unter der man die schwarze Pupille sich hin und her bewegen sah. Meistens lag er im; Bett und lallte wie ein Kind. Aber wenn die Sonne auf die Giebelmauer schien, nahm Lone ihn in ihre Arme und brachte ihn draußen auf einem Strohbündel so an, daß er den Rücken gegen die Mauer stützen konnte. Hier konnte er dann stunden- taug sitzen und durch die schmale Augenritze blinzeln wie ein Im Dorfe begriff man nicht, wie die Familie ihr Leben fristete. Lone hatte einmal über das andere verweigert, die Hülfe anzunehmen, die die freie Armenkasse der Gemeinde — deren Vorsteher der Frcischullehrer Povelse» war,— ihr angeboten hatte. Auch im Kirchspiel war sie nicht um Unter- stützung einciekommen,— man wußte nur, daß sie Webearbeit von einem Kaufmann in der Nachbarschaft bekommen hatte, und daß Leute, deren Weg an dem Hause vorüberführte, oft mitten in der Nacht Licht gesehen und den Webstuhl hatten klappern hören. Jetzt drang die Nachricht von Boels Flucht aus dem Kopenhagener Hause, wo man sie so menschenfreundlich auf- genommen hatte, bis in das Dorf. Frau Gylling hatte selber an Pastor Mvmme geschrieben und ihn ersucht, der Mutter „so schonend wie möglich" die niederschmetternde Nachricht zu übermitteln. Die Betrübnis unter Boels vielen alten Freundinnen und Gönnern war groß, und sie hatten auf- richtiges Mitleid mit ihr. Es seien, so sagten die Alten, die Sünden der verhärteten Mutter, die an ihrem armen Kinde heimgesucht würden. Eines Nachmittags ging dann Pastor Momme nach dem kleinen Haus auf den Hügeln hinaus, um Lone die traurige Mitteilung zu machen. Lone saß an, Webstuhl und hielt nur inne mit ihrer Arbeit, um dem Geistlichen einen Stuhl leer zu machen und ihm Platz zu bieten. In dem Bett, ganz ver- funken in das verpestete Stroh, lag Lavs und lallte. Rings umher im Zimmer standen die vielen blassen und scheuen Kinder in ihren schrecklichen Lumpen und starrten ihn mit großen, hungrige» Augen an. Die Mitteilung des Pfarrers machte offenbar keinen Eindruck auf Lone. Es war, als habe sie sie erwartet. Sie sagte nur: „Na,— dann weiß ich das ja auch." Der Pastor wartete einen Augenblick,— aber es kam wirtlich kein Wort mehr. Er drückte die Brille fester gegen die Augen und beobachtete sie scharf,— aber es glitten auch keine verborgenen Tränen an ihren Wangen herab. Da packte ihn ein angstvolles Entsetzen,— ein Schrecken. der die Seele dem Rätselvollen gegenüber aufschreckt. Denn trotz allem glaubte er im Grunde nicht mehr, daß Lone so ein Unmensch war, zu den: man sie stempeln wollte. Der stumme Kampf, den sie diesen Winter geführt hatte, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, hatte ihm nach und nach einen anderen Eindruck von ihr gegeben. Nur begriff er nicht, woher sie diese zähe Kraft der Selbstaufopferung schöpfte, die ihm seine Bewunderung abgezwungen hatte. Er, der Ver- künder des Liebesevangelmms, wußte nicht— oder wollte es nicht wissen—, daß auch im Haß und im Trotz eine leben- erhaltende Macht liegen konnte, die sogar die Lasten trug, unter denen die Liebe erlag. Er sah sich um in dem dunklen, feuchten, verpesteten Raum mit all seinem Elend und seinem stummen Jammer. Und er rief gemartert und fast verzweifelt aus: „Lone! Lone! Wie halten Sie nur einmal dies Leben aus! Das ist ja entsetzlich! Woher nehmen Sie die Kraft? — Trinken Sie?" „Nein!" antwortete sie ruhig. „Das ist nicht wahr. Sie müssen trinken! Wie halten Sie sich sonst wohl aufrecht?--- Woher nehmen Sie die Kraft?" Sie gab ihm keine Anttvort. Ueber den Sandinger Wiesen wechselte jetzt Sommer mit Winter und Herbst mit Frühling, so wie überall auf der Erde. Boels Geschichte gehörte bald der Vergangenheit an, und sie selber tmirde schnell vergessen. Ueber ihr Geschick verlautete hin und wieder ein Gerücht in der Gemeinde, aber etwas Zuverlässiges wußte niemand. So wurde einmal erzählt, ein Knecht dort aus der Gegend habe sie als Kellnerin in einer sehr ordinären Schenkwirtschaft in Christianshafen getroffen. Andere wollten wissen, daß sie später noch tiefer gesunken war,— ins Namenlose hinein—. aber, wie gesagt, bestimmtes wußte man zunächst nicht. Schließlich stellte es sich aber doch heraus, daß sie mit einem Schlächter verheiratet war, den sie in besagter Wirt- schaft kennen gelernt haben sollte. Die Küsterfrau Stine brachte die Neuigkeit unter die Leute, und sie hatte