UnterhaltungsSlatt des �Vorwärts Nr. 217. Donnerstag� den 8. November. 1906 sZiachdrilck verbalen.) 28] Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Ona schluchzte und weinte in steigender Angst und Furcht: wilde Erregungen erschiitterten sie, schüttelten sie, wie ein Sturmwind den Baum auf den Bergen schüttelt. Ihr Körper zitterte und bebte, als wenn er zerrissen werden sollte. Sonst hatte ein solcher Anfall Jurgis außer sich gebracht, jetzt stand.er dabei mit zusammengebissenen Zähneu. Mochte sie sich zu Tode weinen— ihn bewegte das heute nicht. Und als er fühlte, daß ihr Schluchzen sein Blut gefrieren ließ und seine Lippen wider seinen Willen gittern machte, war es ihm lieb, daß Elzbieta, bleich vor Schrecken, die Tür aufriß und hereinstürzte. Er wandte sich fluchend zu ihr:„Geh hinaus!" schrie er,„geh hinaus!" Und als sie zögerte, ergriff er ihren Arm, stieß sie aus dem Zimmer, schlug die Tür zu und schob einen Tisch davor. Dann wandte er sich wieder zu Ona. „Antworte!" schrie er. Sie hörte ihn nicht. Noch war sie unter der Gewast ihres Anfalls. Jurgis sah, wie ihre ausgestreckten Hände sich zitternd und bebend reckten, hierhin und dorthin, als wollte sie etwas fassen oder zurückstoßen. Er sah, wie ihre Glieder flogen. Ihr Weinen wurde zum Schreien— dann stieß sie ein furchtbares Lachen aus. Jurgis ertrug es, solange er konnte, endlich griff er an ihre Schulter und schüttelte sie. „Höre auf, sage ich! Hör' auf!" In Todesangst sah sie zu ihm cnipor und wagte nicht zu atmen, nur noch ein wildes Schluchzen schüttelte ihren Körper. Tann lag sie regungslos, vollkommen regungslos, so daß Jurgis von wilder Furcht erfaßt wurde. Er glaubte, sie würde sterben. Plötzlich hörte er ihre schwache Stimme. „Jurgis! Jurgis!" „Was ist es?" fragte er. Er mußte sich zu ihr beugen, sie war so schwach. In leisen gebrochenen Lauten flehte sie:„Glaub' an mich! Hab' Vertrauen!" „Was soll ich glauben? Was?" schrie er. „Glaub' mir, daß— ich weiß es am besten,— daß ich Dich liebe! Und frag' mich nicht— bitte, bitte, Jurgis, frag' mich nicht! Es ist am besten so— es ist—" Er wollte sie unterbrechen, aber sie fuhr hastig in wilder Eile fort:„Wenn Du doch nicht fragen wolltest! Wenn Du mir doch glauben wolltest! Es war nicht meine Schuld— ich konnte nichts dafür— es ist nichts— gewiß nichts. O Jurgis, Jurgis, bitte, bitte!" Sie tastete nach ihm, suchte sich an ihm festzuhalten, ihm ins Gesicht zu sehen— er fühlte das Zittern ihrer Hände, das heftige Wogen ihres Busens— ihre heißen Tränen auf seiner Hand.—„Glaub' mir, glaub' mir!" flehte sie. Er aber schrie wütend:„Ich will nicht!" Sie aber hängte sich an ihn und flehte voller Vxr- zweiflung:„O Jurgis, bedenke, was Du tust! Es muß uns zugrunde richten— zugrunde richten! O mein Jurgis, tue es nicht! Es macht mich wahnsinnig— es wird mich töten. Nein, nein, Jurgis— ich bin verrückt, es ist nichts! Du brauchst es nicht zu wissen. Wir können glücklich sein, wir können uns ebenso lieb haben wie sonst. O bitte, bitte, glaube mir!" Ihre Worte brachten ihn nochmals in Wut. Er entriß ihr seine Hand und stieß sie von sich.„Antworte mir!" schrie er,„Gott verdamm' es— sage ich— antworte mir!" Sie sank zu Boden— und weinte. Ihr Weinen glich dem Stöhnen einer verlorenen Seele, und Jurgis konnte es nicht mit anhören. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie:„Antworte!" Sie schrie auf— wie ein wildes Tier aufschreit, wenn die Kugel es trifft:„Ich kann nicht! Ich kann nicht!" „Warum nicht?" schrie er. „Das weiß ich selber nicht!" Jetzt war er mit einem Satze wieder bei ihr und riß sie empor.„Sage mir, wo Du warst!" stöhnte er.„Schnell. heraus damit." Flüsternd— kaum verständlich— kam ein Wort nach dem anderen von ihren Lippen:—„Ich— war in— einem Hause— in der— Stadt— da unten." „In welchem Hause?— Was meinst Du damit?" Sie versuchte ihre Augen zu verbergen, aber er litt das nicht.„In Miß Hendersons Haus!" flüsterte sie. Zuerst verstand er nicht—„Miß Hendersons Haus', wiederholte er.— Plötzlich kam— wie ein Blitzstrahl, die Erkenntnis über ihn. Aufschreiend wich er zurück. Seine Augen wurden starr— er legte die Hand an die Stirn— „Jesus! Jesus!" flüsterte er wimmernd. Plötzlich sprang er auf sie zu und griff nach ihrer Kehle. „Den Namen!" ächzte er heiser.„Schnell— wer führte Dich dahin?" Sie versuchte, sich von seinem Griff zu befreien, von ihm loszukommen, und das machte ihn noch wütender. Er glaubte, sie fürchtete sich nur— er verstand die Todesangst ihrer Scham nicht. Sie antwortete ihm:„Connor." „Connorl" schrie er.„Wer ist Connor?" „Der Auffeher— der Mann—" In seiner Wut drückte er ihre Kehle fester, und als er sah, daß ihre Augen sich schlössen, nierkte er, daß er sie er- würgte. Er ließ sie los und kauerte sich neben sie hin, bis ihre Lider sich wieder hoben. Sein heißer Atem berührte ihr Gesicht. „Sag' mir," flüsterte er endlich.