Anterhaltungsblatt des Dorivärts Nr. 214 Sonnabend� den 3. November. 1906 (Nachdruck verboten.) 25] Der Sumpf Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Ucbersetzung. 14. Da ein Glied der Familie als Zurichterin, ein anderes bei der Wurstmaschine arbeitete, so bekamen sie die beste Kenntnis der meisten Schwindeleien in Packingtown. Denn — wenn das Fleisch so verdorben war, daß es durchaus zu etivas anderem nicht mehr benutzt werden konnte, so wurde es in die Wurst gehackt. Mit dem, was Jonas ihnen erzählt, kannten sie jetzt die ganze Industrie des verdorbenen Fleisches und bekamen eine neue grimmige Meinung über den alten Packingtown-Scherz: daß alles vom Schweine benutzt werde, ausgenommen das Quieken. Jonas hatte ihnen erzählt, daß, wenn das Fleisch, das aus der Pökeltunke kam, angefault war, es mit Soda ab- gerieben ward,»in den Geruch zu vertreiben, und dann für die Freilunchtische verkauft wurde. Auch von Wundern der Chemie hatte er sprechen hören, mit welchen dort jedem Fleisch, frischem oder gesalzenem, jeder Geruch, jede Farbe, jeder Geschmack, wie es nur gewünscht wurde, gegeben werden konnte. In den Pökelräumcn hatten sie einen genialen Apparat, der Zeit sparte und die Leistungsfähigkeit der Fabrik noch vermehrte— eine Maschine, welche aus einer hohlen Nadel bestand, die an einer Puinpe befeüiat ward. Die Nadel wurde in das Fleisch gestoßen, die Pumpe mit dem Fuß in Bewegung gesetzt, und auf diese Weise konnte ein Mann in wenigen Sekunden die Schinken mit Pökeltrinke füllen. Wenn trotz dieser Vorsicht Schinken verdarben und sie so stark rochen, daß es die Männer ans den Räumen trieb, dann wurde in diese Schinken eine längere Nadel gesteckt und eine' stärkere Pökeltunke, welche den Geruch vertrieb, hineingepumpt: die Arbeiter nannten das:„Dreißig Prozent geben!" Früher waren diese Schinken als:„Nummer 3" vcr- kauft, später hatte aber ein genialer Kopf den Einfall, die Knochen, an denen immer die verdorbensten Stellen sitzen, herauszuziehen und in das Loch ein weißglühendes Eisen einzuführen. Seitdem gab es nicht mehr Schinken erster, zweiter und dritter Qualität, sondern nur noch erstklassige. Die Packherrcn führten oftmals derartige geniale Neuerungen ein. Sie nannten in Häute gesteckte Abfälle von Schweinefleisch„knochenlose Schinken", und Kalisornia Schinken hießen die Vorderschinken, von denen fast alles Fleisch abgeschnitten war.„Gehäutete Schinken" waren von den ältesten Schweinen genommen, deren Schwarte so hart war, daß niemand sie kaufen wollte, bis sie gekocht, fein gehackt und„Preßkopf" benannt wurden. Nur wenn die Schinken vollständig verdorben waren, kamen sie in Elzbietas Abteilung. Wenn sie von den Messerflicgern zerschnitten und mit einer halben Tonne anderen Fleisches vermischt waren, machte sich der Gestank, der den Schinken angehaftet hatte, nicht mehr bemerkbar. Keiner bekümmerte sich darum, waS in die Wurst gehackt ward. Von Europa kamen alte zurückgewiesene Würste zurück— schimmlig und weiß— sie wurden, mit Vorax und Glyzerin behandelt, in die Trichter gesteckt und für den Innenhandel zurecht gemacht. Fleisch. daS im Staube und Schmutz auf dem Boden gelegen, auf dem die Männer herumtrampelten und auf den sie Billionen von Schwindsuchtskeimen ausspien, kam in die Wurstmaschine. In einigen Räumen lag Fleisch zu hohen Bergen ausgestapelt: das Wasser floß durch undichte Dächer darauf herab, und Tankende von Natten rannten daraus herum. Man konnte in diesen dunklen Lagerräumen wenig sehen:— wenn ein Mann mit der Hand über die Fleischbcrge strich, konnte er Hände voll Rattenschmutz herunternehmen. Die Ratten waren eine Plage, und die Packherren legten vergiftetes Brot für sie aus. Die Ratten starben, und Ratten, Brot und Fleisch gingen zusammen in die Trichter. Das ist kein Märchen und kein Scherz! Das Fleisch war in Karren ge- schaufelt, und der Mann, welcher es tat, konnte sich un- möglich die Mühe machen, die Ratte aufzuheben, selbst wenn er eine sah.[S-i kamen ja noch ganz andere Dinge in die Würste, mit denen verglichen die vergiftete Ratte ein Lecker- bissen war. Die Männer hatten keinen Platz, wo sie sich die Hände waschen konnten, ehe sie aßen, deshalb wuschen sie sich in dem Wasser, das nachher in das Wurstfleisch geleitet ward. Die letzten Abfälle des geräucherten Fleisches, die Heber- bleibsel von Corned-Becf und die wertlosesten Reste der Reste aus alten, im Keller stehengebliebenen Fässern— alles kam in die Trichter. Bei dem System strenger Sparsamkeit, welches die Pack- Herren energisch innehielten, gab es Arbeiten, die nur selten gemacht wurden, z. B. die Reinigung der Abwaschfässex. Es geschah im Frühling. In den Fässern hatte sich Schmutz und Rost gesammelt, alte Nägel und alteS Wasser— Karren auf Karren wurden dannt beladen, niit frischem Fleisch wurde die Masse in die Maschine getan und als Wurst in die