Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 215. Dienstag, den 6. Nodeinber. IW6 26] Der Sumpf. (Nachdruck oadoien.) Roman von Up t o n Sinclair. Autorisierte Ucbersetzung. Nicht immer war Jurjüs in solcher Stimmung, denn er hatte seine Familie lieb. Aber es kam für ihn wieder eine neue Zeit der Heimsuchungen. Der arme kleine AntanaZ z. B. lächelte nicht inehr— sein Körper war übersät mit feurigen roten Pusteln. Alle Kinderkrankheiten hatte er im ersten halben Jahre gehabt: Scharlach, Mmnps und Keuch- husten. Jetzt befielen ihn die Masern. Niemand, auher Kotrina, sorgte für ihn. sie waren zu arm, um einen Arzt zu holen— und Kinder starben ja nicht oft an den Masern. Zuweilen fand Kotrina Zeit, den Knaben in seinen Schmerzen zu trösten,— sonst lag er allein in seinem Bcttchcn. Er wurde gut eingepackt, denn es zog in der Küche, und eine Erkältung konnte ihn töten. Des Nachts wurde er fest- gebunden, dannt er seine Decken nicht fortstieh, während die Familie den dumpfen Schlaf der Erschöpfung schlief. Er schrie stundenlang, fast in Krämpfen— 1 wenn er nicht mehr schreien konnte, wimmerte er weiter. Das Fieber brannte in ihm und seine Augen schmerzten. Am Tage war er ein rotes Häufchen Elend, unheimlich und erbärnilich anzusehen. In Wahrheit aber war es nicht ganz so schlimm, wie es klingt, denn so krank der Kleine sich auch fühlte, war er doch noch der Glücklichste der Familie. Er trug sein Leiden, gerade als wenn er in all seinen Schmerzen zeigen sollte, welch ein Wunder von Kraft er war— daS Kinb der Jugend und des Glückes, seiner Eltern. Er wuchs auf wie eine wilde Rose. Für gewöhnlich kroch er init hungrigein Blick in der Küche umher, sein Teil von dem Fanriliencssen genügte ihm nie, und er bettelte inuner um mehr. Er war erst ein Jahr alt, und schon konnte ihn iriemaud regieren als sein Vater. Aber— er hatte seiner Maliter alle Kraft genommen und denen nichts gelassen, die nach ihm kommen sollten. Ona erwartete wieder ein Kind, und das war furchtbar. Selbst Jurgis konnte in seiner stummen Verzweiflung nicht fassen, daß das Schicksal noch mehr Angst für ihn in Bereitschaft hatte— ihn schauderte bei dein Gedanken, denn Onas Krast war augeiischeiiilich gebrochen. Ona hustete— sie hustete wie der alte Antanas. Sie hustete seit dem Morgen, da die gierige Straßcnbahngcsell- schaft sie in den Regen hinausgestoßen hatte. Jetzt aber wurde es ernst mit ihr, der Husten ließ sie nachts nicht schlafen. Schlimmer aber noch als der Husten waren die furchtbare Nervosität und die Weinkrämpfe. Zuweilen kam sie stöhnend und zitternd heim, warf sich aufs Bett, schluchzte herzbrechend: manchmal war sie ganz außer sich und hysterisch und machte Jurgis vor Angst halb wahnsinnig. Elzbieta suchte ihm begreiflich zu machen, daß dagegen nichts zu machen war, daß es eine Folge von Onas Zustand sei, aber das beruhigte ihn nicht, er quälte Ona mit Fragen, was ihr geschehen wäre. Sie war doch früher nicht so ge- wcseii! Es mußte von dem Leben kommen, das sie führte, von der verfluchten Arbeit, welche sie umbrachte. Sie war ihr nicht gewachsen. Keiner Frau sollte solche Arbeit zugemutet werden. Wenn Frauen sich nicht ohne solche Arbeit ernähren konnten, wäre es besser für sie, sich gleich umzubringen. Keine dürfte heiraten und Kinder bckonuiten— und auch kein Arbeiter sollte heiraten. Wenn er— Jurgis— gewußt hätte, wie Frauen wären, hätte er sich eher ein Auge ausgerissen, als es getan.— So wütete er weiter und wurde selbst hysterisch — was bei dem starken Manne unerträglich anzusehen war. Ona raffte sich auf und flog in seine Arme, flehte ihn an, still zu sein und versprach besser zu werden. Sie weinte an seiner Schulter, und er starrte sie so hülflos an. wie ein ver- wundetes Tier, das die Beute unsichtbarer Feinde geworden ist. llö. Im Sommer nahm dieser angstvolle Zustand bei Ona seinen Anfang. Jedesmal versprach sie mit zitternder Stimme, daß es nicht wieder kommen sollte, aber sie vermochte ihr Versprechen nicht zu halten. Jede neue Krisis erregte Jurgis mehr, machte ihn für Elzbietas Tröstungen unzugänglicher. Ter Argwohn, daß da cttvas vorging, was er nicht wissen sollte, war ihm furchtbar. Ein- oder zweimal sah er bei solchen Anfällen in Onas Augen einen Ausdruck, der dem Blick eines sterbenden Tieres glich. Worte der Angst und Verzweiflung kamen unter dem krampfhaften Weinen von ihren Lippen, Worte, die ihm furchtbar waren. Und doch würde er sich noch mehr geängstigt haben, wenn er selbst nicht so gebrochen und zerschlagen gewesen wäre. So tat er es nur, wenn er es gerade sah und hörte. Sein Leben war das eines stumpfsinnigen überbürdeten Tieres, das sich nur um den Augenblick kümmert. Der