—„sag' mir alles." Sie lag bewegungslos, und er mußte den Atem anhalten, um sie verstehen zu können. „Ich wollte nicht"— hauchte sie.—„Ich versuchte, es nicht zu tun.— Ich tat es,— um— uns zu retten. Es war unsere letzte Hoffnung!" Eine Weile war es still im Zimmer— nichts hörte mau als seinen Atem. Ona schloß die Augen, als sie wieder sprach: „Er sagte mir, er würde mich fortschicken— er hätte es auch getan.— Uns alle würde er fortschicken. Nie würden wir wieder Arbeit bekommen— nie! Er wollte uns ver- derben." Jurgis zitterte so, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.„Wann begann es?" flüsterte er wieder. „Gleich zuerst!" Sie sprach wie bewußtlos unter einem Zwange.„Es war— Miß Hendersons Plan. Sie haßte mich— und— er wollte mich haben. Er sprach mit mir— draußen auf dem Gange,— dann sagte er mir,— daß— er mich liebte.— Er bot mir Geld,— er bat und flehte;~ dann drohte er mir,— er wüßte alles von uns,— er wüßte, daß wir verhungern würden. Er kannte Deinen Aufseher und er kannte Marijas Aufseher. Er hätte uns zu Tode gehetzt:— er sagte, er würde es tun;— er sagte— dann faßte er,— wenn ich wollte— wenn ich— alle würden wir immer Arbeit bekommen— immer. Und eines Tages überfiel er mich,— er wollte mich nicht loslasten— er— er—" „Wo war das?" „Im Flur— nachts,— alle ivaren fort,— ich konnte mir nicht helfen. Ich dachte an Dich,— an das Kind,— an Mutter und die Kinder. Ich fürchtete mich vor ihm und fürchtete mich zu schreien." Einen Augenblick war ihr Gesicht aschgrau geworden; jetzt färbte es sich purnpurn. Sie atmete schwer. Jurgis gab keinen Laut von sich. „Vor zwei Monaten war's. Dann wollte er, ich solle in— das Haus kommen. Ich sollte dableiben. Er drokste wieder,— er würde uns alle Arbeit nehmen. Er zwang mich, abends zu kommen. Du dachtest, ich wäre in der Fabrik— denn in der Nacht als es schneite, konnte ich nicht zurück,— letzte Nacht gingen die Wagen nicht. Es war ein Zufall und wird unser Verderben sein. Ich versuchte zu gehen, aber ich konnte nicht. Du solltest es nicht wissen,— es wäre— es wäre so gegangen.— Du brauchtest es nicht wissen. Er wurde meiner schon müde,— er wollte mich bald nicht mehr. Ich soll ein Kind bekommen, und ich werde häßliche Das sagte er mir zwei-, dreimal schon— diese Nacht schlug er mich— und nun wirst Du ihn töten.— Du— wirst ihn töten und wir werden sterben." Sie sprach das alles ohne Regung, ohne zu zittern. Sie lag ganz still, nicht einmal ihre Augenlider bewegten sich, Auch Zurgis sprach nicht. Er stand auf— und ohne einen Blick auf Ona zu werfen, ging er zur Tür und öffnete sie. Er sah Elzbieta nicht, welche sich in einer Ecke verkrochen hatte. Er ging hinaus ohne Hut und ließ die Haustür hinter sich offen. Auf der Straße begann er zu rennen. Er rannte wie ein Besessener, blind— in wilder Jagd, ohne nach links und rechts zu sehen. Er war in der Ashland Avenue, ehe die Er- schöpfung ihn zwang, seine Schritte zu mäßigen: er sah einen Wagen kommen und sprang auf. Seine Augen flackerten, seine Haare flogen ihm um den Kopf und sein Atem ging wie der eines verwundeten Stieres. Aber die Leute im Wagen achteten darauf nicht viel. Vielleicht erschien es ihnen natür- lich, daß ein Mann, der wie Jurgis roch, auch ein folches Aus- sehen haben mußte. Wie gewöhnlich machten sie ihm Platz. Ter Kondukteur nahm seinen Nickel zimperlich mit den Fingerspitzen und überließ ihm seinen Platz. Jurgis be- merkte das nicht einmal. Sein Herz war wie ein brennender Ofen. Er stand und wartete, er bereitete sich zum Sprunge vor wie ein Raubtier. Er hatte seinen Atem wieder, als der Wagen bei den Höfen hielt. Er sprang ab und raste weiter. Die Leute wandten sich nach ihm um und starrten ihm nach:— er sah keinen— da war die Fabrik: er stürzte durch den Torweg, den Gang hinunter. Er kannte Onas Arbeitsraum und er kannte Connor, den Aufseher der Ladeleute. Er suchte nur diesen Mann, als er den Raum erreicht hatte. Die Männer waren hart an der Arbeit; sie luden frisch- gepackte Büchsen und Fässer auf die Wagen. Einen einzigen Blick warf Jurgis den Gang hinauf und hinunter;— der Mann war nicht da. Plötzlich aber hörte er eine Stimme im Korridor:— mit einem Sprunge war er dort. Einen Augenblick später stand er vor dem Aufseher. Es war ein dicker, sommersprossiger Jrländer mit groben Zügen, und er roch nach Alkohol. Er sah Jurgis, als er die Schwelle über- schritt, und erbleichte. Eine Sekunde zögerte er, als ob er fliehen wollte, in der nächsten aber hatte ihn Jurgis auch schon gepackt. Der Mann wollte sein Gesicht mit den Armen schützen, aber Jurgis hatte ihn schon mit der ganzen Kraft feines Armes zwischen die Augen geschlagen und hintenüber geschleudert. Im nächsten Augenblick kniete er auf ihm und würgte ihn an der Kehle. Des Mannes