Nnterhaltungsblatt des Horwiirls Nr. 190. DienStfl�. den 2 Oktober. 1906 (Nachdiilck ucrbotcn.) i] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Ucbcrschung. I. Vier Uhr, die Feierlichkeit war vorüber, die Wagen fuhren auf. Der rastlose Eifer Marija BerczynSkas hatte den Wagen grotze Menschenmengen nachgelockt. Die ganze Feier ruhte schwer ans Marijas breiten Schultern— ihre Arbeit war's, danach zu sehen, daß alles in gehöriger Form und nach den heimatlichen Traditionen vor sich ging. Wild flog sie hin und her, stieß jeden aus dein Wege, schalt uiid crmahnte den ganzen Tag mit ihrer gewaltigen Stimme, und war viel zu eifrig, um darauf zu achten, was die anderen taten. Sie hatte die Kirche als lehte verlassen, und da sie die erste im Gasthaus sein wollte, wo das nachfolgende Hoch- zeitsfest vorbereitet ward, befahl sie dem Kutscher schneller zu fahren. Als dieser aber seinen eigenen Kopf durchsetzen wollte, riß Marija das Fenster des Wagens auf und begann, ihm ihre Meinung zu sagen. Zuerst in litauisch, dann, als er das nicht verstand, in polnisch, das ihm bekannt war. Da er auf seinem Bocke in Sicherheit thronte, wagte er zu trotzen und brachte allerlei Widerreden hervor. Die Folge davon war ein wütender Wortwechsel, welcher den ganzen Weg bis Ashland Avenue andauerte und den Schwärm der Gassen- fugend, der den Wagen auf beiden Seiten begleitete, während der letzten Strecke des Weges um das Doppelte anschwellen ließ. Dies war unangenehm, denn vor der Tür drängte sich schon die Menge. Die Musik hatte bereits begonnen, und von weitem konnte man das dumpfe Brum-Brum eines Cellos und das Gequieke zweier Geigen hören, welche miteinander in schwierigen und halsbrecherischen Kunststücken wetteiferten. Als Marija die Menge erblickte, gab sie eilig die Debatte mit dem Kutscher aus, sprang von dem weiterfahrenden Wagen und versuchte, den Weg zum Gasthause frei zu machen. „Eile! Eik! Uzdaryk-duris!" schrie sie dabei in Tönen, gegen die der Orchesterlänn wie Sphärenmusik klang. „Z. Graiczunes Sasihuksinininiams darzas. Vynas Sznapsas. Wiues and Liquors. Union- Headquarters",— war auf dem Schilde des Wirtshauses zu lesen, zu dem sich alle drängten. Dem Leser, der vielleicht wenig Umgang mit der litauischen Sprache gehabt, wird es willkommen sein zu hören, daß der Schauplatz des Festes das Hinterzimmer eines großen Wirtshauses in jenem Teile Chicagos war. der be- kannt ist unter dem Beinamen„Hinter den Schlachthöfen". Diese Benennung entsprach den tatsächlichen Verhältnissen: aber wie jämmerlich unangemessen erschien sie heute, wo es sich um die Stunde höchsten Entzückens für eins von Gottes sanftesten Geschöpfen handelte, um das Hochzeitsfest und die Freudenfcier der kleinen Ona Lnkoszaite! Sie stand im Torwege, beschützt von ihrer Cousine Marija, atemlos von dein Drängen der Menge, in ihrem Glück fast schmerzvoll anzusehen. In ihrem Auge glänzte ein großes Staunen, ihre Lider zitterten, und ihr sonst blasses Gesicbtchen glühte. Sic trug ein Kleid von duftigem weißen Muslin, ein kleiner gestärkter Schleier fiel auf ihre Schultern. Fünf blaßrote Papierrosen mit elf grünen Nosenblätteru waren in den Schleier gesteckt. Neue weiße Baumwollhandschuhe bedeckten ihre Hände, die sie fieberhaft ineinander schlang, während sie dastand und umherstarrte. Die Sache ging über ihre Kräfte, man merkte die Pein allzu großer Erregung auf ihrem Gesicht, an dein Beben ihrer Gestalt. Sie war noch so jung— noch nicht sechzehn— und klein für ihr Alter— das reine Kind. Und jetzt verheiratet— verheiratet mit Jurgis— ausgerechnet von allen Menschen mit Furgis Rudkus— mit ihm, der da stand mit einer weißen Blume im Knopfloch seines neuen schwarzen Gchrockes, kurz— dort der Mann mit den ge- waltigen Händen und machtvollen Schtiltern. Ona mar blond und blauäugig, während Jurgis große schwarze Augen, starke überhängende Brauen und dickes schwarzes.Haar hatte, das lockig um seine Ohren fiel— die beiden waren eines jener ungleichen Ehepaare, durch die Mutter Natur so oft das Sprichwort:„Gleich und gleich gesellt sich gern", Lügen straft. Jnrgis konnte zweihundert und fünfzig Pfund Fleisch heben und ohne große Anstrengung auf den Wagen werfen, und jetzt stand er in einer versteckten Ecke, angstvoll wie ein gehetztes Wild und mußte jedesmal seine Lippen mit der Zunge befeuchten, ehe er die Glück- wünsche seiner Freunde beantworten konnte. Allmählich fand eine notdürftige Trennung der Gäste von den Zuschauern statt. Trotzdem drängten sich während der folgenden Festlichkeiten immerfort Gruppen von Zu« schauern an den Türen und in de» Ecken herum. Und wenn einer von diesen Zuschauern genügend nahe kam, oder ge- nügend hungrig aussah, wurde ihm ein Stuhl angeboten, und er war eingeladen, das Fest mitzumachen. Es war eines der Gesetze der„vosclija"(Hochzeitsfeier), daß