Zlnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 194 Sonnabend, den 6. Oktober. 1906 (Nachdruck verboten.; 51 Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersctzung. Die Eingewanderten waren erbarmungswürdig in ihrer Hülflosigkeit. besonders ergriff sie tödliches Erschrecken, wenn sie einen Polizisten sahen: sie liefen dann über die Strafe und eilten fort. Während des ersten Tages wanderten sie bollständig verlassen, in betäuben- der Verwirrung umher und erst tief in der Nacht, als sie in dein Torwege eines Hauses kauerten, wurden sie von einem Polizisten entdeckt � und nach der Station gebracht.?lm Morgen fand sich ein Dolmetscher: sie wurden in einen Wagen gepackt und ihnen ein neues Wort gelehrt: Stockyards(Viehhöfe). Ihr Entzücken zu beschreiben, als sie die Errettung aus ihrer Not erfuhren, würde nicht möglich sein, besonders, da sie dabei nicht noch einmal einen Teil ihrer Besitztümer ver- loren. Sie saßen im Wagen und starrten aus dem Fenster. Sie fuhren durch eine Straße, die sich sehr lang hinstreckte zwischen einer ununterbrochenen Reihe von armseligen, kleinen, nur zwei Stockwerke hohen Häusern. Immer dasselbe, nie- nrals ein Hügel, nicnrals ein Hohlweg, immer nur die end- lose Aussicht ans häßliche, schmutzige, kleine Holzhäuser. Hier und da kreuzte eine Brücke einen schlammigen Kanal mit hartgewordenen Lehinufern, an denen unsaubere Schuppen und Docks lagen: dann wieder kam eine Eisenbahn mit ver- schlnngenen Weisen, pustenden Lokomotiven und vorüber- rasselnden Wagen. Es kam eine große Fabrik, ein geschwärztes Haris mit unzähligen Fenstern und mit Schorirsteinen, aus denen ungeheure Massen von Rauch strömten, die oben die Luft verdunkelten, unten die Erde schwärzten. Nach diesen Unterbrechungen begann wieder die jämmerliche Folge von armseligen kleinen Gebäuden. Eine volle Stunde vor dem Eintreffen der Gesellschaft in der Stadt hatten sie eine merkwürdige Veränderung der Luft bemerkt. Es wurde immer dunkler und das Gras am Wege verlor sein Grün. Mit jeder Minute, die der Zug weiter raste, nahmen alle Dinge eine schmutzigere Färbung an. Tie Felder waren trocken und gelb, die Landschaft öde und häßlich, llnd unter dem dichten Rauch machte sich ein anderer llcbelsrand bemerkbar, nämlich ein merkwürdiger, Atem raubender Geruch. Sie waren sich nicht gang sicher, ob dieser Geruch unangenehm war: man hätte ihn wohl ekel- erregend finden können, aber ihr Geruchssinn war nicht sehr entwickelt, und sie meinten nur. er wäre seltsam. Als sie jetzt im Rollwagen saßen, begriffen sie, daß ihr Weg diesem Gcstanke entgcgenführte, daß sie von Litauen weg ihm ent- gegengereist seien. Ter Gestank wurde immer stärker und kam immer näher, so daß sie ihn schließlich fast ebenso gut schmeckten wie rochen. Du konntest ihn beinahe greifen und zerstückeln. Ihre Ansichten über den Gestank gingen dabei auseinander. Es war ein elementarer Geruch, rauh und streng, stark ranzig und Gott weiß was. Einige sogen ihn ein wie etwas Bo- rauschendes, andere hielten das Taschentuch vor die Gesichter. Noch grübelten die neuen Emigranten über den Gestank, in Verwunderung verloren, als der Wagen plötzlich anhielt und die Tür aufgerissen ward. Eine Stimme schrie: Stockyards (Viehhöfe.) Nun standen sie auf der Straße und blickten verstört um sich. In einer Seitenstraße sahen sie eine Reihe von Backstcinhäusern, zwischen ihnen ein halbes Dutzend Schornsteine, so groß wie das größte der Gebäude, das bei- nahe den Himmel berührte. Von diesen Schornsteinen stiegen ebenso viele Rauchsäulen auf, dick, ölig und schwarz wie die Nacht. Dieser Rauch konnte vom Mittelpunkt der Erde kommen, wo die Feuer von altcrsher glühen. Er brach heraus wie eine fortwährende Erplosion und trieb alles vor sich her. Er war schier- unerschöpflich. Man wartete darauf, daß er aufhören sollte, aber immer neue große Ströme rollten hervor. Diese verbreiteten sich in mächtigen Wolken, wanden, verdrehten sich, verbanden sich dann zu einem Riesenstrom und strömten über dem Himmel zusammen zu einer schwarzen Wand, so weit das Auge reichte. Dann gewahrte die Gesellschaft ein anderes seltsames Ding: es war, gerade wie der Geruch, gewaltig. Es war ein Ton— ein Ton ans taufenden von kleinen Tönen ent- standen. Du beachtetest ihn zuerst kaum, er kam in dein Bc- wußtsein wie eine vage Störung, eine llnannchmlichkeit. Er war wie das Summen der Bienen im Frühjahr, das Rauschen des Waldes: er ließ endlose Tätigkeit vermuten, das Ge- rumpcl einer Welt in Bewegung. Nur mit Anstrengung konnte man erkennen, daß es von Tieren ausging, daß es das entfernte Brüllen war von zehntausend Rindern, das ent- fernte Grunzen von zehntausend Schweinen. Gern hätten die Eingewanderten den Ton verfolgt, aber die Zeit fehlke ihnen für solche Abenteuer. Der