Ilnterhaltimgsblatt des'Vorwärts Nr. 208 Freitag, den 26 Oktober. 1606 (Nachdruck verboten.) ie] Der Sumpf. Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Es gab in den Schlachthäusern ja sogar nicht ein- mal eine Stelle, wo die Männer ihre Hände waschen konnten, und zur Mittagszeit aßen sie ebensoviel Blut wie Nahrung. Bei der Arbeit konnten sie ihre Gesichter nicht abtrocknen, sie waren in der Hinsicht so hülflos wie Säuglinge. Das klingt wie eine Kleinigkeit, aber es war eine Qual, wenn der Schweiß ihnen über den Nacken strömte imd sie kitzelte, oder eine Fliege sie stach. Ob es die Siimpfc oder die Schlachthäuser vcr- schuldeten— bei dem heißen Wetter kam über Packingtown eine schier ägyptische Plage an Fliegen. Es war geradezu unbeschreiblich— die Häuser wurden schwarz davon, und keine Rettung gab es vor ihnen. Du konntest deine Fenster und Türen verhängen, aber das Summen davor glich den Schwärme» unzähliger Bienen, und wenn nur ein Spalt sich öffnete, strömten die Fliegen herein, als wenn der Sturm- wind sie gefegt hätte. Bei den meisten Menschen erweckt die Sommerszeit manchen Gedanken an grüne Felder, an Berge und sprudeln- des Wasser. Für die Leute in den Schlachthäusern gab es so etwas nicht. Die große Packmaschine ging erbarmungslos weiter, ohne sich an grüne Felder zu kehren, und die Menschen, welche an ihr teilhatten, sahen nie etwas Grünes, nie eine Blume. Bier oder fünf Meilen im Osten glänzten die blauen Wasser des Michigansees, aber für die Arbeiter hätte er ebensogut so weit entfernt sein können wie der Stille Ozean. Sie hatten nur den Sonntag, um sich der Sonne zu freuen, und dann waren sie zu müde, um spazieren zu gehen. Sie waren fürs Leben an die Packmaschine gefesselt. Die Beamten, Buchhalter, Oberaufseher usw. kamen aus einer anderen Menschenklasse, niemals ans dem Arbeiterstande. Sie— selbst die niedrigsten— verachteten die Arbeiter. Ein armer Teufel von Buchhalter, welcher 20 Jahre für 6 Dollar die Woche bei Durham gearbeitet hatte und noch 20 Jahre weiter für dasselbe Geld arbeiten würde, hielt sich für einen Gentle- man und hocherhaben iiber den geschicktesten Arbeiter. Er kleidete sich anders, wohnte in einem anderen Stadtteil, kam zu einer anderen Stunde zur Arbeit und hütete sich sehr, seinen Ellbogen an dem eines Arbeiters reiben zu müssen. Das kam vielleicht von dem Abstoßenden dieser Arbeit— jedenfalls waren die Leute, welche mit den Händen arbeiteten, eine Klasse für sick, und man ließ es sie fühlen. Im Spätfrühling öffnete sich die Büchsenfabrik wieder: man hörte Marifa wieder singen und Tomaszius' Musik hatte einen weniger melancholischen Klang. Die Freude währte aber nicht lange. Nur einen Monat später kam über Marija ein großes Unglück. Gerade ein Jahr und drei Tage hatte sie in der Fabrik aearbcitet, da war es wieder aus. Und dies ist eine lange Geschichte. Marija behauptete, ihre Tätigkeit in der Gewerkschaft>väre schuld, denn die Pockherrcn hallen natürlich ihre Spione in allen Verbänden. Dazu hatten sie sich eine Anzahl der Gewerkschaftsbeamten gekauft, gerade so viel, wie sie für nötig hielten. So empfingen sie jede Woche Berichte von dem, was dort vorging, und sehr oft wußten sie die Dinge früher als die Mitglieder. Jeder, welcher von ihnen für gefährlich gehalten wurde, war sicher kein Günstling der Aufseher. Und Marija zeigte ihren großen Eifer sehr offen. Sie ging zu fremden Leuten, um ihnen vorzupredigcn. Das mochte nun sein wie es wollte, Tatsache blieb, daß Marija, ehe die Fabrik schloß, um dreihundert Büchsen betrogen ward. Die Mädchen arbeiteten an einem langen Tische, und hinter ihnen wanderte eine Frau mit Stift und Notizbuch umher, um die Zahl der fertigen Büchsen zu notieren. Diese Frau war auch nur ein Mensch und irrte sich manchmal. Wenn es aber geschah, gab es keine Abhülfe. Wenn du am Sonnabend weniger Geld bekamst, als dir zukam, mußtest du dich damit bescheiden. Das wollte Marija nicht verstehen, und als es ihr geschah, schlug sie Lärm. Marijas Lärmen bedeutete aber nicht viel, denn bei Litauern und Polen werden wenig Umstände gemacht. Tie Leute lachten sie einfach aus und brachten sie zum Weinen. Jetzt aber konnte Marija sich schon in englischer Sprache austoben und tat das so gewaltig, daß die Frau, welche den Irrtum begangen katte, ihr selbst gram wurde. Wahrscheinlich— meinte Marija— irrte sie sich nachher mit Absicht, jedenfalls irrte sie sich, und als es zum dritten Male geschah, begab sich Marija auf den Kriegspfad und brachte die Sache zuerst vor die Aufseherin. Als ihr da keine Genugtung zuteil ward, ging sie zum Oberaufseher, Dies war eine unerhörte Anmaßung, aber der Oberaufseher sagte, er würde nachsehen, und Marija hoffte ihr Geld zu be- kommen. Nachdem sie aber drei Tage gewartet hatte, be- suchte sie den Oberaufseher nochmals. Dieses Mal legte sich des Mannes Stirn in Falten, und er sagte, er hätte keine Zeit gehabt. Als dann Marija gegen den Rat