niemand hungrig fortgehen durfte. Allerdings ließ sich eine in den. litauischen Wäldern entstandene Sitte im Schlachthofviertel der Millionenstadt Chicago schwer aufrecht erhalten. Aber sie taten ihr Bestes. Die Kinder, welche von der Straße hereingelaufen kamen, erhielten ihr Anteil, und selbst die Hunde gingen nicht leer aus. Reizvolle Formlosigkeit war eines der charakteristischen Merkmale dieser Feierlichkeit. Tie Männer behielten ihre Hüte auf, oder legten sie ab,'.nid die Röcke dazu, wie es ihnen gefiel. Sie aßen, was und wo es ihnen beliebte und gingen umher, wenn sie Lust hatten. Es wurde geredet und gesungen, wer aber keine Neigung hatte, brauchte nicht zuzuhören. Wer selbst zu reden oder zu singen ver- langte, wurde durch niemand daran gehindert. Ter daraus folgende Mischmasch der Töne störte keinen, höchstens die kleinen Kinder, von welchen eine große Anzahl anwesend war. Ein besonderer Raum für die Kinder war nicht vor- Händen, und so bestand ein gewichtiger Teil der Vorbereitung für den Abend darin, daß die geladenen Gäste ihre Wiegen und Kinderwagen in einer Ecke deS Zimmers aufstellten. Dort schliefen die Babys, zu dreien und vieren zusammen gepackt, oder wachten zusammen, wie eS gerade kam. Die älteren Kinder, die schon an die Tische reichen konnten, liefen umher, behaglich an Fleischknochen und Würsten knabbernd. Das Zimmer hatte nngefähr dreißig Fuß im Ouadrat, die Wände waren weißgetüncht und kahl bis auf einen Kalender, das Bild eines Rennpferdes und einen Stammbaum in goldenem Rahmen. Zur Rechten führt eine Tür zum Bar- Zimmer und in der Ecke daneben steht ein Schanktisch, hinter dein ein dienstbarer Geist in unsauberem weißen Kittel thront. mit gewichstem schwarzen Schnurrbart und einer sorgfältig geölten Locke, die auf einer Seite festgckleistcrt ist. An der entgegengesetzten Ecke sind zwei Tafeln, welche ein Drittel des Zimmers füllen und beladen mit Schüsseln und kalten Speisen sind, von denen einige allzu hungrige Gäste schon aßen. Oben am Tische, dort wo die Braut sitzt, sieht ein schneeweißer Kuchen mit einem Eiffelturm von Dekorationen, gekrönt von zwei Engeln und Zuckerrosen und einem üppigen Geniengsel von roten, grünen und gelben Früchten. Da- hinter führt eine Tür zur Küche, worin ein Feuerrost zu sehen ist, aus dein viel Qualm emporsteigt, und um den viele alte und junge Frauen herum rennen. In der Ecke zur Linken sitzen die drei Musikanten auf einem Podium und arbeiten sich wacker ab, um wenigstens etwas durch den Lärm durchzudringen. Denselben Versuch machen die schreienden Babys. Vor dem offenen Fenster stehen die Zaungäste und nehmen mit offenem Mund und mit Aug und Ohr von weitem an den Genüssen teil. Plötzlich nähert sich von der Küche her eine brodelnde Wolke, hinter der bald Taute Elisabeth sichtbar wird, Onas Stiefmutter— Tcta Elzbieta wird sie genannt. Sie trägt eine große Platte mit geschmorten Enten. Hinter ihr kommt Kotrina. Sehr vorsichtig gehend, schwankt sie förmlich unter ähnlicher Last. Und eine balbe Minute später erscheint die alte Großmutter Majanszkieve mit einer Nicsenicbu''el voll dampfender Kartoffeln,— beinahe so groß wie sie selbst, Das Fest nimmt jetzt eine ruhigere Form an. Da ist ein Schinken und eine Schüssel mit Sauerkraut, gekochter Reis, Maccaroni, Bologner Würstchen, große Haufen von Pfennigknchcn, Schalen voll Milch und schäumende Krüge mit Vier. Ganz in der Nähe sieht der Schanktisch, wo du bestellen kannst, was du willst, ohne dafür bezahlen zu müssen�. ,.I5iKo2.! Graicziau!" schreit Marija Berczynskas und stürzt sich selbst an die Arbeit, denn da ist noch mehr im Ofen, das verderben würde, wenn es nicht gegessen wird. So nehmen denn die Gäste, unter Lachen und Schreien, unter endlosen Spatzen und Narrheiten ihre Plätze ein. Die jungen Männer, welche größtenteils nahe der Tür gelungert haben, nehmen ihren Mut zusammen und kommen näher, und der schüchterne Jurgis wird von den alten Leuten so lange gestoßen und geschubst, bis er sich entschließt, sich zur Rechten seiner Braut zu setzen. Die beiden Brautjungfern, deren Jnsignien Papierkränze sind, sitzen neben dem Braut- paar und nach ihnen der Rest der Gä'te, alte und junge, Knaben und Mädchen. Der stattliche Barhalter nimnct die Gelegenheit beim Schöpfe und entscheidet sich für die Platte mit den Enten; selbst der fette Polizist, dessen Pflicht es später sein wird. Streite zu schlichten, zieht seinen Stuhl an das Ende der Tafel. Die Kinder schreien, die Babys heulen und alle Welt lacht, singt und schwatzt, während über all den betäubenden Lärm hinweg Cousine Marija den Musikanten ihre Befehle zuschreit. Die Musikanten— wie soll man sie beschreiben? All die Zeit waren sie da und spielten in wahnsinniger Wut. Alles das Reden, Deklamieren, Singen geschah unter musi- kalischer Begleitung. Erst die