Anblick schürte seine Rache, die Berührung seines Körpers machte ihn wahnsinnig. Jeder Nerv an ihm bebte, alle Dämonen wachten in seiner Seele auf. Dieses Tier hatte Ona gezwungen— und nun hatte er es— er hatte es! Jetzt kam er an die Reihe. Seine Augen sahen alles in Blut verschwommen, und er schrie auf,— hob sein Opfer und stieß es mit dem Kopf auf den Boden. Der ganze Arbeitsraum geriet natürlich in furchtbare Erregung. Frauen schrien und wurden ohnmächtig, die Männer stürzten herbei. Jurgis merkte es nicht— begriff gar nicht, daß die Männer ihn hindern wollten. Erst als sechs Männer ihn bei den Beinen und Armen ergriffen und ihn emporziehen wollten, begriff er, daß er seine Beute ver- lieren sollte. In demselben Augenblick aber bog er sich rasch vor und grub feine Zähne in die Backe des einen Mannes, und als sie ihn hinwegrissen, war er mit Blut überströmt und Hautfetzcn hingen an seinen Lippen. Sie warfen ihn zu Boden und hielten ihn fest,— sie mußten ihre ganze Kraft dazu gebrauchen. Er kämpfte wie ein Tiger, er wand und drehte sich,— er schüttelte sie ab und sprang wieder auf seinen bewußtlos am Boden liegenden Feind los. Aber immer inehr Leute stürzten herbei, bis ein wild sich bäumender Berg verschlungener Körper und Glieder auf dem Boden lag. Endlich bändigten sie Jurgis allein durch die Schwere ihres Gewichts und trugen ihn zur Polizei- station, wo er liegen blieb, bis ein Wagen von der Sicherheits- wache kam, um ihn fortzubringen. fFortsetzung folgt.) (NachdNlck verboten.) ScKrnucK-, Gebärden- und Hrommeirpracbe der Naturvölker. Von Dr. I. Wiese. l. Eines der interessantesten aber auch schwierigsten Kapitel der Völkerkunde berührt die Frage: in welcher Weise bringen die Naturvölker, die man sehr mit Unrecht.die Wilden" zu nennen sich gewöhnt hat, ihre Gefühlsregungen zum Ausdruck? Lange bevoy der Mensch es gelernt hatte, sich durch Schriftzeichen zu verständigen, verfügte er schon über die verschiedentlichsten Methoden, ohne Be» Nutzung der Sprache sich mitzuteilen. Diese Methoden kennen zu lernen, bildet nicht nur für jeden, der Jntereffe hat für Völkerkunde, ein reizvolles Studium, sondern sollte auch eme Hauptaufgabe eines jeden Reisenden sein, der unter möglichst ge» ringen Gefahren sicher sein Ziel unter jenen Völkern erreichen will, Sie geben den Schlüssel zum Verständnis des Seelen- und Gefühls» lebens jener Völker, und ihre Kenntnis würde so manche Fehler verhüten, die der Weiße im Verkehr mit ihnen begeht. Sie bilden auch eine Art von internationalem Verstandigungsmittel. das eS ermöglicht hat, ohne Kenntnis ihrer Sprache mit ihnen in näherß Beziehungen zu kommen. � Unserem Empfinden ist die symbolische Bedeutung deS Schmu che s zumeist abhanden gekommen. Wir finden aber deren Kenntnis bei den Naturvölkern, bei denen der Schmuck des Körpers noch eine Rolle spielt und noch nicht durch die Kleidung verdrängt ist. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Beziehung der fo- genannte Wampumgürtel. Das Wampum ist wohl hervorgegangen aus Schnüren, auf denen Muschclperlen verschiedener Farben auf- gereiht waren, die Hals und Arme zierten. Sie dienten zuerst nur als Schmuck, später aber kursierten sie als richtiges Geld iin Lande. Die verschiedenen Farben der Muschelschalen mögen zuerst dazu geführt haben, persönliche Merkmale, sozusagen Eigentums- zeichen in den Gürteln aus ihnen zusammenzusetzen.- Es ist denk- bar, daß bei den Indianern ein kleiner Tausch zur Besiegelung der Freundschaft oder eines Vertrages stattfand. Sicher ist, daß der Wampumgürtel eine außerordentlich große Bedeutung an- genommen, daß in ihm sich eine gewisse Urkundenschriftart seiner- zeit ausgebildet hat, die allerdings untergegangen fein dürfte, noch ehe die Europäer daran dachten, derartige seltsame Kulturäuße- rungcn zu beobachten. Wenn zwei Völker einen Vertrag abschlössen, so tauschten sie Wampums, die an Stelle einer Urkunde das Er- eignis, ornamental eingcflochtcn, enthielten. Nach Morgan gab es unter den Irokesen einen Häuptling, der das erbliche Amt eines „Wampumbewahrers" hatte, und dessen Aufgabe es war, nicht nur selbst den Sinn eines jeden Gürtels zu behalten, sondern auch dafür zu sorgen, daß diese Kenntnis im Volke erhalten und be- wahrt blieb. Zu diesem Zweck wurden in einer bestimmten Jahres- zeit die Gürtel dem Schntzhause entnommen und vor dem ganzen Volke ausgestellt. Tann wurde öffentlick die Geschichte und die Bedeutung eines jeden wiederholt. Die Sitte hat sich bis heute er- halten. Es waren nicht immer nur Gürtel, die diese Inschrift und Bedeutungen hatten. Zuweilen kamen auch nur einfache Stränge von Perlschnüren zur Anwendung. So ward, wenn ein neuer Häuptling eingesetzt wurde, diesem als Bestallungsuriunde eine Wampumschnur von zehn weißen Perlkettcn übergeben. Wenn dagegen ein Häuptling