Hlnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 202. Donnerstag, den 18. Oktober. 1900 (Nachdruck verboten.) 181 Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Allmählich lenkte sie ihren Redestrom zu der Haus- geschichte zurück. Me Deutschen, die hier gewohnt, waren artige Leute gewesen. Es waren ihrer aber nur zu viele. Ter gewöhnliche Uebelstand in Packingtown. Jedoch, sie ar- beiteten hart, und der Vater war ein solider Mann. Sie hatten ein gut Teil über die Hälfte für das Haus bezahlt. da wurde der Mann bei einem Listunfall in Durhams Fabrik getötet. Dann kamen die Irländer, die wieder eine große Familie darstellten. Der Ehemann trank und schlug die Kin- der, mau konnte sie des Nachts schreien hören. Sie saßen mit der Miete immer im Rückstand, aber die Gesellschaft war nachsichtig gegen sie,— aus Politik. Großmutter Majausz- kiene konnte nicht recht sagen, wie diese Politik geartet war. — Aber die Lafserths hatten zu der„Wirr Whoop League"') gehört; das war eine Art von politischem Klub, in dem alle Strolche und Mörder im Distrikt tvaren, wenn du ihm ange- hörtest, wurdest du niemals arretiert. Einmal wurde der alte Lafferty mit einer ganzen Bande abgefaßt, wie sie die Kühe von armen Leuten gestohlen, geschlachtet und verkauft hatten. Dafür kam er nur drei Tage ins Gefängnis, lachte höhnisch, als er wieder heraus war und verlor nicht einmal seinen Posten im Schlachthause. Er ruinierte sich aber schließ- lich mit seinem Trinken und verlor sein Ansehen. Einer seiner Söhne, der ein ordentlicher Mann tvar, ernährte ihn und seine Familie ein ganzes Jahr lang, dann aber bekam er die Schwindsucht. Das tvar überhaupt ein eigen Ding, unterbrach sich Großmutter— dies Haus brachte Unglück über jede Familie, die darin wohnte. Einer von ihnen bekam immer die Schwindsucht. Keiner konnte sagen, tvarum— es muß irgend etwas an dem Hause sein oder an der Art, wie es gebaut ist.— Vkmche sagen, weil das Haus bei Neumond begonnen ist— es gibt viele derartige Häuser in Packingtown. Zuweilen- erstreckte sich das auch nur aus ein Zimmer. Wenn aber jemand in diesem Zimmer schläft, so ist er so gut wie tot. In diesem Hause fing es mit dem Jrländer an: dann verlor die böhmische Familie ein Kind. Aber es war immerhin nicht zu sagen, ob da? an dem Hause lag, denn bei den Kindern, die in den Schlachthöfen arbeiten, kann man nichts Bestimmtes über die Todesursache sagen. In jenen Tagen gab es noch kein Gesetz über das Alter der Kinder, sie arbeiteten damals alle, selbst die Babys. Bei dieser Bemerkung wurde die Familie wieder unruhig, und Großmutter mußte aufs neue erklären, es handele sich eben um das Gesetz für Kinder, welches verbietet, daß Kinder vor dem 16. Jahre arbeiten dürfen. Was hatte das für einen Sinn? fragten sie. Sie dachten nämlich daran, den kleinen Stanislovas zur Arbeit gehen zu lassen. Nun, da brauchten sie sich nicht zu ängstigen, sagte Großmutter. DaS Gesetz bedeutet nichts weiter, als daß es die Leute zwang, über das Alter dSr Kinder lügenhafte Aus- sagen zu machen. Man möchte wohl wissen,»vas denn die Gesetzgeber von den Leuten eigentlich erwarteten. Es gab doch Familien, die außer dem Lohn der Kinder über keine Mittel verfügten, und das Gesetz unterstützte sie dann doch nicht. Ein Mann konnte oft keine Arbeit in Packingtown finden, weil ein Kind sie zu machen imstande tvar. Es gab immer neue Maschinen, bei denen sie ein Kind für den Drittel- preis anstellen konnten. Ilm aber wieder auf das Haus zurückzukommen— in der nächsten Familie starb die Frau. Das geschah, als sie beinahe vier Jahr dort gewohnt. Me Frau hatte jedes Jahr Zwillinge bekommen. Als sie tot war, mußte der Mann die Kinder allein lassen, um zu arbeiten. Tie Nachbarn mußten helfen, denn die Kinder erfroren beinahe. Endlich blieb der Vater fort, auch er war tot. Er�var ein Schlachter bei Jones, ein verwundeter Stier hatte ihn getötet. Die Kinder wurden fortgencmmen, und in derselben Woche noch verkaufte die Ge- Kricgsnlfliga. Mit„War Whoop" ist der indianische Kriegsruf gemeint. In diesen Klubs werden indianische Gebräuche nachgeäfft. Red. sellschaft daS Haus an Emigranten. So gingen die Schreckens- gcschichten der alten Frau weiter. Was daran Ilebertreibung — wer kann das sagen? Es war nur zu deutlich, z. B. das über die Schwindsucht. Sie wußten bis jetzt überhaupt nichts von Schwindsucht, außer, daß dabei gehustet wird. Ilnd vor zwei Wochen hatten sie sich um einen Hustenanfall des alten Antanas gesorgt. Der Anfall schüttelte ihn und wollte nicht aufhören. Man sah stets einen roten Schimmer, wenn er ausspie. Aber alles das tvar noch nichts gegen das, waS später' kam. Sie fragten die alte Dame, warum denn eine Familie nicht hätte zahlen können, und wollten damit andeuten, daß es doch möglich war zu zahlen. Großmutter meinte:„Ihr sagtet, 12 Dollar im Monat! das aber ohne die Zinsen." Sie starrten sie an. „Zinsen!" schrien sie. „Aber wir haben keine Zinsen zu bezahlen," riefen drei oder vier auf einmal.