öffent- lichen Freilunchstubcn gesandt. Aus gewissen Teilen niachte man geräucherte Würstchen, doch da zum Räuchern Zeit und Feuerung nötig ist und die Prozedur deshalb als ver- schwenderisch angesehen wird, riefen die Packherren lieber ihre Chemiker herbei und diese präparierten die Würstchen mit Borar, färbten sie mit Gelatine. Alle Würste kamen aus demselben Kessel, nur bekamen einige von ihnen den Stempel „extra fein" und kosteten zwei Cent das Pfund mehr. So sah die neue Umgebung aus, in die Elzbieta gc- kommen war, und so gestaltete sich die Arbeit, zu der sie ge- zwnngen war. Es war eine stumpfsinnige, menschen- unwürdige Arbeit, die ihr keine Zeit zum Denken, keine Kraft für irgend etwas anderes ließ. Sie war ein Teil der Maschine, die sie besorgte, und jede Fähigkeit, die die Maschine nicht verlangte, war aus ihrem Leben gestrichen. Nur einen Segen gab ihr die widerwärtige Arbeit— die Gefühllosigkeit. Langsam sank sie in Erstarrung— in ibr ward es still. Sie traf Jurgis und Qua am Abend, und die drei wanderten zusammen heim, oft ohne ei» einziges Wort miteinander zu wechseln. Auch Ona sprach nicht mehr viel, Qua. die sonst wie ein Vogel gesungen. Sie war krank und elend und hatte zuweilen kaum die Kraft, sich heimzuschleppen. Dann aßen sie, was sie gerade hatten, und nachher krochen sie, weil sie doch nur ihr Unglück zu besprechen hatten, in ihre Betten. Sic fielen in schweren Schlummer und rührten sich nicht, bis es Zeit zum Aufstehen war. So stumpf waren sie, daß sie nicht einmal unterm Hunger litten. Nur die Kinder weinten noch, wenn das Essen zu knapp war. llnd doch war Onae- Seele nicht tot, aller Seelen waren nicht tot— sie schliefen nur. Zuweilen erwachten sie und das war grausam. Tie Pforten der Erinnerung taten sich auf, alte Freuden streckten die Arme nach ihnen aus, alre Hoff- nungen und Träume besuchten sie— dann stöhnten sie unter ihrer Bürde und fühlten die maßlos schwere Last. Sie konnten unter ihr kaum schreien— die Angst, die schlimmer als der Tod war, ergriff sie. �.Es war etwas, für das kein Wort aus- reicht, das von denen nie erwähnt wird, die ihre Niederlage nicht kennen wollen. Sie waren geschlagen: sie hatten das Spiel verloren: sie waren weggefegt. Es war nicht weniger tragisch, weil es sich mir um elenden Lohn handelte, um Rech- nungen und Zinsen. Sie hatten von Freiheit geträumt, von einer Hoffnung, sich zu erheben und zu lernen— anständig und reinlich zu leben— ihr Kind stark und fröhlich aufwachsen zu sehen— und alle? war dahin— der Traum, die Hoff- nung wurde nicht erfüllt! Sie hatten gespielt und verloren! Sechs Jahre harter Arbeit lagen noch vor ihnen, che sie auf- atmen konnten, ehe das Hau.- ihr Eigentum ward. Und sie waren so sicher, daß sie das Leben, welches sie jetzt führten, nicht sechs Jahre noch ertragen konnten! Sie waren verloren, sie sanken immer tiefer und es gab für sie keine Befreiung, keine Hoffnung. Die Hülfe, die die große Stadt ilmcn bot, wäre nicht kleiner geworden, wenn die Stadt sich in einen weiten Qzean, eine Wildnis, eine Wüste, ein Grab verwandelt hätte.— Solche Gedanken kamen zu Qua, wenn sie in der Nacht aufwachte. Sie lag und fürchtete sich vor dem Schlage ihres eigenen Herzens: sie sah in die blutroten Augen des uralten Lebenselendes. Einmal schrie sie und weckte Jurgis auf, und er war müde und ärgerlich. Da lernte sie das stille Weinen. Ihre Herzen fanden sich jetzt so selten zusammen, selbst ihre Hoffnungen ruhten in verschiedenen Gräbern, Als Mann Satte Jurgis seine eigenen Sorgen, ihn der- solgte ein anderes Gespenst. Nie hatte er davon gesprochen oder einem anderen erlaubt, davon zu sprechen. Er gestand es sich selbst nicht einmal zu, daß es da war. Und doch deraubte es ihn seiner ganzen Mannheit, und ach— zwei- oder dreimal drückte es ihn noch tiefer herab.— Zurgis trank 1 Er arbeitete in der rauchenden Hölle, Tag für �.ag, Woche nach Woche, bis kein Glied an seinem Körper war. das bei der Arbeit nicht schmerzte, bis es in seinem Kopfe wie ein Ozean rauschte und die Häuser um ihn tanzten, wenn er heim- ging. Und für alle diese Schrecken gab es eine Erleichterung — das Trinken. Es konnte ihn die Qual vergessen machen — die Last erleichtern. Er sah wieder fein Kaps wurde klar, er wurde Herr seiner Gedanken, seines Willens. Das Trinken stachelte ihn wieder auf, er konnte lachen und mit seinen Gefährten Spaße machen. Er wurde wieder Mann und Herr seines Lebens. Für Jurgis war es zuerst nicht leicht, mehr als zwei- oder dreimal zu trinken; der erste Trunk machte ihn fähig zu essen, er war also notwendig, der zweite reizte noch einmal seinen Appetit. Aber es gab Zeiten, wo er keinen Bissen herunterbrachte, dann stellte der Trunk eine reine Verschwen- dung dar.'Eines Tages aber vertrank er alles, was er bei sich hatte, und ging halb betrunken heini und fühlte sich glück- licher, als er sich seit