� � i Ilnlerhaltungsblatt des Nr. 192. Donnerstag, den 4. Oktober. 1306 (Nachdruck verboten.) 8] Der Sumpf. Noman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Nach dem Tanze wird Bier gereicht, auch den Musikanten, die Herumtollenden atmen auf und bereiten sich auf das große Ereignis des Abends vor, auf das aemimmas. Das acziavimas ist eine Zeremonie, die drei oder vier .Stunden währt und einen ununterbrochenen Tanz bedeutet. Tie Gäste bilden einen Kreis, verschlingen die Hände und beim Beginn der Musik bewegen sie sich in der Runde. In der Mitte steht die Braut, und einer nach dem anderen treten die Männer auf sie zu und tanzen mit ihr. Jeder tanzt einige Minuten, so lange er niag. Es ist eine lustige Ge- schichte mit Gesang und Lachen, und wenn der Tänzer auf- hört, stellt er sich vor Teta Elzbieta, welche ihm einen Hut hinhält. Da hinein wirft er eine Summe Geldes— einen Dollar oder vielleicht fünf Dollar, je nach Vermögen und nach der Achtung, in welcher diese Sitte bei ihm steht. Es wird von den Gästen erwartet, daß sie für ihr Vergnügen bezahlen. Anständige Gäste halten darauf, daß sie eine runde Sumnie zurücklassen, damit Braut und Bräutigam eine Zeitlang davon leben können. Gar groß sind die Unkosten für so. eine Gesellschaft. Sie belaufen sich sicherlich auf über zweihundert Dollar und betragen manchmal sogar dreihundert. Drei- hundert Dollar aber sind mehr als das Jahreseinkommen mancher Person im Zimmer. Tüchtige Menschen, die vom frühen Morgen bis spät in die Nacht in Eiskellern mit einem halben Zoll Wasser auf dem Boden arbeiten, Männer, welche sechs oder sieben Monate im Jahre die Sonne vom Sonntag nachniittag bis zum nächsten Sonntag morgen nicht sehen, und doch nicht dreihundert Dollar verdienen! Kleine Kinder, noch nicht zehn Jahre alt, welche kaum iiber die Arbeitsbänke sehen können— die Eltern haben falsche Angaben über ihr Alter gemacht, nur damit sie ihren Arbeitsplatz bekamen— und die nicht die Hälfte, oft kaum ein Drittel der Summe verdienen. Und nun für ein Hochzeitsfest, für einen einzigen Tag eine solche Summe verschwenden!(Denn es ist doch dasselbe, ob diese Leute das Geld auf einmal für ihre eigene Hochzeit verschwendeten oder nach und nach auf den Hoch- zeiten ihrer Freunde ausgeben.) Es ist sehr unklug, es ist tragisch,— doch ach! es ist so schön! Stück für Stück haben diese armen Leute alles übrige aufgeben müssen, aber an dieser einen Sache hängen sie mit aller Macht ihrer Seelen. Sie können die vesolija nicht missen. Sie aufgeben, hieße eingestehen, daß man ruiniert ist: und die Scheu vor diesem Eingeständnis hält die Welt aufrecht. Die veselija ist diesen Leuten überkommen aus fernen Zeiten: ihre Bedeutung liegt darin, daß man in einem Käfig wohnen, auf Schatten starren kann, wenn man nur einmal im Leben die Ketten brechen, die Flügel heben und die Sonne sehen darf, wenn man nur einmal im Leben das Glück empfindet, daß das Leben mit allen seinen Sorgen und Schrecken doch am Ende nicht gar so ein ge- wältig Ding ist, sondern nur die Blase auf dem Wasser eines Flusses, ein Ding, mit dem man spielen kann wie ein Jongleur mit goldenen Bällen spielt, ein Ding, das man trinken kann gleich einem Becher voll seltenen roten Weines. Zu wissen, daß man Herr feiner Lebensführung ist, macht den Mann weiter fähig, zu seiner Arbeit zurück- zukehren und von der Erinnerung dieses Tages zu leben.