„Wir haben nur 12 Dollar im Monat zu zahlen." Jetzt lachte die Alte sie aus.„Ihr seid wie die anderen," sagte sie.„Sie narren Euch und fressen Euch bei lebendigem Leibe auf. Die verkaufen gerade ein Haus ohne Zinsen? Holt Euren Kontrakt und seht zu." M>it bebendem Herzen schloß Teta Elzbieta ihren Schrank auf und brachte das Papier, welches ihnen schon so viel Sarge gemacht hatte. Jetzt saßen sie in der Runde und wagten kaum zu atmen, währeird die alte Dame, welche englisch zu lesen verstand, das Papier überflog.„Ja," sagte sie endlich,„hier steht's, natürlich. Monatlich 7 Prozent Zinsen." Ein tiefes Schweigen folgte. „Was bedeutet das?" fragte Jurgis endlich, fast flüsternd. .„Das bedeutet," erwiderte die andere,„daß Ihr ihnen im nächsten Monat außer den 12 Dollar noch 8 Dollar 46 Eent zahlen müßt." Man hörte wieder keinen Ton. Es war, als wäre ein Gespenst unter sie getreten. Plötzlich fühlst du dich sinken, sinken— in eine bodenlose Tiefe. Wie von einem Blitzstrahl umhüllt sahen sie sich— als Opfer eines erbarmungslosen Schicksals, gefangen von der Hand des Verderbens. Das ganze Gebäude ihrer Hoffnungen zerbrach krachend vor ihren Augen.~ Indessen sprach das alte Weib immer weiter. Wie sie alle wünschten, eS möchte schweigen! Ihre Stimme klang wie das Krächzen eines Raben. Jurgis saß da mit vcr- schlungenen Händen: Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Und in Onas Keble saß etwas wie eine gewaltige Kugel und quälte sie. Plötzlich unterbrach Elzbieta das Schweigen mit einem Jammerlaut, Marija aber rang ihre Hände nur und schluchzte.„Ai, Ai! Roda man!" All ihr Schreien aber machte es nicht besser. Großmutter Majausz- kiene saß da wie das erbarmungslose Schicksal.— Der Zustand der Familie war trostlos. Natürlich, sie hatten alle das nicht wissen sollen. Im Gegenteil, es war beabsichtigt, daß sie es nicht merken sollten. Aber es stand im Kontrakt, mehr war nicht notwendig, das würden sie sehen, wenn die Zeit herankam. Endlich wurden sie dann ihren unliebsamen Gast los, und die Nacht verging unter Jammern. Die Kinder erwachten, merkten, daß etwas geschehen war, jammerten und wollten sich nicht trösten lassen. Am Morgen mußten die meisten von ihnen natürlich zur Arbeit gehen, denn die Schlachthäuser standen wegen ihres Kummers nicht still. Aber um sieben Uhr harrten Ona und ihre Stiefmutter an der Tür des Agenten. Ja, erzählte er ihnen, als er kam, es war richtig: sie mußten die Zinsen zahlen. Teta Elzbieta brach in Klagen und Vorwürfe aus, so daß die Leute auf der Straße still- standen und ins Fenster blickten. Der Agent war so freund- lich wie immer und versicherte, er sei tief betrübt, aber er hätte ihnen deshalb nichts gesagt, weil er vorausgesetzt habe, daß sie die Verzinsungen als eine selbstverständliche Sache an- sehen würden. So gingen sie wieder weg, nur Ona wanderte nach den Höfen, sah um Mittag Jurgis und erstattete ihm Bericht. Jurgis nahm die Botschaft stoisch auf; er hatte sich bereits beruhigt: es war eben ein Schicksal, und sie mußten es er- tragen.„Ich will härter arbeiten," war seine gewohnte Ant- wort. Es würde so ihre Plärj eine Zeitlang stören, und viel- leichl wäre es für Ona nätig, Laß sie Zetzt Arbeit suchte. Qua fügte hinzu, daß Teta Elzbieta entschlossen wäre, auch den kleineu Stanislovas zur Arbeit zu schicken. Es sei nicht schick- lich, Jurgis für die ganze Familie sorgen zu lassen, die Familie müßte jetzt helfen, so gut sie eben könnte. Früher hatte Jurgis diesen Gedanken weit von sich gewiesen, jetzt aber runzelte er nur die Brauen und nickte langsam mit dem Kopse. Ja, vielleicht wäre es das Beste, alle müßten sie jetzt Opfer bringen. So ging denn Ona auf die Jagd nach Arbeit. Abends kam Marija heim und sagte, ihr wäre ein Mädchen namens Jasaityte begegnet, deren Freundin in Browns EinWickel- räumen arbeitete und Ona dort Wohl eine Stelle verschaffen könnte: nur— die Aufseherin sei eine von denen, die Ge- schenke nehmen. Es hätte keinen Zweck, um eine Stelle zu bitten, ohne eine 10-Dollarnote in ihre Hand gleiten zu lassen. Jurgis war darüber durchaus nicht überrascht, und so wurden denn die Verhandlungen eröffnet. Ona kam nach Haus und berichtete, daß sie der Aufseherin gefallen habe, diese hatte das direkt gesagt und Ona versprochen, ihr Arbeit bei der Näherei für Schinkenbelitel zu geben, ivodurch sie 8 oder 10 Dollar die Woche verdienen könnte. Aber vor der Annahme der Arbeit wurde eine ängstliche Beratung zu Hause abgehalten. Die Arbeit wurde in einem Keller erledigt, und Jurgis wünschte nicht, daß Ona an einem solchen