Musik gab der Sache die Weihe; die Musik erst machte � das Hinterzimmer des Gastsaales „Hinter den Schlachthöfen" zu einem Feenschloß, zu einem Wunderland, einer kleinen Ecke der Himmelswohnungen. Die kleine Person, welche das Trio anführt, ist ein bs- geisterter Mann. Seine Geige ist verstimmt, und. es ist kaum noch ein Haar auf seinem Bogen,— aber er ist doch ein begeisterter Mann, die Muse hat ihre Hand auf sein Haupt gelegt. Er spielt gleich einem, der von einem Dämon besessen ist, ja, von einer ganzen Horde von Dämonen. Tu kannst diese Dämonen förmlich fühlen in der Atmosphäre, die ihn umgibt, wo sie frenetisch tanzen. Mit ihren unsichtbaren Füßen geben sie den Takt an. Das Haar des Dirigenten sträubt sich, seine Augäpfel treten aus den Höhlen heraus und er muß sich anstrengen, sie festzuhalten. Tamoszius Kuszleika ist sein Name, und er hat sich selbst das Geigenspielen gelehrt, indem er jede Nacht übte, nach der Tagesarbeit an der Schlachtbank. Er ist in Hemds- ärmeln; seine Weste ist geschmückt mit verblaßten goldenen Hufeisen. Sein rotgestreiftes Hemd ist kleberig von Pfeffer- münzzucker. Eine Militärhose, lichtblau mit gelben Streifen dient dazu, dem Leiter der Bande eine gewisse Hoheit zu vcr- leihen. Er ist nur fünf Fuß hoch, aber die Hose ist ihm doch beinahe acht Zoll zu kurz. Du wunderst dich, woher er sie hat, oder vielmehr du würdest dich wundern, wenn die Er- regung, in seiner Nähe zu sein, Zeit ließe, an solche Dinge zu denken. Denn er ist ein begeisterter Mann. Jeder Zoll von ihm ist begeistert— man möchte sagen: einzeln begeistert. Er stampft mit den Füßen, er stößt mit dem Kopfe, er schwingt und schwankt hin und her. Er hat ein verschrumpeltes, un- widerstehlich komisches Gesicht, und wenn er eine Figur oder Cadenz ausführt, zittern seine Brauen, seine Lippen und Augenlider zwinkern, selbst die Enden feines Halstuchs kräuseln sich komisch. Dann und wann wendet er sich zu seinen Gefährten, nickend, Zeichen gebend, inbrünstig flehend, >— alles im Dienste der Musen. Denn sie sind kaum eines Tamoszius würdig, die anderen beiden Mitglieder des Orchesters. Die zweite Pioline spielt ein Slovak, ein großer hagerer Mann mit schwarzumrahmter Brille und dem stillen, geduldigen Blick einer abgetriebenen Mähre. Er gehorcht der Peitsche nur schwach und fällt immer wieder in den alten Trott zurück. Der dritte Mann ist sehr fett, mit einer platten, roten, sentimentalen Nase und er spielt mit zum Himmel gerichteten Blicken voll unendlicher Sehnsucht den Baßteil auf seinem Cello; es gibt für ihn keine Ausregung dabei. Was auch in dem Dreibunde ge- schieht, seine Sache ist nur, eine langgezogene klagende Note nach der anderen herunterzusägen, von vier Uhr nach- mittags an bis fast zur selben Stunde des nächsten Morgens und— für ein Drittel des Gesamteinkommens von einem Dollar pro Stunde. Bevor das Fest nur fünf Minuten im Gange war, hatte Tamoszius sich in Ertase gebracht. Einige Minuten später siehst du, wie er den Hals über die Tafeln reckt, seine Nüstern �ind geweitcrt und sein Atem hastet— die Dämonen treiben ,hn. Er nickt und schüttelt mit dem Kopfe nach seinen Ge- fahrten, er purrt sie mit dem Geigenstocke, bis zuletzt die lange Gestalt des zweiten Geigers sich ebenfalls erhebt. End- lich avancieren sie alle drei. Schritt für Schritt, auf die Tafelnden zu. Des Cellisten Valentinevyczias Instrument karamboliert mit den Gästen. Endlich sind alle drei am Fuße der Tafel angelangt und dort steigt Tamoszius auf einen Stuhl. Nun ist er in seiner Glorie, die Situation be- Herischend. Einige Leute fahren fort zu essen, andere lachen unü schwatzen, aber du würdest dich sehr irren, dächtest du. daß einer da wäre, welcher ihn nicht hört. Seine Töne sind niemals rein, und seine Geige schnurrt in der Tiefe und kratzt und guiekt in der Höhe, aber das stört sie so wenig wie der Schmutz und Lärm um sie herum— das ist das Material, aus dem sie ihr Leben bilden, und diese Musik ist es, die ihre Seelen öffnet. Sie spricht ihre Sprache, fröhlich cind lärmend, oder traurig und klagend, oder leidenschaft- lich und rebellisch, diese Musik ist ihre Musik,— Hcimats- musik. Sie streckt die Arme nach ihnen aus, und sie geben sich ihr hin. jFortsetzung folgt.) Zu unserem Roman- Mit dem Inhalt des in kurzer weltberühmt gewordenen Romans von Nplon Sinclair„The Jungle" sind die„Vorwärts"- Leser bereits durch einen von M. Beer verfaßten Artikel, der in unserer„Literarischen Rundschau" vom t. Juli d. I. erschien, bc- kannt gemacht worden. Nun erhalten unsere Leser Gelegenheit, Sinclairs Werk durch eigenes Studium kennen zu lernen und selbst darüber zu urteilen. Neue Erfahrungen können sie daraus ge- Winnen, neues Wissen daraus schöpscn, indem sie Umschau halten in der großen Werkstatt eines mächtigen amerikani- scheu Trusts, des Beeftrusts. Diese