— Endlos schwangen sich die Tänzer, wenn sie schwindlich wurden, schwangen sie sich nach der anderen Seite. Stunde nach Stunde verrann, die Dunkelheit brach herein. Das Zimmer wurde schwach erhellt von zwei rauchenden Ocl- llampen. Der Musikanten begeistertes Feuer war verraucht, sie spielten immer dieselbe Melodie, langweilig, mühevoll. Zwanzig Takte und wenn sie zu Ende waren, fingen sie von vorn an. Einmal konnten sie sogar nicht weiter, ein Um- stand, der peinvolle, erschreckende Szenen hervorrief, die selbst den fetten Polizisten in seiner Schlafstelle hinter der Tür störten. Marija hatte die Schuld! Marija war eine jeuer hungrigen Seelen, die bis zur Verzweiflung gm Rocke der entweichenden Muse hängen. Den ganzen Tag war sie ins Zustand einer überwältigenden Aufgeregtheit gewesen—- sollte das aufhören?— sie wollte das nicht zugeben. Ihre Seele schrie„Verweile doch, du bist so schön!" Ob es das Bier niachte oder die Musik, oder die Erregung,— sie meinte, es dürfte nicht sein. Und sie gab die Jagd nicht eher auf, als bis der Karren aus dem Geleise geworfen war, und immer durch die Dummheit der dreimal verdammten Musikanten. Bei jeder Pause brach Marija in ein Geheul aus, flog zu dem Podium, schüttelte ihre Faust vor den Gesichtern der Musikanten und stampfte mit den Füßen, feuerrot und unzurechnungsfähig vor Wut. Umsonst vcr» suchte der erschreckte Tamoszius zu sprechen, für die Schwäche des Fleisches um Entschuldigung zu bitten. Vergebens wollte der atemlose, hustende Jokubas beruhigen, umsonst bat Teta Elzbieta.„Szalin!" schrie Marija.„Palauk! isz keliol. Wozn werdet Ihr bezahlt, Kinder der Hölle!" Und in heller Angst fing das Orchester von neuem an zu spielen und Marija ging und nahm ihre Arbeit wieder auf. Sie trug jetzt alle Last des Festes allein. Ona wurde durch ihre Erregung aufrecht gehalten, alle anderen Fraue» aber und fast alle Männer waren ermüdet— nur Marijas Kraft- blieb unbesiegt. Sie trieb die Tänzer an. Was abep vorher ein Kreis gewesen, hatte jetzt die Gestalt einer Birne, und Marija bildete sozusagen den Birnenstiel. Sie stieß nach der einen Seite, zog nach der anderen, schrie, stampfte, sang, — kurz, sie glich einem Vulkane an Energie. Dann und wann kam jemand ins Zimmer und ließ die Tür offen. Die kalte Nachtluft drang herein. Marija stieß im Vorbeispringeu mit dem Fuße an das Schloß und„schnapp!" war die Tür zu. Diese Prozedur gab die Ursache zu einem Zwischenfall» dessen Opfer Scbastijonas Szcdvilas war. Ter kleine, drek Jahre alte Sebastijonas war harmlos herumgelaufen und hielt eine Flasche an sein Mäulchen, die mit„Pop" gefüllt war, einem roten, eiskalten, süßlichen Getränk, da schlug die Tür zu und traf seine Flasche. Sein Gebrüll brachte die Tanzenden zum Stehen. Marija, die nicht fähig war, einer Fliege ein Leid zu tun und hundertmal am Tage die schreck- lichen Mörder verdammte, riß den Kleinen in ihre Arme und suchte ihn mit Küssen zu beruhigen. Das gab dann� eine längere Ruhe für das Orchester ab und mancherlei Er- frischungen, während Marija ihren Frieden mit ihrem Opfer machte. Sie setzte es auf den Schenktisch und hielt ihm cm Glas schäumendes Bier an die Lippen. In der