Winter kam wieder heran und drohte grausamer denn je. Im Oktober begann die Feiertagshetze. Die Pack- Maschinen drehten sich bis spät in die Nacht, um Vorrat für die Weihnachtsfrühstücke zu schaffen, und Marija, Ona und Elzbieta arbeiteten, als Teile der Maschine, täglich 13 oder 16 Stunden. Sie hatten keine andere Wahl. Die Arbeit >var da und mußte getan werden, wenn sie ihre Stellen be- halten wollten. Sie vergrößerten ihre Einnahmen, und des« halb taumelten sie unter der Last weiter. Um 7 Uhr bc- ganncn sie die Arbeit, aßen ihr Mittagbrot und arbeiteten dann bis 10 oder 11 llhr ohne Pause weiter. Jurgis hätte auf sie gewartet aber sie ließen es nicht zzu. Die Dünger- fabrik machte keine Ueberstundcn, und er hätte nur in den Trinkhallen warten können. Die Frauen taumelten hinaus in die Dunkelheit und trafen sich an der Ecke. Blieb eine von ihnen allein zurück, dann nahm sie wohl den Wagen und mußte sich zusammennehme«, damit sie darin nicht einschlief, Wenn sie heimkamen, waren sie zu müde, um essen oder sich auskleiden zu können. Oft krochen sie gleich mit den Stiefel ins Bett und lagen da wie Klötze. Hielten sie nicht aus, waren sie verloren, hielten sie aus, so hatten sie Kohlen für den Winter. Einen oder zwei Tage vor dem„Feste der Danksagung" (für die große Prosperität im ganzen Lande) kam ein Schnee- stürm. Er fing nachmittags an, und abends lag der Schnee schon 2 Zoll hoch. Jurgis wollte auf die Frauen warten, ging in die Trinkhalle, trank zwei Gläser und stürzte heim, um dem Dämon zu entrinnen. Er warf sich aufs Bett und schlief sofort ein. Er wand sich noch unter einein Alpdruck, als er erwachte und Elzbieta vor seinem Bett fand— sie schüttelte ihn und schrie ihn an. Zuerst verstand er sie nicht — Ona war nicht heimgekommen! Wieviel Uhr? Schon Zeit, aufzustehen? Ona war nicht heimgekommen I Und es war bitter kalt, und der Schnee lag fußhoch! Jurgis sprang auf. Marija schluchzte, die Kinder jammerten, Stanislovas in seiner Angst vor dem Schnee am schlimmsten. Jurgis zog nur Rock und Stiefel an— in einer halben Minute war er schon aus dem Hause. Aber wohin sollte er gehen? Noch war es dunkel, und die Schneeflocken wirbelten. Es war um ihn so still, daß er glaubte, die Flocken fallen zu hören. In wenigen Minuten war er vollgeschneit, Er rannte zu den Höfen und fragte unterwegs in allen offenen Trinkhallen. Ona konnte auf dem Wege nieder- gebrochen sein, oder ihr war vielleicht bei den Maschinen ein Unfall zugestoßen. Als er den Platz erreichte, wo sie arbeitete, fragte er einen Wächter. Nein, soviel der Mann wußte, war kein Unfall vorgekomnien. Im Kassenbureau, welches er schon offen fand, erfuhr er. daß Onas Anweisung ausgegeben war, Ona also die Fabrik verlassen hatte. Danach konnte er nichts weiter tun als warten. Er rannte im Schnee umher, un, nicht zu frieren. Tie Höfe waren schon in Tätigkeit. Die Rinder wurden verladen und die Fleischschlepper trugen 200 Pfund schwere Stücke nach den Gefrierräumen. Bor dem ersten Schein des Tageslichtes kamen die Arbeiter in Scharen; sie schauerten vor Kälte und schwangen ihre Mittagsbüchsen, Jurgis stellte sich an das Fenster des Stationsbureaus, von wo er am besten alles überschauen konnte. Der Schnee fiel so dicht, daß er sich beim Ausschauen anstrengen mußte, um sickier zu sein, daß er Ona auch nicht übersah. Es wurde 7 Uhr, die Stunde, da die große Packmaschine anfing sich zu drehen. Jurgis hätte zu seiner Arbeit gemußt, aber er ging nicht, er wartete voll Angst und Schrecken auf sein Weib. Fünfzehn Minuten nach der Zeit sah er eine Gestalt im Schneencbel auftauchen— er sprang mit einem Schrei auf sie zu. Es war Ona! Als sie ihn sah, trnunelte sie vorwärts und fiel in seine Arme� „Wo bist Tu gewesen?" schrie er außer sich. Mehrere Sekunden vergingen', che sie fähig, war zu antworten. „Ich tonnte nicht heimkommen," stammelte sie,„der Schnee— die Bahn fuhr nicht." „Aber wo warst Tu?" � „Ich ging mit einer Freundin," keuchte sie—„mit Iadvnga." Iurgis atmete tief: dann aber bemerkte er, daß sie schluchzte und weinte, er fürchtete, einer der nervösen Anfälle würde kommen. „Aber warum?" schrie er.„Was war geschehen?" „O Iurgis, ich fürchtete mich so," stammelte sie, sich zitternd an ihn klanunernd.„Ich war so müde." Sie standen neben dem Fenster des Bureaus, und die Bureaugehiilfen starrten sie an. Iurgis führte Ona fort. „Wie meinst Tu das?" fragte er betroffen. „Ich fürchtete mich so!" schluchzte Ona.