Zlnterhattmigsbkalit des vorwärts Nr. 211. Mittwoch � den 31. Oktober. 1903 (Nachdruck verboten.) 22] Der Sumpf. Noman von II p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Den ganzen Tag und die ganze Nacht war die Familie außer sich vor Angst, daß Ona und der Knabe ihre Plätze vcr- loren hätten. Am anderen Morgen gingen sie früher als je, nachdem Jurgis den widerspenstigen Linaben geschlagen hatte. Die Sache war eben keine Kleinigkeit, es ging auf Leben und Tod. Von Stanislovas konnte man nicht erwarten, daß er das begriff: lieber im Schnee erfrieren, als die Stelle an der Schmalzmaschine verlieren! Ona war ganz sicher, daß sie ihre Stelle besetzt finden würde, und als sie endlich bei Browns ankam und erfuhr, daß die Vorsteherin selbst nicht gekommen war und deshalb zur NachsielK bereit war, wurde ihr vor Freude schier schwindlig. Infolge dieses Vorfalles blieben drei von den Fingern des kleinen Stanislovas steif, und jeden Morgen mußte der arme Bengel mit Schlägen aus dem Hause getrieben werden, wenn Schnee lag. Jurgis wurde veranlaßt, den Jungen zu schlagen, und weil die Bewegung in seinem Fuße schnierzte, so schlug er kräftig zu. Das diente nicht dazu, die Weichheit seines Temperaments zu vermehren. Der beste Hund wird ja endlich wütend, wenn er immer an der Kette liegen soll — und mit dem Menschen steht's ebenso. Jurgis hatte den ganzen Tag weiter nichts zu tun, als langgestreckt dazuliegen und sein Schicksal zu verwünschen. Und es kam eine Zeit, wo er alles verwünschte. Doch währte ein solcher Ausbruch nie lange, denn wenn Ona anfing zu weinen, konnte Jurgis nicht zornig bleiben. Der arme Bursche mit seinen ein- gesunkenen Wangen und den langen schwarzen wilden Haaren glich einem Gespenst. Er war wahrhaftig zu niedergedrückt geworden, um an das Haarschneiden zu denken und auf sein Aussehen Wert zu legen. Seine Muskeln schwanden, und was von ihnen übrig blieb, war weich und schwach. Er hatte keinen Appetit, und sie konnten ihn nicht mit Delikatessen zum Essen reizen. Er meinte, es tväre besser, wenn er nicht esse, man spare dadurch. Ende März geriet ihm Onas Bankbuch in die Hände, und er erfuhr, daß er nur noch 3 Dollar besaß. Das schlimmste aber in dieser langen bösen Zeit war, daß noch ein anderes Familienglied verloren ging. Bruder- Jonas verschwand. Eines Sonnabendsabends kam er nicht heim, und olle Anstrengungen, eine Spur von ihm zu be- kommen, waren vergebens. Der Aufseher bei Durhams sagte, Jonas habe seinen Wochenlohn erhalten und seinen Platz auf- gegeben. Das konnte wahr sein oder auch nicht, denn die Auf- scher sagten das manchmal, wenn ein Mann durch einen Un- fall getötet ward— es war ja das leichteste für alle, die es anging. War z. B. ein Mann in einen von den großen Kesseln gefallen und zu„reinem Schweineschmalz" oder„un- vergleichlichcm Düngemittel" geworden, so lag gar kein Grund vor, den Unfall bekannt werden zu lassen und die Familie da- mit unglücklich zu machen. Ja, das konnte auch bei Jonas geschehen sein, aber wahrscheinlicher war es schon, daß Jonas fortgegangen war, um anderswo sein Glück zu versuchen. Er war schon länger unzufrieden gewesen, und nicht ganz ohne Ursache. Er bezahlte gutes Kostgeld und war doch genötigt, in einem Hanse zu leben, in dem niemand satt wurde. Da aber Morija ihren ganzen Verdienst hergab, so fühlte er sich verpflichtet, das Gleiche zu tun. Und das ärgerte ihn. Dann gab's schreiende Bälger im Hanse und alle Arten von Elend. Ein Mann mußte ein gut Teil von einem Helden in sich haben, um da ohne Murren standzuhalten, und Jonas war nichts weniger als ein Held— er war einfach ein wetterharter Bursche, dem es bchagte, ein gutes Abendessen zu haben, beim Feuer zu sitzen und in Frieden seine Pfeife zu rauchen, bevor er zu Bett ging. Hier war für ihn kein Platz am Feuer, und den ganzen Winter hindurch war die Küche nicht eiirmal behaglich warm. Was war also begreiflicher, als daß ihn mit dem Frühling das wilde Verlangen zur Flucht ergriff? Zwei Jahre hatte er wie ein Pferd in Durhams dunklen Kellern gearbeitet— i ohne Unterlaß jeden Tag, mit Aus- nähme der Sonn- und Festtage, und ohne ein Wort des Dankes. Nur Verwünschungen und Püffe hatte er erhalten, welche ein Hund nicht ertragen hätte. Und jetzt war der Winter vorbei, die Frühlingswinde wehten, und in einem Tagesmärsche konnte ein Mann den Rauch von Packingtown hinter sich lassen und dort leben, wo das Gras grün war und die Blumen in allen Farben des Reaenbogens blühten! Aber mit seinem Fortgehen war das Einkommen der Familie um mehr als ein Drittel geschmälert, die Kostfrage aber nur um ein Elfte! vermindert worden. Sie waren 'chlimmer dran als je. Sie mußten Geld von Marija borgen, das