Werkstatt heißt Pöcking- town, das Schlachthausviertel von Chicago. Dort schafft der Beeftrust seine Reichtümer. Von dort fließen Ströme Goldes, gepreßt aus der Arbeit von ZOlXK) Menschen, um schließlich dem Luxus und der ungeheuren Verschwendung der Trustmagnaten zu dienen. Mit welchen verwerflichen, scheußlichen Mitteln, unter welchen furchtbaren Opfern an Leben, Glück und aller Daseinsfreude armer betrogener Mitmenschen diese Reichtümer erzeugt werden, das schildert uns der Verfasser mit einer grimmigen, unnachsichtlichcn Ausführlichkeit, mit unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Er stellt uns mitten hinein in das Treiben, wo eS am ärgsten ist, in Packingtown, er zeigt uns, welche ekelhaften Produkte der geldgierige Fleisch- trust ins Inland und Ausland sendet, wie er Millionen von Menschen vergiftet, daß Arbeiterleben ihm nichts gelten, wo es sich um seine Profite handelt, wie er die Gesetze mißachtet und Ver- brechen begeht, wie er in der Politik bestimmend auftritt und die ärgste Korruption nicht scheut. Was Sinclair über die Produktionsmethoden des Fleischtrusts aufgedeckt hat, erregte die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt. Die Regierung der Vereinigten Staaten wurde dadurch aus- gerüttelt und zum Einschreiten im Interesse der bedrohten Volks- gesundheit veranlaßt. Ter Trust versuchte dem Sturm zu trotzen, aber als der amerikanische Exporthandel in Fleisch und Fleisch- waren viele Millionen von Dollar verlor, da zitterte er und gelobte Besserung. Er verkündigte, daß umfassende Aenderungcn vor- genommen seien, und er ließ Einladungen an einflußreiche Londoner Zeitungen ergehen, auf Kosten des Trusts Vertreter nach Packingtown zu senden, die sich überzeugen sollten, daß die Zu- stände jetzt„oll right" seien, wie der beliebte amerikanische Aus- druck lautet. Wenn inzwischen wirklich eine Wandlung zum Besseren in den Verhältnissen eingetreten sein sollte, so hat Sinclairs Roman sicher den ersten Anteil daran. Was dem Verfasser, der ja Sozialist ist. aber wohl am meisten am Herzen lag, war die jammervolle Lage der Arbeiter in Packingtown. Da wird uns ein erschütterndes Bild entrollt von dem furchtbaren Kampfe um die Existenz, um das nackte Leben, gegen den unbarnihcrzigen Fleischtrust, der die Ausbeutung der Arbeiter mit rücksichtsloser Härte betreibt. ES find besonders die ausländischen Arbeiter, die in ihrer Hüls- und Ratlosigkeit am schwersten getroffen werden. Darüber erhob sich keine Entrüstung in der Kultur- welk. Man kannte diese Erscheinung nur zu gut; es war dasselbe alte Bild des Arbeiterelends, wie es der Kapitalismus überall hervorruft. Man sprach wohl mit Mitleid von den armen Leuten, denen es in dem reichen Chicago so jämmerlich schlecht ergehe, und mancher wunderte sich sehr, daß in Amerika„so etwas" mög- lich sei. Gern tröstete man sich mit dem Gedanken, daß die Ver- Hältnisse„bei uns" doch wesentlich günstiger liegen. Diese Ansicht ist offen ausgedrückt in dem Geleitwort der deutschen Ausgabe von Dr. Eugen Ritter, der durch die Lektüre des Romans zu der Ansicht gelangt ist, daß es dem deutschen Arbeiter weit besser gehe als dem amerikanischen, wie folgende Stelle zeigt: „Wir aber in deutschen Landen werden dieses Buch noch unter einem anderen Gesichtswinkel zu betrachten haben. Wir werden durch seine Lektüre erschüttert werden— aber auch erhoben. Ohne in Pharisäertum zu verfallen, werden wir uns mit Stolz sagen dürfen, daß der deutsche Arbeiter, verglichen mit seinem amerikani- schen Kameraden, in Verhältnisjen lebt, die fast glänzende zu nennen sind.... Nehmen wir als Hintergrund die lebenswahren Schilderungen des amerikanischen Menschenfreundes, so dürfen wir uns boller Stolz sagen, datz sich das Leben der deutschen Ar- beiter von ihm in geradezu glänzender Weise abhebt. Und wäre es der boreingenommenste Fanatiker, wenn er nur auf den Bahnen der Wahrheit bleiben will, so kann er von Deutschlands Arbeitern und ihrem Leben, von Deutschlands Kapitalmacht niemals ein Bild entwerfen, das dem, was Upton Sinclair entwirft, auch nur annähernd gleichkäme. Ein Paradies gibt es nirgendwo auf Erden, aber der deutsche Arbeiter lebt nicht in einer Hölle, in der der amerikanische Arbeiter nach Upton Sinclairs Schilderung sein Leben hinzubringen hat. In Amerika — dem Lande der Freiheit!"