„Ich wußte, Tri würdest Dich wundern, und ich versuchte auch, heimzu- gehen, aber ich konnte nicht, o Iurgis, Iurgis, ich tonnte nicht!" Er war so glücklich, sie tvicder zu haben, daß er nichts weiter denken konnte. Es erschien ihm nicht seltsam, daß sie so außer sich war. Ihre angstvollen zusammenhanglosen Reden berührten ihn nicht weiter, seit er sie wieder hatte. Er ließ sie weinen; als es aber 8 Uhr schlug und eine weitere Stunde verloren ging, wenn sie zögerten, mußte er sie ver- lassen troh ihres geisterhaft bleichen Gesichtes mit den schreck- erstarrten Augen. Und dann--- lFortsehung folgt.) jNTcuc Bauwerke in Berlin. Won E r n st Schur. Es scheint schwer,, ein Theater zu bauen. Im letzten Jahr sind mehrere neue Theater in Berlin entstanden. Aber als Bau- werke kommen sie nicht in Betracht. Die„K o m i s ch e O p e r" ist cii! Monstrum. Eine deutliche Illustration zu den ungesunden Bodenverhältnissen. Um die kleine Bodenflächc gehörig auszu- nutzen, mußte unverhältnismäßig in die Höhe gebaut werden, so daß man von dem oberen Rang in einem so spitzen Winkel zur Bühne herabsieht, daß man den Besuch nur für Schwindelfreie und Hochtouristen empfehlen kann. Aus demselben Grund reicht der erste Rang über die Hälfte des Parquets hinüber. Die ganzen, sonst üblichen"Raumverhältnifse sind verschoben. Auch sonst Hai der Architekt Biberfeld sich eine Architektur, eine Art verquollenen Barocks, geleistet, die jeden Goschmack vermissen läßt. Da er, Artur Biberfeld, zu den jungen Liräfien gehört, die die neue Eni- Wickelung der Baukunst miterlebten, kann ihm diese Entgleisung kaum verziehen werden. Dabei ist gerade das Problem des modernen Theaters archi- tcktonisch sehr reizvoll und voller neuer Möglichkcitcu— und es ist merkwürdig, daß es den Architekten nicht gelingt, eine neue Form zu prägen. Sie verfallen immer wieder in Schwulst und Protzerei. Vorderhand wird wohl das von Riemerschmied in München gebaute„Schauspielhaus"/ das so intim und fein ist, die einzige Neuschöpfung auf diesem Gebiet bleiben. Auch das„Neue S ch a u s p i c l y a u s" gibt nichts Neues, '-Bleibendes. Es ist von der'Firma Boswau u. Knauer gebaut. Die kurze Zeit von neun Monaten, in der es fertig gestellt wurde, mag die Ertlärung dafür bieten, daß die guten Ansätze, die sich zeigen, nicht zur Entwickclung gckonimen sind. Diese zeigen sich vornehmlich in dem Seitenteil, der Nebensache, dem Restaurant. Hier merkt man das Streben und das Gelingen dieses Strebcns, Rauinperhältnisse ruhig zu gestalten. Die Fenster sind in eiiiem Mittelteil zusammengelegt. Die Fassade tritt in schönen Flächen heraus. Oben kürzt ein Gicbelsims die hohe Front ab. Tann aber, im Vorderteil, Wird mit Pauken und Drommeten gcwirt- schaftet. Alles Gute wird zerstört, zugunsten einer nur monien- tauen Schcinwirkung. Da erscheinen von Gestalten wimmelnde Friese über dem Eingang, da Wird das Mitielportal bis zum Dach herauf in riesigen Fciister-Ruudbögcn verlängert, da werden Ba- lustraden seitlich angeklebt und oben werden mit wilden Tieren bespannte Sicge�ivagen in Bronze ausgestellt, lind schließlich, da auch dieses Tumultuoso nicht hinlangt, werden noch seitlich zwei Türme aufgesetzt, die Säule auf Säule stehend berbcrisch gefügt sind. Man bedauert diese Zerstörungswut, bedauert sie um so mehr als der Entwurf trob allem von Ergebung zeugt, der nnr die Ruhe und Reife gemangelt zu haben scheint. Man merkt, die Architekten sind durch die moderne Scknle hindurch gegangen, sie haben das Wollen, auch den Wagemut, aber das Köuncu fehlt. So kommt für die Architektur als Kunst beide Male nicht viel heraus. Das ist schade, da wir eine ganze Anzahl von Kräften jetzt haben, die berufen wären. Neues zu schaffen. Aber es scheint, bei dieser augenblicklich grassierenden Gründungswut wird auf dauerhafte Schönheit gar- nicht Wert gelegt.'So machen die Theater selbst den Eindruck, als seien sie nur für eine flüchtige Tauer hingesetzt. Besser als die Kunst, das Theater, kommen in der neuen Architektur die Verkehrsanlagen weg. Ein Beispiel dafür sind die beiden neuen Stationen der Untergrundbahn, die Grenander baute. Speziell die Station am Wilhclmsplatz hat in ihrer leichten, geschmackvollen Ausgestaltung etwas Eigenes. Grenander ist nicht für das Monumentale, das liegt ihm nicht. Seine Formen sind graziös, gefällig. Aber in dem Eleganten seiner Formen liegt viel Geschmack. Er hat es verstanden, dein Unter- grundbahnhof das Düstere zu nehmen und in dieser Hinsicht be° deuten diese neuesten Anlagen einen Fortschritt gegen die ersten Stationen, die sehr dunkel und unfreundlich sind. Besonders muß man auf die Gestaltung des Eisens achten. Wie die Eisenpfeiler oben leicht ausladen, wie das Eisen geschmackvoll und doch sinn- gemäß behandelt ist, das deutet auf viel Umsicht und Sinn für das Organische des Stoffes hin. Fein verwendet Grenander die Kacheln zur Wandverkleidung, die ebenso