Polizist an der Ecke begann auf» merksam auf sie zu werden, und wie gewohnt, eilten sie über die Straße. Kaum aber waren sie einige Häuser weit ge- gangen, als Jonas einen Schrei ausstieß und aufgeregt über die Straße zeigte. Ehe sie sich eine Meinung über die atemlosen Rufe bilden konnten, sprang er fort und verschwand in einem Laden, auf dessen Schild zu lesen war:„I. SzedvilaS — Delikatessen". Als er wieder herauskam, war er in Gesellschaft eines sehr starken Herrn in Hemdsärmeln und Schürze, der Jonas hei den Händen hielt und aufgeregt lachte. Dann erinnerte sich Teta Elzbieta plötzlich, daß SzedvilaS der Name des mythischen Freundes war, der sein Glück in Amerika gemacht, Jetzt zu entdecken, daß er sein Glück mit einem Delikatessengeschäft gemacht hatte, war ein außerordentlich glückliches Zusammentreffen. Sie hatten noch nicht gefrühstückt, und die Kinder weinten vor Hunger. Das war das glückliche Ende einer elenden, jammer- vollen Reise. Die beiden Familien fielen sich natürlich in die Arme, denn es waren Jahre vergangen, seitdem Jokubas SzedvilaS einem Mann seiner heimatlichen Bekanntschaft be- gegnet war. Bevor der Tag halb vorüber war, hatten sie fürs Leben Freundschaft geschlossen. JokubaS. kannte alle Abgründe der neuen Welt, konnte alle Geheimnisse erklären. Er konnte ihnen sagen, was sie in allen ihren Fährlichkeiten hätten tun sollen, und was besser war, er konnte ihnen sagen, ivas jetzt zu tun war. Er brachte sie zu Poni Aniele, welcher eine Pension auf der anderen Seite der Höfe hielt. Er er- klärte, die alte Frau Juknicne hätte nicht gerade ausgesuchte Bequeinlichkcitcn zu bieten, aber es mußte für den Augenblick genügen. Teta Elzbieta beeilte sich darauf zu bemerken, daß im Augenblick nichts zu billig sein könnte, um ihnen recht zu sein. Sie waren noch entsetzt über die S.ummen, welche sie ausgeben sollten. Die wenigen Tagb praktischer.Erfahrung in dem Lande der hohen Löhne hatten genügt, ihnen die grausame Tatsache klar zu machen, daß es mich das Land der hohen Preise, daß in ihm der arme Mann fast ebenso arm war wie in jedem anderen Winkel der Erde. So waren in einer Nacht alle die wundervollen Träume von Wohlstand, welchen Jurgis nachgehangen, verschwunden. Was die Entdeckung noch peinvoller machte, war der klm» stand, daß sie in Amerika das Geld nach amerikanischen Be- griffen verschwenden mußten, das sie nach heimatlichen Lohnpreisen gewonnen. So waren sie wirklich von der Welt be- trogen.«Die beiden letzten Tage hatten sie beinahe gehungert: es' machte sie krank, die Preise zu bezahlen, welche die Eisen- bahnwirte für die Nahrung forderten. Und dach, als sie daS Heim der Witwe Juknicne erblickten, schraken selbst sie zurück. So etwas Scheußliches hatten sie auf der ganzen Reise nicht gesehen. Poni Aniele besaß eine Etage von vier Zimmern in einem der zweistöckigen Holzhäuser, in der Wildnis„Hinter den Schlachthöfen". In jedem Hause waren vier Wohnungen, und in jeder Wohnung war eine Pension zur Benutzung der Fremden, der Litauer, Polen, Slowaken oder Böhmen. Einige der Wohnplätze waren von Unverheirateten gemietet. Im Durchschnitt wurden auf jedes Zimmer ein halbes Dutzend Meter gerechnet, zuweilen aber teilten sich dreizehn oder vierzehn in ein Zimmer, fünfzig bis sechzig in eine Wohnung. Jeder von den Einwohnern sorgte für seine eigenen Bequem- lichkeiten, d. h. eine Matratze und einige Bettstücke. Die Matratzen wurden in einer Reihe ausgebreitet, außerdem war nichts im Zimmer als ein Ofen. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß zwei Männer eine Matratze benutzten, wenn der eine in der Nacht arbeitete und bei Tage schlief und der andere umgekehrt. Sehr häufig vermietete der Pensions� Halter dieselben Betten doppelt, Mrs. Fukmene war em verkro'cknetes Weibchen mit einem verschrumpelten Gesicht. Ihr Heim war unglaublich unsauber. Durch die Vordertür konntest du wegen der Matratzen über- Haupt nicht eintreten, und wenn du versuchtest über die Hinter- treppe zu kommen, sandest du den größten Teil des Flurs mit alten Kisten verbarrikadiert, um für ihre Hühnerzucht einen Platz zu schaffen, llm die Wahrheit zu sagen— sie hatte es vollständig aufgegeben, irgend etwas rein zu machen, seitdem elf ihrer Mieter, als ein Aufall von Rheumatismus sie über acht Tage ans Zimmer gefesselt, ohne Miete m Zahlen ausgerückt waren, um ihr Glück in Kansas City zu versuchen.