und die War- nungen ihrer Gefährtinnen es zum dritten Male versuchte, schickte er sie ärgerlich an die Arbeit. An demselben Nachmit- tag eröfnete ihr die Aufseherin, daß man ihrer Dienste nicht mehr bedürfe! Die arme Marija hätte nicht mehr betäubt sein können, wenn die Frau ihr einen Schlag auf den Kopf gegeben hätte. Zuerst wollte sie nicht glauben, was sie hörte, und dann geriet sie in Wut und schwor, daß sie dennoch kommen würde, der Platz wäre ihr Eigentum. Zuletzt setzte sie sich auf den Fußboden und jammerte bitterlich. Das war eine grausame Lehre, aber warum war Marija auch so hals- starrig? Sie hätte auf erfahrene Leute hören sollen. Das nächste Mal würde sie ihren„Standpunkt"— wie die Aufseherin es ausdrückte— kennen. So ging Marija, und die Familie stand wieder vor einer Lebenswende. Das war sehr hart, besonders weil Ona ihrer Entbin- dung entgegensah und Jurgis sich abquälte, dafür Geld zurück- zulegen. Er hatte über die Hebammen, deren es in Pöcking- town soviel gab wie Fliegen, schreckliche Geschichten gehört und beschloß deshalb, für Ona einen Arzt zu schaffen. Jurgis konnte sehr hartnäckig sein, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und er war es in diesem Falle, zum großen Kummer der Frauen, welche einen Arzt einmal für eine Un- sch.cklichkeit ansahen, andererseits auch eine Entbindung für Frauenarbeit hielten. Außerdem würde der Arzt 15 Dollar verlangen, vielleicht noch mehr. Aber Jurgis wollte das bezahlen, und wenn er bis dahin hungern sollte! Marija hatte nur noch 25 Dollar im Vermögen. Tag für Tag wanderte sie nach den Höfen und bettelte lim Arbeit. aber jedesmal ohne rechte Hoffnung. Sie konnte die Arbeit eines nornialen Mannes gut verrichten, wenn sie vergnügt war, aber Entmutigungen machten sie elend, lind sie kam abends heim als ein bedauernswertes Wesen. Marija hatte jetzt ihre Lektion bekommen, das arme Geschöpf und die ganze Familie litt mit darunter. Wenn du einmal eine Stelle in Packingtown hast, so klammere dich an sie, es mag kommen nms da will. Vier uild eine halbe Woche jagte Marija umher. Natürlich zahlte sie keine Beiträge mehr für die Gewerkschaft. Sie verlor olles Interesse daran. Schon fürchtete sie, ver- loren zu sein, als jemand ihr neue Hoffnung machte. Sie ging hin lind wurde„Fleischzurichterin". Sie bekam die Stelle, weil der Aufscher sab. daß sie Muskeln wie ein Mann hatte. Deshalb entließ er einen Arbeiter, gab Marija dessen Arbeit und zahlte ihr wenig mehr als die Hälfte seines Lohnes. � In der ersten Zeit ihres Aufenthalts in Packingtown würde sie eine solche Arbeit zurückgewiesen haben. Jetzt nahm sie sie an. Es war eine Büchsenfleischjabrik, und Marija hatte die Aufgabe, das Fleisch von kranken Tieren zuzurichten, genau so. wie es Jurgis vor kurzem gehört hatte. Sie arbeitete in einem Raum, wo man das Tageslicht selten sah. Hilter ihr waren die Gefrierräume und über ihr die-Koch- räume. So stand sie auf einem eiskalten Fußboden, während ihr Kopf branilte, so daß sie kaum Atcnl holen konnte. Sie löste das Fleisch von den Knochen, oft 100 Pfund Gewicht an einem Tage, vom Morgen bis Abend, uild stand in schweren Stiefeln auf feuchtem Bodeist immer gewärtig, von der Arbeit gejagt zu werden, wenn der Handel flau wurde, oder auch in eiliger Zeit über die Zeit hinaus arbeiten zu müssen und abgehetzt zu werden, bis jeder Nerv an ihr zitterte und der Messergriff ihr aus der Hand glitt und sie verwundete— vielleicht sogar vergiftete. So sah das Leben aus, was vor i Marija lag. Aber Marija war wie ein Pferd. Sie lachte nur und nahm ihren Weg auf. Sie konnte nun ihren Lebens- unterhalt wieder bestreiten und die Familie unterstützen. Und was Tamoszius und seine Wünsche betraf— er hatte schon so lange gewartet, nun konnte er auch noch etwas länger warten. Von seinem Verdienst allein konnten sie nicht leben, und die Familie muhte ohne den ihren darben. So kam der arme kleine Mann nur zum Besuch, saß in der Küche, hielt ihre Hand und muhte sich damit begnügen. Tag für Dag wurde sein Spiel leidenschaftlicher und herzbrechender, und Marija sah mit verschlungenen Händen dabei; ihre Wangen wurden nah, und ihr ganzer Körper bebte. Sie hörte in den klagen- den Tönen die Stimmen der ungeborenen Generation, welche in ihr um ihr Leben schrie. Marijas Lehre kam gerade recht, um Ona vor einem ahnlichen Schicksal zu bewahren. Auch Ona war mit ihrer Stelle nicht zufrieden und hatte dafür mehr Ursache als Marija. Sie erzählte zu Hause nicht alles, weil sie sah, wie es Jurgis marterte, und sie fürchtete seinen Zorn. Schon lange wuhte Ona. dah Mih Henderson, die Aufseherin, sie nicht gut leiden konnte. Zuerst dachte sie, es wäre die alte Geschichte, weil sie um einen Feiertag zur Hochzeit gebeten hatte. Dann meinte sie wieder, es täme daher, weil sie Mih Henderson nicht gelegentlich ein Geschenk machte; doch endlich kam sie zur Einsicht, dah es noch einen schlimmeren Grund hatte. Mih Henderson