einem Jahre gefühlt hatte. Und doch wußte er, daß dieses Glück keine Dauer haben konnte. Dann haßte er die, die es ihm raubten, haßte die Welt, ja das Leben! Und die Scham kam über ihn und machte ihn noch elender als zuvor. Später, wenn er an die Verzweiflung seiner Fainilie dachte und ausrechnete, was er verschwendet— da kämm ihm die Tränen in die Augen, und er begann den Kampf mit dem Gespenst von neuem. Es war ein Kampf ohne Ende. Das aber machte JurgiS sich nicht klar— er hatte nicht viel Zeit zum Denken— er kämpfte nur. Von Elend und Verzweiflung gebrochen, brauchte er nur über die Straße zu gehen, um sich von der Holter zu befreien. Eine Kneipe war an der Ecke, an allen vier Ecken war eine, und einige waren noch in der Straße. Jede streckte die Hand nach ihm aus, jede war ein Wesen für sich, hatte ihre eigenen Reize. In ihnen fand er immer vor Sonnen- aufgang bis in die Nacht Wärme und einen Lichtschein und gutes Essen, vielleicht auch Musik, ein freundliches Gesicht und ein fröhliches Wort. Es wurde Jurgis' Bedürfnis, mif dem Heimwege Ona zu umfassen. Er hielt sie dann sehr fest und ging rasch. Es bereitete ihm Kummer, daß cr's tun mußte. Begreifen konnte Ona ja nicht, was diese Zärtlichkeit bedeutete, weil sie niemals zu trinken pflegte. In verzweifelten Stunden wünschte er förmlich, daß st'e auch trinken möchte, nur damit er sich nicht bor ihr zu schämen brauchte. Tann hätten sie znsammm trinken können, um dem Schrecken zu entfliehen— für eine Weile wenigstens— was nachher auch daraus entstehen mochte. So kam eine Zeit, in der Jurgis' Leben nur einen Kampf mit seinem Verlangen nach dem Trinken darstellte. Er hatte Stunden, wo er Olm und die ganze-Familie haßte, weil sie ihm im Wege standen. Er war ein Narr gewesen zu heiraten, sich zum Sklaven zu machen. Nur weil er geheiratet hatte, war er gezwungen, in den Höfen zu bleiben. Wenn er es nickst getan, konnte er fortgehen wie Jonas und die Pack- Herren zum Teufel gehen lassen. In der Düngerfabrik arbeiteten nur wenige ledige Ar- Leiter, und diese wenigen nur in der Hoffnung, bald flüchten zu können. Inzwischen beherrschten sie nur zwei Gedanken bei ihrer Arbeit— die Erinnerung an ihren letzten Rausch und die Hoffrnmg auf den nächsten. Jurgis, der i'eden erworbenen Pfennig heimbringen mußte, konnte mittags nicht mit den anderen gehen— ihm ward zugemutet, im Düngerstaub sein Brot zu essen. lFortsetzung folgt.) tRachdruck verboten.) Der Golfstrom. .Die große Aequatorzone, das Gebiet der Wendekreise, hat ein berühmter Ozeanograph, der Kapitän Maurh. einmal daS Herz des Ozeans genannt. Von hier gehen die großen Strömungen aus, die großen Kanäle, die das an Salzen und organischen Stoffen reiche tvarme Dassen das Arterienblut, nach den Endpunkten führen) hierher gehen die Gegenströmungen des kalten und an lösbaren Substanzen armen Wassers, die wie das Venenblut der Tiere sich im Herzen konzentrieren, sich erwärmen, umwandeln, um zu ihrem Ausgangspunkte zurückzukehren und auf ihrem Wege Wärme und Leben zu verbreiten. Ter Ozean würde ohne seine Strömungen bald sterben und seine Oberfläche sich mit toten Fischen und mit abgestorbenen Formen des niedrigen Tierlebens bedecken. Ter breiteste und längste, der wichtigste und schönste aller bor- handcnen fließenden Wasserlörper aber ist der Golfstrom. Um seine Entstehung und feinen Lauf zu begreifen, muß man die vom Aequatar ausgehenden Strömungen, die als nördliche und südliche Acquaivrialströmung oder Südpassattrift bczw. Nordpassattrift bc- kannt sind, auf der Karte verfolgen. Beide— der nördliche und südliche Aequatorialstrom— vereinigen sich auf der Höhe von Guyana, und senden, vom Winde getrieben, einen großen Teil ihrer Gewch'er zwischen den Antillen in die Karibenfee, aus der ein starker, aber nnstäter Strom durch die Hukatanstraße nordwärts zieht. Tie frühere Ansicht, daß der Golf von Mexiko von einer großen westöstlich ziehenden Strömung umkreist werde, ist nach neueren Untersuchungen nicht haltbar. Doch ist der Zusammenbang, den der Aukatanstrom, der in den Golf tretend bald sehr schwach wird, mit dem aus ihm austretenden Floridastrom besitzt, noch nicht aufgeklärt. Jedenfalls entsteht letzterer, der erst von Franklin mit dem Namen Golfstrom belegt ward, als schwacher(36 Seemeilen), nicht als besonders warmer Strom im Westen der Straße und wird alsbald durch das am Westrand der Babamabank hindurchströmende Ozeanwasser verstärkt. Dennoch würde das durch die Engen von Bimini aus- tretende Waffer nicht entfernt ansreichen, eine so breite, wenn auch allmählich sich verflachende Schicht vorwärts zu wälzen, wie sie sich etwa iim Kap Hatteras zeigt<666 Kilometer), würde sie nicht von der Seite durch die als Ä n t i l l e n st r o m umbiegende Nordpassattrift verstärkt, die an der äußeren Seite der Bahamainseln entlang zieht. Ter Paffatwind selbst treibt ihm diese