Anterhaltuiigsblatt oes Vorwärts Nr. 209 Sonnabend k>en 27 Oktober. 1906 (Nlichdruck verboten.) 201 Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Jurgis hatte leider sehr weniq Zeit, sein Baby anzusehett. Niemals füblte er seine Ketten peinlicher als jetzt. Wenn er heimkam, schlief das Baby, und es war der reinste Zufall, daß es auswachte, ehe Jurgis einschlief. Morgens hatte er keine Zeit, es anzusehen, so wars allein der Sonntag, an dem der Vater Gelegenheit dazu fand. Noch grausamer war es für Ona. welche, wie der Arzt sagte, um ihrer selbst und des Babys willen zu Haus hätte bleiben sollen, um das Baby zu besorgen. Aber— Ona mußte zur Arbeit und eS Teta Elzbieta überlassen, dem Kinde das blaßblane Gift zu geben, das im Gemüseladen Milch genannt wurde. Onas Eni- bindung kostete so schon einen Wochenlohn. Sie mußte am zweiten Montag zur Fabrik, und das einzige, wozu jurgis sie bewegen konnte, war, zu fahren und ihn hinterherlaufen zu lassen, um ihr zu helfen, wenn sie bei Browns ausstieg. Damit war alles gut, jagte Ona. Es war ja keine An- strengung, den ganzen Tag still zu sitzen und zu nähen. Wenn sie länger wartete, könnte ihre schreckliche Aufseherin eine andere an ihren Platz setzen: das würde jetzt ein noch viel größeres Unglück bedeuten. Des Babys wegen mußten sie nun ja noch viel härter arbeiten. Es war eine so große Vcr- antwortlichkeit— sie durften das Baby nicht aufwachsen lassen, damit es darben mußte, wie sie es taten. Das war auch Jurgis' erfter Gedanke gewesen— er hatte seine Hände ge- ballt und sich für den Streit gewappnet, den er für das kleine bißchen menschliche Dasein kämpfen wollte. Also ging Ona wieder nach Browns, wahrte ihren Platz und ihren Wochenlohn und zog sich damit das Leiden zu, das sich Taufende von Frauen unter denselben Umständen zu- ziehen. Es ist schwer, in Worten zu sagen, was das für Ona bedeutete, es schien doch nur eine so kleine Unvorsichtigkeit zu sein, und die Sttase dafür war so groß, daß weder sie noch jemand anders beides miteinander in Zusammenhang bringen konnte.„Frauenleiden!" Für Ona bedeutete es die Unter- suchung bei einem Spezialisten, eine lange Behandlung, viel- leicht ein oder zwei Operationen, es bedeutete Schmerzen in Kopf und Rücken. Druck und Herzweh und Nervenschmerzen, wenn sie durch den Regen zur Arbeit gehen mußte. Tic meisten Frauen, welche in Packingtown arbeiteten, litten an demselben Ucbel und hatten es aus derselben Ursache. Des- halb ward es nicht für nötig gehalten, den Doktor zu fragen. Statt dessen gebrauchte Ona Patcntmcdizincn, eine nach der anderen, welche die Freunde ihr anpriesen. Alle enthielten sie Alkohol oder Schlafmittel, sie halfen ihr, so lange sie sie nahm. So sagte sie immer dem Phantom der Gesundheit nach, und verlor sie doch, weil sie zu arm war, um eine Kur zu ge- brauchen. 11. Während des Sommers waren die Packhänser in voller Tätigkeit, und Jurgis verdiente wieder mehr Geld. Freilich doch nicht so viel wie im vergangenen Sommer, denn die Pack- Herren nahmen immer mehr Arbeiter an. Jede Woche kamen neue Männer an, nach einem regelrechten System. Man be- hielt sie alle in der folgenden flauen Saison, so daß jeder von ihnen weniger bekam als jemals zuvor. Früher oder später fesselten die Packherren durch dieses System alle laufende Arbeit von Ebirago an ihr Werk. Und wie schlau der Kniff war? Die Männer mußten neue Arbeiter anlernen, die eines Tages ihren Streik brechen würden, und sie blieben dabei arm, so daß sie sich für den Strcikvcrsuch nicht vorbereiten konnten. Aber man muß nicht glauben, daß dieser Ueber- sluß von Arbeitern eine Erleichterung für jemand war! Im Gegenteil, die Hetzerei wurde irnincr toller. Beständig hatten sie neue Einfälle, durch welche die Arbeit vermehrt ward. Diese Hetzerei wirkte gerade wie die Daumenschrauben der mittelalterlichen Folterkammer. Tie Packhcrrcn nahmen mehr Antreiber auf und bezahlten sie besser. Sie hetzten die Menschen mit neuen Maschinen zur Arbeit. Man erzählte sich, daß man in den Schwciueschlachträumen die Zeit, in welcher� die Schweine geschlachtet werden mußten, nach der Uhr bestimmte und daß sie sich täglich verringerte. Auch für Stückarbeit wurde die Zeit reduziert, und dieselbe Arbeit dann wieder in kürzerer Zeit und doch für denselben Preis verlangt. Hatten die Arbeiter sich dann an die Schnelligkeit gewöhnt, reduzierten sie den Lohn im Vergleich zu der Ber- kürzung der Zeit! Sie hatten dies Mannövcr in der Büchscn- abteilnng so oft angewandt, daß die Mädchen beinahe ver- zweifelten. Ihre Löhne waren in zwei Jahren um ein Drittel zurückgegangen, und es braute sich ein Sturm der Unzufriedenheit zusammen, der eines Tages ausbrechen sollte. Einen Monat später, als Räarija Fleischzurichterin geworden, traf die Büchsenfabrik, welche sie verlassen hatte, eine Ein- richtnng, welche die Einnahmen der Mädchen fast um die