Zwischenzeit kam es in einer anderen Ecke deA Zimmers zu einer bänglichen Konferenz zwischen Teta Elzbieta, Deda Antanas und einigen der intimen Freunde der Familie. Sie waren in Verlegenheit. Die veselija war eine Uebcreinkunft, nicht eine ausgesprochene, aber deshalb eigentlich eine um so fester bindende. Jedes Gastes Zuschuß zu den Festkosten war ja verschieden, doch»vußte jeder genau, wie hoch dieser Zuschuß für ihn berechnet war und jeder strengte sich an, ein wenig mehr zu geben. Jetzt aber, seit sie in das neue Land gekonnnen, war das anders geworden. Es schien, als ob ein unsichtbares Gift in der Luft schwebte, das man einatmete— es hatte alle jungen Männer auf ein- mal vergiftet. In Scharen kamen sie und füllten sich den Magen mit teueren Speisen, um sich nachher davonzustehlen, Der eine warf eines anderen Hut zum Fenster hinaus, beide gingen aus dem Zimmer, anscheinend um den Hut wieder zu holen, aber keiner von ihnen wurde wiedergesehen. Oder ein halbes Dutzend taten sich zusammen, marschierten öfsent- lich ab, starrten den Gastgeber dabei an und verlachten ihn. Wieder andere, noch schlechtere, drängten sich um den Schcnk- tisch und betranken sich auf Kosten des jungen Ehepaares, kümmerten sich um keinen und ließen die anderen in dem Glauben, daß sie schon mit der Braut getanzt hätten oder es später zil tun gedächten. Allen diesen Dingen stand die Familie hiilflos und ge- brachen gegenüber. So lange hatten sie gearbeitet und solche Auslagen gehabt. Ona stand dabei, und ihre Augen wurden übergroß vor Schrecken. Diese entsetzlichen Rechnungen! Wie die sie in Angst versetzten! Besorgnis nagte an ihrer Seele Tag für Tag und störte ihnen ihre Nachtruhe. Wie oft hatten sie die Rechnungen durchgezählt, eine nach der anderen und sie zusammengerechnet, wenn sie zur Arbeit gingen: fünfzehn Dollar für das Zimmer, zweiundzwanzig Dollar für die Enten, zwölf Dollar für die Musikanten, fünf Dollar an die Kirche und für den Segen der heiligen Jungfrau— und so weiter ohne Ende. Ain schlimmsten aber war die ent- fetzliche Rechnung, welche noch von dem Wirt kam für Bier und Likör. Man konnte ja bei ihm immer nur vermuten, wie viel er anschreiben würde. Stets hatte er vorher weniger angesetzt. Von dem wurde man unbarmherzig gepreßt, und wenn du ihn vorher für den besten deiner Freunde gehalten. Er beginnt damit, deine Freunde mit einem halben Fäßchcn zu bedienen und endet mit einem anderen, das halbleer ist, und du wirst mit dem Preise von zwei Fäßchen belastet. Er willigt ein, eine gewisse Qualität für einen gewissen Preis zu liefern, und nachher trinken deine Freunde ein schreck- liches Gift, das'unbeschreiblich ist. Du kannst dich beklagen, aber du erreichst nichts daniit als einen gestörten Abend: und wenn du zum Gericht läufst, könntest du ebensogut gleich zum lieben Gott laufen. Der Wirt steht gut mit all den großen Politikern des Distriktes, und wenn du einmal zu schmecken bekommen hast, was es heißt, mit derartigen Leuten in Gegensätze zu geraten, wirst du bezahlen, was von dir verlangt wird und damit basta. Was dies alles doppelt peinlich machte, war der Um- stand, daß es die wenigen, welche ihr Bestes getan hatten, eigentlich mit traf. Da war der arme alte Jokubas! Der hatte fünf Dollar gegeben. Wußte nicht