Nnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 203� Freitag, den 19 Oktober. 1996 (Nachdruck verboten.) 141 Der Sumpf« Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebcrsetzung. Eines Tages floß Regen in Strömen. Es war im Dezember, und so einen ganzen Tag mit nassen Kleidern in Browns Keller zu sitzen, war keine Kleinigkeit. Ona besaß keinen Regenmantel und keine Gummischuhe. Deshalb setzte Iurgis sie in einen Straßenbahnwagen. Nun wollten aber die Eigentümer der Bahn recht viel Geld verdienen, und äls die Stadt an sie das Verlangen stellte, Umsteigckarten auszugeben, ärgerten sie sich dariiber. Zuerst stellten sie des- halb die Regel auf, daß die Umsteigekartcn an die Fahrgäste ausgegeben wiirden, wenn das Fahrgeld bezahlt war, und schließlich stellten sie noch ein schikanöses Reglement auf. Die Fahrgäste mußten nämlich den Umsteigeschein verlangen; dem Kondukteur war verboten, ihn anzubieten. Nun hatte Ona gehört, daß sie eine Unisteigekarte haben mußte, aber es lag nicht in ihrem Wesen, sie zu fordern, und so wartete sie ab und wunderte sich nur über den Kondukteur. Erst als sie aussteigeu mußte, bat sie um den Umsteigeschein und erhielt eine abweisende Antwort. Da sie nicht wußte, was sie nun machen sollte, begann sie mit dem Kondukteur zu verhandeln, aber in einer Sprache, von der er kein Wort verstand. Nachdem der Kondukteur Ona ein paarmal ge- warnt hatte, zog er die Glocke und der Wagen fuhr weiter. Ona brach in Tränen aus. An der nächsten Ecke stieg sie selbstverständlich aus, aber da sie kein Geld mehr hatte, so mußte sie den Weg nach den Höfen bei strömendem Regen zu Fuß machen. So saß sie den ganzen Tag frierend im Keller und kam abends zähneklappernd und mit Schmerzen im Kopf und im Rücken heim. Während zweier Wochen litt sie furchtbar und mußte sich doch jeden Tag zur Arbeit schleppen. Die Aufseherin war besonders streng gegen Ona, da sie die junge Frau für wider- spenstig hielt, weil ihr der freie Tag nach der Hochzeit abge- schlagen worden war. Ona aber glaubte andererseits, der Aufseherin gefiele vielleicht nicht, wenn ihre Mädchen heirateten, wohl weil sie selbst häßlich, alt und unverheiratet luar. So stellten sich mancherlei Ereignisse ein, bei den der Zufall gegen sie war. Auch die Kinder fühlten sich hier nicht so wohl wie in Litauen. Wer unter ihnen konnte denn ahnen, daß sich kein Abzugskanal in ihrem Hause befand und daß die Senkgrube in 15 Iahren nicht ausgeleert war? Wer konnte wissen, daß die blasse Milch, die sie an der Ecke kauften, ge- wässert und zugleich mit einem künstlichen Konservierungs- mittel versetzt war? Wenn in Litauen die Kinder erkrankten, so hatte Teta Elzbieta Kräuter für sie gesammelt und sie da- mit kuriert: jetzt mußten sie nach der Drogerie gehen und Extrakte kaufen. Wie aber konnten sie wissen, daß diese Extrakte alle verfälscht waren? Wie konnten sie heraus- bekommen, daß ihr Tee und ihr Kaffee, ihr Zucker und ihr Mehl mit Gott weiß was gemischt, daß ihre Büchsenbohnen mit Kupsersalz gefärbt waren und die Marmeladen mit Anilin? Aber selbst, wenn sie es gewußt, wo hätten sie andere Sachen kaufen sollen? Der bittere Winter kam, und sie mußten Geld sparen, um Kleider und Betten zu kaufen. Und doch half das Sparen zu nichts, denn sie konnten doch nichts finden, was wirtlich warni hielt. Alles Zeug in den Läden war auS Baumwolle und Shoddy gemacht, also von Lumpen. Wenn sie höhere Preise bezahlten, so konnten sie ja wohl äußerlich hübsche Sachen bekommen, oder aber auch betrogen werden: wirklich gute Qualität bekam man hier nicht für Geld und gute Worte. Ein junger Freund Szedvilas, der gerade vom Ausland gekommen, erzählte mit Vergnügen einen Kniff, mit dem er einen vertrauensvollen Landsmann betrogen hatte. Der Kunde hatte eine Weckuhr zu kaufen gewünscht, und der Kommis hatte ihm zwei ganz gleiche ge- zeigt und ihm gesagt, die eine koste 1 Dollar, die andere 1 Dollar 75 Cent. Auf seine Frage, worin der Unterschied bestände, lmtte der Mann einfack» die erste halb und die zweite ganz ausgezogen und darauf aufmerksam gemacht, daß die zweite doppelt so viel Lärm machte. Darauf hatte der Kunde dann gemeint, weil er einen sehr tiefen Schlaf hätte, so wolle er lieber die teure Uhr nehmen.— Es gibt einen Dichter, der singt: Oggpsr tboir bsvrt grows and nobler their bearing, Whose youth in the fires of anguish hath died.*) Aber es ist nicht wahrscheinlich, daß er damit die Angst gemeint hat, welche so unendlich bitter und grausam ist und doch so häßlich und so kleinlich, so demütigend— die mit der Not kommt ohne den leisesten Anstrich von Würde oder nur Pathos! Das ist eine Angst, mit der die Poeten gewöhnlich nicht rechnen, denn der Ausdruck dafür ist ihnen nicht gegeben. Von dieser Angst wird in feinen Kreisen nicht gern gesprochen. Wie kann denn auch ein Dichter hoffen, Syinpathie bei Liebhabern schöner Literatur zu erlangen, wenn er davon erzählt, wie eine Familie ihr Heim voll Ungeziefer sindet?i Wenn er alle die Leiden und Unannehmlichkeiten, alle die Demütigungen schildert, die den Leuten dadurch entstehen? Und wenn er um das schwererworbene Geld klagen wollte, das sie fortwerfen müssen, um davon befreit zu werden? Nach langem Zögern und Zweifeln zahlen sie 25 Cent für ein dickes Paket Insektenpulver— ein patentiertes Präparat, das sich in der Hauptsache als Gips herausstellt und kaum 2 Cent wert ist. Selbstverständlich hat es nicht die geringste Wirkung, außer für gierige Natten, die das Unglück hatten, Wasser zu saufen, nachdem sie es verschluckt und sich den Magen dadurch vergipsten.