war erst neu eingetreten, aber nach einiger Zeit kam es heraus, dah sie die frühere Geliebte eines Oberauf- sehers in diesen. Gebäude war. Er hatte ihr die Stelle ver- schafft, um sie zu beruhigen, doch nicht mit vollem Erfolge. Man hörte die beiden einigemal miteinander streiten. Sie hatte das Temperament einer Hyäne, und bald war ihre Ab- teilung eine wahre Hexenküche. Einige der Mädchen waren von derselben Sorte; sie umschmeichelten sie und trugen ihr Geschichten von den anderen zu— und so waren die Furien an dt.n Platze entfesselt. Noch schlimmer! Das Weib wohnte in einem öffentlichen Hause unten in der Stadt mit einem rohen, rothaarigen Iren, nainens Connor, welcher Aufseher bei den Rollwagen war und mit den Mädchen spähte, wenn sie zu und von der Arbeit kamen. In der flauen Zeit gingen einige von ihnen mit Mih Henderson in ihr Haus— in Wahrheit nahm sie ihre Untergebenen aus dem übelberüchtigtcn Hause. Zuweilen bekamen Frauen aus dem Hause die Stellen mit Uebergehung anständiger Mädchen, oder an- ständige Mädchen muhten gehen, um für solche Weiber Platz zu machen. Wenn du in dieser Abteilung arbeitetest, so konnte jenes öffentliche Haus dir nicht aus den Sinnen kommen. Gerüche streiften dich, gleich denen, die die Nachtpflanzen in Packingtown an sich tragen. Es wurden Geschichten er- zäblt und frivole Winke ausgetauscht. Ona würde nicht einen Tag an dem Platze geblieben sein, wenn die Not sie nicht dazu gezwungen hätte. Aber sie konnte auch nicht einen Tag sicher sein, dah sie nicht entlassen werde. Sie verstand jetzt nur zu gut, warum Mih Henderson sie hahte— weil sie anständig war; die Klatschweiber und Schmeichlerinnen hahten sie aus demselben Grunde und taten alles, ihr Leben so schwer wie möglich zu machen. Aber es gab keine Arbeitsstelle in Packingtown für ein Mädchen, das in diesen Sachen heikel war, keinen Platz, wo die Prostituierten nicht besser fortkamen als ein anständiges Mädchen. Die Bevölkerung, roh und meist aus Ausländern bestehend, stand immer am Abgrunde des Elendes und war abhängig von der Laune von Menschen, die brutal und strupel- kos waren wie Sklavenhalter vergangener Tage. Unter solchen Umständen war die Sittenlosigkeit unvermeidlich und genau so vorherrschend wie unter der ehemaligen Sklaverei. Unaussprechliche Dinge geschahen in den Packhäusern und wurden gestattet, weil es zwischen Herren und Sklaven keinen Unterschied der Hautfarbe gab. Eines Morgens muhte Ona zu Haufe bleiben, Jurgis holte den Arzt, und Ona ward glücklich von einem Baby ent- Kunden. Es war ein sehr starker Knabe, und Ona doch ein zartes Ding, so dah es schier unglaublich schien. Jurgis stand da und starrte aus den neuen Ankömmling, unfähig, zu be- greifen, dah es wahrhaftig geschehen war. Die Ankunft dieses Knaben war für Jurgis ein ent- scheidendes Ereignis. Es machte ihn unwiderruflich zum Familienvater. Es unterdrückte den letzten zagen Wunsch in ihm, abends etwa auszugehen und in den Trinkhallen mit Kameraden zu sitzen und zu schwatzen. Jetzt hatte er keinen anderen Wunsch mehr, als bei seinem Baby sitzen zu können zmd es anzusehen. Das war seltsam! Früher hatte er Babys �ar nicht beachtet. Aber— dieses hier war auch ein ganz ungewöhnliches Baby. Es hatte die schönsten schwarzen Augen und kleine schwarze Ringellocken auf dem Kopfe. Es war das lebende Abbild seines Vaters, jedermann sagte das, und Jurgis fand das bezaubernd. Es war schon verblüffend, wie dieses kleine Stückchen Leben in die Welt gekommen, aber dah es das mit einer Imitation von seines Vaters Nase getan, war einfach unheimlich. Vielleicht— meinte Jurgis— sollte es beweisen, dah es s e i n Baby war— sein und Onas Baby. Nie hatte vorher Jurgis etwas auch nur annähernd so Interessantes sein eigen genannt— ein Baby war. wenn mans recht bedachte, entschieden ein ganz wunder- bares Besitztum. Es würde zum Manne aufwachsen, mit einer menschlichen Seele, eine Persönlichkeit ganz für sich, mit einem eigenen Willen! Solche Gedanken erfüllten Jurgis mit einer Menge seltsamer und fast schmerzlicher Genihle. Er war auherordentlich stolz auf den kleinen Antanas und neu- gierig auf alles, was ihn anging, das Waschen und Ankleiden, das Trinken und Schlafen, und tat allerlei absurde Fragen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er über die Sorge hinweg- kam, in welche ihn die unglaubliche Kürze der Beinchen versetzte. (Fortsetzung folgt.) lNachdruit verboten.) Der Dochwaffer-lVacbnchtcncUenft an den deutfeben Strömen. Die Bestrebungen, über den Verlauf der Hochwasser der deutschen Ströme durch regelmäßige Pegclbeobachtungen ein mög- lichst klares und anschauliches Bild zu gewinnen und durch rasche Verbreitung dieser Beobachtungen den Bewohnern der unteren Stromgegenden Gelegenheit zur Ergreifung etwa nötiger Sicher- heitsmaßnahmen zu bieten, reichen bis in das erste Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts zurück. Wohl waren an den großen Strömen schon