Waffer- mapen zu. Ter blaue und warme Floridastrom käust nunmehr mit 70— 80 Seemeilen Geschwindigkeit ziemlich hart am Abfall der Kontinentalbcmk Amerikas nordwärts, im scharfen Gegensatz zu den grünlich trüben kalten Gewässern, die auf dieser südwärts zicbcu. Die innere Flanke des Floridastromes ist verschwommen. Mehr und mehr biegt er nach rechts um und zeigt neben geringer Mächtigkeit und Stromstärke eine Auflösung in Bänder, die durch Streifen etwas weniger warmen Wassers getrennt sind. Die Außenseite wird noch immer vom.kalten Wall' begleitet. Dieser Floridastrom dringt östlich nicht über den 45. Grad.W hinaus. Erst die Temperaturbeobachtungcn der KOer Jahre haben dargetan, daß er in einer Westtrift seine Fortsetzung findet. Man hat für diese den Namen Golfstromtrift bei- behalten, wiewohl wir jetzt wissen, daß zum geringsten Teile Wasser des Golfes von Mexiko in ihm enthalten ist. Wesentlich von den vorherrschenden Westwinden nordostwärts getrieben, breitet er sich fächerförmig aus und beherrscht den nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans mit seinen Verzweigungen. Die südlichste biegt im Norden des Ozeans nach OSO und LO und vereinigt sich schließlich mit der großen Ersatzströmung, die als Kanarienstrom der Nord- ostpassattrift zueilt. Damit ist der große nordatlantisch« Strom- kreis geschlossen; in seinem Innern wird der von den Felsküsten losgerissene Beercntang zum sog. Sargagomcer zusammengetrieben. Der nordöstliche Zweig der Golfstromtrist sendet schwache Aeste an die Küste Spaniens und in den Golf von Biskaya, der Haupt- arm zieht, von den Südwejtwinden befördert, an den britischen Inseln vorüber bis an die' Küsten Norwegens. Stetig mit dem Vorrücken in höhere Breiten sich abkühlend, bewahrt er doch jene Jlüsten vor der Eisbedeckung im Winter. Nachdem Nansen in dem Eismeer nördlich von Sibirien in der Tiefe von 200—800 Meter noch zirka-st O.S Grad Celsius warme Wasserschichten getroffen, die einen scharfen Gegensatz zu dem— 1 Grad bis— 2 Grad kalten Polarwasser bilden, ist anzunehmen, daß sich der Einfluß der Golfstromtrift bis weit ins Eismeer erstreckt. Im europäischen Nordmccr vollzieht sich ein Kreislaus, der dem der dort herrschenden Winde entspricht. Weitere Zweige der Golsstromtrift erreichen Js- lmrds Südküste und scheinen, durch die Dänemarkstraße dringend, die Insel zu umkreisen. Die mächtige Ausbiegung der Treibeis- grenze zwischen Island und Neufundland nach Nordwest wird gleichfalls durch die wärmeren Gewässer des Ozeans bedingt. Der Golfstrom ist also eine Art Dampfröhre, die die Wärme aus dem äquatorialen Ofen der Erde nach denjenigen Punkten führt, wo die Sonne nicht hinreichend tätig ist. Die Summe der auf diese Weise übertragenen Wärme wird leicht nahezu auf 80 Trillionen Tonnen zu schätzen sein. Die Zeugnisse der Geo- logie zeigen diesen Strom allerdings in einem wankelmütigen Lichte. Er ist in seiner Hingebung an das nördliche Europa und England nicht beständig gewesen. Als er andere Götzen aufsuchte, nahmen die südwärts fließenden kalten Strömungen den größten Teil des Atlantischen Ozeans ein und kühlten die nun feuchten westlichen Winde ab. Damals schweiften im nördlichen Frankreich der Polarfuchs, das Renntier und der Fjällfras umher. Nach diesem trat eine große Veränderung ein, und der Strom kehrte mit einer größeren Wärme, als wir sie heuzutage haben, wieder, so daß der Feigenbaum und der Kirschlorbeer auf der Stelle des heutigen Paris gediehen. Dann kam eine Zeit, wo Löwen, Tiger und Ele- fanten im Themsetal hausten und London von den Bewohnern der Dschungeln gegründet wurde. Einige Geleljrte haben, wie denn überhaupt über den Golfstrom viel ungereimtes Zeug ge- schrieben ist, die törichte Befürchtung geäußert, ein isthmischer Kanal könnte diesen mächtigen Strom in den Stillen Ozean leiten; aber sie vergessen, daß die Dimensionen eines solchen Kanals durch- schnittlich bv Meilen breit und 1000 Fuß tief sein müßten, um den Strom abzulenken. Aus dem Umstände, daß die warmen Gewässer des Golfstromes viele Hunderte und vielleicht Tam'eude von Quadratmeilen weit über das Bett des Ozeans dahinfließen, ergibt sich mit einiger Not- wendigkeit, daß sowohl das Bett des Golffiromes wie dieser selbst eine deutlich geschiedene eigene Fauna und Flora haben, die vielleicht die wunderbarste auf irgend einem Flächenraume des Erdballs ist Die Scharr- und Schleppnetze der Fischfangs-Kon, Mission der Vereinigten Staaten haben auf diesem Flächenraum buch- stäblich Tausende von neuen Arten von Fischen und niederen Meerestieren zutage gebracht Die Arren von Meeresgefchöpsen und von Formen des niedrigsten Tierlebens, die man hier endeckl, erscheinen geradezu unerschöpflich. Jedes Jahr wird ein neuer Abschnitt des Dlecresgrundes untersucht und eine Reihe von tierischen Lebewesen ans Licht gebracht. Die warmen Gewässer des