— Die Familie aber, welche die Fälschung nicht ahnt und kein Geld mehr wegzuwerfen hat, kann weiter nichts tun. als sich darein ergeben und auch dieses Elend zu ertragen. Da war der alte Antanas! Der Winter kam, und der Platz, wo er arbeitete, war ein dunkler, ungeheizter Keller, wo du alle Tage deinen Atem sehen konntest und deine Finger erfroren! Des alten Mannes Husten verschlimmerte sich täglich, bis eine Zeit kam, da er eine Plage für seine Mitarbeiter wurde. Später traf ihn noch etwas viek Schreck- licheres. Er arbeitete an einer Stelle, die mit Säuren ge- tränkt war, und es dauerte nicht lange, so hatten diese seine neuen Stiefel zerfressen. Dann brachen Geschwüre an seinen Füßen auf und wurden schlimmer und schlimmer. Ob sein Blut nicht gut war oder er sich geschnitten hatte, war nicht festzustellen. Er fragte dann seine Mitarbeiter um Rat und erfuhr, daß es sich um ettvas ganz Gewöbnliches handelte— es kam vom Salpeter. Jeder hatte darunter zu leiden, früher oder später. Und dann war es für ihn, wenigstens mit dieser Arbeit, vorbei. Die Geschwüre würden nicht heilen, und wenn AntanaS nicht fortginge, würden ihm die Zehen abfallen. Der alte Antanas wollte nicht fortgehen: er sah die Leiden seiner Familie und wußte, wie schwer es hielt, andere Arbeit zu bekommen. Deshalb umwickelke er seine Füße und humpelte hustend umher, bis er wie ein abgetriebenes Pferd zusammenbrach. Sie trugen ihn auf eine trockene Stelle und legten ihn auf den Fußboden. Abends waren ihm zwei Männer beim Nachhausegehen behülflich. Der arme alte Mann tvurde zu Bett gebracht, und obgleich er bis zuletzt jeden Morgen versuchte, aufzustehen— er vermochte es nicht mehr. Er lag da und hustete, hustete Tag und Nacht und magerte zu einem Skelett ab. Es kam eine Zeit, da hatte er so wenig Fleisch, daß die Knochen durch die Haut kamen, was schrecklich anzusehen war. Und in der einen Nacht bekam er einen Blutsturz— ein Strom von Blut schoß aus seinem Munde. Ganz entsetzt vor Schrecken schickte die Familie nach dem Arzte und bezahlte einen halben Dollar, nur um dafür zu erfahren, daß hier nichts mehr zu machen iei. Der Doktor sagte das nicht in Hörweite des alten Mannes, denn dieser klammerte sich immer noch an die Hoffnung, daß ihm morgen oder übermorgen besser sein würde und er dann zur Arbeit gehen könnte. Seine Gesellschaft hatte bestellen lassen, daß die Stelle für ihn freigehalten würde— oder vielmehr Jurgis hatte einen Mann gebeten, diese Botschaft auszu- richten. Tede Antanas glaubte daran, obwohl noch weitere vier Anfälle kamen. Eines Morgens fanden sie ihn steif und kalt. Ihre Lage war eine sehr traurige und, obgleich Teta Elzbictas Herz beinahe darüber brach, sie waren gezwungen, auf eine nur *) Wärmer schlägt das Herz, größer wird die Würde, Wem die Jugend starb in Gluten der Angst. einigermaßen anständige Begräbnisfeier zw verachten. Sie hatten nur ein Pferd und einen Wagen für die Frauen und Mnder, und Jurgis, der in solchen Tingen von rascher Auf- fassung war, gab den ganzen Sonntag dran, um den Preis für Pferd und Wagen zu feiljchen, und tat das sogar iin Beisein von Zeugen, damit der Mann ihn nicht doch nachher noch übervorteilen konnte. Fünfundzwanzig Jahre lang hatten der alte Antanas und sein Sohn in den Wäldern zusammen yclebt! es war hart, auf diese Weise zu scheiden. Aber Jurgis mußte seine ganze Aufmerksamkeit darauf richten, daß ihn das Begräbnis nicht ruinierte. So fehlte ihni die Zeit, sich in seinen Kunimer und in seine Erinne- rungen zu versenken. Nun war der furchtbare Winter gekommen. Im Sommer kämpfen die Bäume in den Wäldern ums Licht, und wenn sie nicht genug bekommen, so sterben sie. Wenn dann die wilden Stürme, Schnee und Hagel hereinbrechen, so werdeil die trockenen Zweige abgebrochen und auf den Boden ge- warfen. So war es auch in Packingtown. Ter ganze Distrikt bereitete sich aus den Todeskampf vor, und die, für welche die Zeit sich erfüllt hatte, wurden in Scharen nieder- geworfen. Das ganze Jahr über hatten sie als Teilchen der großen Zahnradmaschine gedient— nun kam die Zeit, daß die Lücken ausgebessert werden mußten. Lungenentzündung und Influenza grassierten und ergriffen die Schwachen. Das Ende brach heran für alle Tuberkulosen.� Unter Grausen nahte der Winter, eisig, mit schneidenden Winden und Schnee- schauern— den schwachen Muskeln, dem verdorbenen Blut als Todescngel. Früher oder später kam der Tag, an dem der Schwache bei der Arbeit zusammenbrach,— und er kam— ohne Zaudern— ohne Fragen und Bedauern— und brachte neue?lussicht für eine andere Arbeitshand. Zu Tausenden waren die neuen Hände da. Alle Tage waren die Tore der Schlachhäuser von hungernden, bettel- armen Menschen belagert. Tatsächlich von Tausenden!