sie von einem umherziehenden Hühnerhändler, der selbst mit Boel gesprochen hatte, so daß kein Grund vorlag, an seiner Zu- verlässigkeit zu zweifeln. Nach Aussage dös Händlers sollte sie und ihr Mann in ganz guten Verhältnissen leben: sie hatten eine» Fleischverkauf in einer der Schlächterbuden an der Nikolaikirche, wo Boel selber hinter dem blutigen Tisch stand, jung und schön und gedeihlich— von allen Schlächtergesellen wie eine Königin der Halle verehrt. Außerdem hatten sie eine kleine Wurstfabrik in einem Keller in der Weinhofstraße angelegt—„außer der, die wir im zweiten Stockwerk haben." wie ihr Mann in bezug auf ihre Wohnung in demselben Hause geäußert hatte, wo ein paar dralle kleine Bcngel schon auf dem Fußboden umhertründelten. 0 Wie alle munteren Kopenhagener Schlächtcrfamilien fuhren sie am Sonntag in ihrem eigenen kleinen Ponywagcn in den Wald, und gerade bei einer solchen Gelegenheit hatte besagter Hühnerhändler sie auf dem Tiergartenhügel ge- troffen und in einem der Zelte ein paar Glas Bier: t ihnen getrunken. Tcnn— wie die Küstcrfrau seufzend sagte- mar eine ganz verworfene Person geworden, von der..i Art wie die Mutter, die nur an die Güter dieser Welt dachte. Als der Hühnerhändler gemeint hatte, sie müsse doch der Vorsehung sehr dankbar sein, weil es ihr so gut gegangen war, sollte sie sogar geantwortet haben., da sie dem lieben Gott nichts schuldig sei". Sie habe, sagte sie, einmal mit Eilboten nach ihm geschickt, aber da sei er nicht zu Hause ge- Wesen, und„er habe auch später nicht von sich hören lassen". Dahingegen sei sie ihrer Mutter,—„der alten Person da- heim", wie sie sie genannt habe— dankbar für ihre guten Armkräste, denn auf d i e habe sie ihr Vertrauen geseht, als alles sie verlassen habe,„und die habe sie ja. gottlob, immer bei der Hand". Bei diesen Worten habe ihr Mann lachend die Hand gegen das Ohr gedrückt und gesagt, das verhalte sich wirklich so, das könnten seine Kinnbacken bezeugen. Worauf er unter großer Heiterkeit verblümt erzählt hatte, wie ihm Boel ein- mal eine Maulschelle verabreicht habe, die er nie vergessen würde. „Auf die Manier haben wir beide unsere Bekanntschaft eingeleitet," hatte er gesagt.„Gleich im ersten Augenblick war ich ja freilich recht rackcrig. Aber dann dachte ich. das ist weiß Gott'ne Faust, die zum Wursttrog paßt.— und der Gedanke hat mich sozusagen zu einem besseren Menschen ge- macht. Und ich habe es hinterher nicht zu bereuen gehabt." Dw alles erzählte der Hühncrhändler. und Boel wurde von all. Seiten aufrichtig bedauert. Im übrigen sprach man nicht lauge davon. Man hatte so viel anderes zu denken bekommen. Mit der Eisenbahn war der Gegend neues Leben zugeführt, und gleichzeitig hatte man die geplante Hochschirle gebaut, die jeht der �tolz der Gemeinde war. Voller und fröhlicher denn je. ja. fast triumphierend schallt der Gesaug von hier aus über die großen Wiesen, wo die Vebcl Sommer und Winter ihr Zauberspiel treiben und zuweilen Dorf und Feld auslöschen.?o daß es klingt, als ob ein singender Chor von Luftgeistern über ein vernichtetes Land schwebe. Nur die Kirche ragt gespensterhaft über dem Nebelmeer auf— die Kirche und die lange, weiße Kirchhofsmaucr, hinter der die alten Sandinger Bauern liegen und sich in ihrem Grabe herumdrehen.— (Nachdruck verbeten.) Die'Caufc, Von E. G. G l ii ck. Autorisierte Uebcrsctzung aus dem Französischen. Mit 18 Jahren verheiratet, entpuppte Adricnne Marnier sich sehr bald als ausgezeichnete Hausstau und tadellose Gattin, aber gleich- zeitig dokumentierte sie auch das gebieterische Verlangen, sich von der liebevollen Autorität ihrer Eltern zu befreien. Ermutigt und unterstützt wurde sie bei diesem löblichen Tun von ihrem Gatten. der während einer reichlich langen Brautzeit genügend Gelegenheit gehabt hatte, Schwiegermutter und Schwiegervater mit ihren säurt- lichen Tugenden und Untugenden von Grund aus kennen zu lernen. UebrigenS hatten die Planets wahrhaftig kein Recht, sich über die von ihrer Tochter betätigten ÜnabhäugigkeitSgelüste zu wundern. Schon seit ihrer stühesten Kindheit pflegte Adricnne absolute Herrin ihrer Entschlüsse zu sein, und da diese Entschlüsse in der Regel nicht schlecht waren, so hatte sich mit der Zeit ein unbegrenztes Selbst- vertrauen in ihr entwickelt. Kein Wunder, daß sie die Ansichten dritter Personen geringschätzte, namentlich