Orte sitzen sollte� Aber es war leichte Arbeit, und alles konnte nian nicht haben? So hatte denn Ona, während eine 10-Dollarnote in ihrer Hand brannte, eine weitere Zusammenkunft mit der Auf- feherin. Inzwischen hatte Teta Elzbieta den kleinen Stanislovas knit zum Priester genommen und von diesem ein Zeugnis erhalten, in dem zu lesen war, daß er zwei Jahre älter sei, als er tatsächlich war. Und mit diesem Zeugnis segelte nun der Knabe los, um sein Glück in der Welt zu machen. Der Zufall wollte es, daß Durham gerade eine wundervolle neue Maschine einstellte, und als der Polizist vor der Zeitstation den kleinen Stanislovas und sein Tokunient erblickte, lächelte er vor sich hin und schickte ihn nach Durham. Czia! Czia! Darauf ging Stanislovas einen langen Korridor ent- lang, über Treppen und kam schließlich in einen elektrisch er- leuchteten Raum, in dem die neue Maschine zuni Füllen der Schmalzbüchsen stand. Das Schmalz wurde in einem Räume im oberen Stockwerk zubereitet und kam im unteren Räume durch kleine Röhren wie schön gewundene schneeweiße Schlängelchcn von unangenehmem Geruch hervor. Es waren da verschiedene Arten und Größen von Röhren, die sich, nach- dem eine bestinimte Menge in eine Büchse geflossen war, autoniatisch schlössen. Tie wundervolle Maschine drehte sich, und man setzte eine andere Büchse unter eine andere Röhre, bis die Büchse bis an den Rand gefüllt war, und so fort. Zwei menschliche Wesen waren nur nötig, um die Maschine zu bedienen und mehrere hundert Büchsen in einer Stunde mit Schmalz zu füllen. Ter eine der beiden Menschen mußte es verstehen, eine leere Schmalzbüchse an eine gewisse Stelle zu setzen, der andere eine volle Schmalzbüchse wegzunehmen und auf ein Gestell zu setzen. Nachdem der kleine Stanislovas während einiger Minuten schüchtern dagestanden und zugesehen hatte, näherte sich ihm ein Mann lind fragte ihn, was er wolle, worauf Stanislovas antwortete:„Arbeit."„Wie alt?" fragte der Mann. Stanislovas antwortete:„Sechzehn." Ein- oder zweimal im Jahre wandert ein Staatsinspektor durch die Packfabrikcn und fragt jedes Kind nach seinem Alter.— Des- halb waren die Packherren sorgsam darauf bedacht, nicht gegen das Gesetz zu verstoßen, das ihnen viel Mühe machte. Dieser Mühe unterzog sich eben der Aufseher, indem er das Doku- mcnt aus des Knaben Hand nahm, hineinblickte und es nach dem Bureau sandte, wo es aufbewahrt wurde. Tann zeigte er dem Burschen, wie die Büchse zu rechter Zeit an den rechten Ort zu setzen sei. Und so war der Platz bestimmt, den der kleine Stanislovas im Universum einnehmen sollte, und damit sein Schicksal bis zum Ende seiner Tage. Stunde auf Stunde, Tag auf Tag, Jahr auf Jahr sollte er nun auf ein und demselben Flecke stehen— von sieben Uhr morgens bis Mittag und wieder von halb ein Uhr bis halb sechs abends,— immer nur eine Bewegung machen und nur einen Gedanken haben. In? Sommer würde der Geruch des warmen Schmalzes ihm Ekel erregen, im Winter aber würden die Büchsen in den? ungeheizten Keller an seinen Fingern fest- .frieren. Ein halbes Jahr würde es Nacht s-ü», wenn er zur Arbeit zog, und ebenfalls Nacht, wenn er wieder ging: und er würde nicht mehr wissen, wie die Sonne an Werktagen aus- sieht. Und für all diese Arbeit wird er am Ende der Woche seiner Familie drei Dollar heimbringen, das sind fünf Cent für die Stunde. Das war die Summe, welche einunddrei- viertel Millionen Kinder in den Vereinigten Staaten ver- dienen. Und inzwischen rechnen Jurgis und Ona wieder— sie sind jung, und die Hoffnung ist noch nicht in ihnen erstickt. Sie haben ausgerechnet, daß Stanislovas Lohn etwas mehr als die Zinsen beträgt, und so sind sie denn schließlich gerade so weit wie vorher. Den beiden zu Gefallen ist der Knabe entzückt von seiner Arbeit, in dem Gedanken, einen Haufen Geld zu verdienen und auch in dem Gedanken daran, daß die beiden sich sehr lieb haben. 7. Ten ganzen Sommer über arbeitete die Familie schwer, und im Herbst hatte sie so viel Geld zusannnenverdient, um Jurgis und Ona nach heimischen Sitten und Traditionen verheiraten zu können. Ende November mieteten sie ein großes Zimmer und luden ihre ganze neue Bekanntschaft ein, von der zwar alle kamen, ihnen aber hundert Dollar Schulden hinterließen. Das war eine bittere und grausame Enttäuschung und stürzte die Familie geradezu in Verzweiflung. Und das noch dazu gerade in der schönsten Zeit aller Zeiten, da ihre Herzen so zärtlich für einander schlugen! Das war ein unglücklicher Anfang ihres Ehelebens. Sie hatten ein- ander so sehr lieb und konnten sich doch nicht die geringste Ruhepause gönnen. Es war eine Zeit, in der alles ihnen zurief, wie glücklich sie sein inüßten, und doch brannte die Wunde in ihrem Herzen und schmerzte bei jedem Atemzuge auf das heftigste. Sie waren bis in die tiefste Tiefe ihrer Seele erschüttert, da ihre Liebe jetzt das heißersehnte Ziel erreicht hatte.