— Sie kämpften miteinander um eine Arbeitsstelle. Frost und Schnceschauer hielten sie nicht ab, sie waren immer da; sie kamen zwei Stunden vor Sonnenaufgang— eine Stunde, ehe die Arbeit überhaupt begann. Die Gesichter erfroreil ihnen zuweilen oder ihre Hände und Füße', zuweilen erfroren sie ganz, und doch kamen sie. Wohin sollten sie sonst auch gehen? Eines Tages forderte Durham in der Zeitung 20(1 Männer auf, für ibn Eis zu hacken, und den ganzen Tag über kamen die Heimatlosen und Darbenden der ganzen Stadt durch den Schnee getrottet. Fünfhundert drängten sich in der Nacht in dem Stationshause des Viehhäuser- Distrikts. Sie füllten die Rälime, schliefen einer in des an- deren Schoß oder standen gedrängt in den Gängen bis die Polizei die Türen schloß und die anderen draußen frieren ließ. Am Morgen, vor Tagesanbruch, waren 3000 da, die Polizeireserven mußten antreten, um den Andrang s&u bändigen. Dann tvählten Durhams Ausseher zwanzig der Stärksten aus dem Haufen aus. Die„200" waren ein— Druckfehler! Vier oder fünf Meilen von der Ostscite entfernt lag der See, über den die scharfen Winde dahinrasten. Manch- mal fiel zur Nacht das Thermometer auf zehn oder zwanzig Grad unter Null, und der Schnee lag in den Straßen bis zum ersten Stockwerk. Tic Wege, auf denen unsere Freunde zur Arbeit gehen mlißtcn, waren ungepflastert und voll tiefer Löcher und Kuhlen. Wenn es im Sommer stark regnete, mußte ein Mann häufig bis zum Rumpf iin Äaffer waten, um ins Haus zu kommen, und jeht im Winter war es wahr- haftig kcill Vergnügen, durchzukommen, besonders vor Tages- grauen und nach Einbnich der Nacht. Sie wickelten sich in alte Kleider, die sie noch besaßen, aber gegen die ftirchtbare Külte half kein Einwickeln. Manch einer von den Männern wllßte im Kampf gegen die Schneewehen unterliegen— er legte sich hin und schlief ein. lind wenn eS schon schlimm für die Männer war— wie viel schlimmer war es siir die Frauen und Kinder! Einige doil ihnen fuhren hin mit der Bahn, aber wenn man nur 8 Cent in der Stunde verdient, wie der kleine Stanislovas, wendet man nicht so viel an. um zwei Meilen zu fahren. Die Kinder liefen zu den Höfen, große Tücher um die Ohren gewickelt, kaum daß man sie in allem Zeuge finden konnte. Trohdcm kamen einige von ihnen jämmerlich um. An einem bitterkalten Morgen im Februar kam der Knabe, der mit Stanislovas an der Schmalzmaschine arbeitete, eine Stunde zu spät und weinte vor Schmerzen. Sie wickelten ihn aus, und die Männer rieben ser-.e Ohren, diese waren aber schon so steif gefroren, daß sie sofort abfiele». Bei diesem Anblick bekam der kleine Stanislovas eine derartigen Schrecken vor der Kälte, daß er halb verrückt wurde. Jeden Morgen, wenn es Zeit für ihn war, nach den Höfen zu gehen, schrie und jammerte er. Niemand konnte mit ihm etwas anfangen, denn Schelte machten es nur noch schlimmer— es war etwas, was der Jrmge einfach nicht besiegen konnte. Zuweilen fürchteten sie, er würde Krämpfe bekommen. Zuletzt wurde beschlossen, daß er immer mit Jurgis fortgehen und heim- kommen sollte. Und oft, wenn der Schnee zu tief war, trug Jurgis das Kind auf den Schriltern. Zuweilen mußte Jurgis bis spät in die Nacht hinein arbeiten, dann war das Elend groß. Nirgends gab es da einen Platz für Stanislovas zum Warten, er kauerte in einer Ecke des Torweges, der zu den Schlachtbänken führt, wenn er etwa einschlief, so konnte er erfrieren. lFortsctzung folgt.) (Nachdruck vcrboien) „Die ein Volksroman. Anna Croissant-Rust war längere Zeit still. Damals, als der Naturalismus aufkam, ließ sie sich öfter vernehmen. Und sie paßte vorzüglich mit all ihren Arbeiten in das Neue hinein. Es war Echt- heit in ihnen. Frisches Erfassen, eigene und scharfe Beobachtung, Natürlichkeit der Sprache. Und man spürte, daß sie zu beleben wußte, daß sie nicht im Abllatsch stecken blieb, daß fie auf Perspektiven ausging. So begrüßte man ihre Skizzen, so trug man von ihnen etwas mit in den Tag, das mehr als ein Bild, das etwas Person- licheS von der Dichterin war. Ja diesem Persönlichen aber zu- gleich auch etwas von ocm Stamm, dem diese Arbeiten angehörten, eine Herbheit und ein« gewisse urwüchsige Härte, die manchmal gar nicht fraulich zu sein schienen. Dabei iii Anna Croissant-Rust, man kanns schon am Namen merken, ein Kind der Hordt, aus dem schönen Dürkheim, wo eigentlich das Leben keinen harten Klang hat, wo ein Einschlag deS Französischen einerseits, andererseits der Reichtum des Landstriches eine Weichheit und Molligkcit er- zeugt haben, die, wie mir immer schien, einer geistigen Eigenart im Wege waren. Die Hardt ist sonderbarerweise in unserem geistigen Leben ziemlich zurückgetreten. Anna Croissant-Rust lebte daUn längere Jahre in Ludwigshafen. Sie sah zu den scharfen Linien ihrer Hcimatberge hinüber, fie hatte sie nahe. Aber ich kann mich nicht erinnern, daß diese Nähe zu der engeren Heimat nun in ihr fruchtbar geworden