Anterhaltungsblatt des Honvarts Nr. 210. Dienstag, den 30. Oktober. 1906 (Nnihdvllck verboten.) 21J Der Sumpf» Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierle Uebersetzung. Kalte Winde und verkürzte Tage kündigten den Winter an. Die Frist schien der Familie zu kurz, weil sie nicht Zeit genug gehabt hatte, sich für ihn vorzubereiten. Doch kam er, un- erbittlich, und in die Augen des kleinen Stanislovas brachte er den gehetzten Ausdruck zurück. Auch Jurgis' Herz ward bei der Aussicht von Schrecken ergrifsen, denn Ona war nicht fähig, den Kampf mit Kälte und Schneeschaueru zu bestehen. Wenn ein Orkan kam, keine Bahn mehr ging und Ona nicht zur Arbeit koimte, so fand sie am anderen Tage ihren Platz besetzt. WaS dann?— In der Woche vor Weinachten kam der erste große Sturm: da erhob sich Jurgis' Seele wie ein erwachender Löwe. Vier Tage liefen die Wagen nicht, und in diesen Tagen erfuhr Jurgis zum erstenmal in seinem Leben, was es heißt, zu kämpfen und bekämpft zu werden. Er hatte vielen Gefahren ins Auge gesehen— sie waren ihm wie Kinderspiel gewesen. Jetzt war es ein Todeskampf, und alle Furien waren in ihm entfesselt. Am ersten Morgen verließen sie zwei Stunden vor Tagesanbruch das Haus. Ona war in all ihre Mäntel ge- wickelt und lag wie ein Mehlsack an seiner Schulter: der kleine Knabe, bis an die Nase eingebändelt, hing an seinen Rockschößen. Ein rasender Sturm schlug ihm in das Gesicht, und das Thermometer stand unter Null. Der Schnee reichte ihm bis an die Knie, auf manchen Strecken bis zu den Armen. Er umklammerte seine Füße und suchte ihn umzureißen, erbaute eine Mauer vor ihm arif, um ihn zurückzuschlagen, aber Jurgis warf sich pustend und knirschend vor Wut auf ihn wie ein verwundeter Büffel. Schritt für Schritt erkämpfte er seinen Weg, und als er endlich bei DurhamL ankam, taumelte er wie geblendet und lehnte sich an eine Wand, um keuchend Gott zu danken, daß das Vieh heute spät zu den Schlachtbänken kam. Am Abend gab es denselben Kampf, und weil Jurgis nicht wußte, um welche Stunde er fort konnte, bat er einen Hallenbcsitzer für Ona um Erlaubnis, in einer Ecke zu sitzen und auf ihn zu warten. Einmal wird es 11 Uhr in der Nacht, bis sie heimkamen. Der Orkan schlug manchen Mann aus der Arbeit, denn die um Arbeit bettelnde Menge draußen war niemals größer als jetzt, und die Packherrm fackelten nicht lange. Als der Orkan vorüber war, sprang Jurgis vor Freude, denn er hatte dem Feinde ins Auge gesehen und hatte ihn besiegt, und er fühlte sich als Herr seines Schicksals. So mag einem Be- Herrscher des Waldes zumute sein, der seinen Feind im Kampfe tapfer überwältigt hat und doch zur Nachtzeit in einer Falle gefangen wird. Einen großen Schrecken gab es aber an den Schlacht- bänken, wenn ein Stier ausbrach. Zuweilen zogen sie in der Hetze eins der Tiere heraus, ehe es ganz betäubt>var, es kam dann wieder auf die Füße und rannte wild iind sinnlos umher. Ein Warnungsschrei ertönte— die Männer ließen alles stehen und liegen und sprangen zu dem nächsten Pfeiler, glitten hier und da auf dem Boden aus und stürzten über- einander. Das tvar schon im Sommer schlimm genug, wenn eS hell war. Im Winter aber stiegen ihnen dabei vor Angst die Haare zu Berge, denn der Raum tvar so voller Dampf, daß sie nichts sehen konnten. Der Stier tvar freilich gewöhn- lich blind und toll und hatte nicht die Absicht, jemanden zu verletzen. Aber die Möglichkeit war doch da, in ein Messer zu laufen, das ein aitderer Mann in der Hand hat. llnd dann der Gipfel der Furcht! Es konnte der Aufseher kommen und blindlings mit der Flinte daztvischen knallen. Bei solch einein Aufstande war es, daß Jurgis in eine Fallgrube stürzte. Zuerst legte er keinen großen Wert darauf, als er wieder herausgekrochen