Golfstromes bringen einen fortdauernden Vorrat von Nahrung und Boden aus dem Mexikanischen Meerbusen und aus dem fernen Innern der westlichen und nordwestlichen Teile der Ver- einigten Staaten mit und machen diesen Teil des Ozeans zu einein reichen Felde für den allgemeinen Lebensunterhalt Man hat hier die Brüteplätze und Verstecke von großen Massen neuer oder längst bekannter eßbarer Fische entdeckt. Ein einziger Acre des vom Golfstrom berührten Meeresgrundes wiegt 100 Acres deS reichsten Prärietandes auf. Der Boden, der dem Westen durch die Verheerung des Missisfippi verloren gehl, gibt demselben Westen den Gegenwert mit reichen Zinsen zurück, indem er die Fisch« weit draußen im Atlantischen Ozean ernähren hilft Von geradezu wunderbarer Schönheit ist dieser Fluß im Ozean. dieser ungeheuere Wasser'chwall, der Tausende von Meilen lang von der tropischen Sonne erwärmt wird und dann Wärme, Gesundheit und Farbe mit seine» Wellen hinasuträgt Ja, dieie seine Farbe ist der Ruhm des Golsstromes. Von ihm schreibt Robert Blatchford, der Herausgeber der bekannten englischen sozialistischen Wochen- schrift„CHarion":»Wer nicht das Glück gehabt hat, diese Farbe zu sehen, diese lebendige, erstaunliche und erschauernde Farbe, nie kann der wissen, was das Wort„blau" wirklich bedeutet. Es gibt kein Blau, das dem Blau des Golfstromes gleichkommt Nichts läßt sich mit ihm vergleichen. Es reicht von jenem reichen, lebhaften, lebendigen Blau. daS schlvarj ist, bis zu jenem glänzenden, un- beschreiblichen, blendenden,'unfaßbaren Azur. Es ist ein Lbcrperfektes Mtramarin, ein himmlisches Mtramarin in all den Tinren und Schatten der Himmelsfarbe; und alle diese Tinten und Schatten leben: leuchtend, flammend, intensiv, glühend, flimmernd, sprühend, blitzend, sich gegenseitig überbietend, unerhört blau, blau, blau. So rollt das azurne Wunder Tausende von Meilen in seiner majestätischen Großartigkeit dahin. Seine Farbe ist so reich, so mächtig, so süß, daß wir sie nicht nur sehen, wir scheine» sie zu schmecken, zu fühten. Ihre Schöicheit ist so intensiv, daß sie uns ans Herz zu greifen scheint, daß sie uns Tränen in die Augen ruft und die Schleier unserer Seele beben macht. Sie füllt uns mit seltsamen, dumpfen Ahnungen. Unter dem tiefblauen tropischen Himmel, im verschwenderischen Strahlenglanz der tropischen Sonne mit Mrllionen Funlen, die wie Brillanten sunleln, in Wirbeln von Blau, in pur« purnen und violetten Schatten und Reflexen wie von blauen Feuern drängt dieses Bacchanal von Farben und Märchen, von Formen voller Majestät vorwärts und bringt Gesundheit und Freude und Schönheit den Menschenlinderm In seinen mächtigen Wogen ist jede Rüance deS erhabensten Blau: das Blau des Pfauenhalses, das Blau des Schmetterlingsflügels, das Blau des tropischen Himmels, das Blau der Türkisen und K-aphire, das Blau deS sommerlichen Mitternachtshimmels, das Blau des königlichen Velvet, das Blau der Hyazinthen, des Prisma und des Ncgenbogcns und der Flamme, daS Blau der Märchen und der Träume." w. Kleines feuületoii* — Apethekc, Bodcga, Budike.— Von den drei hier genanuten Oertlichkciten ist die letztgenannte, die Budike, dem Aroeiter am bekanntesten und vertrautesten, denn der Besuch der ersten kommt doch nur verhältnismäßig selten und nur in Krankheitsfällen vor, während die Bodega aus begreiflichen Gründen von dem Arbeiter gemieden werden mutz. Deshalb hat man ja auch versucht, hier und dort so- genannte BolkSbodegen aufzumachen, wo dem Arbeiter für seinen Nickel die schweren spanischen Weine in entsprechender Verdünnung verabreicht werden sollen. Die meisten Arbeiter werden aber wohl bei ihrer.Sorte" bleiben. Und sickicr- lich werden fie ebenso gut dabei fahren. obgleich auch die„Sorte" und die kühle Blonde manchmal herzlich dünn aus- fallen. Wenn der Arbeiter in diesem Falle die Budike mit dem Namen Planschapotheke belegt, so denkt er sicherlich nicht daran, daß das Wort Apotheke ganz dasselbe Wort ist wie Budike. Zum Be- weise dieses Tatbestandes schlage ich dem Leser vor, von dem Wort Apotheke das A zu Ansang wegzulassen und er wird finden, daß das übriggebliebene Potheke sich fast ganz so anhört wie Budike ode: mindestens wie Bodega. Das Wort Budike stammt aus dem Frau« zöfischen, wo doutigus Laden bedeutet, und das Spanische hat dafür die Form boäsAa. was hier freilich ein Keller und im weiteren Sinne ein Weinkeller ist. Dem griechischen Wort Apotheke liegt das Tätig- keitsworl axotitbsnai zugrunde, das beiseite— legen(zu späterem Gebrauch), aufbewahren heißt. Apotheke ist also der Ort, wo etwas aufbewahrt wird, die Niederlage. Der Mund der Südeuropäer hat das A allmäblich fallen lauen und in der so verkürzten Form ist eS vom Französischen ins Deutsche übergegangen. w. Wir viele Krüppel gibt eS in Teutschland? Krüppelzählungen liegen bis jetzt nur für einig« Teile Deutschlands vor, so für Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Rheinland, Sachsen und Mittel- franken. Unter Zugrundelegung der Zahlen dieser Provinzn schätzt Dr. Deutschländer in Hamburg die Zahl, sämtlicher Krüppel in Deutschland aus 320 000, von denen 250 000 Erwachsene und 70 000 Kinder find. Im Durchschnitt betrögt die Zahl der Krüppel 5 bis 0 Proz. der Bevölkerung, Von den Erwackfenen sind etwa 05 Proz. geistig gesund, der Rest ist mit geistigen Defekten behaftet. ZG bis 40 000 von den erwachsenen Krüppeln entbehrten des Schutunter» ricktes. Etwa 80 000 sind nicht imstande, sich selbst zu erhalten» sondern leben von Unterstützungen anderer, teils der Angehörigen, teils der öffentlichen Armenpflege. Von den 70 000 Krüppelkindern müssen 7000 wegen ihres körperlichen Gebrechens ohne jeden Unter- richt bleiben. Durch entsprechende Iürsorgeeinrichtungen würde ein nicht unbeträchtlicher Teil der Krüppel erwerbsfähig gemacht und damit die Armenpflege entlastet werden. Die Zahl der Krüppel, für welche entsprechende Einrichtungen fehlen, wird auf 50 000 ge- schätzt. Zurzeit bestehen in Deutschland nur 30 Krüppelheime mit 1500 Betten. Theater. Neues Theater. Svonischer SchanspielzhUus. Der Großvater. Schauspiel in 5 Akten von Pörez-GatdoS. Ganz so übel wie das angebliche Lustspiel, mit dem der ZykluS begann, war das Drama von Pörez- GaldoS nicht. Beide machen den Eindruck von Ausgrabungen aus einer Zeit, in der die Unschuld und Empfänglichkeit des Publikums noch keinerlei Anfechtungen durch eine intnnere naturalistische Wirllickkeitskunst erfahren hatte, daS Dramenichreiben ein bequemes Geschäft äußerlichen ArrangierenS war. Ein paar gekünstelte BormiSsetzungen, mit deren Hülfe sich im Lanfe des Abends etwelche Spanmingen und Ueberraschungen herausholen lassen, ein bißchen Rührung und Senttmentalität, ein Zusatz billiger Rhetorik und Moral,— aus diesen Ingredienzien ist der Trank gebraut. Aber gegenüber dem bluttgen Dilettantismus des Eröffnungsstiickes zeigt Psrez-Galdos„Großvater" im Rahmen jenes Genres immerhin gewisse Geschicklichkeit der Mache, die Witte» rung für theatralische Effekte. Raffiniert ist die Situation für solche Zwecke erklügelt. Ein Großvater, ein verarmter spanischer Grande, kehrt nach Jahren der Wanderung in die Heimat zurück, um zu erkunben. in welcher seiner beiden Enkeltöchter das Blut des allen adeligen Geschlechtes weiterlebt. Am Sterbebette des Sohnes fand er einen Brief, in dem dieser von der geschiedenen Gattin, einer ebenso dollarrcichen wie sittenlosen Ainerilanerin, verlangt, daß sie sein Kind ihm ausliefere, das andere, den Bastard möge sie für sich behalten. Namen sind nicht genannt; es fragt sich also, wird Dolly oder Nell die echte Albrit sein? Em Rebus, der gehörig ausgenützt, Spannung für volle fünf Alte liefern muß. Beide Mädchen stürzen sich, als fie des Großvaters ansichtig werden, mit gteicher Zärtlichkeit auf ihn; vergebens suchen seine altersschwachen Augen in den hübschen Ge- sichlcrn nach einem Kelmzeichen der Abstammung: beide werden ihm vom Arzt und Pfarrer als gleich erlesene Geschöpfe geschildert, und beide zeigen sich bei einem kleinen Zank als Back- fische ganz vulgären Schlages. In dieser Szene, der besten de-? Stückes, nimmt das Melodrama ganz unvermutet eine Wendung zur Komödie; wie der Alte, der närrische Don Ouixote der Legiiimilät, bei dem aufgeregten Geschnatter verdutzt von der einen zur anderen schaut, in der Erwartung, das adlige Geblüt der echten Albrit müsse sich durch irgend eine königliche Geste verraten, das weckt auf Augenblicke die Stimmung feiner Ironie, stellt sich aber im Fortgang als bloßer stilwidrig eingeflickter Theatercoup heraus. Das triviale Kulissenpathos setzt dann mit verdoppelten Kräften wieder ein. Die abscheuliche Amerikanerin droht, den bettelarmen Alten, der seine Pomp» haften herablassenden Grand- Seigneur- Manieren beibehalten, als irrsinnig ins Kloster sperren zu lasten. Eines der Gänschen entpuppt sich als getreue Cordelia— doch nicht das echt geborene, sondern das Bastardkiud, worauf der Großvater, von einem Haus« lehrer-Philosophen im voraus schon bearbeitet, erkennen muß, daß wahre Ehre mit dem Blute nichts zu tun hat! Sehr glücklich hatte S ch i l d k r a u t die Farben in der Haupt- figur gemischt, das Grelle, Schreiende nach Möglichkeit gemildert; die gespannte Angst des Spähens, der jäh auffahronde Herren- Hochmut des machtlosen Greises kamen zu lebendig-anschauttchem Ausdruck. Frl. Mendt war eine niedliche und muntere Dolly. In den Nebenrollen fielen Lettingers schleichender Lakai und Schindlers grundgulniütiger Hauslehrer durch sorg'arne nbau- spielerische Charakteristik auf. Das geladene Publikum klatschte gewaltig Beifall.