gestorben war. so betrauerte man ihn, indem man zehn Stränge von schwarzem Wampum trug. War es ein Häuptling außer Diensten, so genügten zehn kurze Schnüre. Es ist allerdings nicht nötig, auf das Wampum zurückzugreifen, um gewisse Schriftzeichcn resp. eine Art Sprache des Schmuckes an das Licht zu ziehen. Noch ein anderes Beispiel derartiger Merk- male des Schmuckes sei hier geboten. Bei den Hidatsaindianern bedeuten Adlcrfcdern und ihre Ausschmückung bestimmte hervor- ragende Taten ihres Trägers. Eine Feder, an deren Spitze ein Bündel von Daunfcdcrn oder einige Pferdchaare angebracht sind, besagt, daß der Träger einen Feind getötet hat, und zwar, daß er der erste war, der in diesem 5lampfc jenem zu Leibe gerückt war. Demjenigen dagegen, dem es als zweiten Kämpfer gelungen war, den Feind zu Boden zu strecken, stand nur eine Feder zu, an deren breiterem unteren Ende ein wagcrcchtcr Strich gezogen war. Wer als dritter im Bunde den Feind endgültig vernichtete, hatte An- spruch auf eine Feder mit zwei roten Querstrichen, der vierte auf eine solche mit drei roten Querstrichen. Weitere Ehrenzeichen vermochte allerdings nicht einmal der indische Ehrgeiz zu verleihen. Verwandte Zeichen wenoet das Volk der Dakota an. Ein Fleck an der breiteren Seite einer Feder zeigt an, daß der Träger einen Feind getötet hat, während ein Einschnitt und schwarze Um- rahmung bedeuten, daß die Kehle des Feindes durch- schnitten und sein Skalp gewonnen worden ist. Wurde nur die Kehle des Feindes durchschnitten, so konnte man das an einer Feder erkennen, die oben abgeschnitten und ocrcn Rand an der Schnittkante dunkel gefärbt wurde. Eine gespaltene Feder besagt: viele Wunden. Bei den Hidatsa gab es noch andere allgemein ver- ständliche Merkmale in der Tracht, solche, die auf der Kleidung. häufig sogar auf den Zehen in blauer oder roter Farbe aufgemalt waren, obgleich dies eigentlich nur bei festlichen Gelegenheiten oder bei Tänzen der Fall ist. Vier in einem Quadrat sich schneidende Linien bedeuten, daß der Träger sich mit Erfolg und Geschick, den Körper hinter einem aufgeworfenen Hügel verbergend, gegen den Feind verteidigt hatte. Die Verdoppelung dieser Figur besagt. daß das Ereignis zweimal stattfand. Eine hufeisenförmige Figur erinnert daran, daß dem. der sie auf den Beinkleidern, dem Ruderblatt oder auf sonst einem Teile seines Eigentums abgebildet hat, dem Feinde ein Pferd zu stehlen gelang. Weit entwickelter aber als die Schmucksprachc ist die Zeichensprache, mittels deren sich besonders die Nord- amerikaner zu unterhalten vermögen, wenn sie auch die eigentüm- liche Sprache des Partners nicht sprechen oder nicht verstehen können. Als interessantes Beispiel dafür diene ein Satz, den der Häuptling Tce-caq-a-daq--a-qic, das ist der„dürre Wolf", ein Häuptling der Hidatsaindianer im Dakotagebiet, dem amerikanischen Forsche: Dr. Hoffmann auseinandergesetzt hat. Der ganze Satz lautet:„Vor vier Jahren vereinbarte das amerikanische Volk mit uns Freundschaft: aber sie logen. Fertig." Um dies auszudrücken, gebrauchte der Indianer die folgenden sechs Bewegungen: Er legte die geschlossene Hand mit dem Daumen, der über der Mitte des Zeigefingers ruhte, auf die linke Seite der Stirn, die Handfläche nach unten und zog dann den Daumen rechts eine kleine Strecke über den Kopf hinaus.— D. h.„Weißer Mann".— Er legte die natürlich ausgebreitete Hand, deren Finger und Daumen leicht getrennt und nach links gerichtet waren, ungefähr 1o Zoll vor die rechte Seite des Körpers und bewegte fie ein Stück von sich.— D. h.„Mit uns".— Er streckte die flache rechte Hand so aus, als wolle er die Hand irgend eines anderen Wesens ergreifen.— D. h.„Freunde".— Er führte die rechte Hand, deren Finger mit Ausnahme des Daumens ausgestreckt waren, zur Vorderseite des Körpers zurück bis auf 18 Zoll vor die rechte Schulter.— D. h.„4".— Er schloß die rechte Hand, Zeigefinger und Mittel- finger leicht getrennt und ausgestreckt lassend. Dann legte er fie mit dem Handrücken nach außen ungefähr 8 Zoll vor die rechte Seite des Körpers und führte sie schnell in einem leicht nach unten zeigenden Bogen.— D. h.„Lügen".— Er legte die geschlossenen Fäuste zusammen vor die Brust mit den Handflächen nach unten und trennte sie alsdann in cineni Bogen nach außen nach beiden Seiten fahrend.— D. h.