Bankkonto angreifen und Marijas Hoffnungen auf Heirat und Glück wieder zerstören. Selbst bei Tamoszius Kuszleita gerieten sie in Schulden und machten den armen Mann noch ärmer. Der arme Tamoszius hatte keine Verwandte, und bei seinem Talent hätte er sich ein Vermögen sammeln können, aber er war verliebt lind darum ließ er sich mit in den Ab- grund ziehen. Endlich ward beschlossen, daß noch zwei der Kinder die Schule verlassen sollten. Hinter dem 13jährigen Stanislovas kam ein Mädchen, die kleine Kotrina, die zwei Jahre jünger war. Dann kamen zwei Knaben, Vilimas, elf— Nikolajas, zehn Jahre alt. Beide waren gesund, und warum sollte gerade diese Familie darben, wenn Zehntausende von ebenso alten Kindern ihren linterhalt verdienten? So wurde ihnen denn eines Morgens ein Brot mit Wurst in die Hand gegeben, und bedrückt iin Gemüt von allerhand guten Ratschlägen wurde» sie ausgeschickt, um ihren Weg zur Stadt zu machen und den Zeitungsverkauf zu erlernen. In Tränen kanien sie abends zurück, um zu berichten, daß ein Mann ihnen angeboten, sie zu einem Ort zu führen, wo Zeitungen verkaust wurden. Er hatte ihr Geld genommen, lvar in den Laden gegangen und ward nicht mehr gesehen. Sie bekamen die Peitsche und wurden am nächsten Morgen wieder fortgeschickt. Dieses Mal fanden sie den Zeitungsstand und kauften sich einen Vorrat. Nachdem sie bis Mittag um» hergewandert waren und„?apei'!" zu jedem, dem sie be- gegneten, gesagt hatten, waren ihnen ihre Zeitungen weg- genommen worden, und sie hatten eine Tracht Prügel von einem Zeitungsmann bekommen, dessen Revier sie über- schritten hatten. Glücklicherweise hatten sie aber wenigstens cirnge Zeitungen verkauft und kamen fast mit derselben Summe nach Hause, die sie mitgenommen. Aber nach einer Woche voller Mißgeschick begannen die kleinen Burschen ihr Geschäft zu begreifen. Sie kannten die Namen der Zeitungen und wußten, wieviel Stück sie von jeder nehmen, wem sie sie anbieteil mußten, wohin sie zu gehen und wo sie fortbleiben mußten. Deilnoch konnten sie, wenn sie das Haus um 4 Ubr morgens verließen und den ganzen Tag bis spät in die Nacht in den Straßen herumliefen, um erst die Morgen- und dann die Abendblätter zu verkaufen, nur 20 bis 30, vielleicht mich einmal 40 Cent heimbringen. Davon ging noch das Fahr- geld ab. da die Entfernung zu groß war. Doch nach einiger Zeit bekamen sie Freunde und lernten es, in die Wagen zi» schlüpfen, wenn der Kondukteur nicht hersah und sie sich in der Menge verkriechen konnten. Dreimal in vier Fällen konnten sie sicher sein, nicht wegen der Fahrkarte behelligt zu werden oder nicht gesehen zu werden. Oder sie singen an, wenn der Kondukteur doch zu ihnen kam, in den Taschen herumzusuchcir und zu weinen. Entweder bekamen sie dann das Fahrgeld von einer gütigen alten Dame geschenkt oder sie versuchten den Kniff in einem anderen Wagen. Sie hielten das für nichts Böses. Wessen Schuld war es denn, daß die Wagen zu der Zeit, wenn die Arbeiter von oder zu der Arbeit gingen, so überfüllt waren und die Führer das Geld nicht einsammeln konnten? Die Gesellschaften waren überdies Diebe— sagten die Leute— sie hatten mit Hülse schurkischer Politiker alle Vorrechte armer Leute gesto.hlon! Nun der Winter vorbei war und keine Schneegefahr mehr herrschte, keine Kohlen mehr gekanst zu werden brauchten, die Kinder weggeschickt werden konnten wenn sie schrien, und Geld genug verdient wurde, um Woche, für Woche durchzukommen, besserte sich auch Jurgis' böse Laune. Ter Mensch gewöhnt sich mit der Zeit an alles, und Jurgis hatte sich auch daran gewöhnt, im Hause zu liegen. Ona bemerkte es und gab sich große Mühe, den Frieden seines Geniütes nicht zu stören. Sie verheimlichte ihm, daß sie sehr litt. Es war die Zeit der Frühlingsschancr, und Ona mußte öfters fahren, trotz der Kosten. Sie wurde jeden Tag bleicher, und' zuweilen tat es ihr. trotz all ihrer festen EntschliKe. tvey, daß Jurgis das nicht sah. Sie fragte sich dann, ob er sie wohl noch so lieb hätte wie sonst, oder ob das Elend seine Liebe zerstört hätte. Sie war die meiste Zeit von ihm entfernt und trug ihre Leiden allein, wie er die seinen. Wenn sie zu Hause kam. war sie so müde, und wenn sie zusainmen sprachen, so sprachen sie nur über ihre Not und ihr Elend— es war wahrhaftig schwer, unter solchen Gesprächen meiche Gefühle zu bewahren. Ter Schmerz über alles das flammte zuweilen in Ona hoch auf, in der Nacht schlang sie wohl einmal ihre Arme plötzlich um ihren Gatten, brach in Tränen aus und fragte, ob er sie noch lieb habe. Und der arme Jurgis, der unter dem Drucke der Not wirklich iir i cr mehr ein der- ditterter Mann geworden war, wußte nichts Rechtes darauf zu erwidern und erinnerte sich nur. vx.nn