— Durfte man es da unbescheiden nennen, daß sie nun um ein bißchen Ruhe für ihre Liebe flehten? Ihre Herzen hatten sich gleich den Blumen im Frühling geöffnet, und der mitleidloseste Winter überfiel sie nun. War je eine aufblühende Liebe also geknickt und zertreten worden? Ueber ihnen sauste herb und mitleidslos die Geißel des Mangels. Ani Morgen nach der Hochzeit weckte diese Geißel sie, als sie noch schliefen, trieb sie auf und rief sie vor Tages- anbruch zur Arbeit. Ona vermochte vor Mattigkeit kaum zu stehen, aber wenn sie ihre Stelle verlor, so waren sie ruiniert. Und sie würde die Stelle verlieren, wenn sie selbst an diesem Tage nicht pünktlich erschien. Alle mußten sie gehen, selbst der kleine Stanislovas, den der übermäßige Genuß von Würstchen und Sassaparillawurzeln krank gemacht hatte. Ten ganzen Tag stand er taumelnd an seiner Schmalz- Maschine: die Augen fielen ihm zu, trotz aller Gegenwehr, und er hätte seinen Platz beinahe verloren, weil der Aufseher ihn zweimal wecken mußte. Es dauerte eine ganze Woche, bis sie alle wieder ihr normales Aussehen hatten: mittlerweile war das Haus mit seinen heulenden Kindern und den verdrossenen Erwachsenen kein angenehmer Aufenthalt. Jurgis freilich verlor, wenn man alles in Erwägung zog, die Geduld um Onas willen nur in geringem Maße. Ona war ja so zart, eigeirtlich gar nicht für solch ein Leben geschaffen, und hundertmal ani Tage faßte Jurgis, wenn er an sie dachte, die Hände zusaninien und flog noch schneller an die Arbeit. Sie war zu, gut für ihn— Jurgis ängstigte sich fast, daß sie jetzt die Seine war. Er hatte so lange nach ihrem Besch gehungert, und nun, da die Zeit der Erfüllung gekommen war, fürchtete er, ein Un- recht begangen zu haben dadurch, daß er sie an sich gefesselt hatte. Daß sie auf ihn baut, ihm vertraut— hatte seineu Grund nur in ihrer Güte und war nicht sein Verdienst. Aber er wollte, daß sie das nie- erfahren sollte, und war deshalb immer ans der Hut, nichts von seinen schlechteren Eigen- schasten zu verraten. Auch durch Kleinigkeiten mühte er sich ab, selbst durch äußere Manieren, um sie ja nicht zu erschrecken. Er bezwang seine Gewohnheit, gleich zu fluchen, wenn die Dinge ihin nicht gefielen. Die Tränen kamen so leicht in Onas Augen, sie blickte ihn dann so flehend an. jurgis hatte jeden Tag neue weitgehende Entschlüsse, trotz alledem, was auf seiner Seele lastete. In dieser Zeit spielte sich mehr in Jurgis Gemllte ab als vorher in seinen, Leben. Er mußte seine Frau be- schützen, für sie kämpfen unter all den Schrecknissen, von denen er sie umgeben sah. Sie hatte nur ihn, und wenn er einen Fehltritt machte, so war sie verloren. Er mußte seine Arme um ihren zarten Körper legen und versuchen, sie vor der Welt zu verbergen. Er verstand jetzt den Lauf der Dinge um ihn. Das war ein Kampf aller gegen alle, und selbst der Teufel flriff in den stampf mit ein. Hier gibt man anderen Leuten keine Feste, sondern wartet, daß sie dir Feste zurichten. Du wandelst umher mit einem Herzen voll Haß und Argwohn. Du weißt, daß du von feindlichen Mächten umringt bist, die alle versuchen, dir das Geld aus der Tasche zu reißen, alles aufbieten, dich zu überrumpeln. Die Kaufleute schmücken ihre Fenster mit lügenhaften Auslagen, um dich zu ködern, die Zäune am Wege, die Laternenpfähle, die Telegrapheil- staugen sind mit Reklamelügen bemalt. Die große Fabrik, die dich beschäftigt, lügt dich an und belügt alle Welt. Von oben bis unten stellt sie nur eine gewaltige Lüge dar. Alles das hatte Jurgis selbst begriffen. Es schien ihm furchtbar, denn der Kampf war so häßlich— die anderen hatten bei ihm einen so großen Vorteil. Er zum Beispiel gelobte auf seinen Knien, daß er Ona vor jedem Kummer schützen wollte, und eine Woche später litt sie bitter— unter dem Schlage eines Feindes, den er wohl hätte abwehren können sFortsetzung folgt.) kleines femlleton. hl- Amerikanische Riescnwahlbankette. In der alten Welt sind .ltieienbirnkette im allgemeinen außer Mode gekommen. Dagegen lind solche �chmauscreien in Amerika nichts Ungewöhnliches, ins- besondere im Süden, wo zur Zeit einer Wahl jeder Kandidat seine Wahler auf jeinc Kosten reichlich traktiert. Diese Wahlbankette schildert ein Aufsatz in den„Lecturcs ponr Tous". Sie werden im Freien oder unter ungeheuren Zelten abgeritten; denn kein Saal konnte die Zahl der Teilnehmer fassen. Wurden doch in Shebn- ville(Indiana) im Jahre 1900 nicht weniger als 9000 Personen im westlichen New Uork 10 000 Personen, im Jahre 1904 in Arizona wgar 1Z 000 Personen zugleich bewirtet. Das Menu setzt sich aus Braten und Gemüse zusammen, und die erforderlichen Spcisemengen werden ,n solche» Massen vertilgt, daß mit dem Material eines Banketts eine belagerte Stadt verproviantiert werden könnte, �em Gastmahl Shcbyville fielen 50 Ochsen, 300 Schafe. 