Hälfte verkleinerte. Tic Empörung darüber war so groß, daß die Mädchen ohne Unterhandlung hinansmarschierten und sich ans der Straße ordneten. Eins der Mädchen hatte irgendwo gelesen, daß eine rote Fahne das geeignete Symbol für unterdrückte Arbeiter wäre. Deshalb entfalteten sie setzt so eine Fabne, und vor Wut beulend paradierten sie damit über die Höfe. Das Resultat war eine Gewerkschaft, aber der improvisierte Streik fiel in drei Tagen in sich zusammen, dank dem Zuzug neuer Arbeiter. Am Ende bekam das Mädchen, welches die Fahne getragen, in der Stadt eine Stellung in einem großen Laden, bei einem Gehalt von 2V2 Dollar die Woche! Mit Unruhe hörten Jurgis und Ona diese Geschichten, denn wer konnte wissen, wann es auch an sie kam. Ein- oder zweimal gingen Gerüchte um, daß eins der großen Häuser ihre ungelernten Arbeiter auf 15 Cent die Stunde herab- setzen wollten, und Jurgis wußte, daß, wenn es dazu kam, auch seine Stunde bald geschlagen hätte. Er hatte um diese Zeit erfahren, daß Packingtown nicht eine Anzahl von Firmen besaß, sondern nur eine große Firma—„The Becf Trust". Jede Woche kamen die Leiter der Trusts znsemmen und vcr- glichen ihre Gcsll�iftsnotizen, und es gab da nur einen Maß- stab für die Arbeiter in den Höfen, nur eine Richtschnur für ihre Leistungen. Jurgis hatte gehört, daß sie auch die Preise feststellten, welche sie für Vieh zahlen und für das Fleisch nehmen wollten. Doch das verstand er nicht, oder er fragte nicht danach. Die einzige, welche sich vor einem Lohnschnitt nicht fürchtete, war Marija. Sie beglückwüiischtc sich, naiv genug, weil jemand kurz vorher auf ihrem Platz gewesen und um ihretwillen entlassen war. Marija wurde eine ge- wandte Fleischzurichterin und hoffte zu steigen. Während des Sommers waren Jurgis und Ona imstande gewesen, ihr den letzten Pfennig ihrer Schuld zu bezahlen und sie l?Ke sich ein Bankkonto an. Tamoszms besaß auch ein solches, min wetteiferten sie miteinander bei den Einlagen und berechneten einmal über das andere ihre HaushaltnngSunkostcn. Ter Besitz eines größeren Wohlstandes erzeugt Sorge» und legt Verantwortlichkeit auf, das fand die arme Marija bald heraus. Auf Rat eines Freundes hatte sie ihre Er- sparnisse in die Bank an der Ashland Avennue gelegt. Natürlich wußte sie wettcr nichts, als daß diese Bank groß und imposant war. Was kann ein armes fremdes� Arbeitermädchen mög- licherweisc vom Bankgeschäft mehr verstehen, als daß ihr Geld in dem Hause'ist? So lebte Marija in beständiger Angst. daß mit chrer Bank etwas passieren könnte, und sie machte jeden Morgen einen Umweg, um sicher zu sein, daß das HauS noch stände. Ihre Hauptfurcht bestand dann, daß ein Brand ausbrechen könnte, weil sie ihr Geld in Scheinen deponiert hatte und sich ängstigte, daß, wenn die Bank mit den Scheinen abbrennte, sie ihr keine anderen wiedergeben würden. Jurgis lachte sie ans, er war ein Mann und stolz aus seine höhere Kenntnis: er erzählte ihr. daß die Bank scncrscstc Gewölbe hätte und alle ihre Millionen von Dollar darin sicher ver- steckt wären. Eines Morgens min machte Marija den ge- wohnten Weg und sah mit Schrecken und Entsetzen eine große Menge Leute vor der Bank stellen. Alles Blut ver» schwand vor Schrecken aus ihrem Gesicht, sie stürzte in die Menge hinein, schrie die Leute an, um die Ursache zu er- fahren, börtc aber gar nicht, was sie antworteten, das Ec- dränge wurde so arg. daß sie nicht weiter konnte. LZ war rfn Banksturm, sagten sie ihr. aber das verstand sie nicht, und sie wandte sich von einer Person zur anderen, ohne vor Angst und Schrecken sagen zu können, was sie eigentlich wollte. War etwas nicht in Ordnung mit der Bank? Niemand wußte etwas Genaues, aber möglich war es. Konnte sie ihr Geld nicht bekommen? Niemand konnte ihr das beantworten. Die Leute fürchteten, daß sie es nicht bekommen würden, aber alle versuchten, es zu bekommen. Es war noch zu früh, um etwas zu erfahren.— Die Bank öffnete erst in drei Stunden. Mit dem Mut der Verzweiflung erkänwfte sich Marija den Weg zu dem Gebäude, durch eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, die alle ebenso aufgeregt waren wie sie. Es war eine Szene wilder Verzweiflung. Frauen schrien und rangen die Hände oder wurden gar ohnmächtig, Männer traten alles nieder, was ihnen den Weg versperrte. Inmitten des Aufruhrs erinnerte sich Marija, daß sie ihr Bankbuch nicht bei sich hatte, ohne das konnte sie ihr Geld ja nicht bekommen. Sie kämpfte sich wieder aus dem Gedränge heraus und stürzte nach Hause. Das traf sich glücklich für sie, denn wenige Minuten später erschien die Polizei. In einer halben Stunde kam Marija zurück, mit ihr Teta Elzbieta, beide atemlos und krank vor Angst. Jeht war die Menge in einer langen Reihe geordnet, und 50 Polizisten hielten auf Ordnung. So blieb den beiden nichts anderes übrig, als sich an das Ende zu stellen. Um 9 Uhr öffnete die Bank und war bereit, die wartende Menge auszubezahlen. Aber was war das für Marija, welche 3000 Menschen vor sich hatte!