er zuletzt zornig gewesen. Ona mußte ihm vergeben uw- weinte sich in den Schlaf. In den letzten Tagen deä April aiu Jurgis zum Arzt und bekam eine Binde um das Gelenk v.i die Erlaubnis, zur Arbeit zu gehen. Dazu war leider mehr lötig als diese Er- laubnis. Wie er sich im Schlack' irw l' i Browns zeigte, bedeutete ihm der Vorarbeiter, do sein filatz nicht aufbewahrt hatte bleiben können. Jurgis begriff' der Vorarbeiter hatte einen anderen gefunden, der gut arbeitete und wollte keine neue Aenderung. Jurgis stand trau: im Torwege, sah seine Freunde und Gefährten arbeiten und kam sich wie ein Ausgestoßener vor. Dann ging er und stellte sich zwischen die Menge der Arbeitslosen. lFortsetzung folgt.) achdluck Dcvfioten.) Dieser Scburh� der JVIatfeowitfch! Von Roda Roda. Gabriel Motkowitsch. von dem di- Welt nrchma's bewundernd als von dein größten Sä irken des bideimgen Königreiches sprach, war ei gentlich ein behäbiger Spießer. Wenn er nicht eben aß oder jagte, verlauste er Seife, Leder, Eiser. Kaffee, Tabak, Briefmarken. Sämereien, Taschenmesser, Schnitiwa n— und alles, was sonst in diese Fächer und dazwischen fällt. E war Sparkassendirekwr, Ge- meinderat und zweiter Ehrenoberk. m.nwldant der Dolinaer Feuer- Wehr. Er hatte auch einen Pflaume.-garten, einen Gemüsegarten — und im Vorort Sokowgaj einen b'a. rnlahn. Vor allen, aber war er ein Wucherer erster Güte.! ra hten nämlich die armen Slowaken von Sokowgaj im Frühjahr E-!d, so gab er ihnen atn Faß künstlichen Sliwowitz auf Borg und riet ihnen, das Faß>ei Schandor Kowatschitsch zu Geld zu machen. Kowatschisch aber k:c Gabriels Zapfenwirt, denn Gabriel hatte auch einen Gasthof. Im Herbst fuhr er dann nach Sokowgaj hinaus und heimste ein Faß echten, neuen Pflaumenbranntwein ein. Wenn aber ein wohl- habender Bauer um Geld zur Sparkasse kam. tri-'s ihn Gabriel als «nicht kreditwürdig" ab und gab ihn« dann das Geld zu Hause aus dem eigenen Schrank— nur aus reinem Mitleid und ganz ohne Zinsen. Zinsen nahm er nämlich nie, das ist gemein. Er nahm nur Mais oder Weizen. Weil er nun niemals Zinsen nahm, verkehrte er mit der besten Gesellschaft von Dolina— mit den Offizieren der Batteriedivisio?, mit den Beamten vom Komitat und der abgetakelten Baronin,;.ie auch zur Gesellschaft gehörte. Er hätte auch da prächtige Geschäfte machen können. Aber er hatte Grundsätze. Er machte nie Geschäfte in„seinen" Kreisen. Wie oft nahm ihn ein Oberleutnant beiseite oder ein politischer Adjunkt! Gabriel Matkowitsch lächelte liebenswürdig, zog be- dauernd die Brauen hoch und schüttelte leise den Kopf. Sprach man dann länger auf ihn ein, ward seine klägliche Miene schmerz- lich süß— man sah, wie gewaltig er mit den Gefühlen kämpfte. die er für die besseren hielt— und schließlich, ja schließlich schüttelte .er zusagend die pumpende Freundeshand. Gabriel Matkowitsch lieh. Ungern und wenig, immer erst nach heldenmütiger Gegenwehr.— Aber er mahnte nicht und verlangte nie sein Kapital. Denn Gabriel Matkowitsch hatte eine krankhafte Liebe zu der „besten Gesellschaft". Vom Gerichtspraktikanten gegrüßt zu werden war ihm ein Fest. Er stand auf der Straße und sah den Prakti- kanten kommen. Flugs wandte er sich herum. Er schaute nicht geradezu weg— sonst hätte sich der Praktikant den Gruß vielleicht erspart. Er sah auch nicht geradezu hin, sonst hätte er vielleicht zuerst grüßen müssen. Er blickte angelegentlich zum Kirchturm hinauf, und sowie der Praktikant daran ging, nur die Hand zu rühren, kam er ihm freudig zuvor:„Ah, guten Tag. guten Tag. mein lieber Herr von Treschetz! Wie steht das werte Befinden? Gut geschlafen, Herr von Treschetz? Ebenfalls— danke sehr, danke sehr, Herr von Treschetz I" Für die abgetakelte Baronin hatte er eine abgöttische Ver- ehrung. Ihr diente er mit Wonne.— Die Baronin nahm bei ihm Waren auf Ouartalsrechnung. DaS Viertel war um, da kam sie rauschend in den Laden, legte das Buch hin, und er zählte zu- sammen. Sie stand dabei, die Börse in der Hand. Gabriel Matkowitsch machte einen artigen Strich unter die Summe, schrieb „Dankend saldiert" hin, und die Baronin erzählte... erzählte eine Geschichte von lauter Hoheiten, Prinzen und Prinzessinnen -- bis sie das Buch nahm und ging.