Nnterhaltungsblalt des Horiväris Nr. 197. Donnerstag, den 11. Oktober. 1906 (Nachdruck bciBofeiiO 8] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Alle diese Erläuterungen hörten unsere Freunde mit offenem Munde an. es erschien ihnen unmöglich, daß ein sterblicher Mann so Erstaunliches hätte leisten können. So kam es Jurgis fast vor wie eine Entweihung, daß Jokubas darüber so skeptisch sprach. Es war eine Anlage so mächtig wie das Universum. Die Gesehe und Vorschriften der Arbeit durften so wenig getadelt und bemängelt werden wie die Ordnung der Welt. Alles, was ein gewöhnlicher Mensch tun durfte, bestand darin— so meinte Jurgis—, das Ding so zu nehmen, wie es war. und zu tun, was ihm gesagt ward. Hier einen Plah bekommen zu lwben und teilnehmen zu dürfen an dieser wunderbaren Tätigkeit war ein Segen, so dankeirswert wie Regen und Sonnenschein. Jurgis war froh, daß er den Platz nicht vor seinem Triumphe gesehen hatte,— er fühlte, seine Mächtigkeit würde ihn überwältigt haben. Nun war er zugelassen— er war ein Teil vom Ganzen. Er hatte das Gefühl, daß das ganze un- geheure Etablifsemeut ihn unter Protektion genommen hätte und für sein Fortkommen verantwortlich geworden wäre. So harinlos war er. so unbekannt mit der Natur des Ge- schäfts, daß er sich nicht einmal klar inachte, daß er doch ein Arbeiter bei Browns geworden und das Brown und Durham bei aller Welt als die größten Rivalen bekannt waren. Rivalen durch das Gesetz des Landes und bestimmt, einer de» anderen zu ruinieren, bei Strafe von Gefängnis und Geldbuße. '4. Pünktlich um 7 Uhr stellte sich Jurgis am nächsten Morgen zur Arbeit ein. Er kam nur bis an die Tür, die ihm bezeichnet war und wartete dort zwei Stunden. Der Auf- seher hatte gemeint, er solle einfach eintreten, hatte es aber nicht gesagt und stieß auf dem Wege, einen anderen Mann zu mieten, auf Jurgis. Er fluchte, aber da Jurgis kein Wort verstand, widersprach er nicht, sondern folgte dem Aufseher, der ihm zeigte, wo er seine Straßenkleider lassen konnte und wartete, bis er sich umgezogen hatte. Dann geleitete er ihn zu der Schlachtbank. Die Arbeit, die Jurgis hier zu tun hatte, war sehr einfach; er brauchte nur fünf Minuten, um sie zu lernen. Er wurde mit einem steifen Besen versehen, wie die Straßenkehrer sie brauchen: es war sein Amt, dem Planne, der die rauchenden Eingeweide aus dem Tier nahm, die Reihe herunter zu folgen und die Eingeweide in eine Falle zu fegen.die dann geschlossen wurde, damit niemand hinein- fallen konnte. Als Jurgis hereinkam, trat das erste Vieh gerade in Erscheinung: ohne sich umzusehen oder zu sprechen, begann er zu arbeiten. Es war ein heißer Tag im Juli: der Raum triefte von rauchendem Blut— man watete förmlich darin. Der Gestank war geradezu überwältigend, aber Jurgis be- achtete das nicht, sein ganzes Herz tanzte vor Frerrde, er hatte endlich Arbeit und verdiente Geld! Den ganzen Tag rechnete er vor sich hin. Ihm wurde für eine Stunde die fabelhafte Summe von 17� Cents bezahlt: da es ein arbeitsreicher Tag war und er bis beinahe 7 Uhr abends arbeitete, kam er mit der Nachricht nach Hause, daß er mehr als V/z Dollar an einem einzigen Tage verdient habe. Zu Hause fand er noch mehrere gute Nachrichten vor, und zwar so gute, daß man wahrhaftig eine Feier in Amekes Schlafkammer veranstaltete. Jonas hatte eine Zusammen- kunft mit dem Polizisten gehabt, den Szedvilas ihm vor- gestellt: er war von ihm zu mehreren Herren geführt worden. Das Resnltat bestand darin, daß einer von ihnen versprochen hatte, ihm anfangs der nächsten Woche Arbeit zu geben. Marija Berczynskas, die eifersüchtig auf Jurgis Erfolg war, hatte auf eigene Hand eine Stelle zu bekommen versucht. Marija konnte nichts aufweisen flls ihre braunroten Arme und nur das eine Wort sagen:„Arbeit". Das hatte sie mühsam gelernt. Mit diesem einen Worte war sie nun den ganzen Tag durch Packingtown gewandert, war in jede Tür hineingegangen, wo sie Anzeichen für eine Arbeitsanstellung vermutete: sie wurde aus manchen Türen fluchend wieder hinausgewiesen, aber Marija fürchtete weder Menschen noch den Teufel. Jeden, dem sie begegnete, einerlei ob er ein Durchreisender und Fremder, ob er Arbeiter oder ein vor- nehmer Mann war, der sie anstarrte, als hielt er sie für verrückt, belästigte Marija mit dem einen Wort ihres eng- lischen Wortschatzes. Und endlich wurde sie für ihre Ausdauer belohnt. Sie war in einen Raum einer kleinen Fabrik gestolpert, wo Frauen und Mädchen an langen Tischen saßen und Büchsenfleisch präparierten. Sic wanderte von Raum zu Raum: endlich kam sie dorthin, wo die Büchsen bemalt und etikettiert wurden. Hier hatte sie das Glück, der Vorarbeitcrin zu begegnen. Marija wußte damals noch nicht, was sie später wußte—* welche Anziehung nämlich ein gutmiitiges Gesicht und muskulöse Arme für eine Vorarbeitcrin haben. Und die Frau hatte ihr gesagt, sie solle am nächsten Tage wieder- kommen: sie sollte versuchen, das Bemalen der Büchsen zu erlernen. Da das Bemalen von Büchsen ein feines Stück Arbeit ist und nrit 2 Dollar pro Tag bezahlt wurde, so stürmte Marija unter Jndianergeheul in ihren Familien- kreis und raste durch das Zimmer, daß das Babh beinahe in Krämpfe fiel. So viel Glück war ja kaum zu hoffen gewesen. Nur einer war noch übrig, der ohne Stellung war. Jurgis hatte bestimint, das; Teta Elzbieta daheim Haushalten und Ona ihr helfen sollte. Er wollte nicht, daß Ona auf Arbeit ging. Dazu war er nicht der Mann, sagte er, und sie nicht die Frau. Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn er niit Hülfe Marijas und Jonas' nicht die Familie erhalten könne. Er wollte auch nichts davon hören, die Kinder zur Arbeit gehen zu lassen— es gab in Amerika Schulen für Kinder, dahin — so hatte Jurgis gehört— konnten sie gehen,' ohne Schul- geld zu bezahlen. Daß die Priester gegen diese Schulen Ein- Wendungen zu machen haben, daran dachte er gar nicht: bor- derhand war er entschlossen, daß Tctas Kinder es gerade so gut haben sollten wie die anderer Leute. Ter Aelteste, der kleine StanislovaS, war dreizehn Jahre alt und nur klein für sein Alter. Und wenn auch der älteste Sohn von(gjzed- vilas erst zwölf Jahre zählte und doch schon über ein Jahr bei Jonas gearbeitet hatte, so war Jurgis nun einmal ent- schloffen, daß Stanislovas englisch lernen und zu einem ge- lehrten Mann aufwachsen sollte. Also blieb nur der alte Dede Antanas übrig. Jurgis meinte, er sollte ebenfalls ruhen, aber er mußte zugeben, daß das unmöglich war. Außerdem wollte der Alte davon nichts hören; er glaubte so rüstig wie nur irgend einer zu sein. Er war nach Amerika gekommen in der festen Ueberzeugung, einen der besten Arbeiter vorzustellen, und jetzt bildete er die Hauptsächlichsie Sorge seines Sohnes. Jeder aber, mit dem er darüber sprach, versicherte ihm, daß es Zeitvcrschwendung wäre, in Packingtown Arbeit für einen alten Mann zu suchen. Szedvilas erklärte ihm, daß die Packherren nicht einmal die Männer behielten, die in ihren Diensten alt geworden— daß sie alte Männer aber neu anstellten, davon könnte keine Rede sein. So verlangte es die Regel, nicht allein hier, sondern in ganz Amerika, so viel ihm bekannt war. Jurgis zu Gefallen fragte er den Polizisten und brachte die Nachricht zurück, daß gar nicht daran gedacht werden könnte. Sie sagten das dem Alten nicht, der hartnäckig zwei Tage lang von einem Teil der Höfe zum anderen wanderte und der, als er heimkam und die Erfolge der anderen erfuhr, tapfer lächelte und meinte, vm anderen Tage werde es auch ihm glücken. Ihre guten Erfolge gaben ihnen das Recht, nun auch an ein eigenes Heim zu denken. Als sie am Abend auf der Treppe vor dem Hause saßen, beratschlagten sie: Jurgis inachte dabei einen gewichtigen Vorschlag. Als er am Morgen zur Arbeit gegangen war, hatte er gesehen, wie zwei Knaben in jedes Haus Ankündigungen trugen. Da er Bilder auf dem Zettel entdeckte, so hatte er sich einen ansgcbetcn und in sein Hemd gesteckt. Ein Mann, mit dem er nachher sprach, hatte es ihm vorgelesen und ihn über den Inhalt aufgeklärt. Da war Jurgis ein kühner Gedanke gekoinmen. Jetzt zog er den Zettel hervor, der tvohl ein reines Kunstwerk darstellte. Er war fast zwei Fuß lang rind zeigte eine so schone FarNenzusammenstellung. daß er selbst bei Mondschein Eindruck machen mußte. Im Mittelpunkt stand ein Haus, wunderbar bemalt, neu und entzückend. Das Dach war in Purpurfarbe gehalten und mit Gold eingefaßt, das Haus in Silber, die Türen und Fenster rot. Es hatte zwei Stockwerke mit einer Halle an der Vorderseite, mit Arabesken an den Ecken. Es war bis auf die kleinsten Details fertig. Sogar eine Hängematte hing in der Halle und Spitzen- vorhänge an den Fenstern. Unter dem Hause in der einen jEcke sah man das Bild eines sich liebevoll umschlungen halten- den Paares. In der anderen Ecke eine Wiege, mit leichten Gardinen verhüllt und von einem Cherub mit silbernen Flügeln beschützt. Und aus Besorgnis, daß selbst so noch die Bedeutung des Bildes nicht gleich herausgefunden werden könnte, war noch eine Aufschrift vorhanden in Polnisch, Litauisch und Deutsch: Dom! Namai! Heim! Warum Miete bezahlen? fragte das künstlerisch ent- worfene Zirkular. Warum nicht ein eigenes Haus haben? Weißt du, daß du für weniger als deine Miete dir ein Haus kaufen kannst? Wir haben Tausende von Häusern gebaut, die alle von glücklichen Familien bewohnt werden. Also beredt malte der Zettel die wohlfeilen Freuden des ehelichen Lebens im eigenen Hause aus. Er zitierte: Bome, sweet Home, und machte einen Versuch, das Lied ins Polnische zu übersetzen. Das Litauische hatte er aus irgend eineni Grunde ausgelassen. Vielleicht hatte der Uebersetzer es zu schwierig gefunden, elegisch in einer Sprache zu