war. Es war ja nur ein leichter Unfall, nur das Fußgelenk hatte er sich verstaucht. Es schmerzte, aber Jurgis war an Schmerz gewöhnt tind ver- zärtelte sich nicht. Als er danit aber heimging, inerkte er, daß er sich sehr verletzt hatte. Er konnte den Stiefel nicht anziehen. Selbst da fluchte er nur ein bißchen, wickelte den Fuß in alte Lumpen und humpelte hinaus, um den Wagen zu erreichen. Zufällig tvar ein eiliger Tag bei Durhams, und den ganzen Morgen humpelte er mit dem schmerzenden Fuße umher: mittags aber wurden die Schmerzen so groß, daß sie ihn fast ohnmächtig machten, und nach ein paav Stunden tvar er tatsächlich unterlegen und mußte es dem Aufseher sagen. Es wurde nach dem Arzt gesandt: er unter- suchte den Fuß und befahl Jurgis. nach Hause und zu Bett zn gehen: er fügte hinzu, daß er durch seine Narrheit wahr- scheinlich genötigt sein würde, monatelang im Bett zu bleiben. Für den Unfall konnten Durham u. Co. nicht verantwortlich gemacht werden, und weiter hatte der Arzt nichts damit zu tun. Irgendwie kam Jurgis heim: er konnte vor Schmerzen kaum stehen und sein Herz zitterte vor Schrecken und Angst. Elzbieta half ihm ins Bett, kühlte den Fuß mit kaltem Wasser und nahm sich furchtbar zusammen, um ihm ihre Verstörung nicht merkci: zu lassen. Sie erwartete die anderen vor der Tür, um ihnen alles zu sagen, und auch sie machten ein hoffnungsvolles Gesicht und meinten, sie würden ihn schon durchbringen. Aber als er eingeschlafen war, saßen sie um das Küchen- feuer und besprachen das Unglück in angstvollem Geflüster. Sie waren in grösster Not— das war ganz klar. Jurgis hatte nur 60 Dollar auf. der Bank, und die flaue Zeit war so nahe. Jonas und Marija konnten zusammen nicht einmal genug für aller Unterhalt verdiene», und außerdem hatten sie nur Onas Einnahme uild das bißchen des Knaben. Die Miete mußte bezahlt werden, der Rest für die Möbel, die Versicherung und die Säcke voll Kohlen! Es war Januar, mitten im Winter— die schrecklichste Zeit für Entbehrungen. Der tiefe Schnee kam wieder— und Ona durste nicht mehr fahren. Sie verlor ihren Platz— es war ganz sicher! Der kleine Stanislovas begann zu schllichzen. Wer würde für ihn sorgen? Es war schrecklich, daß ein Unfall, an dem niemand schuld war, solches Leiden verursachen sollte. Die Bitterkeit hierüber bildete nun auch Jurgis' tägliche Nahrung. Es hatte ja keinen Zweck, ihn zu betrügeil: er kannte den Stand der Dinge so gut lvie sie; er wußte, daß die Familie vor dem Verhungern stand. Die Qual fraß an seiner Seele. Nach zwei oder drei Tagen war er abgemagert. Für- den starken Mann war es zum Verrücktwerden, so hüls- los auf dem Rücken zu liegen, gleich einem gefesselten Prome- theus.— Als Jurgis so lag, Tag für Tag, kamen ihm Ge- fühle, die er früher nie gekannt. Bis jetzt hatte er das Leben willkommen geheißeil— es hatte seine Kümmernisse gehabt, doch keine, die ein Man» nicht überwinden konnte. Jetzt, in der Nachtzeit, wenn er sich unruhig hin und her warf, kam ein graues Phantom zu ihm in die Kammer, bei dessen An- blick sein Blut gefror und seine Haare sich sträiibten. Es war ihm, als wenn die Welt unter seinen Füßen versänke lind er in einen bodenloseil Abgrund, in die Höhlen der Verzweif- lung stürzte. Jetzt glaubte er, was die anderen ihm gesagt, daß nämlich selbst die beste Kraft des Mannes das Unglück nicht besiegen kann. Es war wahr, daß inan kämpfen mochte, soviel man lvollte, arbeiten, soviel man koiliite—■ fallen würde inan doch lind zerschlagen werden! Wie eine eisige Hand griff der Gedanke an sein Herz, daß er und alle, die ihm lieb waren, in diesem unheimlichen Schreckenslande durch Hunger und Kälte umkommen mußten. Kein Ohr würde ihren Schrei hören, keine Hand sich ihnen hülfreich entgegen- strecken! Es