— 3000!— genug, um den letzten Pfennig aus einem Dutzend Banken zu nehmen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, begann es zu regnen, und sie wurden bis auf die Haut durchnäßt. Doch blieben sie den ganzen Morgen stehen und krochen langsam vorwärts— den ganzen Nachmittag standen sie, herzkrank, da und sahen die Stunde des Schließens herannahen, ohne Aussicht, hineinzukommen. Marija>var entschlossen, komme was da wolle, zu bleiben und ihren Platz zu behaupten, aber da alle dasselbe taten,— die ganze lange Nacht hindurch— so kam sie der Bank nnr wenig näher. Gegen Abend erschien Jurgis. Er hatte die Geschichte Von den Kindern gehört, brachte Nahrung und trockene Tücher, was den Frauen etwas Erleichterung verschaffte. Am nächsten Morgen kam vor Tagesanbruch noch eine größere Menge zusammen und noch mehr Polizisten aus der Stadt. Marija hielt stand, wie der grimme Tod, und gegen Nach- mittag kam sie in die Bank und erhielt ihr Geld— alles in dicken silbernen Dollars, ein ganzes Taschentuch voll. Erst als sie ihre Hand darum legte, verschwand ihre Furcht, und nun wünschte sie, es wieder hineinzulegen. Da wurde der Mann ani Fenster aber wild, und sagte, die Bank würde keine Einlagen mehr anncbmen von solchen Menschen, die es bei diesem Ansturm herausgezogen. Marija war genötigt, die Dollars mit nach Hause zu nehmen. Scheu blickte sie nach rechts und links, jeden Augenblick in der Erwartung, daß irgend jemand versuchen würde, sie zu berauben. Als sie zu Hause ankam, war sie nicht besser daran. Bis sie eine neue Bank gefunden hatte, konnte sie weiter nichts trin, als die Dollars in ihre Kleider zu nähen. Marija ging während einer Woche schwer beladen einher und fürchtete sich, die Straße vor dem Haufe zu überschreiten, weil Jurgis ihr prophezeit hatte, sie würde mit ihrer Last versinken. So be- laden ging sie zu den Höfen, dieses Mal mit der Angst, ihre Stelle verloren zu haben. Glücklicherweise aber waren zehn Prozent der Arbeiter Einleger der Bank gewesen, und es ging nickt gut, so viele auf einmal zu entlassen. Die Ursache der Panik hatte der Versuch eines Polizisten abgegeben, einen betrunkenen Mann zu arretieren, wodurch ein Auflauf vor der Bank entstand. Um diese Zeit begannen Jurgis und Ona ebenfalls ein Bankkonto zu belegen. Abgesehen davon, daß sie bei Jonas und Marija ihre Schulden abgetragen, hatten sie auch ihre Möbel bezahlt und konnten sogar eine kleine Summe zurück- legen. Solange sie 9 oder 10 Dollar die Woche heinchrachtcn, kamen sie gut vorwärts. Auch der Wahltag tani wieder heran, und dadurch gewann Jurgis einen halben Wochenlohn, ein ganz hübscher Profit. Die Wahl verlief dieses Jahr sehr stürmisch, und das Echo der Schlacht erreichte selbst Pöcking- town. Die beiden rivalisierenden Parteien der Aemterjägcr mieteten Hallen, brannten Feuerwerk ab, hielten Reden, um das Volk sür ihre Sache zu interessieren. Obgleich Jurgis nicht alles verstand, so viel wußte er jetzt doch, daß es nicht gerade für recht gehalten wurde, seine Stimme zu verkaufen. Da es jedoch jeder Mann tat und seine Weigerung nicht den geringsten Unterschied für das Resultat gehabt hätte, wäre ihm der Gedanke an eine Weigerung geradezu absurd er- schienen, wenn er ihn überhaupt gehabt hätte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdrillt verboten.) Hus den Berliner Kunftfalond. Der Kunstsalon Keller u. Reiner veranstaltet eine Aus- stellung von Bildern des Malers Wilhelm Kuhn'ert. Dieser Künstler ist bekannt geworden durch seine Jagdbilder sowie durch die afrikanischen Szenerien. Beide Gebiete aber, die Jagd und das Exotische, sind der Kunst nicht hold. Nur dem bedeutenden Talent, das aus dem schlechtesten Stoff schließlich noch Anregungen ent- nimmt, wird es gelingen, die Kunst hier zu betonen. Was sagen uns all diese Jagdbilder aus Afrika, diese Ticrkämpfe, diese dunklen Männer. Die Photographie leistet hier besiere Dienste. Gegen die Momcntphotographicn der afrikanischen Tierwelt des Afrika- reisenden Schillings sind diese Naturstudien lahm. Dort war Leben, zuckendes Leben in jeder Bewegung; hier hat der langwierige Pro- zeß des Malens jedes momentane Leben schwinden lassen. Und wo es uoch vorhanden sein will, kommt es uns vor wie Täuschung. Diese brüllenden Löwen, diese zum Sprung fertigen Tiger— was sagen sie uns? Soviel wie nichts. Höchstens können sie das Zimmer eines Afrikareisenden oder eines Nimrods schmücken. Es gab eine Zeit, da hatten gerade diese exotischen Stoffe Aus- ficht auf Erfolg. Jetzt denken wir nicht günstig von diesem Jn-die- Ferne-schweifen. Der Stoff drängt sich allzustark hervor. Der Künstler braucht, um sein Können zu zeigen, nicht nach Afrika zu gehen; in der umgebenden Welt findet er Motive genug, und sofern es ihm