wäre. Wenigstens in nichts Größerem, wenigstens nicht in einer eigenartigen und speziellen Ausprägung. Das eigentliche Bayern, scheint mir, regte sie mehr an. München war ihre literarisch« Heimat, wie wir sie ganz und gar zu der Gruppe der Müncheiier der 80er Jahre zählen dürfen. und wie gesagt, stc schwieg lange. Nun kam„Die N a n n"(Stutt- gart, Deutsche Verkagsanftalt) von ihr. Sie ist in die tiroler Berge gegangen und hat gefunden, waS sie zur Gestaltung an- regte und hat hier Gestalten gefunden, in denen sich ihr eigenes literarisches Gepräg« charakterisiert. Sie ist gewachsen, sie hat scharfe und deutliche Züge, sie hat ihre Physiognoiiiie ausgebildet. Sie hat einen vorzüglichen Volksroman geschaffen. Als Gustav Frey tag sein«Soll und Haben" schrieb, setzte er ein Motto auf das Titelblatt, das einer Forderung Julian Schmidts, des Literarhistorikers itad Mitherausgebers der«Grenzboten", war, nämlich, daß der Roman den Menschen da suchen müsse, wo er zu finden sei, nämlich bei der Arbeit.«Soll und Haben" sollte ein Bolksroman sein und war eS in seiner Art auch. Das Motto charakterisierte ihn gleich als solchen. Und er gehörte als solcher seiner Zeit an und hatte für sie und die in ihr wurzelnden Kreise seinen Realismus, seine Wahrheit und Wirklichkeit, wenn wir Heutigen auch gleich einer besonderen Einstellung bedürfen, diese Wege zu gehen. Schon die Forderung, daß daö Volk bei der Arbeit gesunden werden müsse, mutet unL selbstverständlich an. Wo anders? Die Arbeit muß viel weniger eine Selbstverständlich- leit gewesen sein als heute, wem, eine Forderung für sie nötig war. Und fie war eS eben auch weniger— für den Roman! Die Forderung war neu, neu wenigstens in dem besonderen Sinne der Arbeit, daß das Geschäftliche, daS Gefchäftsleben zum vorwiegenden Inhalt einer Romandichtung gemacht wurde, statt höchstens eine Beziehung, statt einen vagen Hintergrund für die Dichtung und ihre Handlung abzugeben. Wir haben, einmal dadurch, dasj wir durch den Naturalismus hindurchgeganacn sind, andererseits durch die Entwickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Lebens und die dominierende Stellung, die diese Verhältnisse in unserer Gegenwart sowohl wie auch für die Wciterentwickelnng im all- gemeinen und die Stellung deS Menschen im besonderen gewonnen haben, die alte Forderung erweitert und sagen, der Romair soll den Menschen so zeigen, wie er in seinen Verhältnissen steht, wie er durch diese Verhältnisse bedingt, im Leben steht. Ter Roman soll den Menschen so zeigen, wie er Produkt all seiner Verhältnisse ist, aber auch, und hler ist die Perspektive, wie er auf die Ver- Hältnisse seiner Umgebung und seines engeren persönlichen Kreises zurückwirkt. Wir verlangen eine intensive Bcwurzelung. Und wir verlangen mehr: wir verlangen ein deutliches Herausheben des Besonderen in der einzelnen Gestalt, in einzelnen Gestalten, damit das Allgemeine nur um so deutlicher wird.«Greife nur das Besondere heraus und stelle das Allgemeine darin dar," forderte Goethe. Tarin haben wir einen weiteren Schritt über den bloßen RaiuraliLmuS hinaus getan. Nicht mehr im Besonderen stecken ibleiben. Erreicht wuroe es bisher hauptsächlich im Episodischen. Gesteigert wurde es dann sclbftverjtändlich in der Tendenz(man darf hier nur an„Andreas Vöst" von Ludwig Thoma erinnern, um etwa im gleichen landschaftlichen Gebiete mit der„Nann" zu bleiben). In der„Rann" ist auch die Tendenz überwunden. Wäre der Einschlag modernen Lebens stärker, so könnte in ihr eine Typisicrung erreicht sein, der den Roman ganz hoch stellte. Aber der Einschlag des spezifisch modernen Lebens fehlt. Stofflich natürlich. Im übrigen ist der Roman selbstverständlich ganz aus modernem Geiste gediehen. Er erfüllt die Forderungen des Lebens und der Lebendigkeit. Er hat keine Konstruktion. Er greift ins Volle. Er ist wahr. Er hat die Liebe und die Vcrwachscnheit mit dem Volke, mit seinem Leben und seinem Charakter, und er bringt keine typische Eigenart heraus. Das„Moderne" des Lebens mnst fehlen, weil es dem Leben selbst da fehlt, wo der Roman spielt. TaS alte Bauern- und Bergvolk lebt noch vom modernen Geiste unberührt, falls nicht der Kampf mit dem Pfaffen die Geister auf- stachelt. Ter Pfaffe fehlt hier im Roman. Wir sind in den Tiroler Bergen. Oben liegt das Haus von! Kuchlcr-Andcrl. Er ist ein Zimmerer und seine Arbeit führt ihn oft von daheim weg. Einmal führte sie ihn über den Brenner, wo die Marietta, die„Welsche", den Roten schenkte. Tie Manetta war schön. Und er war Witwer. Zu Hause sah eS bös bei ihm aus. Die Erste war eine Ueble gewesen, aber am übelsten waren die großen Kinder von der Ersten. Zänkisch, unsauber. Das hatten sie von der Mutter geerbt. Da nahm er die Marietta ins Haus. Das war eine I«ine. Eine Sanfte und Saubere. Sie schaffte die beiden großen Mädchen, die Karhl und das Moidl, gleich aus dem Hause, damit es Ruhe darin gab, für die Juli und den Ander! sorgte sie gut. Es war nun sauber in den Stuben, Blumen standen vorm Fenster, und der Kuchler war gern zu Hause. Und dann sah er und schnitzte