Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 205. Dienstag, den 23. Oktober. 1906 16t Oer Sumpf. (Nachdruck verboten.) Roman t>on Upton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Iurgis hatte jetzt wochenlang selten mehr als zwei Stunden Arbeit auf seinem Konto stehen— das heißt fünf unddreißig Cent. Manche Tage waren es weniger, einige Male hatte er gar keinen Verdienst. Der gewöhnliche Dienst dauerte sechs Stunden den Tag, das bedeutete für Jurgis sechs Dollar die Woche. Und diese sechs Stunden mußten abgearbeitet werden, nachdem sie bis ein Uhr oder selbst bis drei oder vier Uhr bei deik Schlachtbänken gestanden hatten. Möglicherweise kam noch ganz spät am Tage eine Ladung Vieh, welche die Männer besorgen mußten, ehe sie heimgingen. Sie arbeiteten oft bei elektrischem Licht bis neun oder zehn Uhr nachts, ja bis zwölf oder ein Uhr, ohne die geringste Pause zu haben, ohne einen Happen zu essen. Die Männer hingen sozusagen von der Gnade des Viehes ab. Manches Mol wurden die Verkäufer heimtückisch hingehalten und, um wohlfeiler kaufen zu können, taten die Käufer, als ob ihnen nichts an dem Handel läge: dann konnten sie ihren Preis stellen. Aus leicht erkennbaren Gründen waren die Futter- preise in den Höfen höher als die Marktpreise, und eigenes Futter durfte nicht mitgebracht werden. Wenn dann noch eine Anzahl Wagen für die letzten Stunden des Tages an- gekündigt waren und die Packherren den Handel noch ab- schlössen, fglls sie billige Preise gestellt bekamen, dann trat die eiserne Vorschrift in Funktion, nach der alles Vieh an dem- selben Tage getötet werden mußte, an dem es gekauft war. Dagegen war nichts zu machen. Eine Arbeiterabordnung nach der anderen wurde wegen dieser Vorschrift nach den Packherren geschickt, bekam aber stets dieselbe Antwort, die Vorschrift bestehe zu recht und an eine Aenderung sei uicht zu denken. So arbeitete Jurgis am Weihnachtsabend bis fast ein Uhr morgens, und am Wcihnachtstag war er bis sieben Uhr an den Fleischbänken. Das war hart, und doch war es noch nicht das schlimmste; für all die harte Arbeit, welche ein Mann tat, wurde er nur teilweise bezahlt. Jurgis hatte einst zu denen gehört, die schon bei dem Gedanken, daß solche großen Etablissements betrügen könnten, in Zorn geraten waren,— jetzt erfaßte er die bittere Ironie der Tatsache, daß gerade ihre Größe sie befähigte, sogar straftlos betrügen zu können. Eine andere der Vorschriften an den Schlachtbänken ging dahin, daß ein Mann, der eine Minute zu spät kam, mit dem Verlust einer Stunde bestraft wurde. Das war ökonomisch, denn der Mann mußte die Stunde trotzdem ab- arbeiten— er duste nicht etwa umherstehen und warten. Wenn aber ein Arbeiter vor der Zeit kam, so wurde er dafür nicht bezahlt, obwohl die Aufseher oft zehn oder fünfzehn Minuten vor-dem Pfeifen die Leute hineinriefen. Und dieser selbe Brauch kam auch am Ende des Tages zur An- Wendung. Die Packherren bezahlten nie für die Ueber- schrcitung einer Stunde— für sogenannte„angebrochene Zeit". Ein Mann mochte volle 50 Minuten nacharbeiten, war dann keine Arbeit mehr da, um die Stunde voll zu machen, so erhielt er keine Zahlung. So bedeutete Anfang und Ende jedes Tages eine Art Lotterie— ein Kampf, nur daß es nie zum offenen Kriege der Aufscher mit den Ar- bcitern kam. Die einen versuchten, eine Arbeit rasch zu Ende zu bringen, die anderen, sie hinzuziehen. Jurgis tadelte die Aufscher deshalb, obwohl es in Wahr- heit nicht immer ihre Schuld war. Die Packherren hielten sie in steter Furcht vor der Entlassung, und wenn einer von ihnen in Gefahr schwebte, hinter dem verlangten Pensum zurückzubleiben— wie konnte er sich da leichter retten, als daß er die Männer„für die Kirche" arbeiten ließ. Es lag eine witzige Anspielung in den Worten:„für die Kirche"— der alte Jones gab dich Geld aus für Missionen und derartige Dinge, und wenn die Packherren etwas besonders Gemeines ausgcheckt hatten, so nickten die Arbeiter einander zu und sagten:„Jetzt arbeiten wir für die Kirche!" Nach allen diesen Erfahrungen war Jurgis nicht mehr entsetzt, wenn er die Männer vom Streit für ihre Rechte sprechen hörte. Er fühlte die Lust zum Streiten jetzt selbst, und als der Abgesandte der Flcischergewerkschaft zum zweiten- mal zu ihm kam, empfing er ihn in veränderter Stimmung. Jetzt schien es ihm eine herrliche Idee zu sein, daß die Männer vereinigt in der Lage waren, die Packherren zil stellen, ja zu besiegen! Jurgis dachte voller Ehrfurcht darüber nach, wer wohl diesen großen Gedanken zuerst gehabt hatte. Als ihm erzählt wurde, daß solch eine Vereinigung etwa? ganz Alltägliches in Amerika sei, bekam er dadurch die erste Vorstellung von der Bedeutung der Bezeichnung:„Ein freies Land". Der Abgesandte erklärte ihm, wieviel davon abhinge, daß jeder Mann sich der Organisation anschlösse, und' Jurgis er- klärte dann auch seine