wenn sie mit ihren eigenen Ansichten in Widerspruch standen. Sie fahre ihre Entschlüsse stets erst nach reiflicher Ueberlcgung, aber keine Gewalt der Erde hätte vermocht, sie von einem einmal gefaßten Entschluß abzubringen. Bevor sie heiratete, beurteilten die PlanetS den selbstherrlichen Charakter ihrer Tochter mit der denkbar größten Nachsicht. Aber als aus dem Fräulein Planet eine Madame Marnier geworden war, sahen sie ihren Fehler ein. Madame Marnier gestattete sich, eine Meinung über ihre Eltern zu haben, deren Worte und Handlungen zu kritisieren usw. Die Folge davon war. daß jeder Besuch der Planets bei dem jungen Paare zu unerquicklichen Erörterungen und Auseinandersetzungen führte. Herr Andre Marnier hörte steundlich lächelnd die spitzen Be- mcrkungen. mit denen Herr und Madame Planet ihre Tochter über- häuften, und ergötzte sich an den stets treffenden Erwiderungen semer Krau. Wenn im Verlaufe einer solchen Diskussion Papa Planet seine Ansicht zu hören verlangte, gab er ausweichende Antworten und hielt sich geschickt außer Schußweite. Gewöhnlich endigten diese Scharmützel mit einem tiefen Seufzer des Papa und den resignierten Worten der Mama: .Ich sehe nicht ein, Adrieune, warum ich mich so ereifere. Kehre Dich nicht an meine Ansicht und tue was Dir beliebt! Du hast» ja immer so gemacht! Ich wollte nur Dein Bestes, als ich Dir meine Meiiuurg sagte. Ich habe meine Pflicht getan; jetzt—" Und mit einer tragische w Handbewegung deutete sie an, daß die Frage sie nicht weiter interessierte. Trotz ihrer Häufigkeit hatten die Meinungsverschiedenheiten zwischen Adricnne und ihren Eltern niemals ernste Folgen gehabt. Man zankte sich jeve Woche mindestens einmal und versöhnte sich ebenso oft. Aber dann irat ein Ereignis ein. das die guten Be- zichimgen zwischen den Marnier» und den Planets beinahe ernstlich gefährdet hätte. Adrienne brachte einen krünigen Jungen zur Welt und erklärte, daß sie entgegen allem Brauch ihm nicht ieine Großeltern zu Paten geben würde. Lange vor ihren Hoffnungen auf Mutterglück hatte sie Herrn und Madame Planer von diesem unabänderlichen Entschluß in Kemitnis geietzt. Die Planet» halten geseufzt und stuntm die Augen zum Hiimnel erhoben, als wollten sie den Himmel als Zeugen solcher Sittenverderbnis anrufen. Die NoiforS. alte Freunde de» Hauses, halten nur nachsichrig gelächelt. Ihrer Ansicht nach war der Entschluß Adrienne» nicht ernst zu nehmen. Sie mußten aber doch an den Ernst der Situation glauben, als Adrienne ihnen mitteilte, daß sie ihre Penfionsfreundin Fräulein Arlette Vanniere, die bekannte Schauspielerin vom Gymnasethearcr, bitten würde, die Patenstelle bei ihrem Söhnchen zu übernehmen. Diese Wahl erregte allgemeine Enipörung. Es war wirklich schon unrecht genug, den Paten und die Patin außerhalb der Familie zu suchen, aber eine Schausvielerin zu bitten, den Neu- geborenen über daS Taufbecken zu hallen, da» hieß der öffentlichen Meiiuiiig den Fehdehandschuh hinwerfen, an einem altehrwürdigen Brauch rütteln: denn in dieser Svießbürgergesellschast vermochte man sich absolut nicht vorzustellen, daß eine Schauspielerin eine aiisländige Frau>ein könuie. Mit der Miene einer gekränkten Herzogin erklärte Madame Planet, daß sie unter solchen llmsiünden der Taufe nicht beiwohnen werde. Herr Planet begnügte sich mit einem tiefen Seufzer, nahm aber die Einladung zum Diner an. Er war Feinschmecker und mochte sich das erqnffttc Diner, das man anläßlich dieser feierlichen Gelegenheit zweifelsohne geben würde, nickt entgehen lasten. ' Madame Roifot versuchte die junge Mutter umzustimmen. „Ich versichere Dir. Adrienne, Du wirst Deiner Mama schlveren Kummer verursachen, wenn Du"— „Schweren Kuiu.ner? Ach nein! Höchsten» ein bißchen Aerger. Außerdem kennt Mama meine Absicht schon lange. Sie hat also Zeit gehabt, sich niü dem Gedanken vertraut zu machen." „ES ijr doch aber nun einmal Sltte, die Großeltern"— „Eine alberne Sitte! Uebrigens, baden Sie schon darüber nachgedacht, welches die Rolle der Paten ist? Sie sollen an Ihrem Palenkind« Elternsie lle venreten. wenn es vorzeitig Waise wird, nicht wahr i Nun, da die Großeltern durch Naturgesetz dazu bestinimt sind, vor den Eltern zu sterben, so—" „Was soll ich Dir. daraus antworten, Adrienne? Es ist doch mm mal so Brauch! Aber davon ganz abgesehen— wozu Deinem Sohn eine Komödiantin als Patin geben?" „Komödiantin? Kennen Sic Fräulein Vanniere? Nein, nicht wahr? Nun, dann lassen Sie sich sagen, daß Fräulein Vanniere eine Dame von tadelloiem Stufe ist. die—" „Das babe ich ja noch gar nicht bezweifelt!" „Herr Baimcil, der Pate, ist entzückt, eine so reizende Kollegin zu bekommen! Wenn Mama durchaus schmollen will, mir soll's recht sein. Man wird aus ihre Anwesenheit verzichten, und ich garantiere Ihnen, man wird sich nicht langlveilen. Wir werden 22 Personen zu Ti'ch sein." „Wie? 22 Personen? Aber Dein Speisezurnner kann ja garnicht soviel—* „Was tut daS? Man rückt eben ein wenig zusammen."