an einer Wiege. Das Kind der Marietta sollte eine neue Wiege haben. Und das Kind kam und war schön. Blond- baarig und helläugig. Die Rann. Aber da waren die.Hasser und Neider, die zischelten und tuschelten. War das ein Kuchlerkind? Und die Marietta starb, und der Kuchler trug ihr Haß nach übers Grab, weil sie ihn betrogen haben sollte. Dieser Haß traf auch die Nonn. Er mochte fie nicht sehen. Er sorgte nicht jür sie. Die kleine Juli mußte sie besorgen. Das Kind den Säugling. Die ganze Gegend glaubte an die Schuld der Marietta, nur drunten der Malseiner Bauer und die Malseincrin nicht. Und der Kuchler ging wieder über die Berge und vernachlässigte seine Kinder und sein HauS. Tie großen Töchter hat er zwar hinausgeworfen, aber die Hülfe der Malseincrin hat er mich abgelehnt. Er will von niemand waS wissen in der ganzen Gegend, er ist ganz allein mit 5 einem Haß und seiner Verachtung und der Bitterkeit, die er der "oten nachtrug. Dann war er einmal lange weg. Da gab es einen ungeheuren Schneefall. Das brave Juli strengte sich über die Kräfte an. Das Dach des Stalles war eingebrochen. Die Kuh stellten sie in die Küche. Hier starb sie, und nur die Geiß blieb übrig. Und die kleine Rann schrie. Di« Juli aber verfiel in ein Rervcnficbcr. Reben ihr schlief erschöpft der Bruder Anderl. Ter Malseincrbaucr brachte die Rettung. Und drunten im Malseinerhof genas die Juli. Die Rann hatte nicht zu ge- nescn, die überstand alles. Sie überstand auch all die folgenden harten Jahre, die bittere Armut und körperliche Vernachlässigung. den Spott der Schulkinder und die Verachtung der Leute. Und die Juli opferte sich. In ihrem Herzen wuchs die Liebe. Die Liebe zum Malscincrhansi. Aber diese Liebe fand kein Wort und fand keine Gelegenheit. Wie sollte der reiche Hansi auch nach einer armen Kuchlerschen sehen. Da kam die Ticke ins Haus� mit der der Vater lebte. Sie schaffte Ordnung, aber sie war e,n geiles, nichtsnutziges Weib. Sic betrog wirklich den Kuchler. Aber sie spann den Vater ein, und die Juli verlor gegen sie. Sie mußte »hr Kind aufziehen, wie sie die Rann aufgezogen hatte. Sie mußte das Kind der Kathl aufziehen, die in Innsbruck lebte und viel Geld schickte. Dann kam auch noch das Kind der Moidl ins Haus, das bald starb. Und wie eine Blume im Sumpf wuchs die Rann auf, Als sie aus der Schule kam, verdingte sie der Vater zum Bahnwärter Binder droben auf dem Brcnncrpatz. Und da lernte sie das Leben und die Arbeit, den Mensckicn und das Leid des Weibes, da lernte sie sich selbst kennen. Auch da oben war die Rot, auch da hinauf kam der Tod. Auch da oben wurden von der Rann Opfer gefordert. Willig opferte sie si-b. Mcnschenleid zu lindern. In den Schneewehen rettete sie den Zug. Sic halte es schon gelernt, über sich hinaus zu sehen aus die anderen. Sie hatte es schon gelernt, über den Augenblick hinaus zu sehen auf die Folgen. Aber nc blieb nicht oben, so notwendig sie tvar. Der Binder wollte sie heiraten. Da ging sie. Sie kam am Malscinerhof vorbei, sie ging heim. Hein, in die„Räuberhöhle", wie ihre Hütte hieß. Da war ihr Platz, bei dem Vater. Und was der Juli nicht gelungen war, das gelang ihr: sie brachte die Ticke hinaus aus dem Hauie. Sie brachte Ordnung ins HauS. Sie brachte es fertig, daß dem Vater noch einmal das Herz aufging, daß Sonne in seine verdüsterte Seele siel. Denn man sah es ihr nun deutlich an, sie war eine Kuchlersche. Sie war deutlich ihres VaterS Kind. Da starb in ihm die Bitterkeit gegen die Tote, da versöhnte er sich mit ihr in ihrem Kinde. Er war kein Mensch der Reue. Was er getan hatte, war getan. Sein Leben war im Gleise. Aber da kam die Jugend mit ihren Rechten und störte es ihm wieder. Der Hansi liebte die Rann, und die Rann liebte den Hansi. Mit eifersüchtigen Augen sah es die Juli, mit stolzer Verbissenheit sah es der reiche Malseincr. Aber sein Widerstand wurde besiegt. Nicht der des Vuchlcr, Die Rann hatte dio Wahl: Entweder den Vater oder dm -Hansi. Ein Mittelding war bei dem harken Kuchler nicht möglich Und die Rann wählte den Hansi— denn die Jugend hat recht, und die Liebe hat recht, denn Jugend und Liebe sind das Leben, und Jugend und Liebe sind die Zukunft. Der alte Kuchler geht mit der armen Juli auf Nimiiierwiederschen über die Berge Im Malseinerhofe weicht das Alter, so bitter es ihm ist, die Jugend zieht ein. Und das Alter sonnt sich in ihrem Glück. Das ist alles ohne Sentimentalität geschildert. Es ist alles so geschildert das; die Charaktere daran wachsen, daß die Menschen uns dadurch lebendig werden. Daß sie sich gegen einander, baß sie sich aus den Verhältnissen ihrer Umgebung durch ihre eigene Artung abheben. Nickst s über die Dinge, alles nur die Tinge selbst. Nichts über die Mensche», alles nur die Menschen selbst. Eine einfache Handlung in vielen Verzweigungen klar und folgerichtig ausgebreitet. Keine Spannung im Romansinne, aber die bessere Spannung des Jnter- effes an den Menschen, an Schicksalen, an Gegensätzen und am Werden, des Interesses am Leben, an der bedeutsamen Wirklich. keil. Es ist nichts Schablonenhaftes in den Gestalten, so nahe es oft lag, daS bequeme Cliche anzuwenden, denn man darf ja nur gewisser tiroler Namen sich bedienen, so bilden sich schon Vor- slellungen. Nein, es ist keine Salontirolerei hier. Die Dichterin hat an allen Gestalten ehrlich und innerlich teil. Das soll ihr bestes Lob sein. Und darum ist ihr Ronian ein echter Volksroman. Er hat die Liebe zum Volke— und er hat sein Leid. Er hat aber auch seine Kraft, die seine eigentliche Schönheit ist. Urwuchs.