250 Schiveine 2000 Kilogramm Kartoffeln und 1200 Hektoliter Bier zum Opfer Wie ist es nun möglich, diese Rinder, Schiveine und Schafherden zu oraten? So große Küchen gibt es natürlich nicht, und so geht das Braten im Freien vor sich. Man zieht Gräben von etwa ein bis zwei Meter Breite und 60 Zentimeter bis ein Meter Tiefe und belegt sie mit einer dicken Schicht von Aestcn und Laubwerk Das ist der Herd. Das Vieh wird lebend zu dieser Ricsenküche getrieben und an Ort und Stelle geschlachtet und zerlegt: man teilt die Rinder in vier, Schafe und Schweine in zwei Teile. Tic Stelle von Bratspießen vertreten Aeste, die man von nahen Bäumen abschneidet und an beiden Seite» zuspitzt. Der Graben wird dann m,t dem aufgespießten Fleisch belegt. Auf ein Kommando des Küchenchefs wird das Astwerk im Graben angezündet, und die auf- schlagenden Flamnien treffen prasselnd die Fleischstücke, während eifrige Hände die Spieße drehen. Ilm das Gemüse zu kochen sind Topfe notwendig, die Asphaltkufcn bedenklich ähneln und die auf drei Füßen über niedrigen in die Erde gegrabenen Löchern auf- gestellt sind. Ist das Essen fertig, so wird es von Hunderten von Kellnern zu den Tischen geschafft, an denen die Gäste sitzen. Beim Bankett von Shcbyville nahmen diese Tische eine Strecke von 5700 Meter ein, 525 Kellner bedienten, 220 Köche und 80 Hnlfsarbeiter hatten das Essen zubereitet. In Arizona hatte man im Jahre 1904 eine Feldbahn um die Tische hcrumgcbaut, auf der kleine Waggons mit Speisen zirkulierten, so daß die Gäste nur den Arm auszustrecken brauchten, um sich selbst zu bedienen. Revolvcrschüsse zeigten einen neuen Gang an.— — Die ZebuS von Budapest. Der„Pestcr Lloyd" erzählt in einer seiner letzten Nummern das folgende charakteristische Stückchen: „Unser an Zelcbritäten der Tierwelt nicht überreicher Tiergarten besitzt einen Uebcrfluß an Zebus, welcher der Tiergartendirektion schon viele Sorge bereitete. Die Zebus sind nämlich mit großem Appetit gesegnet und verraten deutliche Neigung, das Defizit des Tiergartens durch die Erhöhung des Futterkontos auf gefahrdrohende Weise zu vergrößern. Es wurde deshalb beschlossen, die Zebus feil- zubieten, doch scheint die Zebuzucht in allen Tiergärten Europas wohlgeraten zu sein, denn die Versuche, die Zebus zu verkaufen, schlugen fehl. Unter solchen Uniständen wurden die Zebus in einer denkwürdigen Sitzung der Direktion des Tiergartens zum Tode verurteilt. Das Personal erhielt die Weisung, die Zebus, neun Stiere und acht Kälber ins Schlachthaus zu treiben und dort schlachten zu lassen. Die Veterinärbehörde der Haupt- und Residenz- stadt weigerte sich jedoch, dies zu erlauben, mit der Motivierung, es sei im Sinne der Lokalgcsctzc nur statthaft, Vieh im Schlachthause zu schlachten, ein Zebu sei zedoch kein Rindvieh, sondern eben nur ein— Zebu. Eine Fraktion der Stadtbchörde trat aber mit leiden- schaftlichcm Eifer für den Charakter der Zebus als Rindvieh ein, einer Abart zwar, aber einer legitimen, welche alle Merkmale der Charaktereigenschaften dieser populären und nützlichen Familie be- sitze, wenn es auch nicht ihren vollen Titel zu führen sich berühmen dnrse. Die städtischen Archive bewahren einen schweren Faszikel, in welchem diese aufregende Frage mit einem großen Aufwände von Geist und Gelehrsamkeit, aber auch von naturwissenschaftlicher Verbohrtheit verhandelt wird. Im letzten Beschlüsse siegte die orthodoxe Richtung, die für die reine Legitimität des Rindviehs eintrat, und die Zebus wurden aus dem Schlachthausc ausgewiesen — worüber die alten. Zebus, in ihrer Ehre verletzt, sich tief kränkten, während ein leichtsinniges Zebukalb vergnügt blötte: „Lieber als gewöhnliches Zebu leben, denn als vornchmes Rind- Vieh sterben..." Das geschah vor etwa drei Monaten. Und nun kommt die erschütternde Nachricht, daß die ganze Zebufamilie denn doch im städtischen Schlachthause vom Leben zum Tode gebracht werden soll. Welche Einflüsse hierbei mitgewirkt haben, welche Protektion sich geltend machte, wir wissen es nicht. Doch der Haß der Vertreter der Ochsenlegitimität verfolgt die unglücklichen Zebus bis über den Tod hinaus, denn der Magistrat der ungarischen Haupt» und Residenzstadt hat die Verfügung getroffen, daß die irdischen Ueberreste der Zebus nicht in den Fleischbänken ausgeschrotet werden dürfen, sondern in der Verkausshalle für sterilisiertes Fleisch, dort, wo man finniges Schweinefleisch gesund findet und— an das ärmere Publikum verkauft."