— In dieser Form ist das ein großer Irrtum. Unsere Leser werden gewiß nicht auf den Gedanken kommen, daß der deutsche Arbeiter in„glänzenden" Verhältnissen lebt, aber sie dürfen sich auch nicht zu einem Vorurteil gegen den amerikanischen Ar- beiter verleiten lassen. Wer den Stand der Dinge hüben und drüben kennen gelernt hat, der weiß, daß die Lebenshaltung des amerikanischen Arbeiters— the Standard of life— viel höher ist als die des deutschen Arbeiters. Der Amerikaner nährt und kleidet sich durchschnittlich besser und kann für seine Familie viel reich- licher sorgen'als der Deutsche. Die amerikanischen Arbeitslöhne sind die höchsten in der Welt, absolut— nach dem Geldwert der Münzen— und relativ— im Verhältnis zu den Warenpreisen und Wohnungsmieten, wenn auch diese Preise höher sind als in Deutschland. Trotzdem ist der Irrtum, in dem Dr. Ritter befangen ist und in den mit ihm wohl mancher deutsche Leser nach der Lektüre über das Arbeiterelend in Packingtown verfallen mag, begreiflich, auch dann, wenn diese Leser das deutsche Arbeiterelend wirklich kennen und eine Ahnung haben von dem brutalen Druck, den„Deutschlands Kapitalmacht" auf Deutschlands Arbeiterschaft rücksichtslos ausübt. Der Irrtum ist zu verstehen, weil im„Lande der unbegrenzten Möglichkeiten" alles ins Riesengroße wächst und man die gesamten Verhältnisse kennen mutz, um von einer einzelnen Erscheinung sich nicht erdrücken zu lassen und ein vollständig falsches Bild zu gewinnen. Sinclair schildert uns die Schicksale einer armen Ein- Wanderer familie, die von Litauen aus nach Amerika geht. Sie kommen mit einem Herzen voll Vertrauen in das gelobte Land Amerika, und hier erfahren sie eine bittere Enttäuschung nach der anderen. Es sind gerade die ausländischen Arbeiter, die Böhmen, Galizier, Ungarn, Polen, Litauer, Slowaken, Rumänen und so weiter, die dem amerikanischen Kapitalismus ohne jeden Widerstand zum Opfer fallen, die der amerikanische Ausbeuter am leichtesten auspressen kann. Solche Arbeiter werden in Massen nach Packingtown geschickt und dort in den Schlachthäusern ähnlich wie Rind und Schwein behandelt, d. h. sie werden auf- gebraucht— unheimlich schnell oft. Es sind bedauernswerte Geschöpfe, diese armen, unwissenden, mit jedem, auch dem gc- ringsten Lohn zufriedenen Leute, stets bereit zur Dicnstwilligkeit, sobald nur die Herren winken, bereit zur Streikarbeit, bereit, 1 e d e s Verlangen zu erfüllen. Man kann die tiefe Verachtung, den bitteren Haß der Amerikaner gegen diese Fremden Wohl ver- stehen, die jedem Druck nachgeben und in ihrer Unkenntnis der Sprache, der Sitten und Verhältnisse im fremden Lande ein will- kommencs Arbcitermaterial für das von den einheimischen GeWerk- schaften bekämpfte Unternehmertum abgeben. Ueberall lauert ein Verhängnis auf die unglücklichen Leute; sie stecken in einem Sumpf, aus dem sie sich nicht erreten können. Für die Amerikaner bedeuten diese Leute eine Last, eine Kon- kurrenz, die ihnen viel zu schaffen macht. Welche Mühe haben die Gewerkschaften, die Eingewanderten zu organisieren, um sie erst ein wenig widerstandsfähig zu machen, sie, die oft nicht die geringste Ahnung haben von dem Wesen der Gewerkschaften— wie I u rg i S. der Held des Romans. Doch sind die Gewerkschaften nicht überall so hülflos gegenüber der Trustmacht, wie gerade in Packingtown, und ihre Erfolge in anderen Berufen, an anderen Orten denn doch erfreulichere. In einen zweiten Irrtum können die Leser verfallen, wenn sie die Kapitel über amerikanische Politik lesen. In dem schon erwähnten Geleitwort zur deutschen Ausgabe heißt es darüber: „Auf faulendem Boden leben die Arbeiter im Lande der Freihei..... Ueberall Korruption und Cliquenwesen im Lande der Freiheit, im Lande der Verheißung. Die politischen Wahlen bedeuten eine elende Mache, die Richter sind bestochene Schurken, die Polizisten die �Helfershelfer der Verbrecher. Die Laster haben einen Aufschwung inS Ungeheuerliche genommen; Wohlhabenheit gibt eS nicht, es gibt nur Reichtum und Armut. Tausend prassen und Millionen darben. Und vom Elend dieser Darbenden singt und sag: Upton Sinclair, und wer sich seiner Stimme verschließen kann, der muß ein Mensch mit einem geldverhärteten Herzen sein."— Schon recht, aber wenn der Hohn auf daZ„Land der Ver- heißung" bedeuten soll, daß die deutschen Zustände den Borzug vor den amerikanischen verdienen, so fordert diese Ansicht den Wider- spruch derjenigen heraus, die Kenner der wirklich«!» Verhältnisse in den Vereinigten Staaten sind. Sinclairs Schilderungen von den Ausartungen im politischen Leben unter dem korrumpierenden Einfluß des amerikanischen Kapitalismus sind wahr und lebendig, aber— man frage ihn oder einen deutsch-amerikanischcn Sozia- listen, der die Verhältnisse beider Länder kennt, rb er„deutsche Ordnung" und deutsches Regiment gegen„amerikanische Schand- und Lotterwirtschaft" eintauschen möchte,—-einen Augenblick würde er sich besinnen, würde zurückschrecken und mit einem ent- schiedenen„Nein" antworten. Und für dieses„Nein" gibt es schwerwiegende Gründe, in die einzudringen hier zu weit führen würde. Die Wahrheit ist, daß man hüben wie drüben„Dreck am Stecken" hat, daß der Kapitalismus seinen in jeder Hinsicht korrumpierenden Charakter nirgend verleugnen kann und daß es in aller Welt nur eine Errettung gibt: den