— Es war jetzt Juli, und die Felder mußten grün sein. Aber in Packingtown sah man keine Felder, und über- Haupt nichts Grünes z doch konnte mau auf das Feld hinaus- gehen und das grüne Land sehen, ja ländliche Ruhe genießen, wenn man mit dem Frachtwagcn hinausfuhr. So war das Heim beschaffen, das die neuen Aukämm- linge begrüßte. Es war nichts Besseres zu haben, sie konnten es sich ersparen, weiter zu suchen, denn Mrs. Jukniene hatte wenigstens ein besonderes Zimmer für sich und ihre drei Kinder, und machte jetzt den großmütigen Vorschlag, es mit den Frauen und Mädchen der Gesellschaft zu teilen. Betten konnte sie aus zweiter Hand in der Nähe bekommen, aber sie würden kaum welche gebrauchen, so lange es so heiß war. erklärte sie. In solchen Nächten wie diese konnten sie alle im Seitengange schlafen; die meisten der Gäste taten das. „Morgen," sagte Jurgis, als sie allein waren,„morgen Werde ich Arbeit bekommen, und Jonas vielleicht auch. Dann können wir uns einen eigenen Platz suchen." Später, ain Nachmittag, gingen er und Ona aus, um einen Spaziergang zu machen und sich die Gegend anzusehen, welche ihre Heimat sein sollte. Im Rücken der Höfe standen die Holzhäuser zerstreuter und eS gab da größere leere Plätze, die wahrscheinlich nur übersehen waren bei dcni Bau der Stadt, die sich über die Fläche der Prairien ausbreitet. Diese leeren Plätze waren mit schmutzigem, gelbein Gras bewachsen und bildeten den Stapelplatz für unzählige Tomatenbüchsen. Eine Unmasse Kinder spielten dort, jagten einander, schrien und balgten sich. Das bemerkenswerteste in der Gegend war wohl die llnzahl Kinder. Du konntest denken, daß sie gerade aus einer Schule gekommen wären, und erst bei näherer Bekanntschaft wird es dir klar, daß da keine Schule ist, sondern daß alle Kinder in die Nachbar- schaft gehörten, daß in Packingtown überhaupt überall so viel Kinder sind— nirgend in den Straßen konnte ein Pferd oder ein Wagen schneller als im Schritt vorwärts kommen. Man koirute auch ohnehin, dank dem Zustande der Straßen, nicht eilig fahren, Tie Straßen, durch ivelche Jurgis rfnd Ona kamen, glichen mehr einer topographischen Miniatur- landkarte als Straßen. Ter Fahrweg war gewöhnlich einige Fuß tiefer als das Fundament der Häuser, die zuweilen von hoben Fußwegen'begrenzt waren. Pflaster gabs nicht, aber Berge und Täler, Flüsse. Bäche und Höhlen und Tümpel mit stinkendem grünem Wasser. Darin spielten die Kinder und rollten ml Staub der Straße umher. Hier und da gruben sie im Schmutze, auf der Suche nach Trophäen, über die sie gestolpert waren. Man wunderte sich darüber, mehr aber noch über die Schwärme von Fliegen, die tatsächlich die Luft verdunkelten, und dm seltsamen giftigen Geruch, der unsere Rajen belei- digte. einem unheimlichen Geruch von allen faulenden Tingen der Welt. Fingen etwa die Besucher, woher dieser Geruch stamme, dann erklärten die Bewohner ruhig, daß dieses Land der Auchewahrungsort sei für alle Abfälle der Stadt. Nach kurzer Fahrstrecke sei der häßliche Anblick verschwunden, wurde versichert, jetzt aber— bei heißem Wetter, und vorzüglich, wenn es regnete, seien die Fliegen unausstehlich.„Ist es nicht ungesund'?" fragte dann wohl der Fremde, und der Ein- wohner antwortete:„Vielleicht, aber wer kann dagegen etwas tun?"— Auf ihrem weiteren Wege kamen Jurgis und Ona zn ihrem Erstannen au den Ort, wo das Kehrichtland für seinen Zweck zurecht gemacht ward. Es wurde eine große Grube ge- graben, vielleicht so groß wie zwei Häusergevierte. Dahinein krocheil lange Rahen von Kehrichtwagcn. Es stau auf dem Platze unsagbar, und doch war er mit Kindern angefüllt, welche vom Morgen bis Abend darin herumstöberten. Einige Besucher der Schlachthäuser kamen zuweilen, um sich den Tümpel anzusehen, standen und beratschlagten, ob die Kinder ihre Nahrung erhielten oder sie sich lediglich suchten, aber niemand versuchte je, sich genau darüber zn informieren. Hinter diesem Tümpel stand ein Ziegelhos mit rauchen- den Schornsteinen. Erst nahmen sie die Erde, um Ziegel daraus zu machen, dann füllten sie die Löcher mit Unrat, ein Verfahren. daS Jurgis und Ona sehr vorteilhaft fanden und sehr charalteristisch für ein so unternehmendes Land wie Amerika. Weiter hinten war eine andere große Grube, die geleert aber noch nicht wieder gefüllt war. Sie enthielt Wasser, das den ganzen Sommer dort stand, dicht neben der Kehrichteinrichtung. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verböte».) Uut cler gnccbifcben Silenbadn. In den letzten Tagen brachte der Telegraph ans Athen die Kunde, daß sämtliche Angestellte der PiräuS- und Peloponnesbahn in den Ausstand getreten seien, und der Betrieb auf diesen Linien gänzlich ruhe. Das klingt recht modern, recht zeitgemäß. Nur muß man die Verhältnisse im südlichsten Teile der Balkanhalbinsel nicht mit demselben Maßstabe messen, den wir bei uns anzulegen ge- wohnt sind. Auch zwischen Eisenbahn und Eisenbahn besteht ein Unterschied. Und alle Einrichtungen auf diesem Gebiete im Lande der Hellenen erinnern stark an die berüchtigte Romantik von Wild- West. �ie vom Ausstand betroffenen Bahnlinien weisen eine Gesamt- länge von 670 Kilometer auf. Ihre bedeutendsten Einzelstrccken sind■ Piräus— Athen— Korinth—Patras—Kavassila—Pyrgos(330 Kilometer), Kavassila— Kyllene(16,5), Korinth— Argos— Bilali— Kalameta <237 Kilometer), Argos— Nauplia(11 Kilometer), Bilali— Megalo- Polls<5 Kilometer), PhrgoS— Olympia(20,5 Kilometer), Pyrgos— Katakolon(13 Kilometer), Linzi— Bartholomion(10 Kilometer), Asprokoma— Nisi<4 Kilometer) und die Zahnradbahn Siakophton— Kalavryta<23 Kilometer). Alle diese Bahnstrecleg, arbeiteten»och vor kurzem mit erheblichem Defizit und werfen auch heute noch kanni iicnnenswerte Ueberschüsse ab.