«. Musik. Für die Verhältnisse unserer Musikpflege ist nicht bald etwas so charakteristisch, wie iier Gegensatz zwischen dem Theater des Westens uno der K o m i sch en Oper. Dort seit längerer Zeit unter wechselnden Direktionen ein schlichtes und redliches, gut künstlerisches Streben, die Spielnper und bessere Operetße zu Pflegen. Hier bemüht sich seit einem Jahr die Direktion, die Gunst der Friedrichstraste und ihrer Umgebung durch jene sezessionistischen Künste zu gewinnen, deren Neues hauptsächlich Aeuherlichkeiten sind, und deren Innerliches grostenteils auf das hinauskommt, was „Biedermeier Kn de siecle" genannt worden ist. Dort die ewigen tinanznöte, aus denen jetzt nach traurigem Ende der Direktion . Prasch die neue Direktion A. B e l o w heraushelfen soll. Hier anscheinend auch ein guter äusterer Erfolg. Dort eine neue Be- Währung der alten Regel, das- eine Opernbühne sich ohne Zuschust nicht gut halten kann. Hier eine seltene Ausnahme davon, erklärlich durch die Basis von Sensation, Sensibilität, Sensualität. Dort die Pflicht der Kunstfreunde, die das Publikum zur finanziellen Unter- stützung des Theaters mahnen. Hier die Dringlichkeit, Blendungen Nicht mit künstlerischem Streben verwechseln zu lassen. Im Theater des Westens gab es vor kurzem ein wieder- gewonnenes Werk von Albert Lortzing:„R o l a n d s k n a p p e n"; ein echter Lortzing, und eine im ganzen gut künstlerische Aufführung. In der Komischen Oper gab es am Donnerstag zwei neue Einakter. Dort war dem unglücklichen Theater eine vor- übergehende Blüte beschieden gewesen durch den Einzug des Kom- ponisten Wolf-Ferrari mit zwei zwar nicht tiefgehenden, aber auherordentlich feinen und wahrhaft leichtfüstigen Opern, die in eine wirklich gute Zeit zurückversetzten. Hier dagegen ist jetzt Herr Biedermeier in mannigfacher Gestalt eingezogen. Zuerst erschien er in einer Vertonung der alten Komödie Moliöres, der„lächerlichen Preziosa" diesmal„Zierpuppen" benannt. Die Bearbeitung des Textes ist von Richard Batka, die Musik von einem wohl noch unbekannten Komponisten, Anselm G ö tz l. Dieser steht Mar nicht auf der Höhe jenes Komponisten der„Neugierigen Frauen". Doch seine Einfachheit, die vor alten Weisen nichr zurückscheut, und eine nicht unbeträcht- liche Anmut rufen diese Eriniicrung wach. Dabei hat seine Musik doch auch etwas Bestimmte», Energisches, Einheitliches, von der Gavotte im Stile des 17. Jahrhunderts angefangen bis zu Gemüt- lickikeiten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; und eine Gcfchich- lichkeit in der Beherrschung der Klangfarben gibt eine gute Unter- läge zu den lustigen, ins Operettenhafte greifenden Vorgängen auf der Bühne. Ein zweiter Biedermeier war der„Onkel D a z u m a l", der zweite Einakter des Abends. Er heistt„Komische Oper in einem Akt von Franc-Nohain, deutsche Bearbeitung von Fritz Karmin". Der Ursprung des Stückes dürfte damit noch nicht voll- ständig angedeutet sein; vor einigen Jahren war irgendwo ein fast ganz gleiches Schauspiel zu sehen. Der sehige Text zeigt uns einen alten Junggesellen, der zwei schüchterne zunge Leute als Liebespaar bereinigt. Die Geschichte spielt 183S in einer kleinen Stadt Frank- reichs und rechtfertigt den Titel dadurch, dah jener Alte in den Erinnerungen an seine in den Heeren Napoleons verlebte Jugend schwelgt. Der dritte, penn auch ungewollte, Biedermeier ist, nach unserem nnmastgcblichen Urteil, der Komponist dieses Stückchens: E. Jaques-Dalcrozc. Unter den lebenden schweizerischen Komponisten wird er(geboren 1865) mit an erster Stelle genannt. Vielleicht liegt sein Hauptverdicnst in seiner Tätigkeit am Genfer Konservatorium und in sonstigen praktischen Betätigungen für Musik. Seine Opern und Chorwerke werden weniger genannt, als seine kleineren Sachen, insbesondere Kinderlieder und dergleichen. Vor einigen Jahren wurde von ihm im Theater des Westens ein Liederspiel für Kinder mit kindlichen Kräften zur Aufführung ge- brach!: wir konnten damals weder seiner Musik noch auch seiner eigentümlichen Kunsthhgicne einen besonderen Geschmack abge- Winnen. Das jetzige Werk scheint viel Anklang zu finden; und immerhin mögen Einzelheiten daraus Aufmerksamkeit verdienen. AI» dramatisches Werk im ganzen ist es aber doch zuerst harmlos und dann langtveilig, das Orchester mehr wie ein begleitendes Klnbicr b« handelt. Vielleicht kann man als als vierte Inkarnation Biedermciers bie scheinbar ganz andersartige Veranstaltung betrachten, welche zwischen die beiden Einakter eingeschaltet worden ist. Die an dieser Stelle bereits besprochene Tänzerin Ruth St. Denis bot einige zndische Tänze: der eine eine Art Opfcrbrand-Spiel, der andere das Lcbendigwcrdcn einer Tempelgöttin usw. Abgesehen von den aus- drucksvollcn Bewegungen der Arme und Hände, die wie Schlangen iich winden, herrschten äußerliche BelcuchtungScffekte und Gchärdcn- piele vor. Tüchtige Gesangskünsiler retten die Komische Oper vor dem Variete. Neben Ludwig M antler, der in beiden Stücken trefflich sang und spielte, könnten wir noch mehrere Namen rühmend nennen. Im ersten Stücke gab's freilich auch unnötige Vielgcschäf- tigkeit. Im zweiten Stücke hat Karl Walser wiederum seine AusstattunIskunst bewährt, obgleich dem Biedermeierstil manche Berliner Möbelsezession beigemischt war. Im ersten Stücke vcr- mehrten die Dekorationen die Mischung, die schon die Musik bot, noch durch eine Ausstattung, die um mehrere Stilperioden hinter der Zeit Ludwigs XIV. liegt.