auf Kunst ankommt, genügt ihm der simpelste Stoff. Dennoch ließe sich denken, daß manch feiner Reiz aus diesen exotischen Stoffen zu holen wäre. Die dunklen Körper der Ein- geborenen, die bunten Körper der Tiere, die heiße, helle Luft, das gibt schon Motive her, die farbig besonders behandelt werden können. Hat das Kuhnert getan? Er hat es nicht getan. Er hat diese fremden Dinge, die er also mit Leichtigkeit, da sie ihm fremd waren, ganz auf ihre äußere, künstlerische Erscheinung hin hätte verwerten können, mit einer Temperamentlosigkeit und einer Langeweile. einer öden Sachlichkeit gemalt, als sei er nicht Künstler, sondern Burcaubeamter. Und darum läßt uns diese Exotik kalt; weil sie nur Stoffliches und nichts Künstlerisches bietet. Am besten gefallen daher noch die sachlich getreuen Nachbildungen einzelner Tiere, Bilder in kleinem Format, wie für ein zoologisches Werk angelegt. Bedeutet schon die Serie Kuhnert für den Salon keinen Erfolg, so fäßt man sich bei der Kollektion Otto Richter an den Kopf und fragt sich, wie kommen diese talentlosen Plastiken, Arbeiten, die jeder Persönlichkeit entbehren, hierher. Einmal sehen wir eine Stilnachahmung antiker Friese, dann simple Naturnachahmungen ohne jeden Schwung, unter denen der Bierkutscher mit seiner Tonne auf der Schulter in seiner künstlerisch öden Ausführung den ersten Platz einnimmt, dann Porträtbüsten ohne jeden Stil und ohne jedes Leben. Dagegen ist Käthe Olshausen-Schönberger ein eigenartiges Talent, auf dessen EntWickelung man gespannt sein darf. Ihre satirischen Zeichnungen, bei denen sie auf menschliche Gestalten Tierköpfe aufsetzt, sind sicher und lebendig gezeichnet. Diese Gebilde machen einen durchaus organischen Eindruck und i*c psychologische Gebalt in den Mienen der Tiere ist vorzüglich oft zwingend komisch zum Ausdruck gebracht. Dabei sota» Künstlerin dem Wesen der Tiere eben so eigen nach wie dem der Menschen, und beides verquickt sie zu einer humorvollen Satire. Rur manchmal könnte der Strich temperamentvoller sein, nur manchmal klafft ein Riß zwischen Tierkopf und Mcnschenkörper. Bewunderungswürdig aber ist der freie Standpunkt der Künstlerin. die nicht danach strebt, mit witzigen Pointen allzusehr zu der- blüffen. Sie bleibt im Künstlerischen, sie geht nicht im Stoff unter. In ihren Bildern, die verschieden im Wert sind, liebt sie den dunklen Gesamtton. Grell sticht eine mondbeleuchtete Mauer hervor. Darüber der exotisch blaue Sternenhimmel. Unwillkürlich wird in dieser durchaus künstlerischen Weise(wie es Kuhnert nicht tut!) aus dem fremdartig exotischen Begebnis: Des Kolonisten Bc- gräbnis eine phantastische Schöpfung. Auf anderen Bildern bc- weist die Künstlerin ein feines Formgefühl; Mensch und Tier aus dem Dunklen unsicher und doch als Masse groß hervortretend. Alles in allem, ein eigenes Talent, dessen Kraft und Sicherheit Achtung abnötigt. Wiederherstellungen alter Bauten sind augenblicklich wieder sehr beliebt. Der patriotische Sinn wird damit befriedigt. Trotz- dem die künstlerischen Autoritäten sich dagegen erklären, trotzdem man sich einig ist in dem Grundsatz: erhalten, aber nicht künstlich wiederaufbauen, geht dieses kindische Wiederaufbauungswerk un- entwcgt von statten und verschlingt Unsummen, die besser der modernen Architektur zugute kämen. Diesmal ist es die Höh- königsburg; Bodo Ebhardt zeichnet dafür als Verantwortlicher Architekt. Ter Kunstsalon Schulte, der diesem Unternehmen in seinen Räumen(wenn auch bezeichnenderweise ln nächster Nähe des Ramschkabinetts, wo die marktgängerische Ware untergebracht ist. die sützlichen und glatten Genrebilder) ein Unterkommen ge- währt, sollte sich klar sein, daß er dadurch sein künstlerisches Rc- nommee nicht verbessert. Aber es ist wunderbar, wie viel Kräfte sich bereitswilligst in Bewegung setzen, wenn eine einflutzreiche Stelle die Direktive angibt. Da sehen wir nun diese Burg trotzig auf- ragen, es werden uns nicht die Eisenstücke, glasierte Ziegeln, Steine erspart, die ausgegraben sind. Sie liegen säuberlich. Tisch an Tisch, bei einander. Dann kommt der moderne Architekt und legt uns seine Skizzen und Grundrisse vor. Eine ganze Literatur hat sich schon gebildet; diese Publikationen werden hinzugelegt. Schlietz- lich sind noch Künstler angehalten worden, die Burg, natürlich bei Sonnenuntergang, recht effektvoll abzubilden. Und wozu der ganze Lärm? Ein Architekt, der solchermaßen sein Lebenswerk auf die Restauration einer alten Burg gründet, richtet sich selbst. Man sollte meinen, es gäbe in unserer heutigen Zeit andere architek- tonische Aufgaben. Und es sieht einer Ironie gleich, daß diese sklavische Nachklitterung sich breit macht in Messels modernem Bau. Ein Kunstsalon, der so etwas fertig bringt, hat ein weites Gewissen. Der durch seine Verdienste auf graphischem Gebiete bekannte Verlag Fischer u. Franke, der von Düsseldorf wieder