zu Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts hier und da Pegel vorhanden. Den ersten Anordnungen zur regelmäßigen Ablafsung von Wasserstandsmeldungen begegnen wir aber erst im Jahre 1805. In diesem Jahre bestimmte der Minister Graf Schulenburg, daß von Dresden aus bei gewöhnlichen Wasserständen der Elbe jede Woche einmal, bei plötzlichen Anschwellungen aber täglich Meldungen an die Kriegs- und Domänenkammer in Magdeburg und an das Generaldirektorium in Berlin zu machen seien, wobei man sich im letzteren Falle bis Magdeburg der Estafetten zu bedienen habe. Nach und nach wurde jedoch eine einheitliche Regelung des Pegel- beobachtungsdicnstes für das gesamte preußische Staatsgebiet an- geregt, worauf dann auch im Laufe der Jahre entsprechende In- struktionen erteilt wurden. Diesen Instruktionen lag in der Hauptsache der Gedanke zu- gründe, zuverlässiges Material für die Regulierung der Ströme und Wasserstraßen und für die Vervollkommnung und Sicherung der Schiffahrt zu gewinnen. An einen eigentlichen, regelmäßigen Nach- richtendienst im Interesse der Anwohner der Flüffe, wie er jetzt ge- handhabt wird, war dabei weniger gedacht. Die nur gering ent- wickelten Verkehrsmittel der damaligen Zeit lassen dies erklärlich erscheinen. Erst mit der Einführung des elektrischen Telegraphen bot sich die Möglichkeit, einen solchen Dienst einzurichten. Die ersten Telegraphen für den öffentlichen Dienst wurden in Preußen im Jahre 1549 in Betrieb gesetzt. In demselben Jahre wurde auch schon die Benutzung der Tclegraphenlinien für die Be- förderung von Nachrichten über Wasserstände und Eisgänge in Aus- ficht genommen, und zwar für die Uebermittelung solcher Nachrichten vom jOberrHein und von der Mosel nach dem Mittel- und Nieder- rhcin. Weiter ausgedehnt und fester gestaltet wurde das Wasserstands- Nachrichtenwesen in den Jahren 1852 und 1853. In diesen Jahren waren von der Regierung auch die oberen Gegenden der Weichsel, Oder, Elbe, Weser und des Rheins für den telegraphischen Nach- richtcndienst in Betracht gezogen. Allein ein von der Telegraphen- behörde erstatteter Bericht machte dagegen geltend, daß der Zweck derartiger Meldungen nur dann völlig erreicht werden könne, wenn die Meldungen von den den Stromquellen zunächst befindlichen oder doch möglichst weit stromaufwärts gelegenen Telegraphenanstalten ausgingen. Diese Vorbedingung ließ sich jedoch mit Rücksicht auf die politischen Grenzen des Königreichs Preußen nur bei der Oder und Weser ohne weiteres erfüllen. Bei der Weichsel, der Elbe und dem Rhein, welche Flüsse in das damalige preußische Telegraphen- gebiet erst nach Zurücklegung eines großen Teils ihres Laufes ein- treten, mußte auf die Mitwirkung auswärtiger Telegraphen- anstalten Bedacht genommen werden. Hierbei wurde als Aufgabe- ort der Meldungen für die Weichsel Krakau genommen. Bon dort konnten sie über Oderberg, Schlesien und Berlin nach Bromberg, Tirschau und Danzig telegraphiert werden. Die Elbe berührte erst bei Magdeburg eine preußische Telcgraphenstation, es wurde daher Dresden für die Ablassung der Meldungen bestimmt. Für den Rhein kam Ehrenbreitstein, für die Oder Ratibor, Cosel und Oppeln und für die Weser Minden(Wests.) und Kastel in Betracht. Von einigen geringfügigen Aenderungen und Erweiterungen abgesehen, blieb der Wafserstandsmeldedicnst in den Gebieten der Weichsel, der Oder, der Elbe und des Rheins in den oben an- gegebenen Grundzügeil bis zum Jahre!K76 bestehen. Gegenüber dem außergewöhnlichen Frühjahrshochwcrsscr, das in diesem Jahre, besonders im Odergcbiete, mit verheerender' Wirkung auftrat, er- wies er sich indes als unzulänglich. Seine Neuregelung und Er- Weiterung wurde daher von den beteiligten Verwaltungen, dem Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, dem Ministerium für landwirtschaftliche Angelegenheiten und der Reichs- telegraphcnverwaltung sofort in Angriff genommen und so gefördert, daß schon im März 1877 den in Betracht kommenden Behörden eine Instruktion über die Verbreitung von Nachrichten über Hochwasser- stände zugehen konnte. Es würde zu weit führen, wollten wir die hiernach entstandenen Einrichtungen einzeln erörtern. Wir begnügen uns daher damit, an der Hand der Meldeordnung für das Odergebiet ein Bild dieses Dienstes in seiner jetzigen Gestalt zu geben. Von den Pegelstationen im Odergebiete sind 85 als Hochwasser- Meldestellen eingerichtet, wovon 18 auf die Oder selbst, die übrigen aus die Nebenflüsse entfallen. Bei der Mehrzahl dieser Stellen wird der Pegel während des ganzen Jahres beobachtet. Mit der Ablaffung von Meldungen wird begonnen, sobald am Pegel ein be- stimmter Wasserstand, der für jede Meldestelle besonders festgesetzt ist, überschritten wird. Naturgemäß ergehen die ersten Meldungen von den den Stromquellen zunächst gelegenen Beobachtungsstellen, denen sich die übrigen Stationen mit dem Fortschreiten des Hoch- Wassers der Reihe nach anschließen. Solange