Bereitwilligkeit, beizutreten. Einen Monat später hatten alle Mitglieder seiner Familie Ver- bandskarten und trugen ihre Vcrbandszcichen mit Stolz. Während einer Woche waren sie vollkommen glücklich in der Ueberzeugung, daß die Zugehörigkeit zur Gewerkschaft ein Ende aller ihrer Leiden bedeute. Aber schon zehn Tage nach ihrem Eintritt schloß Marijas Büchsenfabrik ihre Pforten. Der Schlag drückte sie nieder. Sie verstanden nicht, warum die Gewerkschaft das nicht verhindert hatte, und zum ersten- mal wohnten sie einer Versammlung bei. Marija erhob sich und redete. Es war eine Geschäftsvcrsammlung, und es wurde englisch verhandelt; das aber hielt Marija nicht ab. Sie redete tapfer alles heraus, was sie auf dem Herzen hatte, alles Klopfen des Vorsitzenden, der Aufruhr und die Ver- wirrung im Saale konnten sie nicht daran hindern. Ganz abgesehen von ihren eigenen Leiden, kochte es in ihr vor Zorn über die allgemeine Ungerechtigkeit. Sie sagte, was sie von den Packhcrrcn und ivas sie von einer Welt dachte, in der derartige Dinge erlaubt waren. Und als die Wände der Halle noch von ihrer Stimme wiederhallten, setzte sie sich nieder und fächelte sich. Dann erst trat die Versammlung zu- sammen, um über die Wahl eines Sekretärs zu beraten. Auch Jurgis hatte ein Abenteuer, als er zum erstenmal eine Gewerkschaftsversammlung besuchte; aber er hatte dieses Abenteuer nicht selbst heraufbeschworen. Er kam mit dem Wunsche, sich in irgend eine Ecke zu drücken und von dort aus der Verhandlung zuzuhören. Aber seine stille und an- dächtige Aufmerksamkeit stempelte ihn gerade zum Opferlamm: Tommy Finncgan, ein kleiner Jrländcr, mit runden, starren Augen und einem wilden Ausdruck, ein „Aufzieher" oder Helfer seines Zeichens und arg herunter- gekommen, wurde auf ihn aufmerksam. In längst ver- gangener Zeit hatte Tommy böse Erfahrungen gemacht, und diese Last drückte ihn noch immer. Den Rest seines Lebens hatte er nichts weiter getan, als zu versuchen, sein Unglück anderen verständlich zu machen. Wenn er sprach, faßte er sein Opfer beim Knopflych und schob sein Gesicht immer näher und näher dem anderen entgegen. Das hatte aber eine un- angenehme Folge, weil seine Zähne so schlecht waren. Jurgis berührte das ja nicht, aber er war erschrocken. Tommys Thema behandelte die Methode der Unternehmungen der höheren Intelligenzen, und er wünschte herauszubekommen, ob Jurgis jemals die Erfahrung gemacht habe, daß die Dar- stellung der Dinge in ihrer jetzigen Gestalt von einem höheren Standpunkte aus nicht absolut unverständlich bleiben könne. Es gab sicher wunderbare Geheimnisse in der Entlvickelung all dieser Dinge. Dabei wurde Mr. Finnegan vertraulich und erzählte von seinen eigenen Entdeckungen.„Od Ihr wohl jemals etwas mit„sllpemts"*) zu tun gehabt hat< *) Er meinte wahrscheinlich„Spiritisten". Dabei sah er auch fragend auf Jurgis, welcher den Kopf schüttelte.„Tut nichts, tut nichts," fuhr der andere fort, „aber ihre Einflüsse mögen auf Dich wirken. Es ist so, wie ich sage, sie haben den meisten Einfluß auf die nächste Um- gebung der Mächtigen: Es ist mir in meiner Jugend ge- stattet gewesen, mit„«bperrits" bekannt zu werden." Und Tommy fuhrt fort, sein System der Philosophie zu erläutern, während der Schweiß auf Jurgis Stirn trat, so groß war seine Erregung und seine Verlegenheit. Endlich kam ein Mann, der seine peinliche Lage bemerkte, herüber, um ihn zu befreien. Aber es dauerte lange, ehe er jemanden fand, der ihn ausklärte, und seine Furcht, der seltsame kleine Mann könnte ihn wieder festhalten, war groß genug, um ihn den ganzen Abend planlos hin und her zu treiben- Er versäumte Volt nun an keine Versammlung. Er hatte einige Worte Englisch aufgeschnappt, und seine Freunde halfen ihn zum weiteren Verständnis. Sie waren oft recht stürmisch, diese Versammlungen. Sechs Männer sprachen auf einmal und in verschiedenen Tialekten. Alle aber sprachen verzweifelt ernsthaft: Jurgis war ebenfalls ernsthaft, denn er begriff, daß von einem Kampf die Rede war, und zwar von seinen' Kampf. Seit der Zeit seiner Ent- täuschung hatte Jurgis geschworen, keinem Menschen, außer seiner Familie mehr zu trauen. Hier aber entdeckte er Brüder und Verbündete im Leid. Die einzige Hoffnung aller bestand in der Gewerkschaft, und der Kampf ward ihnen so zu einer Art Kreuzzng. Jurgis war immer ein Mitglied der Kirche gewesen, weil sich das so gehörte, aber die Kirche hatte ihn nie tiefer berührt: das überließ er den Frauen. Hier aber bot sich ihm eine neue Religion, eine, die ihn er- griff und jede Faser an ihm erregte. Mit all dein Eifer und dem Fanatismus des neu gewonnenen Mitgliedes ging er als Missionar hinaus. Es gab noch viele Nichtgewerkfchaftler unter deir Litauern, und diesen predigte er, rang mit ihnen und bat sie, um sie zum wahren Recht zr, führen. Zuweilen wollten sie widerspenstig sein und weigerten sich selbst, ihn anzuhören, und Jurgis war— ach— nicht immer geduldig. Er vergaß, wie blind er selbst gewesen war, vor kurzer Zeit noch— er machte es wie alle Kreuzfahrer seit deni ersten .Kreuzzuge, als sie das Evangelium der Bruderliebe mit der Gewalt des Schwertes verbreiten wollten. 