reden, welche den Seufzer xukmojiinas nennt und ein Lächeln nusiss�pso- jirnas. Ueber dieses Dokument grübelte die Familie lange nach, während Ona den Inhalt herausbuchstabierte. Es schien, daß das Haus vier Zimmer enthielt außer dem Keller, und daß es mit Grund und Boden für löOO Dollar erstanden werden konnte. Nur 300 Dollar brauchten angezahlt zu werden, der Rest war in Raten von 12 Dollar für jeden Monat abzutragen. Das waren erschreckend hohe Summen, aber sie befanden sich ja in Amerika, wo die Leute ohne Angst von solchen Summen sprachen. Sie hatten erfahren, daß sie für eine Wohnung eine Miete von 9 Dollar im Monat zu bezahlen haben würden, wenn die Familie von 12 Personen sich nicht mit einem oder zwei Zimmern begnügen wollte. Wenn sie aber Miete bezahlten, so würden sie immer weiter zahlen müssen und niemals besser daran sein. Wenn sie da- gegen zuerst nur die Anzahlung erschwingen konnten, so würde zuletzt eine Zeit kommen, wo sie Zeit ihres Lebens keine Miete mehr zu bezahlen brauchten. Sie fingen an zu rechnen. Es war da ein kleiner Rest von Teta Elzbietas Gelde, Iurgis besaß eine Kleinigkeit und Marija hatte 50 Dollar in einem Strumpfe. Großvater hatte noch einen Teil von dem Gelde. das er für seine Bauern- Wirtschaft erhalten hatte. Wenn sie alles zusammenlegten, reichte es für die Anzahlung, und da sie ja Arbeit hatten, so brauchten sie sich um die Zukunft nickt zu sorgen. So schien die Sache günstig. Natürlich war es noch eingehend zu über- legen, ja es müßte bis zum äußersten Ende untersucht werden. Wenn sie's aber wagen wollten, dann war's je eher je besser. Mußten sie nicht die Miete bezahlen?— und lebten dafür doch in elender Weise! Iurgis war an Schmutz gewöhnt. Einen Mann, der mit einer Eisenbahnbande zusammen ge- arbeitet und in seiner Schlafkammer die Flöhe händevoll ge- funden hatte,— den ficht nichts mehr an. Aber um Onas willen mußte es anders werden. Sie nmßte irgendwie und zwar sehr bald eine bessere Wohnung haben—- das sagte Iurgis mit der Sicherheit eines Mannes, der eben in einem Tage einen Dollar und 57 Cent verdient hat. Iurgis vcr- stand es nicht, warum so viele Leute im Distrikt bei den hohen Löhnen in der elenden Weise lebten, wie sie es taten. Am anderen Tage ging Marija zn ihrer Vorarbeiterin. Ihr ward aufgegeben, ihre Arbeit bei einem Büchsenmaler zu erlernen. Marija ging laut singend heim und kam gerade recht, um sich Ona und ihrer Stiefmutter anschließen zu können, die Erkundigungen über das Haus einziehen wollten. Abends statteten die drei den Männern Bericht ab. Die Sache war genau so, wie das Zirkular es angegeben hatte. So hatte wenigstens der Agent versichert. Die Häuser lagen nach Süden, zirka anderthalb Meilen von den Höfen entfernt; sich eins von ihnen zu kaufen war ein vorteilhafter Handel — sagte der Agent—, er riet dazu in ihrem eigenen In- teresse, nicht in dem seinen. Er konnte das ttin, erklärte er, weil er gar keinen Vorteil aus dem Geschäft hatte; er war ja nur Agent der Baugesellschaft. Es handelte sich um die letzten Häuser und die Gesellschaft wollte sich auflösen. Wenn also jemand noch den Vorteil von diesem herrlichen uneigen- nützigen Plan genießen wollte, so müßte er rasch zugreifen. Eigentlich war der Agent sogar im Ungewissen, ob überhaupt noch ein einziges Haus zu haben sei. Die Häuser würden viel besehen, die Gesellschaft konnte also das letzte auch schon verkauft haben. Als er Teta Elzbietas augenscheinlichen «Kummer über diese Nachricht bemerkte, fügte er nach einigem Zögern hinzu, daß er, wenn sie wirklich einen Kauf beabsich- tigten, auf eigene Kosten eine Telephonnachricht an die Ge- sellschaft senden und für sie die Hand auf ein Haus legen werde. So war denn die Sache endgülttg erledigt; am folgenden Sonntagmorgen sollten sie sich zur Besichtigung des Hauses einstellen. An jedem Tage der Woche arbeiteten die Schlachter bei Browns mit vollem Hochdruck. Iurgis verdiente jeden Tag 1 Dollar 75 Cents. Das machte in der Woche 10� Dollar, im Monat 45 Dollar. Iurgis konnte so weit ja nicht rechnen, aber Ona war sehr hell in solchen Sachen und löste das Exempel für die Familie. Marija und Jonas konnten beide 16 Dollar im Monat zahlen; der alte Mann blieb dabei, daß er dasselbe tun könnte, sobald er eine Stelle be- käme— es konnte morgen schon sein. Das machte 93 Dollar. Wenn dann Marija und Jonas ein Drittel der Raten- abzahlung übernahmen, so brauchte Iurgis nur 8 Dollar im Monat zu stellen. Dann würden sie 85 Dollar im Monat zu verzehren haben oder, gesetzt den Fall, Dede Antanas bekam nicht gleich eine Stelle— 70 Dollar im Monat— was sicherlich zum Unterhalt einer Familie von zwölf Personen ausreichte. Eine Stunde vor der Zeit setzte sich am Sonntagmorgen die ganze Gesellschaft in Bewegung. Sie hatten die Adresse auf ein Stück Papier geschrieben, das sie zuweilen einem