Sozialismus. Soweit Sinclair Bilder ersehnter Zeiten entwirft, mögen sie — wie alle Zukunftsmalereien—„mit einem Körnchen Salz" (des Zweifels) genossen werden. Jedoch darf man dem Dichter — und besonders dem, der wie Sinclair, uns eine solche Fülle realer Gegenwartsschilderung geboten— gern die Freiheit ge- währen, seiner sehnsuchtsvollen Phantasie di Zügel schießen zu lassen. Die Zeit wird korrigieren, was er in Einzelheiten ver- sehen. Dankbar darf die sozialistische Leserwelt jedenfalls dem Autor folgen, der ihr hier ein« Dichtung bietet, so erfüllt von Leben, von der Not, den Schmerzen und Qualen der Gegenwart wie von ihrer Hoffnung, daß wir sie getrost anderen großen Werten der Literatur an die Seite stellen können.— Arthur Baar, Kleines feuilleton* Henrik Ibsen war der von Maria H o l g e r s an» letzten Sonntag in Dräsels Festsälen veranstaltete„XIII. voikStüm» liche Vortragsabend" geweiht. Es hatten sich zahlreiche Zuhörer hierzu eingefunden. Ihr Programm hatte die Vortragende vortrefflich zusammengestellt. Zunächst machte sie das Publikum mit einem Herzensroman bekannt, der. so zart, so still, wie er be- gönnen und verlaufen, uns in das Gemütsleben des sonst ivort- kargen verschlossenen Dichters schauen läßt. 1889 im Sommer war Henrik Ibsen in Gossensaß(Tirol) einer jungen Wiener Dame begegnet, deren feines Wesen auf ihn einen tiefen Eiirdruck gemacht haben muß. Von seinem damaligen Wohnort München aus hat er in der Folge mit Fräulein Emilie Bader— dies der Name der damals ackitzchnjährigen Dame— einen kurzen Briefwechsel gc- führt. Drei jener Dichterbriefe las Maria Holgers vor. Ihr knapper aber für Ibsens Seelenleben um so bedeutungsvollerer Inhalt läßt uns ahnen, daß im Herzen des damals sechzigjährigen Mannes ein holder Liebesfrühling aufgegangen war: ein wunder- bares Spä.sommerglück, das ihn froh und gütig stimmte und das ihm das schriftliche Bekenntnis entlockte: es sei für ihn eine„Natur- Notwendigkeit", ein„Fatum" gclvesen. Wie einst Goethe in ähn- licher Verfassung, wußte indessen auch Ibsen auf diesen späten Sonnenblick zu resignieren. 1399, im September, bi-tet er die Dame, vorläufig nichts mehr zu schreiben:„Gewissenspflicht" hieß ihn schweigen. 1898, im März, sandte sie ihm zu seinem 79. Ge» burtstag, den Ibsen ja in Kristiania verlebte, einen herzlichen Glückwunsch. Der Dichter antwortete;— mit innigem Gefühl ge- denkt er noch einmal jener Sommertage in Gossensatz, die ihm uir- vergeßlich bleiben würden... Seit vier Monaten ruht Ibsen im Grabe. Nun Hai der dänische Literaturhistoriker Georg Brandes jene zarten Briefe an die Wienerin herausgegeben. Man wird sich ja erinnern, daß die Familie des verewigten Poeten gegen diese Veröffentlichung protestiert hat. Allein, so gerechtfertigt der Ein- spruch auch sein mochte— Jbjcn gehört der Welt, sie hat ein Recht auf ihn, mithin auch auf die intimsten Offenbarungen seines Ge- mütslcbens, das er, so lange er unter uns als Schaffender ge- wandelt, so peinlich verschlossen hielt. Wir dürfen der Brief» empfängerin und Brandes dankbar sein, daß sie unS dies schöne Vermächtnis zugänglich gcmgcht haben. Anschließend hieran las Maria Holgcrs Ibsens„Nora". Die Künstlerin muß wohl eine vortreffliche Jnterpretin dieser eigentümlichen Frauengestalt auf der Bühne sein; sie ließ uns vollständig vergessen, daß sie bloß las:— so plasdesch verlebendigte sie Nora! Die Charakterisierung der anderen Rol'cn gelang der Vortragenden weniger; vielleicht ließ die Rezitator in sie absichtlich zurück. rcten. Eingeleitet wurde der Rczitationsab'nd durch Edward Griegsche Kompositionen zu Jbsenschen Dr»men und Gedichten. Herr Richard Kursch trug zivci Sätze aus der Musik zu„Peer Gynt"(„Morgen- dämmerung" und„Anitras Tanz") am Flügel vor. Man fühlt, daß das Klavier diese unsagbar reizvolle nordische Heimatsmusik nicht auszuschöpfen vermag, so willig auch die sauber ziselierte Wiedergabe durch Herrn Kursch anerkannt werden soll. Dieser be» gleitete auch einige Jbsen-Griegsche Lieder. Sie wurden an Stelle des unpäßlichen Herrn Eugen Brieger von Fräulein Schmitz. einer jungendliche» Kunstnovizin mit schönen Stimmitteln in höheren Lagen m* annehmbarem Vortrag gesungen.