9. Eine der ersten Folgen der Aufklärungen in der Ge- werkschaft bestand bei Jurgis in dem Wunsche Englisch zu lernen. Er wollte verstehen, was in den Versammlungen vorging, um teil daran nehmen zu können. Er begann auf- zuhorchen und einzelne Worte aufzulesen. Tie Kinder, welche in der Schule schnell Englisch lernten, lehrten ihn einige Vokabeln, und ein Freund lieh ihm ein Buch, in dem ebenfalls englische Vokabeln enthalten waren. Ona las sie ihm vor. Nun wurde Jurgis traurig, daß er nicht lesen konnte, und als er später im Winter hörte, daß es eine freie Nachtschule gab, ging er hin und schrieb sich ein. Jeden Abend nach der Arbeit wanderte er nach der Schule: er ging, wenn er auch nur eine halbe Stunde iibrig hatte. Sie lehrten ihn Englisch lesen und sprechen, und wenn er nur Zeit gehabt hätte, würden sie ihn noch mehr gelehrt haben. Aber noch eine andere große Veränderung rief die Gc- werkschaft bei Jurgis hervor. Er begann der Politik Auf- merksamkeit zu schenken. Er wurde Demokrat. Die GeWerk- schaft stellte einen kleinen Staat dar. eine Miniatur- Republik. Die Angelegenheiten des Verbandes waren die von jedermann, und jedermann durfte sein Wort dazu her- geben. Mit anderen Worten, Jurgis lernte über Politik sprechen. Dort, von wo er gekommen war, gab es keine Politik— in Rußland hielt man die Regierung für eine Plage wie Blitz und Hagel. „Bück Dich, Brüderchen, bück Dich!" flüsterten die alten Bauern untereinander.„Bück Dich, Bruder I Alles geht vorüber." Und als Jurgis nach Amerika gekommen war, hatte er anfangs geglaubt, da wäre es ebenso. Er hatte sagen hören, es wäre ein freies Land, aber was bedeutete das? Er fand, daß hier, ebenso wie in Rußland, reiche Leute waren, denen alles gehörte, und wen« ein Armer keine Arbeit hatte, tat der Hunger ihm hier ebenso weh wie dort. (Fortsetzung folgt.) (Ndchdultt verboten.) Der Barometer. Von Michöle S a v r y. Autorisierte Ucbersctzung aus dem Französischen. Kaum erwacht, warf Maxime Garnier einen Dlick nach dem Kamin, wie um sich zu vergewissern, datz der Barometer, den er am Abend vorher dort aufgestellt, über Nacht seinen Platz nicht ver- ändert hätte. Einen Moment liebkoste er ihn mit einem zugleich zärtlichen und unruhigen Blick. Das Instrument flößte ihm eine Art bewundernder Furcht ein. Bon seinem Bette aus konnte er die kleine Nadel nicht sehen. Worauf mochte sie wohl zeigen? Würde heute schönes Wetter sein? Das war die Frage, welche Garnier sich jeden Sonnwgmorgen stellte. Die ganze Woche hindurch mußte er schwer arbeiten. Kein Wunder, daß der Sonntag für ihn ein Feiertag war, ein Tag, an dem man zu seiner Erholung und Zerstreuung etwas unter» nebmen muß. Er blinzelte mit den Augen, öffnete sie weit, suchte seine Brille. fand sie aber nicht. Eine Weile schwankte er zwischen der Alter-- uative, ob er seine Frau rufen oder aufstehen und selbst das kleine Jnstrunient holen sollte. Endlich entschloß er sich zu letzterem, sprang aus seinem Bett, ergriff den Barometer und legte sich ebenso schnell wieder hin. Bequem ausgestreckt, hielt er sich den Apparat dicht vor die Augen. Tie Nadel zeigte auf„Veränderlich". „Oh!" rief Garnier enttäuscht.„Das ist unmöglich! Bei einem solchen Himmel muß es unbedingt schönes Wetter feint" Und er wünschte: Möchte es doch heute schönes Wetter sein I Was sollte sonst ans ihrem Plan werden, dem Frühstück in Meudon in der Jasminlaube des kleinen Restaurants, das wegen seines Kaninchenfrikassees weit und breit berühmt war? Das wäre ja entsetzlich! Herr Garnier liebte nämlich Landpartien leidenschaftlich, aber ebenso heiß war auch sein Abscheu vor Regen, und als eine der schlimmste» Erinnerungen seines Lebens bewahrte er die an einen Platzregcit mitten im Walde von St. Clond, gerade als sie ihre Vorräte ans dem Rasen ausgepackt hatten. Möchte es doch heute schönes Wetter sein l wiederholte er in- brünstig. Dann versank er in Nachdenken. Wenn es wirklich schönes Wetter blieb, hatte der Barometer ja falsch prophezeit? DaS war aber auch nicht gut, weil dann seine Frau wieder einmal recht behielt. Seine Frau hatte ihm diese unnütze Ausgabe schon des öfteren vorgeworfen und be- hauptet, der Apparat tauge doch zu nichts. DaS wäre ein gefundenes Fressen für sie, wenn sie höhnen könnte:„Ich hatte es Dir ja gleich gesagt: diese Dinger gehen niemals. Wenn Du auf mich gehört hättest—" Er stellte den Barometer auf den Nachttisch. Madame Garnier brachte ihm das Frühstück: Schokolade und Hörnchen, ein Luxus, den sie sich nur des Sonntags gestatten durften. „Nimm das weg I" sagte sie, mit dem Kopf auf den Wetter- Propheten deutend.