-- Man brauchte nicht zusammenzurücken! Madame Marnier hatte ohne das Schicksal gerechnet, das sich oft darin gefällt, die schönsten Pläne zu zerslöreu. Zwei Tage vor der Taufe kam ein Brief vom Paten, der die Marnier's in die größte Bestürzung versetzte. Herr Banncil, der Pate, nahm sein Wort zurück. Er hatte sich soeben verlobt und war so unvorsichtig gewesen, seiner Braut mitzuteilen, wen man ihm als Kollegin bei dem feierlichen Akt bestimmt hätte. Darob höchste moralische Entrüstung der jungen Dame: Eine Schauspielerin! Entsetzlich! Und Herr Banneil nahm tapfer sein Wort zurück. „Nun hat unser Baby keinen Paten", bemerkte Herr Marnier, nachdem die erste Austegung sich gelegt hatte. „Ich weiß Ersatz", erwiderte Adrienne.„Wir bitten Deinen Neffen. Er wird entzückt sein, der Kleine I" „Hm— meinetwegen. Aber ich denke, man muß der Patin mitteilen, daß ihr Kavalier noch nicht zehn Jahre alt ist?" „Das will ich gleich selbst tun." Bei Arlette Vanniere harrte ihrer eine neue Neberraschuug: Arlette war noch nicht von ihrer großen Gastspielreise zurück- gekommen, und ihre Mutter wußte nicht, wann fie heimkehren würde. „Hoffentlich hat fie nicht bergeffen, daß wir Henri übermorgen taufen?" bemerkte Adrienne. „Uebermorgen?" „Ja. übermorgen, den 10. Juni. Vor ihrer Abreise hat Arlette selbst diesen Tag bestimmt." „Ich fürchte, sie erinnert sich nicht mehr." „Das kann ich mir nicht denken I" „Doch! Arlette ist so zerstreut! Auch ihre Briefe sind so konfus! Das einzige, was ich genau weiß, ist, daß Arlette heute abend in Nizza spielt." „Schön. Ich werde ihr telegraphieren. Wenn sie will, mag sie kommen!" In äußerst schlechter Laune ging Madame Marnier nach Hause. „Na, die Geschichte ist ja nett!" rief Herr Marnier, als seine Frau von ihrem Besuch erzählt hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir nun auch keine Patin haben.— Apropos! es werden zwei Gäste weniger sein. Dein Bater und Dein Bruder. Eben war Dein Vater hier, es mir sagen.„Madame Planet", erklärte er, will partout nicht kommen. Unter solchen Umständen begreisen Sie wohl, ist es meine Pflicht— Die Pflicht schien ihn sehr zu ärgern! Er ließ sich die Speisenfolge sagen, und sein Aerger wuchs." „Das glaube ich. Und mein Bruder?" „Bleibt bei seinen Eltern, wie es seine Pflicht ist." „Die Taufe läßt sich ja gut an I" „Wenn wir sie aufschieben möchten?" „Um keinen Preis 1" Der Tag, an dem ihr Söhnchen getauft werden sollte, erhielt bei den Marniers den Beinamen„Der Depeschentag". Um!1 Uhr früh kam ein Telegramm aus Nizza. Die Patin erschöpfte sich in Entschuldigungen. Ihr Gastspiel sei derartig erfolg- reich, daß sie sich entschlossen hätte, dasselbe zu verlängern. Sie hoffe, daß die Taufe sich bis zum nächsten Monat verschieben lassen würde. „Verrechne Dich nur nicht I" wütete Madame Marnier. Um 10 Uhr ein zweites Telegramm: Die Noifots sagten ab, weil Herr Roifot unwohl sei. Um 11 Uhr abermaliges Erscheinen des Depeschenboten, der dieses Mal zwei Telegramme brachte: zwei Familien drückten ihr Bedauern au?, im letzten Augenblick der Einladung der Marniers nicht Folge leisten zu können. Um 12 Uhr ein fünftes Telegramm: die Tante de? jimgen Vaters kam nicht, da ihr Mann sich am Tage vorher den Fuß ver- sstaucht hatte. Herr und Madame Marnier sahen einander an. Adrienne war ehr blaß. „Wir sind nur noch sieben!" sagte sie matt. „Vorausgesetzt, daß wir keine weiteren Absagen erhalten l" „Laufe zum Trniteur, bestelle die Fischpastete ab und sage, man soll nur eine halbe Eisbombe schicken I" „Wenn's noch nicht zu spät ist!" Die Bombe ließ sich noch halbieren, für die Fischpastete war es schon zu spät. „Was fangen wir mir mit dem ganzen Esieu an?" entsetzte sich Adrienne.