-- Es war im Sommer dieses Jahres. Das Dampfschiff hatte mich von Korfu nach Patras gebracht, wo ich zum erstenmal den Boden des griechischen Festlandes betrat. Meine Erwartungen waren gespannt— trotz der vielen warnenden Erzählungen, die ich unter- Wegs von berufener und»nberufener Seite hatte anhören müssen. In meinem Kopf spulte noch von der Schulbank her das Märchen von einem Ivunderbaren Zauberlande, überspannt von einem ewig blauen Himmel und überleuchtet von der lachenden Sonne Homers. Und nun lag Patras vor mir. Um den Hafen baute sich die Stadt auf. Amphilheatralisch schoben sich ihre Straßen und Gassen zu mäßigen Höhen hinauf. Kleine, nicht gerade ärmlich ausschauende Häuschen säumten die breite Hafcnstraße, über die ein doppelter Schienenstrang lief. Ein längerer Aufenthalt in Patras lag nicht in meinem Reiseplan. Zur Besichtigmig der Stadt genügten die drei Stunden, die mir bis zum Abgang des Zuges, der mich nach Athen bringen sollte, übrig blieben. Bis PatraS hatte ich mich mit einem Billett verschen. Nun hieß es.� ein ueues zu lösen, was bei meinen ungenügenden Sprach- kenntnissen mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden war. Vor allen Dingen mußte aber erst der Bahnhof, und in diesem die Billettansgabe ausfindig gemacht werden. Ich fragte und man antwortete mir. Man verstand mich nicht und ich verstand niemand. Man ivieS mich von Pontius zu Pilatus. Endlich stand ich vor einer geräumigen, schmutzigen Bretterbude, die ehemals braini angestrichen gewesen sein mochte) Ich mußte an die sibirischen Koloiiistenhäuser denken, Ivie ich sie aus den Schilderung«! russischer Verbannter kannte. Und durch die Tür dieses Holzhauses flutete ein dichter Menschenstrom, lachend, lärmend, und auch mich mit sich fortreißend. Nu» lag die Tür hinter mir. Ich befand mich in einein hohen, kalten, schnppenartigen Raum. Gelbe Fahrpläne. mit griechischen Lettern bedruckt, klebten an den Wänden. Kein Tisch, keine Bank in dem ganzen Raum. Nur in der einen, halbdunklen Ecke eine Art Schilderhaus. Dorthin drängte die Menge. Das mußte also der Billettschaltcr sein. Ich hatte mich nicht getäuscht. Ein schwarzbärtiger Mann be- sorgte den Schalterdienst. Er saß auf einem Holzschemel, hatte Weste und Jacke aufgeknöpft, daß die braune, behaarte Brust aus dem kiiopfloscn Hemde herausschaute. Auf den Knien hielt er einen mäßig großen, in Fächer geteilten Holzkasten. Darin lagen die Billett-?. Ein an einer Ecke befindliches Fach aber diente zugleich als Geldkasten. An diesen» Mann zogen wir vorüber.' Jeder nannte sein Reise- ziel und die Wagcnklasse, in der er zu fahren beabsichtigte, � der Billettverkänfcr nannte den Preis und kramte, nach Entrichtung des Fahrgeldes, das Billett aus einem der Fächer. Das große Kupfer- geld klapperte und die schmierigen, bis zur Unkenntlichkeit ab- genutzten Drachmcnscheine gingen hin und her. Das Billett hatte ich nun glücklich. Jetzt aber galt es. den Bahnsteig zu finden, auf dem mein Zug einfahren sollte. Ich rannte hin und her: nirgends auch nur die Spur von einer Bahnhofshallcl Weder eine Treppe, die in die Höhe, noch eine, die in die Tiefe führte. Sollten die Lenke recht haben, die alle wieder aus derselben Tür hinausströmten, durch die ich in das Bahnhofsgebäude hinein- gekommen war? Ich folgte der Menge. Bald war ich wieder auf der freien Straße, zwischen Bahnhofsgebäude und Hafenplatz. Es war jene Straße mit der doppelten Gleisanlage. Hart am Gleis hatten sich die Menschen aufgestellt. So standen sie mit ihren Körben und Kisten, mit ihren blutigen Hammelvierteln, mit ihren Geflügelbehältern und ihren großen irdenen Tonkrügen. In weißen, weit vom Körper abstehenden gefältelten Röcken standen sie da, in blauen, bauschigen Pluderhosen, und in Anzügen, die die Kunstfertigkeit eines ehrbaren, zentraleuropäischen Schneidermeisters verrieten. Wo aber so viele Menschen standen, die ihre Billetts in der Hand kielten, da mußte— so kalkulierte ich— unbedingt der Bahnsteig fein. Richtig. Es währte gar nicht lange, da ratterte und knatterte etwas vom Zollamte her. Eine Lokomotive, und hinter ihr eine ganze Reihe von Eisenbahnwagen wurde sichtbar. Auf offener Straße, ohne Abzäunung, ohne jegliche