„Wohin soll ich denn das Tablett stellen?" Hastig nahm Garnier den Barometer vom Nachttisch und, un- schlüssig, lvas damit anfangen, legte er ihn auf die Decke»nebcn sich. „Das Wetter läßt sich ja schön an," sagte Madame Garnier, die sich auf ihre meteorologischen Kenntnisse viel einbildete.„Wir haben Glück." „Ja," erividerte er ausweichend,„borausgesetzt, daß es so bleibt." Und mechanisch sah er auf den Barometer. „Du zweifelst daran?" fragte sie kampfbereit.„Was prophezeit denn Dein Apparat?" Schweigend reichte er ihn ihr. „Was beweist das?" entgegnete sie mit der Logik der Frauen,- die trotzdem recht haben wollen. Und da Garnier schwieg, fuhr sie fort:„Wenn Du meinem Rate folgst, brechen wir um 10 Uhr auf. Ich gehe jedenfalls mich anziehen." Damit erhob sie sich und ging zur Tür, aber bevor sie dieselbe öffnete, warf sie ihm einen herausfordernden Blick zu und sagte: „Du weißt, ich nehme meine Federboa und meine gelben Schuhe. Wenn es regnen sollte— um so schlimmer I" Krachend siel die Tür hinter ihr ins Schloß. Ohne es sich zu gestehen, fühlte Garnier sich bedrückt, beunruhigt. Er wunderte sich über sich felbst. Der Sonntag ivar für ihn sonst ein Tag un- aetrübtester Zufriedenheit geivescn. Wenn es an einem solchen Tage wirklich einmal schon am Morgen geregnet hatte, hatte Garnier, voll rosenrotein Optimismus, nicht daran gezweifelt, daß das Wetter sich doch noch aufklären würde, und diese Hoffnung, die bisweilen freilich enttäuscht wurde, erhielt ihn bei guter Laune, inden, sie ihn auf das Geheimnisvolle, das Unbekannte spekulieren ließ. Uebrigens dieses„Veränderlich" war ja auch etwas Un- bekanntes. Und dann im Grunde genommen war es doch besser, datz man gcivarnt war: man wußte wenigstens, woran man sich zu halten hatte. Aber alle Vernunftsgründe, durch die er sich selbst Mut ein- einzuflößen versuchte, vermochte» nicht seine Unruhe zu zerstteuen, und während er sich ankleidete, schleuderte er dem Barometer einen fast feindlichen Blick zu. Seine Frau wartete schon auf ihn. Frisch und strahlend in ihrer duftigen Frühjahrstoilette, hatte sie noch, gleichsam als stumme Herausforderung, einen Battistsonnenschirm in der Hand. Im Entree reichte sie ihrem Gatteir seinen Spazierstock. Nach sekundenlangem Zögern nahm er ihn, aber schon im nächsten Augen- blick zürnte er sich deshalb, weil sich darin ein Mangel an Vertrauen zu dem Barometer dokumentierte. Wozu sich unnütz der Gefahr aus- setzen, durchnäßt zu werden? Auf dem Weg zum Bahnhof plapperte Madame Garnier unauf- hörlich:„Du wirst sehen, es wird schönes Wetter bleiben, ich täusche mich nie I Erinnerst Du Dich noch an den Platzregen von St. Cloud? Ich hatte ihn vorausgesagt, aber Du wolltest mir ja nicht glauben." Und ohne Uebcrgang einen anderen Gesprächsstoff anschlagend: „Wenn wir in Meudon nur noch Platz bekommen f— Ach I wie freue ich mich darauf, im Walde zu liegen und nach den Baum« krönen emporzuschauen I" Ihr Gatte schüttelte skeptisch den Kopf. Am Himmel zeigten sich �-inzelne weiße Wölkchen. Für ihn unterlag es keinem Zweifel, daß '>% regnen würde. Und obgleich nicht das geringste Anzeichen eines nahenden Unwetters zn konstatieren war. fühlte er sich nervös, ge- reizt, wie an drückende» Sommertagen, wenn sich langsam, langsam ein Gewitter zusammenzieht. Seine Nervosität nahm derartig zu, daß er im Geheimen wünschte, es möchte sofort regnen, nur damit seine gespannten Nerven zur Ruhe kämen. Von dieser Furcht, diesem geheimen Verlangen gefoltert, hatte er keine rechte Freude an dem lachenden Sonnenschein, an den heiteren Landschaftsbildern, die sich vom Coupöfenster aus vor ihm ent- rollten. Seine Unruhe schwand em wenig, als er in Meudon in„ihrer" Jasminlaube saß und der Kellner ihnen das appetitlich dustende Kaninchenstikass� serviert hatte. Und dennoch— war es Einbildung oder Tatsache? Das Gericht schmeckte ihm heute weniger gut als gewöhnlich. Doch der kräftige Weißwein, von dem er hastig einige Gläser hinuntergoß, versehte ihn in andere Stimnuing: er begann wieder zu hoffen. Madame Garnier verfehlte nicht beim Dessert zu sagen:„Na, wenn wir nun auf Deinen dummen Barometer gehört hätten?" Aber da sie von der frischen Luft und ein wenig auch vom Wein berauscht war, sagte sie das gutmütig, ohne jede Schärfe. Beide Arme auf den Tisch gestützt, die Gesichter dicht beieinander, plauderten sie, ohne an Ort und Zeit zu denken. Madame war es, die sich zuerst erhob. „Und jetzt in den Wald I" Sie gingen ins Haus, um die Rechnung zu begleichen und ihre Mäntel zu nehinen. Als sie ins Freie traten, war die Sonne ver- schwanden und schwarze, dicke Wolken ballten sich unheilverkündend zusammen. Kaum im Walde angelangt, begannen große Tropfen zu fallen. „Wir werden vielleicht gut tun, irgendwo Unterschlupf zu suchen?" schlug Garnier vor. Sie näherten sich einer Köhlerhütte, deren geschwärzte Wände sie durch die Bäume schimmern sahen. Eine gastfreundliche alte Frau lud sie ein, näherzutreten, und hinter den vom Regen gewaschenen Scheiben wohnten sie dem schönsten Platzregen bei. Madame Garnier war äußerst pikiert darüber, daß ihre Wetter- Prognose falsch gewesen war, bemühte sich aber trotzdem zu scherzen. „Wenigstens können wir doch sagen, wir haben etwas genossen, was im Programm unserer Landpartie nicht vorgesehen war!" Nicht vorgesehen? Von Dir vielleicht nicht, aber von mir l dachte Garnier melancholisch. Obgleich seine Nervenspannnng nachgelassen hatte, war er doch nicht glücklich. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß sein Barometer ihn in den Stand setzte, jederzeit das Wetter vorauszuwissen. Und das betrübte ihn. Ging ihm doch damit das Vergnügen verlustig, das er früher beim Hoffen auf einen Witterungswechsel empfimden hatte. In Zukunft würde er an einem bewölkten Himmel nicht mehr auf die Sonne warten, und das schöne Wetter würde für ihn nicht mehr den Reiz des Unvorhergesehenen haben. Der Regen hatte nachgelassen, die beiden Turisten machten sich auf den Heimweg. Nach Hause zurückgekehrt, konsultierte Maxime seinen Baro- meter: er stand immer noch auf„Veränderlich". Bah I Eine Probe beweist noch nichts I Vielleicht zeigt er trotz- dem nicht richttg? dachte er. Aber am nächsten Morgen stand die Nadel auf„Schönes Wetter", und Garnier raste innerlich, als er in sein Bureau ging. Nachdem er ihn einige Wochen beobachtet hatte, mußte er sich schließlich davon überzeugen, daß der Optiker ihn nicht betrogen hatte: der Barometer war von einer grausamen Genauigkeit. Ihn ekelte davor. Am liebsten hätte er vergessen, daß er einen Barometer besah, und dennoch trieb es ihn jeden Morgen an den Kamin, den Apparat zu befragen. Er haßte ihn schließlich derart, daß er im geheimen wünschte, er möchte sich doch nur ein eiuziges Mal irren oder das Mädchen möchte ihn in seiner Abwesenheit fallen lassen. „Weißt Du, was ich an Deiner Stelle mit dem Barometer machen würde?" sagte eines Tages seine Frau. „Nun"? stagte er gespannt, zu allen Schandtaten bereit. .Ich würde ihn Tante Sophie zum Geburtstag schenken. Schon lange wünscht sie sich einen, aber es ist ein Traum, den sie niemals verwirklichen wird, weil sie sich eine solche Luxusausgabe nicht leisten kann. Damit würde ein doppelter Zweck erfüllt: ihr bereitest Du eine Freude und Dir gibst Du Deine gute Laune wieder. Denn ich sehe es wohl, seit dem Ankauf dieses garstigen Barometers bist Du nicht mehr glücklich. Wenn die Nadel auf„Regen" steht, bist Du gereizt, nervös, und auch das schöne Wetter macht Dir keine Freude mehr, da Du es vorausgewußt hast." Entzückt pflichtete Garnier seiner Frau bei. Zum erstenmal begriff er, welch' einen mächtigen Reiz das Ge- hcimnisvolle, welch' starke Anziehungskraft das' Unvorhergesehene auf den Menschen ausübt. Er segnete die weise Vorsehung, die dadurch, daß sie das Morgen in den Schleier des Unbekannten hüllte, unsere Enttäuschung verzögern, unsere Freude unberührt er- halten wollte.—_ Kleines f euületon» e. 8. Volkskunst. Das Museum für Volkstrachten hat,(da die endgültigen Räume wohl erst nach Weihnachten fertiggestellt sein werden, eine provisorische Ausstellung einer Auswahl iciner besten Stücke in der Hinzuziehung neuer Sachen veranstaltet(Kloster- straße 3?, geöffnet 10— 4). In einem kleinen Räume ist diese- Sammlung untergebracht, die viel Sehenswertes birgt. Der Vor- zug besteht gerade darin, daß nicht ein Allzuviel, eine langweilige Vollständigkeit hier, wie in manchen anderen Museen herrscht. Aus dein Nachteil, daß die Mittel nicht glänzende sind, ist ein Vorzug gemacht: es sind fast nur hervorragende Stücke da, und dieses kleine Elitemufeum sollte namentlich von denen, die kunstgewerblich arbeiten, häufig besucht werden. Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet eine Auswahl von Modellhäusern, die die primitive Baukunst illustrieren, wie sie auf dem Lande herrscht. Vorbildlich insofern, als die notwendigen Faktoren und die Praxis so ungezwungen berücksichtigt sind und auch das Künstlerische in der Architektur zur Geltung kommt, ir? der Form einzelner Teile, vor allem in der Verwendung der Farbll in der Fassade. Da ist ein Bauernhaus aus Westfalen, aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. 1700 steht über der Tür. Es steht in Nahne bei Osnabrück. Ein Lehmfachwcrkbau mit Strohdach. Ein großer Raum in der Mitte. Das Haus vereinigt alles unter dem Dach, Wohnräume und Ställe, die sich um den freien Mittclraum gruppieren. Die Fassade hat bläuliche Tönung. Das Balkenwerk ist schwarz und grün. Ein alter lleberrest aus der Heidenzcit zeigt sich in dem Pferdckopf auf dem Dache, dem Zio oder Tyr geheiligst Wie winzig duckt sich neben diesem breiträumigen Besitz das kleine Fischerhaus, das unter seinem riesigen Strohdach, zum Schutz gegen den Sturm, fast im Erdboden verschwindet. Die Wärme wird hier zusammengehalten. Wenig Fenster, damit die Kälte nicht herein- dringt. Das Häuschen stammt aus Mönchgut auf Rügen.