nach Berlin übergesiedelt ist, veranstaltet eine kleine interessante Aus- stellung für graphische und reproduzierende Kunst. Diese Er- ösfnungsausstellung zeigt die Künstlersteinzeichnungen, die der Ver- lag in bunter Fülle herausgab. Es sind alles Originalarbeiten und Kunstblätter im eigentlichen Sinne. Das Streben des Verlags (zum Unterschied von Voigtländer und Tcubner, die das gleiche Gebiet pflegen, dabei aber Schule und Lehrzweck zu aufdringlich verbinden, so daß die Lithographien sich unwillkürlich alle ähneln, da die Künstler von vornherein auf ein bestimmtes Ziel hingewiesen werden)— das Streben des Verlags geht dahin, gerade jeden euizeV.cn Künstler ganz seiner Individualität folgen zu lassen, so daß, obwohl eine Uebereinstimmung von selbst im Großen statt- findet(was wir als deutsche Art ansprechen können), doch im Ein- zelnen das Bild äußerst mannigfaltig und reich erscheint. Wir sehen Bilder jeder Art, Landschaften, Porträts, Interieurs, Studien, je nach der Anlage des Künstlers ausgesührt. Bilder auch in jedem Umfang, je nach dem Gehalt und dem Zweck, und große Sorgfalt verwendet der Verlag auf den Druck, so daß tatsächlich jedes Blatt künstlerischen Wert hat. Die Ausstellung wird noch ergänzt durch Faksimilenachbildungen von Gemälden alter Meister in Originalgröße. Die Treue ist er- staunlich. Es ist aller Schmelz der Farben, es sind alle Feinheiten im Ton vorhanden. Diese Reproduktionen haben hohen, künstle- rischen Wert. Sie sollen in Mappen in der Art erscheinen, daß all- mählich in 400 Blättern eine Auswahl des Besten der Malerei aller Zeiten gegeben wird.— Ernst Schur. Kleines f euilleton. d. Ehebelohiiungen im Mittelalter. Wie das Mittelalter bösen, zanksüchtigen Weibern, die ihren Männern das Leben zur Hölle machten, höchst energisch mit Schandpfahl, Lastcrstein und Fiedel zu Leibe ging, so suchte es auch andererseits friedfertiges Z, Hammen- leben von Eheleuten zu belohnen. So hing in Wien eine Speckseite am Rotenturme, die jederzeit demjenigen glücklichen Ehemanne zufallen sollte, der in Wirklichkeit Herr in seinem eigenen Hause war. Nach der Tradition hatten einst die Frauen der Stadt allgemein eine solche Herrschaft über ihre Männer errungen, daß der Rat sich veranlaßl fand,- diese Speckseite an dem Turme aufzuhängen, um durch das Streben nach ihrer Erlangung die Männer zur größeren Energie und größerem Selbstbewußtsein den Frauen gegenüber anfzustacheln. Die Stadtsage berichtet jedoch nur von einein einzigen Ansprüche auf diese Speckseite, ein Versuch, der obendrein jämmerlich mißglückt sei. Im Jahre 1548 hing die Speckseite, wie ans einer Notiz in Schmelze'S gereimtem Lobsprrich hervorgeht, noch im Origmal am Roten Turme. 1730 fand der Chronist Küchelbecker das Original durch eine hölzerne Imitation ersetzt, die folgende Verse trug: „Welche Frau ihren Mann oft rauft und schlagt, Und ihn mit solcher kalter Laugen zwagt, Der soll den Pachen(Speckseite) lasten hencken, Ihm ist ein anderer Kirchtag zu schenken." Die imitierte Speckseite hing am roten Turme bis zu dessen Niedcrlegung im Jahre 1780. lieber eine ähnliche Sitte berichtet 1720 der Chronist Hävecker in seiner Beschreibung der Städte Calbe, Acken und Wantzlebcn von dem Dorfe Bnnnbi im Amte Calbe. Hier handelt es sich jedoch um das ganze Schwein. Die Dorfbewohner waren pflichtig, dem heiligen Antonio ein Schwein zu halten und zu ernähren und dieses dann an die Tempelherren, die in Brumbi die Herrschaft besaßen, abzuliefern. Fände sich aber in dem Dorfe jemand, der nachweisbar in seinem Hause absoluter Herr wäre, so sollte diesem das Schwein zufallen. Auch hier wird nur von einem einzigen Versuche, das Schwein zu erlangen, erzählt. Und zwar mit einem ähnlichen Ausgang wie in Wien. Einem Bauer war das Suiwein schon zugesprochen gewesen. Da aber das Schwein beim Heim» transpone sich sperrte und dabei dem Bauer die Strümpfe besuldcte, bekam dieser Äugst, seine Frau könnte ihn wegen der schmutzigen Strümpfe übel empfangen. Alsogleich mußte er nun unter dem Spotte der Bruinbier seine fette Beute fahren lassen, um sich wegen seiner Herrschaft im Hause erst besser auszuweisen. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in England findet sich das Speckseiteschenken. Auf der Gutsherrschaft zu Wichnore in Staffordshire lag die Feudalpflicht, zu jeder Zeit eine Speckseite nebst einem halben Ouarter(vier Bushel) Weizen bereit zu halten, die jedem neuvermählten Paare zu verabreichen waren. welches Jahr und Tag verheiratet gewesen und erklären ivolle,„daß Keines von Beiden seine Ehehälfte vertauschen möge, mit Niemandem auf Erden, weder mit Reickieren noch Aenneren, weder Hübscheren noch Häßlicheren(kairer nor kouler), noch mit Jemandem aus hoher Familie, weder wachend, noch schlafend, zu keiner Zeit." — Wie Horace Walpole 1750 meldet, sei die Speckseite im Jahre 1720 zum letztenmal gefordert und geliefert worden. Auch hier war im Berichtsjahr 1750 das Original einer hölzernen Nachahmung gewichen, die über dem Kamine in der Ein- gangshalle aufgehängt war. Eine zweite derartige Verpflichtung kommt für das Klostergut zu Dnnmow in der Grafschaft Essex vor und zwar stamme» hier die erste» Nachrichten darüber schon aus dem 13. Jahrhundert. Um zu der Speckseite z» gelangen, war von dem Ehepaar ein Sckwur ähn- lichen Inhaltes zu leisten wie der zu Wichnore. Um die Erlangung derselben dabei möglichst zu erschweren, mußte» die Schwörenden während des SchwureS auf zwei spitzen Steinen auf den» Kirchhofe knieen, die 1750 noch vorhanden waren. War der Eid ge» leistet, wurde das glückliche Paar auf die Schultern einiger starker Lnue gehoben und im Triumph, die eroberte Speckseite voran, in Begleitung und unter Zuruf der ganzen Geiueinde, Jung und Alt, durch das Dorf getragen. Wie Addison erzäblt, war auch hier wie anderwärts die Abforderung der Speckseite eine sehr seltene. Bis 1521 war es überhaupt nur dreiinal geschehen, die letzte Ab- lieferung findet sich in den Anitsbüchern des Klostergutes 1701 bemerkt.— ek. Einige Reminiszenzen an Puchta. In den Jahren 1842 bis Ende 1845 war es, als Georg Friedrich Puchta an der Berliner Universität römisches Recht dozierte. Sein Ruf ging weit über Deutschland hinaus. Wer dainats Jurisprudenz studierte, hörte auch ein paar Semester hindurch Vorlesungen bei ihm.„Schon seine Lehrbücher übte« eine mächtige Anziehungskraft auS. Abgesehen von deren gediegene»» Inhalt mußte ich die Schönheit der Sprache »nid des Ausdrucks belvnndern, womit dieser Poet unter den Juristen abstrakte Partien aufzuklären und in glänzendes Licht zu stellen ivußte". So läßt sich der schiveizerische Jurist Dr. Friedrich Lockier in seinen„Republikanischen Wandelbildern und Porträts" aus. Für ihn und sein Studiuin war Puchta die wichtigste Persönlichkeit gewesen. Interessant ist die von Locher»nitgeleilte Abschiedsrede, die Puchta am Schlüsse des Wintersemesters von 1844/45 an seine Hörer richtete. Nachdem die Bänke sich bereits gelichtet, äußerte er: „Ich weiß sehr wohl, daß Sie von dem.»vaS Sie bei mir gehört. nur wenig behalten und in Ihrer späteren Karriere verwerten werden. Aber eines haben Sie bei mir gelernt, uin es nie wieder zu vergessen, und dies rröstet mich. Ob Sie die juristische Laufbahn weiter verfolgen, oder ob Sie Landivirt. Industrieller, Militär oder Kaufmann iverden, ob Sie in Jhrein Vaterlande verbleiben oder»ach Amerika aus» wandern, iinnier und überall wird Ihnen dieses juristische Denken jede Aufgabe erleichtern und Ihnen entschiedene Ueberlcgenhcit ver- leihen. Mag der Stoff noch so koinpliziert sein, Sie iverden ihn gleich zu klaiflfiziere», zu rubrizieren, zu durchdringen, zu bewältigen wissen. Wenn der Wind längst meine Asche in die Lüfte zerstreut .haben wird, werde» Sie sichwiclleicht Ihres Lehrers erinnern und sagen: Eines haben»vir doch bei dem alten Puchta gelernt, das juristische Denken I Und nun wünsche ich Ihnen fröhliche Ferien und daß Schnee und Eis ebenso schnell zusainmenschwindcn ivie die Zuhörer in meinem Auditorium." Das ivaren Wohl die letzten Abschieds- Worte, die Puchta an seine Studenten gerichtet hat, wenn auch nicht die letzten Vorlesungen; denn zu Beginn des nächsten Winter- senresters hat er sie ja wieder aufgenominen. Wie»vir nun aus den Briefen Joseph Viktor Scheffels an seinen Freund Karl Schwanitz(Leipzig, Georg Merseburgers Verlag) wisien, hörte auch der nachinalige Sänger des„Troinpeters von Säkkingen", des„Ekkehard" und anderer Dichtungen vom Herbst des Jahres 1845 ab bei Puchta Vorlesungen über Pandekten. Scheffel fühlt sich ebenfalls mächlig zu Puchta hingezogen,„der ungleich schärfer und tiefer geht als Vangeroio(»n Heidelbergs". Nur ivenige Wochen sollte Scheffel an den» berühinten Lehrer seine Freude haben. Neu- jähr 1843 muß er schon mitteilen, daß jener„gefährlich erkrankt" sei und daß Puchta? Absterben ihin„ein arger Strich durch die Rechnung wäre". Bereits am 8. Januar starb Puchta. Man halte nun meinen dürfen, daß der Tod dieses bedeutendsten aller damaligen RcchtSIehrer die Berliner Studentenschaft hätte veranlassen müssen, Puchta ein großes Begräbnis zu gebe»». Aber weit gefehlt.„Man rechnete", schreibt Scheffel am 25. Januar an Schwanitz,„auf eine große Leichenbeglcitimg und wählte 24 Zugführer— ich ging auch nlit statt ElSnerS, der krank war. Den Zug selbst aber bildeten ungefähr 40 bis 50 Shtdeiiteit, und diese fielen unterwegs wieder ab, so daß am Tore im ganzen noch zirla 3S Mann mitamgcn— es war sehr lläglich. Noch kläglicher aber war, nebenbei gesagt, die Rede, die der Geistliche im Hanse PnchkaS vor einer Versammlung fast aller Nolabilirälen der Universitär und uns Sludenien hielt, worin er vom Reich de-Z Satans und des Welt- und WissenSHochmmcZ sprach, und das; nur der überwinde, der wie Pnchta im Glauben gewandelt sei usw. Der alte Schelling(der Philosoph) und andere Anwesende hätten wahrhastig etlvas Besiercs verdient, als eine Baalspfaffenpredigt."