jedermann, daß Jokubas Szedvilas gerade seinen Delikatessenladen für zweihundert Dollar verpfändet hatte, um überfällige Zinsen bezahlen zu können? Und dann war da die alte, schwache. Poni Aniele, welche Witwe war und drei Kinder hatte, da- neben Rheumatismus und die für die HandeMeute in der Halsted Street wusch zu Preisen, die man sich schämen mußte, auch nur auszusprechen. Aniele hatte den ganzen Profit mehrerer Monate aus ihrer Hühnerzucht gegeben: acht Hühner nannte sie ihr Eigentum und sie hielt sie in einein Verschlage an der Hintertreppe. Ten ganzen Tag suchren die Kinder der Aniele in dem Kehricht nach Nahrung für diese Hühnchen. Und oft, wenn der Mitbewerber allzu viele waren, so konntest du sie in der Halsted Street sehen, wie sie dicht an die Kanäle gingen und ihre Mutter ihnen folgte, damit niemand ihnen ihren Fund raubte. Mit Geld konnte der Wert dieser Hühner nicht bezeichnet werden. Sie wertete sie verschieden, denn sie hatte das Gefühl, daß sie durch diese Tierchen etwas ohne Gegenleistung erhielt: daß sie durch sie einen Lohn von einer Welt bekam, die von ihr gutes so oft und in so mancher Weise empfing. So bewachte sie die Hühner jede Stunde des Tages und hatte gelernt, des Nachts wie eine Eule zu sehen. Eins von ihnen war ihr vor langer Zeit gestohlen und kein Monat verging, ohne daß nicht irgend jemand versuchte, ein weiteres Hühnchen zu stehlen. Daraus kann man ersehen, wie groß der Tribut war, den die alte Mrs. Jukmiene als Beitrag zum Feste gebracht, allein aus dem Grunde, weil Teta Elzbietag ihr einst für ein paar Tage Geld geliehen und sie davor bewahrt hatte, aus dem Hause geworfen zu werden. Mehr und mehr Freunde traten zusammen, während die Klagen über diese Vorfälle ihren Lauf nahmen. Manch? von ihnen kamen näher, in der Hoffnung, etwas von der Unterhaltung aufzuschnappen: und gewiß handelte es sich hier um Dinge, die die Geduld eines Heiligen erschöpfen konnten. Zum Schluß kam noch Jurgis, durch irgend jemand auf- merksam gemacht: die Geschichte wurde ihm erzählt. Jurgis hörte stillschweigend zu und zog nur seine dicken Augenbrauen zusammen: dann und wann schoß ein Blick unter ihnen hervor. flog durchs Zimmer, und vielleicht wäre Jnrgis gern mit ge- ballten Fäusten auf einige der Burschen losgegangen. Da macht er sich aber klar, daß ihm das sicherlich wenig nützen würde. Keine Rechnung würde dädurch kleiner, daß er irgend jemand um diese Zeit hinauswarf. Außerdem würde ein Skandal entstehen— und Jurgis wünschte nichts sehnlicher, als mit Ona wegzueilen und die Welt ihren eigenen Weg gehen zu lassen. So lösten sich seine Hände und er sagte ruhig:„Es ist geschehen und Tränen haben keinen Nutzen, Teta Elzbieta." Dann wandte sich sein Blick auf Ona, welche dicht an seiner Seite stand: er sah den erschreckten Blick in ihren Augen:„Kleine, quäle Dich nicht, es macht für uns nichts, wir werden die Rechnungen alle einmal bezahlen: ich werde härter arbeiten." Das sagte Jurgis immer, zum Trost bei allen Schwierigkeiten,— Ona war das gewöhnt.