— — Abwässer und Seewasser. Einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis der Wirkung der im Mccrivaffer enthaltenen Salze auf die Beschaffenheit der städtischen Abwässer(Fäkalien) lieferten die auf dem Gesundheitskongreß in Bristol veröffentlichten Unter- suchungen von Purvis und Coleman, über welche die„Technische Rundschau" die folgenden Mitteilungen macht: Die Forscher fanden, daß eine Chlornatriumlösung die Entstehung von freiem und albuminoidem Ammoniak im Abwasser anfänglich zu begünstigen schien, daß der Prozeß jedoch nicht weiter fortschritt und weder Nitrate noch Nitrite auftraten; ebenso war die Wirkung von Magnesiumsulfat und Magnesiumchlorid bemerkbar. Es wurde insbesondere beobachtet, daß durch Lösung dieser Salze, entweder für sich allein oder gemischt in dem Verhältnis, in dem sie im See- Wasser vorhanden sind, die Bildung von Nitraten und Nitriten ver- hindert war. Als Ergebnis der Versuche ist hervorzuheben, daß es direkt gesundheitsschädlich ist, die Abwässer ohne weiteres in das Secwasser zu führen. Der dann auftretende unerträgliche Geruch rührt von einer unvollständigen und langsamen Oxydation der ver- schiedenen organischen Bestandteile des Abwassers her. Letzteres sollte daher unter allen Umständen vorher filtriert oder sonst einem Bakterien vernichtenden Prozeß unterworfen werden.— Geschichtliches. a. e. Zur GeschPhle der Zivillist«. Weder das Zeit- alter der Despotie noch des Feudalismus kannten den Begriff „Staatshaushalt" und„Staatsfinanzen" in» heutigen Sinne. Auch die Errichtung von Reichstag und Parlament änderte an diesem Zustande nichts, solange Lehnsadel und Geistlichkeit in Deutschland und Frankreich herrschten. Alle Versuche der hochgekommenen Städte scheiterten in dieser Beziehung. Anders war dagegen der Lauf der Entwickelung in England. Auch hier bestand anfänglich daS Parlament nur aus Hochadel und Geistlichkeit. Dann aber spaltete sich beim Eintritt von Kleinadel und Bürgertum dieses in Ober- und Niiterhaus, und die sogenannten„Gemeinen", deren Ansehen anfänglich im Parlamente so gering war, daß sie nur knieend sprechen durften, gewannen gar bald an Ansehen und Macht. Nicht am wenigsten durch die Geschicklichkeit, mit der sie jederzeit den unaufhörlichen Geldanforderungen des englischen Königtums entgegenzutreten und den Daumen auf den Staatsgeldbeutel zu drücken wußten. Schon die im Jahre 1215 auf dem stürmischen Reichstage von Nunemede errungene Magna Charta beschrünkte daS Verfügungsrecht des englischen Königtums über die Geldbeutel der englischen Bürger. Zunächst jedoch nur auf dem Papiere. Denn als 1241 die engliichen Barone, aus denen damals das Parlament noch ausschließlich bestand, Heinrich III. die verlangten Gelder abschlug, nah», er einfach auf seinen Dominialbesitzungen und in den Städten Extrasteuern auf, tvobei er von London allein 1500 M. Silber erpreßte— zwar versprach Eduard I., von den Städten und den Dominialvasallen in Zukunft Steuern ohne Ermächtigung deS Parlaments nicht mehr zu erheben, aber erst Eduard III. fügte sich diesem Versprechen. Er und seine Nachfolger schrieben daher keine Zwangssteuern. wohl aber Zwangsanleihen aus. Darüber hatten sie nichts versprochen. Unter Richard II. niußten 1380 alle Bewohner der Stadt Boston, deren bewegliche und unbewegliche Habe 30 Pfund Sterling betrug, einen Beitrag zu denjenigen 200 Pfund leisten, welche die Stadt dem Könige leihen mußte. Zur patriotischen Aufmunterung der Bostoner hieß es in dem Ausschreiben, daß wer der Aufforderung zur Zahlung nicht Folge leiste,„Leben, Glieder und Eigentum verwirkt haben lolle"— Parlament und Bürgertum war feige genug, diesen AuS- schreitungen gegenüber zu ducken. Ja, als die Gemeinen 1408 Richard II. wegen der übermäßigen Verschwendung seiner Hofhaltung, der Menge der daselbst schmarotzenden Bischöfe und Frauenzimmer getadelt hatten, und Richard II. einen derartige» Tadel als Hochverrat er- klärte, war wirklich das Parlament erbärmlich genug, den Einbringer dieses Tadelsvotums. Thomas Haxly, wegen Hochverrates zum Tode zu verurteilen. Nur seine Priestereigenschaft rettete ihn damals vor der Hinrichtung. Unter Heinrich IV. kam das Parlament wenigstens so weit, daß es Steuern und Abgaben, z. B solche auf Häute und Wolle, nur mit der ausdrücklichen Bestimmung bewilligte, daß diese Gelder zur Verteidigung des Königreiches und zu keinem anderen Zweck benutzt werden durften. Um diesen Beschluß auch durchznfübren, ernannte das Parlament zwei Schatznicister, Ivelche die bewilligten Gelder erbeben und aus- geben und über die Verwendung Rechenschaft ablegen mußten. Als LaS Parlament auch die beliebten Zwangsanleiben dem englischen Tönigwme unmöglich gemacht hatte, half sich dieses durch die Ver- schleuderuug der Krondomänen und der Ablösung der Lehnspflichteiu Und zwar mit einem solchen Erfolge, datz unter der Regeulschaft Heinrich VI. die jährlichen Ausgaben der Hofhaltung 24 000 Pfund Sterling, die