— Wilhelm Holzamer. kleines feuilleton. 5lc. Der Ursprung der Todesstrafe. Tie ersten Spuren der Todesstrafe finden sich bei den Indern. Ter Gebrauch dieser Strafe ist religiösen Anschauungen entsprungen. Wie alle heidnischen Bölkerfchaften des Altertums, glaubten auch die Inder an eine Mehrheit von Göttern, die fie sich mit allen menschlichen Eigen- schaftcn, Leidenschaften und Fehlern ausgestattet dachten. Nach- tragend, rachsüchtig, launenhaft, hartherzig und ungerecht, machten sich die indischen Götter kein Gewissen daraus, die Tat eines Schuldigen auch an Unschuldigen zu strafen. Andererseits waren sie aber auch schwach genug, durch Opfer und Gaben sich von der Ausübung ihres Rächeramtes abhalten zu lassen. Das ihnen wohl- gefällige Opfer war das Menschenopfer, d. h. zu Ehren und Preis. der Gottheit wurden Menschen durch Priesterhand getötet. Die schwerste Missetat war die Tötung eines Menschen aus anderer Veranlassung als zum Preise der Gottheit. Nur ihr, nicht dem Zorne durften Menschenleben geopfert werden. Deshalb mußte der Mord durch Menschenopfer gesühnt werden. Anfangs wurden un- schuldige Mädchen und Knaben, meist die Kinder oder Angehörigen dcö Missetäters, der erzürnten Gottheit zum Opfer gebracht. All- mählich verschaffte sich die Ansicht Eingang, daß mehr als die Opferung Unschuldiger, die des Mörders selbst der erzürnten Gott- heit wohlgefällig sein müsse. Nunmehr wurde schweren Missetätern, zu Ehren und vehufS Wiedcrvcrsöhnung der Götter, daS Leben genommen. Dieser Gebrauch war die Ursache zur Entstehung der Todesstrafe. Im Verlauf der Zeiten kamen die Inder immer mehr mit anderen Völkern in Berührung. Diese akzeptieren den indischen Brauch; sie töteten jedoch den Missetäter nicht, weil er ihre Götter erzürnt habe, sondern zur Vergeltung der von ihm verübten Untat. In dieser Form, als Strafe im heutigen Sinne, begegnen wir der Tötung von Mördern schon bei den Aegyptern, Hebräern, Persern, Griechen, Römern u. a. Anfangs stieß man mit dem Nachahmen der indischen Sitte auf Schwierigkeiten. Bei den Indern besorgten Mitglieder der Priesterkastc daS Henkcramt. Bei den nachahmen- den Völkern wollte sich niemand hierzu bereit finden lassen. Man verfiel deshalb anfänglich auf das Mittel, den verurteilten Dclin- qucntcn zu zwingen, sich selbst zu töten, z. B. den Giftbecher zu trinken, sich zu erdolchen, sich von einer Anhöhe zu stürzen u. a. in. Später nno anderwärts wurden Unfreie mit dem Henkeramt betraut. Jedenfalls galt es für des freien Mannes unwürdig, aus Befehl Wehrlose zu töten; und so kam es, daß, als Freie sich zum Ccharfrichterdicnst hergaben, sie vor der öfscntlichcn Meinung und vor dem Gesetze siir anrüchig galten. Man sollte meinen, daß mit Einführung des Christentums der seinem humanen Geiste zuwider- laufende barbarische heidnische Brauch beseitigt wordeii tväre. Dem war aber nicht so. Je schärfer die Todesstrafe der christlichen Gott- hcitsidce widerstreitet, desto fanatischer haben gerade die Lehrer der christlichen Religion durchs ganze Mittelalter hindurch dem Fortbcstand der Menschenopfer das Wort geredet und nicht bloß die grausamsten Todesstrafen geduldet, sondern solche auch erfunden und verhängt. Ter Feuertod, das Lcbendigbegraben, das Zer- rcißenlasscn des Verbrechers durch Pferde und Ochsen. Ertränken. Erhängen, Rädern von oben oder von unten, Enthaupten, meist erst nach vorangegangenen Qualen, z. B. durch Anfassen mit glühen- den Zangen, Abbauen einzelner Glieder usw. waren die Strafen, die 1508 der Bischof von Bamberg in seiner öalsgerichtsordnung androhte und welche sich in Kaiser Karls V. peinlicher Hals- gcrichtsordnung von 1582 finden. Erst im 18. Jahrhundert smg man an, von diesen Grausamkeiten abzulassen. Das preußische Lan brecht vom Jahre 1703 kannte bloß noch Rädern und Eni» Haupte». Tie letztere TodeSart besteht aber noch heute in Teutich- land iind Frankreich zu Recht. Entweder bedient man sich dabcr dcS Beils(Preußen), oder der Guillotine(Franireich, Bayern, Württemberg usw.). Der Galgen ist in Rußland. Oesterreich, Italien, England, Amerika, das Erwürgen in Spanien gebräuchlich. Beseitigt ist die Todesstrafe nur in wenigen Staaten sSchweiz usw.). Ins deutsche Bürgerliche Gesetzbuch ist sie ja leider noch hcrübergenommen worden. Die seitherigen Gesetzgeber glaubten noch immer, damit vor ferneren Verbrechen abzuschrecken und— was ja doch nach ihrer Ansicht die Hauptsache ist, der„Staats- raison" Respekt zu verschaffen. Die gänzliche Abschaffung der Todesstrafe als einer alten heidnischen Sitte ist aber wohl nur noch eine Frage der Zeit.