praktisch wie schön ist. Tie schöne hellblaue, ins Grüne spielende Färbung der Kacheln wirkt sehr angenehm. Und auch die Türen, die Schalteranlagc, das Gitterwcrk am Ausgang zeigen ebenso geschmackvolle wie ein- fache Formen. » Im Zuge der Oramenstraße ist eine neue Brücke gebaut worden, die über einen Seitenarm des Kanals führt: die Oranienbrücke. Ersichtlich ist dabei Wert aus� die architektonische Ausgestaltung gelegt worden. Die Brücke ist Verhältnis- mäßig klein. Sie schließt an einen Platz an, dessen weite Aus- dehnung vor der Brücke einen freien Raum schafft; nach allen Richtungen gehen von hier aus Straßen sternförmig ab. Es galt also ein Gegengewicht zu schaffen. Dem Architekten ist das gc- langen. Er hat die verhältnismäßig kleine Brücke sehr gedrungen und wuchtig gestaltet, so daß sie passend an den Platz sich an- gliedert. Wäre sie zierlicher, so würde ein Mißverhältnis ent- stehen. Zu loben ist, daß jedweder Schmuck verschmäht ist. Tie Schönheit liegt in den Verhältnissen. Um diese wahrzunehmen. trete man seitlich an das User und sehe die Brücke von der Wasser- seile an. Tie leichte Rundung, mit der das User übergeht zur Brücke, der sehr schon die ovale Oeffnung über dem Wasserspiegel r>enig unterbrochen sind von Fenstern. Diese Fenster liegen in gleicher Höhe mit der Fassade, trete» nicht zurück, so daß das Flächenhafte, Große in der Frontwirkung vor- herrscht. Auch die schmalen Türen sind nur wenig in die Mauer inueinverlcgt. Am kräftigsten ioiizcntricrt sich der monumentale Eindruck in den beiden hintereinander liegenden Schleusentoren, bei denen aus der einfachen Notwendigkeit ohne Verwedung von Schmuckformen ein eigenartiger Stil gewonnen ist. Diese mäch- tigen, aus grauem Sockel mächtig emporstrebenden viereckigen Pfeiler, die ganz oben die Tachtrönung tragen, zwischen deren breiten Lcffiiuugcn die mächtigen Eiscnplatten auf Schienen laufen, um die Wasserhöhe pünktlich und schnell zu regulieren, haben eine sachliche, ernste Monumentalität, die rein aus dem Zweck und dem Material gewonnen ist. Das Intime kommt im Nebensächlichen zum Ausdruck, das aber gerade dadurch zum Eindruck des Ganzen mitwirkt. Zum Beispiel die kleinen, viereckigen Luken oben direkt unter dem Dach der Schleusentore, die Galerie, die unter der Dachkrönung herum- läuft, die weißen Fcustcrümrahmniigcn, die schmalen Türen, die in Spiralenform Eisenschmuck auf.grünbräunem Holz zeigen, dann die grünen Fensterläden mit geschmackvoller Äemalung. Eine intime Schöpfung ist daS Wärtcrhäuschcn auf dem Landungssteg mit den kleinen Fenstern, Türen, dem breiten Dach und den Blumenbrettern. So ist überall Bedacht genommen auf den Zweck, und man sieht die künstlerisch gestaltende Hand überall, bis herab zu den entsprechend der sonstigen Farbengebung weiß und rot be- nialtcn Landungspfeilern. Der in schwarzcnr Bohlenwerk gefügte dunkle Schuppenbau, zu dessen düsterer Front die weißen Fenster wirkungsvoll kontrastieren, gehört auch noch mit zu der'Anlage. So kraftvoll der Architekt alle Formen betont hat, so besteht doch zivischen der Landschaft und dem Bauwerk ein Zusammenhang. Rmgs sehen wir weite Ebene, Kiefernwaldung, weiterhin ein Dorf; der Kanal erweitert sich nicht weit von diesem Schleusenwcrk sec- artig. Ueberall grosze Flächen in der Landschaft, unterbrochen von intimen Schönheiten. Darum stört die Schleusenanlage nicht, sondern sie gibt einen Sammelpunkt, der sich dem Bestehenden einfügt. Die Schönheit dieser Anlage ist rein aus der Notwendigkeit gewonnen. Kein alter Stil, keine Nachahmung, kein überflüssiger Schmuck. Das ist das Gesunde an dieser Schöpfung. Sie gibt Neues, das doch zugleich sicher gewonnen hat, da es überall mit dem Zweck sowohl wie mit der Umgebung sichtbar verbunden ist und so schon jetzt organisch gewachsen aussieht, nicht willkürlich hingesetzt.— Kleines feirilleton» Der Gorilla. Er hatte sich nicht geirrt, unter der großen Tanne stand eine Bank, eine sehr hübsche Bank sogar; aus Baum/;weigen und Brettern zusammengenagelt, sie sah ordentlich roniantisch aus. „Ach, ist das reizend I"— Sie ließ seinen Arm fahren und lief auf die Bank zu:„Hier stehen wir die ersten zwei Stunden nicht wieder auf I" Und da saß sie auch schon und wehte sich mit den, Erikastrauß Kühlung zu. Er nahm an ihrer Seite Platz und stützte den Arm ans die Lehne. So saßen sie schlveigend nebeneinander und sahen hinaus ins Land. Es war ein schöner Blick von hier oben. Ueber weite Wälder ging er fort; wie ein einziges grünes Meer dehnten sie sich über Tal und Hügel. Dazwischen zog die Spree sich hin, ein blaues Band, über daS die weißen Segel wie Ricscnschwäne zogen. Sie sah den Segeln nach. Verträumt und nnide blinzelte sie unter den» breitrandigen Strohhut hervor, dann glitt es auf einmal wie ein Lächeln über ihr Gesicht, sie kicherte vor sich hin. Er sah sie etwas befremdet an:„Nun?