war wahr, daß hier i» dieser uugeheuren Stadt, mit ihren Lagern von aufgehäuftem Rcichtum, nie» schliche Geschöpfe zu Tode gehetzt liild durch die ivilden Kräfte der Natur hingemordet wurden— gerade, als ob sie in den Tagen der Höhlenmenschen lebten! Ona verdiente jetzt 30 Dollar ini Monat»nd Stanislovas 13 Dollar. Dazu kamen Jonas' und Marijas Beiträge zur Hauswirtschaft init 45 Dallar. Davon Miete, Zinsen, Abzahlung für die Möbel abgerechnet, blieben ihnen 60 Dollar, nach Abzug der Kohlenrechnung aber nur 30 Dollar. Sie entbehrten alles, was menschliche Wesen entbehren konnten, sie gingen in alten, zerlumpten Kleidern, welche sie nicht vor der Kälte schützten, und wenn der Kinder Schuhe zerrissen waren, so bandeil sie sie mit Bindfaden zu- sanrmen. Halb invalid, wie sie war. ruinierte sich Ona da- durch, daß sie durch Regen und Kälte zil Fuß ging, weil sie kein GelL zum Fahreu Kj'aHe. Sie FaVen tatsächlich keinen Pfennig aus als für Essen und Trinken, und doch konnten sie nicht von 50 Dollar im Monat leben. Sie hätten es viel- leicht erreicht, wenn sie reine Nahrung für anständigen Preis erhalten hätten; ja, wenn sie nicht so erbärmlich unwissend gewesen wären! Llber sie waren in ein fremdes Land ge- kommen, wo alles anders war als daheim— selbst die Nahrung. Sie waren gewohnt, immer viel geräucherte Wurst zu essen— wie konnten sie wissen, das; das, was sie in Amerika unter diesem Namen kauften, nicht dasselbe war? Daß die Farbe chemisch hergestellt und die Würstchen mit Kartoffel- mehl verdorben ivaren? Kartoffelmehl ist der Abfall der Kartoffeln, wenn Stärke und Alkohol herausgezogen sind es hat nicht mehr Wert als Holz, und in Europa wird ihr Gebrauch als Nahrung für ein Verbrechen angesehen. Aber Tausende von Tonnen dieses Kartoffelabfalles kommen nach Amerika. Es ist erstaunlich, wieviel solcher Nahrung elf Personen jeden Tag gebrauchen. 1 Dollar 73 Cent war ein- fach nicht genug, um sie zu sättigcu— der Versuch war un- nütz. Deshalb mußten sie jede Woche einen Angriff in das kleine Bankkonto, welches Ona sich angelegt hatte, macheu. Da das Konto ans ihren Namen geschrieben war, gelang es ihr, das Geheimnis vor Jurgis zu bewahren und das Herze- leid allein zu tragen. Besser wäre es überhaupt schon gewesen, wenn Jurgis eine wirkliche Krankheit gehabt, wenn er nicht fähig zum Denken geblieben wäre, denn er hatte ja die Hülfsmittel nicht, wie andere Invaliden sie haben. Er konnte weiter nichts tun, als still zu liegen oder sich hin und her zu werfen. Er fluchte zuweilen, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen, und manchmal wurde seine Ungedrild so groß, daß er aufstand und Teta Elzbieta ihn flehentlich bitten mußte, vernünftig zu sein. Teta Elzbieta war den größten Teil des Tages init ihm allein. Sie saß bei ihm, streichelte ihm zuweilen die Stirn und redete ihm zu. uin ihm sein Unglück zu erleichtern. Zuweilen war es für die Kinder zu kalt, um zur Schule zu gehen, dann mußten sie in der Küche spielen, wo Jurgis lag, weil es der einzige geheizte Raum war. Es waren dann schreckliche Stunden, denn Jurgis grollte wie ein gereizter Bär. Mau konnte ihn nicht tadeln; er war zu sehr zu be- dauern und hatte genug zu erdulden. Es war deshalb hart für ihn, durch die lärmenden Kinder am Schlafen verhindert zu werden. Elzbietas einzige Freude war in diesen Zeiten der kleine Antanas. Ucberhaupt, wie hätten sie alle das Leben ohne den Kleinen ertragen sollen? Jurgis' einziger Trost in seiner langen Gcfongeuschast war es, daß er jetzt Zeit hatte, das Baby anzusehen. Teta Elzbieta Pflegte den Korb, in dem das Baby schlief, neben seine Matratze zu setzen, und Jurgis stützte sich dann auf den einen Arm, um den Buben zu beobachten. Daun öffnete der Kleine wohl die