Passanten zeigten. Tie anderthalb Meilen wiesen sich als recht lange Meilen aus, aber sie kamen schließlich an Ort und Stelle: etwa eine halbe Stunde später trat der Agent in Er- scheinung. Er war ein freundlicher, lebhafter Herr, elegant gekleidet, der gewandt mit ihnen ihre Heimatsprache reden konnte, was ihm sehr zum Vorteil bei diesem Handel gereichte. Er führte sie zu dem Hanse, einem jener typischen Holz- Häuser, bei denen Architektur ein entbehrlicher Luxus zu sein schien. Onas Freude bekam einen Stoß, denn das Haus stellte nicht entfernt das vor, was das Bild versprach. Der Anstrich war anders, und dann erschien es auch nicht so groß. Aber, es war frisch gestrichen und repräsentierte sich nickst un- vorteilhaft. Alles war neu, versickerte der Agent; er sprach ununterbrochen, daß sie ganz verwirrt wurden und gar keine Zeit fanden, viel zu fragen. Sie hatten sich vorgenommen, sich über allerlei zu erkundigen, doch sie vergaßen es oder fanden den Mut nicht dazu. Die anderen Häuser in der Reihe schienen nicht neu zu sein und nur wenige von ihnen waren bewohnt. Als sie aus diesen Umstand hinzudeuten wagten, versicherte ihnen der Agent, daß die�Käufer binnen kurzem einziehen würden. Näher aus die Frage eingehen, hätte wie Zweifel an seinem Wort aussehen können, und keiner von ihnen hatte je im Leben mit einer Person der Klasse, genannt„Gentleman", anders als mit Demut und Erfurcht gesprochen. Das Haus hatte einen Keller, der ungefähr zwei Fuß tiefer als die«traße lag. und ein einziges Stockwerk, etwa sichs Fuß darüber, das durch eine Treppe erreichbar war. Dazu kam ein Oberstübchen unter dem Dache mit einem Fenster an jedem Ende. Die Straße vor dem Hause war un- gepflastert und ohne Beleuchtung; die Aussicht aus den Fenstern ging auf ähnliche Häuser, die hier und da zerstreut lagen. Dieses Haus enthielt innen vier weißgetünchte Zimmer, der Keller war eigentlich nur ein Facknverk. die Mauern un- geputzt; Fußboden war nicht gelegt. Der Agent erklärte, daß chie Häuser immer so gebaut würden, da die Käufer es ge- wöhnlich vorzögen, sie nach eigenem Geschmack einzurichten. Das Oberstübchen war auch unfertig. Die Familie hatte aus- gerechnet, daß sie unter Umständen dies Oberstübchen �vcr- mieten könnten, aber sie fanden, daß nicht einmal ein Fuß- boden darin war. Nichts als Balken und Latten. Aber alles das ließ ihren Eifer nicht in der Weise erkalten, wie man wohl hätte erwarten können,— dank der Zungenfertigkeit des Agenten. Er konnte über die Vorteile des Hauses kein Ende finden und schwieg keinen Augenblick füll; er zeigte ihnen alles, bis ans die Türschlösser und Fensterhaken, zeigte ihnen den Ausguß in der Küche mit lausendem Wasser und einem Hahn, ein Ding, von dem Teta Elzbieta in ihren — 787- wildesten Träumen nie gehofft hatte, es jemals besitzen zu dürfen. Nach dieser Entdeckung würde es geradezu undank- bar gewesen sein, noch einen Fehler zu finden, und deshalb gaben sie sich alle Mühe, ihre Augen vor jedem Mangel zu verschließen. Aber sie waren Bauern und hingen an ihrem Gelde. Der Agent drängte vergeblich zur Eile— sie erwiderten, sie würden sehen: sie müßten Zeit haben, sich zu entscheiden. lFortsetzung folgt.) kleines Feuilleton. g. Die deutsche„Reichsbank" in Paris ist eine von jenen „Banken", die man vergeblich im Pariser Adreßbuch suchen würde. ihre Existenz dürfte schwerlich bisher der Mitwelt in gedruckten Lettern bekannt gegeben sein, im Baedeker ist sie nicht auffindbar, und nur verhältnismäßig wenige in Paris lebende Deutsche kennen sie. Und doch existiert sie, eine dauernde, in ihren Grundfesten un- erschütterliche Bank, eine Bank, die infolge ihres echt deutschen Charakters den Namen:„Die deutsche Reichsbank" trägt, die nie- mand besser kennt als— die Polizei, und der nur die eine Ouali- fikation fehlt, nämlich: das Geld. Der Ursprung dieser Bank ist nicht gut nachweisbar, die widersprechendsten Angaben hierüber werden dem eifrigen Nachsorscher seitens der„Kunden" gemacht, die auf dieser Bank„sich deponieren"; daß sie aber schon viele, viele Jahre besteht, ist außer allem Zweifel, denn selbst in Paris ergraute Deutsche wissen von ihr allerhand kleine Gcschichtchen zu erzählen, Erinnerungen an ihre in der Stadt des Lichtes durchlebte Jugend- zeit. Es ist eine ganz gewöhnliche Promenadenbank, im Herzen von Paris gelegen, da wo die Rue d'Hauteville in den Boulevard Bonne- Nouvclle einmündet. So mancher in späteren Jahren zu Reichtum und Ehren gekommene Deutsche hat einst auf ihrem harten Holze Ruhe und Rast gesucht, so mancher deutsche Jüngling eilte des Abends zu ihr, nachdem er tagsüber vergeblich sich abmühte, in dein großen Paris Arbeit und Verdienst zu finden, um im kamcradschaft- lichen Beisammensein mit seinen dort versammelten Landsleuten sich über die gegenseitigen, tagsüber erlittenen Enttäuschungen aus- zusprechen. Der