— Was denn?" Aber fie schüttelte den Kopf und lachte noch lauter; dann machte sie wieder ein ernsthaftes Gesicht:„Ach, es ist ja nichts, nur eine Er- innerung. Sie kommt mir aber jedesmal, wenn ich ein Segelboot sehe. Um ein Segelboot, weißt Du, Hab' ich uämlich in der Schule mal nachbleiben müssen. Das einzige Mal." „Das einzige Mal? na, na!" „Und gerade das einzige Mal!"— Sie gab ihm einen Klaps.— „Nein, für was hältst Du mich denn? Ich habe in Religion iminer „Recht gut" gehabt, und im Deutschen sogar„Ziemlich befriedigend". „Na ja also.—" Er lächelte. Sie zupfte an ihrem Heidekraut:„Aber das mit dem Segel- boot, das war wirklich'ne dolle Sache. Es war nämlich in der Physikstunde, und er hatte uns die ganze Stunde was drüber vor- erzählt: wie ein Segelboot gehen muß, und wie das Segel steht bei Oberwind und wie bei Seitenwind der Drnck ist. Der Wind kommt dann, glaub' ich, in'ner Diagonale oder so, begriffen Hab' ich eS immer noch nicht. Und dann hatte er auch ivas dazu gemalt an der Tafel, und wir sollten es zur nächsten Stunde nachzeichnen init'ner Erklärung dazu. Aber Rieke Berghaus hatte ein Bild von ihrer heimlichen Liebe da und ließ es unter dem Tisch herum gehen, und natürlich sahen wir alle auf die heimliche Liebe, das war ein Primaner, aber auf die Tafel sahen wir nicht, und in der nächsten Stunde war alles falsch und die halbe Klasse— mußte nachbleiben. Der Gorilla war wütend. „Der Gorilla?" Er drehte sich um. Sie lachte von neuem, laut und herzlich:„Ja, der Gorilla. So nannten wir ihn nämlich— unser» Physillehrer. Er war aber auch zu häßlich, nein. Du konntest Dir das gar nicht denken, schauderhaft häßlich war er I" „Da kommt ein Schleppdampfer!" Er zeigte nach dem Wasser hinunter, er hatte offenbar wenig Lust, auf ihre Schnlerinnerungeu einzugehen. Sie kam aber nicht loS davon, der Gorilla»ahm ihr ganzes Denken gefangen. Sie erzälte:„Ja, er war wirklich schcuß- sich häßlich. Braun wie Leder, er war mal mit in der Wüste gewesen, mit so'ner Expedition, glaub' ich, bis runter nach Nubien. Da hatte er dann auch noch die Pocken bekommen. Gorilla hatte ihn übrigens Rieke BerghanS getauft!" „Nette Jöre l" „Bitte sehr, sie war'ne FabrikbesitzerStochtcr und sogar eine „von", und weißt Dn, der Gorilla kam auch immer so armselig, und seine Weste lvar ganz blank und der Rock so alt und unmodern. und dann haben die Mädchen mal gewettet, ob er ihn schon ans Nubien mitgebracht oder ans'm Trödel gekauft hätte. Da sollte man nun nicht drüber lachen." „Ja, allerdings." Er sagte es halb wie Zustimmung, halb wie Spott. Sie.sah ihn einen Moment zweifelnd an. Es schien, als wollte sie böse werden, aber dann lachte sie wieder:„Ja, es sah lvirklich schrecklich aus, und uns imponierte er ganz und gar nicht. Er war mich schon so dicht an die Sechzig oder noch älter, und eigentlich war er gar kein Lehrer. Eigentlich war er so'n alter verdrehter Professor und bloß noch Lehrer geworden, weil er sein Geld alles verloren hatte, in Nubien, glaub ich.— Sie erzählten damals so viel,— und dann hatte er in Berlin'n Institut gegründet, irgend was Wissenschaftliches, was furchtbar interessant war, aber verkracht ist eS auch, und so wurde er Physiklehrer an der höhere» Töchterschule. „Armer Kerl I" Er sagte es mit aufrichtigem Bedauern. „Ja eigentlich"— sie nickte etwas gedankenvoll—„und er gab sich auch wirklich Mühe mit uns, und es war nett, Ivenn er von Nubien erzählte— Geographie gab er nämlich auch, Geographie und Physik und Naturgeschicbte. Aber dann nahm er immer alles so schrecklich ernst, und Rieke Berghaus sagte: er finge an zu „schwärmen", und dann mußten wir lachen, und er wurde wütend. Das tvar komisch, nein zu komisch war daS! Wir haben manch» mal bloß gelacht, um ihn wütend zu machen. Haben wir dein überhaupt Streiche gespielt I o Gott, o Gott!" Sie hielt sich die Seiten vor Lachen. Er sagte nichts dazu, er sah in das Land hinaus, allein sie bc- achtete sein Schweigen nicht, fie fuhr fort, in alten Erinnerungen zu schwelgen:„Ja wir haben ihm Streiche gespielt, einnial haben«vir den ganzen Ofen mit Kreide beschmiert. Er stand nämlich immer am Ofen, die Mädchen sagten: Das wär' wahrscheinlich seine einzige Gelegenheit, sich zu wärmen,— und wie er nun wieder am Ofen stand, wurde sein alter Nubierrock ganz weiß, lauter Kreidekreuze waren auf dem Rücken. Und'n anderes Mal vertauschten Ivir ihm den Regenschirm.