„Ich will härter arbeiten,"— er hatte das in Litauen gesagt, wenn ein Beamter ihm seinen Patz weggenommen und ein zweiter jhn arretierte, weil er nun keinen besaß, vnb die beiden lein Eigentum an einen Dritten verkauften. Er hatte es wieSer in New Vork gesagt, als der aalglatte Agent sie in seine Finger bekommen und sich hohe Preise hatte bezahlen lassen. Jetzt sagte Jurgis es zum dritten Male und Ona atmete tief, Es war so wundervoll, einen Gatten zu haben, wie eine er- wachjene Frau, einen Gatten, der alle Probleme lösen konnte und so groß und stark war.— (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) DoftojewsKy und seine„Dämonen! Mit Nikolaus Gogol hat für die russische Lireratur eine neue Epoche begonnen. Das ist die des Realismus. In Turgenjeff und Tolstoi fand dieser seine bedeutendsten Vertreter. Die beiden gelten mit Recht als Rußlands größte Novellisten überhaupt. Zu ihnen treten dann noch Gontscharoff und DostojewSly. Besonders dieser letztere wird den beiden zuerst genannten Schriftstellern anzugliedern sein, sobald es sich um die Frage handelt: welchen Autoren Haupt- sächlich die russische Literatur es zu verdanken hat, daß sie außer- halb Rußlands nicht bloß bekannt und populär geworden ist, sondern auch, daß durch sie die westeuropäische Kunst in gedanklicher Hinsicht mächtig beeinflußt wurde, ja, daß dieser Einfluß auch ferner in ganz demselben Maße fortdauern wird, wie das Interesse an den besten Schöpfungen des russischen Geistes bei uns sich erhält und steigert. Ob jene Beeinflussung heilsam oder schädlich werden kann, ist eine Frage, die jetzt noch nicht zu'entscheiden ist. EinS aber darf doch ruhig behauptet werden: die deutsche Romandichtung hat nicht einen einzigen Autor aufzuweisen, der an Tolstoi und Turgenjeff heran- reicht. Andererseits läßt sich freilich auch nicht die Bemerkung ver« neinen, daß selbst in der russischen Literatur ein F e o d o r Michails witsch Dostojewskybis jetzt weder einen Rivalen gefunden hat, noch schwerlich jemals finden wird. Vom rein ästhetischen Standpunkte aus erfährt diese Behauptung allerdings mancherlei Einschränkung. Dostojewskys Schriften weisen nämlich in künstlerischer Beziehung ein weit geringeres Höhenmaß auf als die Turgenjeffs und Tolstois. Einer seiner ge- rechtesten russischen Kritiker: Dobroluboff(183(3— 1881) hat schon an Dostojewskys ersten Novellen gezeigt, wie mangelhaft, ja„unter jeder Kritik" die literarische Form darin sei. Der Dichter schrieb eben mit solcher Schnelligkeit, daß ihm die Ausarbeitung seiner Schöpfungen keinerlei Kummer bereitete. Im Aufbau der Handlung bedient er sich einer extrcm-romantischen und veralteten Form, ist nachlässig in der Konstruktion, läßt die Ereigniffe oft in unnatürlicher Reihe folgen und spricht meistens selbst durch seine Personen, statt sie ihre eigene Sprache führen zu lassen. Schließlich und nicht zum wenigsten ivird die künstlerische Wirkung durch das pathologische Element in Dostojewskys erzählenden Schriften empfindlich beeinträchtigt. Das alles sind gewiß schwerwiegende Mängel. Trotzdem bleibt er einzig und groß als Dichter, worauf ich noch zu sprechen koinme. und interessant als Mensch, dessen furchtbare Lebensschicksale selbst kaum in Rußland ihresgleichen ge- habt haben. DostojewSky wurde 1822 zu Moskau geboren. Seine Erziehung erhielt und vollendete er in einer Ingenieurschule, die er 1843 ver- ließ. Nachdem er dann zwei Jahre hindurch in» Militärdienst zu- gebracht hatte, quittierte er ihi» und ging nach Petersburg. Von nun an widmete er sich