„Fertig". Zur Zeichensprache gehört auch die Mienen- und G e- bärden spräche, die außerordentlich reich und mannigfaltig bei den Negern ausgebildet ist. Alle Reisenden, die zum ersten Male ihren Fuß auf den schwarzen Kontinent setzen, sind erstaunt über die allen Bewegungen anhaftende Lebhaftigkeit, besonders aber deren häufige, oft ruckweise Ausführung, die in vielen Fällen ungemein affenartig zutage tritt. Das Sprechen ist überlaut und wird fortgesetzt durch bezeichnende lebende Gestikulationen unter- stützt. Diese bilden eigentlich einen Bestandteil der Sprache und werden sogar im Finstern zwecklos ausgeführt. Sic drücken so deutlich das Gemeinte aus, daß man, mit den Verhältnissen vcr- traut, vieles, ohne eine Wort zu hören, an dieser Art Zeichen- spräche wie bei Taubstummen ablesen kann. Seltsamerweise er- scheint der ruhige, in seinen Bewegungen gemessene Europäer, selbst der Nordländer, der doch fast immer ohne Gesten spricht, in den Augen des Negers lebhafter als seine Landslcutc. Dieses liegt aber nach dem Afrikareisenden Reichardt in dem ungleich lebhafteren Ausdruck der Augen bei den Weißen, in ihrer dem Interesse an all dem Neuen und Fremden entsprechenden Neugierde und dem fortwährenden Erkundigen danach, besonders aber in dem Mangel an Geduld gegenüber dem geistesträgen Wesen der Neger. Infolge dieser Gcistesträgheit ist dem Neger eine große Gleichgültigkeit eigen gegenüber allen Dingen, die nicht direkt seine Persönlichkeit angehen. Sehr lebhaft und wüchsig sind die Ausbrüche seiner Ge- fühlsäußcrungen, die er nicht leicht zu unterdrücken vermag. Was wir beim Neger als Zurückhaltung, als Beherrschung oder Bcrcch- nung auszulegen geneigt sind, ist lveiter nichts als ein Ausfluß des Bewußtseins, daß er nicht leicht zu etwas gezwungen werden kann, ein Ausdruck dafür, daß es ihm gleichgültig ist, seinen Wunsch erfüllt zu sehen, oder aber höchstens ein Zeichen seiner Dummheit und Schlitzöhrigkeit. Sehr interessant ist die Art wie die Neger einander begrüßen. Kommt ein Schivarzer in die Versammlung, so muß er zunächst den Häuptling begrüßen. Bei dieser Respcktbezeigung legt sich auf seine Züge ein Ausdruck von Acngstlichkeit, er nimmt eine gebückte Haltung an und zieht alle Gliedmaßen möglichst nahe zu sich heran. Die Etikette erfordert, daß er eine Kniebeuge macht, rndcm er ein Knie nicht ganz mit dem Boden in Berührung bringt und dreimal leicht in die Hände klatscht. Vor den mächtigen Waruahäuptlingen muß sich der Ankömmling zuerst das Gesicht und den Oberkörper mit Schlamm einschmieren und dann auf dem Rücken im Staube wälzen. Die gewöhnliche Begrüßung bei den Wanjamwesi und den meisten Ostkiistnegcrn besteht neben den verschiedenen Bcgrüßungs- Phrasen darin, daß sich die beiden die Hand reichen. Tic Wan- jaiiuvesi pressen dann nach einem leichten Drucke die Handflächen fest aufeinander und lassen sie rasch aneinander vorbeigleitcn, so daß sich zuletzt nur die beiden Mittelfinger berühren. Die Mittel- finger schlagen dann mit schnalzendem Laut auf den Tauiiicnballcn. Die Warua, westlich von Tanganika, legen bei der Begrüßung die Waffen zu Boden, berühren in gebückter Stellung die Erde und reiben sich dann die Oberarme Brust und Stirne init Staub ein. Die Holla-Hallo am Westgcstaoe des Tanganika kommen mit der senkrecht nach oben und außen gehaltenen Handfläche aufeinander zu, klatschen sich dann gegenseitig gleichzeitig mit der linken in die rechte Hand und dann umgekehrt, ohne die Arme zu kreuzen, einmal gegenseitig in die inimer senkrecht vor die Brust gehaltenen Hände, dann einmal in die eigene und toiedcrholen dies dreimal. Weiber müssen, um ihren Respekt vor dem starken Geschlecht zu bezeigen, seitwärts aus dem Wege treten und mit abgewandtcm Körper und niedergeschlagenen Augen dem Manne den Rücken zeigen, oder aber sie gehen in einer Stellung vorüber, die den Eindruck macht, als wenn sie unter etwas hindurchkriechen. Dabei nehmen sie einen bittenden Blick an oder machen ein absichtlich gleickigültiges Gesicht, so daß fie auf die Reisenden stets den Ein- druck des Komischen machen, Wenn sich die Wanjamwefiwciber begrüßen, so machen fie eine halbe Wendung und dann eine« richtigen Knix. Sehr häufig sieht man Bewegungen, bei denen der Kopf nach hinten in die Hiche geworfen wird— das bedeutet einfach„Ja". Tieselbe Bewegung mit einem Grinsen verbunden drückt vollsten Beifall aus.„Nein" wird wie bei uns durch einfaches Schütteln ausgedrückt. Nickt der Kopf mehrmals langsam ernsthaft vorn- über, so entspricht das dem„so, so" oder„also doch" des Zuhörers, es ist eine Art Verwunderung. Den Zeigefinger an einen äußere» Augenwinkel legen, besagt„Siehst du?" oder„ich sehe", je nach: dem die Gesichtszüge dabei fragend sind oder nicht. Uebrigens sagt diese Bewegung als Antwort auf irgend eine Erzählung oder bei Versicherungen„so dumm" oder„dafür sind wir zu helle", dabei wird der Kopf leicht seitlich nach vorn geneigt, während das Auge von unten nach oben zum Redner listig emporschaut. Ter Verneinungsbegriff, die Abwehr, das Nichteinwilligcn wird der Natur der Sache nach mit den Händen und Armen aus- gedrückt,„einfaches Nichtivollen" dadurch, daß eine Hand über die- selbe Schulter mehrmals eine einfach leicht zurückschleudernde Bewegung macht, während der Kopf bei jeder Bewegung einmal schüttelt.