— ba. Indiens Plagen sind Pest und Hungersnot. Eine ganze Reihe von Pestjahren gerade in der neuesten Zeit hat Indiens Be- dölkerung zu erdulden gehabt. In einem englischen Regierungs- bcricht, der jüngst erschienen ist und die Verhältnisse im Jahre 1904 im indischen Reiche eingehend schildert, wird gesagt, daß an der Pest vom Herbst des Jahres 1896 bis Ende 1904— und die Pest fordert noch bis heute ihre Opfer— 3 263 810 Menschen starben. Die weiblichen Personen fallen der Pest leichter zum Opfer und sind in dieser Zahl weit stärker vertreten als die männlichen. Ein Euro- päcr wird selten angesteckt, so lange er in einem luftigen Hause wohnt und mit den armen Jndiern nicht viel in Berührung kommt. Auch die reichen Jndier sind besser geschützt. Die Pest sucht Haupt- sächlich die Armen heim, bei denen Unwissenheit und alteinge- wurzelte religiöse Vorurteile noch die Gefahren vermehren. Den Mahnahmen der Regierung steht die Masse der Bevölkerung miß- trauisch gegenüber; die Annahme ist verbreitet, daß die Engländer die Pest verbreiten, um die Jndier auszurotten; die Gesundheits- Inspektoren und die Agenten für Desinfektion können nicht das Vertrauen der Leute gewinnen, und diese widersetzen sich, wenn sie die Hütte verlassen sollen, wo ein Pestkranker gestorben ist. Dazu kommt die religiöse Vorschrift, alles tierische Leben zu schonen, wodurch die Vertilgung der Ratten erschwert wird. Die Ratten sind als größte Gefahr bei der Verbreitung der Krankheit erkannt worden. Man hat konstatiert, daß die Pest abnahm oder vcr- schwand, wo es gelang, die Ratten in Massen zu vertilgen. Die Rattenplage in Indien wird manchmal verglichen mit der Kaninchenplage in Australien, wobei freilich zu bedenken ist, daß in Australien sich jeder an der Ausrottung der Kaninchen beteiligt, während die Masse der Bevölkerung in Indien die Ratten schont. Getreidehändler, deren Ware immer die Ratten anzieht, fallen der Pest gewöhnlich zuerst zum Opfer.— Besonderen Vorschub leistet ' der Krankheit die schlechte Ernährung der Armen; eine Hungersnot ist in Indien keine Seltenheit. Daß diese Plage von den Eng- ländcrn ins Land gebracht worden ist, daran denken die Jndier weniger; sie geraten in Schrecken und Angst, wenn der Regen, das fruchtbringende Naß, vom Himmel ausbleibt. Daß bei ihren Vor- fahren, den alten Jndiern, eine Hungersnot fast unbekannt war, daß man in den fetten Jahren die 51ornspeichcr füllte für die mageren Jahre, das wissen sie kaum noch, und wenn sie es wüßten, würde es ihnen nichts nützen, denn ein anderes System herrscht heute, das gegen die Hungersnot der armen Jndier kein Mittel kennt.— Trotz Pest und Hungersnot steigt die Geburtsrate, wie die englische Statistik zeigt, in erstaunlicher Weise; sie war beinahe 41 pro Tausend im Jahre 1904, verglichen mit 23 pro Tausend in England. Im Jahre 1903 war die Geburtsrate beinahe 39 pro Tausend. 1904 wurden beinahe 400 000 mehr Kinder geboren als im vorhergehenden Jahre, und beinahe 450 000 weniger Todesfälle fanden statt. Trotz der vielen Opfer, die die Pest forderte, wird das Jahr 1904 als ein„außerordentlich gesundes" in dem englischen Regierungsbericht bezeichnet.— Theater. Deuts ches Theater.„Der Liebeskönig". Schau- spiel in drei Aufzüge» von Leo Grein er. Im ersten, hier und da auch noch in den Verworrenheiten des zweiten Aktes konnte man Klauben, Leo Greiuer steuere einem bestimmten Ziel entgegen, er habe das lockere, historische Kostüm gewählt, um in freiem Phantasie- spiel, der Rücksichtnahme auf äußere Wahrscheinlichkeitsbedenken ent- hoben, steigernd und vergrößernd— etwa wie Maeterlink in„Monna Wanna"— das Gemälde einer Leidenschaft entwerfen wollen. So folgte man den Szenen in gewisser Spannung, innner mit der Möglichkeit rechnend, daß das sprunghafte Hin und Her, der Zickzack der Stimmungen und Gedanken am Ende in irgend ein bcdeut- sames Symbol, eine innere Einheit ausmünden könne. Der Schluß- ciit war die völlige Bankrotterklärung, er ließ das, waS die beiden ersten an Ansätzen und Keimen enthalten mochten, in einen unerträglich lauten, unerträglich leeren Theaterworlschwall untergehen. Von hier ans rückwärts gesehen, nahm sich das Ganze wie ein Spiel mit Puppen aus. Der Theaterzettel datiert das Stück in die Zeit des Konstanzer Konzils, unter anderen berühmt durch die Unzahl„fahrender Fräulein", die die hohe kirchliche Versammlung in die Stadt lockte. — Jiabella, eine Kaiserstochter, dem Dirnenblnte jener Damen imierlich verwandt, um welche Wladimir, ein mythischer Polenfürst von auserlesener Häßlichkeit wirbt, erwartet schadenfroh bei festlichem Gepränge die Rückkehr ihres närrischen Verehrers. Sie hat dem blöden Tropfe ihre Hand verheißen, ivenn er, als Frau Venus verkleidet, in die Fremde ziehen und in ihrem Dienste allerhand schmähliche Infamien vollbringen werde. Vom Gelächter des Volkes empfangen, bebend in tierischer Begierde, tritt er vor die Prinzessin und rühmt sich schamlos der bestandenen Proben. Den Mut seiner Liebe bewies er, indem er einen schönen Jüngling meuchlings er- schlug; die List und Ueberredungskunst