— ohne gezahlt zu haben. Gabriel Matkowitsch hatte eine Frau, die er eigens der„besten Kreise" wegen gefreit hatte. Schon der Name: Angelina! Was könnte eine Angelina anderes tun, als Dame sein? Und das war sie, weiß Gottl Da tat ihrs niemand zuvor! Sie brauchte nur unter die Frauen Dolinas zu treten und augenblicks ward's still — denn man hatte von ihr gesprochen. Sie brauchte nur ein himmelblaues Kleid anzuziehen, und die himmelblauen Stoffe stiegen im Preise. Sie brauchte nur an der Kaserne vorbeizugehen, und sogar der Herr Major nahm eine Pose an. Frau Angelina war aus der Pußta aufgewachsen. Diese Augen hatten all die Mädchenjahre lang sinnend und sehnend ins Weite gesehen nach dem großen Abenteuer. So hatte sie Gabriel Matko- witsch gefunden. Angelina wußte es immer: er war nicht der Rechte. Aber da ihr Glaube ein wartender war, hielt sie die Heirat mit dem Provinzkrösus für eine Stufe ihrer Himmelsleiter, sträubte sich nicht lange und sagte ja. So kam sie nach Doli na. Der Ort war ihr ein kleines Paris. Die gesellschaftlichen Er- folge, der langbegehrte junge LicbeSgenuß betäubten sie.— Ihr war's eine Zeitlang, als habe sie gesunden... Als sie erwacbie, sah sie ihre Wünsche größer als alles, was man ihr bieten konnte. Da wurden die seligen Augen wieder sinnend und erwartend und blickten ins Weite— über all die armseligen Provinzgalans hin- weg nach dem Rechten. Gabriel Matkowitsch erwachte nicht.— Er hatte alles, wonach er verlangte: das größte Vermögen, eine schöne, unnahbare Frau, die schönste im Komitat, und vornehme Leute, die ihn um der Frau willen doppelt und dreifach respektierten.— Er erwachte auch nicht, als Hauptmann Conte Callini nach Dolina transferiert wurde, ja, anch dann nicht, als Frau Angelina sich sichtbar vor aller Augen veränderte. Und Gabriel Matkowitsch hätte es doch merken müssen! So heiß hatten ihre Küsse nie gebrannt wie jetzt— da sie einem anderen zugedacht waren. Ihre Wärme, die ihn hätte warnen sollen, wiegte ihn nur noch tiefer in seine Sicherheit. Die Welt voller Herrlichkeiten, nach der es Angelina so oft über die Kimmung der Pußta hinausg-zogen— die Welt, die sie in schlaflosen Nächten geschaut— höitc Callini leibhaft durchwandert. Er war, ehe ihn ein unbekanntes Ereignis, vielleicht auch galantes Erlebnis an die Peripherie vertrieb, bei Hofe gewesen und drehte nun vor der aushorchenden Runde so ruhig seine Schnurren, als sei es was Alltägliches, den Kaiser und die Fürst- lichkciten, die Magnaten und Minister am Werke zu sehen, im Heim zu belauschen.— Was er da lachenden Mundes erzählte, war Weltgeschichte, der geheime Schlüssel zu den Ereignissen. Man hatte sie ja in der Zeitung gelesen. Aber daß sie so kleinlich zu- stände gekommen, hatte mau nicht geahnt. Gabriel Matkowitsch schwelgte in der Gcgemvart des Haupt- manns. Er wurde so klein vor ihm, daß Callinis Verlangen nach Angelina über Gabriel wegsprang, ohne ihn zu berühren. Drüben aber die schöne Frau schien die Arnie zu öffnen und ihr Mund sagte:„Küsse mich. Du mein großes Abenteuer, nimm mich. Du Herr, ich will Deine Sprache reden!" Zwei Mon.'te später war Angelina mit dem Coute«ins: sie würde sich scheiden lassen— und sie wollten fort— zusainmen in die Ferne. Sie rechneten gut. Als Gabriel Angelina heimgeführt, hatte er nicht nach ihren. Vu'iiiögcn gefragt. Wozu auch— da doch keines da war?— Aber er hätte nicht vollkommen den Edelmann zu spielen gemeint, wenn er ihr nicht das seine zur Gütergemeinschaft verschrieben hü te Es wird ein schwerer Reichtum werden. Der Conte hat etwas und Angcluia viel. Da werden sie in Freuden leben. Eines Tages kündigte die Broder Vermogensgemeinde ein un- geheueres Gebiet der alten k. k. Grenzwälder zum Verkaufe an. Dutzendemal war das geschehen, ohne daß sich Gabriel Matkowitsch an die Sache gewagt hätte. Er war zu sehr an den sicheren Baucrnhandel mit Pflauinenbranntwein und sauren Heringen gc- wohnt, als daß ihm Unternehmungen mit Hnndertrausenden in den Sinn gekommen wären. Heute zum erstenmal dachte er an so riesige Möglickleiten. In Callinis Gesprächen hallte der Geist einer Millionen verschleudernden Menschenklasse, der Millionen erwerbende Schlaufüchse gegenüberstanden. Gabriel Matkowitsch verlor die Achtung vor dem Kreuzerwucher. Er sann und samt— dann ging er hin und verlangte von der Bank in Essegg eine unerhörte Summe. � Lange,«he man ihm zusagte, rief ihn sein Advokat, Dr. Werna- nitsch. zu sich ins Bureau. Gabriel Matkowitsch kam mit unglaublich würdevollem Gesichle. Man ist jetzt Großhändler— man klagt nicht mehr Slowaken aus Branntwein! „Herr", begann der Advokat,„halten Sie mich für Ihren guten Freund!" - ,0»toi|,* meinte Gabriel MatkowÄich fy, p�'-. ?cnichen, der Gnaden zu vergeben hat uns«rwärtet. darpn» an- gesprochen zu werden. löSt .Na also— wenn Sie mich dafür halten, dann sage ich Ihnen: Sie find im Begriffe, eine grandiose Dummheit zu machen." „Herr—!?" Matkowusch fühlt nicht sich beleidigt, sondern etwas, was er mehr liebt— sein neues Unternehmen. .Jawohl, eine Dummheit I Sie haben schon einmal eine ge- inacht— trotz meinen Warnungen. Sie wissen doch?" Matkowilsch weiß und lächelt: die Vermögensgemeinschaft im Heiratsvertrag. „Was Sie