„Wir haben eine Fischpastete für zwanzig Personen, acht Pfund Filet, fünf Pfund Gemüse, drei Hühner—" „Wenn wir Deine Eltern einladen möchten?" „Ach ja! Soge ihnen, Pate und Patin hätten uns im Stich gelassen, es fände keine Taufe statt, bloß ein einfaches Diner!" Die Planet'? ließen sich nicht lange bitten. „Wenn es keine Taufe ist—" erklärte Madanie Planet. „Wir kommen I" bekräftigte Herr Planet, dessen Augen in Er- Ivartung der kulinarischen Genüsie zu ftinkeln begannen. Anfänglich war die Stimmung eine ziemlich gedrückte, bald aber taten der Wein und die guten Speisen ihre Wirkung, und die Fröhlich- keit trat in ihre Rechte. Madame Planet war taktvvll genug, nicht laut zu triumphieren, wenngleich ihre Genugtuung augenscheinlich war. Sie, die in der Regel das Essen kaum berührte, aß heute fiir zwei. Die Freude, ihre Tochter gedemütigt zu sehen, gab ihr Appetit. Nur Madame Marnier hatte keinen Hunger.— Kleines f eullleton» Das Lied des Lebens.(Aus dem Russischen.) Es ist noch nicht lange her.--- Im Schweigen des grauenden Tages, d?S bleichen Folget? der dunklen Nacht, und in der toten Stille dieser Nacht fror jeder Gedanke zu Eis, das Gehirn verweigerte die Arbeit, die Sprache versagte ihren Dienst. Still und tot ruhte die Erde— und ringsum nur Grausen und Schrecken.— Still und geräuschlos lebten die Menschen dahin, still und ruhig gingen sie ihrer Arbeit nach, aßen und tranken sie, still und ge- horsam ertrugen sie die rauhe Hand des Schicksals, still und un- merklich stiegen sie in die Gräber hinab.— Still und tot ruhte die Erde— und ringsum war nur Grausen und Schrecken.— Etwas Großes, Schwarzes und Kaltes schien über allem zu liegen, über den Städten, über den Menschen, über ihrem Kummer und Glück, über ihrer Freude und ihrem Gram; etwas Kaltes, Schlüpfriges, wie eine Schlange, bedeckte mit kaltem Leib die ganze Welt.— Und nirgends ein Lichtschimmer.— Wo aber durch diese Hülle des Schreckens ab und zu dennoch schwache, zitternde Strahlen des Lichtes durchdrangen, dahin krochen von der großen Schlange her kleine Schlänglein, dünne und dicke. große und kleine; sie krochen unheimlich schnell heran, wanden sich und zischten rings in der kalten, lichtlosen Finsternis. Und wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, wo die Lichtstrahlen ein kleines, schmales Streifchen der Erde beleuchteten, da legten sie sich an diese Stelle; das Licht fiel auf sie, und die dünnen, zitternden Strahlen spielten auf den schillernden Schuppen und zerstreuten sich darauf.— Und von neuem versank alles in tiefe Finsternis. Still und tot ruhte die Erde.... Aber plötzlich hörte man ein Lied ertönen. Ein leises, be- trübtes Lied drang aus weiter Ferne zu den Ohren der Menschen, eine ferne, unbekannte Stimme sang vom grauen Leben der Ge- ringen unter den Menschen, sang von ihrem Kummer und Leid, sang von der Finsternis, die die ganze Erde wie ein Schleier be- deckte, sang von den Schlangen und dem Gewürm, das die Menschen wie Fesseln umklammerte und auf den Menschen lag; und in dieser Stimme tönte wieder das Schluchzen, die Tränen und Seufzer der kranken und gequälten Seele.— In diesem Liebe erklang der Ton einer vollen Sehnsucht, einer Sehnsucht nach Licht, Sehnsucht nach Menschlichem, quälende Sehn- sucht nach dem wirklichen, wahren Leben, und seine Laute waren ruhig, still und schwermütig, aber tief rührend.— Mit angehaltenem Atem hörten die Menschen dem Liede zu; ihre Seelen schienen weit in die Ferne zu fliegen und mit diesem Liede zusammenzuschmelzen, ja, das Lied schien ganz und gar eins zu sein mit den Seelen der Menschen. Da lauschten sie noch auf- merksamer auf jedes Wort, jeden Laut des Liedes, und begannen still zu weinen.— Die Schlänglein aber krochen unterdessen, beunruhigt durch das Lied, boshaft zischend heran zu den Menschen und zu jenem frechen Sänger, der die Ruhe zu stören wagte. Aber von neuem drangen die Strahlen durch, heller wurde es, und leichter war es, zu atmen. Und die Stimme sang und wurde immer stärker.— Näher und näher kam sie den Menschen, mehr und mehr wurden fie von ihr ergriffen, und tiefer drangen ihre Laute in die Herzen der Zuhörer. Und wie das Lied noch kraftvoller wurde, wie es noch wuchs, da wurde es plötzlich mitten im Gesang abgeriffcn.— Und gleichzeitig riß auch die leise klingende Seite in den Seelen der Menschen.