— Er war nämlich so kurzsichtig,— und wie er ihn draußen aufmachen wollte, hatte' er 'ne ganze alte durchlöcherte Musspitze in der Hand, und ivir standen hinter den Fenstern und sahen zu und lachten. Nein willst Du schon gehen?" Er war aufgestanden, er sah finster und verstimmt ans, sie ivarf ihm einen schmollenden Blick zu:„Ach ich habe Dich wohl gelang- weilt? Ja das fiel mir alles so ein, als ich die Segel sah, ich muß dann immer an Doktor Dreßlich denken. „Dreßlich?" Er drehte sich herum—„Dreßlich?"„Ja, so hieß er."— Sie nickte und wieder fing sie an zu lachen:„Das war nämlich auch noch eine Geschichte, als wir mal Zoologiestunde hatten, riefen wir alle, als er in die Klasse kam: Gräßlich, gräßlich, ist ja gräßlich! und dann sagten wir, wir hätten Gorilla gemeint. Ist das nicht zum Schreien?" Er antwortete nicht, er sah vor sich hin:„Drcßlich? Dreßlich?" — er nickte, als gäbe er sich Antwort auf eine Frage, die ihn heinilich beschäftigt hatte:„Ach ja,— ich erinnere mich,— er war auch eine Zeitlang Lehrer.— Also das war bei Euch?" „Ach, Du hast ihn gekannt?" Sie sah ihn ganz verwundert an. „Ja— so flüchtig—" er schlug mit dem Stock in die Büsche— „wir wohnten im selben Hause,— vor zlvei Jahren." „Nein, hast Dil den Gorilla gekannt!"— sie schlug die Hände zusammen—„Aber ich criiniere mich— er ging dann ab. Er tvar ganz unmöglich getvorden. Die ganze Schule hänselte ihn und sehen konnte er fast auch nichts mehr. WaS ist denn ans ihm geworden?" „Er ist tot," sagte er. „Ach was? Wann starb er denn?" „Vor zwei Jahren— eben als wir zusammenwohnten."— Er sprach, ohne sie n>, zusehen— in abgebrochenen Sätzen—„Dn mußt es doch auch gelesen haben, es stand viel in den Zeitungen da- mals— über seine Fahrt nach Nubien und das mikroskopische Institut.— Sie haben ihn tot in seiner Stube gcfiinden,— erst nach acht Tagen.— Hast Du es denn wirklich nicht gelesen? Er war doch geivisserniaßen ein bedeutender Mann.—" „Ach wirklich?" Sie schüttelte den Kopf.—„Nein ich habe nichts gelesen.— Gott, man kann doch nicht alles lesen.— Woran' ist er eigentlich gestorben?" Sie blickte neugierig zu ihm empor.' Aber er antwortete nicht.— Er sah einer Meise nach, die zwitschernd durch die Tannen strich, und erst nach einer ganzen Weile sagte er kurz und hart:„Er ist— verhungert." Dorothea Goebeler. Theater. Freie Volksbühne im Berliner Theater. Die Vorstellung vom letzten Sonntag verdient ihrer künstlerischen Qualitäten wegen besonders hervorgehoben zu werden. Zunächst kam„Ora et Labora" von Hermann H e i j e r m ä n s an die Reihe. Diese erschütternde Tragödie friesläudischer Armut ist allerdings kein Bild zum Anschauen für wohlbchäbige Faulenzer. Allen aber, die das Wkiserere der Sorge kennen, greift das Schicksal jener weltabgeschieden in schwerster Arbeit dahinlebenden Torfschiffer und Heidcbanern ins Herz. Um Eltern und Geschwister vom Elend zu erretten, dem sie wer weiß wie bald doch verfallen müssen, ver- kaufen sich die Söhne für ein paar hundert Gulden an das. noch traurigere Los eines»tolonialsoldatcn. Im Heimatlande ächzen die Menschen unter dem blibischen Fluch: „Im Schweiße des Angesichts" ihr Hnugerbrot zu esse», bis sie tvie Tiere niederfallen— bis sie wieder zu Staub lvcrden. Ihr einziger Halt und Trost ist der Glaube. Schlimmer wie ein Last- pferd zu rackern zwingt sie des nackten Lebens Notwendigkeit. Eifrig zu beten zwingt sie— der Pastor. Wohl war der Glaube an die Macht des GcbetcS stark in ihnen, stärker als die furchtbarste Not. Aber schon beginnt es in ihren Hirnen zu dämmern, schon regt sich der Zweifel. Und einst, wenn sie stark geworden sind im Geiste, werden sie daS Sllavenjoch der Pfaffenrcligion vom Nacken ab« wurden, mit einem Getöse, lauter als das Donnern unzähliger Kanonen. Sie war etwa drei englische Meilen breit, änderte fort- während die Farbe. Eine starke Hitze ging von ihr aus. Die geschmolzenen Massen, die in die Höhe geschleudert wurden, fielen in abgekühltem Zustande mit leisem Zischen wieder in das Wasser zurück; ein Aschenregen fiel meilenweit aus das Meer nieder. Es war augenscheinlich ein unterhalb des Meeres gelegener Vulkan zum Ausbruch gekommen, dessen explosive Kräfte die Erd- decke durchbrochen hatten. Eine Masse brennender Stoffe hatte sich durch die Wogen hindurch mit ungeheurer Kraft Bahn gebrochen und eine furchtbarere Eruption hervorgebracht, als sie bei einem Ausbruch über der Erdoberfläche möglich ist. Nach einer Stunde etwa sahen die Zuschauer sich eine dunkelbraune feste Masse von unregelmäßiger Gestalt aus den Wassern bilden, um die Basis der feurigen Säule herum. Die Geburt einer neuen Insel hatte be- gönnen. Lava und andere brennende Erdmassen hatten den Ozean von seinem Grunde aus angefüllt und tauchten nun allmählich aus den Wellen hervor, höher und höher