der für den Beginn der Meldungen matzgebende Wasserstand überschritten bleibt, wird täglich, im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr früh, eine weitere Meldung abgelassen. Außerdem erfolgt eine solche, sobald das Wasser den höchsten Stand erreicht, also der Scheitel der Hoch- wasserwelle den Pegel passiert. Sofern ein Hochivasser mehrere Scheitel hat, wird der Wiederbeginn des Wachsens des Wassers und der nachfolgende Wellenscheitel ebenfalls gemeldet; die letzte Meldung ergeht, sobald das Wasser unter den für den Beginn der Meldungen matzgebenden Stand zurückgetreten ist. Die WasserstandStelegramme find so kurz als möglich zu fassen. Sie enthalten an erster Stelle die Zeit der Beobachtung in Stunden und Minuten und an zweiter Stelle die Höhe des Wasserstandes in Zentimetern. Alsdann folgt ein die Veränderung des Wasser- standcs bezeichnender Zusatz—„steigt",„steht",„fällt",„höchster Stand",„steigt stark" usw. Für die Beurteilung der jeweiligen Verhältnisse ist unter Umständen auch die Beschaffenheit des Wassers, ob tlar oder getrübt usw., von Wichtigkeit, weshalb gegebenenfalls auch hierüber eine Angabe in das Telegramm aufgenommen wird. Ein zu Beginn der Meldungen abzulassendes Telegramm würde demnach folgende Form erhalten: „5 nachm. 8 ,32 steigt stark; mittags 2,25; gestern 9 nachm. 1,24." Die Angaben über den Wasserstand am Mittag und am Abend vorher werden- gemacht, um bei den weiter unterhalb gelegenen Stellen einen Anhalt über den voraussichtlichen Verlauf der Flut- welle gewinnen zu können. Außer diesen Hochwaffernachrichten werden, auch wenn das Wasser niedriger steht als die vorgeschriebene Mcldehöhe, Nachrichten versandt bei Eintritt des Eisaufbruchs und am Ende des Eis- ganges. Hierbei wird außer dieser Tatsache auch der jeweilige Pegelstand mitgeteilt. Für jede Meldestelle ist ein- für allemal bestimmt, wohin ihre Meldungen zu gelangen haben; die betreffenden Telegramme können daher ohne Aufschrift zur Auflieferung gebracht werden. Eine Unterschrift ist ebenfalls nicht erforderlich. Außer den unmittelbar in Betracht kommenden Behörden und Korporationen— Regierungen, Landratsämtern, Wasserbauinspektorcn, Amtsvorstchern, Eisenbahnbchörden, Deichverbänden und Stadtverwaltungen— werden die Meldungen auch auf Verlangen anderen Behörden und Privatpersonen zugestellt. Den Wasserstandstelegrammen sind diejenigen Bevorzugungen bei der Beförderung eingeräumt, welche den Staatstclegrammen zustehen; sie werden daher vor den etwa gleichzeitig vorliegenden Diensttelegrammen und Privattelegrammen abtelegraphiert. In welchem Umfange bei der Verbreitung der Wasserstands- Nachrichten die Reichs-Telegraphenverwaltung beteiligt ist, erhellt daraus, daß bei der Beförderung und Zustellung dieser Nachrichten allein im Gebiete der Oder 288 Telegraphcnanstalten mitzuwirken haben. Ein großer Teil der Wasscrstandsnachrichten wird im Oder- gebiete durch die eigenen Fernsprechleitungen der Oderstrombau- Verwaltung befördert. Eine dieser Leitungen führt von der öfter- rcichischcn Grenze bis Breslau, die andere, an der der Deichverband des Ober- und Nieder-Oderbruchs das Mitbenutzungsrecht besitzt, von Frankfurt bis Schwedt. Bei einer Verbreitung der Hochwassernachrichten durch Post- karten werden die Meldungen in ähnlicher knapper Form wie bei den Telegrammen abgefaßt. Es werden vorgcdruckte Karten der- wendet, auf denen für mehrere Wasserstandsangaben Raum ist. Die Kosten für die Verbreitung der Hochwassernachrichten durch Postkarten trägt die Staatskasse. Ein weiteres Mittel, den Anwohnern eines Flusses Kenntnis von einem oberhalb eingetretenen Hochwasser zu geben, find die optischen S gnale. Die Signalgebung erfolgt in der Weise, daß an hohen Masten kugelförmige, oben rot. unten weiß angestrichene Körbe in gewisser Zahl und Stellung gehißt werden, sobald von einer oberhalk gelegenen Pcgelstation bestimmte Wasserstände ge- meldet wcrKui Die von?:n Pegelstaticncu ausgehenden Nachrichten fließen, soweit sie nich' unmittelbar den Interessenten zugehen, bei gewissen Sammelstellen zusammen. Als solche sind meist die Wasserbau- inspektionen bestimmt; die Hauptsammclstelle für das Odergebiet befindet sich im Ober-Präsidium zu Breslau. Die Sammelstellen haben für die weitere Verbreitung der Meldungen, sei es durch den Telegraph, durch die Fernsprechlcitungen, durch Boten oder durch Postkarte, zu sorgen und u. a. sie auch einer Anzahl Zeitungen zu- zustellen. Die von der Hauptsammclstelle in Breslau weitergehenden Nachrichten erhalten dadurch erhöhte Bedeutung, daß ihnen in einer sogenannten Hochwaffervoraussage Angaben über die Zeit des Ein- treffens des höchsten Si indes an den unterhalb gelegenen Haupt- Pegeln und über die voraussichtlich zu erwartende Höhe des Wasser- standes angefügt werden. Diese Voraussagen können auf Grund eines reichhalrigen, w;i zurückreichenden Materials über den Ber- lauf früherer Hochwasser mit einer