Augen— er fing an, die Dinge um sich zu beobachten und zu lächeln. Oh! wie er lächelte! Bei diesem Lächeln konnte Jurgis alles ver- gessen und glücklich sein. Dann lebte er in einer Welt, wo es nur das Lächeln des kleinen Antanas gab, und diese Welt konnte deshalb nur gut sein. Er glich seinem Vater immer mehr, behauptete Teta Elzbieta, und sie sagte es mehrere Ällale am Tage, weil sie merkte, wie das Jurgis erfreute. Das arme kleine erschreckte Weibchen grübelte ja Tag und Nacht darüber, wie sie ihren gefangenen Riesen beruhigen konnte. Jurgis, welchem nichts von der ewigen uralten Heuchelei der Frauenliebe bekamit !var, nahm die Schnicichelei hin und lachte vor Vergnügen. Dann hielt er dem kleinen Antanas seineir Finder vor die Augen und bewegte ihn hin und her und lachte laut, wenn er sah, wie das Kind dem Finger mit den Augen folgte. Es gibt auf der Welt nichts Herzigeres als ein kleines Kind. Mit unerschütterlichem Ernst sah der Kleine in Jurgis' Gesicht, und Jurgis schrie auf:„Palauk! Sieh, Muma. er kennt seinen Vater. Er tut's, er tut's! Duinauo szii-ckele, der kleine Schelm!" 12. Drei Wochen hindurch kam Jurgis nicht aus dem Bette. Es war eine sehr hartnäckige Verrenkung; die Anschwellung wollte nicht verschwinden, die Schmerzen hielten an. Später aber konnte niemand ihn mehr halten; er versuchte jeden Tag etwas zu gehen und redete sich ein, daß es imniec* besser ginge. Keine Vernunft- gründe konnten ihn vom Gegenteil überzeugen, und drei Tage später erklärte er, zur Arbeit gehen zu wollen. Er humpelte zu der Bahn und kam nach Browns, wo er zu seiner Freude erfuhr, daß der Aufseher ihm seinen Arbeitsplatz auf» gehoben hatte— i>. h. baß der Aufseher bereit war, öen armen Teufel, welchen er inzwischen an Jurgis' Stelle genommen hatte, wieder in den Schnee hinauszujagen. ZIb und zu zwangen die Schmerzen Jurgis, mit der Arbeit inne zu halten, aber er hielt bis zu einer Stunde vor Schluß aus. Dann aber war er genötigt, zu gestehen, daß es nicht mehr ginge. Es brach ihm fast das Herz darüber, er lehnte sich an die Wand und weinte wie ein Kind. Zwei der Männer halfen ihm in den Wagen, und als er ausstieg, mußte er sich in den Schnee setzen und warten, bis jemand des Weges kam. Sie legten ihn wieder ins Bett und schickten zum Arzt, was sie eigentlich gleich im Anfang hätten tun sollen. Da kam denn heraus, daß eine Sehne zerrissen tvar und es ohne Arzt nicht hätte besser werden können. Jurgis faßte die Seiten seines Bettes, biß die Zähne zusammen und wurde weiß wie die Wand, als der Arzt das geschwollene Gelenk zog und drückte. Ehe der Arzt ging, erklärte er, daß zwei Monate vollkommene Ruhe zur Heilung notwendig seien. Wenn Jurgis vor der Zeit aufstand, konnte er fürs ganze Leben lahm werden. Drei Tage später kam ein anderer heftiger Schneesturm, und Marija, Ona, Jonas und Stanislovas gingen eine Stunde vor Tagesanbruch auS dem Hause, um pünktlich zu den Höfen zu gelangen. Um Mittag kamen Ona»nd der Knabe zurück, letzterer vor Schmerzen schreiend. Seine Finger waren er- froren. Ona und er hatten es aufgeben müssen, nach den Höfen zu komineu und wären beinahe in eine Grube gestürzt. Nun wußten sie nichts Besseres zu tun, als die erfrorenen Finger ans Feuer zu halten, und Stanislovas lief infolge- dessen den ganzen Tag unter schrecklichen Schmerzen umher, bis Jurgis in nervöse Wut geriet und wie ein Verrückter fluchte: er schwur, er würde den Jungen umJ&ringen, wenn er nicht mit den Lamentationen aufhörte. lFortsetzung folgt.) Das Srabbe- Problem. Von Ernst Kreowki. Bei der Beurteilung eines Dichters wie überlionpt einer kiinst- lerischen Persönlichkeit konnnen verschiedene Matzstäbe zur An- loendling. Was einer für seine Zeit geivesen ist, wird mehr vom Standpunkt des vergleichenden