Einnahmen aus den Krondomänen aber nur KOOO Pfund Sterling betrugen. Heinrich Vll. brachte zwar durch Güterkonfiskation den fünften Teil des Königreiches wieder in seinen Besitz und Heinrich Vitt, plünderte das reiche Kircheneigeiltum, aber die Stuarts verwüsteten die Krondomänen wieder derartig, dafi unter Jakob I. 1617 sich deren Einkünfte nur noch auf 80000 Pfund Sterling beliefen. Damit kam das Königtum natürlich nicht aus. Karl I. verbrauchte von 1637—41 jährlich 900 000 Pfinrd Sterling, darunter mindestens jährlich 200 000 Pfund erpreßte und widerrechtliche Eimrahiuen, Karl II. pro Jahr 1 200 000 Pfund und Jakob H. gar die für die damalige Zeit im- geheuere Summe von 2 000 000 Pfund. Unter Wilhelm III. 1689 entschloß sich endlich das Parlament ?,u einem entscheidenden Schritte, der vollständigen Trennung der Staatsansgaben von den Privatbedürstüsien des Königtums, dein ein bestimmtes, festes Einkommen überwiesen wurde, und damit zur Einführung der Zivilliste im modernen Sinne. Die damals am Ruder befindlichen Whigs hingen Wilhelm III. den Brotkorb dabei Ivesentlich höher als Jakob II., denn sie bewilligten ihm statt der 2 000 000 Pfund nur ein Ausgabe- fixum von 1200 000 Pfund. Von dieser Summe durfte er die Hälfte für die Bedürfnisie seiner Hofhaltung verwenden, die andere diente für Ausgaben des LandheereS und der Seemacht und war über deren Verwendung dem Lande und dem Parlamente genaue Rechnung zu legen. Die Bewilligung dieses Fixums geschah zunächst immer nur für ein Jahr, mit Ausnahme der Einnahmeposten aus Akzise und Trankstener, die ihm lebenslänglich, und denjenigen der Zölle, die ihm ans vier Jahre bewilligt waren. Die Krondomänen, die zu gleicher Zeit als unveräußerlich erklärt wurden, standen dabei mit 100000 Pfund in Rechnung. Erst nach acht Jahren erhielt Wilhelm III. die Zivilliste auf 700 000 Pfimd erhöht, und zwar diesmal auf Lebenszeit. Von 1688—1702 erhob so der erste Inhaber einer Zivilliste die Summe von 3 880 606 Pfund oder 178 Millionen Mark. Auch über die Zivilliste selbst mußte damals wohl Rechnung gelegt werden, denn eine Gefamtaufftellimg aller Ausgaben derselben befindet sich in den Parlamentsakten. Es zeigt sich dabei, in welch enger Ver- bindung schon damals das englische Königtum zu Handel und Börse stand. Denn unter diesen Ausgaben stehen 36 000 Pfund für den Ostindienhandel. Mit je tOOOO Pfund war der König an der Banl für England und an der oftindische» Handelskompagnie beteiligt. Aber auch sonstige Geschäftchen wurden nicht verschmäht, denn ein- mal erscheint der König von England als Teilhaber einer schwedischen Kleiderlieferung mit 12 000 Psirnd.— Medizinisches. ie. Hirngeschwülste. Eine hervorragende Errungen- schuft der modernen Heilkunde ist die medizinische und chirurgische Behandlung der Hirngcschwülste. Eine Uebersicht über die Fort- schritte auf diesem Gebiet hat Dr. Brush in der letzten Versamm- lund der„Medizinischen Vereinigung" von New Dork gegeben, wo- selbst ungefähr 70 Fälle beschrieben und zur Beurteilung heran- gezogen wurden. Die Patienten standen im Alter zwischen sechs Monaten und 72 Jahren; die meisten waren zwischen 20 und 50 Jahren alt. Die Zahl der männlichen Kranken war etwas im Uebergewicht. In 75 Proz. der Fälle konnte die Ursache der Er- krankung nicht festgestellt werden, in fünf Fällen waren die Ge- schwülste tuberkulös, sechsmal war Syphilis nachweisbar, zweimal wurde der syphilitische Charakter der Geschwülste erst nach dem Tode festgestellt. Leider niachen sich die Anzeichen einer Hirn- geschwulst meistens nur sehr allmählich geltend. Es kommt bor, daß sie erst nach vier, fünf oder zehn Jahren in die Erscheinung treten. Krampfartige Anfälle gehören zu den frühesten Merk- malen; sie sind entweder allgemein oder auf einzelne Körperteile beschränkt. Ebenfalls häufig treten Sehstörungcn ans, die gleichfalls zu den frühen Erkennungszeichen gehören. Im übrigen sind Hirn- geschwülste meistens von Kopfschmerzen, Erbrechen, Schwindel, halbseitiger Lähmung, oft auch von geistigem Verfall begleitet. Die meisten Geschwülste befanden sich in den Teilen des Gehirns, von denen aus die willkürlichen Körperbewegungen beherrscht werden. Die einzigen Medikamente, die sich bei Hirngeschwülsten als wirksam erweisen, sind Onecksilber, Jodiu und Arsenik. Wenn Quecksilber-� und Jodinbehandlung eine Besserung herbeiführt, so ist doch die syphilitische Natur der Krankheit noch nicht sicher. Wenn nach einigen Wochen keine Befierung eintritt, so muß, vorausgesetzt, daß die Geschwulst für den Chirurgen erreichbar ist, zur Operation geschritten werden. Führt die ärztliche Behandlung zu keiner Ge- nesung, so kann doch mit den Mitteln der modernen Heilkunde manche Linderung verschafft werden.