„Entschiedenen Unwillen" oder„Entsetzen" drücken beide rückwärts oder auch kreuzweise über die Schulter geworfenen Hände in Verbindung mit scitlichenr Schütteln des Ober- törpers aus. Die Balis pflegen dabei da? verstärkte n'gaia" zu gebrauchen, im Gegensatz zum einfachen„n'gan". Wenn man etwas nicht tun will, zeigt man erst auf sich, schüttelt den Kops und schlenkert bei ausgestrecktem Arni die Finger. Ebenfalls wivd der ablehnende Begriff durch einfaches Zucken der Schulter in Verbindung mit dein Laute„ai" namentlich in der Gegend der Barombi-Station ausge» drückt. Eine andere Ablehnung, entsprechend unserem„damit will ich nichts zu tun haben", ist das wechselnde Ab- streifen der Unterarme, als wenn man sich den Staub von den Armen wischt. Unserem„ihr denkt Wohl" oder „ihr haltet mich tvohl für dumm" entspricht beim Sitzen oder Stehen eine ebenfalls sehr eigentümliche Bewegung. Der Sprechende, der sich gegen den Vorwurf der Dummheit oder gegen eine ihm unverschämt erscheinende Forderung ablehnend in seinen Ausführungen verhalten will, legt bei leicht seitlich geneigtem Haupte den Handrücken der leicht geschlossenen Hand an die untere Backe, während der Oberarm fest am Körper liegt; dies entspricht unserem Stemmen der Arme in die Seiten, was übrigens dem Neger auch bekannt ist. Der Ausdruck der Verwunderung ist vcr- wandt mit diesen Gebärden; der staunende Neger steht nachdenklich da, die Lippen der leicht geschlossenen Faust bei anliegendem Ober. arm mit seitlicher Neigung des Kopfes nähernd. Noch häufiger ist folgendes in Gebrauch: mit der flachen.Hand sanft auf den leicht geöffneten Mund schlagen, wobei Töne wie„ho ho" ausgestoßen werden. Unser Jn-die-Händeklatschen kennt der Neger bei solchen Gcmütsstimmungen auch, dabei ruft er ein staunendes„Hä tui" aus.— Die Entfernung—„weit"— wird ausgedrückt, indem bei ausgestrecktem Arm nach der betreffenden Richtung hin mit dem Finger geknipst wird. Fragt man nach dem Wege, so zeigt man mit dem Zeigefinger nach dem Boden, mit dem Arm alsdann langsam die Richtung des Weges aiH'utciid. Man zeigt auf entfernte Gegenstände mit gekrümmte. Zeigefinger oder mit gekrümmtem Mittelfinger. Aeußerst charw« ristisch für den Schwarzen ist da? Zeigen mit dem Munde. Siyen oder stehen mehrere Neger in ge- mütlichcr Unterhaltung beisammen, so kann man sehr oft sehen, wie jemand, der über eine Sache oder Person spricht und die be« treffende Sache oder Person auch zeigen will, da er anscheinend zu faul ist, die incinandergeschlagenen Arme zu lösen, seinen Kopf nach der entsprechenden Richtung hin dreht und nun wie ein Schimpanse seinen Mund rüsselartig ungemein verlängert. Diesem sonderbaren Wegweiser. pflegen die Zuhörer alsbald zu folgen. Bei den Balis ist ebenfalls eine ganz besondere Art des Zeiacns be- merkenswert, die oft bei den Unterhaltungen in hockender Stellung mit untereinandergeschlagenen Beinen ausgeführt wird: da kann es vorkommen, daß jemand auf etwas zeigt, indem er den Ellbogen auf das Knie stützt und mit dem Zeige- und kleinen Finger nach dem betreffenden Gegenstände hinweist, mit vorgeneigtem Ober- körpcr zwischen den beiden so ausgespreizten Fingern nach dem Gegenstände gleichsam durchvisierend. Auch hat die Bewegung mit- unter nur den Zivcck. den Zuhörer zur vollsten Aufmerksamkeit aufzufordern, indem man die Finger in dieser Weise auf ihn richtet. Die Zornesäußerungen der Schwarzen sind sehr heftig� „Haltet mich oder ich bringe einen um" ist eine auch dem Neger be- kannte Phrase.� Wütend verzieht ein derartiger Held sein Gesicht, er kraust die Stirnc, rollt die Augen, preßt den Mund zusammen oder zieht ihn in die Breite. Dann beißt er sich wütend, ohne sich aber wehe zu tun, auf den gekrümmt zlvischen die Zähne gebrachten Zeigesinger, während ihm der Speichel aus dem Munde läuft. Tarauf scistänkert er mit dem Mittel- und Zeigefinger eine Gebärde, die auch bei großem Seclenschmcrz, bei unangenehmen Vorgängen, wenn der Neger z. B. etvas zerbrochen hat, aber auch aus heiteren Anlässen gemacht wird. Negerwcibcr machen diese Gebärde des Beißens auf den Finger und des Schlenkerns mit den Fingern mertwürdigertveiie nie. Mit einem Holzprügel schlägt der in Zorn Geratene, wütend umherlaufend, auf den Boden, die Bäume und die Strohdächer der Hütten, hütet sich aber immer weislich, einen Menschen zu treffen, und ist meist herzlich froh, wenn man chn wirtlich festhält, ihm die. Waffe entreißt und zu beruhigen sucht, Wirkliche Prügeleien kommen äußerst selten vor. Mit wütend drohender Gebärde, wie eben beschrieben, stehen sich die Streitenden gegenüber und stoßen mit laut kreischender Stimme dabei Schimpf- Worte aus._ Kleines Feuilleton. Die ÄSrpergröße unserer Vorfahren. Die anthropomctrischcn llntdrsuchuiigen menschlicher Skelette verschiedener Völker und Leiten tun den Irrtum der