gewissen Zuverlässigkeit ge- macht werden. Eine Gewähr für ihr genaues Eintreffen über- nimmt indes die Strombauvcrwaltung nicht. Die erste Voraussage geschieht, sobald für die maßgebenden Pegel am Oberlause der höchste Stand gemeldet wird. Die Vor- aussagungen sind für die Bestimmung und die Anordnung der zn ergreifenden Vorbeugungsmaßnahmen von höchster Wichtigkeit, in- dem sie die Möglichkeit bieten, über die Größe der zu erwartenden Gefahr und die für deren Abwehr noch zur Verfügung stehende Zeit ein klares Bild zu gewinnen. Es dürfte kein Jahr vergehen, in dem nicht der Hochwasser- Nachrichtendienst in diesem oder jenem Flußgebiete seine Tätigkeit zu entfalten hätte. Manche Bewohne: der Flußgebiete haben die Erhaltung von Gut und Leben in drohender Gefahr seiner Wirk, samkeit zu verdanken.— jh. Kleines f emlleton* k. Altoholschmuggler in Paris. Aus Paris wird berichtet: Der Alkoholschmuggel steht bei der hohen und ständig steigenden Steuer in der französischen Hauptstadt immer noch in Blüte, untz immer neue Listen werden von den Paschern angewandt, dem wachsamen Auge der Steuerbeaniten zu entgehen.»Man konnte ein ganzes Museum," so erklärte jüngst ein Beamter der Pariser Steuerbehörde,„mit den zahlreichen, höchst sinnreichen Apparaten anfüllen, die Schmugglern gute Dienste geleistet haben, bis sie eines Tages dock: entdeckt wurden. Mehrere Monate lang trugen Schmuggler als Maurer verkleidet, hölzerne Balken durch die Tore, ohne daß wir auch nur einen Augenblick den Verdacht hegten, daß sie hohl wären und große Mengen Spirituosen enthielten. Als aber eines Tages gerade der letzte Mann einer Abteilung die Schranke mit einem heiteren„Von jour, esmerackes", passiert hatte, stolperte er über einen Stein und siel der Länge nach zu Boden. Ich sprang hinzu, da ich fürchtete, er hätte sich verletzt; aber kaum harte ich ihm auf die Beine geholfen, so nahm er zu meinem größten Erstaunen schnell Reißaus, ließ den Balten zurück und seine Ge- fährten entflohen auch. Der Grund war bald offenbar. Von einem Ende des Balkens sickerte eine Flüssigkeit heraus, die ich instinktiv als Altohol erkannte. Fluschen und andere Gefäße mit doppeltem Boden sind ganz gewöhnliche Scknnugglerkniffe. Damit lvir nicht argwöhnisch werden, sind sie gewöhnlich mit irgend einem Getränk, Bier oder Wein gefüllt, das richtig deklariert wird. Früher sind wir oft dadurch hinterganaen worden, jetzt aber lassen wir uns nicht mehr täuschen. Man braucht kein Gefährt und kein« große Ladung zu haben, wenn man Alkohol nach Paris einschmuggeln will. Ein einzelner Mensch kann eine ganze Menge bei sich tragen. So kann ein elegant gekleideter Herr unter seiner tadellosen Weste und dem weißen Oberhemd einen Kautschuck oder Zinnharnisch tragen, der ganz mit Alkohol angefüllt ist. Er sieht ia dadurch etwas beleibt aus. aber das kann die Folge seiner Lebensweise sein; meistens wird er uns auch entschlüpfen. Ebenso kann sein hoher Hut den hochbesteuerten Alkohol enthalten und vielleicht trägt er noch dazu eine unschuldig aussehende Brieftasche, die statt mit Papieren» gleichfalls mit Alkohol gefüllt ist. So von allen Seiten von Alkohol umgeben, geht er ernsthaft hindurch und nimmt sich in Acht, daß er nicht stolpert, denn sonst konnte sein schwer beladener Hut fallen und die Steuerhinterziehung offenbaren. Ich habe diese Art Schmuggler in Begleitung einer elegant gekleideten Tome gesehen, deren Röcke so viel Spirituosen enthielten, daß ein kleiner Aus- schank damit eingerichtet werden könn.e. Sobald ein Argwohn be- steht, iolgen Detektivs, die immer in der Nähe der Schranken oder Landungsbrücken zu Dienstleistungen zugegen sind, den elegant ge? kleideten Herren und Damen. Länger als ein halbes Jahr sahen die Steuerbehörder an den verschiedenen Schranken in Paris zivei Männer regelmäßig mit einem schönen Kranz durchgehen. Natür- lich erhoben sie me eine Abgabe darauf, und nie kam ihnen der Ge- danke, daß der Kranz 40 Liter reinen Weingeist enthielt. Die Schmuggler waren sehr vorsichtig, und gingen z. B. nicht zweimal durch dieselbe Schranle, aber schließlich bestand ein Beamter doch auf einer näheren Untersuchung des Kranzes und fand in seinem Innern ein Zinngefäß mit Weingeist. Unter den vielen Schmugglern, die ich auf sicher Tai'rtappt habe, war auch ein Mann, der durch seine angenehmen ll ivangsfurmen jeden Verdacht monatelang entwaffnete. Er begrüßt' uns stets freundlichst und unterbiclt sich eine halbe Swnde lang über die Tagcsncuigkeitcn, bezahlte auch regelmäßig die Steuer fuc Bier und Apfelwein, die er auf einem Wagen mit sich führte. Da fiel eines Tages einem jungen Beamten, der den Wagen untersuchte, von dem Dache des Gefährtes ein Tropfen auf die Han'' Er roch sofort, daß es Wein- geist war, und nun zeigte eine genauere Prüfung des Daches, daß m dem Holzwerk Behälter eingelassen waren, die mehrere hundert Liter Alkohol enthielten."