Deutsche, der heute die französische Hauptstadt mit reichgefülltcm Geldbeutel besucht, wird sie kaum eines Blickes würdigen; der kundige Thcbaner verlangsamt seinen Schritt und wirft ihr und ihren Gästen einen teilnahms- und liebevollen Blick zu, öffnet hin und wieder wohl auch seine Börse. Wenngkcich die Insassen dieser Bank sehr häufig wechseln,�— denn kein„Kunde", der in Paris„festen" Boden gewonnen hat, läßt sich hier mehr blicken,— so ist doch beinahe stets jeder Erwerbs- und Berufszwcig hier vertreten: der nicht mehr satisfaktionssähige Reserveoffizier, der die politischen Ereignisse des Tages gebührend bespricht; der Student der Medizin, der noch vor wenigen Wochen in den wohlgeordnetsten Verhältnisjen in Berlin lebte; der frühere Theologe: der stellungslose Llausmann; die Maschinenschreiberin, die es vorzieht, sich lieber dem tollen Tanz des Pariser Lebens hin- zugeben, als sich für ein Monatsgehalt von 60 Frank in dem teueren Paris von ihren Landsleuten ausnützen zu lassen usw., alles Leute, die mit wer weiß welchen Hoffnungen in Paris einzogen; dann kommt ein ganzer Schwärm von Handwcrksburschen, deren Not da- durch ein Ende gemacht wird, daß man sie auf Kosten irgend einer Wohltätigkeitsgesellschaft bis an die deutsche Grenze befördert. Treten wir in jene kleine Cafe-Bar, gegenüber unserer„Reichs- bank", so finden wir ein Konglomerat von Deutschen, Oestcrrcichern, Ungarn u'»d Zigeunern, die in den Boulevard-Cafes musizieren,— nur keine Franzosen; kommt gelegentlich doch einmal ein solcher herein, dann verstummt die laute Unterhaltung der anwesenden Deutschen und englische Laute setzen ein. Haben doch alle jene Gc- stalten, die hier verkehren, viele Jahre ihres Lebens in England verbracht oder reichlich amerikanisches Pflaster getreten, bevor sie sich dazu entschließen konnten, zu dem Seine-Babel ihre Schritte zu lenken. Denn der welterfahrene Deutsche weiß sehr wohl, daß in englischen Ländern Geld eher und schneller zu verdienen ist als in der französischen Metropole, wo übermäßig lange Arbeitszeit bei schlechter Bezahlung vorherrschen.— Die Entstehung Mesopotamiens. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Der vor kurzem in Philadelphia erschienene erste Band der offiziellen Publikation über die Ausgrabungen der Penn- ststvania-Universilät in Babylouien(„Babylonian Expedition of the IJniversity of Pennsylvania, Excavations at Nippnr, Part I) bringt sehr wicktige Untersuchungen des amerikanischen Arckiäologen und Architekten Clarence S. Fisher über die Entstehung Siid-Meso- potamiens, die, wie jetzt die Verödung, dem Eicphrat und Tigris zu verdanken ist und für die man nicht urvordenkliche, sondern historisch gesicherte— wenn auch nicht in Jahreszahlen zu fixierende— Zeiten annehnren darf. Schon längst ist man zur Ueberzcnginig ge- kommen, daß Babylouien das Land ist, in dem die frühesten Er- inncrungen von in zivilisierten Staaten lebenden Menschen gefunden werden. Dazu hat nun Fisher die neue Hypothese aufgestellt, daß viele, ja vielleicht alle babylonischen Städte, die wir als Inland- städte anzusehen gewohnt sind, ursprünglich Seehäfen waren. Infolge der beständigen Anschwemmungen des Euphrat und des Tigris sind die Städte Shirpurta oder Tekoh, Sippar oder Fara von den Küsten des Persischen Golfs weggerückt, an denen sie früher ebenso lagen wie die südlicher gelegenen Stätten von Eridu und Ur-Kashdim. Zur Zeit der Entstehung dieser Städte reichte der Persische Golf also viel weiter nördlich. Mit großer Wahrscheinlich- keit weist Fisher nach, daß die Kultur von deii Ufern des Persiswcn Golfes nordwärts resp. stromanfwikrts schritt, daß die ältesten Städte die zunächst an dem Meer gelegenen waren. Er und Eridu konnten also wohl von Seefahrern Kultur empfangen haben, wie man aus dein spätbabylonischen Geschichtsschreiber und Priester BerosuS schließen kann, der eine bisher als unglaubwürdig betrachtete Tradition überliefert, daß die frühesten Bewohner Babyloniens von Fremden, die den Persischen Golf heraufgefahren kamen, ihre Kultur erhielten. Woher diese Seefahrer kamen, dafür weiß man noch keinen Anhaltspunkt. Dies hängt mit der vielerörterten und viel- bestrittenen Frage nach der Herkunft der Sunierier zusammen. Aber Fishers Deduktionen, wonach die ältesten Städte Babyloniens, die jetzt infolge der Euphrat- und Tigrisablagerungen weit vom Meere entfernte Stätten sind. Seehäfen waren, und daß der Fortschritt der Kultur sich nordwärts in Städtegründungen und Kanalbauteir äußerte, finden vielen Anklang. Darüber brauchen noch nicht zehn- tausend Jahre vergangen sein, daß Eridu und Ur, Lassa, Erech und Sippar am Persischen Golf lagen.— Theater. Neues Theater.„Die Hochzeit von Poel". Lust- spiel in 3 Akten von Georg Engel.