jetzt tun wollen, ist aber noch phantastischer. Sie nehmen so und so viel Tausender aus der Bank?" .Woher wi--?" .Lassen Sie— woher ich'3 weih, ist gleichgültig. Effegg ist ein Nest, nmn erfährt alles. Hören Sie mich an, Matkowitsch. Sie mn mir leid l Sie haben sich gerackert und fich Ihre Tage mit den Bauern herumgebalgt. Jetzt sind Sie daran, mit einem Schlage alles zu verlieren. Das möchte ich nicht I— Ich sage Ihnen etwas, was Sie noch nicht wissen: Ihre Frau will fich von Ihnen scheiden lassen. Wenn Sie nun trotzdem die Broder Wälder kaufen wollen, tun Sie-. Aber Sie werden Ihrer Frau nicht zahlen können— und der Krach ist dal" Gabriel Matkowitsch zuckt mit keiner Winiper. In rasender Eile •chiehen ihm die Gedanken. Was er monatelang nicht verstanden :at, versteht er. huirdert Einzelheiten treten ihm ans einmal ins jirn, das unendlich verwickelte Räderwerk greift im Nu Zahn um Zahn ein und schwirrt. Gabriel Matkowitsch steht auf und hält fich an der Tischkante fest, um den Zusammensturz seiner Träume zu überdauern. Er beiht seine Unterlippe blutig, sieht Dr. Werbanitsch fest an und geht stuinm. Ja— und tausendmal ja l Der Mann redet wahr I Angelina will sich scheiden lassen! Darum das— und darum jenes, was er bisher nicht beachtet hat. Es stimmt, es stimmt 1 Er wankt zu seinem Wagen..Nach Sokowgaj l" krächzt er. Und kaum setzt sich der Wagen in Bewegung— hier mitten in der Stadt, ganz Ret'alu entlang, heult und krümmt sich Gabriel Matko- witsch, daß die mützigen Leute stehen bleiben und nachgaffen und der Kutscher fich für ihn schämt. Vor der Maut ivird das Heulen— Irrsinn. Aengstlich treibt der Kut'cher die Gäule an— mit blitzenden Blicken von der Straße weg rückwärts nach oem verzweifelten Herren. In Sokowgaj springt Gabriel Matkowitsch vom Wagen und stürmt in die Stube seines Pächters. Niemand ist zu Hause. Matkowitsch sperrt sich ein und läuft um de» kleinen Tisch herum— zwei, drei Stunden. Draußen fährt der Kutscher auf und ab mid kühlt die dampfenden Pferde. Die Pächtersleute tonimen heim und möchten eintreten. Mat- kowitsch schreit sie an und verscheucht sie. Sie wechseln einen Blick mit dem Kutscher. „Geht hinein und fragt ihn. ob ich warten soll", gibt der zur Antwort. Es kostet ihm aber Zureden, ehe sie fich trauen. „Warten!" gibt Matkowitsch kurz zurück. Dann wird's dem Kutscher zu lang— er spannt in der Schenke ans und füttert.— Auch den Pächtersleuten wird's zu lang— sie gehen auf den Heuboden schlafen. Drinnen in der Bauernstube aber steht Gabriel Matkowitsch am Fenster und späht in den Abendhimmel. Ihn blendet nicht das blendende Gold, ihm glitzern nicht die glitzernden Sterne— er fühlt nichts, er sieht nichts, er denkt nur. Sein Zorn ist schon lang verraucht. Er hat so lichterloh ge- braimt, daß er alles in ihm verzehrt hat. In der kühlen Dämmerung des nächsten Morgens findet er sich erst. Die gackernden Hühner, das»ruhende Vieh, die Tritte er- Wächter Menschen, ein knarrendes Tor— all' die Geräusche des Morgens im Bauernhof erwecken ihn. Als er um sechs Uhr nach Dolina fährt und ihm die neuen Sonnenstrahlen wohlig den Nacken wärmen, da ist er wieder Gabriel Matkowitsch. der Mann, der weiß, was er wn will. Angelina ist eben aufgestanden. Er begrüßt sie mit einem Kusse. Ihn freut's, daß er ihr an Schlauheit über ist.„Du bist doch nicht oesorgt gewesen, mein Schätzchen— wie? Aber daran wirst Du Dich jetzt gewöhnen müssen— ich werde öfter ein paar Nächte weg- bleiben." Daß ein schlecht verhehltes Frohlocken unter ihren Winrpern austenchtet, merkt er mit teuflischem Behagen. Daim geht er in sein Bureau und arbeitet fieberhaft. Mittags pocht er an die Türe der Offiziersineffe. Die Herren sind über den ungebetenen Gast nicht wenig erstaunt— und auch verlegen. Man verkehrt ja mit Gabriel Matkowisch, gewiß! Aber fiir so vollwertig, daß er hierher dringen dürfte, hat man ihn doch nie genommen I Indessen setzt sich Gabriel Matkowitsch einfach neben Conte Eallini.„Lieber Freund", beginnt er— man höre nnr: lieber freund I—„ich muß für einige Wochen verreisen. Meine arme Frau bleibt allein zurück." Callini wird unruhig. Allein zurück. Und da braucht sie doch einen Schutz.' Callini wird's peinlich. Schon darum, weil ihn der Kerl in der nächsten Sekunde öffentlich duzen wird. „Wer sollte sie schützen?— Du?—* Die Leutnants grinsen, die Hauptleute schmmizelil, Der Herr Major ist indigniert.?.ii.-rv2.ttzüchr „Ich verlange viel von Dir. lieber Graf, ich weiß. Ahe« da tch mit niemand aus so gutem Fuße stehe, wie mit Dir. kann, ich mich auch an niemand andern darum wenden." Er erhebt sich, hÄt die Hand hin, Callmi legt verblüfft die seine hinein.