der Liebe, indem er eine Feindin seiner Augebeteten bei dem Gatten so lange anschwärzte, bis der in blinder Eifersucht sie ermordete. Jsabella weidet sich an diesem Zeugnis ihrer Macht, sie spielt mit ihrem Sklaven, treibt seine Hoffnungen aufs Höchste, um ihn dann hohnlachend zurück- zustoßen, und seinem Nebenbuhler, dem jungen Alfonso, die Hand zu reichen. Ruchlosigkeit steht wider Ruchlosigkeit. Bei aller Phantastik geht von diesen geschickt gebauten Szenen ein starker Eindruck aus. Dieser Elende, der kein Verbrechen scheute, das ungestalte, von dumpfen Instinkten beherrschte Halbtier, fängt im zweiten Aufzuge auf eiunial zu philosophieren an. Von seinem Freunde zur Rache angeieuert, spricht er im Hamletstil von der abwägenden Bedächtig- keil seines Sinnes, die ihm jedwede Tat als ein Notwendiges be- trachten lasse und so den Sporn des Zornes abstumpfe. Weiter! Er. dessen Liebessebniucht sich ausschließlich als primitivster Trieb nach körperlichem Besitze kundgab, orakelt in dem Stil nioderner Dekadenten über den verzehrenden Drang, das innerste, ge- heimste der Weiberseele, der rätselvollen Sphinx, zu erschließen. So gut es zur Charakterzeichnung des ersten Aktes paßt, daß der um seiner Häßlichkeit willen Verschmähte die Qual der Abweisung im Sinnentaumel zu betäuben sucht, so ganz unmöglich erscheint dann alles weitere in der Liebesgeschichte mit der Dirne Marianne. Vier fabrende Fräulein schleichen ins Zelt des Königs und lassen ihre Künste spielen; aber er verlangt nach der einen, die er beim Tanze verzückt zu Alfonsos Füßen niedersinken sah— einem störrischen, hochmütigen Dinge. Ganz erfüllt von dem Gedauken an den schönen Prinzen verweigert sie Wladimirs Mißgestalt in einer edleren Wallung ibrcs Herzens die käuflichen Gefälligkeiten. Er droht mit dem Profoß. und als das nichts hilft— für das Mysterium der Frauenseele kann kein Preis zu hoch sein— verspricht er, sie zur Königin zu machen. Jsabella, deren Geliebter durch einen Ritter Wladimirs getötet worden, sendet dem Fürsten den Fluch nach, daß das Bild ihrer Reize ihn im Wachen und Träumen verfolgen, ihn mit wütenden niemals gestillten Wünschen peitschen soll. Im Schlußakte ist das hier angekündigte Motiv, das immerhin in irgend einer Weise den Ausgang des Dramas zum Auftakte der ersten Szenen in Beziehung setzen könnte, völlig fallen gelassen. An dessen Stelle gibt es eine theatralisch zugestutzte Auseinander- setzung Wladimirs und Mariannes. Als Königin hat sie in Warschau ihr altes Leben fortgesetzt, daS Volk verlangt als Sühne ihr Blut. Wladimir, der sich doppelt betrogen fühlt durch Mariannes Liebhaber, vor allem aber, iveil sich im Rausch ihm das ersehnte Mysterium selbstverständlich nicht entschleiert hat, treibt die Zitternde ein paarmal mit gezücktem Säbel über die Bühne kreuz und quer. Plötzlich wird sie heroisch, rühmt sich ihrer Untreue, nennt es den größten Frevel ihres Lebens, daß sie für eine Königskrone einem Ungeliebten, einem Scheusal sich hingegeben habe, ivorauf dann endlich die Exekution erkolgt. Der ine Geliebte erkennt nun, daß er auch selber nie geliebt hat, und wird im Kampfe gegen die Feinde den ersehnten Tod suchen. Ausgezeichnet gab Fräulein D u r i e u x die Figur der sinnen- heißen, kaltherzigen Jsabella, Herr W e g e n e r die des Königs. Durch die Art. wie er die scheu verjagte Stimmung, die das drückende Bewußtsein der Häßlichkeit erzengt, in Ton und Gebärde zum Ausdruck brachte, rückt er die Gestalt dem menschlichen Mit- gefühle näher; eine höchst charakteristische Maske unterstützte die Wirkung. Der unmöglichen Rolle der Marianne gewann die Eysoldt eine Fülle malerisch-eindrucksvoller Effekte ab. Auch die Nebenrollen waren gut besetzt, der Bühnenrahmen glänzend. Den Autor rief man einige Male vor den Vorhang.— ckt. Notizen. Konfisziert wurde von der Berliner Staatsanwaltschaft der Roman„Gute Gesellschaft" des Wiener Schriftstellers A u g il st W e i ß l.— — Eine Zeitung für Geisteskranke— die„Mauer- Oehlinger AnstaltS-Zeitung"— ist in ihrer ersten Nummer er- schienen. Das Blatt wird von Geisteskranken geschrieben, redigiert, gesetzt und gedruckt.— —„Der kleine Landprediger". Lustspiel von I. M. B a r r i e, übertragen von Rudolf Lothar, wurde zur gleichzeitigen Uraufführung von den Hoftheatern in Dresden. Hannover und Wiesbaden sowie vom Burgtheater in Wien angenommen. Das Stück spielt im schottischen Weber- distrikt.— —„Der Herr Inspektor", ein neues vieraktiges Schau- spiel von P a u l M ö s e r, soll vom Ernst Drucker-Theater in Hamburg zur Uraufführung gebracht werden.— — Preisausschreiben. Um die Lust zum Besuche des Rheines wieder mehr zu beleben, haben die am Rheinweg beteiligten preußischen imd süddeutschen Eiseubahnverwaltuiigen ein Preisausschreiben erlassen behufs Beschaffung eines künstlerischen Plakates. Alle deutschen Künstler sind eingeladen, bis zum 10. Dezember Entwürfe einzusenden. ES werden insgesamt 5000 M. als Preise verteilt werde».— vcrantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagiaustalt Paul Singer StCo..Berlin S W,