— Nachdem auch dieses Stück, wie sein Vorgänger„Der.Jubiläumsbrunnen" im Neuen Theater es zu starkem Applaus und mehrfachen Verbeugungen des dankbaren Autors gebracht hat, scheint man überhaupt nicht mit einem wirklichen Premierendurchfall mehr rechnen zu können. Jene Art Erfolg, die sich in einer genügenden Anzahl klatschender Hände ausdrückt, vollzieht sich mit derselben Regelmäßigkeit, mit der sich bei Geburtstagen, Hochzeiten usw. die bekannten herzlichsten Glückwünsche einzustellen pflegen, und— hilft ebensowenig. Ein paar Wiederholungen vor immer leerer werdenden Häusern, und die mit größtem Beifall aufgenommene Novität geht in das Reich der Schatten zur wohlverdienten, ewigen Ruhe ein. Von jener Geschicklichkeit des szenischen Aufbaus, die in Engels letztem Schauspiel, dem Schifferdrama„Im Hafen" unverkennbar hervortrat, zeigt dieses Lustspiel keine Spur. Die Komposition ist dilettantisch mager; wo nach schleppend langatmigen Vorbereitungen einer im ganzen recht farblosen Milieuschilderung sich endlich etwas wie eine Handlung anzuspinnen scheint, entpuppt sie sich sogleich als künstlich aufgepfropfter Theatcrulk, ohne jeden auch nur halbwegs plausiblen Zusammenhang mit der gegebenen Situa- tion. Das ist um so ärgerlicher, je mehr der streberische Assessoren- typus, gegen den sich die satirischen Intentionen der Komödie richten sollen, einer wirklichen Satire wert gewesen wäre. Die Ansätze, die Engels nimmt, verpuffen in der Zerfahrenheit des Ganzen, die paar treffenden Pointen, die gut und gern in einem Feuilleton von mittlerer Länge Platz gefunden hätten, werden von überflüssigem Ballast erdrückt. Einer dieser feudal gesinnten Herren, ein Virtuose in der Kunst, ohne blasse Ahnung von den Dingen doch überall Sachkennt- nis zu markieren, erhält vom Ministerium den Auftrag, a» Ort und Stelle über die Verhältnisse in Poel, einer kleinen Insel, deren Bewohner um Fischereigerechtigkeiten miteinander pro- zessiercn, Informationen einzuholen und sein Gutachten zu formu- lieren. Eine Handvoll bäuerlicher Protzen behauptet dort ein alt- ererbtes Privileg auf den Fang zu besitzen, und beutet es rück- sichtslos zu schwerem Schaden der armen Nachbarn aus. Der Ab- gesandte der hohen Obrigkeit nimmt bei dem reichsten Mann des Dorfes, dem Hauptmonopolisten. Quartier, läßt sich traktieren, sucht mit der hübschen Tochter anzubändeln und stellt sich dann den im Krug versammelten Hungerleidern in schwungvoller Rede als Hüter des Gemeinwohls vor, der in erhabener Unparteilichkeit alles prüfen und schlichten werde. Unbegreiflich und empörend ist die Verstocktheit der Leute, die ein mißtrauisch, höhnisches Schweigen bewahren und sich am Ende offen über ihn niokieren. Die Er- Wartungen, die diese letzte Szene etwa erweckt haben mochten, wurden gründlich getäuscht. In der Verlegenheit um irgend einen Ausweg, irgend einen komischen Schlußeffekt, wird eine x-beliebige zweideutige Schnurre, wie man sie in Pariser Possen sich gefallen läßt, angehängt. Ein überschlauer alter Lotse, ein Gegner der Protzcnpartei, der aber seinen Jungen zur Heirat mit der Tochter des reichen Biebow verhelfen möchte, überredet das Mädchen, den schon angeheiterten Assessor, den Gast ihres Vaters, abends zu be- suchen und ihm mit Torte und Champagner so lange zuzusetzen, bis er selig entschlummert. Dann steigt der Alte in die Bude, wirft die Kissen in malerischer Unordnung durcheinander und lamentiert so lange vor dem wachgcrütteltcn Assessor, bis dieser selbst an einen kompromittierenden Ausgang des Stelldicheins zn glauben anfängt. Daraus folgt, was niemand als der schlaue Lotse hätte ahnen können, daß nun das asscssorale Gutachten umgekehrt als es geplant war ausfällt. Die Hungerleider kriegen Recht, und der Herr Minister ist entzückt, einen so energischen, so ausrechten Beamten zu besitzen, der ohne Ansehen der Person rein nach der Sache entscheidet. An die Aufführung, die Massenszenen wie die einzelnen Figuren» hatte man viel Fleiß gewandt. Flott spielte Christians den Assessor, Meta Jäger war ein niedliches Bauernmädchen und Engels originelle Kunst belebte die unmög- liche Rolle des Lotsen mit fein charakterisierendem Humor.— dt. Medizinisches. en. D i e ersten Anzeichen des Magenkrebses. Nicht nur der Arzt, sondern auch das große Publikum weiß, daß eine medizinische Behandlung des Magenkrebses eine Heilung nie und nimmer herbeiführen kann. Der Arzt muß sich dieser Er- krankung gegenüber auf die Bekämpfung der Symptome beschränken und seine Aufgabe im wesentlichen in einer Linderung der Leiden sehen. In einem Vortrag, den Dr. Moullin in einer Vcrsamm- lung von Fachmännern in London gehalten und im„Lancet" der- öffentlicht hat, hat dieser Chirurg auf die Bedeutung des opera- tiven Eingriffs in Fällen von Magenkrebs hingewiesen. Nur durch die Operation im frühen Stadium der Krankheit kann Heilung er- zielt werden. Da der Magenkrebs eine lokale Erkrankung ist, liegt jene durchaus