— a. Billige Zeiten. Wie ein Märchen aus uralter Zeit klingt es uns heute, wenn ein mittelalterlicher Chrvnist von billigen Zeiten erzählt. Die Gegenwart kennt diesen Begriff gar nicht mehr. Es gibt jetzt Jahre, in denen einmal die Lebensmittelpreise nicht steigen. Das entspricht aber dann schon den höchsten Anforderungen. die man heutzutage an„billige Zeiten" überhaupt stellen kann. „Anno dazumal" war das anders.„Anno llöll," schreibt der üricher Chronist,„war alles wohlfeil und Weines soviel, daß man alk und Pflaster damit rührte"; 1333 wuchs soviel Wein, daß man um ein leeres Faß ein volles füllte.— 1377. Sehr frühes Jahr, die Erndte war im Maien schon zu Ende. Ein Malter Korn galt 1 fl. 18 sh. und ein Maß des besten Weines 4 Heller, geringeren 2 Heller.— 1408. Alles wohlfeil, es wurde viel gebaut. Ein Tage- löhner hatte 10 Heller, ein Maurermeister 16 oder einen halben Batzen täglichen Lohn.— 1426. Sehr ivohlfeile Zeit, daß man den Gästen nur ungern, wegen der Geringfügigkeit, die Uerthe(Zeche) für ein Mal machte.— 1483 auf St. Johannis galt 1 Mutt Kerne 4 Pf. 10 sh.. V« Haber 4 sh. 4 Heller. 1 Mutt Gerste 2 Pf. und über 14 Tage galt 1 Mutt Kerne 1 Pf. 5 sh.— 1484. Alles wohl- feil und im Ueberfluß. Viel Wein ward ausgeschüttet wegen Mangels an Geschirren, viel ward zum Kalk gebraucht.— 1503. Gab eS viel Wein, der Saum galt 6 Batzen, 1 Pfund Rindfleisch 1 Kreuzer.— 1539. Sehr wohlfeiler Wein, der Breisgauer kostet 6—8 Basler Plappert(3 machen 2 Batzen), der Saum Faß galt, wegen dem Mangel. 6 Batzen.— 1552 wuchs sehr viel Wein, es wurde jedem Chorherrn(vom Grotzmünster) aus dem Schenkhof 116 Eimer Wein. Man konnte ein volles für ein leeres Faß leicht bekommen. Viel Wein ward unter den Kalk gerührt oder bei Nacht heimlich ver- schüttet." Daneben finden sich Notizen über ganz besonders gute Wein- jahrgänge. So 1240:„Wein so gut, daß man ihn ohne Wasser nicht trinken könnte". 1516„wuchs ein so herrlich süßer Wein, daß des- gleichen Niemand mochte gedenken. Er übertraf den Königswein, der vor dem alten Zürichkriege gewachsen, item den Bruderwein und den Schießwein; denn er blieb süß und stark bis gegen den folgen- den Sommer; da ward er lauter und gelb wie Gold, stark und gar lieblich zu trinken."„Anno 1599 war der Wein köstlich und gut, man trank dessen, daß etlich im Schnee vor Völle liegen blieben und erfroren. Die Rechnung war 7 Pfennige, galt aber hernach 1602— 30 Pfennige." Ja, gute Weinjahre kosteteir damals Menschenopfer, denn gegen damals gemessen sind wir Gegenwärtigen wahre Mäßigkeitsapostel. Kamen doch im Jahre 1540 in Württemberg, nachdem ein vor- züglicher Wein gewachsen, vom Herbst bis zum nächsten Fasten über 400 Personen beim Zechen ums Leben.— Technisches. h. g. Schrauben schiffe. Eine gewaltige Entwickelung yat die Bewegung der Seefahrzcuge aufzuweisen. In frühester Zeit, in der überhaupt von einer Art von Schiffahrt die Rede sein kann, wird sie wohl darin bestanden haben, daß der Mensch aus einem einigermaßen dazu geeigneten Baum Platz nahm und diesen durch möglichst zweckmäßige Bewegungen eines Holzstückcs auf dem Wasser fortbewegte. Von dieser unbehülflichen Art bis zu der Ein- führung starrer Segel, die dem Winde die Möglichkeit gewährten, oas Schiff vor sich her zu treiben, ist schon ein recht ansehnlicher Weg. und von da bis zur Benutzung oer aus biegsamen und beweg- lichcn Stoffen angefertigten Segel, sowie bis zur zweckmäßigen Anordnung der vielen Ruder, die auf griechischen und römischen Schiffen in Tätigkeit waren, ist ebenfalls ein großer Fortschritt. Aber alle diese Entwickclungcn verblassen vor der Einführung der Dampfmaschine. Sie brachte einen Ilmschwung hervor, dem gegen- über alles Vorausgegangene unbedeutend erscheint. Selbstverständ- lieh blich nun die menschliche Erfindungskraft nicht stehen, sondern Herade die bisherigen Errungenschaften spornten dazu an, immer Hervorragenderes zu schaffen. Der Raddampfer mußte dem Schraubendampfcr weichen, immer wieder wurden die Maschinen verbessert, um die Geschwindigkeit und die Gleichmäßigkeit der Schiffsbcwcgung zu erhöhen, und noch vor ganz kurzer Zeit ist wieder eine wesentliche Neuerung eingeführt, indem statt der Kolbcnmaschine die Turbiucnmnschine verwendet wird. Hier treibt der Tainpf des Dainpfzylindcrs nicht eine hin- und hergehende Stange, sondern ein Schaufelrad, das dann die ihm erteilte Be- wegung auf die anderen Schiffsmaschincnteile überträgt. Aber der moderne Verkehr sucht noch noch schnelleren Schiffen, und das in der neuen Zeit immer mehr hervortretende Streben nach Bequem- lichkcit treibt dazu, die unangenehm stoßenden Bewegungen de? Schiffes in gleichförmig gleitende umzuwandeln. So hat man, natürlich in Amerika, dem Lande des Fortschritts und der schnellen Entwickelung, eine Schiffsart konstruiert, die sich von allen bisher vorhandenen wesentlich unterscheidet. Man bringt dabei nicht mehr eine oder mehrere Schrauben an dem Schiffe an, sondern verwandelt das ganze Schiff