Annahme dar, daß unsere Vorfahren größer waren als wir. Eine Berichtigung dieser Behauptung als Ergebnis wiß'enschaftlichen Forscherfleißes und Scharfsinnes wäre an sich schon interessant, erhält aber erhöhte Bedeutung, weil sie einen Beitrag zur Degencrationsfragc liefert. Die lebenden Rassen werden nach ihrer Durchschnittsgröße in vier Gruppen geteilt. Zu den Großen gehören: die Engländer, die Schotten, die Skandi- navier, die Tehuelchen von Patagonicn, die Guineaneger und die Polynesier, die sämtlich eine Körpergröße von mehr als 1,7 Metern haben. Zu den nächst Kleineren mit 1,6S— 1,70 Meter Größe gehören: die Franzosen, Russen, Deutschen, Belgier und Iren. Eine dritte Gruppe bilden die Hindus, Chinesen, Süditaliencr und Peruaner, die eine durchschnittliche Körpergröße von 1.65 bis 1,60 Metern besitzen. An letzter Stelle stehen u. a. die Malaien «und die Lappen. In der Politisch-Anthropologischen Revue be- «richtet I. Häny-Lux über die nach der vorzüglichen Methode Manouvriers ausgeführten Messungen an Skeletten, die ergeben, daß die Berichte einzelner alter Schriftsteller über Völkerschaften von außerordentlicher Körpergröße auf Täuschungen beruhen müssen; daß jene Durchschnittswerte damals nicht überschritten, fondern im Gegenteil eher nicht erreicht wurden. Der Neander- thalmcusch muß eine Größe von nur 1,6 Meter besessen haben, der Höhlenmensch von Chancclade maß ungefähr ebensoviel, und Messungen an menschlichen Skeletten der späteren Steinzeit ergeben einen Durchschnittswert von zirka 1,65 Meter für die die Männer und 1,5 Meter �ür die Frauen. Messungen an Menschen einer fpatercn Zeit führten zu dem Schluß, daß z. B. die Bewohner Frankreichs in der gallo-romanischen Zeit allerdings etwas größer waren als die heutigen Franzosen, auch soll der Pariser des Mittel- alters seinen Enkel um einen Zentimeter„überragt" haben. Theater. ReileS königliches Operntheater. Ga st spiel der Eleonore Dufe in Rosnrersholm, Drama in vier Akten von I b s e n. Oft ist der Wunsch geäußert, die große Italienerin, die die still bezwingende Macht ihrer Persönlichkeit in den Stücken ihres Lmidsnianiies D Aimunzio und in anderem dramatischen Mittelgut so häufig erwies, nun auch als Fnterpretin reifer Dichterkunst, als Darstellerin von Ibsens tiefgründigen und räthsel- vollen Frauengestalten zu sehen. Laug hat es bis zur Erfüllung gedauert. Bei ihrem vorletzten Berliner Besuche trat die Duse zum erstenmal als Hedda Gabler auf, und uun hat sie den neuen Zyklus ihrer Aufführungen mit Ibsens„RoSmersholm" begonnen. So wundervolle Momente ihr Spiel enthielt, jene mächtige Steigerung des Eindrucks, die wohl viele sich im Gedanken der Ver- einigung der beiden Namen Jk'en und Duse versprochen haben mögen, blieb aus. Je ruher ein Bühnenkunstwerk organisiert ist, um so weniger ver 0 igt es eine Aufführung, in der nur eine einzige Kraft aus schöpferischer Fülle schafft, alle anderen dagegen bestenfalls nur das Niveau gleichgültiger Korrektheit er- reichen. Ein.RosmerSholm" mit einer noch so trefflichen Rebekka und einem nichtssagenden Pfarrer Rosmer kann es zu keiner Illusion, zu keiner dauernd angespauuten Teilnahme, zu keinem sich steigernden Mitempfinden bringen. Das Stück zerbricht in Stücke. Den langen Strecken leerer schauspielerischer Deklamation gegenüber kann sich die Frische der Empfänglichkeit nicht mehr behaupren. Man bewundert die Darstellerin, aber da das Ganze der Dichtung nicht lebendig wird, nicht ausklingt in eine nachhallcnde Gefühlsresonanz. haftet der Bewunderung Kälte an. Unter solchen Umstände» läuft es schließlich auf dasselbe hinaus, ob ein Ibsen oder ein kurzlebiger dramatischer Schlager gespielt wird, ivofern er nur in einer Rolle genügend Raum gibt fiir die Entfaltung genial- schauspielerischer Eigenart. ES kommt hinzu, daß der unendliche psychologische Nüancenreichtum des Jbsenscheu Dialogs für alle, die der fremden Sprache nicht vollkommen mächtig sind, ein verständnisvolles, aus der Erinnerung den Sim: all dieser fein schattierten Wendungen er- gänzendeS Folgen sehr erschwert. Eine Wirkung, wie sie das Werk in deutscher Sprache in der glänzenden überall gleichmäßig durchgebildeten Aufführung des Brahms-EnsembleS er- zielt hat, ließ sich darum von vornherein aus äußeren und inneren Gründen nicht erwarten. Der RoSmer des Herrn Leo Orlandini war ein wohl- genährter Herr mit schwungvollen Jünglingsbewegungen, in seinem ganzen Zuschnitt an einen Bonvi'vant der Bieder- meierzeit gemahnend. Sein altererbtes Patriarchenheiin sah „irnr Verzweifeln nüchtern aus. Die Fenster des Herren- sitzeS wollten absolut nicht schließen, dafür sollte wohl der Komfort einer elektrischen Lampe in der guten Stube ent- schädigen. Seltsam, eine Erscheinung aus einer anderen Welt hob sich gegen die prosaische Umgebung und den