— Still wurde es wieder auf der Erde... Ein furchtbarer, quälender Moment war eingetreten: Finsternis und Licht rangen miteinander.— Da plötzlich ertönte gerade neben den Menschen eine neue Stimme, die sang ein mutiges und machtvolles, kräftiges und voll« tönendes Lied, ein Lied der Kämpfer für die Freiheit und für das Leben. Und von neuem horchten die Menschen auf, von neuem schmolzen ihre Seelen mit dem Liede zusammen; von neuem begannen die Schlangen und das Gewürm zu kriechen und sich zu winden.— Das Lied aber wuchs und breitete sich aus. Immer mehr.— Die Wogen der stürmischen und kraftvollen Laute würden höher und höher getragen, stiegen bis zu den Wolken, wurden vom Wind über die ganze Erde zerstreut und wie ein hallendes Echo weit, wert aus der Ferne zurückgeworfen. Und das Lied schien schon nicht mehr von einer Stimme ge- sungen, sondern von Millionen von Stimmen, die sich vereinigt hatten zu einem stürmischen, großen, machtvollen und furchtbaren Gesänge, groß und mächtig wie die Nation selber. Und mit jedem neuen stärkeren und kräftigeren Laute dieses Liedes wand sich und zog sich mehr und mehr zusammen die ungeheuere, große, schwarze und kalte Schlange, schneller und schneller versteckten sich die kleinen Schlangen und Gcwürmc.— Und das Lied wurde stärker und breitete sich weit und immer weiter aus.— Und über allem, über dem Lied, über der Erde, über den Menschen, über den zuckenden Schlangen, dem zugrunde gehenden Gewürm geht allmählich auf die helle, strahlende Sonne.— w. Michaclistag. Der Beginn des„Lichtarbeitens" wird vielfach am 29. September, dem Mickxzclistage, gefeiert. Denn wie um Mariä Verkündigung oder zu Ostern der Sommer seinen An- fang nimmt, so endet er zu Michaeli, und dieser Tag wird daher nicht nur in Deutschland, sondern auch in Dänemark, Schweden, Flandern und England festlich begangen. In Nauen wird nicht auf dem Felde gearbeitet, in der Altmark nicht gesponnen, in Ober- und Niedcrsachien, in Schwaben und Bayern bei den Handwerkern nicht eher bei Lichte gearbeitet, bis der Lichtbratcn oder die„Licht- gans" gegessen ist. Bis zu Ende des 18. Jahrhunderts, wo die Polizei und die Zeitvcrhältnisse mancherlei Einschränkungen ge- boten, war in Ulm der Lichtschmaus mit Musik, bisweilen selbst mit öffentlichen Aufzügen verbunden, und in Wür-�urg buk man zur Feier desselben eigene Wecken, welche Michelswcckcn hießen. Auch in Flandern backt man zum Michaclistage rollerte, eine be- sondere Art Weißbrot, das man den Kindern des Nachts heimlich unter das Kopfkissen steckt, damit sie des Morgens beim Erwachen ihren Vollert finden. In Dänemark werden lustige Gelage gc- halten, welche Höstgilde, Ernte- oder Herbstfeste, auf Bornholm Mikkcl-gilde, Sflichelsfcstc, genannt werden, und bei denen Gänse- oder Entenbraten, Apfelmus mit Schafsmilch und Nüsse nie fehlen dürfen. Auch trinkt man dabei nach Reinsbcrg-Düringsfcld noch die St. Michaelsmime, den Gedächtnistrunk des heiligen Michael, wie einst bei den alten Opfermahlen(Zilelen) die Odins Minne, und knüpft nicht minder, wie in Deutschland, vielen Aberglauben in bezug auf das Wetter und die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres an diesen Tag.— Namentlich der Norweger beobachtet das Wetter jeder einzelnen Stunde von früh 6 Uhr bis abends 6 Uhr, um von ihm auf das Wetter des betreffenden Monats zu schließen, indem jede Stunde einen Monat, die siebente z. B. den Januar, die achte den Februar usf. bedeuten soll. Auch an der Milchstraße glaubten früher die Dänen und Norweger Vorzeichen der Be- schaffenheit des künftigen Jahres wahrnehmen zu können, und die Lehtgenannten öffnen noch immer, wie es auch in Schlesien sonst geschah, eine Eichel, um zu sehen, ob sie eine Spinne, Fliege oder Made enthielt, was nicht nur Wetter und Ernte. son?ern auch Hunger, Krankheiten und Krieg verkünden soll.