im Bereich der Möglichkeit. Durch sie wird ein Uebergreifen der Erkrankung auf die umgebenden Gewebe und Drüsen entweder ganz verhindert oder sehr weit hinausgeschoben. Der Magen ist in allen seinen Teilen bis auf den Magenmund dem Operateur leicht zugänglich und kann Nähte gut vertragen, was natürlich für den chirurgischen Eingriff sehr günstig ist. Es kommt daber alles darauf an, die Symptome der beginnenden Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Der Magenkrebs tritt entweder scheinbar unvermittelt in einem bisher völlig gesunden Magen und bei einem auch sonst gesunden Menschen auf, oder er entwickelt sich aus chronischen Magengc schwüren, die jahrelang bestanden haben können. Hauser schätzt die Zahl der Fälle, wo chronische Magen- geschwüre zu einem Krebsleiden führten, auf 4 Proz. Shapeschko fand hingegen, daß von IM Fällen von Magenkrebs nicht weniger als 90 in dieser Weise entstanden waren, und auch Jedlicka stellte fest, daß der Ursprung des Magenkrebses meistens in chronischen Magengeschwüren zu suchen sei. Sowohl der Magenkrebs als auch die chronischen Magengeschwüre treten gewöhnlich in derselben Magcngegend auf. Da der Krebs sich in anderen Körperteilen mit Vorliebe in der Nachbarschaft von Narben entwickelt, besonders wenn diese ständig gereizt werden, so liegt es nahe, auch den Magenkrebs mit den Narben von Magengeschwüren in Zusammen- hang zu bringen. In den Fällen, von denen Moullin in seinem Vortrage sprach, handelte es sich um Krebs, dem keine Magen- geschwüre vorangegangen oder wo letztere bereits seit längerer Zeit völlig ausgeheilt waren. Ganz allgemein war in diesen Fällen das erste Merkmal der Erkrankung entweder eine Störung des Appetits oder das Auftreten von Schmerzen. In einigen Fällen war starkes Erbrechen aufgetreten. Einer der Kranken versicherte, gar keine Beschwerden verspürt zu haben, bis sich plötzlich starkes Blutbrechen einstellte. Die Appetitsstörungen äußerten sich in ver- fchiedener Weise; während in einigen Fällen jede Nahrung wider- stand, zeigten die Patienten in anderen Fällen nur eine Abneigung gegen Fleisch und andere kräftige Speisen. Die meisten Kranken litten unter Blähungen. Bald stellte sich eine Abnahme der Kräfte und der Energie ein. Bei einigen machte sich diese Energieabnahme auch im geistigen Leben bemerkbar, sie wurden teilnahmslos und interessierten sich nicht einmal für ihr eigenes Leiden. Bei den meisten ging aber diese Veränderung sehr allmählich vor sich. Die schmerzen, die sich in der Magengcgcnd geltend machten, weisen sehr verschiedene Stärkegrade auf; oft handelt es sich mehr um ein Mißbehagen oder einen Druck. Gewöhnlich sind die Schmerzen anhaltend und verstärken sich nach einer Nahrungsaufnahme. Durch die Berührung der Nahrung mit der Wunde können sie nicht her- vorgerufen werden, weil die Magcnwand gegen die gewöhnlichen Reize völlig unempfindlich ist. Eine erhöhte Empfindlichkeit besitzt dagegen das Bauchfell, so daß die Schmerzen offenbar hier aus- gelöst und verstärkt werden, wenn der Magen während der Ver- dauung in Tätigkeit gerät. Je weniger Raum für den Durchgang der Nahrung bleibt, desto größere Arbeit muß der Magen leisten, and um so stärker sind die Schmerzen. Der Krebs beginnt nun gc- wöhnlich an den verengten Zugängen des Magens; so erklärt es sich leicht, daß die Schmerzen frühzeitig auftreten. Sobald die zwei Syniptomc— ein Widerstehen der Nahrung, insbesondere der eiweißhaltigen, und dauernde Schmerzen ohne irgend einen nach- weisbaren Grund— bei einer Person in mittleren Jahren, die an keinen Verdauungsbeschwerden gelitten hatte, auftreten und der gewöhnlichen ärztlichen Behandlung nicht weichen, so ist es durch- aus geboten, sich möglichst bald, vielleicht schon nach zwei bis drei Wochen, von dem Zustande des Magens zu überzeugen. Das kann in der Weise geschehen, daß man in die Verdauungstätigkeit des Magens durch Auspumpen und Untersuchung seines Inhalts Ein- blick zu gewinnen sucht. Leider führt aber dieses Verfahren nicht immer zu einer einwandsfreien Diagnose, namentlich verbürgt ein negativer Befund nicht das Nichtvorhandensein eines Krcböleidens. Demnach muß ein anderes Verfahren als das allein maßgebende erscheinen, nämlich die direkte Untersuchung des Magens mit Hülfe eines Einschnittes. Die Operation ist in Fällen, wo kein Krebs gefunden wird, praktisch ungefährlich, nur in hoffnungslosen Fällen kann sie zu einer Beschleunigung de? Endes führen. Wird ein Krebsherd gefunden, so ist seine operative Entfernung um so ungefährlicher, je kleiner er ist. Die ungünstigen Ergebnisse eines chirurgischen Eingriffes sind in den meisten Fällen darauf zurück. zuführen, daß es zu spät erfolgte.