Schutzvorrichtung fuhr das einher. Meckernd sprangen rechts und links ein paar Ziegen zur Seite und die Marktweiber machten etwas größere Schritte als ge- wöhnlich. Dicht vor unseren Nasen, auf offener Straße, hielt der Zug. Ein Schaffner postierte sich mit einer mächtigen Holztafel, auf der „Patras" geschrieben stand, in die Nähe der Lokomotive und mar- kierte so die Station. Wie bei uns zu Lande die Elektrische auf offener Straße hält, so hier die Eisenbahn. Und das alles in der zweitgrößten Stadt Griechenlands, einer Stadt, die nahezu SO 000 Einwohner zählt! Eine vierte Wagcnklasse kennt die griechische Eisenbahn nicht. Wer Sack und Pack trägt, schiebt sich deshalb in ein Abteil dritter Klasse. Auch meine Fahrkarte wies mich dorthin. Ich stieg ein. Ein furchtbarer Duft wehte mir entgegen. Schweißgeruch, von Mastixschnaps und Knoblauch geschwängerte Luft. Ein dicker Dunst schwelte durch den mit Menschen vollgepfropften Raum. Wohl waren die Fenster auf beiden Seiten geöffnet. Allein das Aroma der Wagenklasse ließ sich nicht bannen. Es klebte an den schmutzstarrcndcn Wänden, es hatte den mit Speichel und Sand übertünchten Fußboden durchtränkt und es atmete aus Haar und Kleidung der Wageninsasscn. Der Duft einer Zigarette war Er- guickung in dieser Atmosphäre. Allein in der langen Dauer der Eiscnbahufahrt— 25 Kilometer in der Stunde ist schon eine schöne Leistung für die Geschwindigkeit einer griechischen Eisenbahn— akklimatisierte man sich. Bald war man gewöhnt an Knoblauchs- duft, an Hammelfett, an Schmutz und Mastixschnapsgeruch. Primitiv sind diese Eisenbahnwagen! Ganze Fensterscheiben gehören zu den Seltenheiten. Fugen und Risse klaffen in den Wänden. Durch Löcher und ausgebrochene Stellen im Fußboden kann man die Beschaffenheit der Erde studieren, über die der Wagen rollt. Aborte weisen nur die Luxuszüge auf. Und wie das Wagcnmaterial, so sind die sämtlichen Eisenbahneinrichtuugen längs des ganzen Schienenweges zwischen Patras und Athen. Besaß schon die große Hafen- und Handelsstadt Patras nichts von dem, was man nach unseren Begriffen mit einem Bahnhofs- gebäude oder einer Bahnhofshalle bezeichnen könnte, so nahm das Fehlen derselben auf den kleineren Stationen der Strecke(mit zwei oder drei Ausnahmen) gewiß kein Wunder. Meist waren nur primitive Holzbudcn an der Haltestelle aufgebaut. Aus diesen Buden kam der Stationsbcamte und der Postbote. Postbote ist nun zlvar etwas viel gesagt; denn den Dienst eines Postbeamten ver- sahen fast durchweg in keinerlei Uniform steckende, zerlumpte und wenig Vertrauen erweckend aussehende Jünglinge. Die brachten die Briefe zur Bahn und holten die für den jeweiligen Ort be- stimmten vom Zuge ab. Vor den Augen des gesamlen fahrenden Publikums musterten sie dann jeden Brief, jede Karte, besonders aber jede Ansichtskarte. Und eS soll denn auch nicht zu den Selten- heiten gehören, daß in Griechenland abgesandte, besonders schöne Ansichtskarten ihren Adressaten nicht finden. Die griechischen Bahnhofsanlagcn spotten, wenigstens soweit die kleineren in Betracht kommen, eigentlich jeder Beschreibung. Der einzige Komfort, den sie aufweisen, ist der Stiefelputzer mit seinem Wichskasten, seinen Schmieren, Bürsten, Lappen und Creme- fläschchen. In irgend einer Ecke des Warteraumes hat er sich etabliert und liegt mit peinlichster Sauberkeit, die man sonst im Lande der Hellenen fast ständig vermißt, für fünf Lepka seinem Geschäft ob. Aber das ist auch alles! Kein Tisch, kein Stuhl, kaum eine Holzbank. Alles, was die Behaglichkeit des Jnncnraumes anbetrifft, scheint in diesem Sonnenlandc absichtlich außer acht gelassen zu sein. Ein paar Bahnbeamte sind in unser Coupe gekommen. Ihre schmutzigen, zerlumpten Uniformen lassen weder Farbe noch Schnitt mehr erkennen. Schwarz und verwildert wuchert ihnen der Bart um Kinn und Backen. Ihre dunklen Augen haben etwas Stechendes. Hunger und Sorge haben tiefe Falten um ihre Mundwinkel ge- graben. Aus den Taschen ihrer fettigen Litewka ziehen sie faust- große Stücken von gelblichem Weißbrot, das aus Maismehl ge- backen ist. Der eine spaltet einen Kopf Knoblauch in drei Teile. Für jeden der Kameraden ein Stück. Einer von den dreien hat noch einen Schluck Mastix in der grünen Flasche. Der macht die Runde und spült die letzten Bissen der frugalen Mahlzeit hinunter, Dann rollen sie sich ihre Zigarette. Aus krümligem, in einem un, appetitlichen Papierfetzcn aufbewahrtem Tabak. Und all diese Aermlichkeit und all dieser Schmutz inmitten einer lachenden Landschaft. Hart am Ufer des Golfes von Korinth geht der Schienenweg. Leuchtend und still liegt das Meer. Ein paar Segler schaukeln auf ihm. Ein blauer Duft umhüllt die Berge Böotiens. Wie ein Riese reckt der Parnaß sein schnee- bedecktes Haupt aus der Reihe der Felszacken. Die