«Dein Ehrenwort also, lieber Freund, daß Du. wie lange ich auch wegbleibe, meine Frau wie eine Schwester hüten wirst.— Dein Ehrenwort, die Herren haben es gehört!" Gabriel schüttelt die willenlose Hand des„Freundes" und ist schon fort, ehe Hauptmann Conte Callini noch Lnft erschnappt hat. Am Nachmittag behebt Gabriel Matkowitsch zweimalhundert- fünfzigtansend Gulden in der Bank zu Effegg. Seine ganze Habe hat er für das Darlehen verpfändet— und ist jetzt über alle Berge I Dieser Schurk', der Matkowitsch I Auch die vielen Dutzende von Wechseln aus den„besten Kreisen" hat er bei der Bank deponiert, ehe er nach Amerika ging! kleines Feuilleton. !?. Städte, die in einem Tage erbaut wurden. Als einen „Triumph der Arbeit" hat man es gepriesen, dag de: weiträumig« Gebäudekomplex?es„Neuen Schauspielhauses" in Berlin in 24IZ Tagen aufgeführt worden ist; aber es gibt ncch anbeee Wunder schnell ausgeführter Bauten, die die des Berliner Architekten weit hinter sich lassen. So erzählt eine englische Zeitschrift;-u„Städten, die in einem Tage erbaut wurden". Ein solcher blitzschneller Städteerbauer war George Chesterton Cornweil, wr der ersten Pioniere australischer Kolonisation in Viktoria, der vor kurzem ge, starben ist. Vor fünfzig Jahren nahm er an der Entdeckung de» großen australischen Goldfelder teil und erbaute die Stadt Can- vastown am Emerald-Hügel. Diese Stadt wurde buchstäblich in einem Tage erbaut. So unglaublich es auch erscheinen mag, so wußte er doch innerhalb 24 stunden gewaltige Unterkunftsstätten für 80 000 Menschen zu schaffen. Auch die Stadt Custer in Kolorado ist in einem Tage emporgestiegen. Sie besteht ans etwa bOO hölzernen Häusern, die alle zwischen Sonnenaufgang und Sonnen- Untergang hergestellt wurden. Das Material dazu war bereits sei langem herbeigeschafft worden und bestand aus ganzen Teilen hölzerner Wände, aus sorgfältig behauenen Ballen und aus Dächern in zwei Teilen, die nach sorgfältigen Anordnungen und genauen Plänen gefertigt waren. Jedes Stück eines jeden Gebäudes war numeriert und lag in schöner Ordnung nahe bei dem Bauplatz, an dem es gebraucht werden sollte, so daß alles im Nu aufgestellt werden konnte. Früh am Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen begann denn auch das lustige Zusammensctzspiel, bei dem nur di» Stücke aneinandergefügt und mit wenigen Nägeln fest verbunden werden mußten. Außer den Anfiedlern selbst waren noch 2000 Menschen bei der Erbaung der Stadt tätig. Das größte der Häuser loar ein Gasthaus, das zwei Stockwerke enthielt. In den fruchtbaren Gefilden von Oklahoma sprießen die Städte wie Pilze nach einem Regen hervor und sind gar manchmal in einem Tage fertig. Thomas City soll sogar in einem einzigen Nachmittag« entstanden sein. Gleich wurde auch eine Zeitung gedruckt und in den Nachbarstädten verbreitet. Line andere Stadt in Oklahoma, die wie ein Wunder plötzlich dastand, heißt Snyder. Sie wurde an einem Freitag erbaut. Um dieses merkwürdige Schauspiel zu ge- nießen, waren schon beim Morgengrauen Tausende von Menschen um den abgesteckten Platz versammelt. Bis Freitag Morgen wnrd niemandem gestattet, in dem Umkreis der geplanten Stadt sich anzusiedeln. Snyder war nur ein Name und ein Flecken ohm Häuser, ohne Eisenbahn und ohne Einwohner. Aber bald nach Sonnenaufgang war der Raum mit 10 000 Menschen angefüllt, und mit rasender Eile begann die Aufführung der Häuser. Eine Eisenbahnstation war schnell errichtet worden; bald fubren Züge hin und her; zwei Hotels, drei Banken und eine Anzahl Läden ent- standen. Nicht weniger wunderbar war die Schöpfung der Stadt Lawton. bb Minuten nachdem die Lage der Stadt festgesetzt war, waren schon 5000 Bauplätze in Angriff genommen und zwei Stunden später war die Bevölkerung auf 8000 Menschen angewachsen. Musik. Ein„zugkräftigeres" Unternehmen als der neue Mozart- Saal ist uns noch nicht vorgekommen. Am vorigen Sonnabend wurde die musikalische Welt Berlins in den Eröffnungsabend eines Saales gelockt, an dessen Wänden die Feuchtigkeit nur so ihre teuf- lischen Figuren gezeichnet hatte, und durch deffen viele Türen ein eisiger Zug deu Herren und Tennen an iore mehr oder weniger gesellschaftlich überzogenen Leiber fuhr. Aber es galt, mit dem neuen Unternehmen so rasch wie möglich Geschäfte zu machen. Daß ein solches Unternebmen hauptsäcblich eines künstlerischen Architekten bedurfte, dies scheint dem Publikum absichtlich ver schwiegen zu werden. In Kunstkrcisen herrscht gerechte Entrüstung darüber, daß die Leitung des eben eröffneten Musentempels am Nollendorfplatz zwar ihre verschiedenen Raffinements laut ver-: künden ließ, dabei aber den Architekten fast ganz überging. Matz kennt diese Weise, zumal in Deut,chland, daS seine Kunstler nicht Mckt�kistKgnVt? IvtS Adnmz