der Literatur.' Er war— schreibt Peter Kropotkin in seinem Werke„Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur"— erst vierundzivanzig Jahre alt, als er seine erste Novelle„Anne Leute" schrieb, die sein Schulkamerad Grigorowitsch dein Lyriker Nekrassoff zur Aufnahme in einen literarischen Almanach gab. Dostojewsky hatte innerlich gezlveifelt, ob sein Erstlingswerk von dem Herausgeber auch nur gelesen werden würde. Er wohnte damals in einem ärmlichen Zimmer und war im festesten Schlaf, als um 4 Uhr morgens Nekrassoff und Grigorowitsch an seine Türe klopften. Sie umarmten Dostojewsky und beglückwünschten ihn mit Tränen in den Augen. Nekrassoff und sein Freund hatten die Novelle spät am Abend zu lesen begonnen. Sie konnten mit der Lektüre nicht aufhören, bis sie zu Ende waren,»md sie waren beide so tief davon ergriffen, daß sie nicht anders konnten, als gleich mitten in der Nacht den Autor aufzusuchen und ihm zu sagen, was sie enipfandeir. Wenige Tage später lvurde Dostojewsky dem großen Kritiker jener Zeit BjelinSky vorgestellt und von ihm in gleich warmer Weise empfangen. Die Novelle machte auf das nissische Lesepublikum einen nachhaltigen Eindruck; Dostojewskys Ruhm wuchs seitdem, wie seine Bedeutung tiefer und tiefer offenbar wurde. Doch trug zu seiner Berühmtheit auch das Geschick bei, welches sich von Peters- bürg her an seine Fersen heftete. Im Jahre der deutschen Revolution trat er in Beziehung zu der Petraschcwskhgruppe. Sie setzte sich aus jüngeren Leuten zu- sammen, die das Studium der Werke„deS utopistisch-konfusen ftanzö- fischen Kommunisten Frana rumorte das Försterblut. Pfingsten 1903 hatte er mir nach Paris geschrieben, daß er in der ächsischen Schweiz einen Rehbock erlegt habe. Blattschuß! Und n seinen Briefen stand sonst niemals etwas Persönliches. Als ich dann vorigen Herbst nach Berlin kam, krächzte er über Schmerzen in den Gliedern, und eines Tages kam's heraus: er war daheim im Egerland gewesen, und wieder einmal auf der Entenjagd. Und >,das Aas" hatte ihn in einen Teich gelockt. Putschnaß geschwitzt ins kalte Wasser des Waldteiches. Aber dann Flint an die Backe! Da fiel sie. Seitdem klagte er. Er hatte sich auf mancherlei Gebieten herumgetrieben, sein Leben zu fristen. Aber überall war er der Waldmensch geblieben. Er pfiff alleweil sein Lied nach seiner Fasson. In Wien, in München, in Berlin. Er blieb immer der gleiche Hans Nicolaus Krauß. Der Egerländcr aus dem Försterhause. Selbst in der Kost blieb er der Heimat treu. Er aß nur„Eghalandrischs". Er kochte auch selbst. Am 1. Mai dieses Jahres war's. Wir waren im Treptower Park in der Morgenfrühe gewesen. Bei den Bäumen. ßr kannte alle. Er wußte alle Vögel zu locken. Er hielt sich stets in Konnex mit der Natur. Er war kein Großstädter. Morgens um viere war er auf den Beinen und ging ins Freie, in den Fricdrichshain oder auf die Felder. Jeden Tag. Und wie der Förster seinen Wald abschreitet, so ging er unter den Bäumen hin. Langsam, schon seiner Korpulenz wegen, gemessen, wohl auch aus alter-Gewohnheit. Und weil er nach dem Kleinsten sah. Im ricdrichshain nahmen wir am Nachmittag Abschied von einander. r sagte in seinem Dialekt:„Jetzt geh ich heim, bind mir die große Küchenschürz'n um, und dann wird gekocht." Ich mußte furchtbar lachen. Er fragte, warum ich lache. Ich sagte, weil ich mir sein Bild borstelle: seine Wohlgcnährtheit mit der großen Küchenschürze. Da lachte er selbst. Und er hieb mir seinen Stock Über die Kniekehlen.