Hügel AchajaS stehen grün und goldig übersonnt. Kaktecnheckcn hegen die Wein- gärten ein. Die Stachelpalmen blühen in großen, weißen Riesen- traubcn. Blütcnschimmer leuchtet von den Zweigen des Myrten- gebüsches. Wilder Oleander wuchert am Strande. Spärlich sind die Menschen gesät: die Weinbauern, die Fischer, die Ziegenhirten Hier und da ein Dorf. Hütten aus graubraunen, an der Sonne gebrannten Lehmziegeln. Armselig und verfallen jedes Bild. Und wie die Dörfer, so die Städte: Korinth, Mogara, Eleusis. Bis nach Athen immer das gleiche: dieselbe Armseligkeit und Erbärmlichkeit auf jeder Station. In schmutzigen Lumpen gehüllte Bahnangestellte öffnen und schließen die Türen der Wagenabteile. In dichten Wolken wirbelt der Staub durch die geöffneten Fenster und setzt sich fest an Decke und Boden, an Sitz und Wänden der Coupes. Die aber, die jahraus, jahrein für Hungerlöhne den Betrieb der griechischen Bahnen einigermaßen lebensfähig erhalten, die in schmutzstarrendcn Lumpen ihren Dienst versehen, die Leben und Gesundheit im aufreibenden Tagewerk stündlich aufs Spiel setzen, wollen ihr menschenunwürdiges Joch fortan etwas weniger drückend gestalten: sie sind in den Ausstand getreten. Die Bahn hat ihren Betrieb einstellen müssen. Mögen die mutigen Streiter siegreich aus ihrem Kampfe hervorgehen!— L. Lessen. kleines Feuilleton. w. Die Saterländer. Das Saterland erstreckt sich zu beiden Seiten der Saier Ems an der westlichen Grenze des Herzogtums Oldenburg. Die gesamte Fläche beträgt gegen 15 Ovo Hektar. Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts ivar das von allen Seiten mit unwirtbaren Moorflächen umgebene Ländchen fast von aller Ver- bindung mit den Nachbarländern abgeschlossen. Die einzige Verkehrs- straße bildete, wie Broering in seinem Buche„Das Saterland" schreibt, die Sater Ems; ein sonstiger Verkehr war nur im harten Winter möglich, wenn das Moor fest gefroren war. Jetzt führen gut befahrbare Wege quer durch die Hochmoore und verbinden die Dörfer des Saterlandes mit der Umgebung. Auf die Bewohner paßt noch heute die Charakteristik, welche vor mehr als vierzig Jahren im„Friesischen Archiv" von ihnen entworfen wurde. Was gesunden Menschenverstand anbetrifft, so sind sie trotz der Ab- geschlossenheit, in der sie Jahrhunderte hindurch gelebt haben, ihren Nachbarn weit überlegen. Man trifft bei ihnen eine Schärfe des Verstandes und ein gesundes Urteil, wie man eS nicht von Leuten erwarten sollte, die unter solchen Verhältnissen aufgewachsen sind. Die Saterländerinnen haben zum Teil noch jenen ältgermanischen Typus bewahrt, den ihre Vorfahren zu Tacitus' Zeiten hatten, mit edleren Gesichtszügen und frischeren Farben als ihre Nachbarn, die alle zum sächsischen Stamme gehören. Das Haar ist bei vielen hellblond oder vielmehr hellgelb, die Augen hellblau. Unter denjenigen Saterländerinnen, in deren Adern unverfälschtes friesisches Blut strömt, findet man wahrhaft herkulische Gestalten, die man für Nachkommen der alten nordischen Recken halten könnte. Von drei Schwestern in Ramsloh, die sich diesen alten Typus be« wahrt hatten und alle drei über sechs Fuß maßen, lebt noch eine. Nicht so unverfälscht hat sich das männliche Geschlecht erhalten. Es zeigt fast durchgehend dunklere Farben als das weibliche, aber loenn die Männer auch in dieser Beziehung ihren Nachbarn gleichen, so haben sie doch vor ihnen eine kräftigere, gedrungenere Gestalt, muskulösere Glieder und ein Auge voraus, das eine höhere Intelligenz erkennen läßt. Wenn die Frauen durch ihr Aenßeres ihre friesische Abkunft beweisen, heißt es im„Friesischen Archiv", so zeigen die Männer sie durch ihre Liebe zur Freiheit, durch ihren unbegrenzten Haß gegen alles, was wie Bedrückung aus- sieht, und durch die Zähigkeit, mit der sie an ihren alten Bor- rechten hängen. Broering hebt noch eine Eigentümlichkeit der Saterländer hervor, nämlich ihre Sucht, anderen Leuten etwas weiszumachen(wisrnalqo). Namentlich fallen dieser Sucht die Fremden zum Opfer, da die Einheimischen sich gegenseitig durch- schauen und deshalb nicht so leichtgläubig sind. Dieser Neigung der Bewohner des Ländchens zum Aufschneiden ist es wohl besonders zuzuschreiben, daß die lächerlichsten Dinge über sie berichtet und geglaubt werden, so z. V., daß sie sich beini Essen um einen großen. in der Mitte mit einer tiefen Höhlung versehenen Tisch setzten und aus dieser Schüssel mit hölzernen Löffeln ihren Brei essen, daß man beim Kaffcetrinken über dem Tische einen Faden mit einem daran befind- lichen Zuckerklumpen anbringe, der dann aus einem Munde zum anderen wandere usw.