— Nach Hessen führt eine splendid angelegte Wassermühle. Aus roten Ziegeln gebaut, mit grauem Balkengefüge, macht sie einen reichen Eindruck. Die Fenster sind grün eingerahmt, ebenso sind die Türen grün. Ein Bauernhaus aus Hessen zeigt ein dunkelrotes Ziegel- dach, dunkelgeschwärztes Balkenwerk. Die Lehmfassade ist in den oberen Teilen mit gemalten Blumen verziert, eine besonders eigenartige Zusammenstellung. Ein Haus aus der Nähe von Berchtesgaden zeigt den oberbayerischen Typus. Es trägt die Jahreszahl 1670. Entsprechend den Gebirgsverhältnissen ist die Bauart verändert. Das Dach flach, damit der Wind keinen Widerstand findet; mit mächtigen Steinen beschwert, damit es nicht abgedeckt wird. Der untere Teil ist in Lehm aufgeführt, der obere in Holz. Besonders zierlich wirkt die Laube, die nngs um daS obere Stockwerk herumläuft, die oft Bemalung oder Schnitzwerk zeigt.— Einfach ist wieder der ostpreußische Typus. Eine Art Blockhaus, ganz in Holz, mit Strohdach. Dieser bescheidenen Anlage! entsprechend auch klein im Umfange. Einen wohlhabenderen Ein, druck macht dagegen das Spreewalohaus. Es hat geräumige Au», dchnung. Holzfassade Strohdach. Die Fenster sind weißgcrahmst Die eigentümliche Besonderheit besteht hier speziell in der Bauart, Das ganze Haus ist gewissermaßen isoliert. Es ruht auf Stein, blöcken. Der Bach fließt dicht am Haus vorbei, eine kleine Brücke führt hinüber. An Ausdehnung wird diese Ansiedelung noch über- troffen von dem schleswig-holsteinischen Hof aus der Nähe von Husum. Das große Einfahrtstor liegt nach der Straße. Die. breite Diele bildet den Mittelraum, um den sich die anderen Räume grupieren. Ein Ziegelbau mit Fachwerk. Von den Möbeln sei besonders auf den ostfriesischen Schrank aufmerksam gemacht, dessen überaus zierliche Ornamentik stilisierte Blumen in seiner und zugleich strenger Anordnung zeigt, so dag immer der Flächeneindruck gewahrt bleibt. Die Schlösser haben schöne Griffe in Herzform. Dann ist noch ein prächtiger Schrank aus dem Jahre 1S75 da, breit ausladend. Die Fächer sind ganz verschieden angeordnet, so daß der Schrank gewissermaßen auS mehreren Einzelbehällern besteht. Die mannigfaltigen Trachten geben dem Ganzen einen farbigen Rahmen. Bunt und sinnvoll ist diese Formenwelt. Leuchtend sind die Farben, doch auch schwer: und verhalten. Mit viel Verständnis'st das alles zusammen» gefügt. Besonders prächtig, beinahe phantastisch ist das Kostüm einer fchlesischen Bäuerin, reich in schwarz und weiß, mit einem rotgclben Umschlagetuch. Eine herrliche Farbenstimmung zeigt ein hessisches Kostüm einer jungen Bäuerin in schwarzer und violetter Seide An Farbenpracht wetteifert mit diesen Trachten die bc». sondere Sammlung der Hauben, die prächtig in Gold- und Silber« mustern leuchten, auf blauem Grund, mit violetten Bändern. Reizvoll ist auch der Bauernschmuck, vor allem in den Formest reich und mannigfaltig. Wie auf ein Gewirr feinster Filigran, fädchcn, die sich zu leichten Mustern verschlingen, Gold oder Silber. ine bunten Steine aufgesetzt sind, das zeugt von sicherem Geichmach und lebendiger Anschauung.. �.... Für den Arck'itektcn wis für den Kunstgcwerbler ,st diese Bauernkunst von erheblichem Werte. Aber auch der Laie wird hiervon Genuß haben. Jedes einzelne Ding wirkt formfüllig für sich und braucht keine nachhelfende historische Belehrung. Es ttk traurig, daß in einer Zeit der unentwegten Denkmäler eme so. wichtige Sammlung solch jämmerliches llnterkommen findet.— — Eine gefährliche Theatervorstellung. Der„Frankfurter. Zeitung" wird aus Dortmund geschrieben: Der Direktor der Vereinigten Stadttheater Effen-Dortmund, Herr Gelling, der tm nächsten Jahre die Leitung dieser Muscntempel niederlegt, hat jetzt den Versuch gemacht, durch ein hinterlistiges Stückchen das ichone neue Dortmunder Stadttheater schnöde zu entweihen. Her Gelling trat nämlich— man denke I— wegen Veranstaltung von Ar- beitcrvorstellungen mit den Dortmunder Gewcrki chattest in Verbindung. Natürlich w.