„Gchen's! Adjieu!" Er konnte so gut lächeln, er konnte so herzlich lachen. Dann spürte man, daß er ein guter Mensch war. Und wie alle guten Menschen, konnte er maßlos„ausschierig" werden. Dann brüllte er förmlich, und die deutsche Sprache schenkte ihm ihre kräftigsten Wörter. Dann steckte er sich eine Zigarette an oder lutschte einen Bonbon(Guts'l). Das war auch was„Eghalandrischs". Das Letzte sagte er nicht. Man spürte es deutlich, daß er sein Geheimfach hatte. Bei so klaren und natürlichen Menschen ist das Geheimfach immer deutlicher als bei komplizierten Kultur- menschen. Was darin war? Niemand hat ein Recht danach zu fragen. Vielleicht sagt das Werk des Dichters deutlicher davon. Denn Dichter plaudern leichter ihre Geheimnisse aus. Vielleicht hat er sich's auch da verkniffen. Er konnte hart sein. Er konnte sich selbst das Wort abschneiden. Er war verschwiegen wie sein Wald. Und er konnle pfeifen, wo ihm das Herz bebte. Er war knorrig. Und er konnte eine Schnurre erzählen, wo er sich vor dem Worte scheute. Denn er war cinsani. Er hatte diese größte Schroff- hcit und dies härteste Weh aller Einsamen: sich selbst wegzuwerfen, sich selbst auszustreichen aus allem, was Geltung hat. Nur sein Selbstgefühl verlor er nicht. Und seinen Spott behielt er. Er war„durch". Er hatte zu viel erfahren, es konnte ihm nichts mehr weh tun. Man mußte ihn näher kennen, um aus seinem Altsein das Jungsein zu hören. Man mußte das Ohr an den Eichstamm legen können, um das Raunen in seinem Herzen, das Beben in seiner Wurzel, das Zittern in seinen Aesten zu vernehmen. Er war ein prachtvoller Mensch. Eine harte, ehrliche Hauk. Er wK eine Eiche. Wie eine Eiche hat ihn der Tod gefällt. Ein Hieb und ein Fall. Es ist eine Stelle am Waldweg, da ist es leer. Es werden nicht viele sein, die wissen werden, wer da gestanden hat in grünen Tagen. Die es wissen werden, werden's nicht vergessen. Aber kein „Marterl". Das haßte er. An den„Bildstöckln" ging er mit ab» gewandten Augen vorbei. Es ist alles nur ein Vergehen— und läßt kein Zeichen. Menschen und Eichen. So ist auch er vergangen. So sah ich ihn. Und mit seinem eigenen Bilde sei seine Serie abgeschlossen.— Erziehung und Unterricht. sli. lieber Idealismus und Naturwissenschaft in der Schule sprach auf dem 3. deutschen Erziehungs- tag, der gegenwärtig in W e i m a r tagt, Dr. Schotten-Halle: Noch immer müssen die Realien bei der Ausbildung unserer Jugend um den Platz kämpfen, der ihnen rechtlich zukommt. Sie ganz zu beseitigen, hat man nicht gewagt, aber den gebührenden Rang nehmen sie noch lange nicht ein. Die sprachlich-historischc Bildung nimmt noch immer den höchsten Rang ein, während der ideale Wert der Natur- Wissenschaften für unsere Jugend mißachtet wird. Mit hohlen Schlagwörtern operiert man gegen uns. Aber die Unterrichts- frage erfreut sich jetzt allgemeiner Teilnahme. Die Frage ihrer Lösung ist von allergrößter Bedeutung. Zwei Schulreformen haben wir zu verzeichnen, die von 1890 und die von 1900. Zur ersten gingen 600 Vorschläge zur Reform unseres Unterrichtswesens ein. Es interessierten sich