-- ic. Landwirtschaft im Meere. Die Bewohner einiger Küsten- striche der japanischen Inseln betreiben in der Strandzone des Meeres eine Industrie, die man am ehesten als eine Art von Landlvlrffchaft bezeichnen lüuiiie, obgleich sie sich unter Wasser abspielt. Die Leute nutzen dort die Meerespflanzen, insbesondere den Seetang, nicht nur in hervorragender Weise aus, sondern sie bauen Meerespflanzen geradezu an. Die größte Rolle unter diesen spielt ein Meerlattich, und zwar nicht die grüne, sondern die rote, aber auch recht häufige Art, die den Gattungsnamen Porphyra trägt. Die Japaner wiflen ganz hervorragende Ernten von einein der Bewirtschaftung nnt Pflanzenlultur sonst ganz unzugänglichen Boden zu gewinnen, indem sie auf dem Raum eines Hektars den stattlichen Erlös von rund 1200 M. erzielen. Das Verfahren des Anbaues ist sehr einfach; es besteht nur darin, die Pflanzen in regelmäßigen Linien einzusetzen und zu bestimmten Zeiten den Samen von ihnen zu entnehmen, der dann im nächsten Jahre zur Aussaat verwandt wird. Der Meerlattich ist eine einjährige Pflanze, die in den frühen Monaten des Jahre» geerntet wird, da er gerade während des Winters das stärkste Wachstum erreicht. In manchen Gegenden der japanischen Küsten bildet dieses Meeresgewächs geradezu ein VolkSnahrungsnnttel und wird jetzt auch bereits nach den Bereinigten Staaten ausgeführt, wo in Anbetracht der zahl- reichen dort lebenden Asiaten eine ziemliche Nachfrage danach herrscht. Vielleicht nimmt man sich in Amerika selbst ein Beispiel daran, denn die ganze Küstenlinie der Vereinigten Staaten erzeugt die gleiche Pflanze in ungeheuren Mengen. Freilich müßte erst der Geschmack der Amerikaner dem japanischen etwas mehr angenähert werden; es ist nicht jedennanns Sache, ein seetaugähnliches Gemüse mit einiger Eßlust zu sich zu nehmen. Was aber aus kulinarischen Gründen unmöglich erscheint, geschieht allen- falls aus hygienischen, wozu in diesem Falle der Jodgehalt der Meerespflanzen Anlaß geben könnte. Japan hat übrigens auch in der Lieferung von Jod schon eine beträchtliche Stufe auf dein Welt- markt erreicht.— Literarisches. a lc. Wilhelm Büring:„ V o m Wege Stein und Staub".(Dortmund, Loki-Verlag 1900). Verstalent allein macht keinen Dichter aus. Zuweilen sind cS viel größere Poeten, die nie '.inen Reim geschrieben haben. Weshalb wohl? Weil dahinter eine Individualität steht. In ihr steckt meistens poetische Konzentration; und die fühlt man durch jede Tat hindurch, die solch ein Mensch vollbringt, in jeden: Worte, das er äußert. Für den Künstler gilt also: Sei Persönlichkeit, das heißt: stelle in dir das Weltganze dar, habe deine eigene Anschauung von allen Dingen, übermittele nicht die Gedanken und Empfindungen anderer, denke, empfinde selbst! Dann wirst du aber auch deine eigene Sprache reden! Das sind die Voraussetzungen, die wir vor jeden Schaffenden stellen. Wilhelm Büring läßt hiervon etwas verspüren. Eine starke bezwingende Per- sönlichkeit offenbaren, seine Gedichte zwar nicht; aber eine Natur, die sich durchgerungen und die für ihre Lebensphilosophie die dieser adäquate AuSdrucksformel gefunden hat. Büring erscheint als Wegwanderer, der Welt und Menschen auf sich wirken ließ; auch muß er manche Bitternis, manche schweren Kämpfe durchgekostet haben. Er ist aber weder ain Leben, noch an sich verzweifelt. Alles waS ihit drückt und drängt, hat er zu erklären versucht und mit sich selber auSgefochten. „Jede Schale bricht einmal, Drin der Kern geborgen... lieber wolkenschwerem Tal— Glänzt die Sonne morgen." Das tiefste Geheimnis jeglicher Wahrheit ist: daß man sie in sich selber trägt, daß man sie zur Klarheit und somit zur Richtschnur für jedwede Handlung erhebe. Man sei alles selbst: Dann ist man Mensch und Held I Hat man den Mittelpunkt in sich gefunden, so findet man ihn auch zur Natur. Ein gewisser pantheistischer Zug weht durch alle Gedichte Bürings, dazu Schönhcitsfreude, Fluß und Klarheit der Gedanken, Wärme des Gefühls in sprachlicher Rundung. Einzelne aus der Alltagssprache herübergenommene Wendungen sind, obwohl lapidar, wie:„Wenn alle Stränge reißen", doch als banal im Gedichte zu be- Mängeln. Als beste Empfehlung möge Bürings Sammlung der im Ton echte Zweistropher dienen: „Im Volkston." � „Ich Hab' ein Kränzleiu wunde» Und weiß doch nicht fiir Iven; Ach, daß mein Knabe käme, Den ich im Traum geseh'n. Die Buben zieh'» vorüber Und spotten meiner Not— Ich und mein blauschöir' Kränzlein Blühen uns bald zu Tod."