sich in die Lust emponvagend. Der Kapitän des„Albatroß" verbot seinen Leuten, näher an die Insel heranzugehen, weil die Eruption noch nicht ganz aufgehört hatte. Aber das amerikanische Schiff„Perry", das nicht viel später des Weges kam, machte an der Insel Halt und eine Anzahl Offiziere und Matrosen landeten aus ihr. Sie gaben ihr den Namen Perryinsel und hißten auf ihr die amerikanische Flagge. Sie fanden die Oberfläche der Erde noch so unerträglich heiß, daß sie kaum darauf gehen konnten. Trotzdem hielten sie sich kurze Zeit auf dem ncnerstandenen Boden auf. Der Vulkan war noch immer in Tätigkeit, ein dumpfes Rollen und Dröhnen verkündete noch die Unruhe der unterirdischen Elemente; aus der Mitte der Insel brachen Wolken von Dampf und Rauch hervor. Die Aleuten sind eine Stätte reger vulkanischer Tätigkeit und nicht weit von der Perryinsel sind in nicht allzu ferner Vergangenheit schon zwei andere Inseln auf ähnliche Weise entstanden. Es sind die beiden Boguslawinseln, von denen die ältere vor hundert Jahren und die jüngere 24 Jahre später entstanden, als die Aleuten noch nicht zu den Vereinigten Staaten, sondern zu Rußland gehörten.— Humoristisches. — Der neue P l n t a r ch. Präsident Roosevelt erhielt dieser Tage ei» Storchenpaar zum Geschenk. Findige Dankees verbreiteten sofort das Gerücht, die Störche seien ein Geschenk des deutschen Kaisers, der dadurch dem Präsidenten seine Sympathie für die Stellungnahme zur Volksvermehrungsfrage habe bekunden wollen. „Nein, nein!' sagte Teddy beim Eintreffen der Sendung. „Aus Berlin sind sie nichtl Sonst wären s i e aus Marmor 1" — Im A n f st i e g. Bernhard Dernburg:„Meine Herren, Sie könne» mich ruhig schon jetzt von Dernburg nennen/ (.Jugend") schütteln wie junge wilde Stiere und dann werden sie freie Menschen sein. DaS ist die Zuversicht an den Sieg des Sozialismus, die wir auch ans diesem friesländischen Elendsbilde zu schöpfen ver- mögen. Das Stück ist bekanntlich vor einigen Jahren am Deutschen Theater mehrereio.nl zur Aufführung gekommen. Ich habe es in jener Darstellung nicht gesehen, vernrag also auch keinerlei Vergleiche zu mache». Aber eins darf gesagt werden: Die Regiekunst Adolf S t ei n e r t s hatfiir dieFreieVolkSbühneeincAufsührungzustande ge- bracht, die fast in jeden» kleinsten Zuge den Stempel eimvandsfreier künstlerischer Vollendung trug»md sich sehr wohl sehen lasse» darf. Sämtliche Darsteller, allen voran Claudius Mertens und Else Schlösser, Elise Pank-Steinert und Magnus Stift, Lili v. Helling, Emil H e h se, Tilli Walldorf, in Abständen Toni R e tz l a f f und E r n st B e n z i n g e r, endlich E r u st de B r u y n und Elsa T r o st bemühten sich bis ins kleinste hinein um eine der Bodenständigkeit ihrer Charaktere und Typen zicinlich nahegcrnckte Gestaltung. Und gerade das ein- hcitliche, au die Herbigkcit»lud naturalistische Derbheit dieses Menschenschlages selbstlos hingegebene Zusammenspiel, das nicht mit billigen Sentiments rechnete, erhöhte die reine starke Wirkung des Dramas.— In dem Maße, wie Heijerinairs Tragödie erschütterte, wurde man von Gustav Wieds einaktiger Komödie„Eine Ab- r e ch n n n g" in die Sphäre lachenden Humors erhoben. Es ist, zur Abwechselung, ein Männerstück, in welchem das weibliche Element gleich- sam hinter dünnen Wänden die Rolle völliger Passivität spielt. Im Mittelpunkt der einfachen, etwas zu breit ausgesponnenen Handlung stehen zwei altgewordene Freunde, die sich für den Rest ihres Lebens in ein Alrmännerstift zurückgezogen haben. Helms, der eine, begeht heute seinen 80. Geburtstag. Er ist, was man so einen recht im- angenehmen Kräkelhuber nennt. Davon kann sein Freund Krakau, der mit ihm daS gleiche nur durch eine„Neutrale" symbolisch ge- trennte Zimmer teilt, ei»» Lied singe»». Kurz und gut: die beiden haben oft Streit miteinander. Un» Nichtigkeiten, worin e-Z ja so alte Knaben den Kindern gleich zu tun pflegen. Aber es steckt zlvischen ihnen doch noch etivas anderes: ein ernster Konflikt, von dem Helms wenigsteirs bisher keine Ahnung hatte, der nun he»lte zum AuStrag kommt. Hclins war verheiratet gewesen. Der Ehe lvar nach zehnjähriger Kinderlosigkeit eme Tochter erwachsen. Deren Gatte ist gerade zuin„Gehcimrat" ernannt»vorden. Darüber ist Helins natürlich sehr stolz. Der Enkel, ein Student, wird ihn» heute sicher zuin Geburtstage grahilierci», und Pate dieses Jungen ist— Krakau. Daran wäre ja sonst»veitcr nichts. Es spielt aber ein Besonderes dabei mit;»tnd da der kräkclige HelmS ausnehmend niederträchtig und ausnehmend boshaft an Krakau hcriinrstichelt,»veil der Junggeselle geblieben, mithin nach Helms Ansicht über Ehe und Vatersreuden»licht mit- reden kann, so