— — Der Russe. Heber die Herkunft des Wortes Russe ist in der„Allg. Ztg." zu lesen:„Anfechtbar sind die zwei Etymologien von Uus oder älter kos. Die Erklärung aus dem slawischen ras (zerstreuen) ist überhaupt nicht ernst zu nehmen. Auch die von rotlis— Rudermänner ist schon vielfach aufgegeben worden. Der NaSe ist offenbar viel älter alS die Gefolgschaft Ruriks. Wie jüngst der Leidener Gelehrte I. Marquart in seinen„Ostcnro- päische» und Ostasiatischen Streifzügen" nachgewiesen hat, hießen schon die alten Heruler tiros oder ros. Die Heruler wohnten etwa an der Krim und noch weiter ostwärts. Dorthin mögen sie mit oder vor den Goten von der Ostsee gekommen sein. Aber das Ethnikon ros ist auch noch älter als die Heruler. Man wird sich des sehr gewöhnlichen Herganges erinnern, daß das siegende Volk den Namen von den Besiegten hernimmt, so die germanischen Er- oberer von den Briten, im Osten von den Preußen. Was Wunder, wenn auch die Wikinger des Nordens in den neuen Ländern, die sie erobert hatten, sich den längst bekannten Namen älterer Rassen zu- legten Nun sind die kos ein Volk, die in Verbindung mit den Alanen(daher ros- oder rox-Alanen) von dem Uralsee bis zur Wolga und zur unteren Donau schweiften. Es findet sich in einer ganzen Reihe von heutigen kaukasischen Sprachen ein Wort ros oder auch uro, arc, das Menschen, Leute, Volk bedeutet. Mithin wären jene Ros-Alanen ein alanischer, mit tschetschenischen und hyrkanischen Elementen gemischter Stamm. Aber noch mehr! Ein Volk der Ros kommt bereits in der Bibel vor(bei Ezechiel), und zwar als Bundesgenossen der Gog, mit denen sie Palästina überrannten. Dazu stimmt vortrefflich, daß auf den Pyramiden ein Völkchen der Herusha, also klros in Südpalästina envähnt wird. Wenn man bedenkt, daß die Bezeichnung„Römer" von Italien nach Rumelien und sogar nach dem türkischen Jkonium, das im Mittelalter Rum hieß, gewandert ist, so wird man auch die Uebertragung des Namens Ros von einem tschetschenischen auf ein germanisches und dann wieder ein slawisches Volk für möglich halten.— Aus der Pflanzenwelt. t. Die Farbe unserer Beeren. Die bccrentragcnden Gewächse zeichnen sich fast sämtlich durch eine auffallende Farbe der Früchte aus. Wenn auch nicht alle Beeren eine so leuchtende Farbe haben wie beispielsweise die der Eberesche, so gibt es doch zahlreiche Fälle von so starken Färbungen, daß sie die Aufmerksam- keit unwillkürlich auf sich lenken. Franz Neureuter hat in der Monatsschrift„Natur und Offenbarung" eine Untersuchung mit Bezug auf die Beeren angestellt, worin er ihre Bedeutung und ihren Zweck ermitteln will. Er schließt in seiner Betrachtung übrigens auch die Früchte mit ein, die streng genommen nicht zu den Beeren gehören, sondern in den Begriff des Steinobstes zusammengefaßt werden. Zunächst gibt er eine Zusammenstellung von beeren- tragenden Gewächsen, unter denen er die Sträucher an die erste Stelle rückt. Da tritt uns am Waldesrand in dieser Jahreszeit der Weißdorn entgegen, der jetzt seine sommerlichen weißen Blüten durch leuchtend rote eßbare Früchte eingetauscht hat. Durch scharlach- rote, zuweilen auch orangegelbe Farbe fallen die allbekannten Hage- Hutten, die Früchte der Rose, ins Auge. Gleichfalls scharlachrote glänzende Beeren besitzt der Schneeball, freilich nicht der gewöhn- liche, in Gärten angepflanzte, der überhaupt keine Früchte ent- wickelt, sondern sein mehr unverdorbener Vetter, der mit Weißdorn und Rose zusammen häufig an der Heckenbildung am Waldesrand teilnimmt. Ein etwas weiterer Verwandter des Schneeballes, übrigens auch des gewöhnlichen Hollunders mit seinen fchwarzen Früchten und des Flieders, ist der das Gebirge bevorzugende Traubcnhollunder(Lambucus racernosa) mit gleichfalls roten Beeren. Durch ähnliche Farbe und gleichzeitig eigentümliche Form wird ferner das Geisblatt(Caprilolium) auffällig. Dann folgt mit knollenartigen Beeren die schon erwähnte Eberesche oder der Vogclbecrbaum, der in deutschen Landen an den Chausseen so häufig zur Belebung eines eintönigen Landschaftsbildes beiträgt. Weitere Gewächse mit mehr oder weniger hochroten Früchten sind dann die Berberitze, die Stechpalme, die Preißelbeere, der Kellerhals, der Aronsstab, der Pfaffenhut, bei dem allerdings nur die samen- umhüllende Kapsel rot ist, schließlich auch viele Kirschbäume. Unter den Pflanzen mit dunkelblauen bis schwarzen Früchten werden genannt der gewöhnliche Hollunder, die Rainweide oder Liguster, der Schleh- oder Schwarzdorn, die ihm verwandte, uns vom Orient gespendete Pflaume und dann von kleineren Gewächsen die Heidel- beere, die Brombeere, der Epheu und noch andere. Der gewöhnliche Faulbaum trägt Beeren, die anfangs rot sind und dann schwarz i werden. Während also rote und schwarze Beeren im Pflanzenreich weit verbreitet sind, sind weiße selten. Sie kommen bei uns cigent- lich nur an der Mistel und an der erst