-ßte dieser verkappte Sozialdemokrat ganz genau, daß ernsthaft christlichgesinnte Arbeiter sich hüten« EiR Theater zu besuchen, das, wie man jetzt noch auf dem Sittlich- keitskongretz in Hannover gehört hat, so viele Gefahren birgt. Die christlichen Gewerkschaften reagierten denn auch nicht auf die Lockung des Voltsverführers, aber den vom sozialdemokratischen Geiste durchseuchten„freien" Gewerkschaften, auf die das ganze tzlngebot ja auch berechnet war, war das ein„gefundenes Fressen". tzn aller Heimlichkeit verabredete nun Herr Gclling mit den roten Umsturzleuten eine Arbcitervorstellung. für welche er den„freien" Gewerkschaften zu ganz unglaublich niedrigen Preisen sämtliche Plätze des Stadttbeaters zur Verfügung stellte, so daß fiir wenige Groschen sich selbst auf den ersten gepolsterten Plätzen in Logen und Sperrfitz, wo sich sonst die würdigsten Mitglieder der Dort- Münder Hautevolee von des Tages Mühe und Arbeit ausruhen, vaterlandslose Gesellen ohne Smoking hätten herumflegeln können. Hätten Z ö n n e n,— sage ich, wenn nämlich nicht der Dortmunder Magistrat gewesen wäre, der zum Glück für Dortmund und unser ganze? Vaterland noch rechtzeitig von einem wackeren Jen- trumsstadtverordnetcn auf das frevelhafte Treiben des Herrn Gelling aufmerksam gemacht wurde. Und da zeigte es sich wieder einmal, wie sehr beim Abschluß von Verträgen, besonders bei Ver- trägen mit Theaterdirektoren, die doch meist nicht die sittliche Reife und Charakterfestigkeit besitzen, wie sie z. B. unser hochverehrter Kultusminister Herr v. Studt von den Turnlehrern mit Recht verlangt, eine weise Vorsicht am Platze ist. Glücklicherweise ent- hielt der Vertrag mit dem Theaterdirektor Gelling einen Para- graphcn, oder vielmehr gleich zwei, auf Grund deren der Dort- mundcr Magistrat die geplante„Arbcitervorstellung" verbieten konnte. Der Vertrag enthält nämlich eine Bestimmung, wonach das Theater nicht bestimmten Gruppen oder Vereinigungen zur Verfügung gestellt werden dürfe; außerdem darf der Thcaterdirekwr nicht nach seinem Belieben das Theater zu Schundprcisen freigeben. sondern die Eintrittspreise find vertragsmäßig festgelegt. So ist denn, dank der Weisheit des Dortmunder Magistrats, das Stadt- theater der ehemals freien Reichs- und jetzt über alle Maßen staats- und königstreuen Stadt Dortmund der Gefahr einer sozialdemo- kratiichcn Masieninfektion mit knapper Rot entgangen. Man sieht aber wieder einmal, wie unter dem Vorwand der Hebung der Volksbildung sogar städtische Theater, die unter bchördlicher Oberaufsicht stehen, umsturzlcrischen Zwecken dienstbar gemacht werden sollen. In der„Arbcitervorstellung" sollte nämlich nicht etwa dem richtig verstandenen Bildungsbedürfnis des arbeitenden Volkes ent- sprachen werden durch die Aufführung eines einwandfreien religiösen Stückes oder eines unser Herrscherhaus verherrlicyenden Soldat cnstückes, sondern cS sollte Hebbels„Maria Magdalena" ge- geben werden! Und dazu meinte selbst der im Theater wacheiche Feuerwehrmann, daß diese Stücke mit den Wechsnamen, wie Salome und das andere Frauenzimmer, das nur einen losen Mantel anhatte und darunter ganz nackt war, immer unsittlich seien. Danke» wir also unserem hochverehrten Magisttat für seine Wachsamkeit I Hoch! Hurra I Horridohl— Mufik. Komis che Oper. Der französische Komponist Leo De- libes(1836— 1891) fing, wie so viele auch heitere Komponisten Frankreichs, als Organist in einer Pariser Kirche an. Seit 18?ü brachte er mehrere Operetten, später komische Opern, unter denen -.Der König Hat'S gesagt" auch bei uns Anklang gefunden hat. Am beliebtesten wurde er durch seine Ballette, seit 1866;„Sylvia" und ganz besonders„Coppelia" gaben ihm den besonderen Ruhm eiueZ Schöpfers von tanzartiger Musik im guten Sinne des Wortes. Dann brachte er noch kleinere Werke und war seit 1881 Kam- pofittonsprofessor am Pariser Konservatorium. Verhältnismäßig wenig Anklang hat seine komische Oper von 1883:„La knie", gefunden. Sie arbeitet namentlich mit einem Dust orientalischer Romantik, versteht es ganz wohl, lyrische Stimmung melodrös wiederzugeben, erhebt sich aber weder zu einer kunstvolleren thematischen Arbeit noch auch zu der Kunst, dramatische Wendungen jauch als mufikalische Hauptstücke vorzuführen. Immerhin kann jwan fich denken, daß ein Deutscher wie Robert Schumann, oder ein Franzose wie Bizet, dem Wohligen und Wohlgefälligen dieser Musik einige Anerkennung gespendet hätte. Vorbeigelungen scheint uns z. B. ein gutgemeintes Duett im ersten Akte zu sein, in welchem die Tochter eines brahmanischen Priesters sich mit einem enio- pä'schen Eindringling, der sie liebt, zusammenftndet: sie singt mehr rezitativisch in exotischen Tongebildcn, er fingt europäische Ope- rettenttivalttät; schließlich geht ihr Gesang einigermaßen rn die musikalische Art ihres Partners über, und so findet das einaiwer Fremde die gemeinsame musikalische Pointe. Der Inhalt der Dichtung ergibt weiterhin das Bemühen des Priesters, den Ein- dringling zu finden und zu strafen. Er verkleidet sich als Bettler und läßt seine Tochter auf der Straße singen. Natürlich stellt sich auch bald der Gesuchte ein, gekennzeichnet durch den Eindruck seines Anblickes auf die Tochter. Ein Dolchstich verwundet, tötet aber wicht. Zuletzt überrascht der Priester feine Tochter als Pfleger,» de? Verwundeten und steht sie aus irgend einem bühnenmäßigen Grunde tot Hinfinken. Als am vorigen Sonnabend dieses Werk in unserer„Komischen �lper wieder aujgcfrischt wurde, fehlte ein Textbuch, das doch sonst Uugemein als Verständnishülfe