— e. k. Theater. Schauspielhaus...Hamlet", Trauerspiel rem Shakespeare. Der Rahmen war schöner als das Bild. Die nächtliche verschneite Küstenlandschaft, in der der Geist des gemordeten LatcrS dem Dänenprinzen erscheint, der vom silbernen Mondschein über- glänzte Äiirchhof mit dem Grabe für Ophelia, der von Fackelträgern geleitete, unter leis gemurmelten Kirchengcsängen nahende Zug der Leidtragenden hinterließen einen stärkeren Nachhall des Gefühls als die Gestalt, die Töne und Gebärden, die M a t k o w s k y dem rätsei- vollen schwerblütigen Helden der Tragödie lieh. Was die Größe dieses vielbcwunderten Schauspielers ausmacht,— die packende Wucht, mit der er sicher in sich ruhende oder auch in wilden Wogen aus- schäumende männliche Kraft, einen Götz, Kandaules Koriolan der- körperlicht—, eben das ist in der Hamletrolle völlig unverwertbar. Man glaubt MatlowSky nicht den Jüngling, nicht den Melancholiker, sieht sintt wirklicher Verschmelzung nur das Bemühen eines nach gewisser Richtung glänzend ausgestatteten Künstlers, sich einem dieser seiner Charakterart notwendig frentden Element anzupassen. Es seblt jene Resonanz, die die Worte des Dichters, umgebildet in ein völlig Eigenes, zurückwirft und so inmitten des bekannten immer neue bedeutsame Ausblicke erschließt— das Spannende, die Illusion. Besonders übel war es, daß der Darsteller, wohl um den Anschein schmerzzerrissener Innerlichkeit noch zu steigern, sein sonores Organ, das sonst gerne aus breiter Brust die Worte Ivie Fanfaren in die Luft schleudert, ganz systematisch zu den „flüsterndsten Flüstertönen", über die schon der alte Fontane in seinen Matkowsky-Kritikcn beredte Klage führte, herabdämpfte. Dieses erlöschende, in sich hinein Versinken der Stimme, das sparsam angewendet unter Umständen von großem Eindruck sei» kaun, wirkt, wenn der Schauspieler, wie hier, es zum Grundton einer ganzen breit ausgeführten Rolle macht, als nervenquälende Manier— ein Mittel, das s» sicker wie das andere Extrenr, das laute Schreien, auf die Dauer jede Mitempfindung abstumpft. Auch die Tränen, die dieser �lüstcr-Hamlct in seiner Stinime hatte, wollten mir nicht echt erscheinen; die Gestalt erhielt so stellenlveise, namentlich in den Ophelia-Szenen, eine Färbung weicher Sentimentalität, die zu dem herben Bodensatz der Hamlet- schwermut, dem zerreißenden Hohne seiner Meuschenverachtung nicht wohl im Einklang stand. Am besten gelang ihm im Nahmen der Gesamtleistung der in gramvollem Sinnen gesprochene Monolog„Sein oder Nichtsein" und der tiefsinnig um das Schicksal memchlicher Vergänglichkeit kreisende Gedankenflug der Kirchhofsszene. Die Auf« gäbe, die Hamlet stellt, erfordert nicht nur so viel Kunst, s andern vor allem auch so viel besondere individuelle Prädisposition des Tencheraments, daß die Berliner Bühnen zurzeit vielleicht niemanden haben, der ihr voll gewachsen wäre; es sei denn, daß Herr Kayßler vom Reinhardttheater das Zeug dazu besitzt. Die Besetzung der kleineren Rollen konnte bei den, großen Reichtum des Schauspielhauses an tüchtigen Kräften keine Schwierig- keiteit bieten. Sehr gut war Fräulein W a ch n e r als Ophelia, sanft liebenswert, noch von rührender Anmut im grausen Wahnsinn, sehr gut auch Vollmer, der mit diskreter Charakteristik die so oft ins Närrische gezogene Figur des PoloniuS hob, und Kraußneck in der Rolle des Geistes. Max Pohl und Fräulein Lind n er repräsentierten das schuldige Königspaar.— dt. Neues Theater. Sondervorstellung.„Magdalena"(Cari- dad). Lustspiel in 3 Akten von Miguel Echegaray. Ein „Spanischer Schauspielzyklus" mit dem Ehrfurcht gebietenden Zusätze „unter dem Protektorat Sr. Majestät des Königs von Spanien" war angekündigt worden, ein Herr Paetel zeichnete als Oberlciter.— Wenn die Wahl des ersten Stückes, das am Sonnabeiidnachmittag auf der gemieteten Bühne des Neuen Theaters zur Aufführung ge- langte, nicht etwa mit ganz besonderem Ungeschick getroffen ist, dann müßte es nach dieser Probe trostlos um die spanische dramatische Literatur der Gegenwart bestellt sein, dann bliebe. was die eine Auslese zutage fördert, selbst hinter dem niedrigen Durchschnitt, de» die dramatische Arbeit einer einzigen Saison in Deutschland liefert, noch um ein Beträchtliches zurück. Ein solches Maß jungfräulicher Naivität und Unberührtheit von den Nachwchen des naturalistischen Gehör und Sinne schärfenden Geistes wird man trotz allem hier zu Lande selten konstatieren können. Es ist, als habe die Muse, die diese Magdalena schuf, durch hundertjährigen Dornröschenschlaf hinter schützenden Hecken sich das Kindergemüt bewahrt. Und ebenso ivenig läßt sich in dem Drama des Verfassers etwas von jenen Qualitäten schlagkräftiger-bühncnmäßiger Mache und feuriger Rhetorik spüren, die in dem„Galeotto" seines berühmten Lands- maimes und Namensvetters Jos« Echegaray einst fesselten. Auch Miguel, darin mag eine formale Verwandtschaft liegen, spitzt sein Stück auf eine Tbele zu— eine These, deren Wahrheit übrigens glücklicherweise selbst durch die schlimmsten Schnitzer dramatischer Beweisführung nicht kompromittiert werden kann. So gewiß alle die Dinge, die Fräulein Magdalencns skeptischem Millionärsonkel endlich das Geständnis abzwingen, daß es am Ende doch gute Mcnschengibt, sich ini Lebe« nie so hätten zutragen können, so gewiß erscheint doch die Lehre, die der Onkel daraus zieht, höchst anerkennenswert, seine Sinnesänderung als entschiedener Fortschritt. Magdalena ist richtiger Theaterengel. Nächst