hat oder hasten ivird. und mit V�xve so wie Frankreich durch ein die Namensnennung forderndes Gesetz erlerne atif diese Weise gewonnenen Anschauungen bor. schützt. Darum �........"'' m'~......"' schreinM seines so wie Frankreich durch ein die Namensnennung -rv«-»™ darf wohl auch dem Referenten diese Ueber- �... musikalischen Gebietes zugute gehalten werden: in den» PtotSfke gegen eine derartige Behandlung von Künstlern müh die Ocffentlichkeit einig sein. Im übrigen bekümmert uns die Architektur des in jenem Tempel enthaltenen neuen Konzertsaales nur als Dienerin der Musik. Der Raum scheint akustisch sehr gelungen zu sein, und die vier nicht allzu tiefen Nischen, welche die Rechteckseitcn wohl- gefällig unterbrechen, scheinen nicht auch den Schall zu unter- brechen. Abgesehen davon haben die Wände jene mätzige Glätte, die für Akustik am zweckmätzigsten sein dürfte. Die Beleuchtung geschieht ganz oben durch Bogenlicht, weiter unten durch Glühlicht, so datz hier die Augen geschont und doch stärkere Lichtfluten frei- gelassen werden. Davon und etwa noch von den Metallkörpern abgesehen, ist aber der Saal auch im übertragenen Sinne des Wortes so kühl, wie er es im unübertragencn Sinn ist; die all- bekannten Ornamentformen eines modernisierten Empire lang- weilen auch hier.------- Irgend ein Versuch, den modernen Vorschlägen für unsicht- bares Orchester und dergleichen entgegenzukommen, wurde natür- lich nicht gemacht. Doch selbst wenn eine derartige Neuerung ein- geführt worden wäre: über die geschmacklose Zusammenstellung des überlangen Programmcs würde sie uns doch nicht hinweg- getäuscht haben. Es kamen, nach 20 Minuten Verspätung des An- fanges, vier Stücke von Mozart und drei von Beethoven; darunter im ganzen zwei Ouvertüren von jener dramatischen Bedeutung, um derentwillen derartige Werke dem Konzertsaal fernbleiben sollten. Eine Spieluhr-Phantasie Mozarts wurde unnötigerweise als Orchesterstück vorgeführt. Eine von jenen wundervollen„Sere- naden"(Abendmusiken), die unseren Komponisten gleichsam immer wieder neu entdecken lassen, enthielt besonders in ihrer Romanze und in ihrem Trio Tonschätze, wie man sie kaum schöner denken kann. Wie kommt aber all dieses Liebliche und sein Künstlerische des bereits 1791 gestorbenen Komponisten in einen Saal hinein, der eigens nach ihm benannt ist und doch gerade seines Geistes Hauch am wenigsten verspüren lätzt?! Datz der sonore Sopran von Edyth Walker und die Violin- kunft von Henri Martcau den Glanz des Abends erhöhten, bedarf nicht erst kritischer Detaillierung. Dem Dirigenten Paul P r i l l sei unser Glückwunsch dargebracht zu seiner selbständigen Art! Er gibt wie nicht bald ein anderer Dirigent dem Werke scharfe, charakteristische Linien. Wo dagegen diese Kunst weniger am Platz ist, dort macht sich doch wieder ein Mangel an ab- wechselnder Gestaltung fühlbar. Dies z. B. in dem Andante von Beethovens fünfter Symphonie, deren Zeitmatze mit Recht etwas langsam genommen wurden. Hoffentlich macht der„Prunk ohne Pracht" des Saales nicht Schule. 5r. Kunst. o. s. Spanische K ü n st l e r der Vergangenheit und Gegenwart bringt der Künstsalon von Schulte zur Aus- stelluiig. Die spanis-he Kunst blühte plötzlich auf. Sie fügt sich den Niederlanden, Italien und Deutschland erst spät an. Denn aber stellt sie bald in Valcsquez einen Künstler hin, der neben den besten Namen der Kunstgeschichte besteht. Unter den spanischen Malern der Vergangenheit fesselt am meisten Goya, dieses seltsame Talent vom Ausgange des acht- zehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, der eine neue Zeit ahnen lätzt. Am feinsten präsentiert er sich hier in dem Bildnis einer ruhenden Dainc, ein Bild, dessen vornehme, schwarze Farben. mit den wenigen helleren Nuancen, eine» sehr gewählten Eindruck mache» und sich sofort einprägen. Dann mutz man seine Männer- Porträts beachten, in denen er kräftigsteit Ausdruck mit feinster Malerei verbindet. Eigenartig sind seine kleinen, beinahe phantastischen Bildchen, in denen er so unbefangen, datz man an Berechnung glaubt. Szenen, die er zufällig vielleicht beobachtet, momentan fest- hält, Szenen aus den Kämpfen der Geistlichkeit mit der anbrechenden Aufklärung, hinterlistige Ueberfälle, Bergungen Gehenkter. Als moderner Vertreter ist C a st e l n ch o in den Vordergrund gestellt. Er ist ein. Vielkönner, dessen Talent antzcr Frage steht. Ob er aber ein Eigener ist, einer, der neue Regeln aufstellt, neue Anschauungen prägt, das steht dahin. Mit einer fabelhaften Geschick- lichkeit verschmilzt er nationale Eigentümlichkeiten— die Vorliebe für das Effektvolle, das Lebhafte in Farbe und Geste— mit internationaler Kunstübnng. Er eignet sich alles an. was