also weite Kreise dafür. Es galt also sicherlich das Wort:„Es ist etwas faul im Staate Dänemark!" Verschiedene wissenschaftliche Vereine stehen auf dem neuen realen Boden, der Verein für Schulreform, der Verein deutscher In- genieure, die deutschen Naturforscher und Acrzte, der Verein für Schulgesundhcitspflcge, die Kunstcrzichungstage und last not least unsere Tagungen für deutsche Erziehung in Weimar. Alle er- streben eine Reform des Unterrichtswesens nach realer Seite hin. Nur langsam kommen wir vorwärts. In anderen Ländern gewinnt diese Bewegung rascher an Boden. Man sagt, die Naturwissen- schaften erziehen zum banausischen Nützlichkeitsprinzip. Wir wissen, was wir der akademischen Erziehung zu verdanken haben, aber unser deutsches Schulwesen zeigt heutzutage einen bedauernswerten Mangel an Idealismus. Wir dürfen die Jugend nicht von den Naturwissenschaften abziehen. Wir geben ihnen mit den Natur- Wissenschaften eine Waffe in die Hand gegen Aberglauben und Un- glauben. Wenn die Naturwissenschaften gepflegt und gefördert werden, pflanzen wir der Jugend wieder Achtung vor der Wahr- heit und oem Gesetz, Achtung bor den Tatsachen ins Herz. Die Achtung vor der Wahrheit ist das köstliche Gut aus dem Studium der Naturwissenschaften. Die Jugend lechzt nach dem Konkreten, aber man bietet ihnen Steine statt Brot, und füttert sie mit Ab- straktem, das ihrem Geist so fern liegt, wie möglich. Wissen allein ist nicht Macht, sondern Wirken und Handeln.— Humoristisches. — Die Anzeichen. Gast:„Man merkt's alleweil, daß die Tage anfangen, k ü r z e r z u w e r d e n... seit vier Uhr sitz' ich heut' schon im Wirtshaus I"— — Immer im Beruf. Dame:„Ist es wahr, Herr Staatsanwalt, daß Assessor Klingler schon von seiner Frau g e- schieden ist?" Staatsanwalt:„Ja, er befindet sich bereits wieder auf freiem Fußet'— — Entsprechend. Gast:„Trinken Sie doch nicht dieses minderwertige Bier, das hat doch fast gar keinen Gehalt." Diurnist:„Ich auch nicht."— („Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Die Aufführung von Frank Wedekinds„Büchse der Pandora" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist von der Zensur nicht gestattet worden.— — Wieder ein neues Theater. Auf dem Schiffbauer- dämm an der Luisenbrücke soll's gebaut und Oktober 1907 eröffnet werden.— — Der Maler Professor Christian Mali starb am 2. Oktober in München.— — Zur Vorberatung der Schaffung einer deutschen Einhertsstenographie bat gcstenr in Berlin eine Versamm- lung von Vertretern der beiden Hauptsystcme— Gabelsberger und Stolze-Schrcy— getagt. Es wurde eine Resolution angenommen, worin die baldige Schaffung der Einheitsstenographie unter Mit- Wirkung der Regierungen als wünschenswert bezeichnet wird. Die übrigen stenographischen Schulen werden aufgefordert, sich den nach dieser Richtung hin zu unternehmenden Schritten anzuschließen.— — Den Erreger der Schlafkrankheit behrnwtet Professor N o v h von der Universität Michigan in der T s e t s e- Fliege entdeckt zu haben. Er stellte durch ungefähr 200 Versuche fest, daß die Bakterien der Krankheit auf eurer Mischung aus Blut, Zucker und Glukose gedeihen. Professor Novy sucht jetzt ein Gegen» gift gegen die Bakterien zu finden.— Perantwprtl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LrEo., Berlin SW«