angeboten wird. Der Vermerk Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: auf dem Theaterzettel:„Neueingerichtet für die„Komische Oper" von Maximilian M o r i s", läßt vermuten, daß man in jener Beziehung kein gutes Gewiffen hatte. Ein weit besseres konnte man diesmal in bezug auf die Ausstattung haben. Der orientalische Zauber des Stückes paßt zu den Absichten der dortigen Direktion vorzüglich. Namentlich der Urwald im letzten Akt ist eine künstle- risch werwolle Darstellung, ohne die kleinlichen Künstelungen, die doch auch diesmal wieder namentlich in den Volksszenen auffielen. Eine besondere Würze war das Auftreten der vielgerühmten Tänzerin R u t h S. D e n i s. Sie führte im zweiten Akt eine Art Schlangentanz auf,„Cobra"; d. h.: sie führte hauptsächlich mit ihren Armen und Händen Bewegungen aus, welche bie_ von Schlangen veranschaulichen sollten. Dabei sprach ihr ganzer Körper so charakteristisch mit, daß wir hier weit mehr vor uns haben, als eine von jenen ornamentalen Tänzerinnen, wie sie auf dem gc° wöhnlichen Opernbodcn heimisch find. Die Sänger leisteten in der Hauptsache mehr, als bei einer Ablenkung der Aufmerksamkeit durch das Szenische und bei einer Ermüdung durch die ziemlich gleichförmige und weichliche M: sik zu erwarten war. Vor allem nennen wir den Bariton Franz Egenieff: er gab in der Rolle des Priesters Nilakantha, die nicht einmal besonders viel bietet, eine so packende dramatt'che Charakterisierung, daß man die kleinen Störungen seiner Stimm? im Anfange rasch vergaß. In der Rolle der Priestertochter Lakme zeigte Hedwig Franzillo-Kaufmann, daß wir uns in der Anerkennung ihrer Künstlerschaft nicht getäuscht haben: sie ent- wickelt sich zu einer allerersten Gesangskünstlerin. Gerade in dieser Partie hat dies viel zu sagen. In mehreren kleineren Rollen waeen zum Teil sehr tüchtige Kräfte ohne die Möglichkeit eines größeren Erfolges beschäftigt. Der Tenor Karl Pfann bedarf noch mancher Fortschritte. Woran die Einförmigkeit der Orchester- leitung lag, mögen andere sagen.— sz., Humoristisches. — Aus der„Inge n d". Räch beendigter Hebung restet ein Hauptmann an der Spitze skmer Kompagnie vom Exerzierplatz stolz den Toren der schwäbischen Residenz zu. Plötzlich wird die Rosinante, die sonst an Sanftmut nichts zu wünschen übrig läßt, zun, großen Erstaunen des Hauptmanns unruhig und beginnt, hmiptsächlich mit der„Hinterhand", die tollsten Sprünge auszuführen. Berwmidett über das eigentümliche, ganz ungewohnte Gebaren des Rostes, wendet sich der Hauptmann an den Flügelmann der vordersten Sektion; „Grenadier Wörle, sehen Sie mal nach, was der Gaul hat!" Jener besieht sich das Tier von allen Testen und erwidert mit lauter Stimme:„.... „Herr Hauptmann,'s hockt a Viech uffthml— Notizen. — Der GreifSwalder Universitätsbibliothek ist eine Sammlung niederdeutscher plattdeutscher) Werke angegliedert worden, die als die erste staatliche niederdeutsche Bibliothek auzusprechen ist. Ihr Zweck besteht in einer möglichst vollständigen Bereithaltnng der entsprechenden Schriften. Zu ihrem Ausbau hat das Kultusministerium 10 000 M. gegeben.— — Die nächste Novität des Neuen Theaters,„Die Kondottieri" von Rudolf Herzog, soll am Sonnabend, den 27. Ottober, w Szene gehen.— — Verboten wurde wieder einmal die Aufführung eines Theaterstückes:„Das gelobteLand". sattrisches Lustspiel von Georg Geliert. Die Aufführung sollte am Stadttheater in Barmen stattfinden. Preußen ist ein gelobtes Land.— — Die Freie Volksbühne in Wien wurde am Sonntag mit dem A n d r e j e w scheu Drama:„Zu den Sternen" rr- öffnet. Die gedankenreiche Dichtung, in die auch die russische R-'- volution hineinspielt, fand bei würdiger Darstellung lebhaften Beifall.— — Die Witwe Charles GounodS, des bekannten Kom- ponisten. starb in Paris.— — Der Kongreß für Fremdenverkehr ii, Mailand beschloß, die Regierung zu ersuchen, eine Gesetzcsvorlage für einen besseren und wirksameren Schutz des künstlertschen Ber- mögen? sowie für die Erhaltung der mit der Geschichte, Lsteratur und Kunst Italiens zusammenhängenden Naturerscheinungen ein- zubringen.— — Die letzten geologischen Forschungen über die Ursachen und Folgen des Erdbebens von San Francisco haben ergeben, daß die Ursprungs stelle nicht auf dem Lande, sondern wahrscheinlich an einem Punkte im Ozean lag. Diese Ansicht erhält durch den Bericht, daß eine dritte Insel in der St. John Bogoslowgruppe in der Behringsiraße entstand, Be- stätigung. In dieser Gruppe wurden bereits zweimal— im Jahre 1796 und im Jahre 1833— Inseln geboren.— — Die berühmten Automaten(„Sihreiber",„Zeichner", „Klavierspielerin"), Wunderwerke der Mechanik von Jaguet- Droz, Vater und Sohn in Neuenburg, sind für �72 000 Frank in den Besitz der historischen Gesellschaft in Neuenbürg übergegangen.— Vorlvärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer örCo..Berlin SW.