überhaupt in eine einzige riesige Schraube, so daß man hier nicht mehr von Schiffsschrauben zu reden hat, sondern von Schraubenschiffen. Das Schraubenschiff besteht aus zwei Zylindern. Der äußere ist in seiner ganzen Ausdehnung mit genügend tiefen Schrauben- Windungen versehen. Während früher die im Verhältnis zu der Größe des Schiffskörpers immerhin geringfügigen Schrauben in drehende Bewegung versetzt wurden, bewegt sich bei der neuen An- ordnung der ganze äußere Schiffskörper. Es versteht sich von selbst, daß dadurch eine vielfach verstärkte Bewegungsfähigkeit, das heißt Geschwindigkeit des Schiffes erzielt wird. Außerdem ist aber diese Art der Bewegung eine unvergleichlich gleichmäßigere als die bisher möglichen; das Stampfen und Rollen des Schiffes fällt fort, aber abgesehen von der größeren Geschwindigkeit wird auch der wcserrt- lichste Anlaß zum Entstehen der Seekrankheit vermieden. In diesem äußeren Schraubenzhlindcr hängt ein innerer, der die Maschinen sowie die Wohnräume für die Mannschaft und die Passagiere cnt- hält. Die Aufhängung des inneren Zhlinders ist derartig, daß er von der Drehung des äußeren ir keiner Weise beeinflußt wird also ruhig schwebt. Um den ganzen äußeren Schiffszylinders in schnelle Rotation zu versetzen, ist allerdings auch viel mehr Feuerungs- Material nötig, als wenn bloß Schiffsschrauben gedreht werden sollten; wollte man Kohlen dazu verwenden, so müßte man so große Kohlenräume haben, daß für andere Zwecke überhaupt wenig vor- fügbar bliebe. Aber die Chemiker geben an Erfindungsfähigkeit den Mechanikern nichts nach, und so haben sie denn chemische Körper hergestellt, die nur wenig Raum beanspruchen und ebensoviel Nutz- wärme liefern wie große Mengen von Kohle. Begrciflichcrtvcise sind diese neuen Heizmaterialien recht teuer, und es wäre völlig unwirtschaftlich, wollte man sie zum Transport von auch noch so wertvollen Gütern benutzen: die Transportkosten müßten den Wert der Ladung übersteigen. So sollen denn die Schraubenschiffe nur als Passagierdampfcr Verwendung finden,— zunächst freilich wohl nur für Leute, die beim Befahren des Ozeans die höchsten Pasiage- kosten zahlen können. Die bisherigen Schiffsgeschwindiakeiten sind mit den durch das Schraubcnschiff zu erreichenden auch nicht an- nähernd zu vergleichen.— Notizen. c. Kinderbibliotheken auf d ein Dach gibt's in New Dork. Mehrere Bibliotheken haben Lesesäle für Kinder» ein- gerichtet und die entsprechenden Räume aufs Dach verlegt, um den Kleinen frische Luft zu sichern.— — Das Theater des Westens bringt am Sonnabend „Die drei Rolandsknappen"zur Aufführung. � Es ist das letzte größere Werk Lortzings; er schrieb's 1348/49 in Wien.— — Spanischer Schauspiel-Zyklus im Neuen Theater. Die nächste Vorstellung findet nicht am 27. d. M., sondern erst am 1. November um 3 Uhr nachmittags statt. Zur Aufführung gelangt„Der Großvater"(El Abuelo) von Benito Porez-Galdos.— — Hanns Bauers Lustspiel„Das Land der Jugend" erzielte im Halle schen Neuen Theater einen starken äußeren Erfolg.— — Das Opernpersonal von Monte Carlo(zirka 200 Personen) soll im April nächsteir Jahres eine Woche lang im hiesigen Opernhaus auftreten.— —„Sibirien", Musikdrama ilt drei Akten, Text von I l l i c a, Musik von Giordano, soll im Stuttgarter Hof- t h e a t e r zur Aufführung kommen.— —„Die Liebenden von Kandahar" heißt eine Oper von Leopold Reich wein, die das Breslauer Stadt- Theater zur Aufführung angenommen hat.— — Hochschule für Musik. Die zweite Gastspielvorstellnng Berliner Künstler unter Leitung von Julius Türk findet am Sonntag, den 28. Oktober, statt. Zur Aufführung gelangt„Die Notbrücke".— — Das neue Heim der Berliner Akademie der K ü n st e soll Ende Januar durch Veranstaltung einer Kunstausstellung eingeweiht werden.— '— Der Maler Paul Cözanne starb in Paris.— — Eine Erfindung. Der Ingenieur S e g r i in Mailand will eine Erfindung gemacht haben, wonach Ei s e n b a h n z ü g r ohne besondere Vcrmittelung mit dem Telegraphen netz in Verbindung gebracht werden können, lieber die Art dieser Ver- bindung sagt die Meldung nichts.— — Den Aer melkanal will eine Gesellschaft untertunneln. Dem englischen Parlamente sollen sofort die Pläne unterbreitet werden, damit es sich noch in dieser Saison über das Projekt schlüssig werden kann.— — Die höchsten Gipfel b e r W e l t hat das Bergsteiger- Ehepaar Dr. W o r k m a n und Frau erstiegen. Es handelt sich um die Nunkungrnppe im Kaschmirgebirge. Die Besteigung nahm zehn Wochen in Anspruch. Der höchste Berg ist 23 447 Fuß hoch.— — I u r i st e n d e u t s ch. Im Urteil eines rheinischen Zivil- gerichts kommt folgender Satz vor:„Leistet Kläger diesen Eid, so ivird der Beklagte verurteilt, an den Kläger gegen Abnahme des von der vom Kläger dem Beklagten im Februar 1904 verkauften Kuh ge worfenen Kalbes 450 M. zu zahlen."— Vcranlwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckcrci u.Verlagsanstalt Paul Singer LrCo., Berlin LW.