erdenfesten„Adels- menschen� die schlanke', hohe, vom malerischen Faltenwurfe des Gewandes umflossene Gestalt der Duse ab, dem Antlitz mit den feinen, schmerzverklärten, jetzt schon ein wenig spitz gewordenen Zügen. Eine Rebekka, in deren edler Stilifierung jeder Nach- klang verbrecherischer Triebe ausgelöscht war. An den Sturm der Leidenschast, von welchem Ibsens Heldin erzählt, an die Läuterung zu gefaßter Resignatton ließ die Darstellung der Duse glauben— nicht aber an die verschlagene weibliche Tücke, mit der Rebekka nach eigenem Geständnis die hülflose Beate in den Tod getrieben. Die Hintergründe dämonischer Ichsucht, in die die Driesch und Rosa Bertens schauen ließen, blieben hier von verschönenden Schleiern umhüllt. Derartiges liegt außerhalb der Grenzen der vornehmlich auf das Schwermütige, Zarte, Edel-Schöne gerichteten Duse- Individualität. Aber im Rahmen dieser ihrer das nicht Wahlverwandte ausmerzenden Auffassungsweise führte sie die Rolle meisterlich durch. Wie sie Rosmer nach dem langen Gespräch mit Kroll gebietend und dann wieder zärtlich zu neuem Arbeitsmute zu entflammen sucht, bei dem Wort der Liebe in seliger Freude erstrahlt und dann eine große zitternde Träne in, Auge vor dem Geliebten, durch den Schatten schwerer Schuld geschieden, zurückweicht— das war ebenso wie die Schlußszene, der Abschied von Rosmer, ihr verlorenes Lächeln, mit dem sie ,hn beim letzten Todesgang als Gefährten willkommen heißt, von seelenvoller Innigkeit. Der Klang der Stimme, das Spiel der Arme und Hände, die großzügig ernste Anmut ihrer Halwng hat von dem alten Zauber noch nichts eingebüßt. Das Publikum bereitete ihr nach den letzten Akten stürmische Ovationen. ckt. Literarisches. Der Dichter Heinrich Seidel ist am Mittwoch in Groß- Lichterfelde gestorben. Ueber ihn schreibt Eduard Engel im 2. Bande seiner kürzlich erschienenen„Geschichte der deutschen Literatur": „Die Fachleute, die über die zeitgenössische Literawr als Kritiker gebieten, haben H. Seidel(geboren am 25. Juli 1842 in Pcrlin, Mecklenburg) schon lange in sein Schubfach gesteckt und darauf geschrieben: liebenswürdiger Humorist. Das ist Seidel auch; aber das allein ist er nicht, sondern ganz einfach emer unserer besten dichterischen Geschichten- erzähler... Seidel selbst erzählt, er sei emer der schlechtesten Schüler des Schweriner Gymnasiums gewesen mtd es habe von ihm geheißen:„Ut em ward nix!" Zunächst wurde aus ihm ein wackerer Eisenbahner: zu der für jene Zeit phantastischen Riesen- Halle des Anhalter Bahnhofes in Berlin hat er die Zeichnungen ge- macht, eine ganze Weile bevor Gottftied Keller— in einem Brief an Storm— von ihm bezeugte, daß er auch als Dichter„waS Rechtes kann und gutgeschriebene kleine Geschichten macht". Zu diesen gutgeschriebenen kleinen Geschichten, die in Sammcl- bänden erschienen sind, gehören u. a.:„Rosenkönig" und„Vorstadt- geschichten". Am meisten Freunde aber erwarb sich„Leberecht Hühnchen", der dann auch in verschiedenen Fortsetzungen erschien. Auch allerlei Geschichten und Schnurren find von Seidel. Er- innenulgen aus seinem Leben bot er unter dem Titel:„Von Perlin nach Berlin". In Summa: ein kleines, beschauliches Talent, das in einer engen Welt sich wohl fiihlt und seine idyllischen Reize zu gestalten weiß. Humoristisches. — Das Beste.„Wissen Sie, was ich gern lesen möchte?" „Gewiß Hohenlohes Memoiren." „Nein, ich möchte das lesen, was Professor Cnrtius darin unterdrückt hat!" — Der Reichsschmied.„Was machst Du, Bater?" „Ich glühe zwei Schwerter. Das eine will ich für Oester- reich führen!" „Und das andere?" „„Wenn Rußland will, gegen Oesterreich."" — Russisches Festspiel. Exz. V. Hülsen: Wenn zur nächsten Taufe ein Großfürst nach Berlin zu Besuch kommt, müßten wir ihm zu Ehren ein Stück aufführen, daß sich ein bißchen russisch macht und ihn heimatlich anmutet. H o f m a r s ch a l l: Nun, dann wäre wohl das beste das Stück aus dem Thalia-Theater:„Wenn die Bombe platzt I' („Lustige Blätter.") Notizen. — Die ständige K u n st a u s fte l l u it g von Fischer u. Franke, Berlin W., Eichhornslr. 5, ist seit dem 1. November d. I. unentgelllich zugängig. Ausgestellt sind die farbigen Wiedergaben nach Gemälden aller Meister sowie an 100 Künstler- Stein- Zeichnungen. Die Ausstellung ist an allen Wochentagen von 10 bis 4 Uhr geöffnet. — Die Wartburg soll von jetzt ab mir noch gegen Entree geöffnet werden. Der Großherzog von Weimar hat die Höfe zu» sperren lassen. Da wird der geduldige Michel wohl noch dankbar sein müsien, wenn er überhaupt hineingelassen wird. — Das neueste auf dein Gebiete des DenkmalsportS ist ein Porzella ndenkmal, das in Roschütz bei Gera errichtet wurde. Es stellt den jetzigen Beherrscher aller Altenburger in Lebensgröße auf einer Porzellansäule vor. »serantlvortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin SW.