— Medizinisches. u. Gin Mittel gegen die Zuckerkrankheit. Im allgemeinen glauben die Zuckerkranken, das; gegen ihr Leiden lein anderes Mittel bestehe als die Anwmdung einer bestimmten Diät. Es ist richtig, daß diese Diät sich gewöhnlich als so nützlich erweist, daß ein an Zuckerkrankheit Leidender bei richtiger Befolgung der ärztlichen Vorschrifteu ebne erhebliches Uebelbefindcn ein sehr hohes Alter erreichen kann. Aber daneben gibt es auch medikamentöse Mittel, die sich gegen die Zuckerkrankheit sehr nützlich erweisen. So hat sich nterkwürdigerweisc der Genuß von Zwölffingerdarm, natürlich nach richtiger ärztlicher Verordnung, sehr wirksam gezeigt. In neuester Zeit hat man nun diese Hcilwirkting des Zwölfsinger- varms wesentlich gesteigert. Man hat aus ihm ein Präparat her- gestellt, das die wirksamen Bestandteile des Darmes m der geeigneten Konzentration enthält. Dieses Präparat besitzt noch den weiteren Vorzug, daß es recht haltbar ist, also längere Zeit hin- durch aufbewahrt und verwendet werden kann.— AuS dem Tierleben. th. Laubeiivögel. Australien ist das Land der merkwürdigen Tiere. Hier ist die Heimat der Schnabeltiere; Känguruhs und andere absonderliche Beuteltiere bevölkern die Büsche und Wal- düngen; auf dem Strande kriechen mehr als metergroßc Riesen- schildkröten umher, vm ihre Eier dem heißen Sande zur Bebrütung anzuvertrauen, und auf den Stepocn endlich tummeln sich Herden des mächtigen Emus, eines Verwandten des Vogel Strauß. Wohl die sonderbarsten Vertreter der australische n Tierwelt jedoch dürften die sogenannter Laubenvögel sein, nicht so sehr ihres Aus- sehens wegen als vielmehr wegen ihrer einzigartigen Lebens- «ewohnheiten. Die Tiere sind nahe Verwandte unserer Pirole, in ihrem Vorkommen jedoch ausschließlich auf das australische Insel- reich beschränkt. Man unterscheidet hier etwa zehn verschiedene Arten von Lanbenvögeln, deren bekanntester Vertreter der so- genannte Kragenlaubenvogel lLblsm�Iaea macnlata) ist. Diese Tieve erreichen eine Länge von 28 bis 32 Zentimeter, wovon etwa 44 Zentimeter auf den Schwanz kommen. Ihre Größe entspricht als« ungefähr der unserer Dohlen. Tie Federn der lliiickensctte bc- {itzen eine tiefbraune Färbung mit einem hell- gelblichen Band- aume, die Unterseite ist silberweiß. Ter Nacken wird von einem Kragen goldig schimmernder Federn umgeben. Eine andere rech häufige Art van Lanbenvögeln. der Seidcnlaubcnvogcl, zeichnet sich »m männlichen Geschlechtc durch eine prachtvolle, tief samtschwarze Färbung ans, während das Weibchen ein grünes Fcderklcid besitzt. Di« Nahrung der Tierchen besteht neben verschiedenen Insekten und Würmern vorzugsweise aus Getreidekörnern, dem Samen von allerhand Gräsern und Früchten. Zu Beginn des australischen Frühjahres kann man die Vögel sich häufig in der Nähe der Fluß- läufe, an den mit Gebüsch bestandenen Uscrrändcrn herumtummeln scheu. DaS Brutgeschäft der Laubcnvögcl verläuft in ganz nor- inalen Bahnen, indem sie sich, nach den Angaben Coreus, im Ge- sträuch oder auf niedrigen Bäumen aus dürrem Reisig ein rundes napfförmigcS Nest bauen, dessen Inneres sie mit Federn und Haaren sorgsam auspolstern. Soweit wäre an der Lebensweise der Vögel nichts Ungewöhnliches. Aber etwas anderes ist es, was die Tiere ganz ans dem Rahmen aller übrigen Vögel hervortreten läßt. Außer ihren Nestern errichten sich die Tiere, scheinbar nur zu ihrem Vergnügen, große, laubcnartige Bauten. Die Herstellung dieser Lauben muß den Vögeln viel Mühe machen, denn ans einer dichten Unterlage von Stäben erheben sich diese festen, aus verflochtenen Zweigen hergestellten Gewölbe bis zu einer Höhe von etwa 50 bis 60 Zentimeter, dabei haben sie eine Länge von ein bis zu eineinhalb Meter. Wenn man die geringe Größe der Tiere in Betracht zieht, eine ganz gehörige Arbeitsleistung. Lange Zeit war man sich über die Bedeutung dieser Lauben völlig im unklaren, doch scheint es jetzt, daß sie lediglich zur Ausführung des Liebesspicles vor der Paarung angelegt werden. Ueber die Art und Weise der Her- stellung verdanken wir Gould eine sehr interessante Beschreibung. Doch hören wir den Forscher selbst:.Bei Turchstrcifnng der Zedern- gebüsche des Livcrpoolkrciscs fand ich mehrere dieser Lauben oder Spielplätze auf. Sie werde« gewöhnlich unter dem Schutze über- hängender Baumzioeige im einsamsten Teil« des Waldes, mid zioar stets auf dem Boden angelegt. Hier wird aus dicht durchflochtencm Reisig der Grund gebildet und seitlich aus feineren und bieg- sanieren Reisern und Zweigen die eigentliche Laube gebaut. Tic Acste sind so gerichtet. Daß die Spitzen und Gabeln der Zweige sich oben vereinigen. Auf jeder Längsseitc bleibt ein Eingang frei. Besonderen Schmuck