— sz. Ethnologisches. Eßbare Erde in Deutsch. Neuguinea. Ueber dieses Thema schreibt W. M e i g e n in der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft. So gering auch die Literatur über diesen Gegenstand ist, so glaubt der Verfasser doch fünf Gruppen annehmen zu sollen, die sich freilich nicht immer scharf trennen lassen, sondern vielfältige llebergänge zeigen. Das Erdeeffen ist vielfach eine Krankheitserscheinung, dw besonders in den Tropen verbreitet er- scheint. Dann dient die gegessene Erde als Heilmittel, ein Gebrauch, welchen bereits die alten griechischen Aerzte erwähnten; Vorzugs- weise kommt es bei unkultivierten Völkern gegen Brechdurchfall in Anwendung, der durch überwiegenden Genust von Fischen entsteht. Hierher will Meigen die Probe aus Neuguinea rechnen. Dann wird die Erde zum Nahrungsmittelersatz, zumal in Zeiten der Not und Teuerung, wie uns Erdeessen im nördlichen Schweden und China bc- gegnet. Das Verzehren der Erde als Genustmittel kann nicht nur bei den sogenannten wilden Völkern Südamerikas und Afrikas, son- dern auch in kultivierten Ländern wie Indien, Java, Persien angc- troffen werden; in Europa grassierte diese Sitte im 17. Jahr- hundert besonders unter den Frauen der spanijckieii Aristokratie. lieber Erdcesien als eine religiöse Handlung, als Bestandteil eines Gottesurteils wird von Timor berichtet. Die aus Neuguinea unter- suchte Probe bestand au» einem fe.ten Ton von ockergelber Farbe, zeigt einen charakteristischen, kampfcrähnlichcn Geruch und einen nicht unangenehmen, würzigen Geschmack. Sie ist sehr fein und knirscht nicht! zwischen den Zahnen. Beim Kochen mit Wasser nimmt dieses den Geschmack an. hinterläßt aber beim Eindampfen nur einen sehr geringen Rückstand. HuuioristischeS — Hauptsache. Baron(der einen Chauffeur engagieren will):„Ist der Mann auch in jeder Weise zuberlässig?"— Fabrikant:„Auf den können Sie sich unbedingt verlassen— den erwischt keinerl" — In Verlegenheit.„Sagen Sie, Herr KommissionSrat, wie sind Sie zu dem schönen Orden gekommen?"—„Oo— bin nicht neugierig I" — Individuelle Auffassung...... Was. Dein Sohn hat sein Geschäft schon 16 Jahre, und noch nicht ein einzig' Mal ha: er Konkurs gemacht?" .... Nein I,.. Er war schon als Kind ein Sonderling." („Fliegende Blätter".) Notizen. — Die Erstaufführung von Herbert EulenbergS Märchen- stück„Ritter Blaubart" ini Zessin g-Theater wurde auf Donnerstag, den 3. November, verlegt. — Die Oper„Salome" von Richard Strauß, die längst in anderen deutschen Städten aufgeführt wurde, soll nunmehr auch im königl. Opern Hause und zwar am 3. Dezember gegeben werden. Da? ist für diese Kunststätte immerhin eine Leistung. — Einen Opern zyklus, der in fünfunddreißig Darbietungen die Entwickelung der Opernkoniposition im 19. Jahrhundert an den Hauptwerken der deutschen, italienischen und französischen Oper zeigen soll, beabsichtigt das- Hamburger Stadttheater zu veranstaltcu. — Das Wiener Raimund-Theater hat im letzten Be- triebsjahre ein erhebliches Defizit erzielt. In der Geueralversamm- lung wurde vorgeschlagen, den Herrn von Berger aus Hainburg als Direktor z>l berufen oder das Tbeater als Volksbühne nach dem Muster des Berliner Schiller-Thcatcrs umzugestalten. — Ein deutsches Militärstück:„Der Unsichere", von Richard Fellinger, soll in dem Tboutrs Antoine in Paris, das bereits Bcyerlcins„Scdan und Jena" aufführte, in Szene gehen. — Eine schwierige Aufführung. Shaws neues Stück:„Zäsar und Kleopatra" konnte im Nelvamsterdam- Theater in New D o r k nur mit knapper Not zur Aufführung ge- bracht werden. Das einzige für die Bühne hergerichtet« Exemplar des Drama? war mitsamt seinem Inhaber, der Selbstmord beging. von der Polizei beschlagnahmt worden. Erst im letzten Momente konnte man eine Abschrift erlangen. — Zu Ehren Peter Hilles wird am 13. November in Dortmund eine Gedächtnisfeier stattfinden. — In München hat sich ein Orchester für alte Musik unter der Leitung B. Stove n Hägens gebildet. — Eine„hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst" Ivird im Jahre 1968 in Darm- sta dt abgehalten werden. O lb rich soll den AusstelluugSpalast er- bauen. — Für wissenschaftliche Flugversuche hat daS Kuratorium der Jubiläumsstiftimg der deutschen Industrie eine Kommission berufen und Bewilligungen von je 25 000 M. für eine Reihe von Jahren in Aussicht genommen. Berantwortl. Redakteur: Hn»S Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinLV>'.