— Geologisches. — Die geologische Entwickelung Jstriens er- örtert ein lesenswerter Artikel im„Prometheus". Soweit sich die Ausführungen mit der geologischen Vergangenheit der sich dreieckig in das Adriatische Meer hineinschiebenden Halbinsel befassen, mögen sie hier Platz finden: In einem seichten, von Tieren und Pflanzen reich belebten Meere wurde der Kalkschlamm und späterhin der Sand aufgehäuft, der jetzt— zu hartem Fels gestaltet— die Berge Jstriens bildet; versteinerte Reste von Algen, Muscheln und Schnecken weisen auf den einstigen Urzustand hin. Eine Schicht lag flach über der anderen, und jede höhere war zugleich jünger. Gcbirgsbildcnde Bewegungen haben dann diese ruhige Lagerung gestört, die Gesteine in Falten gelegt und die Schichten unter einander verschoben. Eine weitere Folge der gewaltsamen Veränderungen war die allmähliche Erhebung des ganzen weiten Gebietes über das Mecrcsnivcau: der einstige Meeresboden wurde im mittleren Tertiär ein Festland, und zwar zunächst eine Ebene, die jetzt in 300 bis 500 Meter Höhe liegt und nur um einen kleinen Betrag von höheren Gebirgsgruppen überragt wird. Sie war ursprünglich wohl keine Hochebene, sondern eine Tiefebene, die noch weit über die Adriaküste westwärts reichte. Als sich dann das Land weiter über den Meeresspiegel erhob, haben das fließende Wasser und der Wind, Frost und Hitze die heutigen Fornken Jstriens geschaffen. Die Flüsse bildeten zunächst breite Täler— ihre Spuren erkennen wir in 50 bis 200 Meter hoch ge- lcgencn Terrassen—, die sich allmählich bis zur jetzigen Gestalt vertieften. Die quarnerischen und dalmatinischen Inseln bildeten damals noch Teile des Festlandes— Sandvorkommnisse und die Reste großer Säugetiere auf ihnen fordern eine Landverbindung dieser Inseln noch während der Diluvialzeit. Zur Zeit der miozäncn Ebene lag der Grundwasserspiegel knapp unter der Oberfläche, zu einer„Verkarstung" waren die Be- dingungen also noch nicht gegeben. Als aber aus der Tiefebene eine Hochebene wurde, senkte sich der Grundwasserspiegel: im Sandstein- gebiet kam es zur Ausbildung der Täler, die Kalkoberfläche erhielt ihre jetzige Gestalt; nur die starken Flüsse, wie Quito, Foiba und Arsa, vermochten das Kalkplatcau zu durchqueren. Während der Eiszeit hatten die Täler einen längeren Lauf und waren Wasser- reicher als in der Gegenwart. Die tiefen Meereseinschnitte wie die Buchten von Muggia, Capodistria und Pirano, der Lewe- und Arsa- kanal sind, wie die Formen und Tiefenverhältnisse beweisen, unter das Mceresnivcau geratene Flußtäler. Daraus folgt, daß sich das früher aus dem Meere gehobene Land— wenigstens an der Küste— später wieder langsam senkte; der geringen Kraft der istrischen Flüsse ist es nicht gelungen, dem Eindringen des Meeres Wider- stand zu leisten, nur der Ouieto, der aus den leichtvcrwitterndcn Mcrgclgcbieten Jnneristriens kommt, arbeitet durch feine Schlamm- führung der Küstcnsenkung entgegen. Die Senkung der Küsten reicht noch bis in die historische Zeit hinein; denn zahlreiche Baureste aus der Römerzeit liegen heute unter dem Meeresspiegel. Schutt- Halden und diluviale Schuttkegel weisen darauf hin, daß wenigstens der Krainer Schneeberg zur Eiszeit vergletschert gewesen ist. Aus- getrocknete Täler beweisen, daß die jüngste Zeit wasserärmer ist als die vorhergehende Periode.— Notizen. — Die Premiere von Leo Grein erS Schauspiel ,. D e r Liebeskampf" findet am nächsten Mittwoch im Deutschen Theater statt.— — B i e r b a u m s Bühnenstück„Der Bräutigam Wider Willen" erlebt heute im Leipziger Stadttheater die Erstaufführung.— — Strindbergs„Totentanz" übte im Wiener Lustspielhaus eine tiefe Wirkung auf die Zuschauer aus.— — Die italienische Tragödin Adelaide R i st o r i ist, 82 Jahre alt, in Rom g e st o r b e n. Die Künstlerin trat auch ver- schiedcne Male in Berlin auf.— c. Ein neues Stück von Bernard Shaw„Dbs Doctors Dilemma" wird am 20. November erstmalig im Londoner Court Theatre in Szene gehen.— — Ein Verband deutscher Bühneitingenienre und B ü h n e n t e ch n i k e r ist in Wiesbaden gegründet worden.— — Die Holman Hunt-Ausstellung in der Lcicester- Gallery zu London erfreut sich großen Zuspruchs. Hunt ist der ein- zige Ueberlebende der„Präraphaelitifchen Bruderschaft."— — Eine gläserne Uhr ist nach der„Franks. Ztg." seit einiger Zeit in einem Uhrcnladen Leipzigs ausgestellt. Sie besteht in allen ihren Teilen, außer den Federn, aus GlaS und wurde von einem 71 Jahre alten Glasarbeiter in Thercsiental sbei Neubistritz in Böhmen) nach sechs Jahren langer mühseliger Arbeit fertiggestellt. Sie ist im ganzen mit dem Fuß(der dem einer Stehlampe gleicht) etwa 40 Zentimeter hoch und zierlich in der Form. DaS Werk- gehäufe ist kreisförmig. Das Werk kann man ohne Mühe ganz durchschauen, so daß man sämtliche Räder, fein in Schliff und Politur, neben- und hintereinander ineinandergreifen sieht. Das Ganze er- scheint Ivie aus feinstem, klarstem Kristall gegossen.— Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcTo..BerlinZW.