heutzutage als moderne Manier von Paris kommt, aber er bleibt in jedem Zoll Spanier. In diesen Bildern ist er oft grell. Mit Vorliebe stellt er Tänzerinnen in bunten Kostümen— zitronengelb— vor dunklen Hintergrund. Seine gewandte Pinselführung entschädigt für das Schablonenhafte der Mache. Dann sieht man Porträts, in denen er ganz glatt und kalkig wird; Bilder, bei denen man über die Ge- schmacklosigkeit erstaunt. Sieht man dann aber wieder die in breiter Manier locker geinalten Kinderbilder, die aufs feinste zu matten Farben abgestimmten Arbeiten— ein tiefes Schwarz mit einem sanften Violett und zartem Grün— so mutz man den Geschinack anerkennen. Kurz, Castelucho ist ein virtuoser Könner, der sich ge- �Nutzer diesen Spaniern lenkt noch der Klub B erliste r Landschafter die Aufmerksamkeit auf sich. Liedtke, Hartig, Klötz, Sandrock, Wendel. Es gelingt ihnen, die wechselnden, ebenso zarten wie ausdrucksvollen Farbenstiinmungen der Mark fest- zuhalten. Namentlich Wendel beweist ein feinfühliges Auge in manchen feinen NaMransschnitten, über deren Farben ein dunstiggrauer Schimmer liegt. Kräftiger ist Hartig, der zeichnerisch manch' gute Beobachtung festhält, den„Jahrmarkt", den „Zirkus im Dorf". Liedtke liebt die grotzen, düsteren Stimmungen über weiter Landschaft, am Abend und bei Nacht. Sandrock führt uns nach Hamburg, er weih Hafenbilder fein abzustimmen, den weitzlichen Himmel, das dunkelgraue Wasser, die schwärzliche Silhouette der Stadt. Es ist viel Leben in seinen Arbeiten. Klotz gibt in einer ganzen Reihe kleiner Aquarelle Motive aus der Mark, mit guter Beobachtung und dem Hinstreben zu einer Eigenart in der Farbe. Von dein verstorbenen Maler HauSmann, der in der Jahrhundertausstellung Aufsehen erregte, sind viele Bilder aus dem Nachlatz zu sehen. Am besten sind die Slrandbilder, in denen der Künstler den gelben Sand so geschickt als Hintergrund benutzt, von dein sich das bunte Volk der Schiffer, hingelagert, malerisch abhebt. Noch höher stehen die Arbeiten, in denen HauSmann bcwutzt auf eine konzentrierte Farbigkeit hinarbeitet, Geistliche in rotem Ornat reihenweise zusammensitzend oder auf dunkelgrünen: Teppich im grotzen Raum klein zusammenkauernd, oder Galeerensträflinge in roter Kleidung. Die Farben sind aber immer so ab» gestimmt, datz die Anhäufung icicht verletzt, vielmehr die Schön- heit unlerstüyt. Er kommt auf diese Weise schon zu ganz modernen Farbenstimnlungen. Zum Schlutz kommen wir wieder zu den Spaniern zurück. Von Mezquita, einem jungen spanischen Maler sind noch grotze Figuren- bildcr ausgestellt. Mezquita ist nicht so vielseitig wie Castelucho. Er hat mehr Sammlung. Konzentration. Er stellt Typen aus dem Volke zu grotzen Gruppenbildern zusammen, er hat dabei in der Wiedergabe eine ungemein sichere, kräftige Hand. Die Charakteristik ist äutzerst scharf; ein dunkler, maleriicher Gesamtton herrscht in seinen Bildern.- Humoristisches. — Zur Fleischnot.„Wir wollten uni erlauben. Eurer Majestät eine untertänige Bitte demütigst vorzutragen: Da die Preise der notwendigsten Lebensmittel bis zu unerschwinglicher Höhe emporgestiegen sind, wird die Lebenshaltung immer teurer, so datz tmr..." «Schon gut! Ihr wollt mich bitten, meine Zivilliste zu er- höhen? Soll geschehen. Adieu!"— Klage. Schwierig ist der Sitz auf hohen Thronen Weil, wenn privatissime man flucht, Ein Lakai die Emanationen Oder ein Minister tagebucht. So ergreifen manche Dissonanzen Plötzlich einen weiten Leserkreis, Welcher die gegebenen Distanzen Leider häufig nicht zu wahren weiß. Wäre ich ein Fürst von Gottes Segen, Dann so engagiert' ich sorgenschwer Mein gesamtes Personal nur gegen Einen diesbezüglichen Revers. (Ratatöskr im„SiniplicissiinuS"). Notizen. — Die Neue freie Volksbühne veranstaltet am Sonn- abend im Rathanssaale einen Balladenabend unter Mit- Wirkung von Maria Holgers, G. Manz und des Konzertsängers A. va» Elveyk.— Neuaufnahmen sind im laufenden Spicljahre nicht mehr möglich.— — Polizciverbot. DaS Breslau er Polizeipräsidium verbot die Aufführung des Theaterstücks„Die Teufelskirche" von Adolf Paul an den vercingtcn Brcslauer Theatern. Gründe unbekannt.— — Gorkis Pläne. Maxim Gorki ist von dem ungastlichen Amerika zurückgekehrt. Er landete in Neapel, herzlichst von sozialistischen und gewerkschaftlichen Delegationen begrützt. Das neapolitanische Proletariat veranstaltete eine grotze Ehrung für ihn und die russische Revolution. Gorki beabsichtigt sich in dem lieblichen Sorrent längere Zeit aufzuhalten und dort drei Bände über Anierika und einen Roman zu vollenden, in dem er die wahren Ursachen der Leiden des russischeit Volkes klarlegen will.— Vcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LiCo..Berlin