ihrer stillen Liebe zu dem mittellosen Vetler Carlos kennt sie kein größeres Vergnügen ' als in den Wohnungen der Armen Gaben auszuteilen. Sie hat's dazu und spricht auch offenbar recht gern darüber. Zlvei junge Leute, Mitgiftjäger, von tadelloser Herkunft, doch verdorbenem Herzen, die sich anscheinend zum erstenmal im Haus des Onkels vor- stellen und auf der Stelle vor einander ihre Heiratspläne auskramen, werden sofort zu einer Beisteuer herangezogen. Als das Fräulein ein Sciltäuzermädchen auf der Straße stürzen sieht und von ihrem Elende erfährt, ruht sie nicht, bis der Unheil prophezeiende Ohm die Kleine loskaust und in den eigenen Hausstand alifninnnt. Und siehe, es quillt eitel Segen aus der Tat. Durch sinnvolles Arrangement bringt der Autor es zuwege, daß das fremde Wesen mit der vulkanischen Fcuerseele ihre Wohltäterin im zweiten Akte vor einem nächtlichen Ueberfall beschützt, im dritten ihr gar den künstigen Gatten rettet. Mehr kann man nicht ver- langen. Dabei zeigt sich, wozu-- die beiden Mitgiftjäger aus dem ersten Akte gut sind. Nummero Eins will den bevorzugten Rivalen Carlos sehr einfach dadurch ans dem Felde schlagen, daß er daS Fräulein in einen Skandal verwickelt. Er besticht den Diener, die Balkontür zu ihrem Zinuner offen zu lassen und schleicht zu mitter- nächtiger Stunde, als Gentleman natürlich in Gesellschaftstoilette und Zylinder, sich ins Haus. Beatriz aber wacht neben der ent- schlummerten Freundin und treibt den elenden Halunken in die Flucht. Zur Abwechselung gedenkt dann Nummero Zwei sein Ziel dadurch zu erreichen, daß er den Vetter zum Duell zwingt, um»hm den Degen in den Leib zu rennen. Carlos wäre ein toter Mann, wenn nicht das Mädchen rasch entschlossen die Hand des In- triganten mit einem Florctlstiche durchbohren und ihn so kampstmfähig machen würde. Obendrein ist sie verliebt in Carlos. verzichtet aber, da die Sache allzu aussichtslos, voll Großmut und plaudert aus, daß der Onkel ihm seine Millionen vermachen werde. weshalb, erniutigt, der zaghafte und cdel-stolze Jüngling endlich seinen Antrag stellt. So gelangt Magdalena zu ihrem Bräutigam, der Oukel zu einem neuen Glauben an die Menschheit. Eine ängst- liche Tante, die BeatrizeS übertemperamentvollen Zärtlichkeits- ausbrüche fortwährend in Schrecken halten, hat für die komischen Effekte zn sorgen. Von den Darstellern, die sich für diese steifen Nichtigkeiten einsetzen mußten, bewahrten Herr Beckmann und Asta Hill er gute Laune.— dt, Notizen. — Künstlerische Vorlesungen veranstaltet der Verein Theaterreform in seiner Schauspielkunstschule sChar- lottenburg, Schlüterstr. 17 II) an jedem Mittwochabend von S'/a Uhr an. Eintrittskarten unentgeltlich durch den Generalsekretär des Vereins, Herrn V. Müller-Metternich, Französischestr. 24, und im Bureau der Schule, Schlüterstr. 17.— — Herbert Eulenbergs neuestes Stück„ F ü r st Ulrich" ist vom De titschen Theater zur Aufführung ange- nommen worden.— —„König Saul", ein fünfaktiges Trauerspiel von Eber- hard König, wurde vom Bremer Stadttheater zur Auf« führung angenommen.— —„Reckt", drei Einakter von Friedrich Elbogen, wurden im Wiener Bürgertheater sehr beifällig aus- genommen.— — Rudolf Herzogs„Condottieri" erzielten im Koburger Hoftheater einen durchschlagenden Erfolg.— —„Das gefesselte Leben" ist der Titel einer einaktigen Komödie von Adorf L a n tz, die vom Hoftheater in Mann- heim zur Aufführung erworben wurde.— —„Der Gott der Rache" betitelt sich ein neues Stück, das der russische Jargonschriftsteller Schalom Asch soeben voll« endet hat.— — NewDork hat 7S Säle, in denen täglich Theater ge- spielt wird.— — Das Lortzing-Theater bringt am nächsten DoimerS- tag zum ersten Male den„Barbier von Sevilla" zur Auf« führung. Die Titelrolle singt Direktor Garrison.— —„Mondeszauber", eine einaktige Oper von Georg Rieinschneider, wird in der K o in i s ch e n Oper zur Urauf- führung kommen.— — Die Erhaltung des Berliner Opernhauses ist, wie auf dem Brannsckweiger Tage für Denkmalpflege vom Vor- sitzenden Dr. v. Oechelhäuser mitgeteilt wurde, beschlossene Sache. Für das neue Opernhaus soll ein anderer Platz in Aussicht ge- nommen werden.— — Die Ausstellung der Sezession wird noch bis zum Sonntag, den 7. Oktober geöffnet bleiben.— — Die Bayerische Jubiläums- Landes- Aus- stellung in Nürnberg soll am 15. Oktober geschlossen lverden.— — Ein Museum d e S römischen Mittelalters soll in Rom errichtet werden.— — Eine unterirdische Toten st adt ans der Sabincr- zeit wurde bei T e a n o(unwert Neapel) entdeckt.— — Fünf Millionen Mark zur Bekämpfung de? A l k o h o l i s m u s hat der verstorbene John Crowle in London, einer der Direktoren der Temperenz-Nestaurationsgesellschaft„Slater", gestiftet.— Vcrantivortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSaustaltPaul Singer LeEo.,BerlinLW»