— Musik. Das„ L o r tz i n g- T h e a t e r" ist weiterhin mit Eifer bemüht, volkstümlichen Interessen durch Erlveiterung und Verbesserung seines Repertoires zu dienen. Ein Beispiel davon sollte wiederum vorgestern(Donnerstag) eine � Neueinstudierung des„Barbiers von Sevilla" von Rossini sein. Allerdings kann inan etwas bedenklich werden, ob denn eine.Volksoper" darüt besteht, daßüberliefcrte Poffenreißereien noch überboten werden und dem Publikum Gelegen- heit gegeben wird, die dümmste Bühnenbemerkung wörtlich zu wiederholen. Gerade der„Barbier" verleitet dazu. Vor einigen Monaten hörten wir ihn von den italienischen Kindern in einer Weise, über die viel Kopffchüttelu sein mußte, die aber vor allem die zwei großen Verdienste hatte: daS Possen tum zu vermeiden und schau- spielerisch gute Leistungen zu geben. Gegen diese waren die vorgestrigen auffallend trocken; man möchte die Darsteller allzusammen erst noch in einer Mimikschule wiffen. Gesungen lvurde im ganzen beträchtlich bester, Direktor Max Garrison gab selber den Figaro, mit dem Bestreben, diese Rolle auS der traditionellen Stilisierung in derArt eines Papageno herauszuheben und mehr einen natürlichen Menschen zu geben, als gelte cS ein modernes Konversationsstück. Man kann diese Absicht lebhaft billigen und außerdem die Gesangskunst des Genannten ancrkcitnen, trotzdem aber wünschen, daß etwas mehr Beweglichkeit und Humor entfaltet würde. Gilt die? auch von denen, die groß im Spaß waren, wie z. B. Theodor Hieber als Basilio und Hermann V r a g als Bartolo, so konnte man sich doch an der Gesangskunst des' letzteren einigermaßen er- freuen, was von der des ersteren etwas weniger gilt. Als Graf Almaviva entfaltete Curt Schade eine nicht unsympathische, aber noch wenig zureichende Tenorstimme. Der Sopran von Johanna Martin, welche die Rosine sang, ist in der Höhe leidlich, in den tieferen Lagen doch unzulänglich. In der kleinen Rolle der Marzclline machte Else A l b r e ch t den Eindruck, daß sie zu Größerem berufen sei.— Orchester und besonders Chor waren im ganzen wieder erfreulich, erfreulicher jedenfalls als die schwierigen Ensembles, die manchmal sehr zu wünschen übrig ließen. Dem alten Zwiespalt zwischen dem Bedarf eines Textbuches während der Aufführung einerseits und der schwerveinneidlichen Vcr- dunkelung des Zuschauerraumes andererseits ist jetzt im Lortzing- Theater einigermaßen abgeholfen und zwar durch einen so verblüffend einfachen Kunstgriff, daß man sich über die Verspätung dieses Fortschrittes baß verwundern kann. Vor den Sitzen(soweit wir sehen konnten) ist an der Rücklehne des VorderfitzeS ein elektrisches Lämpchen angebracht und so überdacht, daß es sein Licht nur auf eine fürs Leien genügende Stelle wirst; ein Taster entzündet das Lämpchen. Verbcssernngsfähig ist diese Einrichtung allerdings sehr; jedenfalls aber kann man sie mit lebhafter Freude begrüßen. Schließlich möchten wir noch zu erwägen geben, ob die Volks- tümlichen Absichten dieses Theaters nicht auch durch die Ausgabe ähnlicher Erläuterungen erfüllt werden könnten, wie sie bei der „Freien Volksbühne" seit längerem üblich sind.— sz. Humoristisches. — Drohung.„Lieber Mann, die Tour über diese Gletscher machst Du besser nicht mit— die ist zu gefährlich!" „Frau Pichlmayer, lassen Sie Ihren Mann nur ruhig nüt— er hat schon schwierigere Partien mit uns gemacht!" „Nun, mein Herr, ich vertraue Ihnen meinen Mann an— aber das sage ich Ihnen: Wenn ihm etwas passieren sollte— dann heiraten Sie mich!"— — Ein Eifriger.„Ist es denn wahr, daß Euer Vorstand da? ganze Jahr keinen Strich arbeitet und Euch alles überläßt?" „Das ganze Jahr— ist doch zu viel behauptet; ein mal im Jahr plagt er sich tüchtig." „So, bei welcher Gelegenheit?" „Wenn er sein Gesuch um seinen alljährlichen E r h o l u n g s- Urlaub schreibt!"(„Fliegende Blätter.") Notizen. —„Der fauleHanS", eine einaktige Oper von A. R i t t e r, geht als nächste Novität im Opernbaus'e in Szene.— — Den: Zentralkomitee für das Rettungswesen in Preußen wurde auf der Internationalen Ausstellung in Mailand der Grand prix verliehen.— — Für den Erfinder eines wirksamen Mittels zur Vertilgung der Fliegen hatte eine Pariser Tagcszeittmg— nachdem Profestor Chantemestc auf die Bedeutung der Fliege als Verbreiterin des C h o l e r a k e i m S hingewiesen— eine Prämie von 10 000 Frank ausgeschrieben. 205 Arbeiten gingen ein. Der ungenannte Verfasser der preisgekrönten Arbeit führt aus:„Da eine Fliege durchschnittlich 200 Eier legt, läßt sich durch eine einsache Rechnung zeigen, daß nach sechs Geschlechtserfolgen auS dieser einzigen Fliege hundert Milliarden hervorgegangen sind. Die aus- gewachsenen Fliegen zu vertilgen, ist vergebliche Mühe. Sie lassen sich gründlich nur in verpupptem Zustande vernichten, wo sie in be- deutenden Massen auf Düngerhaufen und in Senkgruben aufgehäuft lagern. Nach vielfachen Versuchen fand ich, daß Rohöl diese Larven augenblicklich tötet. Die tötende Zlraft dieses Rohöls, daS über- dies den Vorzug der Billigkeit hat, ist nicht bloß eine augenblickliche, sondern tvirlt lange»ach und verhindert das Aufkeimen jeder weiteren Brut."— Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorlvärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer �Co„Berliu£iW,