erhalten die Lauben dadurch, daß sie mit grell- sarbigcn Dingen aller Art verziert werden. Man findet hier bunt- farbige Scluoanzfedern verschiedener Papageien. Muschelschalen, Schneckenhäuser, Steinchcn, gebleichte Knochen usw. Die Federn werden zwischen die Zweige gesteckt, die Knochen und Mnscheln am Eingange hingelegt. Alle Eingeborenen kennen diese Liebhaberei der Vögel, glänzende Tinge wegzunehmen, und suchen verlorene Sachen deshalb immer zuerst bei gedachten Lauben. Ich sechst fand am Eingange einen hübsch gearbeiteten Stein von vier Zentimeter Länge nebst mehreren Läppchen von blauem baumwollenen Zeuge, welche die Vögel wahrscheinlich in einer entfernten Nrcderlaffiing aufgesammelt hatten." Daß manche Vögel eine besondere Vorliebe für allerhand glänzende und bunte Gegenstände haben, ist ja schon lange bekannt. Das jedem geläufigste Beispiel ist unsere gemeine Elster, deren Dicbessinn geradezu sprichwörtlich geworden ist. und die namentlich in der Gefangenschaft mit wahrhaft unglaublicher Frechheit aLeS Blanke, was sie fortzutragen imstande fit, stiehlt und an irgend einem verborgenen Platze versteckt. An einem solchen Maße jedoch. wie bei den Laubenvögeln ist das Zusammentragen von blitzendem Spielzeug nicht zum zioeitcn Male beobachtet worden. Bemerkenstvert ist es noch, daß beide Geschlechter sich gleich- mäßig beim Errichten der Lauben beteiligen. Der Instinkt hierzu ist bei den Tieren so fest eingewurzelt, daß cr sich selbst in der Gefangimschast äußert. Ein englischer Liebhaber, Strange, hat an einem gefangenen Pärchen die Gewohnheiten dieser merkwürdigen Gesellen sehr eingehend beobachtet. Zuiveflcn jagt das Männchen im LiedcSspicle seine Gattin durch die ganze Bogelheckc, dann läuft es zur Laube, pickt eine bunte Feder ober ein großes Blatt auf, stößt einen seltsamen Ton aus, sträubt alle seine Federn, rennt rund mn die Laube herum und wird so erregt, daß es scheint, als wollten seine Augen aus dem Kopie springen. Nun entfaltet es erst den einen, dann den anderen Flügel, läßt einen leisen, pfeifenden Ton vernehmen und scheint gleich einem HauShahn etwa? vom Bode« aufzupicken, bis es endlich seinen Zweck erreickst und das Wcibchea zn sich herangelockt hat. Die Liebeswcrbungen der Böge! führe« zu vielen seltsamen Erscheinungen. Ach erinnere narr an die Kämpf« der Buchfinkenmännchen im Frühjahr, an das Balzen des Auer- Hahnes usw., von allen dürste jedoch das Errichten der Spielhälfier der Lanbenvögel wohl das merkwürdigste sein.— Humoristisches. — Ein Pfiffikus. Michel und Sepp, die zusammen einen Ochsen gestohlen, treffen sich nach der Beichte..Du, nn' hat er fei' net ab'oloiert!" „O, mi' scho'!' .Wie Haffs na' Du ang'stcllt mit dem Ochsen? Hast D' eahm nix g'iagt davo'?" „Ficilt' Hab' i's g'sagt I... Woaßt D'. wie so a' Lärm war auf der Orgel— so c' B n in b a d o n, da Hab' f mei' Oechsle mit 'nein rutsch'« l a s s» I"— i.Flieg. Blätter.") Notizen. — Hermann Lahrs Lustspiel.Ringelspiel' kommt im Deutschen Theater zur Aufführung.— —„Lebenshunger", Lustspiel von Feodorow, fand im Kleinen Schauspielhaus in Wien eine günstige Ans» «ahme.— — Wedekinds Kindertragödie„Frühlings Erwachen", die von der Zensur für eine öffentliche Aufführung freigegeben wurde, soll in den K a m m er s pie len d e L D e ut s ch en Theaters aufgeführt werden.— — Ein cuormeS Bühnenh onorar im Betrage von 700000 Fr. wird die Düse für ein dreimonatliches Gastspiel in Slldamenla erhalten, daö sie im nächsten Frühjahr veranstaltet.— — Eine neue Tanzkünstlerin, R i ta Sacchetto, erzielte mit der Aufführung stimmungsvoll inszenierter Tänze im München er Schauspiel Hause starken künstlerischen Ein» druck. — In Karlsruhe starb der Maler August Härter.— — Für angewandte Psychologie und psychologische Sammelforsckmng wurde von der Gesellschaft für experimentelle Psychologie in Berlin-WilmerSdorf ein Institut eröffnet.— — DaS Institut für Meereskunde an der Ber» liner Universität wird zwischen dem 9. November 1906 und 5. März 1907 öffentliche, allgemein zugängliche Borträge veranstalten im Institut für Meereskunde, Georgen- sttaße 34—36.— k. Die ägyptischen Pyramiden werden voraussichtlich in nächster Zeit viel von ihrem grandiosen imd sagenhasten Aus» sehen verlieren. Die ägyptische Regierung hat nämlich die Erlaubnis gegeben, die ungeheure Ebene, die von Eskebich zum Nil geht und m der die alten Sphinxe nnd Bauwerke aufragen, mit Häusern, Palästen und Hotels zu bebauen. Es haben sich bereits mehrere Gesellschaften gebildet, die die malerische Aussicht benutzen wollen. um große Hotclanlagen hier zu errichten. Rings um die Pyramiden von Ghiseh sollen richtige amerikanische.Wolkenkratzer" mit neun bis zehn Stockwerken misgeführt werden.— Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Verlia. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.Verlog»anstalt Paul Singer&$0.,®erImSW.