Literarhistorikers festzustellen sein. Was er für die Gegenwart etwa noch bedeutet, gehört in erster Linie zur Aufgabe des Philologen und Aesthetikers. Nun können zwei Fälle eintreten. Wir unterscheiden Dichter, die für ihre Epoche viel bedeuteten, deren Werke dem heutigen Geschlecht aber nicht? mehr zu sagen haben. Vielleicht waren sie nur ein Produkt vorübergehender Zeitstimmung oder schlechtweg der Modelaune— dann sind ihre Namen und ihre Schöpfungen für eine anders geartete Nachwelt nichts als Schall und Rauch. Oder sie galten bei Lebzeiten nichts, später aber sehr viel— da stutzt die Beurteilung schon: man merkt, hier sei etwas nicht richtig ge- wesen. Woran mag das liegen? Worin haben wir die Ursachen für solche Erscheinungen zu suchen? Vielleicht fand der Dichter nicht die Beachlimg seiner Generation, weil ihn ein widriges Geschick seitab von der Frcndentafel des Daseins verharren Uetz. Oder sein Geist sprengte die Enge des zeitlichen Milieus mid sah zukünftige Dinge,_ deren einstiges Emportauchen der ahnungslosen Mitwelt verschlossen blieb. Damit scheint mir aber die Betrachtungsreihe noch nicht erschöpft zu sein. Es kann jemand als Lyriker Geltung behalten, doch als Dramatiker oder Romanzier nichts mehr bedeuten — und umgekehrt. Ein gewisses Partielles von ihm wird den Stempel der Daner haben, alles andere aber wird ewigem Vergessen überantwortet bleiben. Da kommt es doch wirklich darauf an, zu ergründen, ob hier oder dort der Gehalt an fortwirkenden Ideen grötzer oder stärker gewesen. Das gilt gleicherweise für den Lyriker wie für den Epiker und Dramatiker. Für diese letztere Kategorie kommt aber noch ein zweites Moment hinzu. Denken wir zum Beispiel an Shakespeare. Keiner stand jemals so unlösbar fest mit seiner Zeit verknüpft wie er. Und dennoch ist er ein Ewigkeits- dichter! Wie geht das zu? Shakespeare hat die damalige Welt konzentrisch im Spiegel seines Wesens aufgefangen und daraus die unvergänglichen Ideen gesogen. Diese Ideen empfingen zugleich eine sprachliche Prägung, welche universelle GülUgkeit behält: und der Dichter besaß die Macht, sie in plastische Handlungen zu kleiden, die organisches Wirklichkeitsleben atmen. Auf die ethische, auf die soziale Idee also kommt es in erster Linie an. Daß sie sich in formaler Deutlichkeit und Vollendung offenbare, ist die näckste gleichwichtige Bedingung. Diese Forderung gilt für jeden Schaffenden überhaupt, für den Dramatiker aber noch im besonderen. Schreibt er bloß Buchdramen, und wären sie noch so reich an Ideen, so bleibt er ein Toter, wie emsig auch Spätergeborene feine Werke galvanisieren mögen. Bei Christian Dietrich Grabbe bestätigt sich beides. Unzweifelhaft war er eine athletische Natur. Aber was ftommt alles Gigantentum, wenn es mit Felsblöcken um sich wirst. Zyklopen- bürgen auftiirmt, chaotische Schrecknis verbreitet, statt der Kunst und dem Geiste würdige Teinpelbauten zu errichten, in deren Gelassen die Schönheit thront! Grabbe projizierte seine Dramen ins Riesen- haste um seiner ins Riesenhafte gesteigerten Helden willen und vermeinte, die Götter vom Sitz zu stoßen. Da verdlieb er einsam in eisiger Gletscherwildnis, lvohin ihm kaum ein nienschlich Auge, geschweige der Fuß des verwegensten Gratsteigers folgen kann... Kunst hat nicht den Zweck zu blenden, oder Grauen und Entsetzen in der Brust des Genießenden auszulösen. Grabbe flößt Furcht ein, die tödlich ist. Und er ist kein Dramatiker, wie es Größere: ein Shakespeare, ein Schiller, ein Ibsen gewesen sind. Er würde es vielleicht noch werden, wenn.unser Theater sozusagen zyklopische Formen annimmt". So urteilt Grabbes neuester Biograph: Dr. Artur Ploch in seiner unlängst veröffentlichten Studie:.GrabbeS Stellung in der deutschen Lrteratur".