aus Nordamerika ein- geführten Schneebeere vor, die freilich in Gartenanlagen so häufig geworden ist, daß ihre Früchte mehr Leuten zu Augen gekommen sein werden als die der Mistel. Neureuter wirft nun die Frage auf, ob diese leuchtenden Farben vieler Beeren etwa den Zweck hahen, dem Menschen auch noch im Herbst eine Augenweide zu bereiten. Tie Antwort lautet dahin, daß die Beerenfarbe ohne Zweifel für die Pflanze selbst von erheblichem Nutzen ist. Die Beere enthält den Samen, von dessen weiterem Schicksal die Vcr- mehrung der Pflanze abhängig ist. An der Stelle, wo der Samen gewachsen ist, kann er sich nicht entwickeln, sondern muß erst an einen dazu geeigneten Ort gelangen. Die Mutter Natur hat ihren unermeßlichen Schöpfergeist auch in dieser Richtung betätigt und vielen Samen schon allerhand Vorrichtungen mitgegeben, die auf ihre Verbreitung abzielen. Man braucht nur auf die zahlreichen Samen zu achten, die zu verschiedenen Jahreszeiten vom Wind durch die Luft getragen werden, um diesen Zusamenhang zu er- kennen. Ein derartiger Vorzug, sich einfach des Windes als eines Trägers bedienen zu können, ist den in den Beeren eingeschlossenen Samen nicht gegeben, sie müssen vielmehr erst von dem sie um- hüllenden Fleisch befreit werden. Das besorgen in reichstem Maße die Vögel; nun ist auch die Rolle der Farbe an den Beeren alsbald klar, indem sie wesentlich dazu mitwirkt, daß die Vögel die Beeren auf weite Entfernung zu sehen vermögen und so gleichsam von ihnen angelockt und zu Tisch geladen werden. Nun fressen die Vögel nicht etwa das Fleisch der Beeren um die Samen herum ab, sondern verzehren diese mit. Die Samenkörner haben aber eine so wider- standsfähige Hülle, daß sie unverdaut durch den Vogelkörper hin- durchgehen und noch durchaus keimfähig von diesem wieder aus- geschieden werden. Auf diese Weise nimmt der festgewurzelte Strauch zur Ausbreitung seiner Nachkommenschaft gewigermaßen die Flugkraft der Vögel zu Hülfe, die den verschluckten Samen möglicherweise in erhebliche Entfernung vom Standorte der Mutter- pflanze der Erde zurückgibt.— Huuioristisches. — Umso» st. Zum Schützenfest sind auch zahlreiche Schützen- brüder einer kleinen Nachbarstadt eingetroffen, die abends mit dem letzten Zuge größtenteils wieder in ihre Heimat zurückkehren, wo sie schon am Bahnhofe von den besorgten Gattinnen in Empfang gc- noinmen werden. Einige der Herren fehlen aber und ihre beunruhigten Frauen veranlassen den Expcditor noch in später Nacht, an das Restaurant in der Feststadt zu telephonieren, wo die Heimgekehrten abends mit den Ausgebliebenen zusammen gewesen sind, und anzuftagen, ob etwa die letzteren sich noch dort befänden. Nach längerer Zeit teilt der dortige Oberkellner mit:„Es sind allerdings noch mehrere fremde Herren hier— von denen weiß aber keiner mehr, wie er heißt!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — In der nächsten Nummer des Unterhaltungs- b l a t t e s beginnen wir mit dem Abdruck des Romans:„Der Sumpf"(„Tbs Jirngle") von Upton Sinclair.— —„Absolvo te!" heißt ein neuer Roman von Klara Viebig.— — Kisak Tamai, der deutkch-japanische Schriftsteller und Herausgeber der Monatsschrift« O st- A s i e n", ist gestorben.— — Der von Eleonore Düse und der Turiner Zeitung „Stampa" ausgeschriebene Preis für das beste italienische Drama wurde nicht vergeben, obwohl 300 Preisarbeiten eingegangen waren.— —„Der Herrgotts warter". Drama in drei Akten von Heinrich Lilienfein, wird in der ersten Oktoberhälfte im Schiller-Theater zur Uraufführung kommen.— —„Ringelspiel", ein neues Werk Hermann Bahrs, ist vom Deutschen Theater in Berlin und vom Hamburger Thaliatheater zur Aufführung angenommen worden. Die Buchausgabe erschien bei Albert Ahn in Köln a. Rh.— — Die Erstaufführung von Suder manns„Blumen- b o o t" wird am 3. Oktober im Lessing-Theater statt- finden.— — Der Bau des Theaters der Stadt Schöneberg ist gesichert.— — Der Verein für Kunst veranstaltet im kommenden Winter wieder öffentliche Kun stabende, in denen u. a. eine Reihe von Dichtern eigene Dichtungen vorlesen werden. Ge- sangsaufführungen finden ebenfalls statt. Die außerordentliche Mit- gliedschaff zum genannten Verein, die zum unentgeltlichen Besuch der Kunstabende berechtigt, wird durch einen Jahresbeitrag von 15 M. erworben.— Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinL1V-