platzt die Bombe. Krakau übersührt den Freund recht drastisch: Vater der vermeintlichen Tochter Helnis ist Krakau. Er war einst, was HelinS nicht wußte, der Tröster von dessen Frau. Helms wird ob dieser Eröffnung geheimster Familienpapiere ordentlich konsterniert. Wenn ja auch die bereits Verstorbeire Fran des nun- »nehrigen Gehciinrats nicht seine Tochter war— was geht ihn dann noch der„Schwiegersohn"»ind dessen Sprosse an l Schließlich aber inachen die beiden Freunde doch noch Frieden nliteinander. Die anderen Stiftler voin selben Flur kommen gratulieren; man trinkt ein Gläschen Wein zusammen. Auch der studentische Enkel erscheint mit einigen Kommilitonen zum gleichen Zwecke, un» rasch wieder davon zu ziehen lind in einer Stainnikneipe auf das Wohl des Großpapas einen Schoppen zu trinken. Als nun alle»veg sind, auch die altersgrauen Spitalgenossen, da einigen sich Helms und Krakau über den Besitz des Geheimrats und des Jungen brüderlich zu gleichen Teilen. Es lebt ein eigener Humor aus Altväterzeiten in dieser Komödie. Man unterhält sich sehr gut dabei und kommt als Lacher ans seine Rechnung. Dies natürlich nmsonlehr, wem» die beiden Hauptrollen so vorzüglich gegeben»verde»»,»vie eS bei Magnus Stift(Krakau) und E n» i l H e y s e der Fall war. Sein Helms, das möchte ich nicht verschweigen, ermnert zwar in »nancherlei kleinen Finessen an den alten Baroi» in Fourniers „Partie Piguet", aber es»var doch eine köstliche Figur. DaS amüsairte Stückchen wurde sehr beifällig aufgenoinmen. e. k. Geographisches. k. Die E n st e h u n g einer neuen Insel. Ein ganz einzigartiges Schauspiel bot sich vor einiger Zeit der Mannschaft des amerikanischen Regierungsschifscs„Albatroß", das bei der Inselgruppe der Aleuten, westlich von Alaska, kreuzte. Vor ihren Augen bildete sich eine Insel auf den» Meere. Ein genauer Bc- obachtcr des Vorganges, Leutnant Hepburn, erzählt, daß er kurz nach Sonnenaufgang an Deck gewesen sei, als plötzlich eine un- geheure Ausioühlung des Wassers seine Aufincrksamkeit erregt habe. Die Oberfläche des sonst stillen Ozeans schwoll uin einen bestimniten Fleck herum zu einer turmähnlichcn Höhe rfN. Die Wellenberge sanken und ein furchtbares Getöse wurde laut, dann erfüllten große Wolken von Rauch und Dampf die Luft. Ein un- geheurer Ausbruch kochender Waffen wurde sichtbar. Dann stand eine mächtige Wolke von Rauch, Feuer, Steinen auf dem Wasser, das Licht der Sonne verdüsternd. Es lvar ein unbeschreiblich furcht- barer Anblick, diese qualmende, zischcirde Masse, durch deren»in- gewisse Formen die grelle Flamme eines lodernden FeucrS hin- durchbrach und aus der gcnoaltige Stcinblöcke herausgeschle»»dcrt Notizen. — Im„Lhceum-Klub", Potsdan»erstr. 118b. findet am Dienstag, de», 6. November er., abends 8 Uhr, ein Bortrag von Frau Agathe Wegerif- Gravcstei'n ans Apeldoor»(Holland) über Batik, eine altjavanische Kunst, ihre Geschichte und ihre Ver« lvendung für inoderne Jnnenränme statt, den, sich eine Diskussion anschließen»vird. DaS javanische Ehepaar Fleischer-WieinanS lvird sich hierauf über die Herstellung dieser Arbeiten ebenfalls eingehend äußern. In dem knustgeiverblichen Verkaufsräume findet gleichzeitig eii»e Ausstellung von Batiks statt. — Ein Hamlet-Jubiläum. Shakespeares„Hamlet" er- lebte ain Moirtag, den 6. November, iin Berliner kgl. Schau« s p i e l h a u s e seine 300. Aufführung. Zuin ersten Male wurde er au» 2. Februar 1787 gegeben. —„Die So>»>, e n Prinzeß", ein Liebesdrama von Jo- Hanna Wolf-Friedberg lvurde in» Karlsruher Hoftheater beifällig aufgenommen. —' B y z a n z in München. Ein historisches Festspiel: „Hohen st aufe und Wittelsbach" von dem Gymnasial- Professor M e n r a d erlebte im Münchener Volkstheater seine Uraufführung. Dieser bayerische Wildenbruch bleibt hinter seinem geschichtSklitterndcn Vorgänger noch beträchtlich zurück. — Der Einakter von Felix Dörmann:„Das stärkere Geschlecht" erzielte im Wiener kleinen Schauspielhause einen starken Erfolg. — Ein weiblicher Oberregisseur, der erste seiner Art, wurde in der Pariser Opöra Comique angestellt. — Das Mittclbild aus Segantinis gcivaltigein Tripthchon (dreiteilige»» Gemälde)„Die Natur" lvurde um 200 000 Frank von einem französischen Fürsten gekauft. Es ist das Schicksal der größten Kimstoffenbarungen unserer Zeit, von irgend einem Kapitalisten »nonopolisiert zu»verde»». —- P u p p i i» g Billy, die älteste Lokoniotive, deren Original im Londoner Kensington-Musemn steht, wurde in getreuer Nach« bildung den» im Werden begriffenen Deutschen Museum m Miiiichei» von» Verein deutscher Eisenbahnverlvaltungcn gestiftet. Verantwortl. Redakteux: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin ZW.