— Physiologisches. t. Der Einfluß von Kaffee, Tee und Kakao auf die Magentätigkeit. Um die Wirksamkeit unserer üblichen Getränke, Kaffee, Kakao und Tee auf die Magensaft- ausscheidung festzustellen, sind in der experimentell biologischen Abteilung des königl. Pathologischen Instituts der Berliner Universität Versuche an Tieren angestellt worden, die zu inter- essanteu Ergebnissen geführt haben. Nach einer Mitteilung des Dr. Pincnssohn in der„Frankfurter Umschau" steigert der Kaffee die Absonderung des Magensaftes in hohem Grade. Da das Vor- handensein einer reichlichen Menge Magensaft für den leichten Ab- lauf der Verdauung die notwendige Voraussetzung ist, so muß nach diesem Experiment der Genuß einer Tasse Kaffee nach reichlichen Mahlzeiten sehr wohltuend sein, loas auch von der täglichen Er- fahrung bestätigt wird. Der Malzkaffee hat eine ähnliche, wenn auch schwächere Wirkung. Der Tee hingegen fördert die Ab- sonderung des Magensaftes nicht, sondern übt auf sie einen hemmenden Einfluß aus. Die Wirkung des Kakao ist eine der- schiedene, je nach seinem Fettgehalt. Die Versuche tun dar, daß die Absonderung des Magensaftes durch den Genuß von fettarmem Kakao gesteigert wird, und zwar in einem so hohen Grade, daß die Wirksamkeit des Kakao derjenigen des Kaffees gleichgestellt werden kann. Fettreicher Kakao hat eine viel weniger berdauungs- fördernde Wirkung, da das Fett auf die Sekretion einen hemmenden Einfluß ausübt.—_ Technisches. — Kohlensäure und E i s e n r o st. lieber den Einfluß der Kohlensäure auf das Rosten des Eisens hat Gerald Moody interessante Versuche augestellt, die, wie der„Prometheus" nach „The Engineer" mitteilt, beweisen, daß der Einfluß des Wassers und der Luft von viel geringerer Bedeutung ist, als der der Kohlen- säure. Blanke, mit Wasser benetzte Eiscnstücke wurden in einem Räume längere Zeit aufbewahrt, dessen Luft auf das sorgfältigste durch Aetzkali und Natronkalk von Kohlensaure befreit war. Nach sechs Wochen erschien das so behandelte Eisen noch so blank, wie es zu Beginn des Versuches gelvescu war. Hingegen zeigten die gleichen Eiscnstücke in einem Luftstrome, der die gewöhnliche Menge Kohlensäure enthielt, schon nach sechs Stunden deutliche Spuren von Rost und nach 72 Stunden, nachdem 16 Kubikdezimeter Luft den Versuchsraum durchstrichen hatten, war die ganze Ober- fläche der Versuchsftücke stark angefressen. Aus seinen Versuchen zieht Moody den Schluß, daß bei der Prüfung von Rostschutzmitteln besonders darauf zu achten sei, welchen Widerstand sie der Kohlen- säure zu bieten vermögen.— HnmoristischeS. — Erklärung.„Mieze, was ist das, ein— Schismatiker?" „Weißt du, wahrscheinlich ein Mathematiker, der— durchgefallen ist?"— — Verschnappt. Besucher(im Weinkellers:„Na. zwanzig verschiedene Sorten haben Sie doch gewiß hier zu liegen!" Weinhändler(verächtlich):„Zwanzig Sorten, die sind manch- mal in eine»» einzigen Faß drin!"—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Eine Gedächtnisfeier für Heinrich Hart wird am 25. November, vormittags ll'/z Uhr, im Deutschen Theater veranstaltet werden.— — Herbert Eulenbergs Märchenstück„Ritter Blau- bart" wird die nächste Novität des Less ing- T h e at ers sein. — Ein neues Bühnenstück Leo Greiners„Die Herzöge von Genua" ist vom Deutschen Theater angenommen worden. Die Aufführung soll in der nächsten Spielzeit stattfinden.— — Ein gut erhaltener Tizian ist in Cirta bei Turin aufgefunden worden; das Gemälde ist ein Porträt und stellt Andrea Daria dar.— — Im Palast der P ä p st e in A v i g n o n, der länger als ein Jahrhundert als Jnfanteriekaserne diente, wird dieser Tage mit den Restaurierungsarbeiten begonnen werden.— — Der Preis des Thorinni Nitrates, welche? in großem Maßstabe in der Glühstrumpffabrikation Verwendung findet. ist. wie wir im„Prometheus" lesen, in zwölf Jahren um nicht weniger als rund 99 Proz. gesunken. Im Jahre 1894 kostete ein Kilogramm Thoriumnitrat noch 2000 M.; schon im Januar 1895 war es um 900 M. zu haben, im Juli desselben Jahres war der Preis schon auf 500 M. und im November auf 300 M. gefallen. DaS Iah« 1896 brachte eine weitere Preisreduktion auf 150 M. im Mai und auf 90 M. im Oktober. 1899 fiel das Thoriumnitrat ans 30 M. für da? Kilogramm, ein Preis, der bis zum Mai 1904 ziemlich iniverändert blieb. Daun stieg der Preis wieder ans 53 M. und hielt sich auf dieser Höhe bis zum Januar dieses Jahres; seit dieser Zeit ist ein Kilogramm Thoriumnitrat um 23 M. zu haben.— — Einer, der nicht fliegt! Der„Franks. Ztg." sandte dieser Tage ein Leser, der Zeppelins erste AuMege am Bodensee mitangesehen hat, folgenden Anfichtskartenvers: Zeppelin siegt! Die Menschheit fliegt Wie der Sonnengott Zum Sonnenlicht— Nur P o d Fliegt nicht! Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaiiftalt Paul Singer&Co..Berlin SW.